Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Buchdruck in der alten Werkstatt
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- Stell dir eine Schreibstube vor … in einem Kloster … vor vielen hundert Jahren. Der Boden ist aus Stein. Die Tische stehen dicht an den Fenstern … dort, wo das Licht am längsten bleibt. Es ist Abend geworden. Drinnen ist es kühl. Der Raum riecht nach Stein … und ein wenig nach Tinte. Es ist niemand sonst da. Nur ein Tisch … ein Fenster … und das letzte Licht. Auf einem der Tische liegt ein Bogen. Daneben liegt eine Feder … und ein kleines Gefäß mit Tinte. Ein Mensch sitzt davor und schreibt ein Buch ab. Wort für Wort … Zeile für Zeile … Seite für Seite. Er hebt die Feder … er setzt sie wieder auf … und die Zeile wird ein Stück länger. So wurden Bücher gemacht, lange bevor es den Buchdruck gab. Man nennt sie Handschriften … oder Manuskripte. Vor der Erfindung des Buchdrucks wurden Bücher als Handschriften hergestellt und kopiert. Im Mittelalter geschah das fast nur in den Schreibstuben der Klöster. Die Fachleute nennen diese Räume Skriptorien. Ein Mensch schrieb … ein Buch entstand. Ein zweiter Mensch schrieb … ein zweites Buch entstand. Beim Abschreiben von Hand kamen an einem Tag nur einige Seiten zusammen. Stell dir das vor. Eine Seite … dann eine Pause. Dann die nächste Seite. Die Feder macht ein feines Geräusch auf dem Bogen. Sonst hört man kaum etwas. Draußen wird es dunkel. Drinnen brennt eine Kerze … und der Kreis aus Licht ist nicht groß. Es gibt keine Eile in diesem Raum. Es gibt nur die nächste Zeile. Und wenn die Hand müde wird … dann macht man eben morgen weiter. Diese Schreibstuben verschwanden nicht sofort, als der Druck kam. Sie arbeiteten noch eine ganze Weile weiter. Manche Werkstätten schrieben sogar auf Vorrat … und boten die Handschriften den Käufern an, die bekannte Bücher suchten. Und die Handschriften hatten etwas, was der Druck zuerst nicht hatte. Sie waren gemalt. In den Stundenbüchern und in den Erbauungsbüchern wurde der Text fast zu einem Teil des Bildes. Die Buchmalerei erlebte damals eine letzte große Blüte. Ein stiller Abschied … in Farbe. Zwei Wege liefen also eine Weile nebeneinander her. Der eine mit der Feder … der andere mit der Presse. Und für eine Zeit lang war beides richtig. Bevor wir in die Werkstatt gehen, sprechen wir kurz über den Stoff, auf dem all das steht. Lange galt das Pergament als der beste Beschreibstoff. Pergament wird aus Tierhaut hergestellt … und es war teuer. Das Papier kam von weit her. Die Kunst des Papiermachens gelangte aus China und Korea nach Europa … über den arabischsprachigen Raum. Im fünfzehnten Jahrhundert setzte sich das Papier hier durch … und verdrängte das teure Pergament nach und nach. Damit war die Grundlage da. Ohne Papier kein Massendruck. Ein Bogen Papier ist ein einfaches Ding. Man kann ihn falten … und man kann viele davon stapeln. Genau darauf kam es später an. Es gab auch schon vor Gutenberg Bücher, die gedruckt wurden. Man nennt sie Blockbücher. Dabei wurde eine ganze Doppelseite in einen Druckstock aus Holz geschnitten … mit Bild und Text zugleich. Das Schneiden der Buchstaben war schwierig, denn sie mussten seitenverkehrt stehen. Oft trug man den Text später von Hand ein. Auf den Seiten herrschten deshalb die Bilder vor. Und ein Druckstock aus Holz hält nicht ewig. Er erlaubte nur