Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Granit, der in der Tiefe wächst und langsam rund wird
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- Stell dir einen Hügel vor … weit draußen, am Rand eines Waldes. Der Boden dort ist sandig und mager … und zwischen den Bäumen liegen große Blöcke aus hellem Gestein. Es ist Nacht geworden. Die Blöcke sind rund. Sie haben keine scharfen Kanten mehr … und sie liegen übereinander wie Kissen. Du legst die Hand auf einen davon. Er ist kühl … und rau … und er bewegt sich nicht. Dieses Gestein heißt Granit. Und es hat sehr lange gebraucht, bis es hier liegen konnte. Der Name kommt aus dem Lateinischen. Er geht auf das Wort granum zurück … und das heißt Korn. Ein Stein aus Körnern also. Und genau so sieht er aus, wenn du nah genug herangehst. Helle Körner liegen neben dunklen Körnern, dicht an dicht. Drei davon werden immer wieder zusammen genannt. Dafür gibt es einen alten Merkspruch. Feldspat, Quarz und Glimmer … die drei vergess ich nimmer. Drei Wörter, die man einmal hört und dann behält. Granit tritt gewöhnlich massig auf. Er ist fest, und er gibt nicht leicht nach. Daher stammt auch die Redewendung, man beiße bei jemandem auf Granit. Gemeint ist damit ein Widerstand, den man nicht überwinden kann. Der Stein steht dabei sinnbildlich für Härte und Widerstandsfähigkeit. Ein Gestein, das in die Sprache gewandert ist. Und das ganz ohne Absicht. Aber diese Körner sind nicht hier oben gewachsen. Sie sind tief unten entstanden … in der Erdkruste … weit unter dem Boden, auf dem du stehst. Granit entsteht aus einer Gesteinsschmelze. Die Fachleute nennen sie Magma. Magma ist flüssiges Gestein. Es ist heiß … und es steht unter dem Druck der Gesteine darüber. Wenn es langsam abkühlt, wird aus der Schmelze wieder fester Stein. Bei Granit geschieht das meistens in mehr als zwei Kilometern Tiefe. So weit unten kommt kein Wetter hin. Und kein Tag. Und keine Nacht. Ein granitisches Magma ist heiß … aber nicht so heiß, wie man vermuten würde. Unter dem Druck der Luft an der Oberfläche schmilzt es bei etwa neunhundertsechzig Grad. Ist viel Wasser darin gelöst, genügt deutlich weniger. Dann bleibt die Schmelze schon bei etwa sechshundertfünfzig Grad flüssig. Wasser macht den Stein also weicher, lange bevor er ein Stein ist. Und es entscheidet mit, wie tief unten alles beginnt. Meistens stammt diese Schmelze nicht aus dem Erdmantel. Sie stammt aus aufgeschmolzenem Material der unteren Erdkruste. Dort liegt altes Gestein … und es wird warm genug, um teilweise flüssig zu werden. Aus diesem alten Gestein wird später neues. Ein Stein, der aus einem anderen Stein geworden ist. Das ist vielleicht der ruhigste Gedanke an diesem ganzen Vorgang. Für dieses teilweise Aufschmelzen gibt es ein eigenes Wort. Es heißt Anatexis. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet einfach Schmelzen. Anatexis findet in der tieferen Erdkruste statt … meistens während einer Gebirgsbildung. Das Gestein wird dabei nicht ganz flüssig. Es wird nur zum Teil weich. Ein Teil schmilzt … und ein Teil bleibt fest. Beides liegt dann dicht nebeneinander, tief unter dem Gebirge. Drei Dinge können dieses Aufschmelzen in Gang bringen. Die Temperatur steigt. Oder der Druck lässt nach. Oder es kommt Wasser dazu. Bei granitischen Gesteinen beginnt das oberhalb von sechshundertfünfzig Grad, wenn genügend Wasser da ist. Und es beginnt nicht überall im Gestein zugleich. Zuerst schmelzen