Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 186-202
Transcript
- 0:00Unterkapitel 186 schlechtes Gewissen hier dreht Nietzsche
- 0:07die übliche Vorstellung vom schlechten Gewissen um.
- 0:10Normalerweise hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man
- 0:13etwas Verbotenes getan hat. Nietzsche beschreibt aber einen
- 0:16Menschen, der alles brav und ordentlich macht, also alle
- 0:20Regeln befolgt und trotzdem ein schlechtes Gewissen hat, warum,
- 0:25weil seine eigentliche Aufgabe im Leben das außerordentliche
- 0:28ist Sein schlechtes Gewissen rührt daher, dass er sein
- 0:32einzigartiges Potential nicht ausschöpft und stattdessen ein
- 0:36gewöhnliches, angepasstes Leben führt für einen
- 0:39außergewöhnlichen Menschen ist es also eine Art Sünde, nur
- 0:42normal und anständig zu sein, anstatt nach Größe zu streben.
- 0:48Unterkapitel 187 das beleidigende im Vortrage
- 0:54Nietzsche kritisiert hier einen bestimmten Typ von Künstler.
- 0:58Dieser Künstler hat zwar gute Ideen, trägt sie aber auf eine
- 1:01sehr grobe und aufdringliche Art vor.
- 1:04Er benutzt übertriebene Überredungskünste, als ob er zu
- 1:07einer ungebildeten Masse sprechen würde, die man mit
- 1:10einfachen Tricks überzeugen muss.
- 1:12Nietzsche fühlt sich von dieser Art des Vortrags beleidigt, weil
- 1:16sie plump und manipulativ ist. Er sagt, dass man sich nach dem
- 1:19Genuss einer solchen Kunst fühlt, als wäre man in
- 1:22schlechter Gesellschaft gewesen. Es fehlt die Feinheit, der
- 1:26Respekt und die subtile Eleganz, die wahre Kunst ausmachen
- 1:30sollte. Unterkapitel 188 Arbeit
- 1:37Nietzsche stellt fest, wie nahe die Arbeit selbst dem faulsten
- 1:40Menschen von heute steht. Er ironisiert die Aussage, wir
- 1:44alle sind Arbeiter, die zur Zeit des französischen Königs Ludwig
- 1:48des 14. Als eine Beleidigung für den
- 1:50Adel gegolten hätte. Damit kritisiert er die moderne
- 1:54Arbeitsmoral die alle Menschen über einen Kamm schert und die
- 1:57Arbeit als den höchsten Wert ansieht.
- 2:00Früher war es ein Zeichen von Vornehmheit, nicht arbeiten zu
- 2:03müssen, heute hingegen adelt die Arbeit jeden, was für Nietzsche
- 2:08ein Zeichen für den Verfall alter Hierarchien und Werte ist.
- 2:13Unterkapitel 189 der Denker in diesem sehr kurzen Satz
- 2:20definiert Nietzsche einen Denker auf seine eigene Art.
- 2:23Ein Denker ist jemand, der die Dinge einfacher nimmt, als sie
- 2:27sind. Das klingt zunächst
- 2:29widersprüchlich, denn man erwartet, dass ein Denker die
- 2:32Komplexität der Welt erfasst. Nietzsche meint aber, dass ein
- 2:35wahrer Denker die Fähigkeit besitzt, durch das Chaos der
- 2:38Erscheinungen Hindurchzusehen und die grundlegenden einfachen
- 2:41Prinzipien dahinter zu erkennen. Er reduziert die
- 2:45unübersichtliche Vielfalt auf eine klare, verständliche Form
- 2:50Unterkapitel 190. Gegen die lobenden dieses
- 2:56Kapitel ist ein kurzer Dialog. Person A sagt, Man wird nur von
- 3:00seinesgleichen gelobt, Person B stimmt zu und fügt hinzu, Ja und
- 3:06wer dich lobt sagt damit zu dir, du bist meinesgleichen.
- 3:10Die Botschaft ist, dass Lob oft weniger mit der Qualität des
- 3:13Gelobten zu tun hat, sondern mehr mit dem lobenden selbst.
- 3:18Wenn jemand dich lobt, erkennt er in dir etwas von sich selbst
- 3:21wieder. Er bestätigt durch sein Lob
- 3:24seine eigenen Werte, seinen eigenen Geschmack und seine
- 3:27eigene Weltanschauung. Lob ist also oft eine Form der
- 3:31Selbstbestätigung, Unterkapitel, 191 gegen manche Verteidigung,
- 3:41Nietzsche stellt hier eine scharfsinnige Beobachtung an die
- 3:44hinterhältigste Art einer guten Sache zu Schaden, ist sie
- 3:48absichtlich mit schlechten und fehlerhaften Argumenten zu
- 3:51verteidigen. Wenn man eine Idee mit Schwachen
- 3:54oder falschen Gründen verteidigt, macht man sie
- 3:56angreifbar und lächerlich. Die Gegner können diese
- 4:00schlechten Argumente leicht widerlegen und erwecken so den
- 4:03Eindruck, dass die Sache an sich schlecht ist.