eine kleine Auflage. In Ostasien war man mit dem Drucken noch viel früher dran. Dort gab es gedruckte Werke bereits im achten Jahrhundert. Eine der ersten datierten Druckversionen entstand in China im Jahr achthundertachtundsechzig … im Holztafeldruck. Jedes Zeichen wurde dabei spiegelverkehrt in einen Holzstock geschnitten. Das Holz ringsum wurde entfernt. So blieben erhabene Linien stehen. Man färbte sie ein … legte Papier darauf … und rieb den Text ab. Ein chinesischer Schmied erfand um das Jahr eintausendvierzig sogar bewegliche Druckstempel aus Keramik. Der Gedanke war also schon in der Welt. Er brauchte nur noch seine Werkstatt. Und nun lasse ich die Schreibstube hinter uns … und nehme dich mit in eine Werkstatt. Die Werkstatt steht in einer Stadt am Rhein. Die Stadt heißt Mainz. Wir sind im fünfzehnten Jahrhundert … ungefähr im Jahr vierzehnhundertvierzig. Dort erfand ein Goldschmied den modernen Buchdruck. Sein Name war Johannes Gutenberg. Der Buchdruck ist ein mechanischer Prozess zur Herstellung von Büchern. Früher nannte man ihn auch die Buchdruckerkunst. Mechanisch heißt hier … eine Maschine nimmt der Hand einen Teil der Arbeit ab. Gutenberg hat nicht nur eine einzige Sache erfunden. Er entwickelte im fünfzehnten Jahrhundert eine Reihe von Verfahren und Geräten. Erst zusammen ergaben sie einen Buchdruck mit beweglichen Lettern, der wirklich trug. Da war das Prinzip der beweglichen Lettern … also einzelner Buchstaben, die man immer wieder neu zusammenstellen kann. Da war ein Handgießinstrument für den Guss der Lettern aus Metall. Dazu eine Legierung, die sich dafür eignete. Da war die Weiterentwicklung der Spindelpresse zur Druckpresse. Da waren Setzkasten und Winkelhaken. Und da war eine bessere Druckfarbe. Das klingt nach vielen Dingen auf einmal. Es ist aber nur eine Werkstatt … mit einem Tisch, einem Kasten und einer Presse. Und alles darin greift ineinander. Nimm eine einzelne Letter in die Hand. Sie ist klein … und sie ist schwerer, als sie aussieht … denn sie ist aus Metall. Oben auf ihrem Körper sitzt das Bild eines Buchstabens … seitenverkehrt, damit er im Druck richtig herum erscheint. Sie liegt kühl in der Handfläche. Man kann sie drehen … und man spürt die Kanten. Diese Letter bleibt immer derselbe Buchstabe. Tausend Abdrucke lang. Sie wandert in eine Zeile … und später wieder heraus. Das ist der ganze Gedanke dahinter. Der Buchstabe bleibt. Nur seine Nachbarn wechseln. Ein Buchstabe geht … ein Buchstabe kommt. Und das Wort ist ein anderes. Die Lettern aus Blei liegen nicht durcheinander. Sie befinden sich in einem Setzkasten … in Fächer sortiert. Der Setzkasten ist flach und aus Holz. Für die Fraktur hat er etwa einhundertsechzehn Fächer. Für die Antiqua sind es etwa einhundertfünfundzwanzig … denn dort kommen noch Buchstaben mit Akzenten dazu. Die Größe der Fächer richtet sich danach, wie oft ein Buchstabe gebraucht wird. Häufige bekommen ein großes Fach. Seltene ein kleines. Und der Kasten liegt schräg auf einem Gestell … dem Setzregal … etwa in Brusthöhe. So muss die Hand nicht weit gehen. Der Weg von einem Fach zum nächsten ist kurz. Es gibt nicht nur eine Sorte Buchstaben. Die Fachleute teilen die Typen in Gattungen ein. Sie unterscheiden Brotschriften … das sind die Schriften für den laufenden Text … und Zierschriften für das Geschmückte. Sie unterscheiden außerdem nach der