Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 152-158
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- 0:00Unterkapitel 152 Kunst der hässlichen Seele in diesem
- 0:03kurzen Abschnitt kritisiert Nietzsche die Vorstellung, dass
- 0:08Kunst immer nur maßvoll und harmonisch sein muss.
- 0:11Er sagt, man schränkt die Kunst zu sehr ein, wenn man verlangt,
- 0:15dass sich in ihr nur die geordnete, sittlich
- 0:17ausgeglichene Seele ausdrücken darf, genau wie in der Malerei
- 0:22oder Bildhauerei gibt es auch in der Musik und in der Dichtung
- 0:25eine Kunst der hässlichen Seele. Das meint nicht, dass die Kunst
- 0:30schlecht ist, sondern dass sie chaotische, leidenschaftliche
- 0:34oder schwierige innere Zustände darstellt.
- 0:37Diese Kunst steht neben der Kunst der schönen Seele
- 0:41Nietzsche meint sogar, dass die stärksten Wirkungen der Kunst
- 0:44oft gerade dieser Kunst der hässlichen Seele gelingen, sie
- 0:48kann die Seele brechen, Steine bewegen und Tiere fast
- 0:51menschlich machen, das bedeutet, sie hat eine gewaltige Kraft,
- 0:55die über das bloße Schöne und Harmonische hinausgeht.
- 1:00Unterkapitel 153 die Kunst macht dem Denker das Herz schwer zum
- 1:04Abschluss dieses Teils beschreibt Nietzsche den inneren
- 1:08Konflikt eines Denkers oder Wissenschaftlers, der sich vom
- 1:11religiösen und metaphysischen Glauben gelöst hat.
- 1:13Metaphysik bezeichnet hier die Lehre von Dingen, die hinter der
- 1:17physischen Welt liegen, wie Gott oder Unsterblichkeit.
- 1:20Nietzsche sagt, dass das Bedürfnis nach Metaphysik in uns
- 1:24sehr stark ist Auch der frei Freigeist, also jemand, der frei
- 1:30von alten Dogmen denkt, spürt das noch, wenn er große Kunst
- 1:34erlebt, zum Beispiel eine Stelle in der neunten Symphonie von
- 1:37Beethoven, kann es passieren, dass dieses metaphysische
- 1:40Bedürfnis wieder in ihm klingt, er fühlt sich dann vielleicht,
- 1:44als schwebe er über der Erde in einem Sternendom und hat den
- 1:47Traum von Unsterblichkeit im Herzen.
- 1:50In solchen Momenten kann es passieren, dass der Denker einen
- 1:53tiefen Stich im Herzen fühlt. Er seufzt nach dem Menschen, der
- 1:57ihm diese verlorene Geliebte, also die Religion oder die
- 2:02Metaphysik zurückbringen könnte. Er vermisst den Trost und die
- 2:06Hoffnung, die er durch sein strenges Denken aufgegeben hat.
- 2:10In diesen Augenblicken wird sein intellektueller Charakter auf
- 2:12die Probe gestellt, hält er an der Wahrheit fest.
- 2:16Auch wenn die Illusion der Kunst so verlockend und tröstlich ist.
- 2:20Unterkapitel 154 mit dem Leben spielen.
- 2:27In diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit der Art und
- 2:29Weise, wie die alten Griechen, also die Menschen der Antike,
- 2:33mit dem Leben umgingen. Er beschreibt, dass die Griechen
- 2:36eine sehr lebhafte Phantasie hatten, die man oft bei dem
- 2:39Dichter Homer findet. Diese Phantasie war nicht
- 2:42einfach nur Spielerei, sondern sie war notwendig.
- 2:45Nietzsche erklärt, dass die Griechen ein sehr
- 2:47leidenschaftliches Gemüt hatten, also starke Gefühle und
- 2:51gleichzeitig einen sehr scharfen, kritischen Verstand.
- 2:55Wenn Sie das Leben nur mit ihrem nüchternen Verstand betrachtet
- 2:58hätten, wäre es ihnen grausam und schrecklich vorgekommen.
