Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Straßenlaternen vom Gaslicht bis zur Lichtglocke
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- Stell dir eine Straße vor … in einer Stadt, die du nicht kennen musst. Der Boden ist aus Stein. Am Rand verläuft ein Bürgersteig … und dahinter stehen Häuser, eines neben dem anderen. Es ist Abend geworden. Der Himmel verliert langsam seine Farbe … erst ist er blau, dann grau … und dann dunkel. Am Rand der Straße steht ein Mast. Oben am Mast sitzt eine Leuchte. Und jetzt … in diesem Augenblick … geht sie an. Auf dem Stein liegt ein heller Kreis. Er ist nicht groß … aber er reicht für ein paar Schritte. Ein Stück weiter steht der nächste Mast. Auch dort geht das Licht an. Dahinter noch einer … und dahinter wieder einer. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Du musst heute nirgendwohin. Du gehst nur ein Stück mit … in deinem eigenen Tempo. Diese Nacht ist eine lange Wanderung … aber eine, bei der du keinen Schritt selbst gehen musst. Sie führt von London nach Dresden … und von Dresden weiter nach Berlin. Du brauchst dafür keine Landkarte. Die Wanderung führt nicht über Straßen und Brücken … sondern durch die Zeit. Durch die Jahre, in denen die Straßen am Abend hell geworden sind. Am Anfang steht das Gaslicht. Danach kommt das elektrische Licht. Dann bleiben wir unter einer Leuchte stehen … und schauen uns an, woraus sie gebaut ist. Und am Ende heben wir den Blick … hinauf zum Himmel über den Städten. Du darfst unterwegs jederzeit stehen bleiben. Du darfst auch unterwegs einschlafen. Die Laternen leuchten trotzdem weiter … eine nach der anderen. Zuerst ein Wort. Ein langes Wort … Straßenbeleuchtung. Es klingt ein wenig nach Amt und nach Aktenordnern. Aber hinter dem Wort steckt etwas, das du von jedem Abend kennst. Die Straßenbeleuchtung ist Teil der öffentlichen Straßenausstattung. Öffentlich heißt: Sie gehört nicht einem einzelnen Menschen. Sie ist für alle da … für jeden, der auf der Straße unterwegs ist. Für die Frau mit dem Fahrrad. Für den Mann mit dem Hund. Und für dich, wenn du spät am Abend nach Hause gehst. Die Straßenbeleuchtung hat auch eine Aufgabe. Sie dient insbesondere nachts … zur künstlichen Beleuchtung. Künstlich heißt hier: Das Licht kommt nicht vom Mond und nicht von den Sternen. Menschen haben es gemacht … und an die Straße gestellt. Die Straßenbeleuchtung ist für drei Arten von Orten da. Für Straßen … für Plätze … und für Freiräume. Die Straßen kennst du schon. Lange Bänder aus Stein … mit Häusern links und rechts. Die Laternen stehen an ihrem Rand, eine hinter der anderen … wie Perlen an einer Schnur. Du gehst von einem hellen Kreis in den nächsten. Dazwischen wird es kurz dunkler … und dann wieder hell. Hell. Dunkler. Hell. Das ist ein gleichmäßiger Takt … wie ein langsamer Atem. Einatmen unter der einen Laterne. Ausatmen unter der nächsten. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Dann gibt es die Plätze. Stell dir einen Platz vor … mitten in einer Stadt. Die Straßen laufen von mehreren Seiten auf ihn zu … und hier öffnen sie sich. Der Boden ist gepflastert. Vielleicht steht in der Mitte ein Brunnen … vielleicht eine Bank. Um diese Zeit ist der Platz beinahe leer. Nur ein paar Tauben sitzen noch auf dem Rand des Brunnens … und bald sind auch sie fort. Über dem Platz stehen Leuchten. Ihr Licht fällt auf das Pflaster … auf die Bank … auf das Wasser im Brunnen. Auf dem Wasser zittert ein heller Fleck. Er bewegt sich ein wenig … und kommt wieder zur Ruhe. Du setzt dich auf die Bank. Du musst nichts tun. Du schaust nur auf das Licht auf dem Wasser. Und dann gibt es noch die Freiräume. Das Wort klingt ein wenig