Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Am Deich zwischen Meer und Land
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- Stell dir eine Küste vor … im Norden, am Rand der Nordsee. Der Boden dort ist flach. Er ist grün … und er liegt tief. Es ist Abend geworden. Vor dir zieht sich ein langer Wall durch das Land. Gras wächst darauf … dichtes, kurzes Gras. Der Wall steigt sanft an. Oben läuft ein schmaler Weg entlang … und dann fällt er wieder ab. Das ist ein Deich. Auf der einen Seite liegt das Land. Auf der anderen Seite liegt das Wasser. Nimm dir einen Moment für dieses Bild. Es muss darin nichts geschehen. Der Wall liegt da. Das Gras liegt darauf. Der Abend legt sich darüber. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Das Wort Deich ist alt. Es kommt aus dem Mittelniederdeutschen … dort heißt es dîk. Und es bedeutete zwei Dinge auf einmal. Deich … und Teich. Das klingt zuerst verwirrend. Aber es hat einen schönen Grund. Ganz ursprünglich meinte das Wort das Ausgestochene. Also die Erde, die jemand aus dem Boden holt. Wer Erde aussticht, bekommt immer zweierlei. Eine Grube … und einen Haufen. Die Grube füllt sich mit Wasser. Aus dem Haufen wird ein Wall. Ein Stich mit dem Spaten, zwei Ergebnisse. Das eine liegt tiefer. Das andere liegt höher. Teich und Deich. Ein Wort für beide. Du kannst es dir ganz leise vorsagen. Deich. Teich. Zwei Wörter, die einmal eines waren. Ein Deich ist eine wasserbauliche Anlage. So nennt man Bauwerke, die für das Wasser gemacht sind … und gegen das Wasser. Man errichtet ihn entlang von Küsten … und entlang von Flüssen. Er liegt längsseits am Ufer, wie ein Damm. Und hinter ihm liegt das Hinterland. Das ist das Land, das gleich anschließt … niedrig und flach. Dieses Hinterland soll trocken bleiben. Mehr ist es nicht. Erde in einer langen Reihe … zwischen dem Wasser und den Wiesen. Kein Geheimnis. Kein Kunststück. Nur Erde, die jemand aufgehäuft und glatt gestrichen hat. Wenn du einen Deich von der Seite anschaust, im Schnitt, dann siehst du sein Profil. Und du siehst: die beiden Seiten sind nicht gleich. Die eine Böschung ist anders geformt als die andere. Dafür gibt es ein Wort. Asymmetrisch heißt das … ungleichseitig. Ein Deich an der Küste ist heute meist ein asymmetrischer Baukörper. Er hat eine Krone oben … zwei Böschungen an den Seiten … und unten, wo er den Boden berührt, den Deichfuß. Krone. Böschung. Fuß. Das ist schon fast alles, was du wissen musst. Drei Wörter für ein ganzes Bauwerk. Oben. An den Seiten. Unten. Mehr Teile hat er nicht. Und mehr braucht er auch nicht. Es gibt ein zweites Wort, das dem Deich sehr nahe steht. Das ist der Damm. Im technischen Sprachgebrauch werden die beiden unterschieden. Ein Deich ist nur zeitlich befristet mit Wasser eingestaut. Das Wasser steht eine Weile an ihm … dann geht es wieder fort. Ein Damm dagegen ist dauerhaft eingestaut. Er liegt meist an einem künstlichen Gewässer … an einem Kanal … oder an einer Talsperre. Es gibt auch den Leitdamm. Der lenkt das Wasser dauerhaft in eine Richtung. In Österreich und im englischen Sprachraum macht man diese feine Unterscheidung nicht. Dort ist ein Wall am Wasser einfach ein Wall am Wasser. Auch das ist in Ordnung. Die Sprache darf es sich manchmal leicht machen. Merk dir den Unterschied ruhig nur halb. Der Deich hat das Wasser eine Weile bei sich. Dann lässt er es wieder los. Der Damm hat es immer bei sich. Er hält es dauerhaft. Das eine geht und kommt. Das andere bleibt. Und beide sind am Ende dasselbe einfache Ding. Erde, aufgehäuft an einer Kante. Ein Wall, der einer Linie folgt. Mehr steckt nicht dahinter. Heute unterscheidet man zwei Grundtypen. Das sind Flussdeiche und Seedeiche. Der Unterschied liegt in der Lage … und in der Bauweise. Im Binnenland legt man Flussdeiche an den Rändern der Flüsse an, zum Schutz der Flussauen. Dort sagt man oft einfach Dämme dazu. An der Küste ist es anders. Dort drückt bei Wind das Wasser gegen die Küste … und die Bauweise richtet sich danach. Deshalb sieht ein Deich am Meer anders aus als ein Deich am Fluss. Zwei Grundtypen, zwei Lagen. Der eine liegt am Fluss. Der andere liegt am Meer. