Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Das Polarlicht über dem verschneiten Norden
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- Stell dir eine weite Ebene vor … weit oben im Norden. Der Boden ist mit Schnee bedeckt … er liegt flach und hell bis an den Rand deines Blickes. Es ist Nacht geworden … und die Luft ist kalt und klar. Über dir spannt sich der Himmel. Keine Wolke ist zu sehen … nur die Sterne, einer neben dem anderen. Du stehst warm eingepackt im Schnee … und du hast Zeit. Viel Zeit. Niemand erwartet etwas von dir. Du musst nichts tun … außer nach oben zu schauen. Der Schnee knirscht ein wenig unter deinen Stiefeln, wenn du dein Gewicht verlagerst. Dann ist es wieder vollkommen ruhig um dich herum. Dein Atem steigt als kleine, weiße Wolke auf … und verschwindet im Dunkeln. Ein Atemzug … und noch einer. Du musst nicht zählen. Sie kommen von allein. Vielleicht liegt diese Ebene in Island. Island gehört zu den Ländern, in denen Polarlichter besonders häufig auftreten. Wer dort in einer klaren Nacht nach oben schaut … hat gute Aussichten, das Licht zu sehen. Du musst dir diesen Ort nicht genau ausmalen. Ein wenig Schnee genügt … ein dunkler Himmel … und ein weiter Blick bis zum Horizont. Der Rest kommt von allein. Es ist ein schöner Gedanke … dass der Himmel über Island so häufig zu leuchten beginnt. Das Licht ist dort kein seltener Gast. Es ist ein vertrauter Besucher der langen Nächte. Vielleicht ist es aber auch Norwegen. Auch in Norwegen treten Polarlichter besonders häufig auf. Und in Finnland ebenso. Finnland … Island … Norwegen. Drei Länder im Norden, die das Licht gut kennen. Du kannst dir aussuchen, wo du heute Nacht stehst. Vielleicht auf einer Ebene in Finnland … vielleicht auf einem Hügel in Norwegen … vielleicht am Rand eines Feldes in Island. Es spielt keine große Rolle. Der Himmel ist überall derselbe. Und das Licht, das gleich kommt, gehört zu allen drei Ländern. Du stehst im Schnee … du schaust nach oben … und du wartest. Warten ist hier nichts Anstrengendes. Warten ist hier einfach nur Dasein. Im Sommer würdest du hier lange vergeblich warten. Dann herrscht im Norden die Mitternachtssonne. Die Mitternachtssonne macht es praktisch unmöglich, Polarlichter zu sehen. Heute aber ist Winter … und die Nacht ist dunkel. Du stehst in der Kälte, unter den Sternen … und die Nacht ist lang. Lang genug für das, was gleich kommt. Und dann … ganz am Rand des Himmels … zeigt sich etwas. Ein heller Streifen. Zuerst blass … fast wie ein Hauch. Dann wird er deutlicher. Er bekommt eine Farbe. Ein weiches Grün. Der Streifen hebt sich über den Horizont … und breitet sich langsam aus. Er bewegt sich nicht hastig. Er dehnt sich … er zieht sich zusammen … und dehnt sich wieder. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Du musst nichts festhalten. Du musst dir nichts merken. Du schaust nur … und lässt das Grün über dir wandern. Dieses Licht hat einen Namen. Man nennt es das Polarlicht. In der Wissenschaft hat es noch einen zweiten Namen … einen lateinischen. Auf der Nordhalbkugel heißt es Aurora borealis. Auf Deutsch sagt man dazu Nordlicht. Auf der Südhalbkugel gibt es das gleiche Leuchten. Dort heißt es Aurora australis … das Südlicht. Die Wörter kommen aus dem Lateinischen. Aurora bedeutet Morgenröte. Borealis bedeutet nördlich … und australis bedeutet südlich. Das nördliche Morgenrot … und das südliche Morgenrot. Es sind alte, schöne Namen für ein Licht, das mitten in der Nacht erscheint. Heute Nacht bleiben wir im Norden. Bei der Aurora borealis … beim Nordlicht. Das Nordlicht ist den Menschen schon sehr lange bekannt. Am Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus unternahm ein griechischer Händler und Geograf eine Seereise. Sie führte ihn nach Thule. Und dort, so berichtete er, hat er Polarlichter gesehen. Stell dir diesen Reisenden vor … an Deck seines Schiffes, in einer kalten Nacht. Über ihm zieht dasselbe Licht, das du heute siehst. Menschen haben also zu diesem Himmel hinaufgeschaut … lange bevor man das Leuchten wissenschaftlich erklären konnte. Was ist dieses Licht eigentlich. Das Polarlicht ist eine Leuchterscheinung … hoch oben in der Lufthülle der Erde. Diesen oberen Teil der Lufthülle nennt man die Hochatmosphäre. Er liegt weit über den Wolken. In der Hochatmosphäre gibt es Atome von Stickstoff und von Sauerstoff. Wenn diese Atome angeregt werden … also zusätzliche Energie bekommen … dann beginnen sie zu leuchten. Das Polarlicht ist genau dieses Leuchten der angeregten Stickstoffatome und Sauerstoffatome. In der Fachsprache hat eine solche Erscheinung einen eigenen Namen. Man nennt das Polarlicht ein Elektrometeor. Das Wort klingt technisch. Aber hinter ihm steht nur das, was du gerade über dir siehst. Ein Leuchten in großer Höhe … das langsam über den Himmel wandert. Du stehst noch immer im Schnee. Das grüne Band über dir ist inzwischen breiter geworden. Es reicht fast über den halben Himmel. An manchen Stellen ist es heller … an anderen blasser. Du kannst den Kopf ein wenig zurücklegen … und einfach hinaufschauen. Die Kälte spürst du kaum. Deine Kleidung hält dich warm. Nur deine Nasenspitze merkt, dass es eine Winternacht ist. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Es gibt keinen Anfang, den du verpasst hast. Und es gibt kein Ende, auf das du warten musst. Es gibt nur diesen Moment … und das Grün darin. Warum sieht man das Polarlicht gerade hier im Norden so gut. Das hat mit den Polen des Erdmagnetfeldes zu tun. Die Erde ist von einem Magnetfeld umgeben. Es hat einen Pol im Norden und einen im Süden. Man nennt sie die Magnetpole. Polarlichter sind meistens in Bändern zu sehen, die in der Nähe dieser Magnetpole liegen. Um die Breite dieser Bänder zu beschreiben, benutzt man Breitengrade. Breitengrade sind gedachte Linien, die wie Ringe rund um die Erde laufen. Die Bänder des Polarlichts umfassen meistens etwa drei bis sechs solcher Breitengrade. Es ist also ein Gürtel um den Magnetpol herum … nicht sehr schmal, aber auch nicht sehr breit. Und die Länder, in denen du heute Nacht stehst, liegen günstig zu diesem Gürtel. Stell dir diesen Gürtel einen Moment lang vor. Ein weiter Ring … hoch über dem Norden der Erde … wie ein Kranz um den Magnetpol. In diesem Kranz zeigt sich das Licht am häufigsten. Du musst dir keine Karte vorstellen. Und du musst keine Linien zählen. Es genügt das Bild von einem Ring … und von dir, irgendwo darunter, im Schnee. Über dir ein Stück dieses Ringes. Grün … weich … in Bewegung. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Woher kommt die Energie für dieses Leuchten. Dafür müssen wir einen weiten Weg zurückgehen. Bis zur Sonne. Du musst dafür nicht aufbrechen. Du bleibst hier im Schnee stehen. Nur deine Gedanken reisen. Die Sonne ist jetzt nicht zu sehen. Sie steht auf der anderen Seite der Erde. Aber sie ist trotzdem da … und sie gibt ständig etwas ab. Nicht nur Licht und Wärme … sondern auch einen Strom aus winzigen Teilchen. Diesen Strom nennt man den Sonnenwind. Der Sonnenwind ist ein Strom geladener Teilchen, der ständig von der Sonne abströmt. Er strömt in alle Richtungen. Nach oben … nach unten … nach allen Seiten in den Weltraum hinaus. Der Sonnenwind hat eine erstaunliche Menge. Etwa eine Million Tonnen strömen jede Sekunde von der Sonne