Latest / Raumrauschen / Eine Welt ohne Bettler und ohne Sankt Martin
Transcript
- Hallo und herzlich Willkommen zu Raumrauschen. Wir erzählen uns hier am digitalen Lagerfeuer persönliche Geschichten und blicken hinter die Texte der AutorInnen. Schön, dass ihr dabei seid. Hallo und herzlich willkommen wieder zurück bei Raumrauschen. Heute ist wieder der Raphael Schlecht zu Gast. Hallo Raphael, grüß dich. Hi Raphael. Es ist schön, dass du wieder eine neue Geschichte mit dabei hast. Und bevor wir diese Geschichte hören, habe ich eine ganz klassische Check-in-Frage. Hier habe ich sechs Karten ausliegen und Raphael darf jetzt einfach mal eine ziehen. Okay. Okay. Und die Frage, die du als erstes beantworten darfst, ist, welche Superkraft hättest du gerne? Ich würde gerne fliegen können. Einfach weil ich gerne wüsste, wie das sich anfühlt. Also mehr noch als in das Flugzeug zu steigen, würdest du sagen, einfach mal eine Runde Superman sein? Ja, das stelle ich mir schon wahnsinnig toll vor, irgendwie in der Gegend rumzufliegen. Sehr cool. Ob wir diese Superkraft jemals erreichen oder ob wir doch auf Flugtaxis warten müssen, sei erstmal dahingestellt. Du hast heute eine besondere Geschichte mitgebracht, wie ich finde. Und ich bin auch sehr froh, dass wir darüber heute reden können. Wie lautet die denn? Lautet eine Welt ohne Bettler und St. Martin. Dann hören wir einmal gemeinsam rein und kommen danach ins Gespräch. Eine Welt ohne Bettler und Sankt Martin. Das Schauspiel war vorbei, wir Familien fingen an zu klatschen und da nahm auch er seine Krücke und schlug damit im Takt auf das Eisengeländer vor ihm. Und er hörte gar nicht mehr auf. Er schlug immer weiter, sodass die Kinder mit ihren Laternen erschreckt von ihm zurückwichen. Mit verstörten Blicken suchten sie ihre Eltern. In diesem Moment wurde mir klar, dass er es war, der eigentlich in der Mitte des Platzes zu Füßen des großen Pferdes hätte kauern müssen. Und nicht diese Frau, die in ihrem Kartoffelsack nur die schlechte Karikatur eines Bettlers abgab. Es ging ganz konkret um ihn. Ich hatte ihn schon vorher auf dem Weg zum Laternenzug gesehen. Mit dem Kinderwagen waren wir an ihm vorbeigegangen. Halb im Gehen und vor sich hin fluchend, hatte er da gerade aus einem Pizzakarton gegessen. Einen großen Bogen haben wir um ihn gemacht. Dabei ging es doch an diesem Abend um ihn. Ihm hätte dieser halbe Fetzen roter Stoff zugestanden, der auch in diesem Jahr durch das Schwert des Heiligen am Klettverschluss von der anderen Mantelhälfte getrennt wurde. Was auch immer er damit angefangen hätte, er hätte ihn bekommen müssen. Dieser verwahrloste, überriechende und in Lumpen gekleidete Mitmensch, der sich der Legende nach dem träumenden Soldaten noch in derselben Nacht als Christus offenbaren sollte. Er war mir schon so oft begegnet, am Kaiserplatz, am Bushof, in der Innenstadt, am Bahnhof, oft zugetrönt, mal weinend, mal aggressiv, mal weiblich, meist männlich, teils erschreckend jung. Um ihn ging es an diesem Abend der Legende nach eigentlich und zugleich auch nicht. Ich zumindest hatte nur Augen für den stolzen Reiter und das Pferd. Auch kamen viele wahrscheinlich vor allem wegen der Laternen und wegen des anschließenden Feuers. Auf dem Rückweg kamen wir noch einmal an seinem Pizzakarton vorbei. Vielleicht hatte ihm die Pizza ja jemand geschenkt, dachte ich mir. Ziemlich sicher, dachte ich dann aber weiter. Ziemlich sicher reicht aber weder ein halber noch ein ganzer Mantel. Weder eine halbe noch eine ganze Pizza. Vielmehr bräuchte es eine Welt ohne Bettler. Eine Welt ohne Bettler und ohne St. Martin. Vielen Dank, Raphael, für diese kurze, aber doch sehr intensive Geschichte. Eine Welt ohne Bettler und ohne St. Martin, das nimmt mit, diese Erfahrung. Also ich habe mich da gefragt, ob du uns noch ein Stückchen weiter in diesen Tag reinnehmen kannst. Denn das ist ja klar, es geht hier um eine St. Martinsfeier. Eine St. Martinsfeier, wie sie so häufig zu finden ist, um die Tage herum, wo das Fest gefeiert wird, wo viele Kindergarten, Kinder und Schulkinder sich auf den Weg machen, Straßen