Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Achtes Hauptstück - 473-477
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- 0:00Unterkapitel 473 der Sozialismus in Hinsicht auf seine Mittel in
- 0:08diesem Abschnitt setzt sich Friedrich Nietzsche kritisch mit
- 0:10dem Sozialismus auseinander. Er beschreibt den Sozialismus
- 0:14als den jüngeren Bruder des Despotismus, unter Despotismus
- 0:18versteht man eine Herrschaftsform, in der ein
- 0:20einzelner Herrscher oder eine kleine Gruppe uneingeschränkte
- 0:23Macht ausübt und oft willkürlich regiert.
- 0:26Nietzsche sagt, der Sozialismus wolle dieses Erbe antreten.
- 0:30Er sei im tiefsten Sinne reaktionär, also
- 0:32rückschrittlich, weil er sich eine Fülle an Staatsgewalt
- 0:35wünscht, wie sie selbst der Despotismus nie besessen hat.
- 0:39Der Sozialismus geht sogar noch weiter als alles vergangene, er
- 0:42strebt die formale Vernichtung des Individuums an, für den
- 0:46Sozialismus erscheint der einzelne Mensch wie ein
- 0:48ungerechtfertigter Luxus der Natur, der Mensch soll durch den
- 0:52Sozialismus zu einem zweckmäßigen Werkzeug der
- 0:54Gemeinschaft umgeformt werden. Nietzsche erklärt, dass der
- 0:57Sozialismus oft in der Nähe von sehr großen Machtentfaltungen
- 1:01auftaucht. Er vergleicht dies mit dem alten
- 1:04Philosophen Plato, der sich am Hofe eines sizilianischen
- 1:07Tyrannen aufhielt. Der Sozialismus wünscht sich
- 1:10einen starken Cäsarischen Gewaltstaat, also einen Staat
- 1:13mit einer fast diktatorischen Führung, weil er hofft, dessen
- 1:17Erbe zu werden, aber selbst diese macht würde dem
- 1:20Sozialismus nicht reichen. Er braucht eine Unterwerfung
- 1:23aller Bürger unter den Staat, die so absolut ist, wie es sie
- 1:26noch nie gegeben hat. Da der Sozialismus aber nicht
- 1:30mehr auf die alte religiöse Ehrfurcht vor dem Staat zählen
- 1:32kann, muss er unbewusst daran arbeiten, alle bestehenden
- 1:36Staaten zu beseitigen, er kann sich nur kurzzeitig Hoffnung auf
- 1:40Erfolg machen, und zwar durch extremen Terrorismus, deshalb
- 1:44bereitet er sich im Stillen auf Schreckensherrschaften vor, er
- 1:48treibt die halbgebildeten Massen dazu an.
- 1:50Das Wort Gerechtigkeit wie eine Waffe zu benutzen, um Ihnen den
- 1:53Verstand zu rauben und Ihnen ein gutes Gewissen für ihr böses
- 1:57Spiel zu geben. Nietzsche sieht im Sozialismus
- 2:00aber auch einen Nutzen, er kann dazu dienen, die Gefahr von zu
- 2:03viel Staatsgewalt sehr brutal und deutlich zu lehren.
- 2:08Dadurch flößt er Misstrauen gegen den Staat selbst ein, wenn
- 2:11die raue Stimme des Sozialismus ruft, so viel Staat wie möglich,
- 2:15dann wird dieser Ruf zwar lauter als je zuvor.
- 2:18Aber bald dringt auch das Gegenteil durch.
- 2:20So wenig Staat wie möglich Unterkapitel 474 die Entwicklung
- 2:28des Geistes vom Staate gefürchtet hier blickt Nietzsche
- 2:33auf das antike Griechenland, genauer gesagt auf die
- 2:36griechische Polis, die Polis war der Stadtstaat der Antike, in
- 2:40dem die Bürger ihr politisches Leben organisierten.
- 2:43Nietzsche stellt fest, dass die Polis wie jede organisierende
- 2:46politische Macht misstrauisch gegenüber dem Wachstum der
- 2:49Bildung war. Ihr eigentlicher Antrieb war es,
- 2:52Bildung eher zu lähmen und zu hemmen, die Polis wollte nicht,
- 2:56dass Geschichte oder Bildung sich frei entwickeln, sie
- 2:59wollte, dass die einmal im Staatsgesetz festgelegte
- 3:02Erziehung für alle Generationen gilt und auf einer Stufe stehen
- 3:06bleibt. Nietzsche erwähnt, dass auch der
- 3:08Philosoph Plato dies später für seinen idealen Staat so wollte.
- 3:13Trotzdem entwickelte sich in der Polis die Bildung weiter.
- 3:16Dies geschah jedoch indirekt und gegen den Willen des Staates.
- 3:20Die Polis reizte den Ehrgeiz des Einzelnen so stark an, dass
- 3:23dieser, wenn er einmal auf den Weg der geistigen Ausbildung
- 3:26geraten war, auch hier bis ins Extrem ging.
- 3:30Nietzsche warnt davor, die berühmte Grabrede des
- 3:32Staatsmannes Perikles als Beweis für das Gegenteil zu nehmen,
- 3:36Perikles behauptete, dass es einen notwendigen Zusammenhang
- 3:39zwischen der Polis und der hohen athenischen Kultur gebe.
- 3:43Für Nietzsche ist das eine große, optimistische Täuschung.
