Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Der Dachs und sein tiefer Bau am Waldrand
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- Stell dir einen Wald vor … an einem Hang, hoch über einem Tal. Der Boden ist weich … bedeckt mit dem Laub vom letzten Jahr. Er fällt ganz langsam ab. Schritt für Schritt … hinunter in Richtung Tal. Zwischen den Bäumen wächst Gebüsch. Dicht … niedrig … voller kleiner Zweige. Es ist Abend geworden. Die Sonne ist fort. Zwischen den Stämmen steht noch ein Rest Licht … ein wenig Grau … ein wenig Blau. Und gleich wird auch das verschwunden sein. Du musst jetzt nichts tun. Du musst nur zuhören. Den Rest macht der Wald. Am Rand dieses Waldes … dort, wo die Bäume aufhören und offenes Land beginnt … liegt eine Öffnung im Boden. Sie ist rund. Sie ist dunkel. Und sie ist größer, als du vielleicht denkst. Vor der Öffnung liegt Erde. Sie ist von innen nach außen geschoben worden. Ein Tier hat sie dort hingeschoben … Pfote für Pfote … in vielen Nächten. Das ist der Eingang zu einem Bau. Und tief drinnen, unter den Wurzeln … wartet jemand auf die Dunkelheit. Er hat einen breiten, niedrigen Körper. Kurze Beine. Und ein Gesicht mit schwarzen und weißen Streifen. Es ist der Dachs. Er hört den Abend kommen. Und er hat Zeit. Dachse sind meist nachtaktiv. Das heißt: Der Tag gehört ihnen nicht. Der Tag gehört der Erde … dem Bau … dem Schlaf. Erst wenn das Licht geht, beginnt für sie der Weg nach draußen. Der Wald wird dunkel … und der Dachs kommt heraus. Das ist die einfachste Beschreibung von diesem Abend. Und sie stimmt an fast jedem Abend im Jahr. Während du zur Ruhe kommst … kommt er hervor. Ganz ohne Eile. Ganz ohne Hast. Das ist ein beruhigender Gedanke. Es gibt ein Tier, das genau dann anfängt … wenn du aufhörst. Schauen wir uns zuerst die Landschaft an, in der er lebt. Der Dachs besiedelt meist hügelige Landschaften. Reich strukturiert nennt man sie. Das Wort klingt sperrig … aber es meint etwas Einfaches. Es meint: viele verschiedene Dinge nebeneinander. Ein Stück Wald. Daneben ein Gehölz … eine Gruppe aus Bäumen und Büschen. Daneben eine Hecke … ein schmaler Streifen aus Sträuchern am Rand eines Feldes. Dann wieder Wald. Dann wieder offenes Land. Waldungen, Gehölze oder Hecken. Das sind seine Stichworte. Und dazu Hügel. Ein Boden, der steigt … und wieder fällt. Nicht das eine, nicht das andere. Sondern beides im Wechsel. Einen Wald mag er besonders gern. Bevorzugt werden Laubmischwälder mit einer ausgeprägten Strauchschicht. Ein Laubmischwald ist ein Wald aus mehreren Baumarten, die im Herbst ihre Blätter verlieren. Und die Strauchschicht … das ist die Etage darunter. Die Büsche zwischen den Stämmen. Das Gehölz in Hüfthöhe und in Schulterhöhe. Ausgeprägt heißt hier nur: Davon gibt es viel. Unter den hohen Bäumen wächst also noch eine zweite Welt … eine niedrige, dichte Welt. Dort bewegt sich der Dachs. Er braucht keine Weite. Er braucht Deckung. Es gibt auch Landschaften, die er weitgehend meidet. Große, geschlossene Waldgebiete gehören dazu. Dort steht Baum an Baum, über viele Kilometer … und der Rand fehlt. Auch reine Koniferenbestände meidet er. Koniferen sind die Nadelbäume … Fichten, Tannen, Kiefern. Ein Wald nur aus Nadelbäumen ist ihm zu einförmig. Auch Dünenlandschaften meidet er … der Sand