Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 5 - Von den Tugendhaften
Transcript
- 0:00Unterkapitel 5 von den Tugendhaften Zarathustra richtet
- 0:05sich in diesem Teil seiner Rede an die Menschen, die sich selbst
- 0:08für besonders tugendhaft und moralisch gut halten.
- 0:12Er beginnt mit der Feststellung, dass man zu Menschen, deren
- 0:14Geist schlaff und müde ist, normalerweise mit lautem Lärm
- 0:18wie mit Donner und Feuerwerk sprechen muss, um sie überhaupt
- 0:21aufzuwecken, die Stimme der wahren Schönheit und Weisheit
- 0:24spricht jedoch leise. Sie erreicht nur die Seelen, die
- 0:28bereits hellwach und aufmerksam sind.
- 0:31Zarathustra erzählt, dass sein eigenes Schild und seine eigene
- 0:34Schönheit heute leise über diese sogenannten tugendhaften
- 0:37Menschen gelacht haben. Er hat nämlich ihr wahres Motiv
- 0:41erkannt, er sagt zu Ihnen, ihr wollt für eure Tugend auch noch
- 0:45bezahlt werden. Hier kritisiert Zarathustra das
- 0:48herkömmliche moralische Denken sehr scharf, die meisten
- 0:52Menschen glauben, dass sie für gutes Verhalten eine Belohnung
- 0:54verdienen. Zum Beispiel einen Platz im
- 0:57Himmel und dass schlechtes Verhalten bestraft werden muss.
- 1:00Zarathustra ärgert sich darüber, er lehrt, dass es keinen
- 1:04kosmischen Zahlmeister gibt, der Lohn und Strafe austeilt, er
- 1:08sagt sogar, dass er nicht einmal die alte Weisheit lehrt, dass
- 1:11die Tugend ihr eigener Lohn sei, für ihn sind die Konzepte von
- 1:15Lohn und Strafe lügen, die man den Menschen tief in ihre Seelen
- 1:18eingepflanzt hat, um diese Lügen zu beseitigen, vergleicht
- 1:22Zarathustra seine Worte mit der Schnauze eines Wildschweins.
- 1:25Oder mit einer Pflugschar, also der scharfen Klinge eines
- 1:29Pfluges. Er möchte den Grund der
- 1:31menschlichen Seelen aufreißen und alle ihre heimlichen
- 1:34versteckten Gedanken ans Licht bringen, wenn diese
- 1:38Überzeugungen aufgewühlt in der Sonne liegen, wird man sehen,
- 1:41dass die angebliche Wahrheit dieser Menschen nur eine Lüge
- 1:44ist. Sie behaupten zwar, sie seien zu
- 1:46reinlich und zu gut für schmutzige Begriffe wie Rache,
- 1:50Strafe, Lohn und Vergeltung, aber in Wirklichkeit handeln sie
- 1:54genau danach. Zarathustra erklärt dann, wie
- 1:57man die Tugend eigentlich verstehen sollte.
- 2:00Man soll seine Tugend so lieben wie eine Mutter ihr Kind liebt.
- 2:05Zarathustra fragt, hat man jemals gehört, dass eine Mutter
- 2:08dafür bezahlt werden möchte, dass sie ihr eigenes Kind liebt?
- 2:12Natürlich nicht die Liebe der Mutter ist bedingungslos und
- 2:15kommt aus ihr selbst heraus, genauso sollte die Tugend sein,
- 2:20die Tugend sollte kein Kleidungsstück sein, das man
- 2:22sich anzieht, um vor anderen gut auszusehen.
- 2:25Und auch keine fremde Pflicht. Die Tugend soll das eigene
- 2:29Liebste selbst sein. Zarathustra vergleicht dies mit
- 2:33einem Ring, der sich immer wieder dreht und wendet, nur um
- 2:36sich selbst zu erreichen, ein wahrhaft tugendhaftes Werk ist
- 2:40wie ein Stern, der am Himmel erloschen ist.
- 2:43Sein Licht wandert weiter durch das Universum, auch wenn der
- 2:46Stern selbst schon lange tot oder vergessen ist.
- 2:49Die Tat wirkt aus sich selbst heraus weiter.
- 2:52Im weiteren Verlauf beschreibt und verspottet Zarathustra
- 2:54verschiedene Arten von Menschen, die sich fälschlicherweise für
- 2:57tugendhaft halten. Er deckt auf, dass ihre
- 3:00angebliche Güte oft nur aus Schwäche, Angst oder
- 3:03Bequemlichkeit entsteht, es gibt Menschen, für die die Tugend wie
- 3:07ein schmerzhafter Krampf unter einer Peitsche ist.
- 3:10Sie empfinden das Gutsein als Zwang und Qual und schreien laut
- 3:14darüber, andere nennen es Tugend, wenn ihre eigenen Fehler
- 3:18und Laster einfach nur faul und müde werden.
