Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Die Europäische Eibe, immergrün im Schatten
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- Stell dir einen Wald vor … an einem sanften Hang, weit weg von den Straßen. Der Boden ist weich unter den Füßen … bedeckt mit altem Laub und mit trockenen Zweigen. Es ist Abend geworden. Das Licht fällt nur noch in schmalen Streifen durch die hohen Kronen. Und unten, zwischen den Stämmen, beginnt schon die Dämmerung. Dort unten steht ein Baum, der kleiner ist als die anderen. Seine Zweige sind dicht … und sie sind grün, auch jetzt, am Ende des Tages. Dieser Baum ist eine Eibe. Eine Europäische Eibe. Du musst nichts tun … nur hinschauen. Der Baum ist da … und er hat Zeit. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Die Europäische Eibe ist ein immergrüner Baum. Immergrün heißt … sie trägt ihr Grün das ganze Jahr. Im Frühling … im Sommer … im Herbst … und auch im Winter. Wenn viele andere Bäume längst kahl sind und ihre Äste grau in den Himmel strecken … dann ist die Eibe noch immer grün. Du kannst an einem kalten Tag durch einen Wald gehen … zwischen nackten Stämmen hindurch. Und dann stehst du auf einmal vor diesem Grün. Es ist dicht … und es ist dunkel. Es wirkt, als hätte der Baum ein Stück Sommer für sich behalten. Das ist ein angenehmer Gedanke. Ein Baum, der sein Grün nicht hergibt. Er behält es … durch jede Jahreszeit hindurch. Und du darfst jetzt auch etwas behalten … die Wärme unter deiner Decke. Und das Gewicht deines Kopfes auf dem Kissen. Die Eibe hat keine feste Gestalt. Das klingt ungewöhnlich für einen Baum … aber so wird sie beschrieben. Die Europäische Eibe ist in ihrer Gestalt eine sehr variable Art. Variabel heißt … wandelbar. Sie kann so wachsen … oder ganz anders. Manchmal wird sie ein Baum … mit einem Stamm und mit einer Krone. Und manchmal wird sie ein Strauch … mit vielen Zweigen und ohne einen einzelnen hohen Stamm. Was sie wird, das hängt von ihrem Ort ab. Die Fachleute sagen dazu … von den Standortbedingungen. Standortbedingungen … das ist alles, was einen Ort ausmacht. Der Boden … das Licht … das Wasser … der Wind. Die Eibe richtet sich nach diesen Bedingungen. Sie nimmt den Ort, wie er ist … und sie wächst so, wie es dort geht. Stell dir zwei Eiben vor. Die erste steht in einem Wald. Dort ist sie ein Baum geworden … mit einem Stamm, der nach oben geht. Die zweite steht an einem ganz anderen Ort. Dort ist sie ein Strauch geworden … breit und niedrig. Beide sind Europäische Eiben. Beide gehören zur selben Art. Man sieht es ihnen auf den ersten Blick vielleicht nicht an. Aber es ist so. Die Eibe hat nicht nur eine Form. Sie hat viele … und jede Form passt zu ihrem Ort. Es gibt keinen Wettbewerb darum, welche Form die richtige ist. Der Baum ist richtig … und der Strauch ist auch richtig. Vielleicht ist das auch für dich ein angenehmer Gedanke heute Abend. Du musst keine bestimmte Form haben. Du darfst so liegen, wie es gerade bequem ist. Auf der Seite … oder auf dem Rücken … ganz wie du magst. Geh jetzt in Gedanken ein wenig näher an die Eibe im Wald heran. An die erste … die ein Baum geworden ist. Du stehst jetzt direkt vor ihrem Stamm. Die äußere Schicht eines Baumstammes nennt man Borke. Bei der Eibe ist diese Borke etwas Besonderes. Sie ist dünn. Nicht dick und tief gefurcht … sondern dünn. Und sie hat eine Farbe zwischen Grau und Rotbraun. Man nennt sie eine Schuppenborke. Das heißt … die Borke