hält keinen Gang. Und ausgedehnte Feuchtgebiete ebenso … dort steht das Wasser im Boden. Ein Bau braucht trockene Erde. Sonst wird aus der Kammer eine Pfütze. Ein Wort noch zu seinem Namen und zu seiner Verwandtschaft. Der Dachs ist ein Raubtier aus der Familie der Marder. Das überrascht manche Menschen. Denn beim Wort Marder denkt man an etwas Schlankes … an etwas Schnelles. Der Dachs ist weder das eine noch das andere. Und trotzdem gehört er dazu. In den Büchern heißt er Europäischer Dachs. Die Fachleute nennen ihn Meles meles. Ein Name, der zweimal dasselbe sagt … und der leise klingt, wenn man ihn ausspricht. Meles meles. Zu diesem Namen gehört eine kleine Geschichte aus der Wissenschaft. Es gibt einen Begriff dafür: die Gattung. Eine Gattung ist eine Gruppe von nah verwandten Arten, die man zusammen einordnet. Der Europäische Dachs ist eine Art aus der Gattung Meles. Das war nicht immer so. Noch bis Anfang der zweitausender Jahre fasste man die Dachse dieser Gattung in einer einzigen Art zusammen. Dann sah man genauer hin … und teilte sie auf. Das Tier im Wald hat davon nichts bemerkt. Es hat weiter gegraben. So wie vorher. Eine Einordnung ist dabei wichtig für diesen Abend. Von allen Dachsen ist der Europäische Dachs der einzige, der in Europa vorkommt. Er ist zugleich der bekannteste. Wenn hier also jemand Erde aus einem Hang schiebt … dann ist er es. Manche Tiere tragen den Namen Dachs, ohne dazuzugehören. Der Honigdachs zum Beispiel. Ein Name ist eben nicht immer eine Verwandtschaft. Und die Familie darüber ist noch größer. Zur Familie der Marder gehören auch die Otter … die Iltisse … die Nerze … und die Wiesel. Die meisten von ihnen sind langgestreckt und schlank … und geschmeidig. Nur zwei fallen aus der Reihe: die Dachse und die Vielfraße. Sie sind stämmig gebaut und eher plump. Der Größenunterschied in dieser Familie ist beträchtlich. Das Mauswiesel wiegt etwa fünfundzwanzig Gramm. Damit ist es das kleinste Raubtier überhaupt. Der Dachs daneben ist ein schweres Tier. Auch die Sprache hat für ihn Namen gefunden. In der Fabel heißt er Grimbart. Das ist der alte, volkstümliche Name für den Dachs. Und einen Titel haben ihm die Menschen auch gegeben. Im Jahr zweitausendzehn war der Dachs das Wildtier des Jahres … in Deutschland und in Österreich. Ein Titel für ein Tier, das davon nie etwas erfahren hat. Und das Wort Dachs selbst ist noch älter. Es stammt aus dem Mittelhochdeutschen … und davor aus dem Althochdeutschen. Dort hieß es dahs. Die Sprachforscher führen es auf einen Wortstamm zurück, der bauen bedeutet … oder zimmern. Verwandte Wörter in anderen alten Sprachen meinen den Zimmermann. Das Tier ist also womöglich nach seiner Baukunst benannt worden. Ein Name, der schon alles verrät. Der Bauende. Der Zimmermann unter den Wurzeln. Jetzt zu seinem Körper. Der Dachs ist kompakt und gedrungen. Ein Erdmarder … ein Marder, der in der Erde lebt. Sein Körper ist breit und niedrig und schwer. Von der Nase bis zum Ansatz des Schwanzes misst er etwa vierundsechzig bis achtundachtzig Zentimeter. Der Schwanz selbst ist kurz … elf bis achtzehn Zentimeter. Und er wiegt meist sieben bis vierzehn Kilogramm. Nichts daran ist auf Höhe gebaut. Alles daran ist auf Tiefe gebaut. Männchen und Weibchen ähneln sich stark. Weibchen sind in der Regel