Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Wie die Jahreszeiten entstehen und das Jahr über eine Wiese geht
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- Stell dir eine Wiese vor … am Rand eines Dorfes. Der Boden ist weich, und das Gras steht hoch … der Weg daneben ist schmal und trocken. Es ist Abend geworden. Am Rand der Wiese steht ein Baum. Er ist alt … und er ist breit gewachsen. Er hat keinen anderen Ort als diesen. Er bleibt, wo er ist. Alles, was sich ändert, ändert sich um ihn herum. Der Baum steht still. Und das Jahr geht um ihn herum. Dieses Jahr hat vier Namen … dort, wo wir leben. Frühling. Sommer. Herbst. Winter. In den gemäßigten Breiten sind es diese vier … immer in derselben Reihenfolge. Du musst sie nicht lernen. Du kennst sie längst. Du kennst den Geruch von nasser Erde im Frühling … und das lange Licht an einem Sommerabend. Du kennst das Laub, das im Herbst am Weg liegt … und die kalte Luft im Winter, die den Atem sichtbar macht. Vier Namen für ein Jahr. Das klingt selbstverständlich. Es ist aber nur eine von mehreren Einteilungen. Jahreszeiten unterteilen das Jahr in verschiedene Perioden. Abgegrenzt werden diese Perioden auf zwei Arten. Die erste Art geht nach astronomischen Daten … und darauf beruht auch die Einteilung im Kalender. Die zweite Art geht nach charakteristischen klimatischen Eigenschaften. Das ist der ganze Kern des Wortes. Ein Jahr … und Abschnitte darin, die man voneinander unterscheiden kann. Wonach man sie unterscheidet, ist nicht überall dasselbe. Und davon erzählt diese Nacht. Im alltäglichen Sprachgebrauch sind meist die Abschnitte gemeint, die man am Wetter gut auseinanderhalten kann. Die warmen Monate. Die kalten Monate. Das Dazwischen. Sommer und Winter kann man auch größer denken … als Hälften eines Jahres. Dann spricht man von einem Sommerhalbjahr und von einem Winterhalbjahr. Eine Hälfte, in der das Licht zunimmt. Eine Hälfte, in der es zurückgeht. Weil die Halbkugeln dabei nicht dasselbe erleben, nennt man diese Hälften auch genauer. Dieselbe Zeitspanne heißt dann Nordsommerhalbjahr … und Südwinterhalbjahr. Auf der Südhalbkugel sind die Jahreszeiten kalendarisch um ein halbes Jahr versetzt. Auf der Wiese merkt man davon zunächst nichts. Das Gras wächst, und der Baum steht. Wenn du wissen willst, woher die Jahreszeiten kommen, musst du nur auf das Licht schauen. Auf der Erde ändern sich drei Dinge am Sonnenlicht im Laufe eines Jahres. Seine Intensität. Seine Dauer. Und der Winkel, in dem es einfällt. Das gilt für jeden geographischen Ort … also auch für unsere Wiese. Drei Dinge … und sie kommen alle vom selben Licht. Sie wiederholen sich, wenn die Erde einmal um die Sonne gelaufen ist. Der Winkel ist das, was man am leichtesten sehen kann. An einem Sommermittag steht die Sonne hoch über der Wiese. Sie läuft dann in einem hohen Bogen über den Himmel. Das Licht trifft steil auf den Boden. Es sammelt sich auf einer kleinen Fläche. Deshalb ist der Weg neben der Wiese an solchen Tagen warm … noch am Abend. Die Schatten sind kurz, und sie liegen dicht unter dem Baum. Ein halbes Jahr später ist derselbe Bogen ein anderer. Die Sonne steht tief. Sie läuft niedrig über den Himmel … flach über die Hecken. Das Licht trifft schräg auf den Boden. Es verteilt sich dabei auf eine größere Fläche. Auf jeden Quadratmeter Wiese kommt dann weniger Energie. Die Schatten werden lang. Sie reichen bis über den Weg hinaus … schon am frühen Nachmittag. Das Zweite ist die Dauer. Die