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Unsere Reise beginnt weit draußen. Bei den Halligen. Sie liegen im nordfriesischen Wattenmeer. Auf den Halligen findest du niedrige Deiche. Sommerdeiche heißen sie. Ein Sommerdeich ist nicht hoch. Er liegt bei den Weiden … bei dem Gras, auf dem die Tiere stehen. Die Häuser stehen nicht dahinter. Die Häuser stehen höher. Sie stehen auf Warften. Eine Warft ist ein aufgeschütteter Hügel aus Erde … und darauf steht die Siedlung. Zwei Bauwerke auf einer kleinen Insel. Unten der Deich bei den Weiden … oben die Warft mit den Häusern. Erde unten. Erde oben. Beides aufgehäuft, Schicht für Schicht. Neben dem Sommerdeich gibt es den Winterdeich. Der ist höher bemessen. Er liegt weiter landeinwärts … und er ist kräftiger ausgelegt. Früher war diese Einteilung überall wichtig. Heute hat sie vor allem historische Bedeutung. Auch auf dem Festland gibt es noch alte Sommerdeiche. Aber sie stehen jetzt in zweiter Reihe … manchmal sogar in dritter. Vor ihnen wurden neuere Seedeiche gebaut. Die alten Sommerdeiche werden heute nicht mehr neu errichtet. Man nutzt sie als Weidefläche … oder man stellt sie unter Naturschutz. Die Halligen sind dabei die Ausnahme. Dort gehören die Sommerdeiche noch zum Alltag. Zwei Wörter für zwei Jahreszeiten. Sommerdeich und Winterdeich. Der eine ist niedrig. Der andere ist höher und liegt weiter hinten. Das klingt ordentlich, und das ist es auch. Eine Landschaft, die ihre Bauwerke nach dem Jahr benannt hat. Von den Halligen aus schaust du zurück zum Festland. Dort liegt der Kreis Nordfriesland. Ein Gebiet an der deutschen Nordseeküste. Und dort ist der Deich ein charakteristisches Landschaftselement. Das heißt: Er ist nicht nur ein Bauwerk. Er ist ein Teil dessen, was diese Landschaft ausmacht. So wie anderswo Hügel dazugehören … oder Hecken … oder Alleen. Du siehst ihn von weitem. Eine lange grüne Linie, die den Himmel unten abschließt. Und dahinter ahnst du das Wasser, noch bevor du es siehst. Eine Linie, die weitergeht, solange du ihr mit den Augen folgst. Dieselbe Linie findest du an vielen Küsten. In Ostfriesland … in Oldenburg … und an der niederländischen Nordseeküste. Auch an der Tideelbe, in den Kreisen Cuxhaven und Stade, liegen Deiche. Und an der deutschen Ostseeküste ebenso. Zum Beispiel in der Probstei … und auf Fehmarn. Es ist immer dieselbe Idee. Eine Erhebung aus Erde zwischen Wasser und Land. Andere Namen, andere Gegenden. Und doch dieselbe grüne Linie. Und es ist immer dieselbe Bewegung dahinter. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Das Land hinter dem Deich hat einen eigenen Namen. Es heißt Marsch. Die Marsch ist ein besonderer Boden. Er besteht aus Ablagerungen, die das Meer herangetragen hat. Sedimente nennt man das … feine Teilchen, die sich im ruhigen Wasser absetzen. Stell dir das einen Augenblick vor. Wasser, das still steht. Und darin etwas, das ganz langsam nach unten sinkt. Es hat keine Eile. Es braucht niemanden, der zusieht. So ist dieser Boden entstanden. Teilchen für Teilchen, ohne Geräusch. Solche Flächen entstanden über Jahrhunderte durch den Deichbau. Man sprach vom Eindeichen des Watts. Die so gewonnenen