Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 3: Warum ich so gute Bücher schreibe. 1
Transcript
- 0:00Ekel, Homo, wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 3 warum ich so gute Bücher schreibe Abschnitt 1
- 0:12Nietzsche beginnt diesen Abschnitt mit einer ganz klaren
- 0:15Trennung. Er sagt er selbst als Person ist
- 0:18eine Sache, und seine Schriften und Bücher sind eine völlig
- 0:22andere Sache. Bevor er im Detail über die
- 0:24Bücher selbst spricht, möchte er eine grundlegende Frage klären.
- 0:28Es geht um die Frage, ob seine Werke von den Menschen
- 0:31verstanden werden oder ob sie eben nicht verstanden werden.
- 0:35Er behandelt dieses Thema ganz entspannt und fast schon
- 0:38beiläufig. Er sagt, dass die Zeit für diese
- 0:41Frage einfach noch nicht reif ist, weil auch seine eigene Zeit
- 0:44noch gar nicht gekommen ist. Er beschreibt sich selbst als
- 0:47jemanden, der erst posthum geboren wird, das bedeutet, dass
- 0:51seine wahre Bedeutung, sein Einfluss und sein Genie erst
- 0:55lange nach seinem leiblichen Tod lebendig werden.
- 0:58Und von der Welt begriffen werden.
- 1:00Nietzsche ist fest davon überzeugt, dass man irgendwann
- 1:03in der Zukunft ganz eigene Einrichtungen, Schulen oder
- 1:06Institute brauchen wird, um seine Art zu leben und seine
- 1:09Ideen zu lehren. Er stellt sich sogar vor, dass
- 1:12es an den Universitäten eigene Lehrstühle geben wird, die nur
- 1:15für die Erklärung und Deutung seines Buches, Also sprach
- 1:19Zarathustra, gegründet werden. Trotz dieser gigantischen
- 1:22Erwartungen an die Zukunft wäre es für Nietzsche heute ein
- 1:25völliger Widerspruch, wenn er erwarten würde, dass man ihm
- 1:28schon jetzt Aufmerksamkeit und Verständnis entgegenbringt, dass
- 1:32die Menschen ihm heute nicht zuhören und dass sie nichts von
- 1:35ihm annehmen können, findet er nicht nur völlig verständlich,
- 1:39sondern er hält es sogar für das einzig Richtige.
- 1:42Er möchte nämlich auf keinen Fall mit anderen Denkern seiner
- 1:45Zeit verwechselt werden. Und damit er nicht verwechselt
- 1:47wird, muss er strikt darauf achten, dass er sich selbst treu
- 1:50bleibt und sich nicht für den Beifall der aktuellen
- 1:53Gesellschaft verstellt. Nietzsche betont dann, dass er
- 1:56in seinem Leben nur sehr selten echten bösen Willen von anderen
- 1:59Menschen gespürt hat, auch in der Welt der Literatur und der
- 2:03Kritiker kann er sich kaum an bösartige Angriffe gegen seine
- 2:06Person erinnern, womit er jedoch im Überfluss zu kämpfen hat, ist
- 2:10reine menschliche Dummheit. Für Nietzsche ist es eine der
- 2:13allergrößten Auszeichnungen, die ein Mensch sich selbst geben
- 2:16kann, wenn dieser Mensch eines von Nietzsches Büchern in die
- 2:20Hand nimmt. Er verlangt dafür höchsten
- 2:22Respekt und schreibt sehr bildlich, dass man für das Lesen
- 2:25seiner Bücher aus Ehrfurcht eigentlich die Schuhe ausziehen
- 2:28sollte, um dieses nicht verstehen zu verdeutlichen,
- 2:31erzählt er eine kleine Geschichte über einen Bekannten,
- 2:34den Doktor Heinrich von Stein. Dieser hatte sich einmal ehrlich
- 2:38und offen bei Nietzsche beklagt. Dass er absolut kein einziges
- 2:41Wort aus dem Buch Also sprach Zarathustra verstehen würde.
