Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Wie Luftschiffe ruhig über Wiesen und Landschaften schweben
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- Stell dir eine Wiese vor … weit und flach … am Rand einer Stadt. Der Boden ist kurz gemähtes Gras … fest getreten … und dazwischen laufen ein paar Wege aus Kies. Es ist früher Morgen geworden. Die Luft ist noch kühl. Sie steht fast still. Über der Stadt liegt noch kein Lärm. Du brauchst jetzt nichts zu tun. Du darfst einfach zusehen. Über dem Gras steht ein Schiff. Ein langer, heller Körper … größer als jedes Haus am Rand der Wiese. Kein Wasser darunter … nur Luft. Und es rührt sich fast nicht. Es wartet. Ganz geduldig. Atme ruhig ein. Und atme ruhig wieder aus. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Ein Luftschiff ist ein Luftfahrzeug, das man lenken kann. Es hat einen eigenen Antrieb … und es braucht keine Tragflächen, um oben zu bleiben. Sein Auftrieb kommt aus dem Inneren des großen Körpers. Nicht aus Flügeln. Nicht aus Geschwindigkeit. Aus dem Inneren. Dort liegt ein Gas. Die Fachleute nennen es das Traggas. Dieses Gas ist leichter als die Luft ringsum. Viel leichter. Und genau das ist der ganze Unterschied. Und deshalb trägt die Luft den ganzen Körper … samt allem, was darunter hängt. Mehr Geheimnis steckt nicht darin. Ein leichtes Gas innen. Schwerere Luft außen. Mehr braucht es nicht. Kein Trick. Keine Anstrengung. Nur ein Unterschied im Gewicht. Das Schiff wird gehalten … so wie ein Boot vom Wasser gehalten wird. Es fällt nicht. Es liegt auf. So ruhig, wie ein Boot am Morgen auf dem Wasser liegt. In der Fachsprache sagt man deshalb nicht fliegen. Man sagt fahren. Ein Luftschiff fährt … ähnlich wie ein U-Boot im Wasser fährt. Das ist keine Marotte und kein alter Zopf. Es beschreibt genau, was da geschieht. Das Schiff schwimmt in einem Stoff, der es hält. Der Stoff heißt Luft. Man sieht ihn nicht, und er trägt trotzdem. Es kämpft nicht gegen die Luft. Es liegt in ihr. Vielleicht magst du dieses Wort einen Moment mitdenken. Fahren. Es ist ein langsames Wort. Es passt gut zu diesem Abend. Niemand eilt hier. Auch das Schiff nicht. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Als Traggas nimmt man heute Helium. Helium brennt nicht. Das ist der Grund … und es ist ein guter Grund. Ein Gas, das nicht brennt, macht eine ruhige Fahrt. Früher füllte man Wasserstoff ein, und Wasserstoff ist brennbar. Heute wählt man lieber das Gas, bei dem nichts passieren kann. Helium ist teurer als Wasserstoff. Und bei gleichem Volumen ist es etwa doppelt so schwer. Trotzdem ist es immer noch viel leichter als Luft … und nur darauf kommt es an. Entscheidend ist nämlich ein Unterschied. Der Unterschied zwischen der Dichte des Traggases und der Dichte der Luft. Dichte heißt: wie viel Gewicht in einem bestimmten Raum steckt. Ein voller Koffer und ein leerer Koffer. Gleicher Raum, anderes Gewicht. Ist im Körper weniger Gewicht als in der gleichen Menge Luft … dann steigt er. Das ist der ganze Gedanke. Er ist einfach, und er bleibt einfach. Weniger Gewicht im gleichen Raum. Mehr muss man sich nicht merken. Wasserstoff trägt dabei etwa acht Prozent mehr als Helium. Acht Prozent. Das ist der ganze Vorsprung … und er wiegt die Brennbarkeit nicht auf. Also nimmt man heute das Gas, das nicht brennt. Und lässt die acht Prozent ziehen. Von außen sieht so ein Schiff einfach aus. Ein großer, glatter Körper … vorn rund … hinten schlank. Den größten Teil dieses Körpers füllt das Traggas. Darunter hängt eine Gondel. Manchmal sind es auch mehrere. In der Gondel sitzt die Besatzung. Dort ist