- 4:06Eine ungeschickte oder absichtlich schlechte
- 4:08Verteidigung ist also schädlicher als ein direkter
- 4:11Angriff. Unterkapitel 192 die gutmütigen
- 4:19Nietzsche analysiert hier den Charakter von gutmütigen
- 4:22Menschen. Er fragt, was sie von anderen
- 4:24unterscheidet. Seine Antwort ist, dass sie sich
- 4:27in der Gegenwart einer neuen Person sofort wohlfühlen und
- 4:30schnell Zuneigung entwickeln. Ihr erstes Urteil ist immer
- 4:34positiv, sie gefällt mir, doch Nietzsche sieht dahinter einen
- 4:38unbewussten Mechanismus auf diesen ersten positiven Eindruck
- 4:42folgt sofort der Wunsch, die Person zu besitzen, dann die
- 4:46schnelle Aneignung, die Freude am neuen Besitz und schließlich
- 4:50das Handeln zum Wohl des Besessenen.
- 4:52Er deutet damit an, dass selbst die scheinbar selbstlose
- 4:55Gutmütigkeit eine subtile Form des Willens zur Macht ist.
- 4:59Ein Bedürfnis, sich andere Menschen anzueignen und in die
- 5:02eigene Welt zu integrieren. Unterkapitel 193 Kants Witz
- 5:11Nietzsche unterstellt dem Philosophen Immanuel Kant einen
- 5:14heimlichen Witz. Kant wollte auf eine Art, die
- 5:17alle Welt vor den Kopf stößt. Beweisen, dass alle Welt recht
- 5:21hat damit meint Nietzsche, dass Kant die allgemeinen Vorurteile
- 5:25der Menschen zum Beispiel über Moral nicht wirklich widerlegt
- 5:29hat, sondern ihnen nur eine komplizierte philosophische Form
- 5:33gegeben hat. Er schrieb, so Nietzsche, gegen
- 5:37die Gelehrten, um die Vorurteile des Volkes zu verteidigen, aber
- 5:41auf eine so komplizierte Weise, dass nur die Gelehrten es lasen
- 5:45und das Volk es nicht verstand. Der Witz liegt also darin, das
- 5:50gewöhnliche als tiefsinnige Philosophie zu verkaufen.
- 5:54Unterkapitel 194 der offenherzige hier entlarvt
- 6:01Nietzsche den sogenannten offenherzigen Menschen, er sagt,
- 6:05dass dieser Mensch wahrscheinlich immer aus
- 6:06verborgenen Gründen handelt, die Gründe, die er offen auf der
- 6:10Zunge trägt und quasi in der Hand hält, sind nur die, die er
- 6:14mitteilen kann und will. Seine wahren Motive bleiben
- 6:18verschwiegen, seine angebliche Offenheit ist also nur eine
- 6:22Fassade, eine besonders geschickte Art, seine wahren
- 6:25Absichten zu verbergen, indem er belanglose Gründe preisgibt,
- 6:31Unterkapitel 195 zum Lachen Nietzsche zeichnet ein Bild, ein
- 6:39Mensch läuft vor den anderen Menschen weg, doch genau
- 6:42dadurch, dass er vor ihnen wegläuft, folgen sie ihm.
- 6:46Der Grund ist, so Nietzsche, dass Menschen eine Herde sind.
- 6:50Dieses Bild illustriert einen paradoxen Mechanismus der
- 6:53Massenpsychologie, die Herde orientiert sich an Bewegung, wer
- 6:57sich von ihr abwendet und eine eigene Richtung einschlägt, wird
- 7:01paradoxerweise oft zum Anführer, die Herde folgt dem, der sich
- 7:05von ihr distanziert, weil er dadurch interessant und anders
- 7:08wirkt. Unterkapitel 196 Grenze unseres
- 7:14Hörsinns. In diesem einzigen Satz steckt
- 7:18eine tiefe Einsicht über das verstehen.
- 7:21Man hört nur die Fragen auf, welche man imstande ist, eine
- 7:24Antwort zu finden. Das bedeutet, dass wir nur das
- 7:28wirklich als Frage wahrnehmen und verstehen können, wofür wir
- 7:32bereits einen inneren Bezugsrahmen oder eine mögliche
- 7:35Lösungsidee haben, Fragen, die komplett außerhalb unseres
- 7:38Horizonts liegen, verstehen wir gar nicht erst als Fragen.
