Latest / Gute Nacht mit Fridolin / Einschlafgeschichte: Wie aus weichem Ton ein Mauerziegel wird
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- Stell dir eine Grube vor … am Rand eines kleinen Ortes. Der Boden dort ist Ton. Er ist schwer und feucht … und er liegt in breiten Schichten übereinander. Es ist Abend geworden. Neben der Grube steht ein langer Schuppen. Er hat ein Dach … aber die Wände sind offen, damit die Luft hindurchgehen kann. Im Schuppen stehen Gestelle aus Holz. Und auf den Gestellen liegen Ziegel … Reihe an Reihe … noch weich … noch nicht gebrannt. Ein Wind kommt vom Feld herüber. Er geht zwischen den Reihen hindurch … und nimmt ein wenig Feuchtigkeit mit. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Heute Abend geht es um genau diese Steine. Um den Mauerziegel. In der Fachsprache sagt man meistens nur kurz … Ziegel. Das Wort hat eine lange Herkunft. Es kommt vom Dachziegel … und dahinter steht ein altes lateinisches Wort … tegere. Tegere heißt bedecken. In einem Wort für einen Stein steckt also ein Dach. Das ist ein schöner Gedanke. Man kennt den Mauerziegel auch unter anderen Namen. Backstein sagt man … oder Ziegelstein. Gemeint ist immer dasselbe: ein Stein, den Menschen künstlich hergestellt haben … aus keramischem Material. Und dieser Stein wird im Bauwesen für das Mauerwerk genutzt … für Wände, die man Stein für Stein aufeinandersetzt. Die Namen sind nicht überall gleich verteilt. In der Schweiz sagt man zum Mauerziegel meistens Backstein. Mit dem Wort Ziegel meint man dort üblicherweise nur den Dachziegel … also den Stein, der oben auf dem Dach liegt. Auch in Berlin und Hamburg … in Sachsen und im Ruhrgebiet … ist das Wort Backstein weit verbreitet. Dort prägen Bauten aus Backstein oft das Bild ganzer Straßen. Und im Wort Backstein steckt schon ein Hinweis auf die Herstellung. Einfache Backsteine aus Lehm werden in der Ziegelei gebrannt … man kann auch sagen … gebacken. Ein Stein, der gebacken wird … wie ein Brot im Ofen. Das Bild passt gut. Mauerziegel … Backstein … Ziegelstein. Das sind drei Namen für denselben Stein. Unterscheiden kann man diesen Stein aber nach seinem Material. Manche Mauerziegel sind aus Lehm … andere aus Ton. Nicht jeder Backstein ist gleich fest. Einfache Backsteine aus Lehm brennt man bei nur etwa neunhundert Grad. Sie sind mechanisch nicht sehr stabil. Und sie sind offenporig … das heißt, sie haben viele Poren und können deshalb relativ viel Wasser aufnehmen. Darum verputzt man sie üblicherweise. Der Putz macht die Wand wetterfester. Nimmt man statt Lehm einen Ton und brennt ihn bei höheren Temperaturen, entsteht ebenfalls ein Mauerziegel. Nach seinem Material nennt man ihn Tonziegel. Ein Tonziegel ist härter … und er gilt als beständiger. Ein einzelner Ziegel ist noch keine Wand. Erst viele Ziegel zusammen ergeben ein Mauerwerk. Und zwischen ihnen liegt der Mörtel. Mauerziegel werden in der Regel mit Mauermörtel zum Mauerwerk gefügt. Man streicht den Mörtel auf den Stein … setzt den nächsten Stein darauf … und so wächst die Wand, Lage um Lage. Zwischen den Steinen entstehen schmale Streifen. Man nennt sie Fugen. Die Fugen gliedern die Wand. Sie ziehen Linien durch die Fläche … waagerecht und senkrecht. Und die Art, wie die Steine gegeneinander versetzt liegen, heißt Mauerwerksverband. Der Verband und