abgesperrt werden, Menschen mit kleinen, bunten, leuchtenden Laternen rumlaufen. Und ich habe das Gefühl, du hast ein bisschen genauer hingeschaut. Magst du uns nochmal mitnehmen in diesen Tag? Ja, wir waren in unserem Viertel das erste Mal mit dem Kleinen auch beim St. Martins Umzug. Ich weiß nicht, ob er so viel davon mitbekommen hat, aber wir wollten einfach dann auch hingehen. Wir haben uns auch darauf gefreut, irgendwie als Eltern. Man geht ja irgendwie ohne Kind dann nicht wirklich zum St. Martins Umzug, aber mit Kind ist es dann irgendwie schon. Ja, man denkt sich so, was macht man mit den Kindern um eine Uhrzeit und jetzt sind da Laternen und es ist lustig und man nimmt einfach was wahr. Genau. Aber dieser Moment, der war ja nicht lustig. Nee, tatsächlich, ich bin auch anders zurückgekommen, als ich hingegangen bin zu dem Martinsumzug. Wie gesagt, wir sind zum Laternenzug fast zu spät gekommen. Wir sind auf dem großen Platz, wo dann die Mantelteilung auch nachgespielt wurde. Und auf dem Weg dorthin habe ich halt einen Bettler dann auch schon getroffen. Eben den, den ich dann nachher beim Laternenumzug bzw. Bei dieser Mantelteilung nochmal gesehen habe. Und ich bin das erste Mal an ihm vorbeigelaufen. Man sieht in der Innenstadt ja recht häufig dann auch Menschen, die betteln, die ja auch stark verwahrlost sind und denen man dann manchmal was gibt, manchmal läuft man auch vorbei, mir geht das nicht anders. Aber genau diesem sind wir dann halt nochmal begegnet und das war dann, also nachdem diese ganze Szene vorbei war, alles sind um einen großen Platz gestanden, es waren wahnsinnig viele Menschen da und er war auf Krücken, beziehungsweise er hatte eine Krücke und nach dem Schauspiel hat halt jeder geklatscht und er hat wirklich, ich habe da nie gehört, irgendjemand schlägt gegen irgendwas und er hat irgendwie auch gegen das Gitter mit der Krücke gehauen und ich fand das Bild so eindrücklich, dass einerseits wir da eine Geschichte nachspielen, wo der Bettler ja eigentlich im Fokus steht, wo der Bettler auch derjenige ja ist, in dem sich Christus ja auch offenbart, so geht ja die Martins Geschichte auch weiter und. Andererseits, genau, ist er da und wir können überhaupt nicht damit umgehen, also ich nehme mich da selber nicht raus, ich Ich kann auch manchmal schwer damit umgehen. Ja, also ich höre raus, du bist mit leichten Erwartungen reingegangen. Es ist das St. Martinsfest und plötzlich steht da, leibhaftig, in echt steht da jemand, der diese Obdachlosigkeit verkörpert auch. Und du sagst, ihr konntet nicht damit umgehen. Wie hast du denn die anderen wahrgenommen? Wie hast du dich selber auch wahrgenommen in dem Moment? Also ich war überfordernd und ich glaube, die anderen auch. Weil das Fest ja vielleicht oder die Geschichte ist ja eigentlich auch nicht harmlos. Also erstmal geht es ja um Wohltätigkeit und das ist ja auch schön, dass der Martin dann auch hilft und das ist ein Zeichen, ich glaube, das ist total anschlussfähig auch an Leute, die auch jetzt ferner von der Kirche sind. Also ich glaube, der St. Martin hat eine Strahlkraft auch und die will ich mir überhaupt nicht nehmen. Aber ich finde, wir müssen uns gegenwärtig machen, dass zu einer wohltätigen Geste gehören immer zwei Leute. Einer, der Wohltätigkeit auch bedarf und der andere, der Wohltäter ist. Und das ist prinzipiell erstmal kein Geschehen auf Augenhöhe. Also ich finde, das wird beim St. Martin auch ziemlich deutlich. Also er sitzt auf dem Pferd. Also er muss ja nicht mal stehen, sondern er sitzt auf dem Pferd. Da guckt man ja erstmal wahnsinnig hoch aus. Und der Bettler ist unten so. Und früher lief halt Armenfürsorge genau so, dass es eine wohltätige Geste war. Und das ist schön, dass man hilft, aber gleichzeitig ist der, der irgendwie auch Hilfe erfährt, ist in Abhängigkeit auch. Ja, wir feiern das und hat vielleicht auch am Laternenumzug gefehlt. Ich weiß nicht, vielleicht gibt es oder gab es da auch irgendwie eine Kollekte noch für Leute, die halt auf der Straße leben oder so. Aber wenn man das fest ernst nimmt, dann geht es da um