Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Sternbilder und die unsichtbaren Grenzen am Himmel
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- Stell dir eine Wiese vor … weit draußen, fern von jedem Ort. Der Boden ist eben … und das Gras ist kurz und trocken. Auf dem Gras liegt eine weiche Decke. Und auf der Decke liegst du … auf dem Rücken. Es ist Nacht geworden. Der Tag ist lange vorbei. Über dir liegt der Himmel … dunkel und weit. Kein Haus und keine Straße werfen hier Licht hinauf. Nach und nach werden die Sterne sichtbar. Erst ein paar … dann mehr … dann sehr viele. Du musst nichts tun. Du musst nichts suchen. Du schaust nur hinauf … und deine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Manche von ihnen sind hell und klar. Andere sind so schwach, dass du sie erst bemerkst, wenn du ein wenig neben sie schaust. Sie liegen über den ganzen Himmel verstreut. Auf den ersten Blick ohne eine Ordnung. Und doch geschieht etwas, wenn man lange genug hinaufschaut. Die Augen beginnen, Punkte miteinander zu verbinden. Drei helle Sterne werden zu einer Linie. Vier Sterne werden zu einem Viereck. Ein Bogen aus schwächeren Sternen wird zu einem Arm … oder zu einem Schweif. Das geschieht ganz von allein. Du musst dich dafür nicht anstrengen. Vielleicht findest du gerade selbst so eine Form. Ein paar Sterne, die zusammen aussehen wie ein Haken … oder wie ein kleines Haus mit spitzem Dach. Du ziehst in Gedanken eine Linie vom einen Stern zum nächsten. Und von dort weiter zum dritten. Und dann ist da ein Bild. Es war vorher nicht da … und jetzt kannst du es kaum noch übersehen. So einfach ist das. Und so vertraut. Für diese Bilder am Himmel gibt es ein Wort. Das Wort heißt Sternbild. Ein Sternbild ist nach der landläufigen Definition eine Gruppe von Sternen … die man mit bloßem Auge sehen kann. Landläufig heißt … so, wie die meisten Menschen das Wort verstehen. Im Alltag … ohne Fachsprache. Mit bloßem Auge heißt … ohne Fernrohr und ohne Fernglas. Nur mit den Augen, die du hast. In einer solchen Gruppe sieht der Mensch eine Figur. Die Sterne legen ihm diese Figur nahe. Die Figur steht aber nicht wirklich am Himmel … sie entsteht im Kopf dessen, der hinaufschaut. Dafür gibt es einen Fachbegriff. Man nennt es Mustererkennung. Mustererkennung heißt … wir erkennen in verstreuten Punkten eine Form. Auch dann, wenn niemand diese Form absichtlich angelegt hat. Wir tun das sehr oft. In den Wolken an einem Sommertag … in der Maserung eines Holzbretts … in den Rissen einer alten Mauer. Und eben auch am Nachthimmel. Die Sterne liegen da, jeder an seinem Ort. Und unsere Augen machen daraus Bilder. Stell dir vor, du schaust eine Weile auf denselben kleinen Ausschnitt des Himmels. Zuerst siehst du nur einzelne Lichter. Dann fallen dir zwei auf, die ungefähr gleich hell sind. Und dann ein drittes … ein wenig abseits, aber doch so, als gehörte es dazu. Dein Blick wandert zwischen den drei Lichtern hin und her. Und mit jedem Mal wird die Verbindung fester. Am Ende kannst du die drei Lichter kaum noch einzeln sehen. Sie sind zu einer Form geworden. Das ist ein schöner Gedanke. Die Bilder am Himmel gehören eigentlich uns. Die Sterne selbst wissen nichts von einer Figur. Sie leuchten … jeder für sich. Erst wer hinaufschaut und Linien zieht … macht aus den Sternen ein Bild. Es gibt dazu einen Satz, den ich dir gern sage. Die Figuren der Sternbilder stellen sich nur subjektiv für den Beobachter dar. Subjektiv heißt hier … die Figuren hängen von dem ab, der schaut. Ein anderer Mensch hätte vielleicht andere Linien gezogen. Und auch das wäre ganz in Ordnung. Du liegst noch immer auf deiner Decke. Das Gras rund um dich ist kühl geworden. Die Luft riecht nach Erde … und ein wenig nach dem Tag, der vergangen ist. Irgendwo in der Ferne raschelt etwas im Gras. Dann ist es wieder fort. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Der Blick zu den Sternen war nicht immer nur ein Ausruhen. Er hatte auch eine Aufgabe. Sternbilder waren in vielen Kulturen vor allem ein wichtiges Mittel zur Orientierung … in Zeit und Raum. Orientierung heißt … sich zurechtfinden. Wissen, wo man ist. In der Zeit bedeutet das … sich im Lauf der Zeit zurechtfinden. Im Lauf der Nächte … und im Lauf des Jahres. Im Raum bedeutet das … sich in der Landschaft zurechtfinden. Wissen, in welche Richtung der Weg führt. Die Sternbilder waren also eine Art Wegweiser. Ein Wegweiser, der in jeder klaren Nacht wieder da war. Man musste ihn nicht bauen. Man musste ihn nicht ausbessern. Man musste nur wissen, wie man ihn liest. Stell dir vor … vor langer Zeit hat jemand an einem Ort gelegen wie du jetzt. Auch dieser Mensch hat hinaufgeschaut. Auch dieser Mensch hat Linien gezogen. Und vielleicht hat dieser Mensch die Linien einem anderen gezeigt. Schau … dort … diese drei. Und daneben die zwei. So wandert ein Bild von einem Menschen zum nächsten … und von einer Nacht zur nächsten. Stell dir einen Menschen vor, der in der Nacht unterwegs ist. Auf einem schmalen Weg … zwischen Feldern. Es gibt keine Schilder und keine Lampen. Nur den Weg unter den Füßen … und den Himmel darüber. Ab und zu bleibt dieser Mensch stehen und schaut hinauf. Er sucht eine vertraute Figur. Und dann findet er die Figur. Die bekannte Form … an ihrem gewohnten Platz zwischen den anderen Sternen. Er nickt … und geht weiter. Er weiß jetzt wieder, wohin er sich wenden muss. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Du musst dir keinen Weg merken. Du musst heute nirgendwo mehr hin. Der Wegweiser am Himmel darf für dich nur ein Bild sein. Ein Bild, das du ansiehst … bis deine Augen müde werden. Heute hat das Wort Sternbild noch eine zweite Bedeutung. Eine genauere. Es gibt eine Vereinigung von Astronomen aus vielen Ländern. Sie heißt die Internationale Astronomische Union. International heißt … über die Grenzen der Länder hinweg. Und Union heißt … Zusammenschluss. Nach der Definition dieser Union ist ein Sternbild nicht mehr nur eine Figur. Ein Sternbild ist eine Fläche am Himmel. Eine Fläche, die genau abgegrenzt ist … und zwar nach Koordinaten. Koordinaten sind Angaben für einen Ort. Man kennt sie von Landkarten. Auf einer Landkarte kann man einen Punkt mit zwei Werten genau bestimmen. Der eine Wert sagt, wie weit oben … der andere, wie weit seitlich. Am Himmel geht das ähnlich. Auch dort lässt sich ein Punkt mit Koordinaten beschreiben. Und mit solchen Koordinaten hat man die Ränder der Sternbilder gezogen. Genau … und für alle gleich. Zwei Werte für einen Punkt. Das klingt nüchtern. Aber es hat auch etwas Tröstliches. Jeder Punkt hat seine Angabe … und man kann ihn wiederfinden. Das ist eine andere Art, den Himmel anzusehen. Nicht mehr Punkt für Punkt … sondern Fläche für Fläche. Stell dir vor, jemand zieht über den Himmel