ungewohnt. Ein Freiraum ist ein offenes Stück Land zwischen den Häusern … ein Ort, an dem nichts gebaut ist. Ein Weg durch eine Wiese. Ein Pfad entlang einer Hecke. Eine Fläche mit Gras … und ein paar Bäumen darauf. Auch dort kann eine Laterne stehen. Ihr Licht fällt auf den Kies des Weges … und auf die unteren Äste eines Baumes. Die Blätter bekommen einen hellen Rand. Dahinter beginnt die Dunkelheit der Wiese. In der Wiese hört man jetzt vielleicht Grillen … oder nur den Wind im Gras. Straßen. Plätze. Freiräume. Drei Arten von Orten … und über allen dasselbe Licht aus einer Leuchte. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Jetzt beginnt die Wanderung durch die Zeit. Der erste Ort heißt London. Eine große Stadt, weit im Westen … jenseits des Meeres. Wir gehen weit zurück … mehr als zweihundert Jahre. In London gibt es ein Kirchspiel mit dem Namen Sankt Margareths. Ein Kirchspiel ist ein Bezirk, der zu einer Kirche gehört. Die Häuser, die Gassen, die Menschen darin … alles gehört zu dieser einen Gemeinde. In den Straßen dieses Kirchspiels brennen am Abend Öllampen. In jeder Lampe brennt ein wenig Öl … und gibt eine kleine Flamme. Dann kommt ein Tag, an dem sich das ändert. Die Öllampen werden ersetzt … durch Gaslaternen. Dieser Tag hat ein Datum. Es ist der erste April achtzehnhundertvierzehn. Dieser Tag ist nicht nur für das Kirchspiel wichtig. Er gilt als Datum der ersten öffentlichen Gasbeleuchtung überhaupt. Gemeint ist also nicht nur das erste Gaslicht in Sankt Margareths … und nicht nur das erste Gaslicht in London. Das Wort gilt ist dabei wichtig. Es heißt: So hat man es festgehalten. Öffentlich heißt auch hier wieder: für alle. Nicht in einer Fabrik oder in einem einzelnen Haus … sondern draußen, auf der Straße. Stell dir diesen Abend vor. Die Gassen im Kirchspiel sind dunkel geworden. Und dort, wo früher die Öllampen standen, brennen jetzt die neuen Gaslaternen. Ein neues Licht in einer alten Gasse. Die Nacht ist dieselbe wie immer … aber das Licht darin ist ein anderes. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Aber was ist das eigentlich … Gaslicht. Die Antwort ist kürzer, als man denkt. Gasbeleuchtung oder Gaslicht ist künstliches Licht … das durch brennendes Gas entsteht. Das ist alles. In der Laterne brennt Gas … und diese Flamme macht das Licht. Welches Gas es ist, hat sich mit der Zeit geändert. Früher war es Stadtgas. Heute ist es Erdgas. Stadtgas. Ein Wort, das nach einer anderen Zeit klingt. Erdgas. Ein Wort, das du vielleicht aus deiner eigenen Küche kennst … oder vom Heizen im Winter. Zwei Wörter … und dazwischen liegt eine lange Zeit. Aber in beiden Fällen bleibt es dasselbe Bild. Eine Flamme … und um sie herum ein warmes Licht. Stell dir eine solche Flamme vor … hinter einer Scheibe aus Glas, oben auf einem Mast. Sie brennt gleichmäßig … Abend für Abend. Unter der Flamme liegt die Straße. Die Steine glänzen ein wenig, weil es am Nachmittag geregnet hat. Ein Mensch geht vorbei, den Mantel eng um die Schultern. Sein Schatten wird lang … dann kurz … und dann wieder lang. Das kommt vom Licht. Wenn man auf eine Laterne zugeht, liegt der Schatten hinter einem … und wenn man an ihr vorbei ist, läuft er einem voraus. Der Mensch biegt um eine Ecke. Die Schritte werden leiser … und dann ist nur noch die Flamme da. Sie brennt weiter. Sie wartet auf niemanden. Von London aus gehen wir weiter … hinüber nach Dresden. Die Wanderung dauert nicht lange. Nur ein paar Atemzüge … und vierzehn Jahre. Denn in Dresden wurde dieses Gaslicht achtzehnhundertachtundzwanzig eingeführt. Achtzehnhundertachtundzwanzig. Vierzehn Jahre nach dem Abend im Londoner Kirchspiel. Es ist, als hätte das Licht