Zeichnung. Da gibt es die Fraktur … die Antiqua … und die Kursive. Und sie unterscheiden nach der Größe. Man misst sie in Punkt. Acht Punkt für das Kleine … vierundzwanzig Punkt für das Große. Zu jeder Schrift gehören auch die Zeichen für Punkt und Komma. Und das Sternchen. Viele kleine Körper aus Metall … und jeder hat seinen Platz. Zwischen den Wörtern steht etwas, das man nicht sieht. Es hat trotzdem einen Namen. Man nennt es den Ausschluss. Das sind Metallstückchen ohne Schriftbild … ein wenig niedriger als die Lettern. Kleine Klötzchen ohne Schriftbild. Man setzt sie ein … und man liest sie nie. Diese Stückchen trennen die Wörter voneinander. Und sie füllen die leeren Stellen in einer Zeile aus. Das ist eine ruhige Vorstellung. Auch der Zwischenraum ist ein Ding, das man in die Hand nehmen kann. Und zwischen die Zeilen legt der Setzer dünne Metallplättchen. Man nennt sie den Durchschuss. Damit rücken die Zeilen ein wenig auseinander. Die Seite bekommt Luft. Vor dem Regal steht der Schriftsetzer. In der linken Hand hält er den Winkelhaken. Der Winkelhaken ist ein flaches Kästchen aus Metall … an zwei Seiten offen … mit einer verstellbaren Wand. Der Schriftsetzer nimmt aus den Fächern die einzelnen Lettern und den Leerraum. Diesen Leerraum nennt man Spatien. Er legt beides im Winkelhaken ab. Und so entsteht eine Schriftzeile. Ein Griff ins Fach … ein Stück Metall … und ein Buchstabe mehr in der Zeile. Dann der nächste Griff. Und der übernächste. Die Vorlage steht dabei vor ihm. Ein Stab aus Holz hält sie … der Tenakel. Eine kleine Gabel klemmt sie fest … das Divisorium. Wenn die Zeile voll ist, muss sie ausgeschlossen werden. Ausschließen heißt, die Zeile auf genau die Breite zu bringen, die das Format verlangt. Danach sitzt sie mäßig fest im Winkelhaken. Dafür macht man die Abstände zwischen den Wörtern ein wenig enger … oder ein wenig weiter. Von der Sorgfalt bei dieser Arbeit hängt später viel ab. Sie entscheidet, wie die Seite aussieht … und wie gut sie sich lesen lässt. Und während der Setzer ausschließt, liest er die Zeile gleich noch einmal durch. Unter der Zeile liegt eine dünne Platte aus glattem Metall. Sie heißt Setzlinie. Ist die Zeile fertig, zieht der Setzer die Setzlinie darunter hervor … und legt sie oben darauf. Dann beginnt die nächste Zeile. Irgendwann ist der Winkelhaken gefüllt. Dann hebt der Setzer alle Zeilen auf einmal heraus … mit beiden Händen … gleichmäßig fest zusammengedrückt. Er setzt sie auf ein Setzschiff. Das ist ein flaches Brettchen mit einem erhöhten Rand. Auf dem Setzschiff wachsen die Zeilen weiter … bis eine Spalte entsteht … oder eine ganze Seite. Die Fachleute nennen so eine Seite eine Kolumne. Seitlich und unten legt der Setzer noch einen Unterschlag dazu … kleine Metallklötzchen, damit alles sicherer hält. Damit die Seite nicht auseinanderfällt, wird sie umwunden. Mit einem festen Bindfaden … der Kolumnenschnur … etwa dreimal herum. Dann kann man die Seite anheben … als wäre sie ein einziges Stück. Viele hundert kleine Teile … und zusammen ein einziges Ding. Zu einer Buchseite gehört oben noch eine Zeile. Man nennt sie den Kolumnentitel. Besteht sie nur aus der Seitenzahl, heißt sie ein Toter Kolumnentitel. Steht dort ein Stichwort oder eine kurze Angabe zum Inhalt der Seite, heißt sie ein Lebender. Das sind Wörter aus einer alten Werkstattsprache. Sie klingen