- 3:02Das Leben war damals hart und voller Leid, um dieses Leid zu
- 3:06ertragen, brauchten sie die Kunst und die Phantasie, sie
- 3:10benutzten Lügen und Geschichten, um das Leben wie ein Spiel
- 3:13wirken zu lassen. Nietzsche erwähnt den Dichter
- 3:16Simonides, der seinen Landsleuten riet, das Leben
- 3:18nicht zu ernst zu nehmen, sondern es eben wie ein Spiel zu
- 3:22betrachten. Das Elend der Menschen war zwar
- 3:25bekannt, es war sogar das Thema, über das die Götter in den
- 3:27Geschichten gerne singen hörten. Aber nur durch die Kunst konnte
- 3:31man dieses Elend in Genuss verwandeln.
- 3:34Allerdings hatte dieser Umgang mit der Wahrheit auch einen
- 3:37Nachteil als Strafe für diese Neigung zum Geschichtenerzählen
- 3:41fiel es den Griechen schwer, im Alltag bei der Wahrheit zu
- 3:44bleiben, sie neigten dazu, Lüge und trug auch im täglichen Leben
- 3:48zu nutzen, was für ihre Nachbarvölker oft sehr
- 3:51anstrengend und verzweiflungswürdig war.
- 3:54Unter Kapitel 155 Glaube an Inspiration hier kritisiert
- 3:58Nietzsche die Vorstellung, dass große Künstler oder Denker ihre
- 4:03Ideen plötzlich und wie durch ein Wunder erhalten.
- 4:06Man nennt das Inspiration oder Eingebung.
- 4:08Künstler haben ein Interesse daran, dass das Publikum glaubt,
- 4:14ihre Werke, Gedichte oder philosophischen Gedanken kämen
- 4:16direkt wie ein Gnadenschein vom Himmel herab.
- 4:21Nietzsche stellt klar, dass dies eine Täuschung ist.
- 4:24In Wahrheit arbeitet die Fantasie eines guten Künstlers
- 4:27oder Denkers ununterbrochen. Sie produziert ständig Dinge,
- 4:31gute, mittelmäßige und schlechte.
- 4:34Das eigentliche Geheimnis des Genies ist nicht die plötzliche
- 4:37Eingebung, sondern eine extrem geschärfte Urteilskraft, das
- 4:41bedeutet, der Künstler ist besonders gut darin,
- 4:43auszuwählen, was gut ist, Dinge zu verwerfen, die schlecht sind
- 4:47und die guten Teile neu zu verknüpfen.
- 4:50Als Beispiel nennt Nietzsche den Komponisten Ludwig van
- 4:53Beethoven. Wenn man sich dessen Notizbücher
- 4:55ansieht, erkennt man, dass er seine schönsten Melodien nicht
- 4:59auf einen Schlag im Kopf hatte, er hat sie vielmehr aus vielen
- 5:02kleinen Ansätzen und versuchen mühsam zusammengesetzt und
- 5:05ausgewählt. Wer weniger streng mit sich
- 5:08selbst ist und sich einfach nur seiner Erinnerung und Nachahmung
- 5:11hingibt, kann vielleicht ein großer Improvisator sein, also
- 5:15jemand, der spontan etwas erfindet.
- 5:18Aber das steht für Nietzsche auf einer niedrigeren Stufe als die
- 5:21ernsthafte, mühevolle Arbeit an einem Kunstwerk.
- 5:25Alle großen Meister waren auch unermüdliche Arbeiter, die nicht
- 5:28nur erfanden, sondern vor allem ordneten und gestalteten, unter
- 5:34Kapitel 156 nochmals die Inspiration.
- 5:36Nietzsche vertieft das Thema der Inspiration noch einmal.
- 5:44Er erklärt, wie das Gefühl einer plötzlichen Eingebung
- 5:47tatsächlich entsteht, wenn sich die schöpferische Kraft eines
- 5:50Menschen eine Zeit lang angestaut hat, weil sie durch
- 5:53ein Hindernis nicht heraus konnte.
- 5:55Dann fließt sie irgendwann plötzlich und gewaltig heraus,
- 5:59das wirkt dann so, als wäre es eine unmittelbare Inspiration,
- 6:02ohne vorherige Arbeit fast wie ein Wunder, aber Nietzsche sagt,
- 6:07das ist eine Täuschung, in Wirklichkeit hat sich das
- 6:11Kapital, also die Energie und die Ideen.
- 6:14Einfach nur lange angesammelt und aufgehäuft.
- 6:16Es ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen.
