Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Kirchenglocken, Glockenguss und ihr einzigartiger Klang
Transcript
- Stell dir einen Turm vor … an einer Kirche … am Abend. Das Mauerwerk ist dick und kühl. Eine schmale Treppe führt nach oben … Stufe um Stufe. Die Stufen sind ausgetreten. Viele Füße sind hier hinaufgegangen … über viele Jahre. Oben liegt ein Raum. Man nennt ihn die Glockenstube. In dieser Glockenstube befindet sich die gesamte Läuteanlage. Und in diesem Raum hängt sie. Die Glocke. Sie hängt ganz ruhig. Sie bewegt sich nicht. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Eine Kirchenglocke ist eine große Glocke … und meistens hängt sie in einem Kirchturm. Sie hängt dort nicht allein. Sie gehört zu etwas Größerem … zu einer Läuteanlage. Zu dieser Anlage gehören noch zwei andere Dinge. Die Läutemaschine … und der Glockenstuhl. Die Glocke selbst ist darin der Schwingungsträger. Das ist ein schönes, genaues Wort. Es bedeutet: Sie ist der Teil, der schwingt … und der den Klang trägt. Die Maschine bewegt. Das Gerüst hält. Und die Glocke … die klingt. Drei Teile. Eine Aufgabe. Du musst dir nichts davon merken. Wir gehen das alles noch einmal langsam durch. Schau sie dir in Ruhe an, diese Glocke. Sie ist meistens aus Bronze gegossen. Selten auch aus Eisen. Bronze ist ein Metall, das nach vielen Jahren eine dunkle, ruhige Oberfläche bekommt. Und sie hat eine besondere Form. Die Fachleute nennen sie einen Rotationskörper. Das Wort klingt technisch … aber es meint etwas sehr Einfaches. Es bedeutet: Die Glocke ist um ihre Mittelachse herum überall gleich. Stell dir eine senkrechte Linie vor … mitten durch die Glocke hindurch … von oben nach unten. Drehst du die Glocke um diese Linie … sieht sie danach genauso aus wie vorher. Von jeder Seite dasselbe Bild. Rundum gleich. Das nennt man Rotationssymmetrie. Und die Glocke besitzt sie um ihre Mittelachse. Das ist kein Zufall. Das ist der Grund, warum sie so klingt, wie sie klingt. Und es ist auch der Grund, warum man ihre Form so knapp beschreiben kann. Dazu kommen wir gleich. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Sie ist nicht gebaut worden … nicht zusammengesetzt aus Teilen. Es gibt an ihr keine Naht. Keine Schraube. Keine Fuge. Sie ist gegossen. Das ist etwas anderes. Glocken werden meist durch Gießen in eine Form hergestellt. Das heißt: Zuerst gibt es die Form … dann erst die Glocke. Die Form ist ein Hohlraum. Und in diesen Hohlraum kommt das flüssige Metall. Es füllt jede Stelle aus … jede Rundung … jede Kante. Es legt sich an die Wände der Form … und nimmt an, was die Form ihm vorgibt. Dann wird das Metall fest. Und die Glocke ist da. Das Verfahren dafür ist alt. Sehr alt. Die meisten Gießereien verwenden nach wie vor das traditionelle Lehmformverfahren. Nur für ganz kleine Glocken nimmt man andere Wege. Lehm ist ein weicher, formbarer Boden. Man kann ihn streichen … glätten … trocknen lassen. Er lässt sich mit der Hand bearbeiten, solange er feucht ist. Und wenn er trocken ist … ist er hart genug, um heißes Metall zu halten. Ein Material aus der Erde. Für einen Klang, der über die Dächer geht. Das ist ein ruhiger Gedanke. Etwas sehr Einfaches steht am Anfang von etwas sehr Feinem. Es gibt noch andere Wege, eine Glocke zu formen. Man unterscheidet beim Gießen zwischen Lehm-, Sand- und Zementformverfahren. Drei Formstoffe … für dieselbe Aufgabe. Aber der Lehm ist geblieben. Er ist der alte Weg … und zugleich der übliche. Ein Handwerk, das man nicht ersetzt hat, weil es weiter trägt. Das Verfahren wurde im zwölften Jahrhundert entwickelt. Seitdem geht es so. Schritt