Platz für Passagiere … und für Fracht. Ein kleiner Raum, der unter einem sehr großen Körper hängt. Bei einigen großen Luftschiffen lag dieser Platz sogar im Auftriebskörper selbst. Räume für Menschen, mitten im Schiff. Das muss sehr still gewesen sein. Am Heck sitzen die Leitwerke. Das sind die Flächen, mit denen gesteuert wird. Sie stehen ruhig im Fahrtwind und halten das Schiff auf Kurs. Und irgendwo am Körper hängen die Triebwerke … mit ihren Luftschrauben. Sie geben den Vortrieb. Die Leitwerke geben die Richtung. Mehr Teile braucht ein Luftschiff nicht. Ein Körper. Eine Gondel. Leitwerke. Und Triebwerke. Du kannst sie der Reihe nach vor dir sehen … ganz ohne Eile. Ein so großer Körper hat viel Luftwiderstand. Darum sind Luftschiffe langsam. Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund einhundert bis einhundertfünfzig Kilometern in der Stunde. Für ein Fluggerät ist das nicht viel. Und genau das ist der Reiz. Auch nach oben ist eine Grenze gesetzt. Je höher das Schiff steigt, desto weiter dehnt sich das Traggas aus. Der Körper kann sich aber nicht unbegrenzt ausdehnen. Darum bleibt die Fahrt gewöhnlich unter zweitausend bis dreitausend Metern. Das klingt nach wenig. Für den Blick aus dem Fenster ist es genau richtig. Denn aus dieser Höhe sieht man noch die einzelnen Dächer … und die einzelnen Bäume. Man sieht ein Land, und keine Landkarte. Das ist der ganze Unterschied. Und es ist ein schöner Unterschied. Ein Luftschiff kann etwas, das andere Fluggeräte nicht können. Es fährt ruhig … und fast ohne Vibration. Es verbraucht dabei wenig Kraftstoff … und es bleibt sehr lange in der Luft. Es muss sich ja nicht oben halten. Es ist schon oben. Es kann stundenlang über einem einzigen Gebiet verweilen. Stundenlang. Über einem einzigen Fleck. Und dabei bleibt es die ganze Zeit ruhig. Und wenn es sein soll … drosselt es die Geschwindigkeit bis zum Stillstand. Bis zum Stillstand. Und es fällt trotzdem nicht. Stell dir das einen Moment lang vor. Ein Schiff, das über einer Landschaft einfach stehen bleibt. Kein Ziel für die nächste Stunde. Kein Grund, weiterzueilen. Nur Luft ringsum, und ein wenig Zeit. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Aus diesen Eigenschaften folgt fast von selbst, wofür man Luftschiffe nutzt. Das Erste ist die Rundfahrt. Schon seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts boten Luftschiffe diese Attraktion an … als erste motorisierte Luftfahrzeuge überhaupt. Vor allen Flugzeugen. Das darf man ruhig zweimal hören. Der ruhige Flug erlaubt auch Menschen den Blick von oben, die sonst nie fliegen. Ein Blick von oben, ganz ohne Hast. Die geringe Geschwindigkeit hilft dabei. Die geringe Flughöhe hilft auch. Nichts rauscht vorbei. Alles zieht vorbei. Und bei vielen Luftschiffen lassen sich die Fenster öffnen. Ein offenes Fenster in der Höhe … und darunter zieht langsam ein Land vorbei. Dazu der Wind an der Hand. Das ist alles. Es muss auch nicht mehr sein. Eine Runde, ein offenes Fenster, ein wenig Wind. Und Zeit genug, um wirklich hinzusehen. Das Zweite ist die Werbung am Himmel. Mit ihren riesigen Auftriebskörpern sind Luftschiffe ein Blickfang, den man kaum übersehen kann. Schon neunzehnhundertsechs warf man nachts mit einem Projektor Bilder auf die Unterseite einer Hülle. Ein Bild am Nachthimmel. Damals war das etwas ganz Neues. Später gestaltete man die Hüllen mit großen Schriftzügen. Ein Schriftzug, so lang wie das ganze Schiff. Heute tragen viele Luftschiffe eine Fläche aus Leuchtelementen. Sie leuchtet still über den Dächern, und niemand hört sie. Damit zeichnen sie Grafiken und Texte an den