wahnsinnig viel. Und das ist dann nicht nur Folklore, sondern da geht es um Armfürsorge und um Wohltätigkeit. Und ja, und da war ich dann in dem Moment ein bisschen vor den Kopf geschlagen, ein bisschen vor den Kopf gestoßen. Hattest du denn auch den Blick auf andere Eltern? Also du hast ja geschrieben, die Kinder sind erschreckt zu ihren Eltern gegangen und mit verstörten Blicken suchten sie ihre Eltern. Zitat. Hattest du da einen Blick auf die anderen Eltern? War diese Überforderung auch die Sprachlosigkeit, die sich in jedem wiedergefunden hat? Vielleicht auch den Wunsch, dass das aufhört? Oder wie kann ich mir das nochmal gut vorstellen? Ja, ich habe die anderen Eltern das gar nicht so wahrgenommen, aber es begegnet einem ja nicht nur beim St. Martins Umzug. Also ich war vorher wieder im Café und da kam auch einer her, barfuß, in dieser Kälte irgendwie, weinen fast, jammernd und hat mich um Geld gefragt. Das ist, ich finde, immer eine Überforderung, weil man mit etwas konfrontiert wird, auf das man, ja, da kann man einen Euro geben, aber da ist man erstmal raus und sieht menschliches Leid und das tut weh. Du hast in der Geschichte ja direkt weitergeschrieben, wo dir weitere Menschen in Obdachlosigkeit begegnen. Und das sind ja eben die ganz realen Plätze, wie du es gerade beschrieben hattest. Jetzt frage ich mich, wie du nach dieser Begegnung, nach diesem Widerspruch zwischen der Begegnung, Und Folklore zwischen dem, was das St. Martinsfest heute ganz stilisiert darstellt, bis hin zur bitteren, bitterkalten Realität, was dieser Widerspruch jetzt nach dieser Begegnung dieser beiden Extreme mit dir gemacht hat. Also erstmal muss ich vielleicht noch dazu sagen, ich komme aus Süddeutschland und ich komme vom Land. Und bei uns, die größere Stadt war Ulm, da gab es schon auch Menschen, die irgendwie aufdachlos waren und so. Aber für mich war das immer ein Thema, was weit weg war irgendwo auch. Deswegen, wenn ich jetzt hier in der Stadt bin, ich wohne jetzt in der Stadt, ich laufe aus dem Haus und es laufen das erste Mal Menschen an mir vorbei. Für mich ist es auch irgendwie was Neues. Das merken auch meine Eltern jedes Mal, wenn sie kommen. Das ist einfach auch ein Thema. Also dass viele Menschen da sind. Aber dass auch natürlich damit auch soziale Probleme da sind. Vielleicht auch, ich will mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen, in Baden-Württemberg manchmal weniger als in Nordrhein-Westfalen. Wir sind schon, unten ist teilweise sehr wohlhabend und damit musste ich erstmal irgendwie auch umgehen oder das irgendwie auch verarbeiten, diese Erlebnisse. Und das läuft dann auf Situationen hinaus, wo man dann auf Leute stößt, die eben auf der Straße leben und ich tue mir da manchmal auch schwer. Also ich habe ja am Ende, bin ich da nochmal in die Richtung gegangen, dass ich gesagt habe, ich will am liebsten eine Welt ohne Bettler, aber auch ohne St. Martin. Also ich unterscheide da immer zwischen Wohltätigkeit und Gerechtigkeit. Ich wünsche mir natürlich irgendwie eine Welt oder vielleicht auch in Deutschland, wo sowas weniger vorkommt, wohl wissend, dass sowas kaum verhindert werden kann, dass Menschen auf der Straße leben. Aber in der Bibel... Vor allem im Alten Testament ist die Option eigentlich immer Gerechtigkeit. Da versucht man. Oder so habe ich es immer verstanden irgendwie, dass es gar nicht erst dazu kommt, dass man wohltätig sein muss, sondern im Alten Testament das Jubeljahr beispielsweise in Schuldenerlass macht, dass die Menschen irgendwie wieder auf gleiche Höhe kommen, bestenfalls. Und dafür würde ich mich immer erst einsetzen, für eine gerechte Politik, die versucht, dass ich nicht mehr dem Bettler Geld geben muss. Das wäre für mich natürlich der Traum. Aber gleichzeitig merke ich, dass es auch nicht möglich ist. Und dann haben wir ein Fest wie St. Martin und ich finde, es hat erstmal wahnsinnige Chancen, dass diese Botschaft von St. Martin auch so universell ist und so anknüpfbar und auch mit Laternen und allem drum und dran und schön, finde ich erstmal gut. Aber ich finde, wir müssen