für Schritt. In derselben Reihenfolge. Und das Metall selbst hat einen eigenen Namen. Man nennt es Glockenspeise. Seit mittelhochdeutscher Zeit heißt es so. Ein altes Wort … für das, was in die Form fließt. Meist ist es eine Zinnbronze. Eine Mischung aus zwei Metallen. Sechsundsiebzig bis achtzig Teile von hundert sind Kupfer. Und zwanzig bis vierundzwanzig Teile von hundert sind Zinn. Zwei Metalle … in einem festen Verhältnis. Nicht ungefähr. Nicht nach Gefühl. Sondern in diesen Anteilen. Denn davon hängt ab, wie die Glocke später klingt. Früher hat man die großen Glocken oft dort gegossen, wo sie später hängen sollten. Das hatte einen einfachen Grund. Eine fertige Glocke war schwer zu transportieren. Das Rohmaterial dagegen ließ sich leichter bewegen … in Form von Barren. Also reiste nicht die Glocke. Sondern das Metall. Und der Gießer reiste mit. Heute ist das anders. Heute erfolgt der Guss meist am Standort der Gießerei. Weil die Wege besser geworden sind. Die Glocke kommt fertig an … und wird hinaufgezogen. Jetzt will ich dir von der Form selbst erzählen. Von der Gestalt der Glocke. Denn diese Gestalt lässt sich beschreiben … und zwar überraschend knapp. Die Form einer Glocke wird durch ihren Querschnitt beschrieben. Die Krone oben zählt dabei nicht mit. Ein Querschnitt ist das Bild, das entsteht, wenn man etwas gedanklich durchschneidet. Schneide die Glocke der Länge nach durch … und du siehst ihre Wand … von innen und von außen. Und nun kommt der schöne Teil. Weil die Glocke rundum gleich ist … braucht man diesen Querschnitt gar nicht ganz. Eine Hälfte genügt. Diese Querschnittshälfte hat einen eigenen Namen. Man nennt sie die Rippe. Eine Linie auf einem Brett. Mehr ist es zuerst nicht. Und doch steckt die ganze Glocke darin. Die Rippe ist ton- und klangbestimmend. Das ist der Kern der Sache. Lass ihn einen Moment stehen. Die Linie legt fest, welchen Ton die Glocke später hat. Und wie dieser Ton klingt. Nicht die Größe allein. Nicht das Gewicht allein. Die Rippe. Wo die Wand dick wird … wo sie dünn bleibt … wie weit sie unten ausschwingt. All das steht schon in der Linie … lange bevor Metall fließt. Eine Glocke beginnt als Zeichnung. Und die Zeichnung hört man später. Wie man eine solche Linie berechnet … das ist von Gießerei zu Gießerei verschieden. Jede hat ihren eigenen Weg dorthin. Und dieser Weg ist in der Regel ein Betriebsgeheimnis. Er wird in den Glockengießerfamilien weitergegeben. Von einer Generation an die nächste. Nicht in einem Buch, das jeder lesen kann. Sondern von Hand zu Hand. Das ist eine stille Art, etwas zu bewahren. Ein Wissen, das in einer Werkstatt bleibt. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Vielleicht denkst du jetzt an all die Glocken, die du schon gehört hast. Jede von ihnen hatte so eine Linie. Jede einzelne. Eine Linie, die jemand auf ein Brett gezeichnet hat. Und nun schauen wir zu, wie aus dieser Linie eine Form wird. Der erste und entscheidende Schritt ist die Schablone. Der Glockengießer zeichnet das Profil der Glocke auf ein Brett. Den halben Querschnitt … mit seiner inneren und seiner äußeren Kontur. Dadurch sind Ton und Klang der Glocke im Wesentlichen festgelegt. Schon hier. Auf dem Brett. Zuerst wird die Kontur für die Innenseite ausgeschnitten. So entsteht die Schablone für die Innenseite der Glocke. Dann beginnt der Aufbau der Gussform. Aus Lehmziegeln wird ein hohler Kern gemauert. Man nennt ihn den Glockenkern. Darüber befestigt man die Schablone. An einer Achse … drehbar. Und nun wird gearbeitet. In mehreren Schritten. Der Kern wird mit Lehm bestrichen. Erst gröber … dann immer feiner. Die Schablone wird um den Kern gedreht. Sie zieht den überschüssigen Lehm ab. Und eine glatte Oberfläche entsteht. Die Linie vom Brett wandert in den Lehm. Dann muss diese Form austrocknen. Dafür wird der Kern von innen her aufgeheizt. Wärme … von innen … damit der Lehm fest wird. Jetzt kommt ein Schritt, dessen Name mir gefällt. Es wird die falsche Glocke geformt. Sie hat schon die Form der späteren Glocke … besteht aber aus Lehm. Die Schablone wird nun entlang der äußeren Konturlinie ausgeschnitten. Auf den getrockneten Lehm kommt zuerst ein Trennmittel. Talg … Fett … oder Graphit. Darüber wieder feiner Lehm, in mehreren Schichten. Und wieder wird abgezogen und geglättet … bis alles genau die Form der Glocke hat. Eine Glocke aus Lehm. Die nie klingen wird. Sie ist nur da, um Platz zu halten. Auf dieser falschen Glocke bringt man die Verzierungen an. Alle Schriften und Bilder werden aus Wachs aufgelegt. Wachs lässt sich formen … und es lässt sich wieder schmelzen. Kirchenglocken sind oft variantenreich verziert. Manche zeigen ein figürliches Relief. Eine Heiligenfigur … oder eine Kreuzigungsgruppe. Viele Glocken tragen religiöse Inschriften. Und seit dem Spätmittelalter sind viele von ihnen datiert … mit dem Namen des Gießers darauf. So steht auf der Glocke, wer sie gemacht hat. Und wann. Dann wird der äußere Teil der Form gebaut. Man nennt ihn den Mantel. Die falsche Glocke wird wieder mit einem Trennmittel eingestrichen. Darüber kommt zuerst feiner Lehm … dann immer gröbere und steifere Schichten. Metallringe halten den Mantel zusammen und geben ihm Festigkeit. Auch der Mantel wird durch Erhitzung getrocknet. Und nun sind es drei Schichten, die ineinanderstecken. Der Kern innen. Die falsche Glocke darüber. Und außen der Mantel. Dann wird der Mantel abgehoben. Das geht, weil das Trennmittel dazwischenliegt. Die Wachsverzierungen sind beim Trocknen geschmolzen … aber ihren Abdruck haben sie im Mantel hinterlassen. Jetzt wird die falsche Glocke zerschlagen. Sie hat ihre Aufgabe erfüllt. Sie hat den Raum bestimmt, den das Metall bekommen soll. Kern und Mantel werden gereinigt. Dann wird der Mantel wieder aufgesetzt. Und zwischen beiden ist nun ein Hohlraum. Genau dort, wo eben noch die falsche Glocke stand. In diesen Hohlraum wird das flüssige Metall einströmen. Vor dem Guss wird die Grube verfüllt. Die Formen stehen in einer Grube … und diese Grube wird komplett mit Erde gefüllt. Die Erde wird ordentlich verdichtet. Das muss sein. Denn flüssige Bronze ist sehr viel dichter als das Formmaterial. Sie drückt mit großer Kraft nach außen … und sie treibt die Form nach oben. Die Erde hält dagegen. Zuletzt wird die Krone eingesetzt … mit dem Eingussloch und den Windpfeifen. Durch die Windpfeifen entweichen beim Guss Luft und Gase. Jeder Hohlraum braucht auch einen Weg nach draußen. An der Oberfläche mauert man Kanäle. Durch diese Kanäle soll die flüssige Glockenspeise zu allen Formen strömen. Denn meistens werden mehrere Glocken zugleich gegossen. Schon Stunden vorher wird der Schmelzofen angeheizt. Er heizt so lange, bis die Glockenspeise ungefähr elfhundert Grad Celsius erreicht. Das dauert. Und man kann es nicht beschleunigen. Dann fließt das Metall durch die Kanäle und das Gussloch in die Form … bis sie komplett gefüllt ist. Es ist ein einziger Vorgang. Er lässt sich nicht wiederholen. Und dann kommt der Teil, der am meisten Geduld verlangt. Er kommt nach dem Guss. Wenn das Metall schon in der Form liegt. Nach einer Abkühlzeit von mehreren Tagen kann die Glocke aus der Form geholt werden. Bei größeren Glocken dauert es entsprechend länger. Mehrere Tage … in denen nichts geschieht. In denen man nur wartet. Und erst dann wird hör- und sichtbar, ob der Guss gelungen ist. Erst dann. Nicht früher. Man kann nicht hineinschauen. Man kann nicht hineinhören. Die Form bleibt zu … bis sie kalt ist. Das Warten gehört zur Arbeit dazu. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Auch das ist ein Warten … nur ein viel längeres. Zuerst das Warten in der Form. Dann das Warten im Turm. Die Glocke kennt beides. Es gibt Orte, an denen man die Entwicklung der Glockenform besonders gut sehen kann. Denn die Rippe hat sich über die Jahrhunderte verändert. Sie sah nicht immer so aus wie heute. Viele mittelalterliche Glocken hatten keinen ausgeprägten unteren Teil. Diesen unteren Teil nennt man den Wolm. Es ist der kräftige Rand ganz unten. Den hatten sie noch nicht. Stattdessen hatten sie die Form eines Bienenkorbes. Bienenkorb … das beschreibt es ziemlich genau. Rund … nach oben gewölbt … ohne den breiten Fuß. Solche Bienenkorbglocken sind auch heute noch erhalten. In der Stiftsruine Bad Hersfeld hängt eine davon. Sie wurde in einer dünnen Bienenkorb-Rippe gegossen … im Jahr eintausendachtunddreißig. Sie ist die älteste datierte und gegossene Glocke Deutschlands. Eine alte Linie … in Bronze gehalten. Jemand hat sie damals gezeichnet. Und was er zeichnete, hängt heute noch dort. Sie hat schon sehr viele Abende erlebt. Abende wie diesen. Dann kam eine andere Form dazu. Im zwölften Jahrhundert entwickelte sich die Zuckerhut-Rippe. Auch dieser Name beschreibt, was man sieht. Der obere Teil der Glocke ist dabei relativ schlank. Man nennt ihn die Flanke. Und der Wolm unten lädt weit aus. Schmal oben … weit unten. Wie ein Kegel, der sich öffnet. Einige Exemplare dieses Glockentyps sind noch vorhanden. Im Konstanzer Münster hängt ein kleines Totenglöckchen, das um zwölfhundert gegossen wurde. Um das Jahr zwölfhundert entwickelte sich dann die gotische Dreiklang-Rippe. Bei ihr ist der Durchmesser im oberen Teil wieder weiter als bei der Zuckerhut-Rippe. Sie ist die verbreitetste Form. Und sie zeigte erstmals das Klangbild, das bis heute üblich ist. Sie ist das Vorbild für die heutigen Rippenformen geblieben. Später kamen noch die französische Rippe und die Barockrippe dazu. Auch sie fanden eine große Verbreitung. Viele Linien … über viele Jahrhunderte. Und alle führen zu einem Ton. Eine ganz andere Station liegt in Bochum. Dort arbeitete der Bochumer Verein … die bedeutendste Gießerei für Gussstahlglocken. Und zugleich die produktivste Glockengießerei weltweit. Gussstahl ist ein anderes Material als Bronze. Die Glocken daraus klingen anders … härter … kürzer. Aber auch sie brauchen eine Rippe. Auch bei ihnen entscheidet die Linie. In Bochum probierte man viele solcher Linien aus. In der Produktionszeit wurden dort viele verschiedene Rippentypen verwendet. Man zeichnete … man goss … man hörte zu. Und dann zeichnete man wieder. Eine Linie ändern … eine neue Glocke gießen … und wieder hinhören. So geht das über Jahre. Aus dieser Arbeit kam auch eine Rippe mit erstaunlich guter Resonanz. Resonanz bedeutet hier: Der Klang trägt weit und hält lange nach. Man hat diese Linie gezeichnet, damit die Glocke genau so nachklingt. Ein Beispiel dafür findet sich in Münster. In der Sankt-Gottfried-Kirche zu Münster hängt eine große Glocke, die in einer solchen Rippe gegossen wurde. Das ist Handwerk. Und es ist auch ein wenig Musik. Interessant wird es, wenn mehrere Glocken zusammen hängen. Denn dann müssen sie nicht nur für sich klingen … sondern auch miteinander. Eine Glocke hat nämlich