Latest / STAR FM Rocktalk / Campino: Zum Glück lief das Tape weiter
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- Der Starfm Rocktalk, heute mit Campino und 10 Songs für ein Halleluja. Wir nähern uns mit großen Schritten dem Finale von dieser Podcast-Reihe rund um die Toten Hosen. Ich bin Wolfi. Hallo nochmal. Ich durfte ein langes Interview mit Campino führen, das die Grundlage war für diese Reihe. Und wir haben jetzt in dem Zuge schon viele Geschichten gehört, viele Anekdoten gehört, aus fast 45 Jahren Toten Hosen-Geschichte. So viele Höhepunkte, so viele Highlights, so viel Erfolg. Aber mal ehrlich, Campino, auch wenn ihr gewohnt seid, erfolgreich zu sein, denkt man sich da nicht trotzdem immer mal noch zwischendurch, what the fuck, zum Beispiel jetzt mit der Tour, die ganz, ganz, ganz großen Stadien spielen und trotzdem mehr oder weniger alles ausverkaufen? Ja, da fällt mir nur ein Begriff ein. Für das, was ich empfinde, und das ist das Wort Dankbarkeit. Ich habe in diesen 45 Jahren zusammen mit den anderen, wir haben so viele Talente beobachten können, so viele gute Leute getroffen, die unfassbar. Tolle Musik gemacht haben, aber niemals in solche Sphären geraten sind wie wir. Weil das eben auch sehr, sehr viel mit Glück zu tun hat. Ich mag das überhaupt nicht, wenn Künstler sagen, das habe ich jetzt aber auch verdient. Ich finde diesen Begriff, etwas verdient zu haben, sehr problematisch. Ich finde, die Toten Hosen haben in dieser Richtung gar nichts verdient. Wir haben das geschenkt bekommen. Es ist ein Geschenk, das wir vielen Leuten etwas bedeuten und wir sollten damit ganz, ganz vorsichtig umgehen. Ich weiß nicht, warum das so ist, dass wir manchmal Lieder schreiben, die andere Menschen berühren, aber wenn wir diese Gabe schon haben oder geschenkt bekommen haben, man weiß ja nicht, wie lange das so ist, dann wollen wir damit auch vorsichtig sein und demütig und das irgendwie nicht missbrauchen. Lass uns einen Zeitsprung machen, nach 2012 Ballast der Republik, das 15. Album der Toten Hosen, rausgekommen zu einem Zeitpunkt, als ihr natürlich eine der größten deutschen Rockbands überhaupt gewesen seid, nachdem ihr schon einige Jahre auf dem Buckel hattet als Band und trotzdem habt ihr es mit diesem Album irgendwie nochmal geschafft, eine Stufe größer zu werden. Das war für uns alle eine Riesenüberraschung. Hat niemand von uns mitgerechnet. Das ist eine Sache, die wir uns bis heute nicht wirklich erklären können. Dieser Hit, Tage wie diese, der ist uns zugelaufen, der ist uns in den Schoß gefallen. Den haben wir gelöst, wie irgendwelche Kinder einen Zauberwürfel versuchen zu erinnern. Richtig hinzukriegen und plötzlich hast du ihn genau in der Form, in die er gehört, aber du weißt nicht, wie du da hingekommen bist. Du hast den Weg natürlich völlig vergessen. Und so ähnlich ist es uns mit diesem Lied ergangen. Wann war euch klar, dass das so eine große Hymne werden wird? Ich kann mir ja vorstellen, wenn man Songs schreibt und so viel Erfahrung hat und so viele Hits schon gelandet hat, dass man zumindest grundsätzlich einschätzen kann, wie das Potenzial von einer Nummer ist. Dass es die Größenordnung am Ende erreicht, okay, das jetzt vielleicht nicht, aber zumindest wird er regelmäßig im Radio gespielt und so weiter und so fort. Es hat ja, glaube ich, auch ein bisschen gedauert, bis er dann so diesen Einsprung überschritten hat und nicht nur ein großer, gut laufender Song ist, sondern plötzlich eine Hymne für alles und jeden wurde und bei jeder größeren Veranstaltung als Song lief. Wie habt ihr das mitbekommen? Wann war euch klar? Wann war dir klar, wow, das ist unser erfolgreichstes Stück vielleicht überhaupt? Ja, tatsächlich ist dieses Lied fast gar nicht erschienen, weil mir die Erstversion davon überhaupt nicht gefallen hat. Ich fand das Lied sehr langweilig und ich habe dann auch erstmal einen Text geschrieben über Monotonie und über sich ständiges Wiederholen. Und Kuddel und Andi waren sehr unglücklich damit und vor allem Kuddel hat gesagt, hör mal, ich habe das Gefühl, du wirst der Musik dann nicht gerecht. Ich würde dich bitten, da nochmal einen zweiten Versuch zu machen. Das ist nichts, was du da geschrieben hast. Das zieht das Lied so runter. Und ich habe das zwar zur Kenntnis genommen, aber das war für mich noch kein Anlaufpunkt, wirklich zur Tat zu schreiten. Ich habe damals meine Freundin Birgit Minichmeier, die ich kenne seit den Tagen, in der wir zusammen bei der Drei-Groschen-Oper in Berlin gespielt haben, 2006. Das ist eine ganz, ganz tolle Schauspielerin, Film, Theater, sehr bekannt. Und in meinem Leben eine der besten Sprachtänzerinnen, die ich je erlebt habe, die mit Worten so unglaublich gut und stark ist und die ein wahnsinns Gefühl dafür hat, für Pornen, für Timing. Und insofern ist es ein großes Glück für mich, dass ich die immer wieder mal besuchen kann, wenn ich in Zeiten des Zweifels neue Texte geschrieben habe und eine Bewertung davon brauche. So