die Fugen bestimmen zusammen, wie ein Mauerwerk aufgebaut ist. Beim traditionellen kleinen Backstein gibt es dabei eine schöne Regel. Der Stein ist ein länglicher Quader. Seine Länge ist etwas mehr als doppelt so groß wie seine Breite. Dieses kleine Mehr ist genau die Breite einer Fuge. Ein Ziegel, der der Länge nach in der Wand liegt, heißt Läufer. Ein Ziegel, der quer liegt, heißt Binder. Und weil die Maße so gewählt sind, entspricht ein Läufer genau zwei Bindern … mit der Fuge dazwischen. Läufer und Binder. Ein langer Stein … zwei kurze Steine … und alles geht auf. Die Ziegel müssen im Verband liegen, damit die Wand trägt. Und genau diese Notwendigkeit bestimmt ihr Format. Ziegel findet man nicht nur in Wänden, die vollständig aus Ziegeln bestehen. Stell dir ein Fachwerkhaus vor. Seine Wände haben ein Gerüst aus Holz … Balken, die senkrecht, waagerecht und schräg stehen. Zwischen den Balken liegen Felder. Man nennt sie Fächer. Seit dem Ende des Mittelalters hat man diese Fächer immer häufiger mit Mauerziegeln gefüllt. Wo in den Fächern vorher Lehm saß, lagen nun in immer mehr Gegenden Ziegel. Das Gerüst aus Holz blieb. Holz und Ziegel … Balken und Stein … nebeneinander in einer Wand. Draußen am Schuppen ist es inzwischen dunkler geworden. Die Gestelle stehen noch genauso da wie vorhin. Die Ziegel darauf haben sich nicht bewegt. Nur die Luft bewegt sich … sie kommt herein … und geht auf der anderen Seite wieder hinaus. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Der Lehmziegel ist das älteste vorgefertigte Bauelement. Vorgefertigt heißt … man stellt das Teil zuerst her und baut es erst danach ein. Der Stein ist also schon fertig, bevor die Wand beginnt. Für einen Lehmziegel nimmt man Lehm mit einem geeigneten Anteil an Ton. Aus dieser Masse formt man Rohlinge. Die Fachleute nennen sie Grünlinge. Mit der Farbe hat das Wort nichts zu tun. Ein Grünling ist ein Rohling, der geformt ist … aber noch nicht gebrannt. Nach dem Trocknen gibt es zwei Wege. Man kann den Grünling brennen. Oder man verwendet ihn ungebrannt … so wie er ist … als Mauerstein. Ein luftgetrockneter Ziegel weicht wieder auf, wenn er Wasser aufnimmt. Deshalb verwendet man solche Steine nur in Gegenden, in denen es wenig regnet … in trockenen Regionen. Die allerersten Lehmziegel wurden frei mit der Hand geformt. Sie hatten die Art von kleinen Broten aus Lehm. Man spricht deshalb von Lehmbroten. Später strich man die Seiten glatt. Und noch später setzte sich eine Form aus Holz durch … ein Rahmen, in den man den Lehm hineingibt. Lehmziegel gehören zu den ersten Baustoffen, die in frühen Siedlungen verwendet wurden … in der Jungsteinzeit. Damals baute man mit Holz … mit Bruchsteinen … mit Fasern und Blättern von Pflanzen. Und eben mit Lehmziegeln. Die Technik, Ton zu brennen, kannte man in dieser Zeit schon … für Gefäße. Für Baumaterial setzte man sie aber noch nicht ein. Wo Ziegel hergestellt werden, gibt es einen eigenen Namen für den Ort. Eine Ziegelei ist eine Fabrik, in der man Mauerziegel herstellt. Man sagt auch … Tonwerk. Gebrannt wird dort Ton oder Lehm. Lehm ist ein Gemisch aus Sand und Ton. Der Standort einer Ziegelei liegt meistens dort, wo es Ton gibt … am Ort des Rohstoffvorkommens. Die Grube und die Fabrik liegen also nahe beieinander. Früher waren es meist kleine Betriebe. Sie