Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 300-306
Transcript
- 0:00Unterkapitel, 300 Vorspiele der Wissenschaft in diesem Kapitel
- 0:05entwickelt Nietzsche den Gedanken, dass die Wissenschaft
- 0:08ihre Existenz früheren unwissenschaftlichen Praktiken
- 0:11verdankt. Er fragt provokant, ob die
- 0:14Wissenschaften überhaupt entstanden wären, wenn ihnen
- 0:16nicht Zauberer, Alchemisten, Astrologen und Hexen
- 0:19vorausgegangen wären. Diese Vorspiele der Wissenschaft
- 0:23haben, so argumentiert er, durch ihre Versprechungen erst den
- 0:26Durst, den Hunger und den Geschmack an verborgenen und
- 0:29verbotenen Mächten in den Menschen geweckt.
- 0:32Es musste unendlich mehr versprochen werden, als je
- 0:35erfüllt werden konnte, damit im Reich der Erkenntnis überhaupt
- 0:39etwas erreicht wurde. Nietzsche überträgt diesen
- 0:42Gedanken auf die Religion, er spekuliert, dass die Religion
- 0:45vielleicht auch nur eine Art Übung und Vorspiel für eine
- 0:48ferne Zukunft war. Sie könnte das seltsame Mittel
- 0:52gewesen sein, durch das einzelne Menschen eines Tages die
- 0:55vollkommene Selbstgenügsamkeit eines Gottes und die Kraft zur
- 0:59Selbsterlösung erlangen können. Er verwendet das Bild von
- 1:03Prometheus, der das Licht gestohlen und dafür gebüßt haben
- 1:06musste, um am Ende zu entdecken, dass er das Licht selbst
- 1:10geschaffen hat, indem er sich danach sehnte, genauso könnte es
- 1:14sein, dass nicht nur der Mensch, sondern auch Gott selbst nur ein
- 1:18Werk menschlicher Hände war. All diese Vorstellungen, der
- 1:22Wahn, der Diebstahl, der leidende Prometheus am Kaukasus
- 1:26sind für Nietzsche Bilder für den Prozess des erkennenden
- 1:30unter Kapitel 301 Wahn der kontemplativen.
- 1:35Hier beschreibt Nietzsche einen grundlegenden Irrtum der
- 1:38kontemplativen, also der nachdenklichen, beobachtenden
- 1:42Menschen, diese Menschen, die sich für höher stehend halten,
- 1:45weil sie angeblich mehr sehen und hören als andere.
- 1:48Glauben, Sie seien nur Zuschauer und Zuhörer des großen Schau und
- 1:52Tonspiels, das sich Leben nennt. Sie nennen ihre Natur
- 1:56kontemplativ, also beschaulich, doch das, so Nietzsche, ist ein
- 2:01Wahn, eine Täuschung. Er argumentiert, dass diese
- 2:05denkenden und empfindenden Menschen in Wahrheit nicht nur
- 2:09Zuschauer sind, sie sind vielmehr die eigentlichen
- 2:12Dichter und Fortdichter des Lebens.
- 2:15Es sind gerade sie, die immerfort etwas Neues schaffen,
- 2:18das vorher nicht da war. Die ganze Welt der Schätzungen,
- 2:22Farben, Gewichte, Perspektiven und Werturteile.
- 2:26Diese von ihnen erfundene Dichtung wird dann von den
- 2:29sogenannten praktischen Menschen, den Schauspielern des
- 2:32Lebens, übernommen, eingelernt und in die alltägliche
- 2:35Wirklichkeit übersetzt, nichts in der Welt hat von sich aus
- 2:39einen Wert, die Natur selbst ist wertlos.
- 2:42Wir, die denkenden und bewertenden, waren es, die den
- 2:46Dingen einen Wert gegeben und geschenkt haben.
- 2:49Wir haben die Welt geschaffen, die für den Menschen von
- 2:51Bedeutung ist. Das Problem ist, so Nietzsche,
- 2:54dass wir dieses Wissen meistens nicht haben, und selbst wenn wir
- 2:58es für einen Augenblick erkennen, vergessen wir es im
- 3:01nächsten wieder. Wir verkennen unsere größte
- 3:04Kraft und schätzen uns die kontemplativen zu gering ein,
- 3:09wir sind weder so stolz noch so glücklich, wie wir sein könnten.
- 3:14Unter Kapitel 302 Gefahr des glücklichsten Nietzsche
- 3:21beschreibt hier einen Zustand des höchsten Glücks, der aber
- 3:24gleichzeitig eine große Gefahr birgt.