Erde dreht sich um sich selbst. Durch diese Drehung ändert sich auch die Dauer des Tageslichts. Die Fachleute nennen diese Dauer den lichten Tag. Gemeint ist damit die Tageslänge. Der lichte Tag bleibt nicht gleich lang. In den polfernen Regionen außerhalb der Polarkreise ändert er sich von einer Erdumdrehung zur nächsten. Polfern meint die Gegenden fern von den Polen. Unsere Wiese liegt in einer davon. Den Grund dafür trägt die Erde in ihrer geneigten Achse. Davon erzähle ich dir gleich mehr. Im Sommer liegt der größere Teil der Sonnenbahn über dem Horizont. Die Tage sind lang. Im Winter liegt nur der kleinere Teil darüber. Die Tage sind kurz. Lange Tage geben der Erde viel Zeit … kurze Tage geben ihr wenig. Und damit ist der ganze Zusammenhang schon da. Je länger und je steiler Sonnenlicht auf die Oberfläche trifft … desto mehr kann diese Region dadurch erwärmt werden. Steil und lang … das ist der Sommer. Flach und kurz … das ist der Winter. Ein Satz, und er trägt das ganze Jahr. Der Baum steht still. Und das Jahr geht um ihn herum. Jetzt kommt der Teil, den viele anders im Kopf haben. Es liegt nicht am Abstand zur Sonne. Die Erde kommt der Sonne im Lauf eines Jahres nicht so viel näher, dass daraus ein Sommer würde. Bestimmend für die Jahreszeiten, die man in den verschiedenen Regionen der Erde erleben kann, ist etwas anderes. Es ist die Lage der Rotationsachse der Erde … also der gedachten Achse, um die sich die Erde dreht. Genauer: ihre Lage im Verhältnis zur Ebene der Umlaufbahn. Denk dabei an einen Kreisel auf einem Tisch. Ein Kreisel steht selten gerade. Er ist ein wenig geneigt … und diese Neigung behält er bei, während er läuft. Die Erdachse macht es ähnlich. Sie behält ihre Richtung im Raum bei. Sie zeigt immer in dieselbe Richtung … während die Erde um die Sonne wandert. Die Neigung bleibt. Der Ort auf der Bahn ändert sich. Diese Neigung hat ein Maß. Und das Maß ist kein rechter Winkel. Gegenüber der Ebene ihrer Bahn liegt die Äquatorebene der Erde um gut dreiundzwanzig Grad schräg. Man kann es auch von der Achse her sagen. Sie steht nicht senkrecht auf der Bahnebene … sondern etwas über sechsundsechzig Grad dazu. Diese Schräge ist der ganze Grund für den Wechsel. Ein kleiner Winkel … und aus ihm kommt jeder Sommer und jeder Winter. Daraus folgt alles Weitere ganz von selbst. Auf einem Teil der Bahn ist die Nordhalbkugel der Sonne zugeneigt. Dann läuft die Sonne für einen Beobachter im Norden in einem hohen Bogen … und die Tage sind lang. Ein halbes Jahr später steht die Erde auf der gegenüberliegenden Seite ihrer Bahn. Die Achse zeigt noch immer in dieselbe Richtung … und nun ist die Nordhalbkugel von der Sonne abgeneigt. Die Folge ist eine Abkühlung. Nicht plötzlich … sondern über Wochen. Winkel und Dauer hängen dabei zusammen. Sie hängen am selben Bogen. Die Fachleute nennen ihn den Tagbogen. Gemeint ist der Weg, den die Sonne an einem Tag über den Himmel nimmt. Der höchste Sonnenstand und der längste Tag fallen deshalb zusammen. Der Winkel am Mittag schwankt im Jahreslauf um gut dreiundzwanzig Grad nach oben und nach unten. Auch die Länge des lichten Tages schwankt im Jahreslauf. Und diese Schwankung wird größer, je weiter ein Ort vom Äquator entfernt liegt. Winkel und Tageslänge zusammen bestimmen, wie viel Sonne ein Ort im Jahr empfängt. Darum hängt die Ausbildung von Jahreszeiten vor allem von der geografischen Breite ab. Wärme kommt und geht nicht am selben Tag wie das Licht. Zuerst ändern sich die