- 3:21Wenn ihr Hass und ihre Eifersucht ruhen, wachen sie
- 3:23auf, reiben sich die Augen und nennen diese vorübergehende
- 3:27Friedfertigkeit Gerechtigkeit. Es gibt Menschen, die von ihren
- 3:31Inneren Teufeln und schlechten Trieben abwärts gezogen werden,
- 3:35je tiefer sie sinken, desto verzweifelter Leuchten ihre
- 3:38Augen und ihre Gier nach einem rettenden Gott, ihr Verlangen
- 3:42nach Erlösung nennen sie dann Tugend, wieder andere sind wie
- 3:46schwere, Knarrende wagen, die bergab rollen.
- 3:49Sie reden viel über würde und Moral, aber in Wahrheit ist ihre
- 3:54Tugend nur ein Hemmschuh, also eine Bremse, die sie vor dem
- 3:57völligen Absturz bewahren soll. Zarathustra sieht auch Menschen,
- 4:01die wie einfache, aufgezogene Alltagsuhren sind.
- 4:04Sie machen einfach ihr gleichmäßiges Tick Tack und
- 4:07fordern, dass man dieses Unkreative funktionieren als
- 4:10Tugend bezeichnet. Über diese Menschen amüsiert
- 4:13sich Zarathustra, er sagt, er zieht sie gerne mit seinem Spott
- 4:16auf, nur um sie schnurren zu hören.
- 4:19Einige sind stolz auf das winzige bisschen Gerechtigkeit,
- 4:22das sie besitzen. Sie sind so besessen davon, dass
- 4:25sie um dieser sogenannten Gerechtigkeit willen allem
- 4:28anderen Gewalt antun, wenn sie sagen, ich bin gerecht, klingt
- 4:32es in Wahrheit, wie ich bin, gerecht, sie benutzen Ihre
- 4:36Tugend, um anderen die Augen auszukratzen und andere klein zu
- 4:39machen, damit sie selbst größer wirken.
- 4:42Es gibt solche, die tatenlos wie in einem Sumpf herumsitzen, sie
- 4:46weichen jedem Konflikt aus. Beißen niemanden und plappern
- 4:50einfach die Meinung nach, die man ihnen vorgibt.
- 4:53Dieses stillschweigende Mitlaufen nennen sie dann
- 4:55Tugend, andere halten Tugend für eine bloße Geste oder eine
- 4:59schauspielerische Darbietung, sie fallen auf die Knie und
- 5:02heben die Hände zum Gebet, aber in ihren Herzen ist nichts davon
- 5:06zu spüren, einige halten die Tugend einfach für eine
- 5:10Notwendigkeit, so wie man eine Polizei braucht, um Ordnung zu
- 5:13halten. Und schließlich gibt es
- 5:16Menschen, die nicht in der Lage sind, das große und Erhabene in
- 5:19anderen zu sehen. Sie sehen nur die Schwächen der
- 5:22anderen, diesen Neidischen, abwertenden Blick nennen sie
- 5:26dann Tugend. Zarathustra fasst zusammen, dass
- 5:30fast alle Menschen glauben, sie hätten einen Anteil an der
- 5:32Tugend und wüssten genau, was gut und was böse ist.
- 5:37Aber er ist nicht zu diesen Lügnern und Narren gekommen, um
- 5:40mit ihnen darüber zu streiten. Er ist vielmehr zu seinen
- 5:43eigenen Freunden gekommen, damit diese endlich der alten,
- 5:46falschen Begriffe überdrüssig werden.
- 5:49Sie sollen müde werden, Worte wie Lohn, Vergeltung, Strafe und
- 5:54gerechte Rache zu benutzen, vor allem sollen sie aufhören zu
- 5:58glauben, dass eine Handlung nur dann gut ist, wenn sie als
- 6:01selbstlos ist. Der Begriff der Selbstlosigkeit,
- 6:04der oft als höchste moralische Stufe gepriesen wird, ist für
- 6:07Zarathustra ein Fehler, er fordert genau das Gegenteil.
- 6:11Das eigene selbst muss in der Handlung voll und ganz präsent
- 6:14sein, genau wie die Mutter im Kinde ist.
- 6:17Nur dann ist es eine echte, kraftvolle Tugend.
- 6:20Das eigene Handeln darf keine Verleugnung der eigenen Person
- 6:23sein zum Abschluss dieses Gedankengangs greift Zarathustra
- 6:27auf ein sehr sanftes Bild zurück, er weiß, dass er seinen
- 6:31Zuhörern gerade ihre wichtigsten moralischen Überzeugungen
- 6:33wegnimmt, er vergleicht seine Zuhörer mit Kindern, die am
- 6:37Strand mit ihrem liebsten Spielzeug spielen.
- 6:40Plötzlich kommt eine Welle und reißt das Spielzeug in die Tiefe
- 6:43des Meeres. Nun weinen die Kinder,
- 6:47Zarathustra hat ihnen ihre 100 alten Worte und ihre liebsten
- 6:51Tugendspielzeuge genommen, aber er verspricht ihnen Trost.
- 6:55Dieselbe Welle, die das alte Spielzeug weggespült hat, wird
- 6:58neues Spielzeug bringen, das Meer wird neue bunte Muscheln
- 7:02vor ihnen ausschütten. Das bedeutet, dass der Verlust
- 7:06der alten, falschen Moral Platz macht für neue, lebendige und
- 7:09wahre Werte, über die sie sich wieder freuen können.