Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 2 - 57-63
Transcript
- 0:00Unterkapitel 57 an die Realisten in diesem Kapitel spricht
- 0:07Nietzsche die sogenannten Realisten direkt an.
- 0:10Das sind Menschen, die von sich glauben, die Welt ganz nüchtern
- 0:13und objektiv zu sehen, so wie sie wirklich ist, ohne sich von
- 0:17Gefühlen oder Fantasien leiten zu lassen.
- 0:19Sie sind stolz auf ihre vermeintliche Lehre von
- 0:22Leidenschaft. Nietzsche dreht diesen Gedanken
- 0:25aber um. Er sagt, dass auch diese
- 0:27Realisten nicht so objektiv sind, wie sie denken.
- 0:31Ihre Sicht auf die Wirklichkeit ist immer noch von alten
- 0:33Bewertungen und Leidenschaften geprägt, die sie von früheren
- 0:36Generationen unbewusst übernommen haben.
- 0:40Ihre nüchterne Haltung ist selbst eine Art von Geheimer,
- 0:42unbewusster Trunkenheit, er vergleicht den Realisten mit
- 0:46einem verliebten Künstler für einen Künstler, der verliebt
- 0:49ist, ist seine Liebe die absolute Wirklichkeit, genauso
- 0:53ist es bei den Realisten. Ihre Liebe zur Wirklichkeit ist
- 0:57eine alte, tief verwurzelte Liebe, jede Wahrnehmung, jeder
- 1:02Sinneseindruck, den wir haben, ist durchdrungen von alten
- 1:05Vorurteilen, Fantasien, Ängsten und Unvernunft.
- 1:09Nietzsche fordert die Realisten auf, sich einen Berg oder eine
- 1:12Wolke anzusehen und zu fragen, was daran ist wirklich, wenn man
- 1:17alles Menschliche, alle Interpretationen und Gefühle
- 1:20davon abziehen würde, bliebe für uns nichts Greifbares übrig.
- 1:24Wir können unsere Herkunft und die Art, wie wir gelernt haben,
- 1:27die Welt zu sehen, nicht einfach abstreifen.
- 1:30Sein Fazit ist, es gibt keine Wirklichkeit an sich für uns
- 1:34Menschen, weder für die Fantasten noch für die
- 1:37nüchternen Realisten. Unser Wille, die Trunkenheit der
- 1:41Leidenschaft zu überwinden, ist genauso ehrenwert wie der Glaube
- 1:44der Realisten, dass sie überhaupt nicht betrunken sind.
- 1:49Unterkapitel 58 nur als schaffende.
- 1:55Hier entwickelt Nietzsche den Gedanken weiter, dass wir die
- 1:57Welt nicht entdecken, sondern erschaffen.
- 2:00Er sagt, dass es unsagbar wichtiger ist, wie die Dinge
- 2:03heißen, als was sie sind. Der Ruf, der Name, der Schein,
- 2:08also das, was wir über eine Sache denken und sagen, ist am
- 2:11Anfang oft nur ein Irrtum oder eine willkürliche Zuschreibung,
- 2:15doch durch den Glauben daran, der von Generation zu Generation
- 2:19weitergegeben wird. Wächst dieser Schein langsam mit
- 2:22der Sache zusammen und wird zu ihrem eigentlichen Wesen?
- 2:26Der ursprüngliche Schein wird am Ende zur Wirklichkeit Nietzsche
- 2:30hält es daher für töricht zu glauben, man könne diese als
- 2:34wirklich geltende Welt zerstören, indem man einfach auf
- 2:37ihren willkürlichen Ursprung hinweist.
- 2:40Die einzige Möglichkeit, etwas wirklich zu verändern oder zu
- 2:43vernichten, ist, selbst schöpferisch zu werden.
- 2:46Die wahre Macht liegt also nicht darin, die Wahrheit hinter den
- 2:49Dingen zu finden, sondern darin, neue Namen, neue Bewertungen und
- 2:55neue Wahrscheinlichkeiten zu schaffen.