Lufttemperaturen. Die Bodentemperaturen folgen später … mit einer gewissen Verzögerung. Man nennt das die thermische Trägheit. Der Boden braucht Zeit, um Wärme aufzunehmen … und er braucht Zeit, um sie wieder abzugeben. Deshalb ist der höchste Sonnenstand nicht schon der wärmste Tag. Das Land hinkt dem Licht ein Stück hinterher. Ruhig … und immer im gleichen Maß. Für Mitteleuropa lassen sich diese Winkel sogar beziffern. Im Sommer steht die Sonne hier am Mittag sechzig bis fünfundsechzig Grad hoch. Im Winter sind es nur dreizehn bis achtzehn Grad. Auch die mögliche Sonnenscheindauer unterscheidet sich stark. In Mitteldeutschland sind es im Sommer sechzehn bis siebzehn Stunden. Im Winter bleiben davon sieben bis acht Stunden. Zweimal dieselbe Wiese. Und doch ein halbes Licht. Wie stark sich all das zeigt, hängt davon ab, wo du stehst. In der Nähe des Äquators sind diese Veränderungen gering. Zu den Polen hin sind sie stärker ausgeprägt. Am Äquator bleibt sich das Jahr in dieser Hinsicht ziemlich ähnlich. Weit im Norden und weit im Süden wird der Unterschied zwischen den Jahreshälften groß. Die Wiese, auf der unser Baum steht, liegt irgendwo dazwischen. Darum hat sie vier deutliche Jahreszeiten. Nach dieser Breite kann man die Erde in Zonen teilen. Man nennt sie die solaren Klimazonen. Gemeint sind Gürtel, die allein nach dem Einfallswinkel des Sonnenlichts abgegrenzt werden. Zwischen den Wendekreisen, bei gut dreiundzwanzig Grad Breite, liegen die Tropen. Daran schließen die Subtropen und die Mittelbreiten an … und ab etwa sechsundsechzig Grad Breite die Polarzonen. Je weiter vom Äquator, desto stärker die jahreszeitlichen Unterschiede. Bis hin zur Polarnacht. Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Arten von Klima. In den Tropen herrscht ein Tageszeitenklima. Der Tag bringt dort die größeren Unterschiede. Außerhalb der Tropen herrscht ein Jahreszeitenklima. Dort bringt das Jahr sie. Tageszeitenklima und Jahreszeitenklima unterscheiden sich darin, in welchem Zeitraum die höchsten und die niedrigsten Durchschnittstemperaturen auftreten. Beim Tageszeitenklima ist dieser Zeitraum der Tag. Beim Jahreszeitenklima ist er das Jahr. Unsere Wiese liegt außerhalb der Tropen. Sie gehört also zum Jahreszeitenklima. Und noch etwas folgt aus der geneigten Achse. Auf der Südhalbkugel der Erde herrschen jeweils die entgegengesetzten Jahreszeiten. Ist es im Süden Sommer, so ist es im Norden Winter. Und umgekehrt. Während hier das Laub am Weg liegt, wächst dort das Gras. Während hier der Atem sichtbar wird, steht dort die Sonne hoch. Dieselbe Erde. Dasselbe Licht. Nur die andere Seite. Das ist ein beruhigender Gedanke. Es geht nichts verloren … es ist nur gerade woanders. Zwischen diesen beiden Hälften liegt ein breites Band um die Erde. Dort, in den Tropen, heißen die Zeiten im Jahr anders. Es sind Regenzeiten, Übergangszeiten und Trockenzeiten. Nicht warm und kalt teilen das Jahr … sondern nass und trocken. In den Gebieten beidseits des Äquators sind die jahreszeitlichen Veränderungen weniger ausgeprägt. Stattdessen treten eben Regen- und Trockenzeiten auf. Äquatornah lassen sich im Jahreslauf zwei Regenzeiten unterscheiden. Zwei Zeiten, in denen das Wasser vom Himmel kommt … mit einer trockeneren Spanne dazwischen. Mit zunehmender geografischer Breite gehen diese beiden ineinander über. Sie werden dann zu zwei Gipfeln einer einzigen Regenzeit. Aus zwei wird eins … langsam, über viele Breitengrade hinweg. Bleiben wir noch einen