Gebiete tragen je nach Gegend verschiedene Namen. Koog sagt man in Schleswig-Holstein. Polder sagt man in den Niederlanden. Groden sagt man weiter westlich an der Küste. Drei Wörter … ein Gedanke. Land, das hinter einem Deich liegt. Du musst dir nicht merken, welches Wort wohin gehört. Sie meinen alle dasselbe ruhige Stück Land. Wir gehen weiter nach Süden. In den Kreis Dithmarschen. Auch das ist ein Gebiet an der deutschen Nordseeküste. Auch dort ist der Deich ein charakteristisches Landschaftselement. Die Landschaft bleibt flach. Der Horizont bleibt weit. Und die Deiche stehen nicht allein. Ein Deichbau an der Küste ist heute ein ganzes System. Vor dem Hauptdeich kann ein Deichvorland liegen. Das ist eine flache Fläche vor dem Deich, die noch zum Wasser gehört. Dort laufen die Wellen auf und brechen sich schon, bevor sie den Deich erreichen. Und die Strömung wird langsamer, weil dort Gras wächst. Ein Streifen Land, der halb zum Wasser gehört und halb zum Ufer. Gras darauf, flach und weit. Und davor das Wasser, das anläuft und sich bricht. Der Deich steht dahinter und wartet einfach ab. Aus dieser Lage ergeben sich zwei Namen. Ein Vorlanddeich hat so ein Vorland vor sich … mehr oder weniger breit. Ein Schardeich hat keines. Er liegt direkt an der Wasserkante. Bei einem Schardeich muss der Deichfuß besonders gesichert werden. Denn dort steht das Wasser unmittelbar am Bauwerk. Vorlanddeiche haben die größere Deichsicherheit. Deshalb versucht man an kritischen Stellen, neues Vorland entstehen zu lassen. Dazu baut man Lahnungsfelder. Ein Wort, das nach Geduld klingt. Vorlanddeich und Schardeich. Zwei Namen für dieselbe Sache in zwei Lagen. Der eine hat einen Streifen Land vor sich. Der andere hat ihn nicht. Und davon hängt ab, wie man ihn baut und wie man ihn sichert. Es gibt noch mehr solcher Wörter. Sie sind regional gewachsen … und sie sagen etwas über die Art des Deiches. Da ist der Abschlussdeich. Und da ist der Schenkeldeich. Und dann gibt es den Stackdeich. Davon erzähle ich dir gleich noch. Du musst dir diese Wörter nicht merken. Sie dürfen einfach vorbeiziehen … so wie die Deichlinie draußen vorbeizieht. Sie sind Fundstücke aus einer Sprache, die dicht am Wasser gewachsen ist. Abschlussdeich. Schenkeldeich. Stackdeich. Lass sie klingen … und wieder gehen. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Jetzt schauen wir in den Deich hinein. Ein neu angelegter Deich besteht meist aus zwei Bodenschichten: innen Sand und außen Klei. Innen liegt ein Kern aus Sand. Er gibt dem Bauwerk seine Masse und seine Form. Darüber liegt eine Schicht aus bindigem Material. Bindig heißt: Der Boden hält zusammen, weil er fein ist. Dieser Boden heißt Kleiboden. Die Kleischicht ist ein bis zwei Meter dick. Sie liegt wie ein Mantel über dem Sandkern. Sand innen. Klei außen. Das ist der Deich von heute. Innen das Lockere, das dem Bauwerk seine Form gibt. Außen das Feine, das zusammenhält. Ein Mantel über einem Kern. Das ist der ganze Aufbau. Wird ein Deich später erhöht, ändert sich das Verhältnis. Dann wird die Kleischicht dicker angelegt als vorher. Denn nachträglich kann man aus Gründen der Bodenmechanik nicht einfach mit Sand weiterbauen. Bodenmechanik ist die Lehre davon, wie sich Erde unter Last verhält. Sie sagt, welcher Boden sich setzt … und welcher trägt. So wächst ein Deich über die Jahrzehnte. Er wird nicht neu gemacht. Er wird weitergemacht. Eine Schicht auf der anderen. Und immer mit Zeit dazwischen. Über diesen beiden Schichten liegt die Grasdecke. Die siehst du auch von weitem. Das ist Gras. Die Oberfläche wird mit Gras bepflanzt … und zwar aus zwei Gründen. Der erste Grund ist die