- 7:43Unser Verständnis ist also durch unser Vorwissen und unsere
- 7:46Denkstrukturen begrenzt. Unterkapitel 197 darum Vorsicht
- 7:56Nietzsche macht hier eine psychologische Beobachtung über
- 7:58Geheimnisse. Er sagt, dass wir nicht so gerne
- 8:02mit anderen Teilen wie das Siegel der Verschwiegenheit und
- 8:05damit auch das Geheimnis selbst, das darunter verborgen ist.
- 8:09Das Bedürfnis, ein Geheimnis zu teilen, ist oft stärker als der
- 8:12Wille, es zu bewahren. Schon die Andeutung, dass man
- 8:15ein Geheimnis hat, schafft eine besondere Bindung und Spannung,
- 8:19oft verraten wir ein Geheimnis gerade dadurch, dass wir
- 8:22betonen, wie geheim es ist, Unterkapitel 198 Verdruss des
- 8:29stolzen der stolze Mensch, so Nietzsche, ärgert sich sogar
- 8:34über diejenigen, die ihm helfen und ihn vorwärts bringen.
- 8:39Er blickt Böse auf die Pferde, die seinen Wagen ziehen.
- 8:42Der Grund dafür ist, dass der stolze seine Stärke und seinen
- 8:45Erfolg ganz sich selbst zuschreiben möchte, die
- 8:49Abhängigkeit von anderen, selbst wenn es Helfer sind, kränkt
- 8:53seinen Stolz, er will keine Pferde, die ihn ziehen, denn das
- 8:57würde bedeuten, dass er es nicht aus eigener Kraft schafft,
- 9:02Unterkapitel 199 Freigebigkeit. Nietzsche behauptet hier, dass
- 9:10Freigebigkeit bei reichen Menschen oft nur eine besondere
- 9:13Art von Schüchternheit ist. Anstatt sich direkt mit anderen
- 9:16Menschen auseinanderzusetzen, was ihnen vielleicht unangenehm
- 9:19ist, nutzen sie ihr Geld, um Distanz zu wahren und sich
- 9:22wohlwollend zu erkaufen. Das geben von Geld ist eine
- 9:26einfache, unpersönliche Art, soziale Verpflichtungen zu
- 9:30erfüllen, ohne sich wirklich auf andere einlassen zu müssen.
- 9:34Es ist eine schüchterne Art, mit der Welt zu interagieren.
- 9:38Unterkapitel 200 Lachen Nietzsche definiert Lachen auf
- 9:45eine schockierende Weise. Lachen heißt schadenfroh sein,
- 9:49aber mit gutem Gewissen. Für ihn ist dem Lachen immer ein
- 9:53Gefühl der Überlegenheit oder der Freude am Missgeschick eines
- 9:56anderen Schadenfreude beigemischt.
- 10:00Der entscheidende Punkt ist das gute Gewissen.
- 10:03Wir lachen, weil die Situation es uns erlaubt, diese
- 10:05Schadenfreude ohne Schuldgefühle zu empfinden.
- 10:09Das kann der harmlose Sturz eines Clowns sein oder das
- 10:12Scheitern eines Gegners. Lachen ist für Nietzsche also
- 10:15kein reiner Ausdruck von Freude, sondern hat seine Wurzeln in
- 10:18einem Gefühl der Macht und Überlegenheit.
- 10:22Unterkapitel 201 im Beifall Beifall, so Nietzsche, ist immer
- 10:29eine Art von Lärm. Das gilt selbst für den Beifall,
- 10:33den wir uns innerlich selbst spenden.
- 10:36Mit Lärm meint er etwas lautes, Unreflektiertes, vielleicht
- 10:40sogar oberflächliches Beifall, ist eine unmittelbare, oft
- 10:44massenhafte Reaktion, selbst wenn wir uns im Stillen selbst
- 10:48auf die Schulter klopfen, hat dieser innere Applaus etwas von
- 10:51diesem lauten, bestätigenden Lärm, der die leisen Zweifel
- 10:55übertönt. Unterkapitel 202 ein
- 11:00Verschwender. Nietzsche beschreibt einen
- 11:03Menschen, der seinen Geist verschwendet, so wie die Natur
- 11:07ihre Kräfte verschwendet. Dieser Mensch hat nicht die
- 11:10Armut des Reichen, der seinen Schatz schon einmal gezählt hat.
- 11:14Der Arme Reiche ist jemand, der seinen Besitz kennt, zählt und
- 11:18ängstlich darüber wacht, der von Nietzsche bewunderte
- 11:22Verschwender hingegen geht großzügig und fast unvernünftig
- 11:25mit seinen geistigen Gaben um. Er erschafft, ohne zu zählen und
- 11:30zu berechnen, ähnlich der verschwenderischen Fülle der
- 11:33Natur. Diese Verschwendung ist für
- 11:36Nietzsche ein Zeichen von wahrem Reichtum und schöpferischer
- 11:39Kraft.