- 2:45Nietzsche antwortete ihm daraufhin, dass das völlig in
- 2:48Ordnung sei, er erklärte ihm, wenn man auch nur 6 Sätze aus
- 2:52diesem Buch wirklich versteht und verstehen bedeutet für
- 2:55Nietzsche, dass man diese Sätze wirklich tief im eigenen Leben
- 2:59erfahren und durchlebt hat, dann würde einen das schon auf eine
- 3:02höhere Stufe der menschlichen Existenz heben, man stünde dann
- 3:06höher, als moderne Menschen es jemals erreichen könnten.
- 3:10Mit diesem starken Gefühl von Überlegenheit und großem Abstand
- 3:13zu seinen Mitmenschen will Nietzsche gar nicht erst den
- 3:15Wunsch haben, von den modernen, also den Menschen seiner eigenen
- 3:19Zeit gelesen zu werden. Er sieht seinen eigenen Sieg und
- 3:23Triumph genau im Gegenteil zu dem des Philosophen Arthur
- 3:27Schopenhauer, während andere gelesen werden wollen, lautet
- 3:30Nietzsches lateinisches Motto Non legor non legar, das
- 3:35bedeutet übersetzt, ich werde nicht gelesen und ich werde auch
- 3:38in Zukunft nicht gelesen werden. Er unterschätzt dabei aber nicht
- 3:42den Spaß, den es ihm macht, wenn Menschen seine Schriften aus
- 3:45völliger Ahnungslosigkeit ablehnen.
- 3:48Er erzählt von einem Vorfall aus dem gleichen Sommer, ein
- 3:52Professor der Berliner Universität riet ihm sehr
- 3:54wohlwollend, er solle doch besser einen anderen Schreibstil
- 3:57wählen, denn so etwas wie Nietzsches Bücher würde einfach
- 4:00niemand lesen. Besonders lustig findet
- 4:03Nietzsche aber 2 extreme Reaktionen.
- 4:05Die nicht aus Deutschland, sondern aus der Schweiz kamen.
- 4:09In der Schweizer Zeitung der Bund erschienen 2 Berichte, die
- 4:13für Nietzsche den absoluten Höhepunkt in seinem Leben
- 4:15darstellen. Was das Unverständnis betrifft.
- 4:18Der erste Artikel war von einem Doktor Wittmann über Nietzsches
- 4:21Buch Jenseits von Gut und Böse, der Artikel trug den Titel
- 4:26Nietzsches Gefährliches Buch Wittmann lobte darin sarkastisch
- 4:30den Mut, mit dem Nietzsche versuche, alle anständigen
- 4:33menschlichen Gefühle abzuschaffen.
- 4:35Der zweite Artikel war von dem Autor Karl Spittler, der
- 4:38Nietzsches Gewaltiges und tiefgründiges Werk Also sprach
- 4:41Zarathustra lediglich als eine höhere Stilübung bezeichnete.
- 4:46Spittler äußerte den Wunsch, dass Nietzsche doch später bitte
- 4:49auch einmal für echten Inhalt sorgen möge.
- 4:52Nietzsche bewundert an diesen Kritiken, wie zielsicher sie die
- 4:55Wahrheit durch eine kleine Tücke des Zufalls genau auf den Kopf
- 4:58stellen, er scherzt, dass man diese Aussagen nur im Sinne
- 5:01seiner eigenen Philosophie umdrehen müsste.
- 5:04Er nennt dies das Umwerten aller Werte.
- 5:07Das ist ein sehr wichtiger Begriff bei Nietzsche und
- 5:10bedeutet, dass alle bisherigen moralischen Regeln, wie zum
- 5:13Beispiel die christlichen Vorstellungen von Gut und böse,
- 5:16radikal zerstört und durch neue, lebensbejahende Maßstäbe ersetzt
- 5:20werden müssen. Wenn man diese Kritiken also
- 5:23umwertet, treffen sie laut Nietzsche genau den Nagel auf
- 5:26den Kopf. Nietzsche erklärt das völlige
- 5:28Unverständnis für seine Bücher mit einer einfachen Lebensregel.
