Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Die Harfe von der einzelnen Saite bis zur Wartburg
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- Stell dir einen Raum vor … in einem alten Haus. Der Boden ist aus Holz … breite Dielen, hell und an manchen Stellen ein wenig abgetreten. Es ist Abend geworden. Draußen vor den Fenstern wird der Himmel dunkel … und im Raum brennt nur eine einzige Lampe. Ihr Licht ist gelb und warm … und es reicht nicht bis in alle Ecken. Mitten im Raum, dort, wo das Licht hinfällt, steht ein Instrument. Es ist eine Harfe. Sie steht aufrecht auf den Dielen … schlank und hoch … und sie lehnt an nichts. An ihr sind Saiten gespannt … viele Saiten, eine neben der anderen. Keine von ihnen bewegt sich. Niemand spielt gerade. Die Harfe steht nur da … im gelben Licht … und du hast alle Zeit, sie anzuschauen. Stell dir vor, du gehst ein paar Schritte auf sie zu. Die Dielen geben unter deinen Füßen ein wenig nach … dann stehst du vor der Harfe. Du hebst eine Hand … langsam … und legst einen Finger an eine der Saiten. Die Saite fühlt sich straff an … sie gibt nur wenig nach. Du ziehst sie ein kleines Stück zu dir heran … und dann lässt du sie los. Ein Ton entsteht. Er ist weich … und er breitet sich im Raum aus, bis in die dunklen Ecken hinein. Eine Weile bleibt er da. Dann wird er schwächer … Stück für Stück … bis du ihn kaum noch hörst. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Du musst nichts weiter tun. Du kannst die Hand wieder sinken lassen … und nur zuhören, wie der letzte Rest des Tones vergeht. Was du eben getan hast, hat einen Namen. Du hast die Saite gezupft. Zupfen heißt … man fasst eine Saite mit dem Finger, zieht sie ein wenig zur Seite und lässt sie dann schwingen. Menschen, die sich mit Instrumenten beschäftigen, sortieren sie gern danach, wie ihr Ton entsteht. Dafür gibt es ein eigenes Wort … die Tonproduktion. Gemeint ist die Art, wie ein Instrument seinen Ton hervorbringt. Bei der Harfe entsteht der Ton durch das Zupfen. Deshalb ist die Harfe gemäß der Tonproduktion ein Zupfinstrument. Und weil es eine Saite ist, die da schwingt … ist die Harfe zugleich ein Saiteninstrument. Zwei Wörter also für ein und dasselbe Instrument. Saiteninstrument … das sagt, woher der Ton kommt. Von einer Saite. Zupfinstrument … das sagt, wie der Ton entsteht. Durch das Zupfen. Beides stimmt zugleich. Die Harfe ist ein Saiteninstrument … und sie ist ein Zupfinstrument. Zwei Namen, die sich nicht widersprechen … sondern einander ergänzen, wie zwei Blicke auf dasselbe Ding. Schau dir die Harfe noch einmal an … so, wie sie im Licht der Lampe steht. Du siehst die vielen Saiten. Und du siehst die Teile, an denen sie gespannt sind. An einer Seite steht ein langes Teil aufrecht nach oben. Es ist die Säule … die Harfensäule. Über sie sagt man, sie bilde quasi das Rückgrat des Instrumentes. Rückgrat … das ist ein altes Wort für die Wirbelsäule. Und vielleicht spürst du dein eigenes Rückgrat gerade … wie es in deinem Rücken liegt, lang und schwer, während du daliegst. Es muss dich jetzt nicht tragen. Die Matratze trägt dich … und das Kissen trägt deinen Kopf. Bei der Harfe ist es die Säule, die als Rückgrat dasteht. Sie ist das Teil, an dem sich der Blick festhalten kann … aufrecht, gerade, von unten bis nach oben. Die Harfensäule … das Rückgrat des Instrumentes. Du kannst dieses Wort eine Weile bei dir behalten. Rückgrat. Es ist ein gutes Wort für den Abend. Nun gehen wir die Harfe einmal ab … mit den Augen, Teil für Teil. Oben am Instrument sitzt der Kopf. Vom Kopf aus führt ein Teil zur Seite hinüber. Das ist der Hals. Der Hals läuft oben entlang … bis er an eine Stelle kommt, die man