der Quarz und die Feldspäte. Also gerade die Minerale, aus denen später der Granit besteht. Andere Gesteine brauchen dafür deutlich mehr Wärme. Manche schmelzen in solchen Gebieten fast nie. Sie bleiben unverändert liegen, während um sie herum alles weich wird. Aus diesem Verhalten schätzt man, wie warm es dort unten höchstens wird. Etwa achthundert Grad, mehr wohl nicht. Ein Gestein, das nachgibt. Und eines, das bleibt. Beide liegen nebeneinander. Langsam ist dabei das wichtigste Wort. Eine Magmakammer ist ein großer Raum voll Schmelze in der Erdkruste. Bis so eine Kammer entsteht, muss man mit zehn bis fünfzehn Millionen Jahren rechnen. Zehn bis fünfzehn Millionen Jahre … nur für den Raum, in dem der Stein danach wächst. Niemand sieht dabei zu. Niemand wartet darauf. Es geschieht einfach … Jahr um Jahr … tief unter allem. Der Stein hat Zeit. Und er nimmt sie sich. Wer langsam abkühlt, bekommt große Kristalle. Das ist die einfache Regel hinter dem Aussehen von Granit. In der Tiefe hat jedes Korn Platz … und Zeit … um Schicht für Schicht zu wachsen. Nichts drängt. Nichts kühlt zu schnell ab. Deshalb nennt man Granit ein Tiefengestein. Die Fachleute sagen auch Plutonit dazu. Gemeint ist beides Mal dasselbe: ein Gestein, das unten erstarrt ist … und nicht oben. Oben geht alles schnell. Unten nicht. Das Magma bleibt nicht immer an einer Stelle liegen. Es steigt auf … entlang von Verwerfungen, die durch Spannungen in der Erdkruste entstehen. Eine Verwerfung ist ein Bruch, an dem sich Gestein gegeneinander verschoben hat. Solche Brüche sind die Wege nach oben. Diesen Aufstieg und das Steckenbleiben nennt man Intrusion. Manchmal wird der Weg hinter der Schmelze abgeschnürt. Dann bleibt eine Kammer für sich allein zurück. Ein Körper, der tief unten stecken bleibt und dort langsam erstarrt, heißt Pluton. Ein Pluton ist nichts anderes als eine alte, erkaltete Magmakammer. Stell ihn dir vor wie eine große, liegende Walze aus Stein … tief unter dem Boden. Er kann wenige Kilometer messen … oder mehrere hundert. Und über ihm liegt immer noch Gestein. Tageslicht kommt dort nicht hin. Dieses Bild kannst du behalten. Alles Weitere geschieht an diesem einen Körper. Rings um den Pluton liegt anderes Gestein. Die Geologen nennen es Nebengestein. Es lag schon da, bevor die Schmelze kam. Die Wärme aus der Schmelze wandert in dieses Nebengestein hinein. Sie verändert es. Aus dem alten Gestein wird dabei ein neues. Und das geschieht nicht überall … sondern nur nahe am Pluton. Weiter draußen bleibt das Gestein, wie es war. So entsteht ein Ring aus verändertem Stein rund um den Körper. Dieser Ring hat einen eigenen Namen. Er heißt Kontakthof. Er liegt zwischen dem Pluton und dem unveränderten Nebengestein. Sehen kann man ihn nur, wenn beides längst freigelegt ist. Ein Ring aus Stein, um einen Stein herum, den niemand sieht. Auch der Granit selbst verändert sich an seinem Rand. Dort kühlt die Schmelze rascher ab … und dort gerät Fremdes hinein. Im Fichtelgebirge gibt es einen Granit von der Kösseine, der bläulich schimmert. Toniges Nebengestein ist dort in die Schmelze geraten. Dabei sind feine Kristalle gewachsen … und die geben dem Stein seinen blauen Ton. Es ist der einzige blaue Granit in Deutschland. Ganz oben, im Dachbereich eines Plutons, ist das Gestein fast immer von Gängen durchzogen. Ein Gang ist eine schmale Spalte, die mit erstarrter Schmelze gefüllt ist. Viele solche Spalten durchziehen das Dach … dicht