Himmel. Manche werfen sogar bewegte Bilder von innen gegen die durchsichtige Hülle. Ein leuchtender Körper über einer Stadt … langsam … und ohne Lärm. Man hat Menschen danach gefragt, und die Antworten waren freundlich. Neun von zehn Befragten kannten diese Werbung … und mehr als acht von zehn fanden sie angenehm. Angenehm. Das ist ein seltenes Wort für Werbung. Vielleicht liegt es daran, dass alles so langsam vorbeizieht. Es gibt noch stillere Aufgaben. Luftschiffe tragen Geräte für Forschung und für die Erkundung des Bodens. Ein kleines Elektroluftschiff war bei der Erforschung des Regenwaldes im Einsatz. Leise über den Bäumen. Genau dafür ist so ein Schiff gemacht. Und es gibt Luftschiffe ohne Besatzung. Kleine, ferngesteuerte Modelle schweben als Werbeträger durch Ausstellungshallen oder über Veranstaltungen im Freien. Größere unbemannte Schiffe tragen Kameras für Luftbilder. Sie ziehen ihre Bahn, und unten wird es davon nicht lauter. Sie können auch andere Messgeräte mitnehmen. Immer geht es um dasselbe. Ruhig über einem Ort bleiben … und in Ruhe hinsehen. Hinsehen, ohne zu hetzen. Das können diese Schiffe besonders gut. Wenn man genauer hinschaut, unterscheidet man drei Bauweisen. Die häufigste ist das Prallluftschiff. Man nennt es auch Blimp. Ein weiches Wort für ein weiches Schiff. Es hat kein Gerüst im Inneren. Seine Form entsteht allein durch einen Überdruck in der Hülle. Das Gas drückt von innen … und die Hülle bleibt straff. So wie bei einem Ballon, den man eben aufgeblasen hat. Gondel und Leitwerk sind direkt an dieser Hülle befestigt. Das ist eine leichte Bauweise. Und eine sehr einfache. Keine Träger. Keine Streben. Nur Hülle und Druck. Lässt der Druck nach, verliert das Schiff seine Form. Die zweite Bauweise ist das halbstarre Luftschiff. An der Unterseite der Hülle liegt hier eine zusätzliche Tragstruktur. Oft ist das ein Kielgerüst … ein langer Träger, der sich unter dem Körper entlangzieht. An diesem Kielgerüst hängen die Motoren. Und die Gondel. Und das Leitwerk. Alles Schwere hängt also an einem einzigen langen Träger. Die Hülle selbst wird weiterhin vom Innendruck des Traggases in Form gehalten. Halb starr also. Daher der Name. Ein Träger unten. Und Gas im Inneren. Zwei einfache Dinge, die zusammen die Form halten. Die dritte Bauweise ist das Starrluftschiff. Es hat ein inneres Gerüst mit einem Kielsteg, also einem langen Träger an der Unterseite, und manchmal mit einem weiteren Träger entlang der Mitte. Dieses Gerüst gibt die Form des Schiffskörpers vor. Die Hülle spannt sich darüber wie eine Haut. Innen das Gerüst. Außen die Haut. Und dazwischen das Traggas. Alle Teile sind am Gerüst befestigt. Solche Schiffe konnten sehr groß werden … größer als alle anderen Bauarten. Denn ein Gerüst trägt sich selbst. Es braucht keinen Druck von innen. Die bekannten Zeppeline gehören in diese Gruppe. Drei Bauweisen also. Ohne Gerüst. Mit einem Träger unten. Und mit einem ganzen Gerüst im Inneren. Dann gibt es noch eine leise Verwandtschaft. Das Heißluft-Luftschiff. Sein Traggas ist einfach warme Luft … so wie beim Heißluftballon. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden die ersten davon. Also spät. Lange nach den ersten Luftschiffen. Sie sind klein … und sie lassen sich mit einem Fahrzeug transportieren. Ihre Hülle kann man zusammenfalten. Am Abend ein Schiff. Am Morgen ein Bündel Stoff auf einem Anhänger. Sie brauchen praktisch keine Infrastruktur … keine Halle, keinen festen Platz. Eine Wiese genügt ihnen. Und ein ruhiger Morgen. Und beim Abbauen geht kein teures Helium verloren, denn ihre Hülle enthält nur warme Luft. Dafür sind sie reine Schönwetterfluggeräte. Bei Wind bleiben sie am Boden. Dann warten sie einfach ab. Auch das ist eine ruhige Art, mit dem Wetter umzugehen. Der Antrieb ist über all die Jahre erstaunlich bodenständig geblieben. Meistens sind es Benzin-Flugmotoren mit Luftschrauben. Nichts Besonderes also. Bewährte Technik, mehr nicht. Einzelne Schiffe hatten Dieselmotoren … die haben einen besseren Wirkungsgrad. Aber die meisten blieben beim Benzinmotor. Er war leichter zu haben. Und ganz am Anfang, in den achtzehnhundertachtziger Jahren, gab es Elektroantriebe. Damals einfach deshalb, weil es noch keine leistungsfähigen Verbrennungsmotoren gab. Man nahm also, was da war. Und so drehte sich am Anfang alles ganz leise. Heute kommen Elektroantriebe wieder … bei Solarluftschiffen und bei unbemannten Höhenplattformen. Ein Problem ist geblieben. Die Energiespeicher sind schwer. Und Gewicht ist bei einem Luftschiff immer die erste Frage. Jedes Kilogramm will getragen werden. Vom Gas im Körper, und von der Luft ringsum. Moderne Luftschiffe lassen im Betrieb kein Helium ab, weil Helium teuer ist. Darum sind sie meist ein klein wenig schwerer als die Luft. Nur ein klein wenig. Nicht viel. Den Rest holen sie sich aus der Fahrt. Wenn der Körper leicht schräg gegen den Fahrtwind steht, entsteht zusätzlicher Auftrieb. Ein wenig Neigung genügt dafür schon. Ähnlich wie bei einem Flugzeug mit seinen Tragflächen. So steigt das Schiff. Zum Sinken wird dieser zusätzliche Auftrieb wieder verringert. Fällt Regen auf die Hülle, wird das Schiff schwerer. Auch dann hilft dieser Auftrieb aus der Bewegung. Und beim Start, wenn noch viel Kraftstoff an Bord ist, nimmt ein Luftschiff manchmal etwas Anlauf. Ein wenig Fahrt. Ein wenig Neigung. Mehr ist es nicht. Die meisten modernen Luftschiffe haben schwenkbare Luftschrauben. Damit lässt sich der Schub nach unten richten … oder nach oben. So kann das Schiff aus dem Stand aufsteigen, auch wenn es etwas schwerer als Luft ist. Und so kann es landen, auch wenn es leichter als Luft ist. Der Pilot drückt es mit der Kraft der Triebwerke auf den Boden. Ganz sanft. So wie man eine Hand auf einen Tisch legt. Dort wird es sofort mit etwas Ballast beschwert. Damit es nicht wieder nach oben geht, sobald die Motoren schweigen. Dann kommt es an den Ankermast. Ein Mast, an dem die Nase des Schiffes festgemacht wird. Dann dreht sich das ganze Schiff mit dem Wind um diesen einen Punkt. Und kein Helium muss abgelassen werden. Das Schiff bleibt, wie es ist. Es wird nur festgehalten. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Die Idee ist viel älter als all diese Technik. Schon um sechzehnhundertsiebzig dachte ein italienischer Jesuitenpater über ein Luftschiff nach. Das ist lange her. Sehr lange. Er wollte ein Boot an leergepumpten Kugeln aufhängen. Luftleer sollten sie sein … und dadurch leichter als die Luft ringsum. Ein Boot, das an leeren Kugeln hängt. Ein schönes Bild für die Nacht. Gebaut wurde das nie. Es blieb ein Gedanke auf Papier. Der Gedanke jedoch war schon der richtige. Aber sechzehnhundertsechsundsiebzig griff jemand die Idee in einer Doktorarbeit wieder auf. Deren Titel klingt heute wie ein ruhiger Satz für den Abend. Von der Kunst durch die Luft zu schifffahren. Ein langer Titel. Und ein freundlicher. Damals war das noch keine Technik. Es war eine Kunst. Einhundert Jahre später wurde der Gedanke sehr genau. Aus dem Jahr siebzehnhundertfünfundachtzig stammt ein Entwurf, in dem schon alles vorkommt. Ein Auftriebskörper. Darunter eine längliche Gondel. Ein Steuerruder. Und drei Luftschrauben für den Antrieb. Alles, was