trockneten die noch feuchten Ziegel unter freiem Himmel in der Sonne vor … und brannten sie danach in einem Ofen. Stell dir so eine kleine Ziegelei vor. Eine Grube … ein Platz mit Ziegeln in der Sonne … ein Schuppen … ein Ofen. Mehr braucht es nicht, damit aus Ton ein Stein wird. Bevor der Ton in eine Form kommt, muss er vorbereitet werden. Man hat ihn dafür einige Wochen in Wasser gelöst. Oder man hat ihn über den Winter im Freien ausgebreitet … hat immer wieder Wasser dazugegeben … und ihn durchfrieren lassen. Stell dir diesen Ton im Winter vor. Er liegt flach ausgebreitet auf dem Platz. Nachts wird es kalt … und der nasse Ton friert durch. Man nennt diesen Vorgang Ausfrieren. Durch das Ausfrieren wird der Ton feinkrümelig. Feinkrümelig heißt … er zerfällt in kleine, feine Krümel. Für Ziegel von guter Qualität macht man diese Arbeitsschritte bis heute. Der Ton wird dafür in große Becken eingetragen … waagerecht, Schicht für Schicht. Und später wird er senkrecht wieder abgebaggert. Dieses Lagern hat einen eigenen Namen. Man sagt … Mauken. Beim Mauken gleicht sich die Feuchte im Ton aus. Außerdem entweichen dabei Gase aus dem Ton. Das ist wichtig, weil diese Gase beim Brennen den Ziegel sprengen könnten. Und weil man den Ton waagerecht einträgt und senkrecht abbaut, wird das Material dabei vermischt. Danach wird der Lehm gereinigt. Man nimmt feste Bestandteile heraus … und organische. Organisch heißt hier … alles, was von Pflanzen stammt. Manchmal gibt man noch Sand dazu … oder etwas Ton. Dann ist die Masse bereit für die Form. Die Form ist ein Rahmen, der oben und unten offen ist. Manchmal ist es auch ein Kasten, der nur oben offen ist. Man nennt diese Form den Ziegelmodel. Traditionell begann man mit dem Formen ab dem Monat Mai. Die Masse wird in den Rahmen gepresst. Was oben übersteht, wird abgestrichen. Dann wird die Form gestürzt … also umgedreht … und der weiche Ziegel liegt frei. So entsteht ein Handstrichziegel. Im Namen steckt dieses Abstreichen. Man erkennt Handstrichziegel an typischen Falten auf der Oberfläche. Sie heißen Quetschfalten. In manchen Formen waren auch Zeichen angebracht. Dann trug jeder Ziegel sein Zeichen mit sich … das Ziegelzeichen. Diese alte Arbeitsweise nutzt man noch heute … bei Restaurierungen von Bauwerken, die für die Kulturgeschichte bedeutsam sind. Und dann kommt die Zeit, in der scheinbar nichts geschieht. Die Ziegel werden mehrere Wochen an der Luft getrocknet. In Gegenden, in denen man mit Regen rechnen muss, geschieht das in einem luftigen Trockenschuppen. Das ist der Schuppen vom Anfang. Ein Dach gegen den Regen … und offene Seiten für die Luft. Mehrere Wochen … das ist eine lange Zeit für einen Stein. Tag für Tag gibt er ein wenig Wasser ab. Nichts daran ist eilig. Die Ziegel liegen … die Luft zieht … und die Tage vergehen. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Nicht überall darf der Wind so frei hindurchgehen. In Gegenden nahe an der Küste braucht man einen geschlossenen Trockenschuppen. Dort herrscht fast beständig Wind. Er würde die Ziegel zu schnell trocknen … und dann würden sie brechen. Ein Ziegel braucht also beides. Er braucht Luft … aber nicht zu viel davon. