Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Weißstörche auf ihrem langen Weg nach Afrika
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- Stell dir ein Dorf vor … mit alten Häusern und breiten Dächern. Rund um das Dorf liegen Wiesen. Der Boden dort ist feucht … und zwischen den Wiesen zieht ein Fluss seine Schleifen. Es ist Morgen … an einem Tag im späten Sommer. Auf dem höchsten der Dächer liegt ein Nest. Es ist aus Zweigen gebaut … es ist breit … und es ist hoch. Ein solches Nest hat einen eigenen Namen. Man nennt es einen Horst. Auf dem Rand des Horstes steht ein großer Vogel. Sein Gefieder ist weiß … nur die langen Schwungfedern an den Flügeln sind schwarz. Der Schnabel ist lang und rötlich … und auch die Beine sind rötlich. Es ist ein Weißstorch. Die Sonne steigt langsam über die Wiesen. Ihr Licht fällt auf die Dächer … auf die Felder … und auf den Weg am Fluss. Das Licht wärmt den Boden. Und der Boden gibt die Wärme an die Luft weiter, die direkt über ihm liegt. Die warme Luft beginnt zu steigen … hinauf über die Dächer. Der Storch breitet seine Flügel aus. Er schlägt ein paar Mal … dann hält er sie weit geöffnet. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Kurz zuvor, als der Storch noch auf dem Horst stand, war ein Geräusch zu hören. Es war kein Ruf und kein Gesang. Es war ein Klappern … hölzern und schnell. Die Stimme des Weißstorchs ist nur schwach ausgeprägt. Er verständigt sich auf eine andere Art. Er verständigt sich durch Klappern mit dem Schnabel. Deshalb hat der Weißstorch noch einen zweiten Namen. Man nennt ihn auch den Klapperstorch. Geklappert wird zur Begrüßung. Kommt der Partner zum Nest zurück, wird er am Nest mit Klappern empfangen. Auch wenn zwei Störche einander umwerben, gehört das Klappern dazu. Dann klappern sie ausgiebig … gemeinsam … und lange. Und wenn ein fremder Storch dem Nest zu nahe kommt, wird ebenfalls geklappert. Dann bedeutet das Klappern … dieser Horst ist schon bewohnt. Wie groß ist so ein Weißstorch. Größer, als man vom Boden aus denkt. Ein Weißstorch ist etwa achtzig bis hundert Zentimeter lang. Wenn er die Flügel ausbreitet, wird er noch viel breiter. Von einer Flügelspitze zur anderen sind es etwa zweihundert bis zweihundertzwanzig Zentimeter … also gut zwei Meter. Dabei ist er erstaunlich leicht. Ein Weißstorch wiegt etwa zweieinhalb bis viereinhalb Kilogramm. Männchen und Weibchen sehen fast gleich aus. Die Männchen haben oft einen etwas längeren Schnabel … aber die Längen überschneiden sich so sehr, dass man daran allein nicht sicher erkennen kann, wer wer ist. So stehen sie oben auf dem Horst … zwei weiße Gestalten mit rötlichen Beinen. Und man sieht ihnen nicht an, wer das Männchen ist. Der Horst ist das Zuhause der Störche … und er ist ein besonderes Bauwerk. Weißstörche nisten an vielen Orten. Auf Felsvorsprüngen … auf Bäumen … auf Gebäuden … und auch auf Strommasten. Ein Storchenpaar bleibt seinem Horst über Jahrzehnte treu. Und der Nestbau wird nie abgeschlossen. Immer wieder kommen neue Zweige dazu … Schicht um Schicht. So wächst der Horst langsam in die Höhe. Er kann eine Höhe von mehreren Metern erreichen … und ein Gewicht von zwei Tonnen. Kein anderer europäischer Vogel betreibt einen so großen Nestbau. Man kann sich den Horst vorstellen wie ein Haus, an dem über viele Jahre weitergebaut wird. Ein Zimmer hier … ein Stockwerk dort … und es wird nie ganz fertig. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Wo lebt der Weißstorch am liebsten. Dort, wo das Land offen ist. Er besiedelt offene und halboffene Landschaften. Das sind Gegenden mit weiten Wiesen … und nur hier und da ein paar Bäumen. Besonders gern hat er es feucht. Er bevorzugt wasserreiche Gegenden … Flussauen … und Grünlandniederungen. Eine Flussaue ist das flache Land entlang eines Flusses. Eine Grünlandniederung ist eine tief gelegene, flache Gegend mit Wiesen und Weiden. Dort ist der Boden weich … und dort findet der Storch, was er zum Leben braucht. Das Brutgebiet des Weißstorchs ist groß. In Europa reicht es von Spanien bis nach Russland. In Vorderasien reicht es von der Türkei bis in den Kaukasus. Und auch in Nordafrika brüten Weißstörche. Stell dir jetzt eine Wiese am Fluss vor. Das Gras steht nicht zu hoch … und der Boden ist noch feucht vom Morgen. Über die Wiese schreitet ein Weißstorch. Langsam setzt er einen Fuß vor den anderen. Er hält den Kopf ein wenig gesenkt … und schaut. Diese Art zu jagen ist sehr typisch für ihn. Man erkennt den Weißstorch daran schon aus weiter Entfernung. Er schreitet auf der Suche nach Beute durch Wiesen und Sumpfland. Und wenn er etwas entdeckt, stößt er mit dem Schnabel schnell nach unten. Dann geht er weiter … Schritt für Schritt … als hätte er alle Zeit der Welt. Manchmal macht er es auch anders. Dann lauert er an einem Mauseloch, mit angewinkelten Beinen … so wie ein Reiher. Er wartet … und wartet … und erst dann stößt er zu. Und in seichten Gewässern zieht er den Schnabel durch das Wasser und sucht darin nach Beute. Was frisst ein Weißstorch. Vor allem kleine Tiere. Regenwürmer … Insekten … Schnecken … Frösche … Mäuse … Fische … Eidechsen. Er ist auf keine Nahrung spezialisiert. Er frisst die Beute, die häufig vorhanden ist. Dafür gibt es ein Fachwort. Man nennt den Weißstorch einen Nahrungsopportunisten. Ein Opportunist ist jemand, der die Gelegenheit nutzt, die sich gerade bietet. Beim Storch heißt das … er frisst, was die Wiese an diesem Tag hergibt. Eine ordentliche Menge braucht er dafür. Ein Weißstorch benötigt täglich etwa ein Siebtel seines Körpergewichts an Nahrung. Bei einem Storch, der dreieinhalb Kilogramm wiegt, sind das ungefähr fünfhundert Gramm. Das gilt für größere Beute, zum Beispiel für Mäuse. Findet er vor allem Regenwürmer oder Insekten, braucht er deutlich mehr davon. Im Norden von Deutschland liegt im Meer eine Insel. Sie heißt Föhr. Rund um die Insel liegt das Wattenmeer … eine weite, flache Küste, die bei Ebbe trockenfällt. Die Weißstörche auf Föhr ernähren sich auch aus dem Wattenmeer. Sie schreiten über den nassen Boden … und fressen dabei Krabben und Fische. Stell dir das vor … ein Storch am Meer. Vor ihm das glänzende Watt … und über ihm der weite Himmel des Nordens. Auch dort gilt dasselbe wie auf der Wiese am Fluss. Der Storch nimmt, was da ist. Und im Watt sind das eben Krabben. Kehren wir zurück zum Horst auf dem Dach. Die Brutzeit der Weißstörche erstreckt sich von Anfang April bis Anfang August. Im Frühjahr kommt zuerst das Männchen an. Das früher ankommende Männchen wählt den Platz für das Nest. Dabei achtet es auf die Umgebung. Im Umkreis von rund drei bis fünf Kilometern müssen sich ausreichend große Flächen finden, auf denen es Nahrung gibt. Also Wiesen und feuchtes Land … all das, worauf ein Storch jagen kann. Früher gab es Dörfer, in denen sehr viele Störche nebeneinander wohnten. Auf einem einzigen Hausdach konnten bis zu fünf Horste stehen. Und in einem Dorf gab es manchmal mehr als fünfzig Nester. Solche Orte nennt man Storchenkolonien. Wenn der Horst bereit ist, legt das Weibchen die Eier. Ein Gelege besteht aus zwei bis acht Eiern. Im Durchschnitt sind es knapp vier. Die Eier sind weiß … mit einer feinen Körnung. Und sie sind doppelt so groß wie ein Hühnerei. Dann beginnt das