liegt in kleinen, flachen Stücken am Stamm, so wie Schuppen. In der Beschreibung der Eibe steht, dass diese Borke charakteristisch und auffällig ist. Charakteristisch heißt … man erkennt die Eibe daran. Auffällig heißt … man sieht die Borke sofort, wenn man vor dem Stamm steht. Stell dir die Farben der Borke noch einmal vor … eine nach der anderen. Zuerst ein Grau. Ein Grau wie ein Stein am Weg … oder wie der Himmel an einem bedeckten Tag. Dann ein Braun, in dem schon etwas Rot liegt. Ein Rotbraun … wie Erde nach einem Regen … oder wie altes Holz. Und zwischen diesen beiden Farben liegen viele Übergänge. Ein bisschen mehr Grau … ein bisschen mehr Rot. Die Borke der Eibe hat alle diese Töne. Grau bis rotbraun … so heißt es in ihrer Beschreibung. Du kannst die Farben vor deinem inneren Auge langsam ineinanderfließen lassen. Grau … Rotbraun … und wieder Grau. Du musst nicht entscheiden, welche Farbe es genau ist. Es sind alle zusammen. Stell dir vor, du legst deine Hand an diesen Stamm. Unter deinen Fingern liegen die dünnen Schuppen der Borke … eine neben der anderen. Im letzten Licht des Abends sehen sie grau aus. Und an manchen Stellen schimmert ein rötliches Braun hindurch. Du musst nichts suchen. Du musst nichts zählen. Du fühlst nur die Borke … und den Stamm dahinter. Ein Baumstamm ist etwas Verlässliches. Er steht da … am Morgen … am Mittag … und in der Nacht. Er wandert nicht fort. Er wartet auf nichts. Er steht nur da. Und während du deine Hand an der Borke hast, wird es um dich herum noch etwas dunkler. Das ist in Ordnung. Die Eibe ist den Schatten gewohnt. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Jetzt heb deinen Blick ein wenig … von der Borke hinauf zu den Zweigen. An den Zweigen der Eibe wachsen Nadeln. Die Eibe gehört zu den Nadelbäumen. Aber ihre Nadeln sind anders, als du es vielleicht erwartest. Viele Menschen denken bei Nadeln an etwas Spitzes … an etwas, das piekst, wenn man danach greift. Die Nadeln der Eibe sind weich. Und sie sind biegsam. Weich heißt … sie fühlen sich sanft an zwischen den Fingern. Biegsam heißt … sie geben nach, wenn man sie berührt, und sie brechen nicht gleich. Stell dir vor, du streichst mit der Hand an einem Zweig entlang. Die Nadeln geben unter deiner Hand nach … weich und nachgiebig. Es ist, als würde der Zweig deine Hand ein kleines Stück begleiten. Die Nadeln der Eibe haben eine bestimmte Form. Die Botaniker nennen sie linealisch. Das Wort erinnert an ein Lineal … und genau das ist gemeint. Eine linealische Nadel ist lang und schmal. Ihre beiden Ränder laufen fast gleichmäßig nebeneinander her … von unten bis oben. Sie wird nicht plötzlich breit in der Mitte. Sie ist kein Oval und kein Herz. Sie ist schmal und gerade … wie ein kleines grünes Lineal. Linealisch … das ist ein schönes Wort, wenn man es langsam ausspricht. Und an einem einzigen Zweig sitzen viele dieser kleinen Lineale … eine Nadel neben der anderen. Zusammen ergeben sie das dichte Grün, das du vorhin gesehen hast. Aber nicht jede Nadel ist ganz gerade. Manchmal ist eine Eibennadel leicht gebogen. In der Beschreibung heißt es … mitunter leicht sichelförmig gebogen. Eine Sichel ist ein altes Werkzeug. Sie hat eine gebogene Klinge … wie ein halber Mond. Eine sichelförmige Nadel hat also eine leichte Rundung. Nicht stark … nur ein wenig. Sie ist lang und schmal wie ein Lineal … und zugleich sanft geschwungen wie eine Sichel. Mitunter heißt … nicht immer. Manche Nadeln