eine Reise gemacht … von einer Stadt in die andere. Eingeführt ist ein gutes Wort dafür. Etwas Neues kommt in eine Stadt … und die Stadt nimmt es auf. Zuerst ist es fremd. Die Menschen bleiben vielleicht stehen und schauen es an. Und nach einer Weile gehört es dazu … so selbstverständlich wie die Dächer und die Kirchtürme. Stell dir einen Abend in Dresden vor … in dieser frühen Zeit des Gaslichts. Die Häuser haben hohe Fenster. In manchen brennt schon eine Kerze … in anderen ist es noch dunkel. Draußen auf der Straße brennen die Gaslaternen. Man sieht sie von Weitem … eine hinter der anderen. Ein Kind steht am Fenster und schaut hinaus. Es zählt die Lichter … eins … zwei … drei … Bei sieben wird es müde. Bei acht fallen ihm die Augen zu. Die Lichter brennen weiter. Sie brauchen niemanden, der sie zählt. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Es wird Winter in Dresden. Der erste Schnee fällt am Abend. Er fällt auf die Dächer … auf die Straßen … und auf die Laternen. Im Licht der Gasflammen sieht man die Flocken langsam herabsinken. Jede einzelne leuchtet für einen Augenblick auf … und verschwindet dann im Dunkeln. Auf dem Pflaster bleibt eine dünne weiße Schicht liegen. Die ersten Fußspuren führen hindurch … von einer Laterne zur nächsten. Später am Abend kommt niemand mehr vorbei. Die Spuren füllen sich langsam wieder mit Schnee. Am Morgen ist von ihnen nichts mehr zu sehen. Nur die Laternen stehen noch da … mit einer kleinen weißen Mütze obendrauf. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Jetzt gehen wir weiter. Von Dresden nach Berlin. Auch dieser Weg führt durch die Zeit … und diesmal ist er länger. Es vergehen viele Jahre. Die Kinder, die in Dresden am Fenster standen, werden groß. Sie gehen selbst unter den Laternen nach Hause … später mit ihren eigenen Kindern an der Hand. Winter kommen und gehen. Sommer kommen und gehen. Im Winter wird es früh dunkel, schon am Nachmittag. Im Sommer muss das Licht lange warten … bis spät in den Abend. Aber jeden Abend kommt der Augenblick, in dem es dunkel genug ist. Und jeden Abend steht das Licht wieder an der Straße. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Dann kommen wir in Berlin an. Wir sind im Jahr achtzehnhundertneunundsiebzig. Einundfünfzig Jahre sind seit Dresden vergangen. Und in Berlin geschieht etwas Neues. Achtzehnhundertneunundsiebzig installierte Siemens in Berlin die erste elektrische Straßenbeleuchtung. Elektrisch. Das heißt: Hier brennt kein Gas. Das Licht kommt aus dem Strom. Keine Flamme hinter der Scheibe … sondern ein Licht, das der Strom zum Leuchten bringt. Siemens ist der Name, der dabei steht. Viele kennen ihn heute noch. Aber an diesem Abend geht es nicht um den Namen. Es geht um das Licht. Um Berlin … und um die erste elektrische Straßenbeleuchtung dort. Stell dir diesen Abend in Berlin vor. Die Menschen kennen das Gaslicht schon. Sie kennen die Flammen hinter dem Glas … und den Schein, den sie auf die Steine werfen. Und jetzt steht da ein anderes Licht. Es brennt nicht … es leuchtet. Vielleicht bleiben ein paar Menschen darunter stehen. Vielleicht schauen sie nach oben und sagen eine Weile gar nichts. Dann gehen sie weiter. Nach Hause … zum Abendessen … ins Bett. Und das neue Licht bleibt zurück, an seinem Platz über der Straße. Es ist ein Anfang. Und an diesem Abend weiß noch niemand, wie viele Lichter nach ihm kommen werden. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Wir gehen noch ein kleines Stück weiter durch die Zeit. Bis um das Jahr neunzehnhundert. Um das Jahr neunzehnhundert gab es im Wesentlichen zwei verschiedene Arten von Straßenbeleuchtungen. Die eine ist das Gaslicht. Die andere ist das elektrische Licht. Zwei Arten … zwei Wege, die Nacht hell zu machen. Im Wesentlichen heißt: Das sind die beiden, auf die es in dieser Zeit ankommt. Auf der einen Seite die Flamme, die aus dem Gas kommt. Auf der anderen Seite das Licht, das aus dem Strom kommt. Das eine ist schon lange vertraut. Das andere ist noch jung. Und beide tun in dieser Zeit dieselbe Arbeit. Sie machen die Nacht ein Stück heller … für alle, die noch unterwegs sind. Lass uns kurz stehen bleiben und zurückschauen. Unsere Wanderung hat in London angefangen … im Kirchspiel Sankt Margareths, am ersten April achtzehnhundertvierzehn. Dieser Tag gilt als Datum der ersten öffentlichen Gasbeleuchtung überhaupt … nicht nur für das Kirchspiel und nicht nur für London. In Dresden wurde das Gaslicht achtzehnhundertachtundzwanzig eingeführt. Und in Berlin wurde achtzehnhundertneunundsiebzig die erste elektrische Straßenbeleuchtung installiert. London. Dresden. Berlin. Drei Städte … wie drei Laternen an einer langen Straße. Man geht von der einen zur nächsten … und dazwischen liegt ein Stück Dunkelheit. Und um das Jahr neunzehnhundert gibt es dann zwei Arten von Licht an den Straßen. Du musst dir keine dieser Zahlen merken. Sie dürfen vorbeiziehen … so wie die Laternen am Fenster eines Zuges. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Jetzt kommen wir zurück in unsere eigene Zeit. Zurück zu der Straße vom Anfang … zu dem Mast am Rand und zu der Leuchte, die oben sitzt. Du stellst dich unter die Leuchte und schaust hinauf. Nicht direkt ins Licht … nur ein wenig daneben. Von hier unten sieht die Leuchte einfach aus. Ein Gehäuse … und darin das Licht. Aber in diesem Gehäuse steckt mehr, als man von unten sieht. Eine Leuchte ist aus mehreren Teilen gebaut. Jeder Teil hat seine eigene Aufgabe. Wir schauen uns heute nur zwei Dinge an. Das Gehäuse … und das, was in seinem Inneren mit dem Licht zu tun hat. Du musst dir dafür nichts Schweres vorstellen. Nur eine Leuchte … oben an einem Mast. Zuerst das Gehäuse. Das Gehäuse ist die äußere Hülle der Leuchte. Es ist das, was du von unten siehst … die Form, die oben am Mast sitzt. Und das Gehäuse hat eine wichtige Aufgabe. Es schützt das elektrische und das optische System vor Umwelteinflüssen. Das sind zwei Begriffe auf einmal. Wir nehmen sie langsam auseinander. Das elektrische System ist der Teil der Leuchte, der mit dem Strom zu tun hat. Das optische System ist der Teil, der mit dem Licht zu tun hat … mit der Frage, wohin das Licht fällt. Und Umwelteinflüsse … das ist alles, was von draußen kommt. Aus der Umgebung, in der die Leuchte steht. Regen zum Beispiel. Oder Wind. Oder der Staub, der im Sommer über die Straße weht. Stell dir vor, es regnet. Die Tropfen fallen auf die Straße … auf den Bürgersteig … und auf das Gehäuse der Leuchte oben am Mast. Sie treffen auf die Hülle und laufen an ihr herunter. Einer nach dem anderen. Innen bleibt es trocken. Das Gehäuse hält den Regen draußen … so wie ein Dach über einem Haus. Das elektrische System ist geschützt. Das optische System ist geschützt. Und das Licht leuchtet weiter, als wäre nichts. Es fällt durch die Tropfen hindurch nach unten. In seinem Schein sieht man den Regen erst richtig. Lauter feine helle Striche … schräg im Licht. Du stehst unter dem Vordach eines Hauses und schaust ihnen zu. Du hast keine Eile. Nach einer Weile hört der Regen auf. Die Leuchte hat ihn kaum bemerkt. Oder stell dir einen Sommerabend vor. Es war ein heißer Tag. Der Stein der Straße gibt die Wärme noch langsam an die Luft ab. Ein warmer Wind zieht durch die Straße. Er trägt ein wenig Staub mit sich … und ein paar trockene Blätter. Der Staub fliegt auch um die