Brüten. Beide Partner teilen sich diese Arbeit. Einer sitzt auf den Eiern … der andere ist unterwegs … und dann wechseln sie sich ab. So geht das dreißig bis zweiunddreißig Tage lang. Danach schlüpfen die Jungen. Im Durchschnitt sind es knapp drei. Und dann beginnt die Nestlingszeit. Das ist die Zeit, in der die Jungen im Nest bleiben. Sie dauert zwischen achtundfünfzig und vierundsechzig Tagen … also ungefähr zwei Monate. In dieser Zeit sind die Eltern viel unterwegs. Für den ganz jungen Nachwuchs suchen sie gezielt nach kleiner Nahrung … nach Regenwürmern … nach Insekten … und nach kleinen Fröschen. Die Jungen wachsen … und aus dem Nest schauen bald mehrere Köpfe heraus. Oben auf dem Dach wird es eng. Aber der Horst ist groß … und er trägt sie alle. Ein Weißstorch wird im Alter von etwa vier Jahren geschlechtsreif. Erst dann brütet er selbst. Und er kann alt werden. Ein Weißstorch kann ein Alter von über fünfunddreißig Jahren erreichen. Fünfunddreißig Jahre … das sind viele Sommer auf einem Dach … und viele lange Reisen dazwischen. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Weißstörche brüten nicht nur in Deutschland. Auch in Österreich und in der Schweiz stehen ihre Horste. In Österreich finden sich die größten Brutbestände im Burgenland … und im Marchfeld, entlang der Donau. Im Marchfeld kehren die Störche wieder auf Nistplätze auf Bäumen zurück … in freier Natur. Zum Beispiel in Marchegg. Dort stehen die Horste nicht auf Dächern, sondern auf den Bäumen. Im Burgenland ist es anders. Dort gehören die Nester auf den Hausdächern zum Ortsbild vieler Orte. Einer dieser Orte ist die Stadt Rust. Im Jahr zweitausendacht gab es dort sechzehn Storchenpaare … mit insgesamt achtunddreißig Jungen. Stell dir die Dächer von Rust vor … auf vielen von ihnen ein Horst … und auf jedem Horst ein weißer Vogel, der klappert. Und in der Schweiz. Auch dort brüten Weißstörche … und es sind heute viele. Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig waren es eintausendsechsundsiebzig Paare. Um das Jahr neunzehnhundert waren es etwa hundertvierzig Brutpaare. Heute sind es also viel mehr als damals. Ein Mann hat viel dafür getan, dass die Störche in der Schweiz wieder heimisch wurden. Man kennt ihn bis heute unter einem schönen Beinamen … der Storchenvater. Manche Störche in der Schweiz machen etwas Besonderes. Sie bleiben im Winter da. Im Jahr zweitausenddreiundzwanzig waren es ungefähr sechshundertfünfzig Störche … etwa ein Drittel aller Störche im Land. Besonders in der Region Basel ist ihr Anteil hoch … weil die Winter dort relativ mild sind. Weiter im Osten liegt ein Land, das als das Land der Störche gilt. Es ist Polen. Im Jahr zweitausendvier zählte man dort ungefähr zweiundfünfzigtausendfünfhundert Storchenpaare. Das entspricht ungefähr einem Viertel aller Weißstörche auf der Welt. Besonders in Masuren, im Nordosten von Polen, haben die Störche gute Lebensbedingungen. Und auch weltweit sind es heute viele. Man schätzt den Weltbestand auf etwa zweihundertdreißigtausend Paare. Die Weltnaturschutzunion stuft den Weißstorch deshalb als nicht gefährdet ein. In Deutschland war der Weißstorch zweimal Vogel des Jahres. Einmal im Jahr neunzehnhundertvierundachtzig … und noch einmal im Jahr neunzehnhundertvierundneunzig. Aber die meisten Weißstörche bleiben nicht über den Winter. Sie gehen auf die Reise. Der Weißstorch ist ein Zugvogel. Ein Zugvogel ist ein Vogel, der die verschiedenen Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten verbringt. Den Sommer verbringt der Weißstorch in seinem Brutquartier … also dort, wo sein Horst steht. Den Winter verbringt er in seinem Winterquartier. Das liegt in Afrika … südlich der Sahara. Diese weite Strecke legt er meistens jedes Jahr zurück. Hin im Spätsommer … und zurück im Frühjahr. Und er ist dabei nicht allein. Zwischen Europa und Afrika sind jedes Jahr schätzungsweise fünf Milliarden Zugvögel unterwegs. Fünf Milliarden … diese Zahl muss man sich nicht vorstellen. Es genügt zu wissen, dass viele unterwegs sind. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Wann beginnt die Reise. Meistens Mitte bis Ende August. Dann ist der Sommer noch warm … und die Wiesen um das Dorf sind noch grün. Das Besondere ist die Reihenfolge. Zuerst brechen die jungen Störche auf. Die Jungstörche starten ein bis zwei Wochen früher als die Altvögel. Die Jungen, die vor wenigen Wochen noch im Nest saßen, fliegen jetzt als Erste los … nach Süden. Die Altvögel bleiben noch ein wenig. Dann folgen auch sie. Und irgendwann ist der Horst auf dem Dach leer. Die Zweige liegen da, Schicht um Schicht … und warten auf das nächste Frühjahr. Das Dorf verbringt den Winter ohne seine Störche. Aber der Horst bleibt stehen. Woher weiß ein junger Storch, wohin er fliegen soll. Bei Zugvögeln hat man dazu etwas herausgefunden. Ob ein Zugvogel zieht … wohin er zieht … und wann bei ihm die Unruhe zum Aufbruch einsetzt … das ist in seinen Erbanlagen festgelegt. Die Flugrichtung ist angeboren … und auch die Flugdauer. Für den Weg selbst haben Zugvögel verschiedene Hilfen. Sie haben eine Art inneren Kompass. Man vermutet, dass er auf einem Magnetsinn beruht. Der Magnetsinn ist die Fähigkeit, das Magnetfeld der Erde wahrzunehmen. Außerdem orientieren sich Zugvögel am Stand der Sonne. Und sie orientieren sich an Landmarken. Meistens nutzen sie mehrere dieser Hilfen gleichzeitig. Ein Kompass im Inneren … die Sonne am Himmel … und das Land unten. Der Weißstorch ist ein Segelflieger. Das bedeutet … er legt seinen Weg nicht mit ständigem Flügelschlagen zurück. Er nutzt zum Zug warme Aufwinde. Diese warmen Aufwinde haben einen eigenen Namen. Man nennt sie Thermik. Thermik entsteht so. Die Sonne scheint auf die Erde und erwärmt die Erdoberfläche. Die warme Erdoberfläche erwärmt dann die Luft, die direkt darüber liegt … die Luft in Bodennähe. Diese warme Luft steigt in größere Höhen. Und gleichzeitig kommt kühlere Luft aus mehreren hundert Metern Höhe herunter zum Boden. Es ist ein langsamer Austausch. Warme Luft nach oben … kühle Luft nach unten … im Verlauf des Tages. Dieser Austausch hat ein Fachwort. Er heißt Konvektion. Stell dir eine Wiese vor, über der die Sonne steht. Über dem Boden erwärmt sich eine Schicht aus Luft. Sie wächst langsam. An einer Stelle bildet sich in dieser warmen Schicht eine Beule. Dort sammelt sich die warme Luft. Sie drängt nach oben. Und wenn genug warme Luft beisammen ist, beginnt ein ganzes Paket aus Luft emporzusteigen. Manchmal ist es auch ein beständiger Strom. Dann strömt am Boden immer neue Luft nach, wird warm und steigt auf. Das nennt man einen Thermikschlauch. Darin ist das Steigen nahezu gleichmäßig. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Man kann Thermik manchmal sehen. Nicht die warme Luft selbst … aber das, was sie hoch oben bewirkt. Die aufsteigende Luft kühlt sich beim Steigen ab. Und irgendwann können aus ihr Wolken entstehen. Es sind Haufenwolken, weiß und rund. Die Fachleute nennen sie Cumuluswolken. Cumuluswolken sind ein sichtbares Anzeichen für Thermik. Manchmal ist die Luft aber zu trocken. Dann bildet sich keine Wolke … und der Himmel bleibt wolkenlos und blau. Auch dafür gibt es ein Wort. Man nennt es Blauthermik. Blauthermik erkennt man nur an dem, was mit ihr