- 5:32Niemand kann aus Dingen oder aus Büchern mehr heraushören als er
- 5:36selbst schon weiß. Wenn jemand für bestimmte Dinge
- 5:39keine eigenen Erfahrungen gesammelt hat, dann hat er auch
- 5:42keinen Zugang dazu und kein Ohr dafür.
- 5:45Nietzsche bittet den Leser, sich einen extremen Fall
- 5:48vorzustellen, ein Buch spricht von lauter Erlebnissen, die so
- 5:52völlig neuartig sind, dass sie außerhalb der Möglichkeit einer
- 5:55normalen menschlichen Erfahrung liegen.
- 5:58Es ist sozusagen die allererste Sprache für eine komplett neue
- 6:01Art von Erfahrungen. In so einem Fall, sagt
- 6:04Nietzsche, hören die Menschen einfach gar nichts, und weil sie
- 6:08nichts hören, verfallen sie der akustischen Täuschung zu
- 6:10glauben, dass da auch überhaupt nichts vorhanden sei, das ist
- 6:15Nietzsches durchschnittliche Erfahrung mit seinen Lesern und
- 6:18gleichzeitig der Beweis für die Originalität seiner Gedanken.
- 6:21Diejenigen Leser, die dachten, sie hätten etwas von ihm
- 6:24verstanden. Haben sich Nietzsche in Wahrheit
- 6:26nur nach ihrem eigenen Vorbild Zurechtgebastelt oft haben sie
- 6:30aus ihm genau das Gegenteil von dem gemacht, was er eigentlich
- 6:33ist. Zum Beispiel machten sie ihn zu
- 6:36einem Idealisten. Ein Idealist ist für Nietzsche
- 6:39jemand, der die harte Realität der Welt verneint und
- 6:42stattdessen an eine erfundene geistige Traumwelt glaubt.
- 6:46Wer Nietzsche hingegen überhaupt nicht verstand, leugnete
- 6:49einfach, dass Nietzsche überhaupt eine Beachtung wert
- 6:51sei. Besonders deutlich wird dieses
- 6:53massive Missverständnis bei einem von Nietzsches
- 6:56berühmtesten Wörtern, dem Übermenschen.
- 7:00Nietzsche benutzt diesen Begriff, um einen ganz neuen
- 7:02Menschentypus zu beschreiben, der das höchste Maß an
- 7:05Lebenskraft, stolz und Gelungenheit besitzt.
- 7:09Dieser Übermensch steht im absoluten Gegensatz zum modernen
- 7:12Menschen, zum sogenannten guten Menschen, zu den Christen und zu
- 7:16anderen Nihilisten. Ein Nihilist ist für Nietzsche
- 7:19ein Mensch, der das irdische Leben abwertet und verneint,
- 7:23meist, weil er an eine Welt nach dem Tod glaubt oder weil er
- 7:26keinen Sinn mehr in der Kraft des Lebens sieht.
- 7:29Der Begriff des Übermenschen wird in Nietzsches Werk von der
- 7:32Figur Zarathustra verwendet, Zarathustra ist bei Nietzsche
- 7:36der große Vernichter der bisherigen Moral.
- 7:38Dennoch, so klagt Nietzsche, wurde das Wort Übermensch von
- 7:42den Lesern in völliger Unschuld genau mit den Werten in
- 7:45Verbindung gebracht, die Zarathustra eigentlich bekämpft.
- 7:48Die Menschen dachten, der Übermensch sei ein
- 7:50idealistischer Typus, eine Art höherer Mensch, der zur Hälfte
- 7:54ein moralischer Heiliger und zur anderen Hälfte ein geistiges
- 7:57Genie ist. Andere gelehrte, Nietzsche nennt
- 8:01sie hier sehr direkt und beleidigend gelehrtes Hornfieh,
- 8:05haben Nietzsche wegen des Begriffs Übermensch verdächtigt.
- 8:08Ein Anhänger des Darwinismus zu sein.