Augenblick beim Abstand zur Sonne. Denn ganz gleich ist er nicht. Die Erde läuft auf einer Bahn, die leicht elliptisch ist und nicht kreisrund. Die Entfernung zur Sonne schwankt darum ein wenig. Weil die Bahn nur wenig von einem Kreis abweicht, sind diese Unterschiede aber nicht groß. Sie betreffen allein die Lichtintensität … nicht den Wechsel der Jahreszeiten. Die Ursache bleibt der Winkel und die Dauer der Einstrahlung. Die beiden Punkte der Bahn haben eigene Namen. Der sonnennächste Punkt heißt Perihel. Die Erde durchläuft ihn um den dritten Januar. Sie ist dort etwas mehr als einhundertsiebenundvierzig Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Der sonnenfernste Punkt heißt Aphel. Ihn durchläuft die Erde in der ersten Juliwoche … um den fünften Juli. Dann sind es etwas mehr als einhundertzweiundfünfzig Millionen Kilometer. Im Nordsommer ist die Erde also am weitesten von der Sonne entfernt. Und im Nordwinter ist sie ihr am nächsten. Das klingt verkehrt. Es ist aber nur klein in seiner Wirkung. Diese Wanderung macht gegenwärtig die Winter im Norden etwas milder … kürzer und sonnennäher. Und sie macht die Winter im Süden etwas strenger, als sie bei einer kreisförmigen Bahn wären. Mehr als dieses Wenige ist es nicht. Der Sommer kommt nicht von der Nähe. Er kommt von der Schräge der Achse. Der Baum steht still. Und das Jahr geht um ihn herum. Und nun wird es noch weiter. Denn verschiedene Völker unterscheiden andere Zeiten im Jahr. Geh in Gedanken weit nach Norden … nach Skandinavien. Dort kennen die Samen acht Jahreszeiten. Acht. Nicht vier. Acht Abschnitte, in die sich ein Jahr im Norden gliedern lässt. Das Jahr ist dasselbe. Die Einteilung ist feiner. Und jetzt geh in Gedanken zu den australischen Aborigines in Arnhemland. Dort kennen sie sechs Jahreszeiten. Sechs Abschnitte für dasselbe eine Jahr. Acht bei den Samen. Sechs in Arnhemland. Vier bei uns. Drei Zahlen für dieselbe Umrundung der Sonne. Wie diese acht heißen und wie diese sechs heißen … das erzähle ich dir heute nicht. Ich weiß es nicht, und ich möchte nichts erfinden. Die Namen und die Kriterien gehören denen, die dort leben. Was bleibt, ist die schöne Tatsache selbst. Dass ein Jahr sich verschieden gliedern lässt. Und dass die Menschen es dort so tun, wo sie wohnen. Es gibt noch eine dritte Art, Zeit im Jahr zu benennen. Sie kommt aus Russland. Dort kennt man die Rasputiza. Das Wort meint eine Schlammzeit. Gemeint ist eine Zeit, in der die Wege weich werden … in der der Boden Wasser trägt und nicht mehr fest ist. Sie kommt zweimal im Jahr. Einmal während der Schneeschmelze im Frühjahr. Und einmal während der Herbstregenfälle. Das ist eine Jahreszeit, die man an den Füßen merkt. Nicht am Kalender … nicht am Thermometer … sondern am Boden. Sie beginnt, wenn der Schnee weicht. Und sie beginnt wieder, wenn der Regen kommt. Zweimal im Jahr wird aus Weg Schlamm … und dann wieder aus Schlamm Weg. Auch das ist eine Ordnung. Nur eine andere. Der Baum steht still. Und das Jahr geht um ihn herum. Es gibt daneben eine sehr genaue Einteilung. Sie heißt die astronomische. Sie geht nach dem Stand der Sonne auf ihrer scheinbaren Jahresbahn. Betrachtet wird diese Bahn von einem gedachten Beobachtungsort aus … im Mittelpunkt der Erde. Diese Bahn wird in vier Abschnitte geteilt. Jeder Abschnitt ist von zwei Punkten begrenzt. Von einer Tagundnachtgleiche … und von einer Sonnenwende. Die Fachleute sagen Äquinoktium und Solstitium dazu. Die Abschnitte werden in Grad