Erosion. Erosion heißt: Wind und Wasser tragen den Boden ab, Körnchen für Körnchen. Die Wurzeln halten die Erde fest. Dann kann der Wind nichts mitnehmen. Der zweite Grund ist die Stabilität. Eine dichte Grasdecke macht die Oberfläche fester. Eine Handvoll Halme, millionenfach. Das ist der Schutz des Schutzbauwerks. Nichts daran ist groß. Jeder Halm für sich ist unbedeutend. Zusammen halten sie die ganze Fläche fest. Und damit kommen wir zu den Schafen. Auf vielen Deichen weiden Schafe. Das sieht nach Bilderbuch aus … aber es ist Arbeit. Die Schafe halten die Grasnarbe kurz und dicht. Die Grasnarbe ist die oberste Schicht aus Gras und durchwurzelter Erde. Kurz und dicht ist sie am stärksten. Gleichzeitig verdichten die Tiere den Boden. Jeder Tritt drückt die Erde ein wenig fester. Und sie ersparen etwas: Mit Schafen muss keine Mähmaschine über den Deich fahren. Ein Tier, das frisst und geht. Mehr braucht es nicht. Kein Motor. Kein Termin. Kein Plan für den Tag. Nur Gras, das nachwächst … und Tiere, die es wieder kurz machen. Das geht so weiter, Sommer für Sommer. Und der Deich wird dabei fester, ohne dass jemand nachhelfen muss. Stell dir das einen Moment vor. Ein langer grüner Wall im Abendlicht. Oben der schmale Weg. Und verstreut darauf die Schafe … der Länge nach, über den ganzen Wall. Sie stehen dort und fressen. Sie heben den Kopf. Sie fressen weiter. Sie folgen keinem Plan. Und trotzdem entsteht daraus etwas Festes. Ein Deich, der hält, weil Tiere über ihn gehen. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Wie hoch ist so ein Deich. Das kommt auf die Gegend an. Höhe und Breite richten sich nach der Landschaft und danach, wie hoch das Wasser auflaufen kann. An der Unterelbe gibt es Flussdeiche mit acht bis neun Metern Höhe. Seedeiche sind mancherorts noch höher. Und sie sind breit. Teilweise über einhundert Meter von einem Fuß zum anderen. Einhundert Meter … das ist mehr als ein Fußballfeld in der Breite. Ein Bauwerk, das so flach ansteigt, dass du gar nicht merkst, wann du darauf stehst. Geh im Gedanken einmal hinauf. Der Boden steigt an, ganz allmählich. Das Gras ist kurz unter den Schuhen. Und irgendwann bist du oben, ohne dass du es gemerkt hast. Vor dir das Wasser. Hinter dir die Wiesen. Unter dir der schmale Weg. Links geht die Linie weiter. Rechts geht die Linie weiter. In beide Richtungen dasselbe ruhige Bild. Unsere Route hat ein Ziel. Es heißt Eidersperrwerk. Dort findest du Deichstrecken, die anders aussehen als das grüne Band. Es sind Schardeiche. Sie liegen ohne schützendes Vorland direkt am Wasser. Solche Strecken sind stark durch Wellenschlag gefährdet. Deshalb tragen sie keine Grasnarbe, sondern eine Asphaltdecke. Dunkel und glatt statt grün und weich. Am Eidersperrwerk kannst du das sehen. Eine Strecke ohne Gras, mitten in einer Landschaft aus Gras. Auch das gehört dazu. Nicht jeder Abschnitt sieht gleich aus. Am Deich gibt es noch ein paar schöne Wörter. Sie stehen für ganz einfache Dinge. Ein Aufgang oder eine Auffahrt auf den Deich heißt Akt. Ein verschließbarer Durchlass für einen Weg heißt Stöpe … oder Deichschart. Solche Durchlässe vermeidet man möglichst, weil sie die Deichkrone unterbrechen. Lieber legt man eine Deichrampe an. Die führt in einem spitzen Winkel über den Deich hinweg. Und wenn neue Deichstrecken mit Stroh befestigt werden, nennt man das Bestickung. Bestickung. Als würde jemand die Landschaft mit einer Nadel nähen. Akt. Stöpe. Deichschart. Deichrampe. Lauter kleine Wörter für Auf und Ab, für Hinüber und Hindurch. Sie müssen nicht bei dir bleiben. Sie dürfen weiterziehen. Ein Deich hält das Wasser draußen. Aber das Land dahinter braucht auch