- 2:58Denn dadurch erschaffen wir auf lange Sicht neue Dinge und eine
- 3:01neue Wirklichkeit. Unterkapitel 59 wir Künstler in
- 3:10diesem kurzen, aber sehr bildhaften Kapitel beschreibt
- 3:12Nietzsche das besondere Verhältnis von Künstlern zur
- 3:15Natur. Er meint damit nicht nur Maler
- 3:18oder Musiker, sondern alle Menschen, die die Welt
- 3:21schöpferisch gestalten und deuten, also auch Philosophen
- 3:25und religiöse Menschen. Er sagt, wenn wir zum Beispiel
- 3:29eine Frau lieben, entwickeln wir leicht einen Hass auf die Natur,
- 3:33wir denken an all die unangenehmen körperlichen und
- 3:36biologischen Prozesse, denen jeder Mensch ausgesetzt ist.
- 3:40Als Liebende wollen wir davon nichts wissen, die Natur
- 3:43erscheint uns wie ein Eindringling.
- 3:45Der unseren Besitz mit schmutzigen Händen anfasst.
- 3:48Deshalb, so Nietzsche, verschließen Künstler ihre Ohren
- 3:52vor der reinen Physiologie. Sie wollen, dass der Mensch mehr
- 3:56ist als nur Körper, sie wollen Seele und Form sehen, die
- 4:01Vorstellung vom Menschen unter der Haut, also vom rein
- 4:04biologischen Wesen, ist für alle Liebenden und schöpferischen
- 4:08Menschen ein Greuel, ja sogar eine Gotteslästerung, so wie der
- 4:12Liebende heute die rohe Natur ablehnt.
- 4:15So hat früher jeder Verehrer Gottes die wissenschaftliche
- 4:18Erklärung der Welt abgelehnt. Jedes Naturgesetz klang für ihn
- 4:22wie eine Beleidigung Gottes. Diese Menschen lebten lieber im
- 4:26Traum einer moralischen Welt, in der alles einen höheren Sinn
- 4:30hat. Nietzsche schließt mit der
- 4:32Feststellung, dass wir modernen Menschen diese Fähigkeit zum
- 4:35Träumen immer noch sehr gut verstehen, sobald wir lieben,
- 4:40hassen oder Begehren, kommt der Geist des Traumes über uns.
- 4:44Und wir werden zu Nachtwandlern des Tages.
- 4:47Wir verbergen die Natürlichkeit und wandeln auf den Dächern der
- 4:50Phantasie, als wäre das unsere sicherste Ebene unter Kapitel 60
- 4:56die Frauen und ihre Wirkung in die Ferne.
- 5:00Dieses Kapitel ist eines der Poetischsten des Buches.
- 5:04Nietzsche beschreibt eine Szene am Meer, er steht inmitten der
- 5:07tosenden Brandung, der Lärm umgibt ihn von allen Seiten.
- 5:12Inmitten dieses Chaos erscheint plötzlich wie ein Geist ein
- 5:16wunderschönes, stilles Segelschiff.
- 5:19Dieses Schiff wird für ihn zu einem Symbol, er fragt sich, ist
- 5:23hier alle Ruhe der Welt versammelt, ist das Schiff
- 5:26vielleicht mein glücklicheres ich, mein besseres selbst?
- 5:30Es ist ein schwebendes Mittelwesen, weder tot noch
- 5:33lebendig, für Nietzsche verkörpert es das ideal, über
- 5:37das laute, chaotische Dasein hinwegzulaufen.
- 5:41Dann löst er das Bild auf. Jeder große Lärm, so sagt er,
- 5:45bringt uns dazu, unser Glück in der Stille und in der Ferne zu
- 5:49suchen, wenn ein Mann mitten im Lärm seines Lebens steht, sehnt
- 5:53er sich nach stillen, zauberhaften Wesen, und diese
- 5:56Wesen, so seine fast spöttische Erkenntnis, sind die Frauen, der
- 6:01Mann stellt sich vor, dass bei den Frauen sein besseres,
- 6:04Ruhigeres selbst wohnt, er projiziert in sie die Idee von
- 6:08vollkommener Stille und einem traumhaften Leben.
- 6:11Doch dann zerstört Nietzsche diese Illusion sofort wieder.