feine Grenzlinien. So wie die Ränder von Feldern auf dem Land. Hier ein Acker … daneben eine Wiese … dahinter ein Stück Wald. Und jedes Stück hat seinen Rand. In jedem dieser Felder am Himmel liegen Sterne. Helle und schwache … Gruppen und einzelne Punkte. Die Figur und die Fläche gehören zusammen … aber sie sind nicht dasselbe. Auch deine Wiese hat einen Rand, irgendwo im Dunkeln. Du siehst ihn nicht … aber es gibt ihn. Wozu braucht man solche Flächen. Dafür gibt es eine klare Antwort. Heute dienen die Sternbilder der Kartierung des Himmels … und der örtlichen Zuordnung von Objekten. Kartierung heißt … man zeichnet eine Karte. Eine Karte vom Himmel, auf der man sich zurechtfindet. Örtliche Zuordnung heißt … man kann sagen, wo etwas liegt. In welchem Sternbild ein Stern steht … oder ein anderes Objekt am Himmel. So wie man auf der Erde sagt … dieses Dorf liegt in jenem Tal. Oder dieser Hof liegt am Rand jenes Waldes. Stell dir vor, du hältst eine solche Karte in den Händen. Ein großes Blatt Papier … dunkelblau bedruckt. Darauf sind kleine weiße Punkte für die Sterne. Größere für die hellen … kleinere für die schwachen. Zwischen manchen Punkten verlaufen feine Linien. Diese Linien zeigen die Figuren. Und um die Figuren herum laufen andere Linien … gestrichelt vielleicht. Die gestrichelten Linien zeigen die Ränder der Flächen. In jeder Fläche steht ein Name. So wie auf einer Landkarte der Name eines Landes in seiner Mitte steht. Du fährst mit dem Finger über das Papier. Von einer Fläche in die nächste … über eine Grenze, die man am Himmel nie sehen würde. Da ist also wieder die Orientierung. Früher halfen die Sternbilder, sich in Zeit und Raum zurechtzufinden. Heute helfen sie, sich auf dem Himmel selbst zurechtzufinden. Die Aufgabe hat sich verändert … aber sie ist sich auch ein wenig treu geblieben. Es geht immer noch darum, zu wissen, wo man ist. Oder wo etwas ist. Die Wiese um dich herum ist inzwischen ganz dunkel. Nur die Umrisse der Gräser sind noch zu ahnen. Über dir geschieht nichts Eiliges. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Ein leichter Wind streicht über die Wiese. Die Halme neigen sich … und richten sich wieder auf. Dann ist es wieder windstill. Über dir hat sich nichts verändert. Die Lichter am Himmel bemerken den Wind nicht. Wenn du lange zu einem Sternbild hinaufschaust … dann wirkt es so, als lägen seine Sterne dicht beieinander. Als wären sie Nachbarn. Als hätten sie sich zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden. Diese Nachbarschaft ist jedoch meist nur eine scheinbare. Die Sterne eines Sternbilds können sehr unterschiedlich weit von uns entfernt sein. Manche liegen näher … andere viel weiter draußen. Wir sehen sie nur aus einer einzigen Richtung … von der Erde aus. Und aus dieser Richtung scheinen sie nebeneinander zu stehen. Für diesen Eindruck gibt es einen Fachbegriff. Man nennt ihn den Projektionseffekt. Ein Bild hilft vielleicht, diesen Effekt zu verstehen. Stell dir vor, du stehst an einem Fenster und schaust hinaus auf eine Landschaft. Ganz vorn steht eine Laterne. Etwas weiter hinten steht ein Baum. Und weit in der Ferne erhebt sich ein Berg. Auf der Scheibe des Fensters liegen alle drei nebeneinander. Die Laterne … der Baum … der Berg. Wenn du mit dem Finger auf das Glas tippst, dann liegen sie fast aneinander. Und doch liegen zwischen ihnen weite Strecken. Das Glas