Leuchte oben am Mast. Er legt sich auf das Gehäuse … und bleibt außen liegen. Zum elektrischen und zum optischen System kommt er nicht. Dafür ist das Gehäuse da. Regen im Herbst. Schnee im Winter. Staub im Sommer. Das Gehäuse hält alles davon ab … Jahr für Jahr, Nacht für Nacht. Und innen … geschützt … leuchtet das Licht. Jetzt zum optischen System. Wir haben schon gesagt: Es ist der Teil der Leuchte, der mit dem Licht zu tun hat. Und dieses System hat ein Ziel. Das Ziel des optischen Systems in der Straßenbeleuchtung ist … entlang der Straße eine breite Bestrahlung bei geringer Blendung zu erzeugen. Das ist ein langer Satz. Wir gehen ihn Stück für Stück durch. Entlang der Straße … das heißt: Das Licht soll nicht nur auf einen Punkt fallen. Es soll sich an der Straße entlang verteilen. Eine breite Bestrahlung … das heißt: Das Licht soll viel Fläche erreichen. Und bei geringer Blendung … das braucht noch einen eigenen Gedanken. Blendung kennst du vielleicht von einem Auto, das dir nachts entgegenkommt. Das Licht fällt dir direkt in die Augen. Für einen Moment siehst du schlechter … und nicht besser. Das ist Blendung. Licht, das so in die Augen fällt, dass es beim Sehen stört. Eine gute Straßenleuchte soll das möglichst wenig tun. Ihr Licht soll auf die Straße fallen … und nicht in deine Augen. Geringe Blendung heißt also: Du gehst unter den Leuchten entlang … und deine Augen müssen sich nicht wehren. Breit auf der Straße. Wenig in den Augen. Das ist das Ziel. Und wenn es gelingt, merkst du es kaum. Du siehst nur einen hellen Weg vor dir. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Stell dir vor, du gehst jetzt diese Straße entlang. Es ist spät. Die meisten Fenster sind dunkel … nur hier und da brennt noch eines. Das Licht der Leuchten liegt breit auf dem Stein. Es reicht von einem Mast fast bis zum nächsten. Du musst nicht blinzeln. Du musst den Kopf nicht wegdrehen. Du siehst den Bordstein. Du siehst die Blätter, die im Rinnstein liegen. Du siehst eine Katze, die am Rand über die Straße huscht … und im Dunkeln zwischen zwei Autos verschwindet. Deine Schritte finden ihren eigenen Takt. Nicht schnell … nicht langsam … nur gleichmäßig. Links. Rechts. Links. Unter dir wechselt das Licht mit jedem Mast … hell, etwas dunkler, wieder hell. Manchmal ist es schön, an die alten Flammen zu denken, während man unter den neuen Leuchten geht. An das Gaslicht in London … und an die Gaslaternen in Dresden. An den Abend in Berlin, an dem die erste elektrische Straßenbeleuchtung zu leuchten begann. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die Leuchten haben sich verändert … ihre Gehäuse, ihr Inneres, ihr Licht. Aber die Aufgabe ist dieselbe geblieben. Die Straßenbeleuchtung dient nachts zur künstlichen Beleuchtung … von Straßen, von Plätzen, von Freiräumen. Sie ist für alle da. Für jeden, der noch unterwegs ist. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Jetzt heben wir den Blick. Weg von der Straße … weg von der Leuchte … hinauf zum Himmel. Über der Stadt ist der Himmel dunkel. Aber wenn du lange hinschaust, merkst du: Er ist nicht so dunkel, wie er sein könnte. Er hat einen hellen Schimmer, der nicht von den Sternen kommt. Dafür gibt es ein Wort. Es heißt Lichtverschmutzung. Man sagt auch Lichtsmog … oder Lichtverunreinigung. Drei Namen für dieselbe Sache. Der Begriff bezeichnet die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen. Aufhellung heißt: Der Himmel wird heller, als er in der Nacht von selbst wäre. Und die künstlichen Lichtquellen … das sind die Lichter, die Menschen gemacht haben. Auch die Leuchten an den Straßen gehören dazu. Aber wie kommt das Licht von der Straße hinauf in den