etwas kleiner, schlanker und leichter. Die Unterschiede sind fein. Man muss sie suchen. Das Männchen ist kräftiger gebaut. Sein Schädel ist breiter und oben stärker gerundet. Im Profil wirkt seine Schnauze stumpfer … der Kopf kürzer … der Hals fülliger. Sein Schwanz ist oft dünner und mit weißen Haaren durchsetzt. Das Weibchen dagegen trägt einen schmaleren Kopf … oben flacher. Mehr ist es nicht. Zwei Tiere, die einander sehr ähnlich sehen. Im Dunkeln würdest du sie ohnehin nicht auseinanderhalten. Der Kopf dagegen ist schlank. Er läuft nach vorn spitz zu … und endet in einer rüsselartigen Schnauze. Diese Schnauze ist beweglich. Sie schiebt sich durch Laub … und durch lockere Erde. Die Nase ragt dabei ein gutes Stück über die Unterlippe hinaus. Sie ist das erste, was von ihm in der Erde ankommt. Ein breiter Körper. Ein schmaler Kopf. So passt beides in einen engen Gang. Der Körper füllt ihn aus. Der Kopf geht voran. Unter der Haut ist dieser Kopf schwer. Der Schädel des Dachses wird gut fünfzehn Zentimeter lang. Er ist massig. Oben auf ihm sitzt ein Kamm aus Knochen … der Scheitelkamm. Er wird bis zu sechzehn Millimeter hoch. Ein schmaler Grat aus Knochen. Und das Gebiss darunter ist zum Schneiden und zum Zermahlen ausgelegt. Meist sind es achtunddreißig Zähne. Abweichungen von dieser Zahl sind nicht ungewöhnlich … weil oft die vordersten Backenzähne gar nicht erst ausgebildet werden. Ein Gebiss für alles. Passend zu einem Tier, das alles frisst. Und dann ist da das Gesicht. Charakteristisch ist vor allem die schwarz-weiße Zeichnung des Kopfes. Der Kopf ist oben überwiegend weiß. Auch die Lippen und das Kinn sind weiß. Von den Mundwinkeln ziehen zwei schwarze Streifen nach hinten. Sie laufen an der Schnauze entlang … und werden dabei breiter. So liegen die Augen mitten im Dunkeln … wie hinter einer Maske. Die Ohren fallen auf, weil sie weiße Ränder tragen. Im Nacken werden die Streifen heller. Und dann gehen sie über in das silbrige Grau des Rückens. Auch das Fell lohnt einen ruhigen Blick. Die langen Deckhaare heißen Grannenhaare. Das sind die kräftigen Haare, die über der weichen Unterwolle liegen. Zwei Sorten Haar also. Die Deckhaare oben … die Wollhaare darunter. Zusammen ergeben sie das Fell. Es schützt die Haut … und es speichert die Wärme. Auf dem Rücken werden sie bis zu elf Zentimeter lang. An den Flanken sogar bis zwölf. Die Flanken können dabei einen strohgelben Ton haben. Die Unterseite ist dunkel … schwarzbraun, bis hinauf zur Kehle. Und die Farben verändern sich mit den Jahren. Im ersten Lebensjahr ist der Kontrast am deutlichsten. Ältere Dachse werden zunehmend heller. Ein altes Tier trägt ein helleres Fell als ein junges. Die Augen sind recht klein. Ihre Iris ist dunkelbraun. Die Pupillen sind rund. Sehr viel muss dieses Auge nicht leisten. Der Dachs ist in der Dunkelheit unterwegs. Er findet seinen Weg nicht über das Licht. Er findet ihn über den Geruch … und über das Gehör. Deshalb geht er auch so, wie er geht: den Kopf tief … die Schnauze nah am Boden. Er liest die Erde, während er geht. Schritt für Schritt. Geruch für Geruch. Der Wald wird dunkel … und der Dachs kommt heraus. Schauen wir auf seine Pfoten. Denn dort liegt sein eigentliches Werkzeug. Der Dachs hat kräftige Grabpfoten. An den Vorderpfoten sitzen lange