zeigt dir nur die Richtung … aber nicht die Entfernung. Mit dem Himmel ist es ähnlich. Er wirkt wie eine große, dunkle Fläche … auf die alle Sterne gelegt sind. Projektion heißt hier … etwas Räumliches erscheint auf einer Fläche. Die Tiefe geht dabei verloren. Was nah ist und was fern ist, rückt zusammen. Es sieht aus, als läge alles auf derselben Ebene. Und so entstehen Nachbarn, die in Wahrheit gar keine Nachbarn sind. Das bedeutet auch … die Figur, die du siehst, ist an deinen Blickwinkel gebunden. So wie die Laterne, der Baum und der Berg nur am Fenster nebeneinander erscheinen. Das macht die Sternbilder nicht weniger schön. Es macht sie eher noch persönlicher. Sie sind ein Bild, das wir Menschen von unserem Platz aus sehen … ein Bild, das zu unserem Blick gehört. Vielleicht kennst du auch dieses Bild. Du stehst abends auf einem Hügel und schaust über ein Tal. Unten im Tal brennen die Lichter eines Dorfes. Und darüber, am Rand des Himmels, leuchtet ein heller Stern. Für das Auge stehen sie beinahe in einer Reihe. Ein Licht im Dorf … und ein Licht am Himmel. Und doch liegt das eine ganz nah … und das andere sehr weit fort. Das Auge macht daraus trotzdem eine Nachbarschaft. Es kann gar nicht anders. Denk an die Erde unter dir. Sie trägt die Wiese, die Decke und dich. Und von dieser Erde aus schauen wir hinauf … du und alle anderen. Du liegst noch immer auf der Decke. Dein Atem geht langsam. Ein … und aus. Ein … und aus. Über dir die Punkte, die Linien, die Figuren. Und dazwischen die Dunkelheit. Du musst die Linien nicht mehr ziehen. Sie dürfen sich auflösen … und wiederkommen … und sich wieder auflösen. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Es gibt nichts, was du jetzt verstehen musst. Die Wörter kommen zu dir … und sie dürfen auch wieder gehen. Fläche … Figur … Projektion. Manche Wörter bleiben ein wenig hängen. Andere ziehen vorbei wie die Halme im Wind. Das ist gut so. Du liegst hier, um auszuruhen … nicht um zu lernen. Die Wiese liegt weit und dunkel um dich herum. Am Horizont berühren sich Himmel und Erde … und man kann kaum sagen, wo das eine aufhört. Die Sterne reichen bis ganz hinunter. Bis dorthin, wo die Gräser in den Himmel ragen. Zu diesem Thema gehört noch ein zweites Wort. Ein altes Wort mit einem schönen Klang. Das Wort heißt Asterismus. Es kommt aus dem Lateinischen … von dem Wort astrum. Und dieses lateinische Wort stammt wiederum aus dem Griechischen … von astron. Astrum und astron. Beide Wörter bedeuten dasselbe. Sie bedeuten Gestirn. Ein Gestirn ist ein Himmelskörper, der am Himmel leuchtet. Ein Stern zum Beispiel. Mit dem Wort Asterismus bezeichnet man in der Astronomie Gruppen von Sternen. Häufig sind es helle Sterne. Solche Sterne fallen sofort ins Auge … auch dann, wenn man den Himmel kaum kennt. Ein Asterismus ist also ebenfalls eine Gruppe. Aber ein Asterismus ist kein Sternbild im Sinne der Internationalen Astronomischen Union. Er hat keine festen Ränder auf der Karte. Er ist ein Muster … und nicht mehr. Auch das Wort Sternbild ist eigentlich ein kleines Bild. Es besteht aus zwei Teilen … aus Stern und aus Bild. Ein Bild aus Sternen. Mehr sagt das Wort nicht … und mehr muss es auch nicht sagen. Das Wort Asterismus dagegen klingt fremder. Es trägt seine Herkunft noch mit sich … astrum … astron … Gestirn. Zwei Wörter für zwei Arten, Sterne zu Gruppen zu fügen. Ein Asterismus kann Teil