Himmel. Das geht so. Nicht alles Licht bleibt unten auf der Straße. Ein Teil wird nach oben abgestrahlt … oder nach oben zurückgeworfen. Das kommt vor allem von Leuchten, die ihr Licht ungenutzt zu den Seiten und nach oben abgeben. Bei den Straßenlaternen sind es solche, die überflüssig sind … falsch montiert … oder schlecht abgeschirmt. Dieses Licht steigt hinauf in die Luft. Und über uns liegt die Luft … Schicht über Schicht. Diese Luftschichten gehören zur Erdatmosphäre. Das Licht wird in den Luftschichten der Erdatmosphäre gestreut. Gestreut heißt: Es wird in viele Richtungen verteilt … auch wieder zurück, zu uns nach unten. Stell dir Mehl vor, das jemand mit der Hand über einen Tisch streut. Es fällt nicht auf einen Punkt … es verteilt sich überall. So ähnlich ist es mit dem Licht in der Luft. Es bleibt nicht auf seinem Weg … es verteilt sich. Und mit dieser Streuung ist etwas verbunden. Die natürliche Dunkelheit wird überlagert. Die natürliche Dunkelheit. Das ist die Nacht, so wie sie von selbst wäre. Ohne Laternen … ohne Fenster … ohne ein Licht, das Menschen gemacht haben. Diese Dunkelheit ist noch da. Sie ist nicht verschwunden. Aber über ihr liegt jetzt ein Schleier aus gestreutem Licht. Das meint das Wort überlagert … eines liegt über dem anderen. Wie eine dünne Decke, die man über ein Bett legt. Das Bett ist noch da … aber man sieht es nicht mehr so deutlich. Stell dir diese Decke vor. Leicht und weich liegt sie über der Stadt und über den Dächern. Und unter ihr schlafen die Menschen in ihren Betten. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Über Städten hat diese Erscheinung noch einen besonderen Namen. Man nennt sie dort auch Lichtglocken … oder Lichtkuppeln. Das ist ein schönes Bild. Eine Glocke aus Licht … eine Kuppel aus Licht, über die ganze Stadt gestülpt. Stell dir vor, du stehst weit draußen vor der Stadt, auf einem Feld. Die Häuser sind fern … nur ein dunkler Streifen am Horizont. Und über diesem Streifen ist der Himmel heller als anderswo. Wie eine Glocke … oder wie eine Kuppel. Auf Englisch gibt es dafür auch ein Wort. Dort sagt man skyglow. Sky heißt Himmel. Glow heißt Glühen oder Schimmer. Ein Himmelsschimmer also. Das Wort klingt weich … fast wie ein Name für ein Abendlicht. Stell dir vor, du fährst nachts mit dem Zug über das Land. Draußen vor dem Fenster ist es dunkel. Felder, Wälder … ab und zu ein einzelnes Licht an einem Hof. Und dann, weit vorne am Horizont, wird der Himmel heller. Du siehst die Stadt noch nicht … aber du siehst schon ihre Glocke aus Licht. Der Zug fährt näher heran. Die Glocke wird größer … und darunter tauchen die ersten Straßenlaternen auf. Dann ist der Zug mitten in der Stadt. Jetzt ist die Glocke über dir … und du erkennst ihre Form nicht mehr. Später fährt der Zug wieder hinaus. Die Stadt bleibt zurück … und ihre Glocke wird kleiner und kleiner. Bis sie nur noch ein heller Rand am Horizont ist. Und dann ist es draußen wieder dunkel. Und jetzt schauen wir wieder hinunter … zurück auf die Straße. Eben ging es um Leuchten, die ihr Licht ungenutzt nach oben abgeben. Es gibt aber auch andere Leuchten. Sie verteilen ihr Licht mit Bedacht. Es werden Straßenlaternen eingesetzt, die ihr Licht nur in Richtung der zu beleuchtenden Verkehrsfläche emittieren. Emittieren ist ein Fachwort. Es heißt: aussenden, abgeben. Die Leuchte gibt ihr Licht in eine bestimmte Richtung ab. Und die Verkehrsfläche ist die Fläche, auf der der Verkehr unterwegs ist. Die Fahrbahn, der Bürgersteig … der Weg, auf dem du gehst. Diese Leuchten schicken ihr Licht also dorthin, wo es gebraucht wird. Und nicht in Richtung des Himmels. Und nicht in Richtung der Fenster von Anwohnern. Anwohner … das sind die Menschen, die an der Straße wohnen. Hinter den Fenstern über dem Bürgersteig. Stell dir eines dieser Fenster vor. Es liegt im ersten Stock, über der Straße. Die Vorhänge sind zugezogen … nur ein kleiner Spalt ist offen geblieben. Dahinter ist ein Zimmer. In dem Zimmer steht ein Bett … und in dem Bett schläft ein Mensch. Draußen vor dem Fenster steht eine dieser Leuchten. Sie leuchtet die ganze Nacht. Aber ihr Licht fällt nach unten, auf die Straße. Nicht in das Fenster … nicht in das Zimmer … nicht auf das Bett. Der Mensch im Zimmer merkt nichts davon. Er dreht sich einmal auf die andere Seite … und schläft weiter. Im Zimmer bleibt es dunkel. Draußen auf der Straße ist es hell. Beides zur selben Zeit. Und beides ist gut so. Es ist jetzt tief in der Nacht. Auf der Straße ist niemand mehr unterwegs. Kein Auto, kein Fahrrad … keine Schritte. Trotzdem leuchten die Leuchten. Sie leuchten für den Fall, dass doch noch jemand kommt. Vielleicht ein Mensch, der spät von der Arbeit nach Hause geht. Vielleicht jemand, der nicht schlafen kann und noch eine Runde um den Block dreht. Für diesen einen Menschen liegt das Licht bereit … breit auf der Straße, wenig in den Augen. Und über allem liegt die Nacht. Sie ist groß … viel größer als das Licht. Das Licht ist nur ein schmaler Streifen am Boden. Die Nacht ist alles darüber. Und über einer solchen Leuchte liegt der Himmel. Zu ihm schickt sie ihr Licht nicht hinauf. Sie hält es unten, auf der Fläche, auf der es gebraucht wird. Das ist ein beruhigender Gedanke. Das Licht ist da, wo die Menschen gehen … und die Nacht ist da, wo die Menschen schlafen. Hier kommen zwei Gedanken zusammen. Der erste ist das Ziel des optischen Systems … eine breite Bestrahlung entlang der Straße, bei geringer Blendung. Der zweite ist die Richtung. Bei diesen Leuchten fällt das Licht auf die Verkehrsfläche … nicht zum Himmel und nicht in die Fenster. Breit auf der Straße. Wenig in den Augen. Nichts zum Himmel. Drei kleine Sätze. Du kannst sie mitnehmen … oder hier liegen lassen. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Unsere Wanderung ist fast zu Ende. Wir gehen den Weg noch einmal zurück … langsam, ohne Eile. Wir gehen vorbei an den Leuchten von heute … mit ihrem Gehäuse, das den Regen abhält. Vorbei an der Zeit um das Jahr neunzehnhundert, mit ihren zwei Arten von Licht. Vorbei an Berlin … an dem Abend, an dem Siemens dort die erste elektrische Straßenbeleuchtung installiert hat. Vorbei an Dresden … an dem Gaslicht, das dort achtzehnhundertachtundzwanzig eingeführt wurde. Und zurück nach London … in das Kirchspiel Sankt Margareths, wo die Gaslaternen die Öllampen ersetzt haben. Berlin. Dresden. London. Und dann wieder zurück in unsere eigene Straße … zu dem Mast am Rand und zu der Leuchte oben. Du stehst wieder auf dem Bürgersteig vom Anfang. Der Boden ist aus Stein. Die Häuser stehen nebeneinander, eines neben dem anderen. Oben am Mast leuchtet die Leuchte. Ihr Licht fällt nach unten … auf den Stein, auf den Weg. Ein Stück weiter leuchtet die nächste. Und dahinter noch eine. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Die Fenster sind dunkel. Die Menschen dahinter schlafen. Über den Dächern liegt der Himmel. Irgendwo darin sind die Sterne. Du musst nichts mehr tun. Du musst nirgendwo mehr hin. Das Licht bleibt an der Straße. Die Nacht bleibt am Himmel. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Deine Schritte werden langsamer. Deine Augen werden schwer. Hell. Dunkler. Hell. Einatmen unter der einen Laterne. Ausatmen unter der nächsten. Eine Laterne nach der anderen … und dazwischen die Nacht. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.