als Kirche dann auch deutlich machen, dass die Geschichte vielleicht nicht harmlos ist oder dass der soziale und der karitative Aspekt nicht untergeht. Mir wäre St. Martin zu wenig, wenn es nur um Laternen und um die Martinsgeschichte geht. Ich finde, da muss auch konkret was daraus folgen. Ich weiß jetzt, bei dem Laternenumzug, wo ich war, habe ich nur einen Schnipsel mitbekommen. Ich will auch da überhaupt nicht urteilen und so. Aber für mich wäre das zum Beispiel so eine Idee zu sagen, okay, wir machen danach eine Kollekte oder so oder stellen irgendwo ein Spendenkörbchen auf und nehmen wirklich den Bettler und die Geschichte da ernst. Das war für mich so der Gedanke, der noch darüber hinausging, dass wir als Kirche da auch eine Verantwortung haben, wie wir mit unserer Tradition, mit unseren Geschichten, unseren heiligen Legenden auch umgehen. Die größte Herausforderung sehe ich darin. Das Ideal der Gerechtigkeit stimme ich dir zu. Und gleichzeitig haben wir im Neuen Testament den Bedarf der Barmherzigkeit, der Liebe. Und gerade in einer Welt, wir können uns das so sehr wünschen, eine Welt ohne Bettler, aber wenn wir das hier und heute nehmen und deine Geschichte ist für mich exemplarisch, wie die Realität einfach knallhart sein kann, dass wir das beides aushalten und da eben auch eine barmherzige Welt schaffen. Und vielleicht ist deine Idee, vielleicht gab es das, vielleicht hat das einen anderen Kontext, vielleicht wurde das in den Gruppen vor dem Fest noch thematisiert, aber so etwas, was du jetzt erlebt hast mit offenen Augen, dass so eine Idee eben auch nochmal Früchte tragen könnte. Also ich bin sehr gespannt, wie du die nächsten Martinszüge siehst und wer weiß, ob du den einen oder anderen Martinszug in deinem Leben mal vorbereiten darfst, so etwas auch mal zu thematisieren und anzusprechen. Was ist denn so, wenn du deine Geschichte in einem Satz zusammenfassen könntest, was wäre das? Wie würde der lauten? Boah, eine Geschichte in einem Satz. Ja, ich würde sagen, dass St. Martin kein harmloses Fest ist. Darum geht es mir. Dass es da um Leute geht, die, ja, ich meine, das merkt man, wenn man Bettler begegnet, die wirklich die Leiden, teilweise mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben und dass es ein verstörendes Potenzial hat. Und erst auch mal ausgehalten werden muss, wahrscheinlich in erster Linie. Und dann vielleicht, nee, ich bleibe bei einem Satz, ich lasse es dabei. Genau, dass es nicht harmlos ist und wie wir damit umgehen als Kirche, dann auch mit dieser Legende, das müssen wir uns, glaube ich, immer wieder fragen. Danke dir fürs Ergänzen deiner Geschichte, für die weiteren Worte dazu, die nochmal ganz viel Kontext geben. Wir kommen jetzt zum Checkout, da habe ich auch wieder wunderbare Karten. Übrigens, diese Karten heißen Wertvoll Ich und wer Interesse daran hat, mehr davon zu erfahren, den Link schicken wir natürlich in die Beschreibung mit rein. Raphael, dann zieh mal wieder eine der sechs Karten. Okay. Und damit verabschiede ich dich mit diesem Gedanken, nämlich, passt vielleicht auch für heute, das nehme ich mir vor. Ich nehme mir die Barmherzigkeit vor. Also neben dem Anspruch auf Gerechtigkeit irgendwie auch das nicht zu vergessen und wohl wissend, dass man nur Bruchteile irgendwie auch löst. Manchmal einfach auch vielleicht einen Euro wieder reinzuschmeißen bei einem Bettler. Das fand ich einen guten Punkt, den du nochmal ergänzt hast. Neben Gerechtigkeit auch die Barmherzigkeit, die auch bei uns Tradition hat. Danke dir, Raphael, fürs Teilen deiner Gedanken, auch für den Vorsatz, den du dir jetzt mitnimmst fürs nächste Jahr. Bis dahin wünsche ich dir jetzt nochmal einen guten restlichen Tag und ich bin schon gespannt, was als nächstes von dir zu hören und zu lesen ist. Bis dahin, mach's gut, Raphael. Danke, Raphael. Den Blog und die Geschichte findet ihr unter www.raumrauschen.de Folgt uns auf Instagram unter raumrauschen-ac. Raumrauschen ist ein Angebot der Berufungspastoral im Bistum Aachen. Musik Robert Niegel, Produktion, Social Media und Podcastagentur Kunden fokussiert.