gezählt. Und jeder Anfang hat seine eigene Marke. Der Frühling beginnt bei null Grad. Das ist der Zeitpunkt der Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche. Der Sommer beginnt bei neunzig Grad … zur Sommer-Sonnenwende. Der Herbst beginnt bei einhundertachtzig Grad … zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche. Und der Winter beginnt bei zweihundertsiebzig Grad … zur Wintersonnenwende. Vier Marken auf einem Kreis. Das ist die ganze Definition. Weil diese Definition auf den Erdmittelpunkt bezogen ist, gilt sie überall gleich. Eine astronomische Jahreszeit beginnt weltweit zum selben Zeitpunkt … unabhängig vom Standort. Nur die Uhrzeit ist verschieden. In den einzelnen Zeitzonen zeigen die Uhren dabei etwas anderes an. Der Frühling kommt also nicht nach und nach über die Länder. Er beginnt für alle zugleich. Auch für unsere Wiese. Ein solcher Anfang fällt mit dem Ereignis am Himmel fast zusammen … aber eben nur fast. Nimm den Frühlingsanfang. Um dieselbe Zeit tritt die Sonne über den Himmelsäquator … von Süden nach Norden. Ganz genau fallen diese beiden Zeitpunkte aber nicht zusammen. Wenige Sekunden liegen dazwischen. Gemeint sind Sekunden an Zeit … nicht Grade am Himmel. Beim Sommeranfang ist es ähnlich. Dort sind es wenige Minuten, bis die Sonne ihren nördlichsten Stand erreicht. Der Grund dafür ist klein. Nicht die Erde allein läuft gleichmäßig um die Sonne … sondern der gemeinsame Schwerpunkt von Erde und Mond. Mehr braucht es dazu nicht. Für eine Wiese am Dorfrand macht das keinen Unterschied. Und diese vier Abschnitte sind nicht gleich lang. Die Erde durchläuft sie mit verschiedener Geschwindigkeit … weil die Bahn eben leicht elliptisch ist. Derzeit ist der Winter auf der Nordhalbkugel mit etwa neunundachtzig Tagen die kürzeste Jahreszeit. Der Sommer ist mit knapp vierundneunzig Tagen die längste. Vor einem Jahrtausend war es anders. Damals war der Herbst die kürzeste Jahreszeit … und der Frühling die längste. Das lässt sich sogar mit Jahren erzählen. Im Jahr zwölfhundertsechsundvierzig fielen der sonnennächste Punkt und die Wintersonnenwende zusammen. Der Winter hatte damals dieselbe Länge wie der Herbst, und der Sommer dieselbe wie der Frühling. Seither ist der Winter die kürzeste Jahreszeit. Seine geringste Länge erreicht er um das Jahr dreitausendfünfhundert … mit etwas mehr als achtundachtzig Tagen. Danach wird er wieder länger. Die kürzeste Jahreszeit bleibt er dennoch … bis etwa im Jahr sechstausendvierhundertdreißig. Auch die Bahn selbst dreht sich langsam mit. Die Gerade zwischen dem sonnennächsten und dem sonnenfernsten Punkt heißt die Apsidenlinie. Sie dreht sich in gut einhundertelftausend Jahren einmal ganz herum … angestoßen von den anderen Planeten. Nichts davon merkt man an einem einzigen Abend. Auch das Jahr selbst hat kein rundes Maß. Von einem astronomischen Frühlingsanfang zum nächsten dauert es im Mittel dreihundertfünfundsechzig Tage, fünf Stunden und neunundvierzig Minuten. Diese Zeitspanne nennt man das tropische Jahr. Weil die Stunden übrig bleiben, fällt der nächste Frühlingsanfang auf eine um knapp sechs Stunden spätere Uhrzeit. Jahr für Jahr rutscht der Anfang so ein Stück weiter. Nach vier Jahren ist daraus fast ein ganzer Tag geworden. Genau dafür gibt es den Schalttag. Er holt diese Stunden wieder ein. Ganz genau passt auch das nicht. Vier Mal fünf Stunden und neunundvierzig Minuten sind etwas weniger als ein voller Tag. Darum lässt der gregorianische Kalender den