einen Ausgang. Regen fällt. Gräben füllen sich. Das Wasser muss irgendwohin. Dafür gibt es das Siel. Jeder Seedeich, der bei der Landgewinnung neues Land einschließt, braucht ein Siel für die regelmäßige Entwässerung. Ein Deich ist also keine reine Grenze. Er ist eine Grenze mit einer Tür. Siel. Ein kurzes Wort für einen ruhigen Vorgang. Denk kurz an das Wasser im Land. An die Gräben zwischen den Wiesen. Es steht dort, dunkel und glatt, und es hat Zeit. Irgendwann findet es seinen Weg nach draußen. Alles, was hereinkommt, geht auch wieder fort. So ist es hier eingerichtet. Wie alt ist diese Idee. Älter, als du vielleicht denkst. Die ersten Deiche sind aus dem mykenischen Griechenland nachgewiesen. Das ist lange her. In Nordeuropa dagegen kannte man großflächigen Deichbau bis zum Mittelalter nicht. In Norddeutschland begann er um das Jahr eintausend nach Christus. Dann fing jemand an, Erde aufzuhäufen … und hörte nicht mehr auf. Seitdem wird gegraben und geschichtet. Eine Arbeit, die niemand an einem Tag zu Ende bringt. Die erste Form war der Ringdeich. Ein Ringdeich ist ein Wall, der sich im Kreis schließt … um einen Acker oder um einen Weideplatz. Die ältesten Beispiele stammen aus der römischen Eisenzeit und sind in Westfriesland belegt. Diese frühen Deiche waren niedrig. Kaum höher als ein Meter und zwanzig Zentimeter. Aber im Profil waren sie den heutigen schon ähnlich. Krone, Böschung, Fuß. Sie schützten landwirtschaftliche Flächen … nicht ganze Landstriche. Ein Ring aus Erde um ein Stück Land. Das war der Anfang. Zeichne den Ring einmal in Gedanken nach. Er hat keine Ecke. Du folgst ihm mit dem Finger, und irgendwann bist du wieder dort, wo du angefangen hast. Ein niedriger Wall aus Erde, und sonst nichts. Und innen drin ein Acker. Oder ein Platz, auf dem Tiere weiden. Und sie hatten eine Wirkung, die man nicht sofort sieht. Die Böden in der Marsch sind salzig. Salz macht den Ackerbau schwer. Hinter einem Ringdeich konnte das Land aussüßen. Und auf ausgesüßtem Boden ließ sich besser Ackerbau treiben. Das dauert. Aber es geschieht … Jahr für Jahr, ganz von selbst. Am Ende steht ein Boden, auf dem mehr wächst als vorher. Ein Wall aus Erde, und Jahre später schmeckt die Erde anders. Ab dem zwölften Jahrhundert verband man die einzelnen Ringe miteinander. Aus vielen kleinen Kreisen wurde eine Linie. Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts war sie geschlossen. Sie reichte von Ostfriesland über Butjadingen … über Dithmarschen … bis nach Nordfriesland. Auch die Unterläufe der Flüsse wurden mit Dämmen eingefasst. Und erst damit wurden die Siele nötig, die die Entwässerung der Gebiete sicherstellten. Eine durchgehende Linie braucht überall dort eine Tür, wo Wasser heraus will. Ringdeiche gab es übrigens nicht nur am Meer. Es gab sie auch weit im Binnenland. Zum Beispiel um Grafenrheinfeld … im brettflachen Tal des Mains, südlich von Schweinfurt. Brettflach ist ein gutes Wort für diese Gegend. Flach wie ein Brett. Auch dort legte man einen Ring aus Erde um den Ort. Dieselbe Idee, sechshundert Kilometer von der Nordsee entfernt. Wo Wasser steigen kann, häufen Menschen Erde auf. Am Meer. Am Fluss. Im flachen Tal. Immer derselbe Gedanke, und immer dieselbe Bewegung mit dem Spaten. Im Spätmittelalter kam eine andere Bauweise dazu. Der Stackdeich. Die ersten entstanden in Nordholland und verbreiteten sich von dort nach Osten. In Ostfriesland sind sie später nachweisbar … und noch etwas später im Land Wursten. Bei einem Stackdeich verzichtete man auf die seeseitige Berme. Eine Berme ist ein waagerechter Absatz in der Böschung. Statt der Erde stellte man dort eine senkrechte Wand aus