nebeneinander. Manche gehen auf sehr bewegliche Reste des Magmas zurück. Andere zeigen, dass die Schmelze weiter nach oben wollte. Oben der Deckel. Darunter der Körper. Und dazwischen die Spalten. Während das Magma aufsteigt, verändert sich seine Zusammensetzung. Die dunklen Minerale haben einen höheren Schmelzpunkt. Sie werden zuerst fest. Also bleiben sie in tieferen Bereichen zurück. Quarz und Kalifeldspat kristallisieren erst später aus. Darum wird die Schmelze auf dem Weg nach oben immer granitischer. Eine Schmelze, die sich sortiert, während sie steigt. Das ist die magmatische Differentiation. Irgendwann ist alles erstarrt. Und dann sieht der Granit so aus, wie du ihn kennst. Im Allgemeinen ist er mittel- bis grobkörnig. Die Kristalle sind meistens einen Millimeter groß … oder einige Millimeter. Man kann für gewöhnlich alle Kristalle mit bloßem Auge erkennen. Du brauchst keine Lupe. Du musst nur nah genug herangehen … und ein wenig Licht haben. Die Körner liegen unmittelbar aneinander, ohne Richtung und ohne Muster. Deshalb wirkt eine Granitfläche so gleichmäßig. Und dann sind da die Farben. Das Farbspektrum reicht bei Graniten von hellem Grau bis bläulich … rot … und gelblich. Welche Farbe ein Granit hat, hängt von seinen Mineralen ab. Es hängt auch davon ab, wie er erstarrt ist … und was seither mit ihm geschehen ist. Ein gelber Granit zum Beispiel war früher einmal anders. In ihm steckten Minerale mit Eisen. Aus ihnen ist Limonit geworden … ein Eisenhydroxid. Limonit färbt gelb. So wird aus Verwitterung eine Farbe. Sieh dir die Körner noch einmal einzeln an. Der Quarz ist meistens glasig und grau. Er ist hart … und er lässt ein wenig Licht hinein. Die Feldspäte sind heller. Weiß … rosa … manchmal gelblich. Sie bilden oft gerade Flächen, die im Licht kurz aufblitzen. Dazwischen liegen die dunklen Minerale. Meistens ist das Biotit … ein Dunkelglimmer in kleinen schwarzen Blättchen. Seltener sind es Amphibole oder Pyroxene. Manchmal liegt auch heller Glimmer dabei. Er heißt Muskovit. Zusammen machen die dunklen Minerale etwa zwanzig bis vierzig Prozent des Gewichts aus. Dazu kommen Minerale, die nur in kleinen Mengen vorkommen. Die Fachleute nennen sie Akzessorien, also Nebenbestandteile. Zirkon gehört dazu … und Apatit … und Titanit. Sie sind winzig. Und sie sind trotzdem immer da. Nicht jeder Granit ist gleichmäßig gekörnt. Manchmal liegen einzelne große Kristalle in einer feineren Grundmasse. Meistens sind es Feldspäte. Sie sind um ein Mehrfaches größer als alles um sie herum. Solche Granite nennt man porphyrisch. Ein bekannter Vertreter davon heißt Rapakiwi. In ihm liegen runde Feldspäte in einer feineren Masse aus Quarz, Feldspat und dunklen Mineralen. Auch die kleinen Kristalle dieser Grundmasse kann man noch mit bloßem Auge erkennen. Die runden Einsprenglinge im Rapakiwi haben einen eigenen Namen. Man nennt sie Ovoide. Sie werden bis zu mehreren Zentimetern groß. Der Name Rapakiwi kommt aus dem Finnischen. Er setzt sich zusammen aus rapa für Schmutz und kivi für Stein. Gemeint ist ein Stein, der an der Oberfläche leicht zerfällt. Fester Stein und loser Grus liegen dort dicht nebeneinander. Von diesem Gestein unterscheidet man zwei Formen. Die eine heißt Wiborgit. Bei ihr hat jeder große Feldspat einen Saum aus hellerem Feldspat. Deshalb erinnert das Bild an lauter kleine Bälle. Die andere Form heißt Pyterlit. Dort fehlt dieser Saum, und es ist etwas mehr Quarz vorhanden. Beide