- 8:11Der Darwinismus ist die biologische Theorie von Charles
- 8:14Darwin über die Evolution und das Überleben der am besten
- 8:17angepassten Lebewesen. Nietzsche lehnte dies jedoch für
- 8:20seine Philosophie ab, da sein Übermensch kein biologisches,
- 8:24sondern ein geistiges und willensstarkes Zielbild ist.
- 8:27Wieder andere haben in Nietzsches Werk den Heroenkultus
- 8:31des Schriftstellers Thomas Carlyle Hineingelesen.
- 8:34Carlyle war ein schottischer Autor.
- 8:36Der glaubte, dass die Weltgeschichte ausschließlich
- 8:38durch große, von Gott gesandte Helden gelenkt wird.
- 8:42Nietzsche lehnt Karlail zutiefst ab und nennt ihn wieder Wissen
- 8:45und Willen, einen großen Falschmünzer, also jemanden, der
- 8:49die Wahrheit fälscht, um zu erklären, wie weit das normale
- 8:53Verständnis von seiner wahren Idee des Übermenschen entfernt
- 8:56ist, sagt Nietzsche, wenn er den Leuten ins Ohr flüsterte, sie
- 9:00sollten sich als Vorbild für den Übermenschen doch lieber nach
- 9:03einem Cesare Borgia umsehen, anstatt nach einem Parsifal.
- 9:06Dann würden diese Leute ihren Ohren nicht trauen.
- 9:10Cesare Borgia war ein berüchtigter italienischer
- 9:12Feldherr und Herrscher in der Renaissance, der für seine
- 9:15absolute, rücksichtslose und brutale Machtpolitik bekannt
- 9:18war. Für Nietzsche verkörpert Borgia
- 9:21jedoch reine, ungebrochene Lebenskraft und echten
- 9:24Realitätssinn, Parsifal hingegen ist eine bekannte Figur aus
- 9:28Alten Sagen, ein reiner Tor oder naiver Held, der durch
- 9:33christliches Mitleid erlöst wird.
- 9:35Parsifal steht für Nietzsche für genau die Schwächliche und
- 9:38lebensfeindliche Moral, die er abgrundtief verachtet.
- 9:42Im weiteren Verlauf dieses ersten Abschnitts erklärt
- 9:44Nietzsche, dass er Zeitungsberichte und
- 9:46Besprechungen seiner Bücher ohne jede Neugier ignoriert, er
- 9:50bittet darum, ihm diese Haltung zu verzeihen, seine echten
- 9:54Freunde und seine Verleger wissen das ganz genau und
- 9:56sprechen ihn gar nicht erst auf solche Artikel an, nur in einem
- 10:00einzigen Ausnahmefall bekam er alle Kritiken zu einem seiner
- 10:03Bücher gesammelt, zu Gesicht. Es ging um das Buch jenseits von
- 10:08Gut und böse. Nietzsche findet, er könnte
- 10:10darüber einen sehr amüsanten Bericht schreiben, wieviel
- 10:13Unsinn über dieses Buch verbreitet wurde.
- 10:16Er nennt ein konkretes Beispiel, die Nationalzeitung, eine
- 10:20Zeitung aus Preußen behauptete allen Ernstes, das Buch sei ein
- 10:23Zeichen der Zeit und verkörpere die echte rechte Junker
- 10:27Philosophie. Die Junker waren konservative
- 10:30adelige Großgrundbesitzer im damaligen Preußen, die politisch
- 10:34sehr rückständig dachten. Die Zeitung meinte sogar, der
- 10:37sehr reaktionären und christlichen Kreuzzeitung fehle
- 10:40lediglich der Mut, sich so offen auszudrücken wie Nietzsche, dass
- 10:45sein radikales und elitäres Buch ausgerechnet als die Philosophie
- 10:48des konservativen Landadels verstanden wurde, zeigt für
- 10:51Nietzsche nur ein weiteres Mal die völlige Unfähigkeit seiner
- 10:54Zeitgenossen, ihn zu begreifen. Er selbst liest übrigens, wie er
- 10:58mit einem kleinen Seitenhieb auf das deutsche Publikum anmerkt,
- 11:02ausschließlich die französische Zeitung Journal Dédebar.