fremd … und sie meinen etwas ganz Einfaches. Oben auf der Seite steht entweder eine Zahl. Oder ein Wort. Jede Type trägt vorn an ihrem Körper eine Einkerbung. Sie heißt Signatur. Die Kerbe sagt der Hand, wie herum die Letter liegt … noch bevor das Auge hinsieht. Sie hilft auch beim Unterscheiden … denn verschiedene Schriftgattungen haben verschiedene Kerben. Und wenn sich doch einmal Lettern aus unterschiedlichen Schriften mischen … dann hat das einen eigenen Namen. Man nennt sie Zwiebelfische. Ein freundliches Wort für einen kleinen Fehler. Ein Fisch im Text. Er stört niemanden … und er hat trotzdem einen Namen bekommen. Eine Letter … und noch eine Letter. So wächst die Zeile. So wächst die Seite. Und wenn genug Seiten fertig sind, werden sie in der richtigen Reihenfolge nebeneinandergelegt. Das nennt man ausschießen. Zwischen die Seiten kommen Stege aus Holz oder Metall. Sie halten den weißen Rand frei … und den Raum für das Einbinden. Es gibt den Bundsteg, den Kreuzsteg und den Mittelsteg. Drei Namen für drei weiße Zwischenräume. Dann werden die Kolumnenschnüre entfernt. Und alles kommt in einen Rahmen aus Eisen und wird festgekeilt. Jetzt heißt das Ganze eine Form. Eine Form ist schwer. Sie besteht aus vielen tausend Lettern. Und sie lässt sich anheben, ohne dass ein einziger Buchstabe herausfällt. Das ist der Prüfstein für gute Arbeit. Man hebt sie an … und nichts bewegt sich. Das ist der ganze Beweis. Wie viele Seiten in so einen Rahmen kommen, hängt vom Format ab. Die alten Namen dafür sind Folio … Quart … Oktav … Duodez … Sedez. Je kleiner das Buch, desto mehr Seiten auf einem Bogen. Die Form kommt jetzt in die Presse. Eine Druckpresse ist eine mechanische Presse. Mit ihr werden Texte und Bilder von einer eingefärbten Druckform auf Papier übertragen … oder auf einen anderen Bedruckstoff. Dabei entsteht ein Abdruck. Man sagt auch Druckerpresse. Und wenn es um Bücher geht, sagt man Buchdruckpresse. Es ist ein einfacher Vorgang. Etwas Eingefärbtes wird gegen einen Bogen gedrückt … und bleibt dort. Die Presse selbst war keine neue Erfindung. Es gab sie lange vorher … als Spindelpresse. Mit einer Spindelpresse kann man geraden Druck auf eine ebene Fläche ausüben. Die Römer führten sie im ersten Jahrhundert ein. In der Landwirtschaft stand sie als Kelter … für den Saft aus Weinreben … und für das Öl aus Olivenkernen. In den Städten stand sie im Textilgewerbe … als Tuchpresse. Immer dasselbe Prinzip. Eine Spindel dreht sich … und eine Platte kommt herunter. Und seit dem späten vierzehnten Jahrhundert gab es Papierpressen, die nach demselben Prinzip arbeiteten. Gutenberg übernahm diese Grundbauweise. Damit konnte er den Druckvorgang mechanisieren. Aber Drucken ist nicht dasselbe wie Auspressen. Es verlangt eine andere Art von Druck. Also passte er die Konstruktion an. Der Tiegel … die flache Platte, die von oben kommt … sollte gleichmäßig drücken und zugleich ein wenig federn. Und er führte einen flachen, beweglichen Untertisch ein. Darauf ließen sich die Bogen schnell wechseln. Kleine Änderungen. Große Wirkung. Seit Gutenberg geht dem Drucken das Setzen voraus. Das ist ein Satz, den man sich gut merken kann. Erst kommen die Buchstaben in die Zeile. Dann kommt die Farbe auf die Buchstaben. Dann kommt das Papier. Der Handsatz ist das älteste Verfahren zur Herstellung von Druckformen … mit beweglichen und einzelnen Lettern im Bleisatz. Und dieses Verfahren blieb sehr lange, wie es war. Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde von Hand gesetzt. Vierhundert Jahre lang dieselbe Bewegung. Vierhundert Jahre lang derselbe Griff ins Fach. Und dieselbe Zeile, die langsam wächst. Bevor gedruckt wird, muss die Form zugerichtet werden. Zurichten heißt … alle Ungleichheiten im Ausdruck ausgleichen. Dafür legt der Drucker feine Papiereinlagen unter … oder nimmt welche weg. Das ist meistens sehr zeitraubend. Und es braucht gute Walzen, um die Farbe zu verreiben und aufzutragen. Vor den Walzen benutzte man Ballen … aus Rosshaar … mit einem Überzug aus Leder. Zwei Ballen in zwei Händen, die über die Buchstaben tupfen. So hat es früher ausgesehen. Ein Klopfen auf dem Metall … gleichmäßig … und immer wieder. Die Presse wird in der Regel von zwei Menschen bedient. Einer legt den Bogen ein … klappt Rähmchen und Deckel nieder … fährt den Karren unter den Tiegel … und zieht am Hebel, der Bengel heißt. Dann fährt der Karren wieder heraus. Der gedruckte Bogen wird abgenommen und ausgelegt. Der andere verreibt währenddessen die Farbe … und walzt die Form von Neuem ein. Ein Griff … ein Zug … ein Bogen. Und dann wieder von vorn. Den ganzen Tag lang dieselbe Folge. Die Hände wissen sie auswendig. Zuerst wird die Form gedruckt, in der die erste und die letzte Seite stehen. Man nennt sie die Schöndruckform. Die andere Seite des Bogens bekommt die Widerdruckform. Dann ist der Bogen auf beiden Seiten bedruckt. Und bevor eine ganze Auflage entsteht, nimmt man einen ersten Abdruck. Er heißt Korrekturabzug. Darin zeichnet der Korrektor die Fehler an, die beim Setzen entstanden sind. Der Setzer bessert sie aus. Erst wenn die Genehmigung zum Druck erteilt ist, geht es los. Das Wort dafür heißt Imprimatur. Es bedeutet nur … es darf gedruckt werden. Ein einziges Wort … und danach beginnt die Auflage. Und wie viel schneller war das nun. Der Vergleich ist ruhig und deutlich. Eine einzelne Druckpresse um das Jahr sechzehnhundert schaffte an einem Arbeitstag dreitausendsechshundert Seiten. Im Handdruckverfahren, beim Reiben von Hand, waren es vierzig. Und beim Abschreiben durch einen Kopisten nur einige wenige Seiten. Drei Zahlen … und dazwischen liegt eine ganze Welt. Die Auflagen blieben am Anfang trotzdem überschaubar. In der Frühdruckerzeit lagen sie im Durchschnitt bei einhundertfünfzig bis zweihundertfünfzig Exemplaren. Später, als aus den Werkstätten größere Betriebe wurden, stieg diese Zahl. Man vermutet Auflagen von bis zu eintausend Stück. Die Bücher wurden dabei billiger. Und sie wurden handlicher. Stell dir das vor. Ein Buch steht plötzlich nicht mehr nur einmal auf der Welt. Es steht zweihundert Mal da … in zweihundert Regalen … in zweihundert Häusern. Und in jedem davon steht derselbe Satz auf derselben Seite. Das Papier wird für den Druck oft angefeuchtet. Man zieht es in Lagen durch Wasser … oder spritzt es an. Feuchtes Papier ist geschmeidiger und nimmt die Farbe besser an. Seine Glätte bekommt es später zurück. Zu Gutenbergs Zeit galt das Pergament noch als der beste Beschreibstoff. Papier war das neuere Material. Von seiner Bibel druckte er etwa einhundertfünfzig Stück auf Papier … und etwa dreißig auf Pergament. Am Ende hat sich das Papier durchgesetzt. Die bedruckten Bogen werden zum Trocknen aufgehängt. Sie