ein Luftschiff braucht, war damit schon beisammen. Angetrieben werden sollten sie mit Muskelkraft. Gebaut wurde auch dieser Entwurf nicht. Er blieb auf dem Papier … und trotzdem stand darauf bereits das ganze Luftschiff. Ein Gedanke, der auf seine Zeit wartete. Ganz geduldig. Fast siebzig Jahre lang. Das erste wirkliche Luftschiff fuhr am vierundzwanzigsten September achtzehnhundertzweiundfünfzig. Ein französischer Ingenieur hatte es gebaut. Das war rund fünfzig Jahre vor dem ersten Motorflug eines Flugzeugs. Fünfzig Jahre. Das Luftschiff war also zuerst da. Angetrieben wurde es von einer Dampfmaschine, die nur fünfundvierzig Kilogramm wog. Fünfundvierzig Kilogramm. Für eine Dampfmaschine war das sehr wenig. Die Fahrt führte von Paris nach Trappes … siebenundzwanzig Kilometer weit. Stell dir das vor: siebenundzwanzig Kilometer durch die Luft. Die Geschwindigkeit betrug etwa neun Kilometer in der Stunde. Neun Kilometer in der Stunde. Das ist ungefähr ein zügiger Schritt. Der Ballon darüber war vierundvierzig Meter lang. Gondel und Motor hingen an einem Balken. Und gesteuert wurde mit einem dreieckigen Segel. Ein Segel in der Luft. Das kann man sich gut vorstellen. Siebenundzwanzig Kilometer weit. Und niemand hatte es eilig. Zwanzig Jahre später ging es ein Stück schneller. Achtzehnhundertzweiundsiebzig erreichte ein deutscher Ingenieur mit seinem Luftschiff achtzehn Kilometer in der Stunde. Das Schiff war über fünfzig Meter lang und hieß Aeolus. Aeolus. Auch das ist ein Name, der gut in einen Abend passt. Es wurde von einem Gasmotor angetrieben. Ein Motor, der sein Gas direkt verbrennt … noch ohne Benzin. Die Schritte waren klein. Aber sie kamen regelmäßig. Von neun auf achtzehn Kilometer in der Stunde. In zwanzig Jahren. Es hatte alles seine Zeit. So wie dieser Abend seine Zeit hat. Zwölf Jahre danach gelang etwas, das vorher niemand geschafft hatte. Am neunten August achtzehnhundertvierundachtzig kehrte ein Luftschiff nach dem Start zu seinem Ausgangspunkt zurück. Die Fahrt dauerte dreiundzwanzig Minuten. Gut sieben Kilometer legte es zurück … in einer Höhe von bis zu dreihundert Metern. Dreihundert Meter. Das ist nicht hoch. Das Schiff hieß La France und wurde ab achtzehnhundertneunundsiebzig gebaut. Es war ein Elektroluftschiff mit Akkubetrieb. Ein leiser Antrieb. Schon damals. Kein Verbrennungsmotor. Nur Strom aus Akkus. Gut fünfzig Meter lang … und schnellstens gut zweiundzwanzig Kilometer in der Stunde. Schneller also als die beiden Schiffe, von denen wir eben gesprochen haben. Gebaut wurde es im Hangar Y in Chalais-Meudon. Diese Halle gilt als die älteste Luftschiffhalle überhaupt … und sie steht bis heute. Dreiundzwanzig Minuten fort. Und wieder zurück am selben Platz. Das hatte vorher niemand geschafft. So eine Halle ist ein eigenes Bauwerk. Sie muss ein ganzes Schiff aufnehmen … der Länge nach und der Höhe nach. Und sie muss es vor dem Wind schützen. Sie ist hoch wie eine Kirche und lang wie eine Straße. Drinnen ist es kühl und dämmrig. Und sehr still. Stell dir ein solches Tor vor, wenn es sich am Morgen öffnet. Licht fällt hinein … und im Licht liegt ein langer, heller Körper. Draußen steht das Gras noch feucht. Mehr geschieht in diesem Bild nicht. Ein Tor. Ein Licht. Ein ruhiger Körper. Und ringsum eine Halle, in der ein ganzes Schiff Platz hat. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Aus solchen Hallen wurde bald ein Fahrplan. Neunzehnhundertneun entstand die erste Fluggesellschaft der Welt. Die erste überhaupt. Und sie flog nicht, sie fuhr. Sie betrieb Luftschiffe im Verkehrsdienst … also für Menschen, die mitfahren wollten. Aus einem Versuch wurde damit ein Angebot. Im selben Jahr, vom Juli bis in den Oktober, zeigte eine große Ausstellung in Frankfurt am Main, was es alles gab. Dort führte auch ein Kölner Ballonfabrikant sein kleines Prallluftschiff vor. Es trug den Steuermann, den Maschinisten … und vier Passagiere. Sechs Menschen in der Luft. Mehr Platz gab es nicht. Ein Jahr später fuhr dieses kleine Schiff über zweihundert Kilometer weit nach Brüssel. Zweihundert Kilometer mit einem kleinen Prallluftschiff. Das war viel. Bei über vierzig Fahrten legte es rund zweitausend Kilometer zurück. Vierzig Fahrten. Eine nach der anderen. Immer ruhig. Immer ohne Hast. Im Jahr neunzehnhundertzehn bekam Deutschland seinen ersten Passagierlufthafen. Er entstand in Baden-Oos. Ein Lufthafen für Passagiere. Der erste im ganzen Land. Das war eine Halle auf einer Grundfläche von etwa einhundertsechzig mal dreißig Metern. Und sie war dreißig Meter hoch. Einhundertsechzig Meter lang. Dreißig Meter breit. Dreißig Meter hoch. Ein Haus, gebaut für ein einziges Schiff. Am einundzwanzigsten August neunzehnhundertzehn traf dort das erste Luftschiff ein. Es kam nach Baden-Baden. Zwei Tage später war es dann so weit. Am dreiundzwanzigsten August neunzehnhundertzehn fand die erste offizielle Passagierfahrt in Deutschland statt. Sie dauerte zwei Stunden. Zwölf Personen nahmen daran teil. Zwölf Personen auf der ersten offiziellen Passagierfahrt. Jede von ihnen bezahlte zweihundert Mark. Zweihundert Mark für zwei Stunden über dem Land. Und danach wurden die Rundfahrten täglich fortgesetzt. Tag für Tag. Immer die gleiche ruhige Runde. Täglich. Das ist das eigentlich Erstaunliche an diesem Satz. Zwölf Menschen in einer Gondel … zwei Stunden lang über dem Land. Am Abend wieder unten, und am nächsten Morgen wieder hinauf. So begann in Baden-Oos das ruhige Reisen durch die Luft. Zwei Stunden lang. Und kein anderes Ziel als das Hinsehen. Von jener Zeit ist manches im Boden geblieben. In einem Kölner Stadtteil fand man einen alten Ankerhaken. Er steckte bis zum Haken im Erdreich. Lange Zeit hatte niemand ihn bemerkt. Ein Stück Eisen, das im Boden auf nichts mehr wartete. An so einem Haken konnten Luftschiffe von bis zu zweihundertdreiundvierzig Metern Länge festgemacht werden. Zweihundertdreiundvierzig Meter. Das ist eine lange Straße aus Hülle und Gas. Und gehalten wurde sie von einem Stück Eisen im Gras. Ein kleines Eisen für einen sehr großen Körper. Das gefällt mir an dieser Geschichte. Anderswo wartete ein Mast vergeblich. Die Erbauer eines sehr hohen Hauses in New York wollten den Luftschiffen entgegenkommen. Sie wussten, dass Luftschiffe große freie Flächen zum Landen brauchen. Und ein Dach ist keine freie Fläche. Also setzten sie einen Ankermast auf das Dach. Es kam dort jedoch nie zu einer Landung. Ringsum wuchsen bald zu viele andere Hochhäuser. Der Mast blieb also stehen und wartete. Und es kam niemand. Geblieben ist ein Bild in der Eingangshalle. An den vier Wänden sieht man die sieben Weltwunder. Und als achtes das Haus selbst … mit einem Luftschiff, das gerade daran anlegt. Ein Bild von etwas, das nie geschehen ist. Auch das darf es geben. Gerade heute Abend. Auch im Süden gab es solche Fahrten, eine Zeit lang. Im schweizerischen Buochs führte ein Unternehmen ab zweitausendzwei Luftschiffrundfahrten durch. Ein paar Jahre lang gehörte dieser Himmel einem Luftschiff. Im September zweitausendfünf waren in der Schweiz neben diesem Schiff acht Heißluft-Luftschiffe zugelassen. Acht kleine Schiffe mit warmer Luft. Und eines mit Gas. Mitte zweitausendsechs verließ das Gasluftschiff