eines Sternbilds sein. Dann besteht er aus auffälligen Sternen innerhalb dieser einen Fläche. Ein bekanntes Beispiel ist der Große Wagen. Viele Menschen kennen ihn. Der Große Wagen ist ein Teil des Sternbilds Großer Bär. Der Wagen ist also kleiner als das Sternbild, zu dem er gehört. Er liegt darin … wie ein bekanntes Haus in einem größeren Dorf. Man findet das Haus sofort. Und erst danach lernt man das Dorf ringsherum kennen. Der Name Großer Wagen erzählt von einem Gefährt. Stell dir einen alten Holzwagen vor, der am Rand deiner Wiese steht. Die Deichsel liegt im Gras … die Räder bewegen sich nicht. Niemand fährt heute mehr mit diesem Wagen. Er ruht … so wie du. Und hoch über ihm steht sein Namensvetter am Himmel. Ein Wagen aus Sternen … der nirgendwo hinfährt. Ein Asterismus kann aber auch über die Grenzen der Sternbilder hinausreichen. Er kann auffallende Sterne aus verschiedenen Sternbildern miteinander verbinden. Dann gehört er zu keiner einzelnen Fläche … sondern spannt sich über mehrere. Zwei Beispiele dafür haben Namen, die nach Jahreszeiten klingen. Das Sommerdreieck … und das Wintersechseck. Ihre Sterne verteilen sich über einen großen Teil des Himmels. Wer sie mit den Augen nachzeichnen will … muss den Blick weit wandern lassen. Von einem Ende zum anderen. Sommerdreieck … Wintersechseck. Schon die Namen sind wie kleine Bilder. Ein Dreieck für den Sommer. Ein Sechseck für den Winter. Man könnte sie halblaut vor sich hin sagen, wie zwei Wörter aus einem alten Lied. Sommerdreieck. Wintersechseck. Großer Wagen. Bei dem Wort Sommerdreieck denkt man vielleicht an eine warme Nacht. An Gras, das noch die Wärme des Tages hält … an offene Fenster. Bei dem Wort Wintersechseck denkt man eher an kalte, klare Luft. An Atem, der als kleine Wolke vor dem Gesicht steht. Zwei Jahreszeiten … zwei Muster. Und beide sind aus Sternen gemacht, die zu verschiedenen Sternbildern gehören. Ein Sternbild ist also eine Fläche mit festen Rändern. Und ein Asterismus ist ein Muster … das sich um solche Ränder nicht kümmert. Beides darf nebeneinander bestehen. Das eine ordnet den Himmel … das andere hilft dem Auge, sich zurechtzufinden. Und wer auf einer Wiese liegt und hinaufschaut … der braucht keines von beiden. Er darf schauen. Mehr nicht. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Spür einmal, wie schwer deine Arme geworden sind. Sie liegen neben dir auf der Decke. Deine Schultern sinken ein wenig tiefer. Dein Nacken wird weich. Du musst den Kopf nicht mehr heben, um die Sterne zu sehen. Die Sterne sind ohnehin über dir … überall. Stell dir vor, wie viele Menschen schon so dagelegen haben wie du. An vielen Orten … in vielen Nächten. Jeder von ihnen hat hinaufgeschaut. Und jeder hat vielleicht etwas anderes gesehen. Ein Tier … ein Werkzeug … ein Gesicht … oder nur ein paar Lichter, die gut zueinander passen. Bis jetzt war von einer bestimmten Ordnung die Rede. Es ist die Ordnung, die heute in der Astronomie gilt. Aber derselbe Himmel lässt sich auch ganz anders aufteilen. Die Sterne bleiben dieselben … nur die Linien zwischen ihnen ändern sich. Ein schönes Beispiel dafür kommt aus China. Die frühen chinesischen Astronomen haben den Nachthimmel in Regionen aufgeteilt. Es waren einunddreißig Regionen. Zu diesen einunddreißig Regionen zählen drei Gebiete … und achtundzwanzig Wohnsitze. Drei Gebiete und achtundzwanzig Wohnsitze. Zusammen