sind gerade. Manche sind leicht gebogen. Wenn du dir einen Zweig aus der Nähe anschaust, siehst du beides nebeneinander. Gerade Nadeln … und gebogene Nadeln. Und alle sind weich … und alle sind biegsam. Draußen im Wald ist es inzwischen fast dunkel. Die Nadeln der Eibe kannst du jetzt kaum noch einzeln erkennen. Sie werden zu einer dunklen Fläche … zu einem einzigen Grün. Aber du weißt, dass sie da sind. Weich … schmal … und manchmal leicht gebogen. Vielleicht geht ein leichter Wind durch den Wald. Die Zweige bewegen sich ein wenig … hin und her … hin und her. Und dann kommen sie wieder zur Ruhe. Die Nadeln bleiben an ihren Zweigen. Auch in dieser Nacht … und auch den Winter über. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Weich … biegsam … linealisch … und manchmal leicht gebogen. Das sind die Nadeln der Eibe. Du kannst diese Wörter wie einen langsamen Atem hören. Weich … und biegsam. Linealisch … und leicht gebogen. Atme ein … und atme wieder aus. Du musst deinen Atem nicht lenken. Er kommt von selbst … und er geht von selbst. So wie ein Zweig sich im Wind bewegt und dann wieder zur Ruhe kommt. Die Nadeln der Eibe brauchen nichts von dir. Sie hängen an ihren Zweigen … weich und grün … in der Dunkelheit des Waldes. Und du liegst in deinem Zimmer … warm und schwer. Jetzt lassen wir den Blick nach unten wandern. Vorbei am Stamm … vorbei an der Borke … bis hinunter zum Boden. Dort, wo der Stamm in der Erde verschwindet, beginnt ein Teil der Eibe, den man nicht sieht. Es sind ihre Wurzeln. Über die Wurzeln steht ein bemerkenswerter Satz in der Beschreibung der Eibe. Europäische Eiben haben ein sehr weitläufiges, tiefreichendes und dichtes Wurzelsystem. Ein Wurzelsystem … das ist die Gesamtheit aller Wurzeln eines Baumes. Die dicken und die dünnen … die langen und die kurzen. Drei Wörter beschreiben dieses Wurzelsystem. Weitläufig … tiefreichend … und dicht. Wir schauen uns diese drei Wörter nacheinander an. Langsam … eins nach dem anderen. Das erste Wort ist weitläufig. Weitläufig heißt … die Wurzeln breiten sich weit aus. Sie bleiben nicht dicht beim Stamm, sondern ziehen sich nach allen Seiten durch den Boden. Stell dir vor, du könntest durch die Erde hindurchsehen. Dann würdest du unter der Eibe ein Geflecht erkennen, das sich nach rechts und nach links ausbreitet. Nach vorne … und nach hinten. Oben steht der Baum auf seinem kleinen Stück Waldboden. Aber unten reicht er weit hinaus … unter das Laub … unter alles, was darüber hinweggeht. Weitläufig. Das ist ein Wort, in dem schon Weite liegt. Und vielleicht spürst du auch in dir ein wenig Weite, während du daliegst. Deine Schultern werden breiter … deine Arme werden schwer … und dein Atem geht langsam. Das zweite Wort ist tiefreichend. Tiefreichend heißt … die Wurzeln gehen weit hinunter. Nicht nur zur Seite, sondern auch in die Tiefe. Unter dem Laub … unter der obersten Erde … wachsen die Wurzeln der Eibe weiter nach unten. Stell dir einen Faden vor, der langsam nach unten sinkt. Er hat keine Eile. Er sinkt nur … Stück für Stück … tiefer und tiefer. So ungefähr kannst du dir eine tiefreichende Wurzel vorstellen. Sie sucht sich ihren Weg nach unten … und sie findet ihn. Oben ist der Abend. Oben sind die Dämmerung und das letzte Licht. Und unten, tief in der Erde, sind die Wurzeln. Dort ist es immer dunkel. Das dritte Wort ist dicht. Dicht heißt … die Wurzeln liegen eng beieinander. Zwischen ihnen bleibt nicht viel leerer Raum. Es sind viele Wurzeln … große und kleine … und sie liegen nah nebeneinander im Boden. Stell dir ein Gewebe vor. Einen Stoff, bei dem die Fäden eng gewebt sind. So ähnlich ist ein dichtes Wurzelsystem. Es hält zusammen … und es hält den Baum. Weitläufig … tiefreichend … und dicht. Das sind die drei Wörter. Wenn du sie noch einmal hörst, musst du sie dir nicht merken. Sie dürfen vorbeiziehen … wie Wolken an einem Abendhimmel. Weitläufig … tiefreichend … dicht. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Jetzt wechseln wir den Ort. Wir verlassen den Wald für eine Weile. Stell dir eine Felsregion vor … eine Gegend in den Bergen, in der der Stein an vielen Stellen offen liegt. Der Boden ist hier kein weicher Waldboden. Es ist Fels … grau und hart … mit Rissen und Spalten. Auch hier ist es Abend. Die Sonne ist hinter den Gipfeln verschwunden … aber der Himmel ist noch hell. Und auch hier gibt es Eiben. In der Beschreibung der Europäischen Eibe steht, dass sie in Felsregionen zurechtkommt. Das ist erstaunlich, wenn man es sich überlegt. Ein Baum … oder ein Strauch … am nackten Stein. Wie gelingt das der Eibe. Das liegt wieder an ihren Wurzeln. In Felsregionen kann die Europäische Eibe mit ihren Wurzeln in wasserführende Senken und Klüfte eindringen. Eine Kluft ist ein Spalt im Fels. Ein Riss, der in den Stein hineinführt … manchmal schmal, manchmal breiter. Und eine Senke ist eine Vertiefung. Eine Stelle, die etwas tiefer liegt als ihre Umgebung. Wasserführend heißt … in diesen Senken und Klüften gibt es Wasser. Die Wurzeln der Eibe finden diese Stellen. Sie wachsen in die Spalten hinein … dorthin, wo das Wasser ist. Oben ist der Fels trocken und hart. Aber in den Klüften … da ist Wasser. Und da sind die Wurzeln. Und während die Wurzeln in die Klüfte vordringen, tut die Eibe noch etwas anderes. Sie klammert sich an den nackten Felsen. Nackter Fels … das ist Stein ohne Erde darauf. Stein, auf dem nichts liegt, das Halt geben könnte. Und trotzdem hält sich die Eibe daran fest. Mit ihren Wurzeln klammert sie sich an den Stein … so wie eine Hand einen Griff umfasst. Stell dir das Bild vor. Eine kleine Eibe an einer Felswand … grün vor dem grauen Stein. Unter ihr geht es hinunter ins Tal. Über ihr ist der Abendhimmel. Und sie hält sich fest … Tag und Nacht. Auch du darfst dich jetzt festhalten … an deinem Kissen … an deiner Decke. Und dann darfst du wieder loslassen. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Jetzt gehen wir zurück in den Wald. Zurück zu der Eibe unter den hohen Bäumen. Es ist inzwischen fast Nacht. Aber stell dir den gleichen Wald noch einmal am Tag vor … an einem hellen Mittag im Sommer. Oben scheint die Sonne auf die Kronen der hohen Bäume. Die Blätter dort oben fangen das meiste Licht auf. Unten am Boden kommt nur ein Teil davon an. Dort ist Schatten … auch am hellen Mittag. Viele Pflanzen brauchen mehr Licht, als dort unten ankommt. Aber die Eibe kommt mit diesem Schatten zurecht. Mehr noch … sie ist dafür bekannt. Die Europäische Eibe ist die schattenverträglichste Baumart Europas. Das heißt … keine andere Baumart in Europa verträgt so viel Schatten wie sie. Schattenverträglich … das ist ein langes Wort. Aber seine Bedeutung ist klar. Eine schattenverträgliche Baumart kann im Schatten leben. Sie braucht nicht das volle Sonnenlicht, um zu wachsen. Und die Eibe verträgt den Schatten besser als alle anderen Baumarten in Europa. Denk an all die Bäume, die