das Knie nennt. Das Knie ist eine Verbindung. Denn vom Knie aus geht es weiter … hinüber zum Korpus. Der Korpus verläuft schräg nach unten. Er ist der Resonanzkörper der Harfe. Und unten … dort, wo der Korpus endet … da kommt der Fuß. Kopf … Hals … Knie … Korpus … Fuß. So heißen die Teile, wenn man sie der Reihe nach abgeht. Oben der Kopf. Unten der Fuß. Und dazwischen der Weg, den der Blick nimmt … über den Hals, über das Knie, am Korpus entlang. Es sind Wörter, die du auch von deinem eigenen Körper kennst. Kopf, Hals, Knie, Fuß. Die Harfe leiht sie sich aus … und macht aus ihnen einen Weg. Zwei dieser Teile schauen wir uns noch etwas genauer an. Zuerst den Kopf, ganz oben am Instrument. Der Kopf einer Harfe kann kunstvoll verziert sein. Stell dir vor, im Licht der Lampe erkennst du an ihm feine Formen … Linien und Bögen, die jemand mit Geduld gearbeitet hat. Dann den Hals, der vom Kopf hinüber zum Knie führt. Im Hals befinden sich die Stimmwirbel der Harfe. Stimmwirbel … das Wort sagt schon, wozu sie da sind. Mit ihnen wird die Harfe gestimmt. Der Kopf mit seinem Schmuck … und der Hals mit seinen Stimmwirbeln. Mehr musst du über die beiden heute Abend nicht wissen. Das Wort Korpus heißt nichts anderes als Körper. Und ein Resonanzkörper ist ein Körper, der mitschwingt, wenn die Saiten klingen … und so ihren Ton kräftiger macht. Bei der Harfe ist der Korpus dieser Resonanzkörper. Er beginnt am Knie … und er verläuft schräg nach unten, bis er im Fuß endet. Stell dir vor, du fährst mit der flachen Hand an ihm entlang. Vom Knie aus … langsam abwärts … schräg … immer weiter hinunter. Deine Hand muss sich dabei nicht beeilen. Der Weg ist nicht weit, und er hat ein klares Ende. Unten angekommen, liegt deine Hand am Fuß der Harfe. Dort steht das Instrument auf den Dielen. Und dort darf auch deine Hand liegen bleiben … eine Weile … so lange, wie sie mag. Das Holz der Dielen ist kühl unter deinen Fingern. Das Licht der Lampe liegt auf deinem Handrücken. Der Resonanzkörper hat oben noch einen eigenen Teil. Man nennt ihn die Resonanzdecke. Den oberen Teil des Resonanzkörpers bildet also die Resonanzdecke. Auf ihr befinden sich die Bohrungen für die Saiten. Bohrungen … das sind kleine, gebohrte Löcher. Durch sie werden die Saiten geführt. So hat jede Saite ihren festen Platz auf der Resonanzdecke … eine neben der anderen, in einer langen Reihe. Die Resonanzdecke … das ist ein Wort, das du nicht behalten musst. Es darf kommen … und wieder gehen. Noch einmal der ganze Weg, diesmal ohne Hand … nur mit dem Blick. Die Säule steht aufrecht. Sie ist das Rückgrat. Oben der Kopf. Vom Kopf aus führt der Hals hinüber zum Knie. Das Knie ist die Verbindung zum Korpus. Der Korpus verläuft schräg nach unten. Er ist der Resonanzkörper. Und der Korpus endet im Fuß. Das ist der ganze Aufbau, in wenigen Sätzen. Man kann ihn sich merken … aber man muss es nicht. Es reicht, wenn die Wörter an dir vorbeiziehen wie Stationen auf einem Weg, den du schon kennst. Säule … Kopf … Hals … Knie … Korpus … Fuß. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Jetzt kommen wir zu den Tönen. Wenn du die Saiten der Harfe der Reihe nach anschaust, dann siehst du sehr viele. Und jede von ihnen kann einen Ton geben. Bei den einfachsten Harfen ist jede Saite für nur einen Ton zuständig. Eine Saite … ein Ton. Die nächste Saite … der nächste Ton. Und so weiter, die ganze Reihe entlang. Das ist eine klare Ordnung. Jede Saite hat ihre Aufgabe … und nur diese eine. Wer auf einer solchen Harfe einen bestimmten Ton spielen möchte, sucht die Saite, die für diesen Ton zuständig ist. Und dann zupft man sie. Stell dir die Reihe der Saiten vor wie eine Treppe aus Tönen. Jede