sind das einunddreißig. Das Wort Wohnsitz klingt vertraut. Es klingt nach einem Haus … nach einem Ort, an dem jemand zu Hause ist. Man kann sich den Himmel in dieser Ordnung wie eine Landschaft vorstellen. Mit weiten Gebieten … und mit Häusern, in denen die Sterne wohnen. Achtundzwanzig Häuser am Himmel. Und drei weite Gebiete. Stell dir eine Reihe von Häusern vor, abends, in einer weiten Ebene. In jedem Haus brennt ein Licht. Manche Fenster leuchten hell … andere nur schwach. Jedes Haus hat seine Bewohner. Und jedes Haus steht an seinem eigenen Platz. So kann man sich die achtundzwanzig Wohnsitze am Himmel vorstellen. Als Häuser für die Sterne … verteilt über die Weite der Nacht. Auch das Wort Gebiet ist ein Wort von der Erde. Ein Gebiet ist ein größerer Landstrich … mit vielen Orten darin. Drei weite Gebiete … und achtundzwanzig Wohnsitze. Diese Ordnung reicht aber noch tiefer. Die drei Gebiete und die achtundzwanzig Wohnsitze sind noch einmal unterteilt. Sie sind unterteilt in Sternbilder. Und zwar in zweihundertdreiundachtzig Sternbilder. Zweihundertdreiundachtzig. Das sind viel mehr Sternbilder als die achtundachtzig, die heute international gelten. Wenn derselbe Himmel in mehr Bilder geteilt wird … dann ist jedes einzelne Bild im Durchschnitt kleiner. Es ist, als hätte jemand eine Landkarte nicht in große Länder geteilt … sondern in viele kleine Gemeinden. Jede Gemeinde mit ihrem eigenen Namen. Und jede mit ihren eigenen Nachbarn. Zweihundertdreiundachtzig kleine Bilder. Man könnte versuchen, sie zu zählen … eines nach dem anderen. Eins … zwei … drei … Aber du musst nicht zählen. Die Zahl ist schon gezählt worden … lange vor dir. Du darfst sie stehen lassen, wo sie ist. Am Himmel … zwischen den Häusern und den Gebieten. Das ist ein beruhigender Gedanke. Der Himmel schreibt keine Ordnung vor. Die frühen chinesischen Astronomen haben auf dieselben Sterne geschaut wie die Menschen anderswo. Und sie haben ihre eigenen Linien gezogen … ihre eigenen Gruppen gebildet. Keine dieser Ordnungen ist falsch. Jede ist ein Weg, sich am Himmel zurechtzufinden. Hier passt noch einmal der Satz von vorhin. Die Figuren der Sternbilder stellen sich nur subjektiv für den Beobachter dar. Ein Beobachter in China … ein Beobachter anderswo. Zwei Blicke auf denselben Himmel … und zwei verschiedene Ordnungen. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Stell dir vor, du würdest den Himmel heute Nacht selbst aufteilen. Du dürftest ganz eigene Linien ziehen. Vielleicht würdest du große Bilder wählen … vielleicht viele kleine. Es gäbe kein Richtig und kein Falsch. Es wäre nur deine Ordnung … für diese eine Nacht. Die Nacht ist inzwischen ein Stück weiter gewandert. Die Luft über der Wiese ist feucht geworden. Auf den Halmen sammelt sich Tau … in winzigen Tropfen. Du spürst davon kaum etwas. Die Decke unter dir hält die Kühle vom Boden fern. Und über dich hast du eine zweite Decke gezogen … bis zum Kinn. Nur dein Gesicht schaut noch hinaus in die Nacht. Hinauf zu den Punkten … zu den Linien … zu den Bildern. Irgendwo am Rand der Wiese zirpt eine Grille. Dann eine zweite. Ihr Zirpen kommt und geht … wie ein gleichmäßiger Atem. Du hörst ihm eine Weile zu. Und dann hörst du es kaum noch. Ich möchte noch einmal zu den Linien zurückkehren, die man nicht sieht. Zu den Grenzen der Flächen am Himmel. Diese Grenzen sind nicht von selbst entstanden. Man