fort. Eine Million Tonnen … in einer einzigen Sekunde. Und in der nächsten Sekunde wieder. Man muss sich diese Zahl nicht vorstellen können. Sie ist zu groß für ein Bild. Es genügt zu wissen, dass die Sonne diesen Strom ohne Pause aussendet. Während du hier stehst … während du atmest … während du langsam müde wirst. Der Sonnenwind strömt. Und strömt weiter. In alle Richtungen … und ein kleiner Teil davon auch in die Richtung der Erde. Der Weg von der Sonne bis zur Erde ist weit. Der Sonnenwind ist für diese Strecke zwei bis vier Tage unterwegs. Zwei bis vier Tage … durch den dunklen Raum … ohne Halt. Der Wind, der heute Nacht bei der Erde ankommt, ist also schon vor Tagen bei der Sonne aufgebrochen. Während du geschlafen hast … während du gegessen hast … während du durch deine Tage gegangen bist. Und jetzt ist er hier. Der Sonnenwind ist etwas anderes als das Sonnenlicht. Das Sonnenlicht gehört zur Sonnenstrahlung. Diese Strahlung ist elektromagnetische Strahlung … so wie das Licht einer Lampe. Der Sonnenwind dagegen ist keine elektromagnetische Strahlung. Der Sonnenwind ist ein Teilchenstrom. Er besteht aus Protonen und Elektronen. Protonen und Elektronen sind winzige Bausteine. Sie sind viel zu klein, als dass man sie sehen könnte. Und sie tragen eine elektrische Ladung. Deshalb spricht man von geladenen Teilchen. Das Licht der Sonne … und der Wind der Sonne. Zwei verschiedene Dinge, die beide von derselben Sonne kommen. Das eine wärmt am Tag dein Gesicht. Das andere reist unsichtbar durch den Raum. Stell dir diesen Wind vor … wie er durch den dunklen Weltraum zieht. Es ist kein Wind, den du auf der Haut spüren würdest. Er weht nicht durch Bäume und nicht über Felder. Er ist ein Strom aus Protonen und Elektronen … weit draußen, zwischen der Sonne und den Planeten. Der Strom zieht und zieht. Er kennt keine Nacht und keinen Tag. Und irgendwann erreicht ein Teil dieses Stroms die Nähe der Erde. Dort trifft er auf etwas, das die Erde wie eine unsichtbare Hülle umgibt. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Diese unsichtbare Hülle hat einen Namen. Man nennt sie die Magnetosphäre. Als Magnetosphäre bezeichnet man das Raumgebiet um einen Himmelskörper, in dem geladene Teilchen von seinem Magnetfeld beeinflusst werden. Bei uns ist dieser Himmelskörper die Erde. Und das Magnetfeld ist das Erdmagnetfeld. Die Magnetosphäre ist also der Raum um die Erde, in dem das Erdmagnetfeld auf geladene Teilchen wirkt. Auf die Protonen und Elektronen des Sonnenwindes zum Beispiel. Du kannst die Magnetosphäre nicht sehen. Du kannst sie nicht fühlen. Und trotzdem ist sie da. Rund um die Erde … über dir … und weit, weit darüber hinaus. Sie ist ein Raum, der nicht durch Wände begrenzt wird … sondern durch die Reichweite eines Magnetfeldes. Auch die Magnetosphäre hat eine Grenze nach außen. Diese äußere Begrenzung wird Magnetopause genannt. Magnetopause. Das Wort klingt ein wenig wie ein Atemholen … wie eine Pause am Rand. An der Magnetopause beginnt der Bereich, in dem das Erdmagnetfeld die geladenen Teilchen beeinflusst. Außerhalb von ihr zieht der Sonnenwind weiter durch den Raum. Innerhalb von ihr liegt die Magnetosphäre … und in ihrer Mitte die Erde. Stell dir die Magnetopause als eine weite, unsichtbare Linie vor. Weit draußen … weit vor der Erde. Du musst nicht wissen, wie weit genau. Es genügt, dass sie weit draußen liegt. Und dass du hier unten im Schnee davon nichts merkst … außer vielleicht, später, an einem grünen Schimmer. Die Magnetosphäre hat auch eine Grenze nach innen … zur Erde hin. Unterhalb der Magnetosphäre liegt die Atmosphäre, die Lufthülle der Erde. Die innere Begrenzung der Magnetosphäre zur neutralen Atmosphäre bildet die Ionosphäre. Außen die Magnetopause … innen die Ionosphäre. Dazwischen liegt die Magnetosphäre wie ein weiter Raum zwischen zwei Grenzen. Das ist ein beruhigendes Bild. Ein Raum mit einer äußeren Grenze … und einer inneren. Und die innere Grenze, die Ionosphäre, ist schon ein Teil der Lufthülle. Sie liegt hoch über dir … aber sie gehört bereits zur Atmosphäre der Erde. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Was ist die Ionosphäre. Die Ionosphäre ist jener Teil der Atmosphäre, der große Mengen von Ionen und freien Elektronen enthält. Ionen sind Teilchen, die eine elektrische Ladung tragen. Und freie Elektronen sind Elektronen, die nicht an ein Atom gebunden sind. In der Ionosphäre gibt es viele davon. Große Mengen von Ionen … und große Mengen von freien Elektronen. Deshalb trägt sie auch diesen Namen. In dem Wort Ionosphäre steckt das Wort Ion. Eine Sphäre der Ionen … eine Schicht, in der geladene Teilchen zu Hause sind. Du kannst dir die Ionosphäre wie eine Schicht vorstellen, die sich hoch über dir um die ganze Erde legt. Über Island … über Norwegen … über Finnland. Und über allen anderen Ländern ebenso. Sie ist weit oben … viel höher als jeder Vogel fliegt und jede Wolke zieht. Jetzt sind alle Stationen genannt. Die Sonne … der Sonnenwind … die Magnetopause … die Magnetosphäre … und die Ionosphäre. Du musst sie dir nicht merken. Sie sind wie Stationen auf einem langen Spaziergang. Wenn du eine davon vergisst, macht das nichts. Der Weg bleibt derselbe. Und das Licht am Ende des Weges bleibt dasselbe. Du stehst noch immer im Schnee … und über dir leuchtet noch immer das Grün. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Wie entsteht nun aus all dem das Leuchten. Das Polarlicht wird von energiereichen geladenen Teilchen hervorgerufen. Diese Teilchen wechselwirken mit dem Erdmagnetfeld. Das heißt … das Magnetfeld wirkt auf die Teilchen, und die Teilchen wirken auf das Magnetfeld. Man hat sich diesen Vorgang lange sehr einfach vorgestellt. So, als würde der Sonnenwind direkt auf die Lufthülle treffen. Heute weiß man, dass diese Vorstellung stark vereinfacht ist. Der Weg vom Sonnenwind bis zum Leuchten ist verwickelter. Er führt über das Erdmagnetfeld und über die Magnetosphäre. Du musst diesen Weg nicht in allen Einzelheiten kennen. Es genügt ein einfaches Bild. Der Sonnenwind bringt Energie heran … das Erdmagnetfeld nimmt sie auf und lenkt sie weiter. Und am Ende dieses Weges beginnen hoch oben Atome zu leuchten. Diese Atome sind die Atome von Sauerstoff und von Stickstoff. Sie schweben in der Hochatmosphäre … weit oben, wo die Luft sehr dünn ist. Wenn sie angeregt werden, nehmen sie Energie auf. Ein angeregtes Atom behält diese Energie aber nicht für immer. Es kehrt in seinen Grundzustand zurück … in den Zustand, in dem es vorher war. Und dabei gibt es die Energie wieder ab. Als Licht. Das ist das ganze Geheimnis. Ein Atom nimmt Energie auf … und gibt sie als Licht wieder ab. Viele Atome tun das gleichzeitig. Unzählige Atome, hoch über dir. Und aus ihrem gemeinsamen Leuchten wird das grüne Band, das du gerade siehst. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Schau noch einmal genauer hin. Das grüne Licht ist nicht die einzige Farbe am Himmel. Oberhalb des Grüns … ein Stück höher … liegt ein zarter, roter Saum. Das Rot ist blasser als das Grün. Man muss eine Weile hinsehen, bis man es bemerkt. Aber es ist da. Wie ein dunkles Rosa über einer grünen Wiese. Und es liegt immer oben. Rotes Licht erscheint immer oberhalb des grünen Lichtes. Das ist eine feste Ordnung am Himmel. Unten das Grün … darüber das Rot. Es gibt keine Ausnahme davon. Das Rot steigt nicht unter das Grün hinab. Diese Ordnung hat mit der Höhe zu tun. Das grüne Licht entsteht in etwa hundertzwanzig Kilometern Höhe. Das rote Licht entsteht noch weiter oben … in etwa zweihundertfünfzig Kilometern Höhe. Hundertzwanzig Kilometer für das Grün. Zweihundertfünfzig Kilometer für das Rot. Zwei Höhen … zwei Farben … eine über der anderen. Man kann sich das Polarlicht deshalb wie ein Haus mit zwei Stockwerken vorstellen. Im unteren Stockwerk wohnt das Grün. Im oberen Stockwerk wohnt das Rot. Und beide Stockwerke liegen so hoch, dass kein Berg und keine Wolke sie erreicht. Wie hoch das Licht liegt, hat man schon vor langer Zeit gemessen. Bereits im achtzehnten Jahrhundert wurde die Höhe der Polarlichter bestimmt. Das Verfahren heißt Triangulation. Dafür peilen zwei Beobachter dasselbe auffällige Merkmal im Licht an. Und sie stehen dabei möglichst weit voneinander entfernt. So lässt sich die Höhe bestimmen. Zwei Forscher kamen auf diese Weise auf achtzig bis hundertsechzig Kilometer. Das entspricht in etwa den heutigen Werten. Beide Farben kommen vom Sauerstoff. Die Sauerstoffatome in der Hochatmosphäre leuchten meist grün oder rot, wenn sie in ihren Grundzustand zurückkehren. In etwa hundertzwanzig Kilometern Höhe leuchten sie grün. In etwa zweihundertfünfzig Kilometern Höhe leuchten sie rot. Derselbe Sauerstoff … zwei verschiedene Farben … je nach Höhe. Es ist, als würde der Himmel seine Farben nach Stockwerken sortieren. Das Grün unten … das Rot oben … und dazwischen ein weicher Übergang. Du siehst hinauf … und du siehst beides zugleich. Das helle Grün, das sich langsam bewegt. Und den blassen roten Saum, der darüber liegt. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Neben dem Sauerstoff leuchtet auch der Stickstoff. Seine Farben sind Blau und Violett. Blaues Licht ist seltener. Und wenn es erscheint, liegt es ganz oben … noch über dem Rot. Dann bekommt das Haus aus Licht sogar ein drittes Stockwerk. Unten das Grün … darüber das Rot … und ganz oben ein seltenes Blau. Es können auch Mischfarben auftreten. Heute Nacht aber bleibt es bei deinem Grün … und dem blassen roten Saum darüber. Grün und Rot unterscheiden sich noch in etwas anderem. Ein angeregtes Atom gibt seine Energie nicht sofort wieder ab. Es hält sie eine Weile … und erst dann leuchtet es. Diese Weile nennt man die Lebensdauer des angeregten Zustands. Beim grünen Licht dauert sie nur Sekunden. Beim roten Licht dauert sie mehrere Minuten. Man beschreibt das grüne Licht als tanzend … und das rote Licht als eher statisch. Stell dir das über dir vor. Das Grün wandert … und der rote Saum darüber verharrt fast an seinem Platz. Denk einen Moment an diese Höhe. Hundertzwanzig Kilometer. Das ist weit … sehr weit über dir. Und trotzdem kannst du das Licht von hier unten sehen … mit bloßen Augen, im Schnee stehend. Das Licht legt diesen Weg zu dir zurück, ohne dass du etwas dafür tun musst. Es kommt von oben herab … durch die dünne Luft … durch die dichtere Luft … bis zu deinen Augen. Und du musst nur offen halten, was ohnehin offen ist. Deine Augen … und vielleicht ein wenig dein Herz. Wenn deine Augen müde werden, darfst du sie auch schließen. Das Licht ist trotzdem da. Es zieht weiter, ob du hinsiehst oder nicht. Seit langem gibt es Berichte über Geräusche, die das Polarlicht begleiten. Manche beschreiben ein Rauschen wie von einem fernen Wasserfall … andere ein Knistern. Ob diese Geräusche wirklich zum Polarlicht gehören, war lange umstritten. Du musst diese Frage heute Nacht nicht entscheiden. Du kannst lauschen, wenn du magst. Vielleicht hörst du nur deinen