hängen in Reihen … über Schnüren … und bewegen sich kaum. Der Raum ist voll von Papier. Über dem Kopf … in langen Reihen … Blatt neben Blatt. Später kommen sie in eine Glättpresse, damit die Unebenheiten aus dem Papier verschwinden. Und die Form wird gewaschen … mit einer Bürste und mit Lauge … und danach mit reinem Wasser abgespült. Manchmal bleibt ein Satz auch stehen, weil er noch einmal gebraucht wird. Dann heißt er Stehsatz. Er wird aufgebunden, in Papier geschlagen, beschriftet … und im Magazin aufbewahrt. Meistens aber bekommt der Setzer die Form zurück. Er nimmt sie auseinander und verteilt die Lettern wieder in ihre Fächer. Man nennt das Ablegen. Und wenn eine Letter zu abgenutzt ist, kommt sie zurück zur Schriftgießerei … und wird neu gegossen. Die Fachleute haben für diesen ganzen Weg ein Wort. Sie nennen ihn den typografischen Kreislauf. Die Letter kommt aus dem Fach … sie geht in die Zeile … sie geht in die Presse … und sie kehrt ins Fach zurück. Das ist der Takt einer solchen Werkstatt. Etwas wird zusammengesetzt … etwas wird gedruckt … und danach wird es wieder auseinandergenommen. Nichts davon geht verloren. Die Lettern kommen zurück … und warten in ihren Fächern. Und am nächsten Morgen fängt es wieder an. Ein Griff ins Fach … eine Letter … eine Zeile. Eine Letter … und noch eine Letter. So wächst die Zeile. Morgen steht sie in einem anderen Wort. Vielleicht in einem anderen Buch. Eine Letter … und noch eine Letter. So wächst die Zeile. Im fünfzehnten Jahrhundert breitete sich diese Erfindung aus. Sie ging von Mainz aus … und sie ging schnell. Noch zu Lebzeiten von Johannes Gutenberg entstanden weitere Druckereien. Eine solche Druckwerkstatt nannte man eine Offizin. Jede hatte ihr eigenes Markenzeichen. Stell dir das vor wie Lichter, die nacheinander angehen. Erst eines. Dann ein zweites. Dann viele. Und in jedem dieser Häuser steht ein Setzkasten mit Fächern. Eines dieser Lichter geht in Straßburg an. Dort eröffnete Johannes Mentelin eine Offizin. Einige Jahre später gab er die erste Bibel in deutscher Sprache heraus. Straßburg liegt am Rhein … so wie Mainz. Und auch dort roch es nach Druckfarbe und nach feuchtem Papier. Ein Setzkasten mehr. Ein Fenster mehr, hinter dem am Abend Licht brennt. Ein weiteres Licht geht in Bamberg an. Dort wirkte Albrecht Pfister. In Bamberg etablierte sich der Druck deutschsprachiger und volkstümlicher Literatur. Das ist ein freundlicher Gedanke. Die neue Technik nahm nicht nur die gelehrten Bücher auf … sondern auch die Geschichten, die die Leute ohnehin kannten. Gedruckt in ihrer eigenen Sprache. In Nürnberg geht das nächste Licht an. Dort druckte Anton Koberger … und er war damit erfolgreich. Sein Betrieb wurde groß. Er beschäftigte bis zu einhundert Arbeiter … an vierundzwanzig Pressen. Aus seiner Werkstatt kam auch eine Weltchronik. Neben der Gutenberg-Bibel ist sie einer der bekanntesten frühen Drucke. Und ein Licht geht in Basel an. Die erste Druckerei in der Schweiz wurde dort um vierzehnhundertachtundsechzig gegründet. Die Basler Drucker widmeten sich besonders der Verbreitung der Ideen des Humanismus. Und in Basel wurde die Buchillustration zu einer geschätzten Kunst. Auch anderswo gingen die Lichter an. In Köln und in Rom … und später in Paris. Etwas später kam der Buchdruck nach Österreich. Im Jahr vierzehnhundertzweiundachtzig erreichte er Wien. So