es in Europa gibt. Große und kleine … Laubbäume und Nadelbäume. Unter all diesen Bäumen ist es die Eibe, die am meisten Schatten erträgt. Sie steht dort, wo andere Bäume zu wenig Licht bekommen … und sie bleibt. Das ist eine Art von Geduld, die man an einem Baum bewundern kann. Sie verlangt nicht nach dem hellsten Platz. Sie nimmt den Platz, der da ist. Im Schatten … unter den anderen … mit dem Licht, das bis zu ihr herunterkommt. Wenn man sich die Eibe im Schatten vorstellt, dann denkt man vor allem an ihre Zweige und Nadeln. An das, was oben ist. Aber vergiss nicht, was unten ist. Unter dem Schatten liegen die Wurzeln. Weitläufig … tiefreichend … und dicht. Oben nimmt die Eibe das wenige Licht, das zu ihr kommt. Unten reichen ihre Wurzeln weit hinaus und tief hinunter. So steht sie da … mit wenig Licht über sich und mit viel Erde unter sich. Ein Baum im Schatten … fest verankert im Boden. Das ist ein Bild, bei dem man gut zur Ruhe kommen kann. Nichts drängt. Nichts zieht. Der Baum steht … und er hält. Stell dir den Wald noch einmal vor, so wie am Anfang. Der weiche Boden mit dem alten Laub … die hohen Stämme … und das letzte Licht zwischen den Kronen. Und unten, im tiefsten Schatten, die Eibe. Sie kann dort wachsen, weil sie den Schatten so gut verträgt. Für sie ist dieser Platz gut genug. Und für dich ist dein Platz jetzt auch gut genug. Das Bett … das Kissen … die Dunkelheit im Zimmer. Du brauchst kein Licht mehr für heute. Der Tag ist vorbei. Du darfst im Dunkeln liegen … so wie die Eibe im Schatten steht. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Es gibt noch etwas, das die Eibe besonders gut kann. Man nennt es Regeneration. Regeneration heißt … sich erneuern. Etwas nachwachsen lassen, das verloren gegangen ist. Die Fähigkeit eines Baumes, sich so zu erneuern, nennt man sein Regenerationsvermögen. Bei der Eibe ist dieses Vermögen groß. In ihrer Beschreibung heißt es … das Regenerationsvermögen der Eibe ist im Vergleich zu allen anderen heimischen Nadelbäumen am stärksten ausgeprägt. Heimische Nadelbäume … das sind die Nadelbäume, die hier bei uns von Natur aus wachsen. Unter all diesen Nadelbäumen kann sich die Eibe am besten erneuern. Sie wächst weiter … auch wenn etwas verloren gegangen ist. Es gibt ein Beispiel dafür, das man sich gut vorstellen kann. Stell dir vor, eine Eibe ist umgestürzt. Wie es dazu kam, spielt heute Abend keine Rolle. Sie liegt jetzt auf dem Waldboden. Ihr Stamm steht nicht mehr aufrecht, sondern liegt flach. Und nun geschieht bei der Eibe etwas Bemerkenswertes. Bei umgestürzten Bäumen treiben sofort senkrechte Äste aus. Senkrecht heißt … gerade nach oben. Zum Himmel hin. Stell dir den liegenden Stamm vor … und aus diesem Stamm wachsen neue Äste. Nicht zur Seite, sondern nach oben. Einer neben dem anderen … wie kleine grüne Bäume, die auf dem alten Stamm stehen. Und das geschieht sofort. Die Eibe wartet nicht. Sie richtet sich neu aus. Und es gibt noch eine zweite Fähigkeit, die dazu passt. Astteile, die mit dem Boden in Berührung kommen, beginnen Wurzeln auszuschlagen. Das heißt … wenn ein Ast der Eibe den Boden berührt, dann bildet er dort Wurzeln. Stell dir einen langen Zweig vor, der sich bis hinunter zur Erde neigt. Dort, wo der Zweig auf dem Boden aufliegt, wachsen feine Wurzeln aus ihm heraus … hinein in die Erde. Der Ast ist an dieser Stelle nun selbst verwurzelt. Das ist ein schönes Bild. Ein Ast, der den Boden berührt … und dort