Saite ist eine Stufe. Und jede Stufe ist ein Ton … genau einer. Du kannst sie hinaufgehen … oder hinunter. Aber auf jeder Stufe wartet immer derselbe Ton. So ist es bei den einfachsten Harfen. Eine Saite, ein Ton. Und morgen wieder dieselbe Saite, derselbe Ton. Nun braucht die Musik manchmal einen Ton, der ein kleines Stück höher liegt als der Ton einer Saite. Dieses kleine Stück hat einen Namen. Man nennt es einen Halbton. Ein Halbton ist der kleinste Schritt, den unsere gewohnte Tonleiter kennt. Zwei Töne, die einen Halbton auseinanderliegen, sind sich sehr nah … fast Nachbarn. Bei den einfachsten Harfen gibt es für einen solchen Schritt keine eigene Vorrichtung. Jede Saite hat ihren einen Ton … und dabei bleibt es. Aber es gibt Harfen, die hier einen kleinen Kniff kennen. Eine von ihnen heißt die Hakenharfe. Der Name verrät schon, worum es geht. Bei der Hakenharfe lässt sich jede Saite mittels eines Hakens höherstimmen … und zwar um einen Halbton. Diesen Haken nennt man häufig auch Halbtonklappe. Das ist ein gutes Wort, weil es genau sagt, was geschieht. Eine Klappe … für einen Halbton. Und das Höherstimmen geschieht je nach Bedarf. Braucht die Musik den Ton der Saite so, wie er ist … dann bleibt der Haken unbenutzt. Braucht die Musik den Ton einen Halbton höher … dann wird der Haken benutzt. Und die Saite klingt einen Halbton höher. Stell dir vor, du stehst vor einer solchen Hakenharfe. Du betätigst die Halbtonklappe an einer einzigen Saite … und zupfst dann diese Saite. Der Ton ist dir vertraut … und doch ein kleines Stück höher als vorhin. Ein Halbton höher. Nicht mehr, nicht weniger. Dann gibst du die Klappe wieder frei. Und die Saite hat wieder ihren ersten Ton. Hin und zurück. Ein kleiner Schritt nach oben … und wieder nach unten. Du kannst das so oft wiederholen, wie du magst. Die Saite ist geduldig. Die Hakenharfe kann also etwas, das die einfachsten Harfen nicht können. Bei den einfachsten Harfen ist jede Saite für nur einen Ton zuständig. Bei der Hakenharfe kann jede Saite je nach Bedarf einen Halbton höher klingen. Aus einer Stufe werden so zwei Möglichkeiten. Der Ton, wie er ist. Und der Ton, einen Halbton höher. Mehr braucht es an dieser Stelle nicht. Du musst dir das nicht merken. Es genügt, wenn du das Bild behältst … eine Saite, ein kleiner Haken … und ein Ton, der ein wenig nach oben rückt. Im Raum ist es wieder still geworden. Die Lampe brennt. Die Dielen liegen hell in ihrem Licht. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Es gibt noch eine andere Art, eine Harfe höherzustimmen. Dabei benutzt man nicht die Hand … sondern den Fuß. Man tritt auf ein Pedal. Eine Harfe mit solchen Pedalen nennt man allgemein Pedalharfe. Die erste Bauart, die wir uns ansehen, heißt Einfachpedalharfe. Und bei der Einfachpedalharfe geschieht etwas Besonderes. Mit einem Pedal können alle gleichnamigen Töne des Instrumentes um einen Halbton erhöht werden. Um einen Halbton … um einen einzigen. Daher kommt das Wort einfach in ihrem Namen. Gleichnamige Töne … das braucht vielleicht einen Satz mehr. Auf einer Harfe gibt es Töne, die denselben Namen tragen … obwohl sie verschieden hoch klingen. Ein tiefer Ton … ein mittlerer … und ein hoher. Und alle drei heißen gleich. Das kommt daher, dass sich die Namen der Töne nach einer Weile wiederholen … weiter unten und weiter oben. Diese Töne mit demselben Namen nennt man gleichnamige Töne. Sie sind wie Geschwister in einem großen Haus … einer wohnt im Keller, einer im Erdgeschoss, einer unter dem Dach. Und alle tragen denselben Namen. Stell dir vor, auf der Harfe gibt es mehrere Saiten mit demselben Ton-Namen. Eine tief unten … eine in der Mitte … eine weit oben. Mit