lag am Ende des Jahrhunderts ein Netz aus Werkstätten über weiten Teilen Europas. Und in jeder einzelnen stand ein Mensch vor einem Setzkasten und griff nach einer Letter. Eine Letter … und noch eine Letter. So wächst die Zeile. Für die Bücher aus dieser frühen Zeit gibt es ein eigenes Wort. Man nennt sie Inkunabeln. Das Wort kommt aus dem Lateinischen. Es bedeutet Windeln … oder Wiege. Gemeint ist die Frühzeit des Buchdrucks … als das gedruckte Buch und seine Herstellung noch gleichsam in der Wiege lagen. Auf Deutsch sagt man auch Wiegendrucke. Ich finde, das ist ein passendes Wort für diese späte Stunde. Ein Buch in der Wiege. Etwas, das gerade erst anfängt. Als Inkunabeln bezeichnet man die Werke, die mit beweglichen Lettern in der Frühzeit des Buchdrucks gedruckt wurden. Der Zeitraum ist genau festgelegt. Er beginnt mit der Fertigstellung der Gutenberg-Bibel im Jahr vierzehnhundertvierundfünfzig. Und er endet am letzten Tag des Jahres fünfzehnhundert. Das ist eine Übereinkunft der Buch- und Bibliothekswissenschaft. Eine Linie, die jemand gezogen hat … damit sich die Bestände überblicken lassen. Willkürlich ist sie nicht. Denn im ersten Jahrzehnt danach gewannen Typografie und Satz deutlich an technischem Können. Was nach dieser Linie gedruckt wurde, heißt Postinkunabel … oder Frühdruck. Gemeint sind die Schriften vom ersten Tag des Jahres fünfzehnhunderteins bis etwa fünfzehnhundertzwanzig. Viele davon sahen ihren Vorgängern noch sehr ähnlich. Erfolgreiche Titel wurden einfach neu gedruckt … und blieben zunächst in ihrer alten Form. Erst nach und nach wurden die Formate kleiner. Und die Bücher wurden handlicher. Es ist ein leiser Übergang. Kein Schnitt. Die frühen Drucke sahen zunächst aus wie Handschriften. Die Typografie orientierte sich in Deutschland am vertrauten Schriftbild der Manuskripte. Die großen Anfangsbuchstaben … die Initialen … wurden nicht gedruckt. Sie wurden später von Hand gemalt und geschmückt. Manche Stellen wurden mit roter Farbe hervorgehoben. Die Fachleute nennen das rubrizieren. Und die Bilder kamen als Holzschnitte in den Satz. Ihre Druckstöcke konnte man später wiederverwenden. Ein Titelblatt gab es anfangs nicht. Wer wissen wollte, wovon ein Buch handelt, las die einleitenden Sätze. Man nennt sie das Incipit. Und am Ende des Werkes setzte der Drucker einen Vermerk. Dieser Vermerk heißt Kolophon. Darin standen sein Name … der Ort … und das Datum seiner Arbeit. Danach folgte seine Marke. Das Buch endete also bei dem Menschen, der es gemacht hat. Kein Titel vorn. Dafür ein Name hinten. Für den Satz brauchte es mehr Zeichen, als das Alphabet hergibt. Es gab Ligaturen … das sind zwei Buchstaben, die zu einem Stück zusammengegossen sind. Und es gab Abbreviaturen … Zeichen für Abkürzungen, wie sie in lateinischen Texten üblich waren. Dazu kamen Lettern in verschiedenen Breiten, damit die Zeilen gleichmäßig wurden. Für seine zweiundvierzigzeilige Bibel hat Gutenberg insgesamt zweihundertneunzig verschiedene Lettern angefertigt. Zweihundertneunzig kleine Metallkörper … für ein einziges Buch. Und was wurde gedruckt. Zuerst Bücher … daneben kleinere Texte wie Kalender. Das erste Druckwerk nach der Bibel war ein Kalender. Er wurde aus deren Lettern gefertigt. Bald kam mehr dazu. Gelehrtes auf Latein … und Volkstümliches in der eigenen Sprache. Lehrbücher und Kräuterbücher. Juristisches