Krallen … hornfarben … und nach unten gebogen. Sie sind doppelt so lang wie die Krallen der Hinterpfoten. Sie sind zum Graben gut geeignet. Für nichts sonst. Kein Klettern. Kein Halten. Nur Erde. Du kannst dir das vorstellen wie eine kleine Schaufel an jedem Fuß. Eine Schaufel, die der Dachs immer dabeihat. Auch das Auftreten lohnt einen Blick. Es gibt dafür ein Wort: Sohlengänger. Sohlengänger sind Tiere, die den ganzen Fuß aufsetzen … von der Ferse bis zu den Zehen. Der Dachs ist kein reiner Sohlengänger. Er setzt nur den vorderen Teil der Pfote auf … die Zehen und den Ballen dahinter. Der hintere Teil der Pfote bleibt oben. Er berührt die Erde nicht. Ein kleiner Unterschied … den man im Laub nicht sieht. Aber er ist da. Bei jedem Schritt. Und damit gräbt er. Der Dachs gräbt sich im Waldboden einen Bau. Auch der Fuchs gräbt. Aber der Bau des Dachses ist meist größer. Er geht tiefer. Er geht weiter. Er hat mehr Öffnungen. Das Graben geschieht nicht an einem Abend. Es geschieht über Wochen … über Jahre … über sehr lange Zeit. Jede Nacht ein Stück. Jede Nacht ein wenig Erde nach draußen. Und irgendwann ist aus dem Loch ein Haus geworden. Ein Haus ohne Wände. Ein Haus aus Boden. Die Lage wählt der Dachs nicht zufällig. Baue werden oft in Waldrandhabitaten angelegt … also dort, wo der Wald aufhört. Und sie werden oft an Hängen angelegt. Ein Hang hat einen Vorteil. Das Wasser bleibt nicht stehen … es läuft nach unten ab. Diese Hänge sind oft nach Süden oder nach Westen hin ausgerichtet. Nach Süden. Dorthin, wo am Tag die Sonne steht. Nach Westen. Dorthin, wo sie am Abend hingeht. Ein warmer Hang also. Ein trockener Hang. Ein guter Platz zum Graben. Und nun das Erstaunlichste an diesem Bau. Dachsbaue können Jahrzehnte alt sein. Nicht Jahre. Jahrzehnte. Ein Bau kann älter sein als der Dachs, der darin wohnt. Viel älter. Solche Baue werden oft über Generationen hinweg genutzt. Und sie können enorme Ausmaße annehmen … mit mehreren Etagen. Stell dir das vor. Ein Gang oben. Darunter ein zweiter. Darunter ein dritter. Alle in der Erde. Alle im Dunkeln. Über dem Ganzen stehen Bäume … und wachsen weiter, als sei da nichts. Doch darunter liegt ein ganzes Stockwerk. Dachse gehen gern in die Tiefe. In etwa fünf Meter Tiefe liegt der Wohnkessel. Kessel ist das alte Wort aus der Jägersprache für den Hauptraum eines Baues. Es ist die Kammer, in der das Tier liegt und schläft. Fünf Meter. Das ist weiter unten, als man denkt. Dort oben geht Wind durch die Kronen. Dort oben wird es kalt und wieder warm. Dort unten geschieht nichts davon. Dort unten bleibt die Temperatur, wie sie ist. Und genau dorthin geht der Dachs, wenn die Nacht zu Ende ist. Der Wohnkessel liegt nicht für sich allein. Er ist über zahlreiche Gänge mit der Oberfläche verbunden. Diese Gänge haben zwei Aufgaben. Sie dienen der Luftzufuhr … und sie dienen als Ein- und Ausgänge. Das eine ist so wichtig wie das andere. Durch die Röhren zieht Luft von oben nach unten. Langsam. Stetig. Den ganzen Tag über, während das Tier schläft. Und am Abend wird aus derselben Röhre ein Weg nach draußen. Luft und Weg. Beides im selben Gang. Für Behausungen von Tieren hat die Sprache viele Wörter. Der Kessel ist eines davon. Ein anderes ist die Röhre. Röhre heißt der oberflächliche Ausgang eines Baues … also