Schalttag in drei von vier Jahrhunderten weg. So kommt das Kalenderjahr der Länge des tropischen Jahres ziemlich nahe. Deshalb liegen die Anfänge der Jahreszeiten nicht auf festen Tagen. Der Frühlingsanfang kann in unserer Zeitzone auf den neunzehnten, den zwanzigsten oder den einundzwanzigsten März fallen. Der Sommeranfang fällt auf den zwanzigsten oder den einundzwanzigsten Juni. Der Herbstanfang fällt auf den zweiundzwanzigsten oder den dreiundzwanzigsten September. Und der Winteranfang fällt auf den einundzwanzigsten, den zweiundzwanzigsten oder den dreiundzwanzigsten Dezember. Ein Kalender ist eben ein Ausgleich. Und er ist ein ruhiger Ausgleich. Man kann dieser Wanderung über die Jahre zusehen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts fiel der Frühlingsanfang bei uns noch auf den zwanzigsten oder den einundzwanzigsten März. Im Jahr zweitausendelf lag er zum letzten Mal in diesem Jahrhundert auf dem einundzwanzigsten. Seither fällt der Frühlingsanfang bei uns auf den zwanzigsten März. Im Jahr zweitausendachtundvierzig fällt er zum ersten Mal auf den neunzehnten März … und danach immer öfter. Gegen Ende des Jahrhunderts kommen der neunzehnte und der zwanzigste März etwa gleich häufig vor. Ein Tag wandert also durch die Jahre. Ganz langsam … und ganz ohne Aufsehen. Nun wird es noch langsamer. Denn die Erdachse selbst bewegt sich. Mond und Sonne ziehen an der Erde … und die Achse weicht dieser Kraft ganz langsam aus. Ihre Neigung bleibt dabei im Wesentlichen gleich. Aber die Richtung, in die sie geneigt ist, schwenkt im Verlauf von etwa sechsundzwanzigtausend Jahren einmal ganz herum. Diese Bewegung heißt Präzession. An der Abfolge der Jahreszeiten ändert das nichts. Es verschiebt sich nur der Abschnitt der Bahn, in dem eine Jahreszeit auftritt. Der Kalender macht diese Verschiebung mit. Der zwanzigste März bleibt dadurch in der Nähe des astronomischen Frühlingsanfangs. Die Erdachse und die Apsidenlinie wandern dabei in entgegengesetzte Richtungen. Weil diese beiden Bewegungen gegeneinander laufen, läuft der sonnennächste Punkt in rund einundzwanzigtausend Jahren einmal durch alle Jahreszeiten. In etwa zehntausend Jahren wird er mit der nördlichen Sommersonnenwende zusammenfallen. Am Himmel sieht man diese Langsamkeit später einmal. Dort, wohin die Nachtseite der Erde im Winter zeigt, stehen das Sternbild Orion und andere Wintersternbilder. Darum gehört Orion heute zu den Wintersternbildern. In dreizehntausend Jahren ist die Erdachse in die entgegengesetzte Richtung geneigt. An derselben Stelle der Bahn herrscht dann Sommer statt Winter. Und Orion wird ein Sommersternbild sein. Auf der Nordhalbkugel steht er dabei deutlich niedriger als heute. Du musst nicht darauf warten. Es geschieht ohnehin. Und über unserer Wiese bleibt der Himmel bis dahin der Himmel von heute. Komm mit zurück auf die Wiese. Zu uns … nach Deutschland. Hier gibt es noch eine Einteilung, die sehr sachlich ist. Sie heißt die meteorologische Einteilung des Jahres. Die sogenannten meteorologischen Jahreszeiten sind die Zeiträume für die Wetterstatistik. Sie sind deshalb schlicht nach den Kalendermonaten eingeteilt. Jede von ihnen umfasst immer drei komplette Monate. Der meteorologische Frühling beginnt am ersten Tag des März und geht bis Ende Mai. Der Sommer umfasst Juni, Juli und August. Der Herbst umfasst September, Oktober und November. Und der Winter umfasst Dezember, Januar und Februar. Auf der Nordhalbkugel, wie in Deutschland, fallen