musste sich auf sie einigen. Seit dem Jahr neunzehnhundertzweiundzwanzig werden international standardisierte Sternbilder verwendet. Es sind achtundachtzig. Standardisiert heißt … alle verwenden dieselbe Liste. Dieselben Sternbilder … dieselbe Zahl. Achtundachtzig Sternbilder. Eine Zahl, die man sich leicht merken kann … zweimal die Acht. Aber du musst sie dir nicht merken. Du darfst sie auch gleich wieder vergessen. Neunzehnhundertzweiundzwanzig. Das ist schon lange her. Seitdem gilt diese Liste … Jahr für Jahr … Nacht für Nacht. Mit der Liste allein war es noch nicht getan. Es fehlten noch die genauen Ränder. Ein Astronom namens Eugène Delporte hat dafür die Vorarbeit geleistet. Nach seiner Vorarbeit wurden die Grenzlinien im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig offiziell festgelegt. Festgelegt hat sie die Internationale Astronomische Union … dieselbe Vereinigung, von der vorhin schon die Rede war. Sechs Jahre lagen also zwischen der Liste und den Grenzen. Erst die Sternbilder … dann ihre Ränder. Man kann sich vorstellen, wie sorgfältig diese Arbeit gewesen sein muss. Linie für Linie … über den weiten Himmel. Ich stelle mir diese Arbeit an einem Schreibtisch vor. Eine Lampe … ein großes Blatt … ein spitzer Stift. Dazu Zahlen, Tabellen und viel Geduld. Und während draußen die Nacht liegt … entstehen drinnen auf dem Papier die Ränder des Himmels. Das ist nur ein Bild, das ich mir mache. Aber es ist ein freundliches Bild. Diese Linien siehst du nicht, wenn du hinaufschaust. Am Himmel gibt es keine Zäune und keine Grenzsteine. Die Grenzen stehen auf Karten. Dort sind sie eingezeichnet … fein und genau. Am Himmel selbst gibt es nur das Licht der Sterne. Und die Dunkelheit dazwischen. Es ist ein wenig wie mit den Grenzen zwischen zwei Feldern. Von oben sieht man vielleicht eine Hecke … aber die genaue Linie steht im Grundbuch. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Die Internationale Astronomische Union ist eine Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft arbeiten Astronomen aus vielen Ländern zusammen. Auch aus Deutschland. Die deutschen Astronomen und astronomischen Vereinigungen werden in dieser Union vom Rat Deutscher Sternwarten vertreten. Ein Rat ist eine Runde von Menschen, die gemeinsam für eine Sache sprechen. Und eine Sternwarte ist ein Ort, an dem man den Himmel beobachtet. Der Rat Deutscher Sternwarten spricht also für die deutsche Astronomie … dort, wo sich die Fachleute aus der ganzen Welt begegnen. Stell dir eine Sternwarte vor. Ein Gebäude auf einer Anhöhe … mit einer runden Kuppel auf dem Dach. In der Nacht öffnet sich die Kuppel einen Spalt breit. Und durch diesen Spalt schaut ein Fernrohr hinaus in den Himmel. Drinnen ist es dunkel und kühl. Nur ein paar kleine Lampen brennen. Und jemand sitzt dort … und schaut … so wie du. Nur mit Augen aus Glas. Eine große Begegnung der Internationalen Astronomischen Union heißt Generalversammlung. Die Union richtet sie in wechselnden Ländern aus. Das Ziel der Union ist die Förderung der Astronomie … durch internationale Zusammenarbeit. Die dreißigste Generalversammlung fand im August zweitausendachtzehn in Wien statt … in Österreich. Veranstalter war die Wiener Universitätssternwarte. Stell dir vor … ein Abend bei einer solchen Versammlung. Fachleute für den Himmel sitzen beisammen und sprechen über das, was sie da oben sehen. Und