einem einzigen Pedal kannst du sie alle zugleich um einen Halbton erhöhen. Du musst nicht zu jeder dieser Saiten hingehen. Du musst nicht an jeder einzelnen etwas verändern. Ein Tritt mit dem Fuß … und alle gleichnamigen Töne des Instrumentes klingen einen Halbton höher. Das ist ein beruhigender Gedanke, finde ich. Eine einzige Bewegung … und sie reicht durch das ganze Instrument, von unten bis oben. Nichts wird vergessen. Keine Saite mit diesem Namen bleibt zurück. Bei der Hakenharfe geschieht das Höherstimmen Saite für Saite … jeweils mit einem Haken. Bei der Einfachpedalharfe geschieht es für alle gleichnamigen Töne zugleich … mit einem Pedal. Die Hand … oder der Fuß. Eine Saite … oder alle Saiten mit demselben Namen. Wie aber gelangt der Tritt des Fußes bis hinauf zu den Saiten. Auch das lässt sich ruhig erzählen. Im Hals sitzt bei manchen Harfen nicht nur die Reihe der Stimmwirbel … sondern auch eine Mechanik. Bei Pedalharfen ist diese Mechanik über Pedalstangen mit den Pedalen im Fuß verbunden. Die Pedalstangen verlaufen entweder in der Säule … oder im Korpus. Du erinnerst dich … die Säule ist das Rückgrat. Und der Korpus ist der Resonanzkörper. Durch eines dieser beiden Teile führt also die Verbindung … vom Fuß unten bis hinauf zum Hals. Unten der Fuß mit den Pedalen. Oben der Hals mit der Mechanik. Und dazwischen die Pedalstangen. Es ist derselbe Weg, den dein Blick vorhin genommen hat … nur diesmal im Inneren des Instrumentes. Und dann gibt es noch einen Schritt weiter. Er heißt die Doppelpedalharfe. Das Wort doppelt steckt schon darin … und es hält, was es verspricht. Bei der Einfachpedalharfe können mit einem Pedal alle gleichnamigen Töne um einen Halbton erhöht werden. Bei der Doppelpedalharfe geht es um einen weiteren Halbton. Ein Halbton … und dann noch einer. Der Ton kann also zwei kleine Schritte nach oben gehen, nicht nur einen. Stell dir die Töne wieder als Stufen vor. Die Stufe, wie sie ist … dann ein Halbton darüber … und dann noch ein Halbton darüber. Drei Möglichkeiten für jeden Ton-Namen. Der Ton, wie er ist. Einen Halbton höher. Und noch einen Halbton höher. Doppelpedalharfe … ein langes Wort. Aber in ihm steckt nur eine kleine Idee, zweimal hintereinander. Erst ein Halbton. Dann noch ein Halbton. Und dazwischen genug Zeit für einen Atemzug. Wie viele Pedale hat eine solche Doppelpedalharfe. Das ist leicht zu behalten. Sie besitzt in der Regel sieben Pedale … eines für jeden Stammton. Stammtöne … so heißen die sieben Grundtöne unserer Tonleiter. Aus ihnen werden alle anderen Töne abgeleitet. Ihre Namen sind Buchstaben … kurze, vertraute Buchstaben. C … D … E … F … G … A … H. Sieben Namen. Sieben Stammtöne. Und für jeden von ihnen gibt es ein Pedal. Ein Pedal für das C. Ein Pedal für das D. Ein Pedal für das E. Und so weiter, bis zum H. Wenn du willst, kannst du die Namen noch einmal langsam in dir nachklingen lassen. C … D … E … F … G … A … H. Du musst sie nicht der Reihe nach aufsagen. Sie dürfen auch durcheinandergeraten … oder zwischendurch verschwimmen. Und jetzt fügen sich zwei Dinge zusammen, die du schon gehört hast. Mit einem Pedal lassen sich alle gleichnamigen Töne des Instrumentes erhöhen. Und für jeden Stammton gibt es ein Pedal. Das Pedal für das F zum Beispiel gilt für alle Saiten, die F heißen … die tiefen, die mittleren und die hohen. Bei der Doppelpedalharfe hebt es sie um einen Halbton … oder um einen weiteren Halbton. Sieben Pedale also … und mit ihnen das ganze Instrument, von unten bis oben. Stell dir die sieben Pedale nebeneinander vor … unten, in der Nähe der Dielen, dort, wo die Füße sie erreichen. Keines von ihnen wird gerade getreten. Sie warten. Die Harfe steht im Licht der Lampe … die Pedale unten, die Saiten darüber, die Säule aufrecht an der Seite. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Für eine solche Harfe gibt es noch ein eigenes Wort … die Konzertharfe. Der Ausdruck Konzertharfe bezeichnet heute immer eine Doppelpedalharfe. Man kann es auch so sagen … die Doppelpedalharfe wurde so zur heute gebräuchlichen Konzertharfe. Zwei Namen … ein Instrument. Die Konzertharfe hat eine Grundstimmung. Das ist die Stimmung, von der man ausgeht, bevor man etwas an ihr verändert. Bei der Konzertharfe ist diese Grundstimmung Ces-Dur. Ces-Dur ist der Name einer Tonart. Eine Tonart legt fest, von welchem Ton eine Tonleiter ausgeht und welche Töne zu ihr gehören. Mit der Konzertharfe kann in allen Tonarten gespielt werden. In allen. Keine Tonart bleibt ausgeschlossen. Das ist viel für ein einziges Instrument. Die Doppelpedalharfe macht es möglich. Die Konzertharfe hat fünfundvierzig bis siebenundvierzig Saiten. Die Saiten sind unterschiedlich lang … keine gleicht in ihrer Länge ganz der nächsten. Fünfundvierzig … sechsundvierzig … siebenundvierzig. Du musst sie nicht zählen. Die Harfe weiß selbst, wie viele es sind. Vielleicht ist die Harfe in deinem Raum eine Konzertharfe. Vielleicht ist sie eine andere. Das spielt heute Abend keine Rolle. Es gibt aber noch eine andere Harfe mit Pedalen. Im alpenländischen Raum … in der Gegend der Alpen … ist für sie eine eigene Bezeichnung gebräuchlich. Man sagt dort Volksharfe … oder auch Tiroler Volksharfe. Der Name kommt von der Gegend, in der diese Harfe verbreitet ist … aus dem heutigen Tirol und Südtirol. Manchmal nennt man sie auch Tiroler Liederharfe. Diese Bezeichnung meint eine Einfachpedalharfe. Einfachpedalharfe … das ist die Bauart, von der du vorhin gehört hast. Ihre Pedale erhöhen die gleichnamigen Töne um einen Halbton … um einen einzigen. Nicht um zwei, wie bei der Doppelpedalharfe. Auch die Volksharfe hat eine Grundstimmung. Bei ihr ist es Es-Dur. Und mit ihr spielt man in Tonarten bis zu drei Bes und vier Kreuzen … einschließlich C-Dur. Das klingt nach einer kleinen Rechenaufgabe. Aber du musst hier nichts rechnen. Ich erkläre dir die Wörter nur … und du darfst sie an dir vorbeiziehen lassen, wie Wolken am Abendhimmel. Kreuz und Be … das sind zwei kleine Zeichen, die in den Noten stehen können. Man nennt sie Vorzeichen. Ein Kreuz sagt … dieser Ton wird um einen Halbton erhöht. Ein Be sagt … dieser Ton wird um einen Halbton erniedrigt. Manche Tonarten haben keine Vorzeichen. C-Dur ist so eine Tonart. Andere Tonarten haben ein Kreuz … oder zwei … oder ein paar Bes. Die Volksharfe reicht nach der einen Seite bis zu drei Bes … und nach der anderen Seite bis zu vier Kreuzen. Und C-Dur … die Tonart ohne jedes Vorzeichen … liegt mitten darin und ist eingeschlossen. Das ist eine schöne Auswahl an Tonarten, mit Platz nach beiden Seiten. Die Konzertharfe dagegen kann in allen Tonarten spielen. Zwei Harfen mit Pedalen … die eine mit einem Halbton pro Pedal, die andere mit zwei. Lass uns die beiden noch einmal nebeneinanderstellen … ohne Eile. Die Konzertharfe. Sie ist eine Doppelpedalharfe. Ihre Grundstimmung ist Ces-Dur. Mit ihr kann in allen Tonarten gespielt werden. Die Volksharfe … oder Tiroler Volksharfe. Sie ist eine Einfachpedalharfe. Ihre Grundstimmung ist Es-Dur. Mit ihr spielt man in Tonarten bis zu drei Bes und vier Kreuzen … einschließlich C-Dur. Ces-Dur … und Es-Dur. Doppelpedal … und Einfachpedal. Alle Tonarten … und eine Auswahl, die von drei Bes bis zu vier Kreuzen reicht. Zwei Harfen, zwei Namen … und beide mit Pedalen, die man mit dem Fuß tritt. Vielleicht ist die Harfe in deinem Raum eine von beiden. Vielleicht ist sie eine Hakenharfe. Vielleicht eine von den einfachsten Harfen. Es spielt heute Abend keine Rolle. Sie steht nur da … im Licht der Lampe. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Wenn du magst, gehen wir den Weg der Töne noch einmal zurück … vom Ende zum Anfang. Die Doppelpedalharfe. Ihre Pedale heben alle gleichnamigen Töne um einen Halbton … oder um einen weiteren Halbton. Die Einfachpedalharfe. Ihr Pedal hebt alle gleichnamigen Töne um einen Halbton. Die Hakenharfe. Ihr Haken hebt eine einzelne Saite um einen Halbton, je nach Bedarf. Und die einfachsten Harfen. Bei ihnen ist jede Saite für nur einen Ton zuständig. Vom Fuß zur Hand … und von der Hand zur Saite allein. So schließt sich der Weg. Er endet dort, wo wir angefangen haben … bei einer einzigen Saite und ihrem einen Ton. Du kannst den Weg noch einmal gehen … oder ihn einfach liegen lassen, wo er ist. Nun lassen wir den Raum mit der Lampe für eine Weile hinter uns. Die Harfe bleibt dort stehen. Sie wartet … und du kannst jederzeit zu ihr zurückkehren. Wir machen uns auf eine kleine Reise zu sehr alten Harfen. Vier der ältesten Harfen haben sich in Europa erhalten. Erhalten heißt … sie sind nicht verloren gegangen. Sie sind noch da, über all die Jahrhunderte hinweg. Drei von ihnen sind keltische Harfen. Sie stammen aus dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert. Genauer ist es nicht überliefert … und das muss es heute Abend auch nicht sein. Fünfzehntes oder sechzehntes Jahrhundert … das ist so lange her, dass die Zahl allein schon ein wenig müde macht. Diese Harfen werden heute an bestimmten Orten aufbewahrt … und zu diesen Orten gehen wir jetzt, einen nach dem anderen. Der erste Ort liegt in Dublin. Dort gibt es eine Einrichtung mit dem Namen Trinity College. Und das Trinity College hat eine Bibliothek. In der Bibliothek des Trinity College in Dublin kann man eine dieser alten Harfen besichtigen. Sie trägt den Namen Brian-Boru-Harfe. Brian Boru … zwei kurze Wörter, die man gern noch einmal sagt. Stell dir eine Bibliothek vor … mit langen Reihen von Büchern und einem Licht, das von oben hereinfällt. Irgendwo in diesem Bild steht die Brian-Boru-Harfe. Menschen kommen, bleiben eine Weile vor ihr stehen … und gehen dann weiter. Und die Harfe bleibt. Sie ist eine der drei keltischen Harfen aus dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert. Benannt ist sie nach Brian Boru. Ihr Korpus ist aus einem einzigen Stamm gebeitelt. Gebeitelt … das ist ein altes Handwerkswort. Ein Beitel ist ein Werkzeug, mit dem man Holz bearbeitet. Als Resonanzholz kam dabei Weidenholz zum Einsatz. Ein einziger Stamm einer Weide … und aus ihm wurde der Resonanzkörper dieser Harfe. Stell dir vor, wie jemand damals an diesem Holz gearbeitet hat … Stück für Stück, ohne Eile. Das Holz der Weide ist bis heute erhalten. Es hat all die Jahrhunderte überdauert. Trinity College … Dublin … Brian-Boru-Harfe. Drei Namen für einen einzigen Ort und ein einziges Instrument. Wenn du an diese Harfe denkst, dann denk vielleicht an ihre Teile, die du inzwischen kennst. Auch sie ist eine Harfe. Auch sie hat Saiten, die man zupfen kann. Das verbindet sie mit der Harfe in deinem Raum … über all die Jahrhunderte hinweg. In der Bibliothek des Trinity College steht sie heute. Und du musst nicht hinreisen. Es genügt, dass du weißt, dass sie dort ist. Das ist ein freundlicher Gedanke für den Abend … eine alte Harfe, gut aufgehoben, an einem Ort voller Bücher. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Der zweite Ort liegt in Edinburgh. Dort gibt es ein Museum, das Museum of Scotland heißt. Im Museum of Scotland in Edinburgh befinden sich gleich zwei der alten Harfen. Die eine heißt Queen Mary Harp. Die andere heißt Lamont Harp. Und die beiden sind sich sehr ähnlich. Zwei sehr ähnliche Exemplare … im selben Museum. Queen Mary Harp … und Lamont Harp. Stell dir vor, du gehst langsam von der einen zur anderen. Du schaust dir die eine an … und dann die andere … und du findest vieles, das sich gleicht. Zusammen mit der Brian-Boru-Harfe sind das die drei keltischen Harfen. Eine im Trinity College in Dublin. Zwei im Museum of Scotland in Edinburgh. Drei keltische Harfen also, an zwei Orten. Aus dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert. Die Namen darfst du jetzt ruhig ein wenig durcheinanderbringen. Brian-Boru-Harfe … Queen Mary Harp … Lamont Harp. Dublin … Edinburgh. Trinity College … Museum of Scotland. Es sind Namen, die sich aneinanderreihen wie Perlen an einer Schnur. Du musst sie nicht zählen. Du kannst sie vorbeiziehen lassen … eine nach der anderen … bis sie ganz leise werden. Und irgendwo zwischen ihnen stehen die drei alten Harfen … jede an ihrem Platz. Die vierte Harfe führt uns an einen dritten Ort … nach Eisenach. Dort kann man sie heute auf der Wartburg besichtigen. Diese Harfe hat gleich zwei Namen. Man nennt sie die Wolkenstein-Harfe … oder die Eisenach-Harfe. Sie stammt vom Ende des vierzehnten oder vom Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. Ihre Zeitangabe beginnt also noch ein Stück früher als bei den drei keltischen Harfen. Wolkenstein-Harfe … das ist ein Name, in dem eine Wolke steckt und ein Stein. Etwas Leichtes und etwas Schweres, in einem einzigen Wort. Und Eisenach-Harfe … das ist der zweite Name für dasselbe Instrument. Auf der Wartburg in Eisenach kann man sie heute anschauen. Vier alte Harfen … an drei Orten. Lass sie uns noch einmal besuchen … langsam, einen Ort nach dem anderen. Das Trinity College in Dublin. Dort ist die Brian-Boru-Harfe, in der Bibliothek. Das Museum of Scotland in Edinburgh. Dort sind die Queen Mary Harp und die Lamont Harp, zwei sehr ähnliche Exemplare. Und die Wartburg in Eisenach. Dort ist die Wolkenstein-Harfe, die man auch Eisenach-Harfe nennt. Dublin … Edinburgh … Eisenach. Eine Harfe … zwei Harfen … und noch eine Harfe. Vier der ältesten Harfen, die sich in Europa erhalten haben. Sie sind nicht verloren gegangen. Sie sind noch da. Und sie werden gut aufbewahrt. Stell dir vor, es ist Abend an allen drei Orten. In Dublin … in Edinburgh … in Eisenach. Die Besucher sind nach Hause gegangen. Die Türen sind geschlossen. Die alten Harfen stehen an ihrem Platz, jede für sich. Niemand zupft an ihnen. Niemand muss etwas von ihnen wollen. Sie haben viele Jahrhunderte hinter sich … und sie haben Zeit. So wie du jetzt Zeit hast. Du musst heute Abend nichts mehr tun. Nichts mehr lernen. Nichts mehr behalten. Die Harfen bleiben, wo sie sind. Und du bleibst, wo du bist … warm und schwer in deinem Bett. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Und nun gehen wir zurück … in den Raum mit der Lampe. Die Dielen sind noch da, hell und ein wenig abgetreten. Das Licht ist noch gelb und warm. Und die Harfe steht noch immer mitten im Raum. Die Säule aufrecht, wie ein Rückgrat. Oben der Kopf. Der Hals. Das Knie. Der Korpus, schräg nach unten. Und der Fuß auf den Dielen. Die Saiten sind gespannt, eine neben der anderen. Keine von ihnen bewegt sich. Du musst nicht mehr näher treten. Du kannst sie von hier aus anschauen … oder die Augen schließen. Vielleicht klingt irgendwo noch ein letzter Ton nach. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Ein Ton … und dann Stille. Die Lampe brennt. Die Harfe steht. Die Saite klingt … und klingt langsam aus. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.