aufsteigt. An Pollen … an Staub … oder an kreisenden Vögeln. Ein Weißstorch, der in weiten Kreisen höher und höher steigt … zeigt dir, wo die warme Luft ist. Die warme Luft hat ihre Wege. Oft fließt sie an einem Hang entlang nach oben … bis zu einer Kante. Das kann ein Knick im Gelände sein … oder eine Stelle, an der sich der Boden verändert. Diese Stelle heißt Abrisskante. Dort trennt sich das warme Luftpaket vom Boden … und steigt auf wie eine große Seifenblase. Im Flachland hilft leichter Wind dabei. Er sorgt dafür, dass sich die warme Luft an Geländekanten oder an Waldrändern vom Boden löst. Die Segelflieger schätzen einen solchen Aufwind. Sie nennen ihn einen Bart. Und auch Bergsteiger kennen ihn. Beim Abstieg am Nachmittag spüren sie ihn oft als warmen Gegenwind aus dem Tal. Irgendwann endet ein Aufwind. Das geschieht, wenn vom Boden keine warme Luft mehr nachströmt. Dann dauert es eine Weile, bis die Sonne wieder genug warme Luft entstehen lässt. Und dann steigt die warme Luft wieder auf … an derselben Stelle. Wenn das so immer wiederkehrt, spricht man von pulsierender Thermik. Aufsteigen … Pause … und wieder aufsteigen. Große und schwere Vögel nutzen genau das. Sie lassen sich von der aufgeheizten Luft nach oben tragen … und segeln dann in die Richtung, in die sie ziehen. Oben angekommen, gleitet der Storch weiter … bis er den nächsten Aufwind findet. Steigen … gleiten … und wieder steigen. So kommt er voran. Große und schwere Vögel bevorzugen deshalb den Flug am Tag … und über Land. Am Tag scheint die Sonne. Und über dem Land wird der Boden warm. Über dem Wasser ist das anders. Über dem Wasser entsteht keine Thermik. Deshalb umfliegt der Weißstorch in der Regel das Mittelmeer, um nach Afrika zu gelangen. Nur in Ausnahmefällen überwindet er auch große Wasserflächen. Dann muss er mit den Flügeln schlagen. Das nennt man Schlagflug. Aber meistens bleibt er über dem Land. Dort, wo die Sonne die Erde wärmt. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Um das Mittelmeer herum gibt es zwei große Wege. Die einen Störche fliegen nach Westen. Man nennt sie die Weststörche. Sie fliegen bei Gibraltar über das Mittelmeer. Den Winter verbringen sie in Westafrika, vom Senegal bis zum Tschadsee. Die anderen fliegen nach Osten. Man nennt sie die Oststörche. Die Grenze zwischen beiden Gruppen heißt Zugscheide. Sie verläuft quer durch Deutschland … etwa vom Nordrand der Alpen bis nach Osnabrück … und weiter bis in die Niederlande. Die meisten Weißstörche, die in Brandenburg und in Osteuropa nisten, gehören zu den Oststörchen. Es gibt auch viele Mischformen zwischen den beiden Wegen. Und nur wenige Störche nehmen den mittleren Weg über Italien nach Tunesien. Wir folgen jetzt den Oststörchen. Ihr Weg ist lang … und er führt über viel Land. Der Weg der Oststörche führt über die Türkei. Dort kommen sie an den Bosporus. Der Bosporus ist eine Meerenge … eine schmale Stelle, an der sich zwei Ufer nahe kommen. Auf der einen Seite liegt Europa … auf der anderen Seite liegt Asien. Stell dir vor, wie die weißen Vögel dort über das schmale Wasser gleiten … hoch oben … mit weit ausgebreiteten Flügeln. Der Bosporus ist eine der ausdrücklich genannten Stationen auf dem Weg der Oststörche. Von hier aus geht es weiter nach Süden. Tag für Tag … Aufwind für Aufwind. Der nächste Abschnitt des Weges führt durch das Jordantal. Ein Tal ist eine lange Senke zwischen Hügeln oder Bergen. Durch das Jordantal fließt der Jordan. Stell dir vor, wie die Sonne am Morgen über die Hänge des Tals steigt. Die Hänge werden warm … und an ihnen fließt die warme Luft nach oben. Die Störche kreisen in dieser Luft. Sie steigen … sie gleiten … und sie folgen dem Tal nach Süden. Auf diesem Weg verbindet das Jordantal den Bosporus mit der Sinaihalbinsel. Es ist ein langer Weg über Land … und über diesem Land gibt es Thermik. Dann kommen die Störche zur Sinaihalbinsel. Eine Halbinsel ist ein Stück Land, das an drei Seiten von Wasser umgeben ist. Die Sinaihalbinsel ist der Übergang. Über sie gelangen die Oststörche nach Afrika. Stell dir das weite Land dort vor … trocken … hell … und von der Sonne gewärmt. Über warmem Land steigt warme Luft auf. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Hinter der Sinaihalbinsel liegt Afrika. Hier beginnt der zweite große Teil der Reise. In Afrika folgen die Störche dem Nil. Sie ziehen das Niltal hinauf. Das heißt, sie folgen dem Fluss flussaufwärts … nach Süden. Stell dir das Niltal vor. In der Mitte fließt der breite Fluss … und links und rechts davon liegt das Land. Über dem Wasser des Flusses entsteht keine Thermik. Aber über dem Land an seinen Seiten wird die Luft warm. Und so ziehen die Störche weiter … Tag für Tag … immer entlang des Flusses. Das Niltal führt sie bis in den Sudan. Der Sudan ist ein Land im Nordosten von Afrika. Er ist das Ziel dieses Abschnitts. Von dort geht der Zug weiter … in Richtung Ostafrika. Die Winterquartiere der Oststörche befinden sich in Ost- bis Südafrika. Dort verbringen sie die Monate, in denen es bei uns kalt ist. Wie weit ist dieser Weg. Das weiß man ziemlich genau. Weißstörche, die in Deutschland beringt wurden, hat man später an anderen Orten wiedergefunden. Diese Ringfunde belegen eine Zugdistanz von etwa zehntausend Kilometern. Zehntausend Kilometer … und zwar für jede Richtung. Einmal zehntausend Kilometer nach Süden. Und im Frühjahr wieder zehntausend Kilometer zurück. Für die Störche, die am weitesten im Norden brüten, nimmt man sogar noch mehr an. Hin und zurück sollen es bei ihnen insgesamt bis zu dreißigtausend Kilometer sein. Woher weiß man das alles. Durch kleine Ringe. Diese Methode heißt Vogelberingung. Dabei bekommt ein Vogel einen Ring aus Metall oder aus Kunststoff. Der Ring sitzt meistens an einem der Laufknochen, oberhalb der Zehen. Er ist sehr leicht … und er beeinträchtigt seinen Träger in der Regel nicht. Auf dem Ring stehen eine eigene Nummer … und die Stelle, die für die Beringung zuständig ist. Bei Störchen verwendet man oft Ringe mit großen Zahlen. Die kann man mit einem Fernglas ablesen … aus der Ferne. Wer einen solchen Ring abliest, teilt die Nummer, den Ort und die Zeit einer Beringungszentrale mit. Aus vielen solchen Meldungen setzt sich dann ein Bild zusammen. Ein Punkt hier … ein Punkt dort … und am Ende sieht man den Weg. Diese Methode ist schon mehr als hundert Jahre alt. Ein Mann aus Dänemark hat ab dem Jahr achtzehnhundertneunundneunzig als Erster in größerem Umfang Vögel wissenschaftlich beringt. Das Verfahren zeigte bald seinen Nutzen … und man übernahm es in ganz Europa. Man benutzte damals Ringe aus Aluminium, in vielen verschiedenen Größen. Auf jedem Ring stand eine fortlaufende Nummer … und der Name der Vogelwarte. Eine Vogelwarte ist eine Forschungsstelle, die Vögel beobachtet und untersucht. Viele freiwillige Helfer unterstützten diese Arbeit. Sie beringten erwachsene Vögel … und Junge im Nest. Jeder Ring ist wie ein kleiner Brief, den man auf die Reise schickt. Und manchmal kommt eine Antwort zurück … von einem Ort, der zehntausend Kilometer entfernt liegt. Der Weißstorch hat viele Namen … und über ihn werden viele Geschichten erzählt. Im Volksmund heißt der Storch auch Adebar. Ein schöner Name. In der bekannten deutschen Fabel Reineke Fuchs