die Schweiz wieder. In Österreich sind keine Gasluftschiffe zugelassen. Kein einziges. Das ist eine klare Antwort. Dort bleibt der Himmel für diese Schiffe leer. Es ist ein ruhiger Gedanke, dass so etwas von Land zu Land verschieden ist. Hier ein Schiff. Dort keines. Und der Himmel bleibt derselbe. Und dann ist da der Süden Deutschlands, am Wasser. Seit dem Jahr zweitausend befördert der Zeppelin NT regelmäßig Touristen über den Bodensee und andere Orte. Es wurden mehrere Schiffe dieses Typs gebaut. Eines nach dem anderen. Und alle fahren langsam. Sie sind heute weltweit im Einsatz … und der Zeppelin NT 07 gilt seit seiner Jungfernfahrt als das größte aktive Luftschiff der Welt. So führt eine Linie von den alten Hallen bis zu einer Rundfahrt am Nachmittag. Über hundert Jahre liegen dazwischen. Und die Schiffe fahren immer noch langsam. Stell dir eine solche Rundfahrt an einem stillen Nachmittag vor. Du sitzt in der Gondel. Das Fenster ist offen. Unter dir zieht ein Land vorbei … langsam … ohne Eile. Das Schiff fährt ruhig. Es fährt tief. Du musst nichts festhalten. Du musst auch nichts sagen. Es fährt ruhig … und fast ohne Vibration. Und drinnen sitzt man einfach da und schaut hinaus. Eine Stunde vergeht. Und man merkt es kaum. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Im Jahr zweitausendsechs gab es in Deutschland drei Firmen, die Luftschiffe bauten und betrieben. Eine in Aachen, für Heißluft-Luftschiffe. Also für die kleinen, die man zusammenfalten kann. Eine am Flughafen Essen und Mülheim, für Prallluftschiffe. Also für die Schiffe ohne Gerüst. Und eine in Friedrichshafen am Bodensee, für halbstarre Luftschiffe. Also für die Schiffe mit einem Träger an der Unterseite. Drei Städte. Drei Bauweisen. Und dazwischen die ganze Geschichte, die wir eben entlanggegangen sind. Vom Gedanken eines Paters bis zu drei Werkstätten. Ein langer Weg. Und ein sehr ruhiger. Zum Schluss noch ein Wort, das mir gefällt. Seit den Anfängen der Ballonfahrt und bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein nannte man alle Ballonfahrer schlicht Luftschiffer. Über hundert Jahre lang hieß es einfach so. Nicht Piloten. Luftschiffer. Ein Wort, in dem das Schiff schon drinsteckt. Und sie hatten einen eigenen Gruß. Die Luftschiffer wünschen einander Glück ab. Die Bergleute unter Tage sagen Glück auf. Zwei kurze Wörter … für zwei Wege, die man nicht allein macht. Zwei Grüße, und in beiden steckt dasselbe. Komm gut wieder. Und nun sind wir wieder bei der Wiese am Rand der Stadt. Das Gras ist kurz. Die Kieswege sind hell. Der Morgen ist noch kühl. Und alles ist so ruhig wie am Anfang dieser Geschichte. Über dem Gras steht das Schiff. Es ist an einem Mast festgemacht … und es bewegt sich ein wenig mit dem Wind. Kaum sichtbar. Aber es bewegt sich. Ein Stück nach links. Ein Stück nach rechts. Ganz langsam. Immer wieder. Wie ein ruhiger Atem. Es fällt nicht. Es steigt nicht. Es liegt in der Luft, wie ein Boot im Wasser liegt. Und es hat es nicht eilig. Es wartet auf den Tag. Mehr tut es nicht. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Die Luft trägt. Sie trägt ganz ohne Anstrengung. Die Luft trägt den Körper, weil das Gas darin leichter ist als die Luft ringsum. Und der Körper trägt alles andere. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Langsam. Ohne Eile. Und du darfst jetzt schlafen. Du musst nichts mehr behalten. Nichts mehr mitdenken. Das Schiff bleibt oben. Auch wenn niemand hinsieht. Es braucht dafür nichts zu tun. Die Luft trägt es weiter. Es schwebt. Und es schwebt weiter. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.