Wurzeln schlägt. Wurzeln schlagen … so sagt man auch, wenn jemand an einem Ort ankommt und dort bleibt. Die Eibe tut das wörtlich. Ihre Äste kommen am Boden an … und bleiben. Umgestürzte Stämme, aus denen senkrechte Äste wachsen. Äste, die am Boden Wurzeln schlagen. Das alles gehört zu dem, was man das Regenerationsvermögen der Eibe nennt. Und unter den heimischen Nadelbäumen ist dieses Vermögen bei der Eibe am stärksten. Man kann sich die Eibe also als einen Baum vorstellen, der sich immer wieder neu findet. Sie liegt … und wächst nach oben. Sie berührt den Boden … und wurzelt. Es geht weiter. Langsam … aber es geht weiter. Vielleicht liegst du jetzt auch ganz flach. Dein Körper ruht auf der Matratze … und alles an dir darf schwer werden. Deine Beine … deine Arme … dein Rücken. Du musst nicht aufstehen. Du musst nichts nachwachsen lassen. Du darfst nur liegen. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Jetzt lassen wir ein wenig Zeit vergehen. Der Sommer geht langsam zu Ende. Es wird August. Dann September. Dann Oktober. In diesen Monaten geschieht an den Eiben etwas Besonderes. Ihre Samen reifen. Die Samen der Eibe reifen von August bis Oktober. Reifen heißt … sie werden fertig. Sie wachsen heran, bis sie bereit sind. Von August bis Oktober … das ist der späte Sommer und der beginnende Herbst. Stell dir den Wald im Herbst vor. Das Laub vieler Bäume wird gelb und braun. Und die Eibe ist noch immer grün. Aber zwischen ihren Nadeln zeigt sich jetzt etwas Neues. Etwas Rotes. Das Rote an der Eibe ist ein Samenmantel. Die Botaniker nennen ihn Arillus. Der Arillus ist eine Hülle, die den Samen umgibt. Er umgibt ihn becherartig. Becherartig heißt … wie ein kleiner Becher. Der Samen sitzt in der Mitte, und der Arillus bildet um ihn herum einen kleinen Becher. Wenn der Samen reif ist, hat der Arillus eine lebhaft rote Farbe. Diese Farbe kommt von Karotinoiden. Karotinoide sind Farbstoffe. Sie färben den Samenmantel bei der Reife rot … leuchtend rot vor dem dunklen Grün der Nadeln. Arillus … auch das ist ein Wort, das man sich in Ruhe anhören kann. Ein roter Becher … und in der Mitte der Samen. Und dieser rote Becher hat eine Aufgabe. Der Arillus ist süß. Und dieser süße Arillus lockt Vögel an. Die Vögel kommen zur Eibe, angelockt vom süßen Arillus. Und durch diese Vögel werden die Samen der Eibe verbreitet. Samenverbreitung heißt … die Samen kommen an andere Orte. Weg vom Baum … hinaus in die Umgebung. Eine Eibe kann nicht gehen. Sie steht immer an ihrem Platz. Aber die Vögel können fliegen. Und so tragen sie die Samen weiter. Stell dir einen Herbstmorgen vor. Ein Vogel landet auf einem Zweig der Eibe … zwischen den weichen Nadeln. Er findet einen roten Arillus … und dann fliegt er wieder davon. Er weiß nicht, dass er etwas für die Eibe tut. Aber er tut es trotzdem. Das ist eine freundliche Abmachung zwischen einem Baum und einem Vogel. Der Vogel bekommt etwas Süßes … und die Eibe bekommt einen Weg in die Welt. Stell dir vor, wie der Vogel über den Wald fliegt. Über die Kronen der hohen Bäume … über eine Wiese … über einen Bach. Irgendwo landet er wieder. In einem anderen Wald … oder an einem Hang … oder am Rand eines Feldes. Er weiß nicht, wohin er den Samen trägt. Und die Eibe weiß es auch nicht. Aber das macht nichts. Es ist eine Reise ohne Plan … getragen von Flügeln und vom Wind. Du musst heute Abend auch keinen Plan haben. Du darfst dich tragen lassen … von deiner Matratze … von deinem Kissen … von der Dunkelheit. Und dann liegt ein Samen irgendwo auf dem Boden. Vielleicht weit weg vom Baum … vielleicht an einem ganz neuen Ort. Was passiert jetzt mit ihm. Erst einmal … nichts. Der Samen wartet. Die Samen der Eibe keimen erst im zweiten Frühjahr. Keimen heißt … aus dem Samen wächst eine neue kleine Pflanze heraus. Und bei der Eibe geschieht das nicht im nächsten Frühling. Es geschieht erst im zweiten Frühjahr. Der Samen liegt also durch einen ganzen Winter … durch einen Frühling … einen Sommer … einen Herbst. Und dann noch durch einen Winter. Und erst danach, im zweiten Frühjahr, beginnt er zu keimen. Das ist eine lange Zeit des Wartens. Aber der Samen hat keine Eile. Er liegt in der Erde … und er ruht. So wie du jetzt ruhst. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Bei der Eibe gibt es noch etwas, das man wissen sollte. Sachlich … und nur kurz. Bis auf den roten Samenmantel und den Blütenstaub, den man Pollen nennt … sind alle Teile der Europäischen Eibe stark giftig. Das heißt … die Nadeln, die Zweige, die Borke und auch der Samen in der Mitte des roten Bechers. All das gehört zu den giftigen Teilen. Deshalb nimmt man von einer Eibe nichts in den Mund. Man schaut sie an … man geht an ihr vorbei … und lässt sie in Ruhe wachsen. Mehr musst du dazu nicht wissen. Die Eibe steht in ihrem Wald … und du liegst in deinem Bett. Jetzt machen wir uns noch einmal auf den Weg. Nicht weit … nur in Gedanken. An manchen Orten stehen viele Eiben beisammen. Drei solche Orte besuchen wir heute Abend. Zwei davon liegen in Deutschland … und einer liegt in der Schweiz. Du musst dafür nicht aufstehen. Du musst keine Tasche packen und keinen Zug nehmen. Du bleibst genau da, wo du bist … unter deiner Decke. Und wir gehen trotzdem hin. Langsam … einen Ort nach dem anderen. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Der erste Ort ist der Paterzeller Eibenwald. Er liegt in Deutschland. Und er ist ein Relikt. Ein Relikt ist ein Überbleibsel. Etwas, das aus früherer Zeit übrig geblieben ist … und das es bis heute gibt. Der Paterzeller Eibenwald hat sich als kleines Eibenwaldrelikt erhalten. Er liegt im ehemaligen Klosterforst von Wessobrunn. Ein Klosterforst ist ein Wald, der zu einem Kloster gehört. Ehemalig heißt … früher war es so. Der Wald war einmal der Forst des Klosters Wessobrunn. Und in diesem Wald haben sich die Eiben bis heute erhalten. Ein kleiner Eibenwald … aus früherer Zeit … mitten in unserer Gegenwart. Stell dir vor, du gehst durch den Paterzeller Eibenwald. Es ist Abend, so wie am Anfang unserer Geschichte. Das Licht wird schwächer. Um dich herum stehen Eiben. Nicht nur eine einzige … sondern viele. Ihre Borke ist dünn und schuppig … grau bis rotbraun. Ihre Nadeln sind weich und biegsam. Und unter dir, im Boden, liegen ihre Wurzeln … weitläufig, tiefreichend und dicht. Du musst hier nichts suchen und nichts finden. Du gehst nur langsam weiter. Früher war dieser Wald ein Klosterforst. Heute ist er ein Eibenwaldrelikt. Dazwischen liegt viel Zeit. Wie viel genau … das müssen wir heute Abend nicht wissen. Es genügt zu wissen, dass die Eiben geblieben sind. Ein Wald, der sich erhalten hat. Das ist ein beruhigender Gedanke. Manche Dinge bleiben … auch über lange Zeit. Der zweite Ort liegt ebenfalls in Deutschland. Es ist das Naturwaldreservat Eibenwald bei Gößweinstein. Auch dort hat sich ein Eibenwald bis heute erhalten … so wie im Paterzeller Eibenwald. Ein Naturwaldreservat ist ein Wald, der der Natur überlassen wird. Ein Wald, in dem die Bäume wachsen dürfen, wie sie wachsen. Reservat heißt … ein Gebiet, das bewahrt wird. Und in diesem Reservat werden Eiben bewahrt. Stell dir diesen Wald vor … mit seinen Bäumen … und zwischen ihnen die Eiben. Naturwaldreservat Eibenwald bei Gößweinstein … das ist ein langer Name. Du musst ihn dir nicht merken. Es genügt, wenn du weißt … dort gibt es einen Eibenwald. Und er ist noch da. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Der dritte Ort liegt in der Schweiz. Es ist der Uetliberg. Auf dem Uetliberg wachsen Eiben. Und dieser Eibenbestand ist von europäischer Bedeutung. Ein Eibenbestand … das sind alle Eiben, die an einem Ort zusammen wachsen. Von europäischer Bedeutung heißt … dieser Bestand ist nicht nur für seine Gegend wichtig. Er ist wichtig für ganz Europa. Die Stadt Zürich hat dort einen Eibenlehrpfad eingerichtet. Ein Lehrpfad ist ein Weg, an dem man etwas lernen kann. Man geht ihn entlang … und erfährt dabei etwas über das, was um einen herum wächst. Auf dem Eibenlehrpfad am Uetliberg geht es um die Eiben. Stell dir vor, du gehst diesen Lehrpfad am Uetliberg entlang. Es ist Abend … und der Weg führt dich zwischen den Bäumen hindurch. Links und rechts stehen Eiben … immergrün, im Schatten der anderen Bäume. Du gehst langsam. Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Du musst am Ende des Weges nichts gelernt haben. Du darfst dir alles nur ansehen … und dann wieder vergessen. Die Borke … die Nadeln … vielleicht im Herbst ein roter Arillus zwischen dem Grün. Und über dir wird der Himmel langsam dunkel. Drei Orte haben wir besucht. Den Paterzeller Eibenwald im ehemaligen Klosterforst von Wessobrunn. Das Naturwaldreservat Eibenwald bei Gößweinstein. Und den Uetliberg in der Schweiz, mit seinem Eibenlehrpfad. Zwei Orte in Deutschland … und einer in der Schweiz. An allen drei Orten wachsen Eiben. Und stell dir vor … an allen drei Orten ist es jetzt Nacht. Die Eiben stehen dort in der Dunkelheit. Sie tragen ihr Grün … auch jetzt, auch wenn es niemand sieht. Sie brauchen niemanden, der ihnen zuschaut. Sie wachsen weiter … langsam … in ihrem eigenen Takt. Und jetzt kehren wir zurück in den Wald vom Anfang. Zu dem weichen Boden mit dem alten Laub. Zu den hohen Stämmen. Und zu der Eibe darunter. Es ist jetzt Nacht geworden. Die Eibe steht da, wo sie immer steht. Ihre Borke ist dünn. Ihre Nadeln sind weich. Ihre Wurzeln reichen tief. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Im Herbst reifen ihre Samen. Die Vögel kommen … und sie fliegen wieder fort. Die Samen warten … bis zum zweiten Frühjahr. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Vielleicht bist du schon eingeschlafen. Dann ist das gut. Und wenn du noch wach bist, dann ist das auch gut. Du hörst meine Stimme … und du musst ihr nicht mehr folgen. Draußen ist es dunkel. Drinnen ist es warm. Deine Augen sind geschlossen … oder sie werden es gleich sein. Dein Atem geht langsam … ein … und aus. Irgendwo in einem Wald steht jetzt eine Eibe. Unter hohen Bäumen … im Schatten der Nacht. Ihre Nadeln sind weich. Ihre Borke ist dünn. Ihre Wurzeln halten sie fest. Du musst jetzt nichts mehr tun. Nicht zuhören. Nicht nachdenken. Nichts behalten. Du darfst liegen … so wie die Eibe steht. Ruhig … und ohne Eile. Die Eibe steht im Schatten … und sie bleibt grün. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.