Namen stammen von Orten, an denen man das Gestein zuerst beschrieben hat. Zwei Namen für zwei Arten, rund zu sein. Rapakiwi kommt vor allem im Norden Europas vor, besonders in Finnland. Vier große Massive liegen dort, eines davon auf der Inselgruppe Åland. Im nördlichen Mitteleuropa findet man das Gestein häufig als eiszeitliches Geschiebe. Als Naturwerkstein trägt es Namen wie Baltik Braun oder Carmen Red. Es ist frostfest und lässt sich polieren. Fassaden … Fußböden … Grabmale. Ein weit gereister Stein. Ganz in der Nähe von Graniten findet man manchmal etwas noch Grobkörnigeres. Es heißt Pegmatit. Das ist die besonders grobkörnige Form eines magmatischen Gesteins. Die Körner sind dort größer als ein Zentimeter. Und Kristalle von weit über einem Meter sind darin keine Seltenheit. Auch im Pegmatit stecken Quarz, Feldspäte und Glimmer. Es sind dieselben Minerale wie im Granit. Nur viel größer. Pegmatite wachsen ganz zum Schluss, aus den letzten Resten einer Schmelze. In diesen Resten sammelt sich alles, was in den gewöhnlichen Mineralen keinen Platz gefunden hat. Dazu kommen leichtflüchtige Stoffe wie Wasser, Bor oder Fluor. Sie senken den Schmelzpunkt stark ab. Darum erstarrt eine solche Schmelze erst bei ungefähr vierhundertfünfzig Grad. Und sie ist dünnflüssig genug, um weit in die Klüfte des Umgebungsgesteins zu ziehen. Oft wandert sie dabei viele Kilometer weit. So entstehen Gänge und Linsen im Stein. Sie sind oft nur wenige Dezimeter mächtig … manchmal einige Zehnermeter. Innen können sie zoniert sein. Das heißt, bestimmte Minerale liegen eher am Rand und andere eher im Kern. In solchen Gängen finden sich manchmal Schmucksteine. Topas … Rauchquarz … Turmalin … Beryll. Mineraliensammler schätzen Pegmatite genau dafür. Es gibt Gesteine, die dem Granit sehr ähnlich sind und doch anders aussehen. Rhyolith ist eines davon. In seiner Zusammensetzung entspricht er dem Granit. Aber er ist oben erstarrt, an der Erdoberfläche … und darum ist er feinkörnig. Beim Obsidian ging es noch schneller. Er ist zu Glas erstarrt, ganz ohne sichtbare Körner. Drei Gesteine aus derselben Zusammensetzung. Und der Unterschied ist nur das Tempo. Dann gibt es die Gneise. Sie sind später umgewandelt worden, unter Druck und unter Wärme. Ihre Minerale liegen in Lagen, in einer schiefrigen Textur. Granit hat das nicht. Seine Körner liegen richtungslos nebeneinander. Ist ein Granit nur mäßig durchbewegt worden, nennt man das Ergebnis Orthogneis. Ist der Granit darin noch deutlich zu erkennen, sagt man auch Granitgneis. Nicht alles, was Granit heißt, ist auch Granit. Im Handel nennt man viele helle Tiefengesteine so, obwohl sie anders zusammengesetzt sind. Granodiorit gehört dazu … und Tonalit … und Alkalifeldspatgranit. Zusammen heißen sie Granitoide, wenn sie genug Quarz enthalten. Auch dunkle Gesteine werden manchmal als schwarzer Granit angeboten. Aber echte Granite sind nie schwarz. Sie zählen zu den hellen Gesteinen. Granit ist kein seltener Stein. Granite gehören zu den häufigsten Gesteinen innerhalb der kontinentalen Erdkruste. Sie finden sich auf allen Kontinenten. Unter Wäldern … unter Städten … unter Feldern … unter Wüsten. Meistens sieht man sie nicht. Sie liegen unter allem anderen. Unter allem anderen … seit sehr langer Zeit. Und wo sie doch an die Oberfläche kommen, bilden sie oft Kuppen und Höhenzüge. In den Alpen ist Granit nur in geringem Umfang vertreten. Aber dort fällt er auf. Im Aarmassiv