und Medizinisches. Reiseberichte. Und wieder Kalender für das kommende Jahr. Etwa drei von vier frühen Drucken erschienen in lateinischer Sprache. Der Rest sprach die Sprache der Menschen, die ihn kauften. Ein gedrucktes Buch verließ die Werkstatt meistens ungebunden. Die Bogen wurden gelagert … in Tonnen versandt … und erst dort gebunden, wo sie verkauft wurden. Den Einband ließ also der Käufer machen. Häufig ließ man gleich mehrere Drucke gleichen Formats zusammen in einen Einband binden. Viele Inkunabeln haben eine Buchdecke aus zwei Holzplatten … mit Leder oder Pergament darüber. Oft ist das Leder geprägt. Man drückte erhitzte Metallstempel in das feuchte Material. Metallbeschläge auf dem Deckel hielten das liegende Buch ein wenig hoch und schonten den Einband. Schließen aus Metall oder Leder hielten es in Form. Es gab auch weiche Umschläge aus Pergament oder Leder. Man nennt sie Kopert. Sie schützten das Buch rundherum. Und in den Klosterbibliotheken wurden Bücher an den Leseplätzen manchmal mit einer Kette gesichert. Nicht aus Misstrauen allein. Auch, damit nichts herunterfiel. Ein Buch an einer Kette. Es bleibt an seinem Platz … und es bleibt lesbar. Inkunabeln sind heute wertvoll. Sie sind Zeugnisse für den Beginn der technisch gestützten Verbreitung von Schriftgut in Europa … und ein wertvolles Kulturgut. Man schätzt die Zahl der weltweit erhaltenen Werke auf rund achtundzwanzigtausendfünfhundert. Dazu kommen etwa fünfhundertfünfzigtausend einzelne Exemplare. In den Bibliotheken werden sie gehütet. Von den Philologen und Historikern werden sie als Quellen geschätzt. Das sind viele Bücher. Und doch ist jedes einzelne davon selten geworden. Jedes von ihnen wurde einmal gesetzt … Buchstabe für Buchstabe … von einer Hand. Und jedes wurde einmal gedruckt … Bogen für Bogen … mit beweglichen Lettern. Das ist ein ruhiger Gedanke für diese Stunde. Die Bücher sind noch da. Die Werkstätten sind längst still. Und der Handsatz selbst. Der ist nicht ganz verschwunden. Ab dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts übernahmen Setzmaschinen den großen Satz für Bücher und Zeitungen. Aber es gibt ihn noch. In kleinen Privatdruckereien … und in Museumsdruckereien. Dort werden bibliophile Buchausgaben gesetzt. Von Hand. Buchstabe für Buchstabe. Derselbe Griff ins Fach wie vor fünfhundert Jahren. Die Bewegung ist geblieben. Nur die Werkstatt ist kleiner geworden. Und nun gehen wir noch einmal zurück in die Werkstatt in Mainz. Es ist Abend dort. Die Presse steht still. Der Karren ist eingefahren. Der Bengel hängt ruhig an seinem Platz. Niemand zieht mehr daran. Auf den Schnüren hängen die Bogen und trocknen. Man hört sie kaum. Ab und zu bewegt sich einer … dann liegt er wieder still. Der Setzkasten liegt schräg auf seinem Regal. Die Fächer sind wieder gefüllt. Jede Letter liegt da, wo sie hingehört. Morgen wird eine Hand kommen und eine Letter herausnehmen. Die Letter wird eine Weile in einer Zeile stehen … und dann wieder in ihr Fach zurückkehren. Eine Letter … und noch eine Letter. So wächst die Zeile. Der Raum ist dunkel geworden. Die Farbe trocknet. Das Papier liegt glatt. Eine Letter … und noch eine. Die Zeile wächst nicht mehr. Sie ist fertig. Alles steht an seinem Platz. Die Lettern … die Bogen … die Presse. Und es ist nichts mehr zu tun. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.