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert hatten die ungebrannten Ziegel einen eigenen Namen. Man nannte sie Luftsteine. Luftsteine … ein schönes Wort für einen Stein, den bisher nur die Luft getrocknet hat. Und Ziegel, die zu schwach gebrannt waren, hießen Bleichsteine. Wie trocken ein Ziegel werden muss, bevor er in den Ofen darf, lässt sich genau sagen. Beim Formen ist der Ton noch relativ feucht. Er enthält siebzehn bis dreißig Prozent Wasser … gemessen an der trockenen Masse des Rohlings. Vor dem Brennen soll davon nur noch wenig übrig sein … ein halbes Prozent bis drei Prozent. Das hat einen Grund. Nur so bekommen die Steine beim Brennen keine Risse. Das lange Trocknen im Schuppen ist also kein Warten ohne Sinn. Es ist ein Teil der Arbeit. Der Ziegel gibt sein Wasser ab. Und er wird bereit für die Hitze. Früher hat man die Ziegel in einem Meiler gebrannt. Man schichtete die geformten Ziegel dafür auf … abwechselnd mit Kohle. Zum Schluss bedeckte man den Meiler mit Lehm … und mit Ziegeln von minderer Qualität. Der Brennvorgang dauerte etwa vierzehn Tage. Aber nur etwa drei Tage davon waren die Ziegel der großen Hitze ausgesetzt … sechshundert bis neunhundert Grad. Die übrige Zeit brauchte man zum Aufwärmen … und zum Abkühlen. Denn die fertig gebrannten Ziegel dürfen dabei nicht zerspringen. Langsam warm werden. Langsam wieder kalt werden. Auch ein Ziegel braucht seine Zeit. In so einem Meiler wurde nicht jeder Ziegel gleich. Ein Teil bekam zu viel Hitze … ein anderer Teil zu wenig. Und oft waren einzelne Ziegel nur zur Hälfte von guter Qualität. Deshalb sortierte man die gebrannten Ziegel nach Qualitäten. Ziegel, die zu kurz oder zu lange gebrannt wurden … oder bei falscher Temperatur … heißen Fehlbrandziegel. Früher hat man sie als Ausschuss weggeworfen. Heute sind sie für Kunstwerke eher begehrt. Eine wesentlich bessere Ausbeute erzielte man in Schachtöfen. Diese Öfen waren oft mit Kalksteinen ausgemauert. Das ging, weil man solche Ziegel aus Lehm nur bis höchstens neunhundert Grad brennen kann. Und der Kalk wird erst über neunhundert Grad zu Branntkalk. Die Wand des Ofens hielt also stand. Ziegel, die ohne festen Ofen gebrannt wurden, nennt man Feldbrandziegel. Es sind handgeformte Ziegel aus der Zeit vor der Industrie. Man brannte sie in einem eigens errichteten Meiler … mit Holz oder mit Kohle. Heute verwendet man Feldbrandziegel aus alten Beständen vor allem bei der Restaurierung historischer Gebäude. Und während irgendwo ein Meiler langsam abkühlt, steht der Schuppen noch immer an seinem Platz. Neue Ziegel liegen auf den Gestellen. Sie warten, bis sie an der Reihe sind. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Mit der Industrialisierung änderte sich die Arbeit in den Ziegeleien. Die Herstellung wurde bald mechanisiert. Zuerst gab es Maschinen, die das Abstreichen und das Formen übernahmen. Erst danach setzte sich ein anderes Verfahren durch … das Strangpressen. Beim Strangpressen erhält der Ziegel seine Form in einem langen Strang aus Ton. Dieser Strang wird dann in einzelne Ziegel geschnitten. Stranggepresste Ziegel haben eine sehr glatte Oberfläche. Keine Quetschfalten mehr … sondern eine ebene Fläche. Und im Strangpressverfahren lassen sich auch Sonderformen herstellen … zum Beispiel Ziegel mit Löchern im Inneren. Auch beim Brennen gab es Fortschritte. Es kamen Öfen mit Dauerbrand auf. Einer davon heißt Ringofen. Ein Ringofen hat verschiedene Kammern. In diesen