zum Beispiel … am Grimselpass. Auch das Gotthardmassiv gehört dazu. Und das Bergell, weiter im Süden, an der Grenze zu Italien. Weiter westlich reicht ein Massiv bis zum Mont Blanc. Und bei Brixen in Südtirol bricht man den Brixner Granit. In Österreich liegt Granit im Mühlviertel und im Waldviertel. Beide gehören zur Böhmischen Masse … einem sehr alten Gesteinsgebiet nördlich der Donau. Dieselbe alte Masse reicht weiter nach Osten. In Tschechien liegen dort die Böhmisch-Mährische Höhe und das Isergebirge. In Polen gehören das Riesengebirge und das Gebiet um Striegau dazu. Ein altes Land unter neuen Ländern. In Deutschland ist die Liste länger. Der Bayerische Wald gehört dazu … und der Oberpfälzer Wald. Das Erzgebirge … das Fichtelgebirge mit der Kösseine … der Thüringer Wald. Dazu der Odenwald … die Lausitz … und der Schwarzwald. Und im Harz das Gebiet um den Brocken … dazu der Ramberg und die Klippen über dem Okertal. In Ostfrankreich liegen die zentralen Vogesen. Manche Granitblöcke liegen weit weg von jedem Granitgebirge. In den Tiefländern Mittel-, Nord- und Osteuropas findet man sie sehr häufig. Sie sind dort als eiszeitliches Geschiebe angekommen. Das Eis hat sie aufgenommen, mitgeführt und irgendwann wieder abgelegt. Dann ist das Eis geschmolzen, und der Stein ist liegen geblieben. So liegt heute mancher Block in einem flachen Feld … viele hundert Kilometer von seinem Berg entfernt. Wie kommt ein Stein aus zwei Kilometern Tiefe an die Oberfläche. Nicht, indem er aufsteigt. Sondern indem alles über ihm verschwindet. Die Erdkruste hebt sich langsam. Und das Gestein darüber wird abgetragen … von Wasser, von Frost, von Wind. Korn für Korn. Jahr für Jahr. Irgendwann liegt der Granit frei. Der Stein bleibt liegen. Die Landschaft über ihm geht fort. Was einmal die Tiefe war, ist dann der Weg, auf dem du gehst. Was dann in der Landschaft steht, hängt vom Nebengestein ab. Ist der Pluton härter als seine Umgebung, wird er als Bergmassiv herausmodelliert. Der Brocken im Harz ist dafür ein Beispiel. Ist der Pluton weicher, bildet sich an seiner Stelle ein Becken. So liegt es beim Thüringer Hauptgranit rund um Zella-Mehlis und Suhl. Und ist der Kontakthof am festesten, bleibt ein ringförmiger Wall stehen. Das kann man beim Bergener Granit im Vogtland sehen. Mit dem Auftauchen verändert sich etwas im Stein. Tief unten lastete das Gewicht der Gesteine über ihm auf ihm. Kommt er näher an die Oberfläche, lässt dieser Druck nach. Und dann reißt der Granit auf. Nicht plötzlich … sondern über sehr lange Zeit. Der Stein bekommt Raum … und er nimmt ihn sich langsam. Es entstehen Klüfte. Das sind Trennflächen, die ungefähr rechtwinklig zueinander stehen. Frost kann diese Klüfte erweitern, wenn Wasser darin gefriert. So wird der Fels in quaderförmige Blöcke zerlegt … in ein Netz aus Fugen. In diese Fugen kommt Wasser. Regenwasser … oder Bodenwasser, das Huminsäuren aus dem Waldboden mitbringt. Das Wasser zersetzt die empfindlichen Minerale langsam. Und es tut das nicht überall gleich schnell. An den Ecken und Kanten greift es von mehreren Seiten zugleich an. Dort ist viel Angriffsfläche und wenig Stein dahinter. Also verschwinden zuerst die Ecken. Dann die Kanten. Der Block wird rund. Was das Wasser aus dem Stein löst, bleibt als loses Material zurück. Es ist feinkörnig und sandig. Man nennt es Grus. Den Vorgang selbst nennt man Vergrusung. An freiliegenden Flächen löst sich manchmal auch eine dünne Schale