- 3:26Dieses Glück besteht darin, feine Sinne und einen feinen
- 3:30Geschmack zu haben, an das Beste des Geistes gewöhnt zu sein und
- 3:34eine starke kühne Seele zu besitzen.
- 3:36Es ist der Zustand eines Menschen, der mit ruhigem Auge
- 3:39durchs Leben geht, immer bereit für das Äußerste.
- 3:42Als wäre das Leben ein Fest. Er sehnt sich nach unentdeckten
- 3:46Welten, Menschen und Göttern und kann die tiefste Schwermut des
- 3:50Glücklichen ebenso genießen wie Momente der Rast.
- 3:53Dieser Zustand war Sonitsche das Glück Homers, des Dichters, der
- 3:58den Griechen nicht nur ihre Götter schenkte, sondern sich
- 4:01selbst seine Götter erfand. Doch wer dieses Glück in sich
- 4:05trägt, ist zugleich auch das leidensfähigste Geschöpf unter
- 4:08der Sonne. Man bezahlt für diese kostbarste
- 4:11Muschel des Daseins einen hohen Preis.
- 4:14Man wird immer empfindlicher im Schmerz und am Ende sogar zu
- 4:18empfindlich. Ein kleiner Missmut, ein kleiner
- 4:21Ekel, ein unlösbares törichtes Rätsel wie jenes, dass junge
- 4:26Fischer Hunger Aufgaben, kann am Ende genügen, um diesem
- 4:29glücklichsten Menschen das Leben zu verleiden, die kleinen
- 4:33Rätsel, so schließt Nietzsche, sind die größte Gefahr für die
- 4:36glücklichsten. Unterkapitel 303 2 Glückliche in
- 4:44diesem Kapitel stellt Nietzsche 2 verschiedene Typen von
- 4:47glücklichen Menschen gegenüber. Der erste Typ ist ein Meister
- 4:51der Improvisation des Lebens, trotz seiner Jugend scheint ihm
- 4:55alles zu gelingen, selbst wenn er das gewagteste Spiel spielt,
- 5:00er erinnert an einen virtuosen Musiker, dem selbst dann, wenn
- 5:03er sich verspielt, eine göttliche Unfehlbarkeit
- 5:06zugeschrieben wird. Er ist so geübt und
- 5:08erfinderisch, dass er jeden Zufall, jede Laune sofort in
- 5:12sein Lebensthema einbauen und ihm einen schönen Sinn geben
- 5:15kann. Der zweite Typ ist das genaue
- 5:18Gegenteil, ihm misslingt im Grunde alles, was er will und
- 5:22plant, was ihm am Herzen lag, brachte ihn schon oft an den
- 5:26Rand des Abgrunds, und wenn er dem Untergang entkam, dann nur
- 5:30mit einem blauen Auge, also mit Schaden, man könnte meinen, er
- 5:36sei unglücklich. Aber das ist er nicht.
- 5:39Er hat für sich beschlossen, seine eigenen Wünsche und Pläne
- 5:43nicht mehr so wichtig zu nehmen, wenn ihm etwas nicht gelingt,
- 5:46sagt er sich, dann gelingt mir vielleicht jenes.
- 5:50Er glaubt, dass er seinem Misslingen vielleicht mehr zu
- 5:53verdanken hat als jedem gelingen.
- 5:56Er fragt sich, ob er überhaupt dafür gemacht ist, eigensinnig
- 5:59zu sein, was seinem Leben wert und Ergebnis gibt, liegt
- 6:03woanders. Sein Stolz und sein Elend liegen
- 6:06ebenfalls woanders. Nietzsche lässt diesen zweiten
- 6:09glücklichen Menschen sagen, ich weiß mehr vom Leben, weil ich so
- 6:13oft daran war, es zu verlieren, und eben darum habe ich mehr vom
- 6:17Leben, als ihr alle unter Kapitel 304, indem wir tun
- 6:23lassen wir. Nietzsche beschreibt hier seine
- 6:28Abneigung gegen alle Moralen, die auf verboten und
- 6:31Selbstüberwindung basieren. Er wendet sich gegen die
- 6:34moralischen Imperative. Wie tue dies nicht entsage oder
- 6:39überwinde dich. Stattdessen bevorzugt er
- 6:42Moralen, die ihn antreiben, etwas zu tun und immer wieder zu
- 6:46tun, von früh bis spät und sogar nachts davon zu träumen, und
- 6:51zwar es so gut zu tun, wie es nur ihm allein möglich ist.