Kammern wird kontinuierlich gebrannt … also ohne Unterbrechung. Das Aufwärmen und das Abkühlen des ganzen Ofens fielen damit weg. Im Ringofen bleiben die Ziegel fest an ihrem Platz. Nicht die Ziegel bewegen sich … sondern der Brand. Er wandert durch die Kammern. Stell dir das vor. Die Steine liegen … und die Hitze zieht weiter, von Kammer zu Kammer … wie ein Gast, der langsam durch die Zimmer eines Hauses geht. Ein Baumeister erhielt für diesen ringförmigen Ofen ein Patent … in Preußen und in Österreich. Der Ringofen hat die Ziegelindustrie des neunzehnten Jahrhunderts von Grund auf verändert. Man konnte nun viel mehr Ziegel herstellen als je zuvor. Und damit änderte sich auch das Bild der Häuser … von Grau zu Rot. Vorher gab es viele Dächer aus Schilf und Stroh … und Wände aus Holz oder Lehm. Danach kamen immer mehr Dachpfannen … und Häuser aus Ziegeln. Heute ist ein anderer Ofen allgemein üblich geworden … der Tunnelofen. Im Tunnelofen ist es umgekehrt. Hier stehen die Ziegel auf Wagen … und die Wagen bewegen sich während des Brandes durch den Ofen. Vorne fährt ein Wagen hinein. Hinten kommt ein anderer heraus. Und dazwischen liegt der lange Tunnel. So kann man den Ofen kontinuierlich beschicken. Beschicken heißt … man füllt ihn mit neuen Ziegeln. Wagen für Wagen rollt hinein … langsam … gleichmäßig … ohne Pause. Die Wagen sind feuerfest. Und die getrockneten Rohlinge sitzen so darauf, dass die Hitze hindurchströmen kann. Im Ringofen wandert der Brand. Im Tunnelofen wandern die Ziegel. Zwei Wege … und am Ende liegt jedes Mal ein fester Stein. Und doch beginnt auch der Weg eines Ziegels aus dem Tunnelofen mit dem Trocknen. Bevor er auf den Wagen kommt, muss das Wasser aus ihm heraus. Auch heute gibt es diesen Schritt. Formen … trocknen … brennen. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Im neunzehnten Jahrhundert wurden in Berlin viele Häuser mit vielen Stockwerken gebaut. Dafür brauchte man Ziegel in großer Zahl. Man nahm Klinker aus der Niederlausitz … aber auch Mauerziegel von der Oberhavel. Dort, an der Oberhavel, gibt es heute ein Freilichtmuseum. Es heißt Ziegeleipark Mildenberg. Ein Freilichtmuseum ist ein Museum unter freiem Himmel. Man geht dort nicht nur durch Räume … sondern über ein Gelände. Der Ziegeleipark Mildenberg erinnert an die Geschichte der Ziegelherstellung … und an die Bauten aus Backstein. Stell dir vor, du gehst dort an einem Abend entlang. Du musst nichts tun. Du gehst nur … und schaust … und lässt die Gedanken an die vielen Ziegel vorbeiziehen, die einmal von der Oberhavel kamen. Die Fachleute unterscheiden Ziegel auch nach ihrer Aufgabe in der Wand. Hintermauerziegel sind weniger druckfest. Sie sind nicht frostbeständig … und sie haben keine besondere Sichtfläche. Vormauerziegel dagegen werden heißer gebrannt, damit sie frostbeständig werden. Man verwendet sie häufig für Sichtmauerwerk … also für Mauern, bei denen man die Ziegel selbst sieht. Vormauerziegel stellt man meist nur in kleinen, traditionellen Formaten her. Und der Klinker ist ein Vormauerziegel, der besondere Anforderungen erfüllen muss … bei der Wasseraufnahme … bei der Säurefestigkeit … und bei der Widerstandsfähigkeit. Vor allem muss er eine deutlich höhere Druckfestigkeit haben. Manche Ziegel müssen mehr aushalten als andere. Für einige große Bauprojekte im Tiefbau