damit die im Durchschnitt wärmsten Monate in den Sommer. Und die durchschnittlich kältesten Monate fallen in den Winter. Das hat einen einfachen Grund. Zeitspannen, die mit einem Monat beginnen und mit einem Monat enden, erlauben oft eine einfachere statistische Erfassung. Man kann Zahlen aus vollen Monaten leichter vergleichen. Diese Einteilung ist nicht nach aktuellen Wetterveränderungen ausgerichtet. Sie richtet sich nicht danach, ob es dieses Jahr früher warm wurde. Insgesamt setzt sie die Jahreszeiten etwa drei Wochen früher an als die astronomische Einteilung. Damit stehen nun mehrere Ordnungen nebeneinander. Eine, die nach dem Stand der Sonne geht. Eine, die nach den Kalendermonaten geht. Und, gleich noch, eine, die nach der Natur geht. Sie verwenden verschiedene Kriterien. Man darf sie nicht gleichsetzen. Jede beantwortet eine andere Frage. Und jede tut das auf ihre Weise gut. Die dritte Ordnung ist die, die unser Baum selbst mitschreibt. Für den Entwicklungsstand der Natur im Jahresablauf ist die Unterteilung in vier Jahreszeiten im Allgemeinen zu grob. Vier Namen reichen nicht, wenn man zuschauen will, wie es grün wird. Daher unterscheidet man in der Phänologie für Mitteleuropa zehn phänologische Jahreszeiten. Phänologie ist die Lehre von den Zeitpunkten, an denen in der Natur etwas zum ersten Mal auftritt. Man nennt das Ganze auch den phänologischen Kalender. Zehn Jahreszeiten also. Und jede von ihnen wird durch das erste Auftreten eines Naturereignisses beschrieben. Nicht durch ein Datum … sondern durch ein Ereignis. Dabei nimmt man Bezug auf die Entwicklungsstadien sogenannter Zeigerpflanzen. Zeigerpflanzen sind Pflanzen, an denen man den Stand des Jahres ablesen kann. Zum Beispiel an der Blüte von Haselsträuchern. Oder an der Blüte von Apfelbäumen. Und man schaut auf das Verhalten verschiedener Tiere. So etwa auf den Flug von Bienen. Oder auf den Ruf eines Kuckucks. Die erste Hasel, die blüht. Die erste Biene, die fliegt. Der erste Kuckuck, den man hört. Das sind die Zeichen, an denen dieser Kalender hängt. Keine Uhr geht dabei. Es zählt nur, was tatsächlich geschieht. Deshalb ist dieser Kalender nirgends ganz gleich. Der Beginn solcher phänologisch bestimmten Jahreszeiten ist regional unterschiedlich. Und er ist auch am selben Ort nicht von Jahr zu Jahr gleich. Im Tal blüht es früher als oben am Hang. Und in einem Jahr blüht dieselbe Hasel früher als im nächsten. Die Vegetationsperioden unterscheiden sich nicht nur von Art zu Art. Sie können sogar bei derselben Pflanze von Jahr zu Jahr verschieden ausfallen … je nach den klimatischen Bedingungen am Ort. Und am Ende schreibt der Baum das alles auf. Die jährlich unterschiedlichen Bedingungen spiegeln sich im Holzzuwachs wider. Als Jahresring. Ein gutes Jahr wird zu einem breiteren Ring. Ein knappes Jahr wird zu einem schmaleren. Man sieht diese Ringe nicht von außen. Und trotzdem liegt in ihnen jedes Jahr, das dieser Baum erlebt hat. Er steht nur da. Und er merkt sich alles. Aus diesen Ringen ist eine eigene Wissenschaft geworden. Man legt Tabellen von Jahresringen an … und kann damit Holz datieren. Diese Methode heißt Dendrochronologie. Einer dieser Ringkalender kommt aus Hohenheim. Er reicht lückenlos fast zwölftausendfünfhundert Jahre zurück. Damit umfasst er das gesamte Holozän … so heißt der jüngste Abschnitt der Erdgeschichte. Ein Ring nach dem anderen. Und am Ende ein Faden durch zwölftausend Jahre. Die Jahreszeiten stehen auch in Bildern und in Noten. In