eigenen Atem … und das Knirschen des Schnees. Auch das sind gute Geräusche für eine Nacht im Norden. Das Polarlicht zeigt sich nicht immer in derselben Gestalt. Es treten vier verschiedene Arten von Polarlichtern auf. Welche Art man sieht, hängt vom Sonnenwind ab. Die vier Arten haben Namen. Man nennt sie Corona … Vorhänge … ruhige Bögen … und Bänder. Vier Formen für ein und dasselbe Leuchten. Drei davon schauen wir heute Nacht langsam an … die ruhigen Bögen … die Bänder … und die Vorhänge. Die Corona lassen wir heute beiseite. Von ihr behalten wir nur den Namen. Du musst dir die Reihenfolge nicht merken. Es ist wie beim Betrachten von Wolken. Man schaut hin … und sieht, was gerade da ist. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Die erste Form, die wir anschauen, sind die ruhigen Bögen. Ein Bogen spannt sich über einen Teil des Himmels … von einer Seite zur anderen. Stell dir einen weiten, grünen Bogen vor, der tief über dem Horizont liegt. Er steht fast still. Er bewegt sich nur sehr langsam. Wie eine Brücke aus Licht … über dem Schnee … unter den Sternen. Du kannst dem Bogen mit den Augen folgen. Von seinem einen Ende … hinauf zu seiner Mitte … und wieder hinab zum anderen Ende. Und dann noch einmal. Hinauf … und hinab. Der ruhige Bogen hat Zeit. Und du hast auch Zeit. Die zweite Form sind die Bänder. Ein Band ist länger gestreckt als ein Bogen. Es kann sich über den Himmel ziehen wie ein langer Schal. Stell dir ein grünes Band vor, das quer über dir liegt. An einer Stelle ist es breit … an einer anderen schmaler. Es faltet sich ein wenig … und legt sich wieder glatt. Wie ein Tuch, das jemand ganz langsam über den Himmel zieht. Das Band war schon da, als du vorhin nach oben geschaut hast. Es ist das grüne Licht, das dich den ganzen Abend begleitet. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Die dritte Form sind die Vorhänge. Ein Vorhang aus Licht hängt vom Himmel herab. Oben ist er befestigt … unten läuft er in Falten aus. So jedenfalls sieht es aus, wenn man von unten hinaufschaut. Stell dir einen grünen Vorhang vor, der hoch über dir hängt. Sein oberer Rand ist vielleicht ein wenig rötlich … denn das Rot liegt ja immer oben. Und sein unterer Teil schimmert grün. Der Vorhang wiegt sich hin und her. Nicht im Wind … denn dort oben weht kein Wind, den du kennst. Er wiegt sich, weil das Leuchten der Atome sich verändert … mal hier heller, mal dort. Und du liegst gedanklich darunter … wie unter einem Himmelbett aus Licht. Die ruhigen Bögen … die Bänder … die Vorhänge. Das sind die drei Formen, die wir heute Nacht angeschaut haben. Die vierte Form, die Corona, bleibt heute nur ein Name. Du musst dir kein Bild von ihr machen. Der Name genügt. Corona … Vorhänge … ruhige Bögen … Bänder. Vier Arten von Polarlichtern. Und welche davon sich zeigt, hängt vom Sonnenwind ab. Der Sonnenwind, der ständig von der Sonne abströmt … in alle Richtungen … Sekunde um Sekunde. So hängt das Bild über dir mit der fernen Sonne zusammen. Die Sonne sendet ihren Wind … und hier im Norden malt der Himmel seine Formen. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Polarlichter gibt es nicht nur auf der Erde. Auch auf anderen Planeten des Sonnensystems beobachtet man solche Erscheinungen. Dafür braucht ein Planet zwei Dinge … ein eigenes Magnetfeld und eine Atmosphäre. Auf dem Mars zum Beispiel hat eine Raumsonde Polarlichter beobachtet. Stell dir das einen Moment lang vor. Ein fremder Himmel, weit weg … und auch dort ein Leuchten. Aber dein Platz ist heute Nacht hier … im Schnee, unter dem Himmel des Nordens. Lass uns den Weg noch einmal langsam gehen … von Anfang bis Ende. Am