die Öffnung im Hang. Andere Tiere haben andere Wörter. Das Eichhörnchen hat einen Kobel. Der Greifvogel hat einen Horst. Und wozu das alles gut ist, ist bei allen dasselbe. Ein Tierbau schützt vor Fressfeinden … und vor dem Wetter, das oben wechselt. Unten wechselt es nicht. Jetzt kommt die schönste Einzelheit. Im Gegensatz zum Fuchs polstert der Dachs den Kessel seines Baues aus. Er trägt trockenes Laub hinein. Oder Moos. Oder Farnkraut. Er holt es von draußen … und schiebt es in die Tiefe. Ein Fuchs macht das nicht. Ein Fuchs legt sich auf die blanke Erde. Der Dachs legt sich auf etwas Weiches. Er macht sich ein Bett. Wirklich ein Bett. Aus Laub … aus Moos … aus Farn. Fünf Meter unter den Wurzeln liegt ein Tier in trockenem Laub. Der Wald wird dunkel … und der Dachs kommt heraus. Ein Dachsbau kann über sehr lange Zeit benutzt werden. Er wird nicht fertig. Er hört nie auf zu wachsen. Jede Generation dehnt ihn weiter aus. Und jede Generation fügt weitere Wohnkammern hinzu. Ein Tier gräbt eine Kammer. Später gräbt ein anderes eine weitere. Später noch eine. Und noch eine. Keines von ihnen weiß, wer angefangen hat. Sie graben einfach dort weiter, wo der Boden schon offen ist. Wie groß so ein Bau werden kann, hat man in England nachgemessen. Ein dort untersuchter Dachsbau umfasste fünfzig Kammern. Fünfzig Kammern … und einhundertachtundsiebzig Eingänge. Die Gänge dazwischen ergaben zusammen achthundertneunundsiebzig Meter Tunnel. Fast ein Kilometer Weg. Unter der Erde. Im Dunkeln. Niemand hat das geplant. Es ist einfach so gewachsen. Kammer um Kammer. Gang um Gang. Und oben darüber ein Stück Wald, das davon nichts zeigt. Es gibt noch eine zweite Zahl, die von Zeit erzählt. Bei Malchin in Mecklenburg-Vorpommern wurde ein Bau untersucht. Dort fand man tief unten Knochenreste. Sie sind mindestens dreizehntausend Jahre alt. Das sagt zunächst nur eines: So alt sind die Knochen, die dort im Boden lagen. Wer in all der Zeit an dieser Stelle gegraben hat, weiß niemand. Dreizehntausend Jahre. Das ist kaum zu fassen. Aber man muss es auch nicht fassen. Es genügt zu wissen: Der Boden dort hat ein sehr langes Gedächtnis. Woran erkennt man nun, ob ein Bau einem Dachs gehört. Das ist überraschend einfach. In der Nähe von Dachsbauen liegen regelmäßig die sogenannten Dachsabtritte. Der Dachs setzt seinen Kot in kleine Erdlöcher, die er eigens dafür gräbt. Er macht das ordentlich. Immer an derselben Art von Stelle. Typisch ist außerdem eine ausgetretene Rinne am Eingang. Das Geschleif. Sie geht über in einen deutlich erkennbaren Pfad … den Dachs-Pass. Ein Weg, der entstanden ist, weil ihn jemand jede Nacht geht. Manchmal ist der Bau gar nicht allein bewohnt. Nicht selten werden die Baue von Fuchs und Dachs gemeinsam bewohnt. Zwei verschiedene Tiere. Ein gemeinsames Haus. Jedes mit eigenen Gängen. Jedes mit eigenen Zeiten. So groß ist dieser Bau, dass darin Platz für beide ist. Der Wald wird dunkel … und der Dachs kommt heraus. Und irgendwo aus einer anderen Röhre desselben Hügels … kommt an manchen Abenden ein Fuchs. Und wie lebt der Dachs mit seinesgleichen. Die Fachleute sprechen von einem Clan. Das ist eine Gruppe von Dachsen, die einen Bau teilt. Auf den Britischen Inseln leben Europäische Dachse teilweise in gemischten Gruppen von bis zu dreiundzwanzig