- 6:15Er ruft aus, jedoch jedoch mein edler Schwärmer, es gibt auch
- 6:21auf dem schönsten Segelschiffe so viel Geräusch und Lärm, die
- 6:25idealisierte Ruhe ist eine Illusion, die wahre und
- 6:28mächtigste Wirkung der Frauen, so sein Fazit, ist eine Wirkung
- 6:33in die Ferne, ihr Zauber funktioniert nur aus der
- 6:36Distanz. Um das zu verstehen, braucht man
- 6:39ebenfalls Distanz. Unterkapitel 61 zu Ehren der
- 6:44Freundschaft Nietzsche stellt hier die Freundschaft als den
- 6:49höchsten Wert des Altertums dar, sogar noch höher als die
- 6:52vielgerühmte Weisheit und Selbstgenügsamkeit der
- 6:54Philosophen. Er erzählt dazu die Geschichte
- 6:58eines makedonischen Königs, der einem weltverachtenden
- 7:00Philosophen in Athen ein großes Geldgeschenk anbietet, welches
- 7:04dieser aber ablehnt. Der König fragt daraufhin
- 7:08erstaunt, wie. Hat er denn keinen Freund?
- 7:13Mit dieser Frage meinte der König laut Nietzsche, ich Ehre
- 7:17den Stolz und die Unabhängigkeit dieses Weisen, aber ich würde
- 7:21seine Menschlichkeit noch höher ehren, wenn die Freundschaft in
- 7:24ihm über seinen Stolz gesiegt hätte, indem der Philosoph das
- 7:28Geschenk ablehnte, hat er sich nach Ansicht des Königs
- 7:31herabgesetzt. Er hat gezeigt, dass er eines
- 7:34der beiden höchsten Gefühle nicht kennt, und zwar das höhere
- 7:37der beiden, die Freundschaft. Für Nietzsche ist die
- 7:41Freundschaft eine Kraft, die selbst den stoischen Stolz des
- 7:44Weisen überwinden kann und ihn dadurch erst wahrhaft menschlich
- 7:47macht. Unter Kapitel 62 Liebe dieses
- 7:56extrem kurze Kapitel ist ein Aphorismus, der nur aus einem
- 7:59Satz besteht, die Liebe vergibt dem Geliebten sogar die
- 8:02Begierde, die Aussage ist tiefgründig und spielt mit der
- 8:06Doppeldeutigkeit von Liebe und Begierde.
- 8:10Normalerweise wird Liebe als etwas reines und selbstloses
- 8:13gesehen, während Begierde als egoistisch und besitzergreifend
- 8:17gilt. Nietzsche sagt hier, dass die
- 8:20wahre Liebe so stark ist, dass sie selbst diesen egoistischen
- 8:23Kern im Geliebten nicht nur akzeptiert, sondern ihm sogar
- 8:27vergibt, die Liebe erkennt an, dass der Geliebte auch ein
- 8:31Mensch mit Wünschen und verlangen ist, und sie liebt ihn
- 8:34trotzdem, vielleicht sogar gerade deswegen.
- 8:38Sie verklärt das egoistische wollen zu etwas verzeihlichem
- 8:43Unterkapitel, 63 das Weib in der Musik.
- 8:49Auch dieses Kapitel ist ein kurzer, bildhafter Gedanke.
- 8:52Nietzsche stellt eine poetische Frage wie kommt es, dass warme
- 8:56und regnerische Winde auch die musikalische Stimmung und die
- 8:59Erfinderische Lust der Melodie mit sich führen?
- 9:03Er stellt also eine Verbindung her zwischen einem bestimmten
- 9:06Wetter, warm und feucht. Und einem Zustand kreativer
- 9:10musikalischer Inspiration. Dann fügt er eine zweite,
- 9:14provokante Frage hinzu, sind es nicht dieselben Winde, welche
- 9:18die Kirchen füllen und den Frauen verliebte Gedanken geben?
- 9:22Damit deutet er eine tiefere Verbindung an, die Kraft, die
- 9:26musikalische Kreativität weckt, ist dieselbe urwüchsige,
- 9:30vielleicht sogar erotische oder irrationale Kraft, die Menschen,
- 9:34insbesondere Frauen, in seiner damaligen Sicht.
- 9:38In einen Zustand religiöser oder verliebter Andacht versetzt.
- 9:41Er spielt hier mit der Idee, dass Kunst, Religion und Erotik
- 9:46aus einer gemeinsamen, Unbewussten und natürlichen
- 9:49Quelle schöpfen.