Anfang steht die Sonne. Sie sendet den Sonnenwind aus. Der Sonnenwind ist ein Strom geladener Teilchen … aus Protonen und Elektronen. Er strömt in alle Richtungen. Etwa eine Million Tonnen in jeder Sekunde. Ein Teil davon erreicht die Nähe der Erde. Dort liegt die Magnetopause … die äußere Grenze der Magnetosphäre. Hinter der Magnetopause beginnt die Magnetosphäre. In ihr beeinflusst das Erdmagnetfeld die geladenen Teilchen. Nach innen hin grenzt die Magnetosphäre an die Ionosphäre. Und die Ionosphäre ist der Teil der Atmosphäre, der große Mengen von Ionen und freien Elektronen enthält. Dann folgt der letzte Schritt. Energiereiche geladene Teilchen wechselwirken mit dem Erdmagnetfeld. Und in der Hochatmosphäre werden Atome von Sauerstoff und Stickstoff angeregt. Die angeregten Atome kehren in ihren Grundzustand zurück … und geben dabei Licht ab. In etwa hundertzwanzig Kilometern Höhe leuchtet es grün. In etwa zweihundertfünfzig Kilometern Höhe leuchtet es rot. Das Rot liegt immer oberhalb des Grüns. Und das Ganze zeigt sich meist in einem Band von etwa drei bis sechs Breitengraden … nahe den Magnetpolen. Das ist der ganze Weg. Von der Sonne bis zu dem Grün über deinem Kopf. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Du musst diesen Weg nicht behalten. Wenn du morgen früh aufwachst, ist vielleicht nur ein Bild geblieben. Ein grünes Band über einem weißen Feld. Und ein roter Saum darüber. Das genügt vollkommen. Das Wissen darf verblassen. Das Bild darf bleiben. Und vielleicht auch das Gefühl … dass selbst in der dunkelsten Nacht irgendwo ein Licht unterwegs ist. Die Sonne ist jetzt auf der anderen Seite der Erde. Und trotzdem erreicht dich hier etwas von ihr. Nicht als Wärme … nicht als Tageslicht … sondern als ein Leuchten hoch über dem Schnee. Du stehst noch immer auf deiner Ebene im Norden. Vielleicht in Island … vielleicht in Norwegen … vielleicht in Finnland. In allen drei Ländern treten Polarlichter besonders häufig auf. Der Schnee unter deinen Füßen ist kalt und fest. Die Luft ist klar. Die Sterne stehen noch immer an ihrem Platz. Und zwischen den Sternen zieht das Grün seine Bahn. Das Band ist jetzt etwas schmaler geworden. An manchen Stellen ist es kaum mehr als ein Hauch. An anderen leuchtet es noch hell. Das Rot darüber ist nur noch zu ahnen. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Du darfst dich jetzt ein wenig zurücklehnen. Stell dir vor, hinter dir steht eine warme Bank … oder ein weicher Stuhl … was immer dir angenehm ist. Du setzt dich. Der Blick nach oben wird bequemer. Die Bögen … die Bänder … die Vorhänge … sie alle sind jetzt weit weg. Sie ziehen am Himmel vorbei wie Gedanken, die man nicht festhalten muss. Einer kommt … und geht. Ein anderer kommt … und geht auch. Dein Atem ist langsam geworden. Deine Schultern sind schwer. Und deine Augen dürfen sich schließen, wann immer sie möchten. Das Grün über dir wird blasser. Es zieht sich langsam zum Horizont zurück. Dorthin, wo es vorhin zum ersten Mal erschienen ist. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Hoch oben kehren die Atome in ihren Grundzustand zurück. Sie werden ruhig. Sie leuchten nicht mehr. Und auch du darfst jetzt ruhig werden. Die Sonne sendet ihren Wind. Die Erde hält ihr Magnetfeld um sich. Und der Himmel im Norden leuchtet … wann immer es so weit ist. Das Licht zieht über den Himmel … und zieht weiter. Grün unten … Rot darüber. Island … Norwegen … Finnland. Schnee … Sterne … und ein langsames Leuchten. Das Licht zieht weiter. Und du darfst jetzt schlafen. Das Licht wacht über dem Norden. Du musst nicht mehr hinsehen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.