Tieren. Dreiundzwanzig. In einem einzigen Bau. Andernorts in Europa ist das anders. Dort sind sie Einzelgänger … oder sie leben paarweise. Dasselbe Tier. Dieselbe Art. Und doch zwei ganz verschiedene Arten zu wohnen. Zur Verständigung nutzt der Dachs vor allem den Geruch. Zwischen Schwanzwurzel und After liegt eine Drüse … die Analdrüse. Eine Drüse ist ein Organ, das ein Sekret abgibt. Mit diesem Sekret markiert der Dachs. Er markiert die Grenzen seines Gebietes … und Material in der Nähe des Baues. Und er markiert auch die Artgenossen selbst. So könnte die Gruppe untereinander wissen, wer dazugehört. Eine Nachricht ohne Laut. Eine Nachricht, die man nur riechen kann. Der Geruchssinn ist bei den Mardern überhaupt stark ausgeprägt. Er dient dem Finden von Beute … und der Verständigung mit Artgenossen. Auch der Gesichtssinn und der Gehörsinn sind gut entwickelt. Und noch etwas gilt für diese ganze Familie. Marder sind in der Regel leise. Sie geben kaum Laute von sich … damit sie keine Aufmerksamkeit erregen. Ein Tier, das leise durch den Abend geht. Und das riecht, wo es langgeht. Bis ein junger Dachs zur Welt kommt, vergeht viel Zeit. Denn davor liegt etwas Ungewöhnliches. Die Fachleute nennen es Keimruhe. Keimruhe heißt: Die befruchtete Eizelle wartet. Sie entwickelt sich zunächst nur zu einem winzigen Zellhaufen … und dann ruht sie. Sie ruht bis zum Winter. Erst zwischen Anfang Dezember und Mitte Januar nistet sie sich in die Gebärmutter ein. Dann erst beginnt die eigentliche Tragzeit. Sie dauert fünfundvierzig Tage. Deshalb liegen zwischen Paarung und Geburt oft viele Monate. Auch das Werden hat hier keine Eile. Im Frühjahr kommen die Jungen zur Welt. In Mitteleuropa werden die meisten von ihnen Anfang März geboren. Ein Wurf besteht aus ein bis fünf Jungen … meist aber aus zwei oder drei. Sie sind bei der Geburt blind. Ihr Haarkleid ist noch schütter und weißlich. Schon nach einer Woche zeigt sich die arttypische Färbung … zunächst noch schwach. Die schwarz-weiße Gesichtsmaske ist von Anfang an angelegt. Sie muss nur noch deutlicher werden. Die ersten Wochen verbringen die Jungen ganz unten. Ihre Augen öffnen sich erst nach vier bis fünf Wochen. Im Alter von sechs bis sieben Wochen bewegen sie sich frei in den Gängen des Baues. Da kennen sie noch keinen Wald. Sie kennen nur Erde und Dunkelheit. Den Bau verlassen sie meist erst nach neun bis zehn Wochen zum ersten Mal. Mindestens zwölf Wochen werden sie gesäugt. Die Weibchen haben dafür im Allgemeinen drei Paar Zitzen … selten weniger, selten mehr. Das erste Draußen kommt also spät. Und es kommt langsam. So wie alles bei diesem Tier. Auch die Maße am Anfang sind klein. Bei der Geburt ist so ein Junges zwölf bis achtzehn Zentimeter lang. Und es wiegt neunzig bis einhundertzehn Gramm. Das Gebiss entwickelt sich innerhalb von fünfzehn bis siebzehn Wochen. Danach nimmt das Tier stetig zu … an Gewicht und an Größe … bis in den Dezember hinein. Bis zum zweiten Lebensjahr bleiben die Jungen meist im Clan. Dann beginnen sie abzuwandern. Weibchen häufiger als Männchen. Und einige bleiben dauerhaft bei ihrer ursprünglichen Familie. In Gefangenschaft können Dachse bis zu fünfzehn Jahre alt werden. Fünfzehn Jahre. Das sind sehr viele Nächte am selben Hang. Jetzt gehen wir mit dem erwachsenen