hat man deshalb hart gebrannte Klinker verwendet. Tiefbau nennt man zum Beispiel den Bau von Straßen und Brücken. Ein solches Bauwerk ist die Göltzschtalbrücke. Die Göltzschtalbrücke wurde aus Klinkern errichtet. Man wollte damit zwei Dinge erreichen … Tragfähigkeit und Wetterfestigkeit. Tragfähig heißt … die Brücke trägt eine große Last. Wetterfest heißt … Regen und Frost können ihr wenig anhaben. Und sie steht noch heute. Eine Brücke aus Ziegeln … Stein neben Stein … Fuge neben Fuge. Was einen Klinker so hart macht, lässt sich erklären. Klinker werden bei rund zwölfhundert Grad gebrannt. Das ist deutlich heißer als bei einfachen Backsteinen. Bei dieser Hitze versintert der Ton stark. Versintern heißt … die Poren im Brenngut schließen sich. Deshalb nimmt ein Klinker besonders wenig Wasser auf. Du erinnerst dich an den einfachen Backstein. Er ist offenporig, und man verputzt ihn meistens. Einen Klinker setzt man dagegen meist unverputzt ein. Oder man legt ihn als Pflaster-Klinker auf den Boden. Traditionell bestanden Klinker aus einem Ton, den man blau nennt. Dieser blaue Ton ist reicher an Alumosilikaten … das sind Mineralien, in denen Aluminium und Silizium gebunden sind. Und je nachdem, wie viel Eisen im Ton steckt, bekommt der Klinker gelbe … rote … oder braune Nuancen. Es gibt noch eine besondere Art von Ziegeln … den Blendziegel. In manchen Gegenden nennt man ihn Blendstein … oder Verblender. Blendziegel brachte man vor allem im neunzehnten Jahrhundert an Fassaden an. Sie verkleideten das Mauerwerk. Es sind Klinker mit einer glatten Oberfläche … in einer sehr genauen, rechteckigen Form. Deshalb kann man die Fugen dazwischen sehr schmal und genau anlegen. Besonders in großen Städten wie Berlin … Leipzig … Halle und Dresden … wurden ganze Straßenzüge mit Blendziegeln versehen. Heute verkleidet man Mauerwerk eher mit Riemchen. Das sind flache Verblender … man nennt sie auch Flachverblender. Ziegel werden heute zum großen Teil in großen Werken hergestellt. Aus Österreich kommt ein Konzern, der Ziegel herstellt. Er heißt Wienerberger. Wienerberger gilt als der größte Ziegelhersteller der Welt. In den Ziegeleien von heute läuft vieles anders als in einer kleinen Ziegelei von früher. Der Ton wird meistens im Tagebau gewonnen. Dann wird er stufenweise zerkleinert und gemischt … nass oder trocken. Danach formt man ihn meistens mit Strangpressen. Die Formlinge kommen auf Ofenwagen … und fahren durch Durchlauföfen. Als Brennstoff dient meistens Gas oder Öl. Der Ablauf aber ist im Wesentlichen derselbe geblieben. Ton wird geformt … getrocknet … und gebrannt. Und während in den großen Werken die Wagen durch die Tunnel rollen, liegt die Grube am Rand des Ortes im Dunkeln. Der Schuppen steht daneben. Die Gestelle tragen ihre Reihen. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Wenn du an einen Ziegel denkst, siehst du vielleicht ein Rot vor dir. Aber Ziegel können viele Farben haben. Die Farbe der Ziegel hängt in erster Linie von den Mineralien ab, die im Ton enthalten sind. Enthält der Ton viel Eisen, dann oxidiert das Eisen beim Brennen. Oxidieren heißt hier … das Eisen verbindet sich mit Sauerstoff. So entstehen hellrote bis dunkelrote Farbtöne … bis hin zu Braun. Wie das Rot am Ende aussieht, hängt von der Brenntemperatur ab … und von der Atmosphäre im