- 6:55Wer so lebt, von dem fällt alles, was nicht zu diesem Leben
- 6:58gehört, von selbst ab, ganz ohne Hass und Widerwillen.
- 7:03Man verabschiedet sich von Dingen wie von vergilbten
- 7:06Blättern, die der Wind vom Baum weht.
- 7:09Manchmal bemerkt man den Abschied gar nicht, weil der
- 7:11Blick so streng auf das eigene Ziel gerichtet ist.
- 7:14Nietzsche fasst seine Lebensphilosophie, sein Placitum
- 7:18in dem Satz zusammen unser tun soll bestimmen, was wir lassen,
- 7:23indem wir tun, lassen wir das bedeutet durch aktives Handeln
- 7:28und die Konzentration auf das, was man tut, entscheidet sich,
- 7:31was man lässt nicht durch Passives verzichten.
- 7:35Er betont aber, dass er keine Verarmung anstrebt, er mag keine
- 7:39negativen Tugenden, deren Wesen nur darin besteht, etwas zu
- 7:42verneinen oder sich etwas zu versagen.
- 7:46Unterkapitel 305 Selbstbeherrschung in diesem
- 7:52Abschnitt kritisiert Nietzsche eine bestimmte Art von
- 7:54Morallehrern diese Lehrer sagen den Menschen ständig, dass sie
- 7:58sich selbst beherrschen müssen. Nietzsche meint, dass diese
- 8:02ständige Forderung nach Selbstkontrolle die Menschen
- 8:05krank macht. Es ist, als ob sie einen
- 8:07unaufhörlichen inneren Juckreiz hätten, jede natürliche Regung,
- 8:11jeder Instinkt und jede Neigung wird sofort zu einer Gefahr für
- 8:15die Selbstbeherrschung, ein Mensch, der so lebt, kann sich
- 8:19nicht mehr frei und instinktiv bewegen, er ist immer auf der
- 8:23Hut, bewaffnet gegen sich selbst, wie ein Wächter, der
- 8:26seine eigene Burg verteidigt. Nietzsche sagt, dass ein solcher
- 8:30Mensch zwar vielleicht als stark und diszipliniert erscheint,
- 8:34aber er wird dadurch auch unerträglich für andere und für
- 8:37sich selbst. Er verarmt innerlich und
- 8:40schneidet sich von den schönsten und zufälligsten Momenten des
- 8:43Lebens ab. Er kann nichts Neues mehr
- 8:45lernen, weil er sich nie gehen lassen und sich auf etwas
- 8:48Fremdes einlassen kann, man muss sich manchmal selbst vergessen
- 8:52können, um von den Dingen zu lernen, die man nicht selbst
- 8:55ist. Unter Kapitel. 306 Stoiker und
- 9:01Epikorea hier vergleicht Nietzsche 2 verschiedene
- 9:06Lebensphilosophien, die der Stoiker und die der Epikorea der
- 9:10Epikorea ist jemand, der sehr sensibel und intellektuell
- 9:14reizbar ist. Er wählt seine Umgebung, seine
- 9:17Mitmenschen und seine Erlebnisse sehr sorgfältig aus.
- 9:21Er meidet alles, was zu intensiv oder überwältigend sein könnte,
- 9:25weil es für ihn wie zu schwere Nahrung wäre, die er nicht
- 9:27verdauen kann er. Er verzichtet auf vieles, um
- 9:31sein sensibles Inneres zu schützen.
- 9:33Der Stoiker hingegen trainiert sich darin, alles zu ertragen,
- 9:37er verschluckt, bildlich gesprochen, Steine, Würmer,
- 9:41Glassplitter und Skorpione, ohne sich davon ekeln zu lassen.
- 9:46Sein Ziel ist es, gegenüber den Zufällen des Lebens gleichgültig
- 9:49zu werden, Nietzsche vergleicht ihn mit einer arabischen Sekte,
- 9:53die ihre Unempfindlichkeit öffentlich zur Schau stellt.
- 9:57Nietzsche meint, dass der Stoizismus für Menschen nützlich
- 9:59sein kann, die in unsicheren Zeiten leben und von
- 10:02unberechenbaren Menschen abhängig sind.
- 10:05Aber wer ein ruhigeres Leben hat, sollte sich eher wie ein
- 10:08epikurär Verhalten. Die meisten Menschen, die
- 10:11geistig arbeiten, so Nietzsche, haben das schon immer getan, für
- 10:16sie wäre es der größte Verlust, ihre feine Sensibilität gegen
- 10:19die harte Haut mit Igelstacheln des Stoikers einzutauschen.