draußen stehen dieselben Sterne wie über deiner Wiese. Das ist das Schöne an den achtundachtzig Sternbildern. Sie gehören keinem einzelnen Land. Ein Sternbild hat in Deutschland dieselben Grenzen wie in Österreich … wie in der Schweiz … und wie überall sonst. Wer eine Sternkarte aufschlägt, findet dort dieselben Flächen. Ganz gleich, in welcher Sprache die Karte geschrieben ist. Der Himmel wird geteilt … und zugleich ist er für alle derselbe. Stell dir drei Menschen vor, an drei verschiedenen Orten. Einer liegt auf einer Wiese in Deutschland. Einer sitzt auf einer Bank in Österreich. Und einer steht auf einem Balkon in der Schweiz. Alle drei schauen in derselben Nacht hinauf. Und wenn sie auf ihren Karten nachsehen … finden sie dieselben Flächen mit denselben Grenzen. Keiner von ihnen weiß vom anderen. Und doch teilen sie sich denselben Himmel … und dieselbe Ordnung. Und doch beginnt jedes Sternbild für dich auf dieselbe Weise. Mit einem Blick nach oben. Mit Augen, die Punkte verbinden … und mit einem Kopf, der Formen erkennt. Die Mustererkennung arbeitet auch jetzt in dir. Ganz von selbst … ohne dass du etwas dafür tun musst. Du kannst sie arbeiten lassen. Oder du kannst die Augen schließen … und die Punkte Punkte sein lassen. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Vielleicht sind deine Augen schon geschlossen. Vielleicht siehst du die Sterne jetzt nur noch innen. Auch dort darfst du Linien ziehen. Oder es lassen. Auch dort gibt es keinen Rand, den du einhalten musst. Die Wiese ist jetzt ganz dunkel. Das Gras bewegt sich kaum noch. Die Decke unter dir ist warm geworden … warm von dir. Der Himmel liegt über dir wie zuvor. Weit … und dunkel … und voller Punkte. Ein Sternbild … eine Gruppe von Sternen, in der wir eine Figur sehen. Ein Sternbild … eine Fläche am Himmel, mit genauen Rändern. Ein Asterismus … ein Muster aus Sternen. Der Große Wagen. Das Sommerdreieck. Das Wintersechseck. Achtundachtzig Sternbilder … für alle Menschen gleich. Zweihundertdreiundachtzig Sternbilder … in der Ordnung der frühen chinesischen Astronomen. Denk noch einmal an das Fenster. Die Laterne … der Baum … der Berg. Sie liegen auf dem Glas nebeneinander … und sind doch weit voneinander entfernt. So ist es auch mit den Sternen über dir. Nah für das Auge … fern im Raum. Und der Wagen am Rand der Wiese ruht. Er fährt heute nirgendwo mehr hin. Auch du musst heute nirgendwo mehr hin. Du musst dir nichts davon merken. Es darf alles verschwimmen. Die Linien … die Namen … die Zahlen. Was bleibt, ist der Himmel. Und die Wiese. Und du. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Die Linien zwischen den Sternen werden blasser. Die Ränder der Flächen lösen sich auf. Übrig bleiben nur die Punkte … hell und schwach, nah und fern. Und die Wiese trägt dich. Und die Decke wärmt dich. Und der Himmel wacht über dir. Sternbild … Asterismus … Wohnsitz … Gebiet. Die Wörter rücken weiter weg. Sie treiben davon wie kleine Wolken. Großer Wagen … Sommerdreieck … Wintersechseck. Du musst sie nicht festhalten. Du hast auch Zeit. Niemand wartet auf dich. Nichts muss heute noch geschehen. Dein Atem wird langsamer. Ein … und aus. Langsam. Ganz langsam. Die Sterne leuchten weiter. Auch wenn du die Augen schließt. Sie brauchen niemanden, der sie anschaut. Die Sterne stehen über der Wiese … und sie haben Zeit. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.