vom Stein. Dieses Abschuppen dünner Gesteinsplättchen heißt Desquamation. Dann liegt eine neue Fläche frei … und alles beginnt von vorn. In warmen, wechselfeuchten Klimaten geht das schneller als bei uns. Für diese Form gibt es einen schönen Namen. Man nennt sie Wollsackverwitterung. Seltener heißt sie auch Matratzenverwitterung. Durch das Zusammenwirken von physikalischen und chemischen Vorgängen entstehen kantengerundete Blöcke. Sie liegen übereinandergestapelt … wie Kissen … wie Matratzen … wie Wollsäcke. Der Name kommt von groben Säcken, die mit Wolle gefüllt waren. Man hat sie früher zum Transport von Wolle benutzt. Und man hat auch darauf geschlafen. Ein Berg aus Stein … benannt nach einer Schlafunterlage. Vieles davon geschieht noch unter der Erde. Der Granit verwittert im oberflächennahen Untergrund, wo ihn niemand sieht. Damit die runden Formen sichtbar werden, muss das lose Material fort. Die Erosion trägt den Grus ab … und legt die Blöcke frei. Erst verwittert der Stein im Verborgenen. Dann trägt die Erosion das lose Material fort. Erst dann steht die Felsburg da, wie du sie heute findest. Der Stein hat Zeit. Und er nimmt sie sich. Solche Felsburgen gibt es an vielen Stellen. Im Harz zum Beispiel, oben zwischen Wald und Höhe, an vielen Stellen zugleich. Im Schwarzwald liegen zwei besonders bekannte. Der Karlstein bei Hornberg … und die Günterfelsen bei Furtwangen. Beide sind aus gerundeten Blöcken aufgebaut, die übereinanderliegen. Oft wächst auf ihnen kaum etwas. Sie bleiben weitgehend frei von Pflanzen. Nur Moos legt sich manchmal darüber … und macht die Rundung noch weicher. Im Fichtelgebirge liegt das Luisenburg-Felsenlabyrinth. Dort liegen die Blöcke flächenhaft beieinander, als Felsenmeer. Man geht zwischen ihnen hindurch … unter ihnen durch … über sie hinweg. Im Odenwald gibt es ebenfalls ein Felsenmeer. Im Oberpfälzer Wald heißt eine solche Stelle Teufelsküche. Und in Niederösterreich, im Waldviertel, liegt die Blockheide. Auch dort liegen gerundete Granitblöcke in der Landschaft, als hätte sie jemand abgestellt. Auch andernorts findet man diese Form. An den Externsteinen zum Beispiel, wo dickbankiger Sandstein auf ähnliche Weise verwittert ist. Diese Form der Verwitterung ist weltweit zu beobachten … nicht nur am Granit. Im sächsischen Erzgebirge steht der Hefekloßfelsen am Brandberg. Schon der Name sagt, wie so ein Block aussieht. In Südengland nennt man die markanten Granitfelsen Tors. Im Dartmoor stehen viele davon. Und in Myanmar liegt der Goldene Fels auf seinem Untergrund. Überall dieselbe Ursache. Überall dieselbe weiche Form. Im fortgeschrittenen Stadium entsteht manchmal ein Wackelstein. Das ist ein großer Block, der so genau auf seiner Unterlage ruht, dass er sich bewegen lässt. Viele Tonnen Stein … und eine Hand genügt für ein Schwanken. Bleibt nach dem Abtragen des Feinmaterials eine ganze Fläche voller Blöcke zurück, entsteht ein Blockmeer. Ein Meer, das sich nicht bewegt. Und das trotzdem irgendwann anders aussehen wird. Über dem Granit liegt oft nur wenig Boden. Weil der Stein viel Quarz enthält, entstehen auf ihm nährstoffarme Böden. Diese Böden neigen außerdem zur Versauerung. Je nach Wasser und Tiefe bilden sich Ranker oder Braunerden … seltener Podsole. Das sind Bodentypen mit unterschiedlichem Aufbau und unterschiedlicher Mächtigkeit. Für Äcker taugen sie selten. Deshalb steht über Granit meistens Wald. Und darum liegen die Felsburgen fast immer