Hölzern auf. In Ostfriesland nannte man solche Wände auch Holzungen. Sie waren aufwendig. Das Holz musste alle dreißig bis fünfzig Jahre erneuert werden … und in der Marsch wuchs kaum Holz. Also kaufte man es von weither und ließ es liefern. Das war teuer, und es blieb teuer. Ab etwa siebzehnhundertdreißig kam der Schiffsbohrwurm dazu. Er zerstörte die hölzernen Stackdeiche. Im achtzehnten Jahrhundert kehrte man deshalb zur Bermedeichtechnik zurück. Also wieder zu Erde. Wieder zu einer flachen Böschung mit einem Absatz. Die Kaimauern der Häfen und die Siele wurden nach und nach aus Steinmaterial gebaut. So ging es hin und her, über Jahrhunderte. Holz … Stein … Erde … Gras. Am Ende blieb das Einfachste übrig. Erde, die vor Ort liegt. Gras, das von selbst wächst. Nichts, was geliefert werden muss. Nichts, was alle dreißig Jahre erneuert wird. Ein Bauwerk, das aus der Gegend besteht, in der es steht. Heute werden die Deiche regelmäßig angesehen. Deichverbände führen Begehungen durch. Menschen gehen die Strecke ab und schauen nach den Bestandteilen, die für die Funktion wichtig sind. Diese Begehung heißt Deichschau. Ein schönes, ruhiges Wort für eine schlichte Tätigkeit. Jemand geht den Deich entlang … und sieht hin. Schritt für Schritt, an der langen grünen Linie entlang. In den Niederlanden hat man zusätzlich etwas ausprobiert. Dort liegen in neuen Deichen Analysekabel im Inneren. Sie messen den Zustand im Deichkörper und melden ihn an eine Überwachungszentrale. Ein Deich, der von innen etwas über sich mitteilt. Ganz leise, die ganze Nacht hindurch. Und es gibt noch ein Wort, das gut in diese Nacht passt. Es heißt Schlafdeich. Schlafdeiche sind alte Deiche der früheren Küstenlinie. Als die Küstenlinie durch Landgewinnung weiter nach außen wanderte, ließ man sie in aller Regel stehen. Sie liegen nun in zweiter Reihe … im Hinterland. Und sie haben dort weiterhin eine Aufgabe. Die Flächen zwischen der ersten und der zweiten Deichlinie sind meist dünn besiedelt. Denn die alten Ortskerne liegen hinter den Altdeichen … dort, wo sie immer lagen. Die Häuser sind geblieben, wo sie waren. Nur die Küstenlinie ist weitergezogen. Ein Deich, der schläft. Das ist ein tröstliches Bild. Er ist noch da. Er steht nur nicht mehr vorn am Wasser. Gras wächst darüber. Wege laufen darüber. Häuser stehen dahinter. Und man hat ihn stehen lassen. Er schläft … aber er ist nicht fort. Das Land hat ihn behalten … so wie man alte Dinge behält. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Manchmal geht es heute auch in die andere Richtung. Dann wird ein Deich zurückgebaut. Das klingt zuerst seltsam. Aber es hat mit Raum zu tun. Wegen der globalen Erwärmung und des Meeresspiegelanstiegs baut man mancherorts neue Deiche weiter landeinwärts. Und die alten baut man zurück. Man gibt dem Wasser Platz. Dadurch entstehen wieder offene Auen. Wo ein Deich sie abgetrennt hatte, wird die Verbindung wiederhergestellt. Flutrinnen und Auengewässer bekommen wieder ganzjährig Anschluss an den Hauptstrom. Das hilft der Artenvielfalt … also der Zahl der Arten, die dort leben können. Eine Verbindung, die es einmal gab, ist wieder da. An der Havel im Landkreis Havelland ist so etwas geschehen. Dort wurden mehrere Deiche zurückgebaut, und der Fluss bekam wieder mehr Raum. Auch an der Elbe gibt es so eine Stelle. Sie liegt bei Sandau. Zuerst wurde ein neuer Ersatzdeich gebaut … sechs Kilometer weiter vom Fluss entfernt. Erst danach begann der Rückbau des alten Deiches. Der alte Deich wurde geöffnet. Deichschlitzung nennt man das. Und die alten Auen sind wieder angebunden … mit ihren naturnahen Flusslandschaften. Ein Deich, der aufhört. Und