nicht nur einen Ton. Ihr Klang besteht aus mehreren Tönen. Man nennt sie die Teiltöne. Sie klingen alle gleichzeitig … und zusammen ergeben sie das, was du hörst. Und genau deshalb hat man in Bochum die Rippentypen kombiniert. Auch innerhalb eines Geläutes … also innerhalb einer Gruppe von Glocken. So konnte man die Teiltöne einer Glocke an die Töne der anderen anpassen. In der Peterskirche zu Albisheim hat man genau das gemacht. Dort hängt ein Geläut … also mehrere Glocken, die gemeinsam läuten. Zunächst waren es vier. Und für dieses Geläut wählte man nicht eine einzige Rippenform … sondern verschiedene. Die größte Glocke bekam die eine Linie. Die zweitgrößte eine andere. Und die beiden kleinen wieder eine dritte. Jede Glocke mit der Rippe, die zu ihrer Aufgabe im Ganzen passt. So wurden die Töne aufeinander abgestimmt. Vier Linien … ein gemeinsamer Klang. Später kam dort noch eine Glocke aus Bronze dazu. So wachsen Geläute manchmal. Über die Jahre. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Jetzt gehen wir zurück in den Turm. Zu dem Raum aus Holz und Stein. Denn eine gegossene Glocke muss ja irgendwo hängen. Das Tragwerk dafür heißt Glockenstuhl. Ein Glockenstuhl ist ein Tragwerk für eine oder mehrere freischwingende Glocken. Freischwingend heißt: Die Glocke kann sich bewegen … sie hängt nicht starr fest. Und traditionell wird dieses Tragwerk in aufwendiger Zimmermannsarbeit gefertigt. Zimmermannsarbeit … das ist Arbeit mit Holz. Mit schweren Balken. Mit Verbindungen, die halten müssen … jahrzehntelang. Aufwendig steht hier nicht zufällig. Diese Arbeit braucht Zeit und Erfahrung. Die Balken sind vorwiegend aus Hartholz. Meistens aus Eiche. Seltener aus Nadelholz. Eiche ist ein schweres, dichtes Holz. Es hält viel aus. Und zwei Dinge muss man immer beachten. Die erforderliche Stabilität … und den nötigen Freiraum für die Schwingbewegung der Glocke. Denn die Glocke soll ja schwingen können. Sie braucht Platz um sich herum. Ein Gerüst, das hält … und doch Raum lässt. Die Balken eines hölzernen Glockenstuhls sind untereinander verzapft. Verzapft heißt: Ein Balken steckt im anderen. Holz greift in Holz. Eine alte Verbindung, ganz ohne Kleber. Zusätzlich verwendet man Winkel und Spannstangen aus Stahl. Sie werden gegen Rost geschützt … im besten Fall aus rostfreiem Stahl gefertigt. Holz und Metall arbeiten hier zusammen. Jedes an seiner Stelle. Stell dir diese Balken vor. Sie sind dick … dunkel … und sie kreuzen sich über dir. Zwischen ihnen hängt der schwere Körper aus Bronze. Holz trägt Metall. So einfach ist das Bild. Und so alt ist es auch. Ein Handwerk hält das andere. Die Glocke hängt dabei auf zwei Stützen. Auf jeder Seite eine. Und in jeder Stütze liegt ein Halblager. Ein Lager ist die Stelle, an der sich etwas drehen kann. An ihrer Krone ist die Glocke mit Eisenbändern befestigt. Diese Bänder halten sie an einem Tragbalken. Man nennt ihn das Glockenjoch. Das Joch liegt mit Stahlzapfen an seinen Enden in den Lagern. Und der Glockenstuhl nimmt die Kräfte auf, die beim Schwingen entstehen. Er leitet sie weiter … an das umgebende Gebäude. So verteilt sich, was die Glocke bewegt. Der Turm selbst hat einen eigenen Namen für seine Aufgabe. Ein Glockenturm ist ein Turm, in dem Glocken aufgehängt sind. Häufig in einem Glockenstuhl. Er kann freistehen … an ein Gebäude angebaut sein … oder auf einem Dach aufragen. Und fast jeder Kirchturm ist als Glockenturm ausgelegt. Das ist seine eigentliche Aufgabe. Manchmal steht der Turm auch allein neben der Kirche. In Ostfriesland ist das oft so. Dort steht der Glockenturm häufig frei daneben. Und