heißt der Storch Bartolt. Nach deutscher Überlieferung bringt der Klapperstorch die Babys zu ihren Eltern … in einem Korb. Und damit er kommt, legte man Süßigkeiten für ihn auf das Fensterbrett. Diese Geschichte hat sich weit verbreitet … bis nach Südamerika und bis zu den Philippinen. Vielerorts gilt der Weißstorch auch als Glücksbringer. Und in Teilen von Thüringen und Unterfranken übernahm früher sogar der Storch die Aufgaben des Osterhasen. In manchen Gegenden wird dieser Brauch noch heute gepflegt. Auch in einem sehr alten Buch wird der Storch erwähnt … in der Bibel. Viele Oststörche ziehen über den Nahen Osten nach Afrika. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man sie dort kannte. An einer Stelle der Bibel heißt es, dass sich Störche auf hohen Bäumen niederlassen. Und an einer anderen Stelle heißt es, dass der Storch seine Zeiten genau kennt. Die Zeit, wann er fortfliegt … und die Zeit, wann er wiederkommt. Das ist ein schöner Gedanke. Schon vor sehr langer Zeit haben Menschen bemerkt, dass der Storch einem festen Rhythmus folgt. Auch heute begegnet man dem Storch an unerwarteten Orten. Auf den slowenischen Euromünzen zu einem Cent ist ein Storch abgebildet. Und es gibt eine portugiesische Fähre, die nach dem Weißstorch benannt ist. Sie heißt Cegonha Branca. Aber zurück zur Reise. Den Winter verbringen die Oststörche im Osten und Süden von Afrika. Dann, Mitte Februar, beginnt in Afrika der Rückflug. Der Weg führt wieder nach Norden … über das Land. Wieder suchen die Störche die Aufwinde über dem warmen Boden. Wieder steigen sie … und gleiten … und steigen. Die Rückkehr in die Brutgebiete erfolgt meist Anfang März bis Anfang April. Die Weststörche sind im Frühjahr eher in den Brutgebieten zurück als die Oststörche. Und dann steht eines Tages wieder ein weißer Vogel auf dem Horst im Dorf. Meistens ist es zuerst das Männchen. Es kommt früher an … und wählt den Platz für das Nest. Stell dir den Horst im Frühling vor. Die Wiesen um das Dorf werden wieder grün … und der Boden ist feucht. Oben auf dem Dach steht der Storch. Er hat einen langen Weg hinter sich. Dann kommt ein zweiter Storch geflogen. Er landet auf dem Rand des Horstes. Und dann hörst du es wieder … das Klappern. Die Begrüßung am Nest. Neue Zweige kommen dazu. Der Horst wächst wieder ein kleines Stück. Im April beginnt die Brutzeit. Und alles fängt von vorne an. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Das ist der Rhythmus des Weißstorchs. Im Frühjahr kommt er … im Sommer brütet er … im Spätsommer geht er. Und im Winter ist er weit fort, in Afrika. Er kommt. Und er geht. Er kommt wieder. Und er geht wieder. Jahr für Jahr. Und der Horst auf dem Dach wird dabei immer ein wenig höher. Stell dir noch einmal das Dorf vor … mit seinen alten Häusern und breiten Dächern. Es ist jetzt Abend geworden. Die Sonne steht tief … und die Wiesen am Fluss liegen im letzten Licht. Oben auf dem Horst stehen zwei Störche. Einer klappert kurz. Dann ist es wieder still. Die Luft über den Wiesen wird kühler. Die Aufwinde werden schwächer … und die Störche bleiben auf dem Horst. Die warme Luft steigt. Und der Storch lässt sich tragen. Weit im Süden liegt das Niltal. Noch weiter liegt Ostafrika … und dazwischen ein langer Weg über Land. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Reisen. Jetzt ist Abend. Der Horst ist groß … und er trägt. Die warme Luft steigt … und der Storch lässt sich tragen. Und auch du darfst dich jetzt tragen lassen. Und du darfst jetzt schlafen. Der Storch steht auf seinem Horst … und das Dorf liegt dunkel unter ihm. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.