bin ich damals da hingefahren und habe gesagt, es könnte unsere neue Scheibe werden hier in großen Teilen, was hältst du davon? Und dann habe ich mehrere Songs vorgespielt und musste irgendwann auf Toilette gehen. Und dieses Tape lief weiter. Und ich hatte gar nicht beabsicht, ihr diese Version von Tage wie diese vorzuspielen, diesen Song. Und kommt von Toilette zurück und Birgit sagt zu mir, hör mal, also was war denn das jetzt? Und dann habe ich gesagt, ach du, sorry, wollte ich dir gar nicht vorspielen, ist zu lang gelaufen. Und dann sagte sie, nee, nee, nee, das ist doch mit Abstand die beste Musik. Also der Text, da muss natürlich dran gearbeitet werden, der geht so nicht. Aber vom Song her finde ich das am stärksten. Und das war der Moment, wo ich gesagt habe, okay, wenn du willst, dann setzen wir uns dran und machen einen Neuanfang, versuchen die Sache rumzubiegen. Und dann haben Birgit und ich diesen Text zusammengeschrieben an diesem Tag. Und als ich damit nach Hause gekommen bin, den anderen das vorgesungen habe, da ist mir klar gewesen, es hat sich was getan. Kuddel und Andi waren erleichtert, aber dass das so ein großes Ding werden würde, das haben wir uns niemals so vorstellen können. Dann kam die Platte raus, kam die Single raus. Und wann war dir dann klar, das Ding geht richtig steil? Ich saß zu Hause vorm Fernseher. An dem Tag war ein DFB-Pokalspiel. Dortmund hatte gewonnen. Und ich schaute das aktuelle Sportstudio. Und da geht dann plötzlich diese Tür auf und die Spieler kommen in die Sendung reingelaufen und singen an Tagen wie diesen. Und das war der Moment, wo ich dachte, hallo, Da passiert gerade was. Wenn die das auch schon singen. Und so war es auch. Es war plötzlich überall Soundtrack. Es wurde dann bei großen Fußballturnieren gesungen. Auf dem Oktoberfest, es wuchs über uns hinaus. Es ist dann irgendwann explodiert. Und ob wir wollten oder nicht, wir haben einfach nur zugeschaut. Und sich auch genossen. Ich meine, man darf ja ruhig stolz darauf sein, was man da geschaffen hat, oder? Also ich erinnere mich, dass Fortuna Düsseldorf in dem Jahr den Aufstieg gegen Hertha BSC gefeiert hat. Ich war da selber im Stadion. Und nachdem das Spiel gewonnen war, nachdem also klar war, wir steigen auf, da ballerte das aus den Boxen an Tagen wie diesen. Und das ganze Stadion hat das gesungen. Und da war ich echt gerührt. Dass der dann auch nochmal auf die Eins gegangen ist, ist dir sowas wichtig, so als Bestätigung, vielleicht für das eigene Songwriting, für das Können der Band? Oder ist das nur ein netter Nebeneffekt? Wenn ich ehrlich sein darf, bitte. Wir sind das schon sportlich, vor allen Dingen mit den Alben. Da war dann schon so der Ehrgeiz, komm, jetzt wollen wir es auch auf die Eins schaffen. Das ist zwar nur eine Spielerei, ein völliger Blödsinn, also ob du jetzt zwei oder eins bist, aber das ist genau so eine Sache, wo wir Bock drauf haben und wo wir sagen, wo wir wirklich genervt werden, nur auf Platz zwei zu landen oder so. Das muss dann schon das Ziel sein, wenn wir eine neue Scheibe rausbringen. Wir haben uns nie als Singleband gesehen, deshalb, das war dann tatsächlich eher so eine Sache, wo man sagt, ist ja ganz nett, aber bei den Alben haben wir das ernster gesehen. Mittlerweile habt ihr einen beachtlichen Musikkatalog, so viele Alben, Singles und Songs und in der Presse gibt es jetzt immer wieder die Nachrichten von Bands, die so ihr komplett schaffen, verkaufen für unendlich viel Geld. Ist sowas auch mal eine Option für die Toten Hosen? Naja, ähm. Das ist immer dasselbe Spiel. Jemand bietet dir eine große Summe Geld, für deine Rechte, wenn du sie abgibst, musst du überlegen, ist dieses Angebot, was die mir machen, werden wir das eventuell überbieten durch unsere Performance, dann verkaufst du es lieber nicht. Oder denkst du, das ist so viel Geld, das kriege ich im normalen Leben niemals, kann ich mir nicht vorstellen, also ergreife ich jetzt hiermit die Chance. Das wird sich bei jeder Künstlerin, jedem Künstler so abspielen, wenn so ein Angebot auf dem Tisch liegt. Uns wurde das natürlich auch angeboten. Wir bevorzugen das aber bisher so, wir wollen die Rechte bei uns haben, wir sind da nicht nervös. Hör dir die Playlist an, hör dir die Songs an zur Podcast-Reihe mit Campino über die Geschichte der Toten Hosen, haben wir dir in der Caption verlinkt. Eine Folge gibt es jetzt noch, die 10, das Grande Finale rund um das neue Album, das so schwierig war in der Herstellung. Mal wieder, schau dir die Doku zum Album an, wenn du da noch tiefer einsteigen möchtest. Aber am Ende konnte man es ja zum Glück trotzdem mit einem richtigen Happy End abschließen. Und das war ein unheimlich schöner Moment aus Zufall. Das waren unsere Freunde, die mit uns versammelt dann diesen Abend gefeiert haben. Wir haben getrunken und die Platte gehört und alle waren irgendwie gut drauf und glücklich. Und das werde ich für mein Leben mitnehmen. Das war der wirklich schönste Moment.