er ist dann meist relativ niedrig gebaut. Das hat mit dem Untergrund zu tun. Der Boden muss die Last ja tragen. In Italien stehen solche freistehenden Glockentürme besonders oft neben den Kirchen. Dort nennt man sie Campanile. Ein eigenes Wort … für einen eigenen Turm. Und es gibt Glockentürme auch an ganz anderen Bauten. An Rathäusern. An Schulen. Dort zeigen die Glocken die Zeit an. Auch im neunzehnten Jahrhundert war das verbreitet. Auf Gutshöfen standen Glockentürme mit Uhrenschlagwerken … zur Zeitgebung. Ein Ton … damit alle wussten, wie spät es ist. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Und irgendwann wartet sie nicht mehr. Dann bewegt sie sich. Und dann entsteht Klang. Aber dieser Klang ist ja oben im Turm. Hinter dickem Mauerwerk. Er muss noch hinaus. Bei gemauerten Glockentürmen geht der Schall durch Schallöffnungen nach außen ab. Schallöffnungen sind Öffnungen in der Turmwand … dort, wo die Glocken hängen. Durch sie verlässt der Klang den Turm. Deshalb sind Kirchtürme oben nicht geschlossen. Deshalb haben sie diese hohen, schmalen Öffnungen. Sie sind der Weg nach draußen. Ein Ton geht durch eine Wand … weil man ihm eine Tür gelassen hat. Häufig sind diese Öffnungen mit Schallläden verdeckt. Das sind Jalousien aus Holz. Schräg nach unten gestellt. Man nennt sie auch Schalljalousien. Sie lassen den Klang hinaus … und sie lenken ihn ein wenig nach unten. Sie haben für den Glockenschall eine gewisse Richtwirkung. Und sie halten das Wetter draußen. Regen … Schnee … Wind. Eine Öffnung, die zugleich schützt. Und dann ist er draußen. Über den Dächern. Über den Straßen. Über den Gärten. Vielleicht bis zu einem offenen Fenster. Glocken haben einen charakteristischen Klang. Du erkennst ihn sofort. Auch wenn du gerade an etwas ganz anderes denkst. Er ist nicht zu verwechseln. Ein dunkler Anschlag … und dann ein langes Nachklingen. Und während es nachklingt … wird es leiser und leiser. Dieser Klang hat vor allem mit zwei Dingen zu tun. Er ist hauptsächlich von der geometrischen Form der Glocke abhängig … also von ihrer Rippe. Und von der Metalllegierung. Also davon, woraus sie besteht. Form und Material. Das sind die wichtigsten Einflüsse. Die Linie auf dem Brett … und das Metall im Ofen. Beides zusammen ergibt den Ton, den du hörst. Dazu kommen die Bedingungen beim Guss selbst. Der Formprozess … die Gusstemperatur … die Witterung … die Abkühlung. Jeder dieser Einflüsse wirkt mit … bei jedem einzelnen Guss. Davon erzähle ich dir später noch. Es gibt noch etwas Merkwürdiges am Klang einer Glocke. Der Ton, den du zu hören meinst … ist gar nicht direkt messbar. Man nennt ihn den Schlagton. Die Teiltöne sind reale Töne. Sie lassen sich messen. Der Schlagton aber ist ein virtueller Ton. Er entsteht erst in deinem Gehirn … aus den Teiltönen zusammen. Du hörst also etwas, das die Glocke so gar nicht aussendet. Dein Gehör setzt es zusammen. Und trotzdem ist es genau der Ton, den alle meinen, wenn sie von der Glocke sprechen. Die fünf tiefsten Teiltöne haben einen eigenen Namen. Man nennt sie die Prinzipaltöne. Die höheren heißen Mixturtöne. Die Prinzipaltöne sind in der Regel stärker. Und sie klingen länger nach. Deshalb sind sie für den Klang von fundamentaler Bedeutung. Das Tiefe trägt. Das Hohe schmückt. Und zusammen ergibt es den einen Ton. Es gibt noch einen Zusammenhang, den man schon im Mittelalter kannte. Er betrifft die Größe. Wenn zwei Glocken aus demselben Metall bestehen … und die eine genau doppelt so groß ist wie die andere … dann klingt die kleinere eine Oktave höher. Eine Oktave ist der Abstand von einem Ton zum