zwischen Bäumen. Auf solchen Böden entstehen manchmal auch Blockheiden und Hochmoore. Und der Grus wandert weiter. Wird er abgetragen und anderswo wieder abgelagert, kann daraus ein neues Gestein werden. Arkose heißt es dann. Wandeln sich darin später die Feldspäte um, entstehen tonmineralreiche Sandsteine. Der Granit hört also nicht auf. Er wird nur zu etwas anderem. Verwitterung kann weit in die Tiefe reichen. Bei genügend langer Zeit und warm-feuchtem Klima greift sie mehr als hundert Meter hinab. Dieser Vorgang vollzieht sich in Zeiträumen von Zehntausenden von Jahren. Zehntausende Jahre für einige Meter gelockerten Stein. Und währenddessen wächst Wald darüber … und vergeht wieder … viele Male. Du musst dir das nicht vorstellen können. Es genügt zu wissen, dass es so langsam geht. Auch der Grus selbst wird gebraucht. Er eignet sich als Material für Wege und als Zuschlag für Kalkmörtel. Im Erd- und Grundbau kann man ihn zum Abdichten verwenden. Im Vogtland hat man ihn lange aus dem Bergener Massiv gewonnen. Dort ist der Granit mehrere Meter tief vergrust. Man nahm den Sand für Wege … für den Bau … und zum Scheuern. Ein ganzer Berg, langsam zu Sand geworden … und dann in die Häuser getragen. Irgendwann kommt der Mensch dazu. Ein Stein, der als Werkstück betrachtet und bearbeitet wird, heißt Werkstein. Er unterscheidet sich damit vom Lesestein und vom Bruchstein, die man nimmt, wie sie sind. Auch der Rohblock ist noch kein Werkstein. Steinmetze nennen die Herstellung eines solchen Stücks Werkarbeit. Sind alle Sichtflächen bearbeitet, sprechen sie vom allseits bearbeiteten Werkstein. Ein Wort, das nach Sorgfalt klingt. Und nach Zeit. Für die einzelnen Flächen eines Quaders gibt es eigene Namen. Die Ansichtsfläche heißt Haupt. Die Fläche dahinter heißt hinteres Haupt. Links und rechts liegt jeweils ein Stoß. Unten liegt das Lager … dort, wo der Stein aufliegt. Und oben liegt das obere Lager. Haupt … Stoß … Lager. Sechs Flächen an einem einzigen Stein. Und für jede ein eigenes, altes Wort. Nicht jede Fläche wird gleich behandelt. Flächen, die später niemand sieht, bleiben meistens rau. Sie werden nur so weit eingeebnet, wie es der Bau verlangt. Bei Sichtmauerwerk aus Naturstein bearbeitet man die Fugenflächen bis in eine Tiefe von dreizehn bis fünfzehn Zentimetern. Beim Quadermauerwerk werden sie ganz bearbeitet. So viel Arbeit für etwas, das man nachher nicht mehr sieht. Auch die Oberfläche bekommt ihren Namen von der Behandlung. Sie kann spaltrau bleiben, so wie der Stein gebrochen ist. Sie kann geflammt sein … oder gestockt … oder bossiert … oder gesägt. Sie kann geschliffen werden, bis sie matt und gleichmäßig ist. Und sie kann poliert werden, bis sie das Licht zurückwirft. Geflammte Flächen werden heute oft noch gebürstet. Dann fühlen sie sich weicher an … und sie lassen sich leichter pflegen. In der Werkstatt unterscheidet man auch nach der Dicke. Natursteine unter acht Zentimetern heißen Platten. Alles darüber gilt als Massivarbeit. Heute schneiden Maschinen viele dieser Stücke aus dem Rohblock. Es gibt Seilsägen mit Diamanten … und Anlagen, die mit einem Wasserstrahl schneiden. Aus einem Modell im Rechner wird dabei ein Stück Stein, das millimetergenau passt. Der Block ist Millionen Jahre alt. Die Form ist von gestern. Aus Rohblöcken entstehen viele verschiedene Stücke. Blockstufen … Podestplatten … Bodenplatten … Gehwegplatten. Gesimse … Säulen … Sockel … Postamente. Baluster für