eine Landschaft, die weitergeht. Erst der neue Wall, weiter hinten. Dann die Öffnung im alten. Eines nach dem anderen, in aller Ruhe. Über diese Küste gibt es einen alten Satz. Er lautet: Gott schuf das Meer … der Friese die Küsten. Gemeint ist die Form des Ufers, so wie sie heute aussieht. Denn durch Deichbau und Eindeichungen entstand die heutige Gestalt der Nordseeküste. Die Linie auf der Karte ist zum Teil gewachsen … und zum Teil gemacht. Das ist ein ruhiger Gedanke für einen Abend. Eine Küste, an der lange jemand gearbeitet hat. Nicht an einem Tag. Nicht in einem Sommer. Sondern langsam, mit vielen Händen, eine Schicht nach der anderen. Und niemand von ihnen hat das Ganze fertig gesehen. Und es gibt ein Buch dazu. Eine Novelle aus der deutschen Literatur. Sie heißt Der Schimmelreiter … und sie handelt vom Deichbau. Geschrieben hat sie ein norddeutscher Erzähler, Theodor Storm. Den landschaftlichen Hintergrund bilden die Hattstedtermarsch und der Hattstedter Neue Koog. Also genau das, wovon wir die ganze Zeit sprechen. Marsch … und Koog. Die Marsch ist der Boden aus feinen Ablagerungen. Der Koog ist das eingedeichte Land hinter dem Wall. Selbst die Bücher hier tragen die Wörter der Landschaft. Ein Buch aus dieser Gegend, mit diesen Wörtern darin. Mehr musst du dazu nicht wissen. Es ist schön, dass es sie gibt. Lesen kannst du sie ein andermal. Wir sind wieder am Anfang. An der flachen Küste im Norden. Der Abend ist inzwischen weit fortgeschritten. Der Deich ist noch da, wo er vorhin war. In seinem Inneren liegt der Sand. Darüber liegt der Klei, ein bis zwei Meter dick. Darüber liegt das Gras. Und in dem Gras stehen die Schafe. Sie halten die Grasnarbe kurz und dicht … und sie verdichten den Boden mit jedem Schritt. Sie machen das jeden Tag. Sie machen das auch heute Nacht. Unter dem Gras liegt der Klei. Unter dem Klei liegt der Sand. Alles liegt übereinander, ruhig und in der richtigen Reihenfolge. Nichts davon muss sich heute Nacht bewegen. Weit draußen liegen die Halligen mit ihren niedrigen Sommerdeichen und den Warften. Dahinter der Kreis Nordfriesland. Dann der Kreis Dithmarschen. Und am Ende das Eidersperrwerk mit seiner Asphaltdecke. Eine lange Linie aus Erde … von Insel zu Insel, von Kreis zu Kreis. Sie hat keinen Anfang, den du sehen könntest. Und kein Ende. Sie liegt einfach da. Das Wasser kommt. Und das Wasser geht. Du musst dir nichts davon merken. Nicht den Klei. Nicht den Koog. Nicht das Siel. Die Wörter bleiben auch dann bestehen, wenn du sie vergisst. So wie der Deich bestehen bleibt, wenn niemand hinsieht. Er steigt sanft an. Oben läuft der schmale Weg. Und dann fällt er wieder ab, zum Land hin. Krone. Böschung. Fuß. Sand. Klei. Gras. Marsch. Koog. Warft. Lass die Wörter langsam vorbeiziehen. Eines nach dem anderen. Du musst keines davon festhalten. Das Gras hält. Der Klei hält. Der Sand liegt still darunter. Der schmale Weg liegt oben und geht in beide Richtungen weiter. Der Deichfuß liegt unten im Boden und rührt sich nicht. Die Schafe stehen im Dunkeln und fressen. Und draußen hebt sich das Wasser … und senkt sich wieder. Es kommt. Und es geht. Es kommt. Und es geht. Du musst dabei nichts tun. Du musst nicht mitzählen. Es geschieht auch ohne dich, die ganze Nacht. Einmal hin. Einmal zurück. Und wieder von vorn. Es ist alles an seinem Platz. Das Land liegt hinter dem Deich. Das Wasser liegt davor. Die lange grüne Linie liegt dazwischen … ruhig, und ohne Eile. Mehr muss heute Abend nicht sein. Der Wall bleibt liegen. Das Gras bleibt kurz. Die Schafe bleiben stehen. Und das Wasser draußen macht weiter, ganz von allein. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.