Ofen. Enthält der Ton dagegen viel Kalk und wenig Eisen, dann entstehen gelbe Farbtöne. Rot aus dem Eisen … gelb aus dem Kalk. Der Ziegel trägt die Farbe seines Tons in sich. Man kann die Farbe auch beim Brennen lenken. Im Ofen kann viel Sauerstoff sein … oder wenig. Das stellt man über die Zufuhr von Brennstoff und Luft ein. Mit viel Sauerstoff nennt man den Brand oxidierend. Mit wenig Sauerstoff nennt man ihn reduzierend. Ein oxidierender Brand färbt eher rot. Ein reduzierender Brand färbt eher schwarz. Es gibt noch einen anderen Weg zu mehr Farben … die Engobe. Eine Engobe wird vor dem Brennen aufgetragen. Mit ihr lässt sich die Farbpalette stark erweitern. In Europa wendet man diese Technik seit dem Mittelalter an. Heute sind viele Töne möglich. Gelb … Rot … Blau … Braun … bis hin zu fast schwarzen Ziegeln. Die fast schwarzen sind in Wahrheit sehr dunkle Brauntöne. Historische Ziegel ergeben in einer Wandfläche oft ein lebendiges Bild. Das kommt von Verunreinigungen im Ton. Kein Stein gleicht dem anderen vollkommen. Wandflächen aus den ersten industriell gefertigten Ziegeln wirkten dagegen oft steril … sehr gleichförmig. In der modernen Fertigung lässt sich das verhindern. Man flammt die Ziegel beim Brand gezielt an … man bringt Granulate auf … oder man gibt der Oberfläche bei der Herstellung eine Struktur. Und es gibt Ziegel, die man rustikale Formbackziegel nennt. Für sie wirft eine Maschine die Tonmasse in Formen … nach historischem Vorbild. Manche Ziegelteile dienen weniger dem Mauern als dem Schmuck. Man nennt sie Terrakotten. Terrakotten sind dekorativ gestaltete Ziegelelemente. Sie können erheblich größer sein als die traditionellen Ziegel. In der Kunstgeschichte unterscheiden sich Terrakotten und Ziegel meist nur durch Maß und Form. Auch nach dem Brennen kann man einen Backstein noch bearbeiten. Man kann ihn behauen … oder beschleifen. Beschliffen hat man Backsteine vor allem, um Unterschiede in der Größe auszugleichen. So wurden die Fugen schmaler. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Im Neubau hat der kleine traditionelle Ziegel als tragendes Mauerwerk heute nur noch geringe Bedeutung. Die Ziegel sind immer größer geworden. Und weil sie dabei immer schwerer wurden, hat man sie durchlöchert. So entstand der Lochziegel. Der Lochziegel besitzt bei gleicher Stabilität Hohlräume. Diese Hohlräume machen ihn leichter. Deshalb lässt er sich auch in größeren Formaten noch gut handhaben. Und die Löcher haben noch einen zweiten Vorteil. In den Hohlräumen ist Luft eingeschlossen. Diese eingeschlossene Luft bewirkt eine bessere Wärmedämmung. Genauer gesagt … die Wärme wird im Material weniger gut geleitet. Dadurch geht weniger Wärme verloren. Ein Stein mit Löchern hält die Wärme besser. Das klingt zuerst seltsam … und ist doch einleuchtend. Man kann diese Eigenschaft noch verbessern. Dazu bekommt auch das Ziegelmaterial selbst Poren. Man vermengt die Tonmasse mit Stoffen, die brennen können … zum Beispiel mit Sägemehl oder mit Kügelchen aus Kunststoff. Diese Stoffe brennen bei der Herstellung unter hohen Temperaturen aus. Zurück bleiben Poren im Inneren des Ziegels. Sägemehl im Ton … das ist ein schöner Gedanke. Etwas vom Holz verschwindet im Ofen … und hinterlässt einen kleinen Raum für die Luft. Viele Ziegel für Außenwände sind heute solche wärmedämmenden