Brüstungen … Gewände für Fenster und Türen. Quadersteine für Bauwerke … und Verblendsteine davor. Riemchen … Wangensteine … Kragsteine … Trittstufen und Setzstufen. Eine lange Liste aus einem einzigen Gestein. Granit hält viel aus. Er ist fest … und meist gut wetterbeständig. Außerdem lässt er sich gut schleifen und polieren. Darum hat er eine große wirtschaftliche Bedeutung im Bauwesen. Er liegt als Pflasterstein in der Straße … und als Bordstein an ihrem Rand. Er liegt als Gehwegplatte unter deinen Schuhen. Im Haus wird er zur Fensterbank … zur Treppenstufe … zur Tischplatte. Im Garten wird er zum Brunnen … zur Vogeltränke … zum Kantenstein. Es gibt auch Orte, an denen man den Granit gerade wegen seiner Beständigkeit braucht. In der Technik dient er als Platte, die kaum schwingt und sich bei Wärme kaum ausdehnt. Darauf wird gemessen, wenn es sehr genau sein muss. Eine Messplatte aus Granit bleibt einfach, wie sie ist. Und im Sport gibt es noch eine Verwendung. Der Curlingstein besteht aus Granit. Er gleitet über das Eis … und wird langsamer … und bleibt liegen. Viele Granite tragen einen eigenen Handelsnamen. Aus Sardinien kommen der Bianco Sardo und der Rosa Sardo. Aus Schweden kommt der Bohus. Im Fichtelgebirge bricht man den Granit vom Epprechtstein. In der Oberpfalz den Flossenbürger, im Bayerischen Wald den Tittlinger Granit. Aus dem Harz kommt der Wurmberg-Granit, aus dem Nordschwarzwald der Raumünzach-Granit. Und aus Mauthausen im Mühlviertel kommt der Mauthausner Granit. Seit alter Zeit arbeiten auch Bildhauer mit Granit. Im Handwerk zählt er zu den Hartgesteinen. Wer ihn von Hand formt, braucht viel Kraft, viel Werkzeug und sehr viel Geduld. Deshalb sind Skulpturen aus Granit seltener als solche aus weichen Gesteinen. Jede Fläche muss erarbeitet werden. Der Stein gibt nichts umsonst her. Aber was er hergibt, bleibt lange. Denk einen Augenblick an den Weg, den dieser Stein genommen hat. Eine Schmelze tief in der Erdkruste. Zehn bis fünfzehn Millionen Jahre für eine Kammer. Dann das langsame Wachsen der Kristalle … Korn neben Korn. Dann Hebung … Abtragung … Klüfte … Wasser … runde Formen. Nichts davon ging schnell. Kein einziger Schritt. Und am Ende eine Fensterbank, auf der jemand seine Tasse abstellt. Der Stein hat Zeit. Und er nimmt sie sich. Und jetzt geh in Gedanken noch einmal zu dem Hügel zurück. Zum Waldrand … zum sandigen Boden … zu den großen, runden Blöcken. Es ist immer noch Nacht. Die Blöcke liegen übereinander wie Kissen. Sie liegen schon sehr lange so. Und sie werden morgen genauso liegen. In den Fugen zwischen ihnen sammelt sich Wasser. Es arbeitet weiter … sehr langsam … an den Ecken und an den Kanten. Aber heute Nacht ändert sich nichts, das du sehen könntest. Heute Nacht ist der Stein einfach da. Und morgen wird er auch da sein. Und übermorgen ebenso … unverändert … kühl … rund. Du musst nichts nachsehen. Du musst nichts prüfen. Der Hügel bleibt, wo er ist. Du musst nichts davon behalten. Nicht die Namen der Minerale. Nicht die Zahlen. Nicht die Berge. Alles bleibt an seinem Platz, auch ohne dich. Die Körner liegen dicht an dicht. Sie liegen seit sehr langer Zeit so. Feldspat … Quarz … Glimmer. Sie warten. Der Stein hat Zeit. Und er nimmt sie sich. Du hast auch Zeit. Und du darfst sie dir jetzt nehmen. Atme noch einmal ruhig aus. Und atme ruhig wieder ein. Die Blöcke liegen übereinander … kühl … rund … schwer. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.