der Malerei, der Zeichnung und der Grafik sind sie oft als Allegorien dargestellt. Besonders in der Barockzeit war das ein beliebtes Motiv von Gemälden. Vier Gestalten also, für vier Abschnitte eines Jahres. Eines dieser Bilder heißt einfach Der Frühling … gemalt auf Holz, im fünfzehnten Jahrhundert. Ein anderes zeigt die vier Jahreszeiten auf Kupfer, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts. In der Musik ist es ähnlich. Es gibt einen Zyklus von Violinkonzerten mit dem Namen Die vier Jahreszeiten … aus dem Jahr siebzehnhundertfünfundzwanzig. Es gibt ein Oratorium mit dem Namen Die Jahreszeiten … aus dem Jahr achtzehnhunderteins. Und es gibt zwölf Charakterstücke für Klavier mit dem Namen Das Jahr … aus dem Jahr achtzehnhundertvierzig. Zwölf Stücke für zwölf Monate. Auch das ist eine Einteilung. Die Einteilung hat sich im Laufe der Zeit verändert. Bei den frühen griechischen Dichtern werden nur drei Jahreszeiten unterschieden. Frühling, Sommer und Winter. Erst ein Arzt von der Insel Kos kennt und definiert auch den Herbst. Bei ihm dauert der Frühling achtundvierzig Tage. Der Sommer dauert etwa einhundertfünfunddreißig Tage. Der Herbst dauert wieder achtundvierzig Tage. Und der Winter dauert etwa einhundertfünfunddreißig Tage. Auch heute liegen die Grenzen nicht überall gleich. Im chinesischen Kulturraum liegen die Tagundnachtgleichen und die Sonnenwenden nicht am Anfang einer Jahreszeit. Sie liegen in ihrer Mitte. Der Frühling beginnt dort deshalb schon Anfang Februar. Dieselbe Sonne. Dieselbe Bahn. Nur die Grenzen liegen anders. Man kann ein Jahr eben an verschiedenen Stellen aufteilen. Und in manchen Gegenden sind zwei der vier Zeiten sehr knapp. In osteuropäischen Ländern mit Kontinentalklima sind Frühling und Herbst ausgesprochen kurz. Dafür sind Sommer und Winter dort jeweils wesentlich heißer beziehungsweise kälter. Im Deutschen gibt es außerdem eine fünfte Jahreszeit. So nennt man einen Zeitraum, in dem der Lebensrhythmus in einer Gegend erheblich vom Normalen abweicht. Eine Jahreszeit, die im Kalender gar nicht steht. Der Ablauf der Jahreszeiten prägt auch den Lebensrhythmus der Menschen. Das schlägt sich sogar in der Sprache nieder. Die Jugend entspricht dem Frühling. Die Blüte des Lebens entspricht dem Sommer. Und das Alter entspricht dem Herbst. Alte Bilder, ruhige Bilder. Sie sagen: Es geht weiter … und es geht in einer Ordnung weiter. Es wird jetzt später auf der Wiese. Das Gras steht noch hoch. Der Weg daneben ist noch trocken. Der Baum ist nur noch ein dunkler Umriss. Über ihm dreht sich die Erde weiter … mit ihrer geneigten Achse … in dieselbe Richtung wie gestern. Morgen wird das Licht ein wenig anders auf diesen Boden fallen. Ein klein wenig steiler. Oder ein klein wenig flacher. Acht Jahreszeiten bei den Samen. Sechs in Arnhemland. Eine Schlammzeit zweimal im Jahr. Drei volle Monate für die Statistik. Und zehn Zeichen in der Natur, von der Hasel bis zum Kuckuck. Vier Marken auf einem Kreis für die Astronomen. Und ein Ring im Holz für jedes Jahr. Alle meinen dasselbe Jahr. Alle sind wahr. Es kommt nur darauf an, worauf man schaut. Der Baum steht still. Und das Jahr geht um ihn herum. Es kommt. Und es geht. Und es kommt wieder. Steil und lang … flach und kurz … steil und lang. Immer weiter. Ganz ohne Eile. Du musst dir nichts davon merken. Das Licht wandert auch, wenn niemand hinsieht. Die Wiese bleibt. Der Weg bleibt. Der Baum bleibt. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.