- 6:19Nietzsche merkt an, dass es solche scheinbaren plötzlichen
- 6:22Eingebungen nicht nur in der Kunst gibt, sondern auch in
- 6:25anderen Bereichen, zum Beispiel, wenn jemand plötzlich etwas
- 6:28Gutes tut, tugendhaft handelt oder sich einem Laster hingibt.
- 6:32Auch hier liegt oft eine lange Anstauung zugrunde, unter
- 6:36Kapitel 157 die Leiden des Genius und ihr Wert.
- 6:43In diesem Abschnitt geht es um das Leiden der künstlerischen
- 6:45Genies. Ein Genie ist ein Mensch mit
- 6:48außergewöhnlicher schöpferischer Begabung.
- 6:51Normalerweise will ein solcher Künstler mit seinen Werken
- 6:53Freude bereiten, wenn er aber auf einer sehr hohen Stufe
- 6:56steht, findet er oft niemanden, der seine Kunst verstehen oder
- 7:00genießen kann, er bietet sozusagen Speisen an, aber
- 7:04niemand will sie essen, das führt dazu, dass der Künstler
- 7:07oft in ein lächerlich wirkendes, emotionales Klagen verfällt, was
- 7:11man Pathos nennt. Nietzsche sagt aber ganz
- 7:14nüchtern, im Grunde hat der Künstler kein Recht dazu, die
- 7:17Menschen zu zwingen, Vergnügen an seiner Kunst zu haben.
- 7:21Er vergleicht das mit jemandem, der auf einer Pfeife spielt und
- 7:24sich ärgert, dass niemand dazu tanzen will.
- 7:27Nietzsche vermutet, dass die Künstler ihre Leiden oft
- 7:29übertreiben, weil sie sehr ehrgeizig und neidisch auf
- 7:32Erfolg sind, er vergleicht sie mit den großen Genies der
- 7:36Wissenschaft wie dem Astronomen Kepler oder dem Philosophen
- 7:39Spinoza. Diese Forscher machten kein
- 7:41großes Aufheben um ihre Leiden, auch wenn sie vielleicht
- 7:44innerlich noch mehr verzichten mussten.
- 7:47Sie konnten aber sicher sein, dass die Nachwelt ihre Arbeit
- 7:49anerkennen würde. Ein Künstler hingegen spielt ein
- 7:53gefährlicheres Spiel, wenn seine Kunst jetzt nicht ankommt, hat
- 7:56er oft das Gefühl, dass alles umsonst war, es gibt nur sehr
- 8:00seltene Fälle, in denen das Leiden wirklich tief und echt
- 8:03ist. Das passiert, wenn ein Mensch
- 8:05das Genie des Könnens, des Erkennens und der Moral in sich
- 8:09vereint. Ein solcher Mensch leidet nicht
- 8:11um seiner selbst Willen, sondern er leidet an der ganzen Welt, am
- 8:15Volk und an der Kultur. Solche Gefühle sind aber extrem
- 8:19selten, und Nietzsche warnt davor, jedem Künstler zu
- 8:22glauben, der behauptet, solche tiefen Gefühle zu haben.
- 8:27Unterkapitel 158 Verhängnis der Größe ne Nietzsche beschreibt
- 8:31hier ein Problem, das Auftritt, wenn etwas Großes in der Welt
- 8:36erscheint, besonders in der Kunst.
- 8:40Auf jede große Erscheinung folgt oft ein Verfall oder eine
- 8:43Entartung. Das liegt daran, dass das
- 8:45Vorbild des Großen, die eitlen Menschen dazu reizt, es nur
- 8:48äußerlich nachzumachen oder es übertreffen zu wollen.
- 8:52Zudem haben große Begabungen oft eine fatale Eigenschaft, sie
- 8:56sind so mächtig, dass sie viele schwächere Talente und Kräfte um
- 8:59sich herum erdrücken, die Natur um sie herum verödet sozusagen,
- 9:03weil niemand anderes neben ihnen wachsen kann.
- 9:06Der glücklichste Fall in der Entwicklung der Kunst ist laut
- 9:09Nietzsche nicht, wenn es nur ein einziges riesiges Genie gibt,
- 9:12sondern wenn mehrere Genies gleichzeitig da sind.
- 9:15Diese halten sich dann gegenseitig in Schranken in
- 9:19diesem Kampf der Giganten bleibt oft noch genug Luft und Licht
- 9:22für die schwächeren und zarteren Talente übrig, um auch zu
- 9:25existieren.