Dachs nach draußen. Denn nachts sucht er Nahrung. Er nutzt ein sehr breites Nahrungsspektrum. Das heißt: Er ist nicht auf eine einzige Sache festgelegt. Und sein Speiseplan wechselt mit dem Jahr. Je nach Jahreszeit besteht seine Kost mehr aus tierischer … oder mehr aus pflanzlicher Nahrung. Einmal das eine. Einmal das andere. Er nimmt, was der Boden gerade hergibt. Und der Boden gibt in jedem Monat etwas anderes her. Im Sommer und im Herbst spielt die pflanzliche Kost eine große Rolle. Dann nutzt der Dachs das jahreszeitliche Angebot. Wildobst. Beeren. Wurzeln und Knollen. Sämereien. Pilze. Dazu Getreide, Mais und Feldfrüchte aller Art aus dem offenen Land. Es klingt fast wie eine Aufzählung aus einem Korb. Und genau so kannst du es dir denken. Ein Tier geht durch den Abend … und sammelt ein, was reif geworden ist. Nicht mehr. Nicht weniger. In manchen Jahren gibt es besonders viel von einer Sache. Die Förster haben dafür ein Wort: das Mastjahr. Ein Mastjahr ist ein Jahr, in dem die Bäume besonders viele Früchte tragen. In solchen Jahren werden Eicheln intensiv als Nahrung genutzt. Dann liegt der Boden voll davon. Unter jeder Eiche eine Schicht aus kleinen, harten Früchten. Der Dachs muss dann nicht weit gehen. Er geht ein paar Schritte … und findet genug. So ein Jahr macht den Herbst leicht. Die tierische Nahrung ist meistens klein. Einen großen Anteil machen Regenwürmer aus. Ein Regenwurm ist leicht. Aber es gibt viele davon. Dazu kommen Insekten in vielen Formen. Larven von Mai- und Mistkäfern. Laufkäfer. Nachtfalter. Auch die erwachsenen Hautflügler gehören dazu … also Bienen, Wespen und ihre Verwandten. Die Fachleute nennen die erwachsenen Insekten Imagines. Ein Wort, das man nicht braucht. Aber ein schönes Wort für den Abend. Und es gibt noch ein paar weitere Tiere auf seinem Speiseplan. Schnecken zum Beispiel. Sie spielen allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Bei den Kleinsäugern sind vor allem Wühlmäuse vertreten. Seltener gehören Spitzmäuse oder Maulwürfe dazu. Alles davon lebt im Boden … oder dicht darüber. Und genau dort sucht der Dachs mit seiner Schnauze. Deshalb ist er kein ausgesprochener Fleischfresser, wie andere Marder es sind. Er ist ein Allesfresser. Er nimmt beides. Der Wald wird dunkel … und der Dachs kommt heraus. Zur Nahrungssuche werden nicht selten offene Flächen aufgesucht. Wiesen. Felder. Land ohne Bäume. Diese Flächen können im Umkreis von mehreren hundert Metern des Baues liegen. Das ist sein Radius für die Nacht. Er geht hinaus … und er kommt zurück. Der Bau bleibt dabei immer der Mittelpunkt. Er ist der Punkt, von dem aus alles gemessen wird. Ein paar hundert Meter hin. Ein paar hundert Meter zurück. Es gibt eine Zeit im Jahr, in der er kaum herauskommt. In den kälteren Gegenden halten Dachse eine Winterruhe. Winterruhe heißt hier: Das Tier bleibt unten … und es ruht. Aber es ruht nicht in einem Stück. Die Ruhe hat Unterbrechungen. Sie kann einige Tage dauern … oder mehrere Monate. Das hängt vom Wetter ab. Einen festen Termin gibt es nicht. Der Grund ist einfach. Im Winter ist seine Nahrung schwer erreichbar. Also wartet er. Unten, im trockenen Laub. Jetzt machen wir den Blick weit. Denn dieses Tier lebt nicht nur an diesem einen Hang. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über ganz Europa. Und von dort geht es weiter nach Osten. Bis zur Wolga. Bis zum Kaukasus. Und bis nach Afghanistan. Europa ist also nur ein Teil davon … wenn auch der größte. Im Westen beginnt das Gebiet bei den Britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel. In jedem dieser Länder gibt es Hänge. In jedem gibt es Waldränder. Dieselbe Öffnung. Dieselbe Erde davor. Es gibt auch Orte, an denen er fehlt. Im Süden reicht die Verbreitung bis zum Mittelmeerraum. Auf den meisten Inseln dort fehlt der Dachs. Auf den Balearen. Auf Kreta. Auf Rhodos. Auch in Flandern gibt es eine Lücke … und in der italienischen Poebene. Ein Verbreitungsgebiet ist eben keine gleichmäßige Fläche. Es hat Ränder. Und es hat Löcher. Das ist ganz normal. Das ist bei fast jedem Tier so. Es gibt auch eine Grenze nach oben. Die obere Grenze der Höhenverbreitung liegt meist bei eintausendzweihundert bis eintausendsiebenhundert Metern. Das ist schon weit über den Tälern. Seltener ist die Art auch noch höher anzutreffen. Bis zweitausend Meter in den Alpen. Und bis zweitausendfünfhundert Meter im Kaukasus. In den Alpen und im Kaukasus geht es dann aber nicht mehr um Baue. Dort oben findet man größtenteils nur noch Nachweise von einzelnen Tieren. Ein Dachs, der einmal dort war. Mehr nicht. Und es gibt noch eine andere Richtung. Zunehmend sind Dachse auch in Parks zu finden. Im Randbereich von Siedlungen. In Gärten. Auch dort gibt es Hecken. Auch dort gibt es Gehölz. Auch dort gibt es weichen Boden unter einer Böschung. Vielleicht gibt es das gar nicht weit von dir. Ein Bau am Rand eines Parks. Eine Öffnung hinter einem Busch. Du hast sie nie gesehen. Und trotzdem kann sie da sein. Das ist kein beunruhigender Gedanke. Das ist ein freundlicher. Jetzt gehen wir zurück an unseren Hang. Die Nacht ist inzwischen ganz da. Der Dachs ist unterwegs … irgendwo zwischen Waldrand und Wiese. Er geht langsam. Er bleibt stehen. Er sucht im Laub. Er hat keinen Weg, den er einhalten muss. Hinter ihm liegt der Bau. Dunkel. Offen. Wartend. Darin die Gänge. Darin die Kammern. Und tief unten der Kessel mit dem trockenen Laub. Er weiß genau, wo das alles ist. Und irgendwann in dieser Nacht kehrt er um. Er geht dieselben paar hundert Meter zurück. Er findet die ausgetretene Rinne im Hang. Er geht hinein. Ein Gang. Dann eine Biegung. Dann tiefer. Die Geräusche von draußen werden leiser … und dann hören sie auf. Fünf Meter unter den Wurzeln legt er sich in das Laub. Und über ihm wird es langsam hell. Davon bekommt er nichts mehr mit. Der Wald wird hell … und der Dachs ist zu Hause. So geht das jede Nacht. Hinaus … und wieder zurück. Suchen … und wieder liegen. Der Bau bleibt. Die Gänge bleiben. Das Laub im Kessel bleibt trocken. Und irgendwann kommt eine neue Generation … und gräbt eine Kammer dazu. Es muss niemand daran denken. Es geschieht einfach. Du musst dir davon nichts merken. Nicht die Namen. Nicht die Zahlen. Nur das Bild, wenn du magst. Ein Hang. Ein Waldrand. Eine Öffnung in der Erde. Darunter Gänge. Darunter Kammern. Und ganz unten trockenes Laub. Das ist alles. Das darf jetzt einfach da sein. Der Wald ist dunkel. Der Bau ist warm. Das Laub ist trocken. Es ist still geworden am Hang. Und unter den Wurzeln schläft ein Tier. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.