nächsten mit demselben Namen. Und ihre Masse beträgt nur ein Achtel. Der halbe Durchmesser … ein Achtel des Gewichts. Das ist ein sehr klares Verhältnis. Man hat das damals schon gewusst. Ohne Messgeräte. Nur durch Zuhören und Nachdenken. Jetzt kommen wir zu dem Gedanken, der mir an diesem Thema am besten gefällt. Er hat mit der Form zu tun … und mit dem Lehm. Glocken werden mit verlorener Form gegossen. Verlorene Form … auch das ist ein Fachwort. Und es sagt genau, was geschieht. Die Form wird beim Guss verbraucht. Sie bleibt nicht übrig. Man kann sie nicht ein zweites Mal verwenden. Sie hat eine einzige Glocke hervorgebracht … und mehr nicht. Denk an die falsche Glocke, die zerschlagen wurde. Und an den Mantel, der nur einmal passt. Und daraus folgt etwas Schönes. Weil Glocken mit verlorener Form gegossen werden … ist jede Glocke ein Unikat. Unikat heißt: Es gibt sie nur ein einziges Mal. Und jede hat einen individuellen Klang. Keine zweite klingt genau so wie sie. Nicht, weil man es so wollte. Sondern weil es nicht anders geht. Die Form war einmalig. Also ist die Glocke einmalig. Und also ist der Klang einmalig. Deshalb ist auch das Wort Umguss nicht ganz genau. Man sagt es, wenn eine neue Glocke aus dem Material einer alten entsteht. Aber es ist keine exakte Bezeichnung. Auch mit modernsten Hilfsmitteln lässt sich eine Vorgängerglocke nicht genau nachempfinden. Zu viele Dinge wirken mit. Der Formprozess … die Gusstemperatur … die Witterung … die Abkühlung. Jeder dieser Einflüsse verändert etwas. Also ist eine umgegossene Glocke immer eine neue Glocke. Eine, bei der idealerweise Material der Vorgängerin verwendet wurde. Aber eine neue. Traditionell gibt man bei solchen Glocken beide Gussjahre an. Das Jahr der Vorgängerin … und das Jahr der neuen Glocke. So bleibt beides sichtbar. Denk einmal darüber nach … ganz ruhig. Jede Glocke, die du in deinem Leben gehört hast … war die einzige ihrer Art. Die im Dorf deiner Kindheit. Die in einer fremden Stadt, an einem Sonntagmorgen. Jede mit ihrer eigenen Linie. Jede mit ihrer eigenen Form aus Lehm, die es nicht mehr gibt. Jede mit ihrem eigenen Ton. Das ist ein beruhigender Gedanke. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Sie hat keine Eile. Sie hatte nie Eile. Sie hat in der Form gewartet, bis sie kalt war. Sie hat auf dem Weg in den Turm gewartet. Und jetzt hängt sie an ihrem Balken … zwischen Holz und Stein … und wartet auf den nächsten Anschlag. Lass uns noch einmal hinaufgehen. Ein letztes Mal. Die Treppe … Stufe um Stufe. Das kühle Mauerwerk. Der Raum oben. Die Glockenstube. Die schweren Balken über dir. Der Glockenstuhl. Die Eiche, dunkel geworden über die Jahre. Und darunter der dunkle Körper aus Bronze. Rundum gleich. Um seine Mittelachse. Gezeichnet als eine Linie … auf einem Brett. Gegossen in eine Form, die es nicht mehr gibt. Durch die Schallöffnungen kommt Abendluft herein. Die Schallläden stehen schräg. Zwischen ihnen liegen schmale Streifen Himmel. Es ist still hier oben. Jetzt gerade. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Sie wartet ruhig. So wie du jetzt ruhig liegst. Bronze … Lehm … Holz … Stein. Vier alte Dinge. Für einen einzigen Ton. Eine Linie wurde gezeichnet. Ein Metall wurde heiß. Eine Form wurde kalt. Und dann war eine Glocke da … die es nur einmal gibt. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Sie wartet noch lange. Länger als diese Nacht. Du musst auf nichts warten. Du darfst jetzt loslassen. Es ist alles ruhig. Oben im Turm. Und hier bei dir. Die Glocke hängt. Und sie wartet. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.