Hochlochziegel. Nun zu den alten Ziegeln. Zu denen, die schon lange in einer Wand gelegen haben. Alte Backsteine werden heute aus Abbrüchen geborgen. Man nennt sie Abbruchziegel. Diese alten Steine werden wiederverwendet … für Renovierungen … und für Neubauten in traditioneller Bauweise. Das ist keine neue Idee. Ziegel sind ein teurer Baustoff. Deshalb hat diese Form der Wiederverwendung eine lange Tradition. Man findet sie schon in sehr alten Zeiten … und auch bei Bauwerken aus dem Mittelalter. Ein Ziegel kann also mehr als einmal verbaut werden. Er liegt in einer Wand … dann wird er geborgen … und liegt danach in einer anderen. In der Denkmalpflege sind solche alten Ziegel besonders hilfreich. Es ist schwierig, eine historische Ziegelwand mit modernen Ziegeln auszubessern. Die modernen Ziegel haben andere Formate … und glattere Farben. In solchen Fällen greift man mitunter auf Abbruchziegel zurück. Es gibt auch einige wenige Betriebe, die noch in traditioneller Weise produzieren. Sie können Ziegel nach historischen Vorbildern herstellen. Weil dort nur geringe Stückzahlen entstehen und vieles von Hand geschieht, sind solche Ziegel teurer … teurer als genormte Ziegel aus der Fabrik. Es gibt noch eine besondere Art von Ziegeln. Man nennt sie Feierabendziegel. Das sind Ziegel, die verziert wurden … mit Datumsangaben … mit Texten und Sprüchen … oder mit Ornamenten. Das Wort Feierabendziegel ist heute ein Oberbegriff für verzierte Ziegel. In der Zeit der Handarbeit verzierte man dafür den noch weichen Ton. Und das geschah häufig nach getaner Arbeit … zum Feierabend. Damals brannte man die Ziegel im Meiler, unter freiem Himmel. Ein Brand umfasste fünftausend bis zehntausend Ziegel. Um den Segen für das Gelingen des Brandes zu erbitten, verzierte man den ersten und den letzten Ziegel … mit aufgehenden Sonnen … und mit Monden. Es gibt auch Ziegel als Glücksbringer. Auf ihnen sieht man Blumen … Kreuze … Tiere … den Abdruck einer Hand … oder den kleinen Fußabdruck eines Kindes. Diese Tradition hielt sich bis in die Zeit vor der Industrie. Und auf stranggepressten Dachziegeln findet man solche Verzierungen noch heute. Stell dir so einen Stein vor. Er liegt irgendwo in einer alten Wand. Und auf ihm, kaum zu sehen, ist eine kleine Sonne … oder ein Mond. Jemand hat ihn am Abend in den weichen Ton gezeichnet … als die Arbeit getan war. Und nun gehen wir zurück. Zurück zur Grube am Rand des Ortes … und zu dem langen Schuppen daneben. Es ist inzwischen Nacht. Der Ton in der Grube liegt schwer und dunkel. Er wartet. Er hat Zeit. Im Schuppen stehen die Gestelle aus Holz. Auf ihnen liegen die Ziegel … Reihe an Reihe. Sie sind noch weich. Aber mit jedem Tag ein wenig fester. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Irgendwann kommen sie in den Ofen. Irgendwann werden sie rot … oder gelb … oder braun. Irgendwann liegen sie in einer Wand. Mit Mörtel dazwischen … Fuge an Fuge. Aber nicht heute Nacht. Heute Nacht liegen sie nur da. Und die Luft geht zwischen ihnen hindurch. Ein Ziegel … und noch ein Ziegel … und noch einer. Der Wind geht durch den Schuppen … und die Ziegel trocknen weiter. Du musst jetzt nichts mehr halten. Nichts tragen. Nichts bauen. Die Wände stehen. Die Ziegel liegen in ihren Reihen. Und du darfst jetzt schlafen. Gute Nacht. Schlaf gut. Bis morgen Abend.