- 3:47Der Geschichtsschreiber Thukydides lässt diese Rede kurz
- 3:50vor dem Untergang Athens aufleuchten wie ein Verklärendes
- 3:53Abendrot, bei dem man den schlimmen Tag vergessen soll,
- 3:56der vorausgegangen ist die Pest und der Abbruch der Tradition
- 4:00beendeten diesen Traum, kurz darauf Unterkapitel 475 der
- 4:07europäische Mensch und die Vernichtung der Nationen.
- 4:11Nietzsche beschreibt in diesem Abschnitt die Entstehung eines
- 4:14neuen Menschentyps durch Handel, Industrie, den Austausch von
- 4:18Büchern und Briefen sowie die Gemeinsamkeit der höheren
- 4:21Kultur. Entsteht eine Situation, in der
- 4:23die Menschen ihre Bindung an einen festen Ort verlieren.
- 4:26Er nennt dies das jetzige Nomadenleben aller, nicht
- 4:29Landbesitzer diese Umstände führen zwangsläufig zu einer
- 4:33Schwächung und schließlich zur Vernichtung der Nationen,
- 4:36zumindest der europäischen, es entsteht eine Mischrasse.
- 4:40Der europäische Mensch diesem Ziel wirkt der nationale Hass,
- 4:45also die Feindseligkeit zwischen den Nationen, entgegen.
- 4:48Nietzsche nennt diesen Nationalismus künstlich und
- 4:51gefährlich, er ist ein gewaltsamer Notstand, der von
- 4:54wenigen Herrschern über viele verhängt wird und list, Lüge und
- 4:58Gewalt braucht, um zu bestehen, nicht das Interesse der vielen
- 5:01Menschen treibt diesen Nationalismus an, sondern vor
- 5:04allem das Interesse bestimmter Fürstenfamilien und bestimmter
- 5:07Klassen aus Handel und Gesellschaft.
- 5:10Wer dies erkannt hat, sollte sich ohne Scheu als guten
- 5:12Europäer bezeichnen und durch sein Handeln an der
- 5:15Verschmelzung der Nationen arbeiten.
- 5:17Nietzsche merkt an, dass die Deutschen hierbei durch ihre
- 5:20alte Fähigkeit, Dolmetscher und Vermittler zwischen den Völkern
- 5:23zu sein, helfen können. In diesem Zusammenhang spricht
- 5:27Nietzsche auch ausführlich über die Juden, er sagt, das Problem
- 5:30der Juden existiert nur innerhalb der nationalen
- 5:33Staaten, hier werden ihre Tatkraft und ihre höhere
- 5:36Intelligenz oft als bedrohlich empfunden.
- 5:39Diese Eigenschaften haben sie in einer langen Leidensgeschichte
- 5:41von Generation zu Generation angesammelt.
- 5:44Nietzsche kritisiert, dass die Juden oft als Sündenböcke für
- 5:47alle möglichen öffentlichen und inneren Missstände herhalten
- 5:50müssen, wenn es aber nicht mehr um die Erhaltung von Nationen
- 5:54geht, sondern um die Erzeugung einer kräftigen europäischen
- 5:57Mischrasse, dann ist der Jude als Bestandteil ebenso brauchbar
- 6:00und erwünscht wie jeder andere. Nietzsche fordert, dass man bei
- 6:04einer Gesamtabrechnung nicht vergessen darf, was Europa den
- 6:07Juden verdankt. Er nennt den edelsten Menschen,
- 6:11womit er Christus meint, den reinsten Weisen, womit er
- 6:14Spinoza meint. Das mächtigste Buch, also die
- 6:17Bibel und das wirkungsvollste Sittengesetz der Welt.
- 6:21Zudem waren es im dunklen Mittelalter jüdische Freidenker,
- 6:24Gelehrte und Ärzte, die das Banner der Aufklärung hoch
- 6:27hielten, sie halfen dabei, Europa wieder mit der Vernunft
- 6:31und der Kultur der Antike zu verbinden.
- 6:33Nietzsche sagt, die Juden haben wesentlich dabei geholfen, den
- 6:36Westen, den Okzident. Immer wieder geistig zu erneuern
- 6:40und ihn im besten Sinne griechisch zu machen.
- 6:43Unterkapitel 467 scheinbare Überlegenheit des Mittelalters
- 6:51in diesem Unterkapitel vergleicht Nietzsche das
- 6:53Mittelalter mit der neueren Zeit.
- 6:55Das Mittelalter zeigt in der Kirche eine Einrichtung mit
- 6:58einem universalen Ziel, das die gesamte Menschheit umfasst.
- 7:01Zudem ging es scheinbar um das höchste Interesse der Menschen,
- 7:04nämlich das Seelenheil. Im Gegensatz dazu wirken die
- 7:08Ziele der modernen Staaten und Nationen kleinlich, niedrig,
- 7:12materiell und räumlich beschränkt.
- 7:15Dieser Eindruck täuscht jedoch unser Urteil.
- 7:18Nietzsche erklärt, dass die Kirche Bedürfnisse befriedigte,
- 7:21die auf Einbildungen beruhten, wie zum Beispiel das Bedürfnis
- 7:24nach Erlösung von Sünden, wo diese Bedürfnisse nicht
- 7:27vorhanden waren, musste die Kirche sie erst erzeugen, die
- 7:31neuen Einrichtungen, also die modernen Staaten, helfen
- 7:34hingegen bei wirklichen Notzuständen.
- 7:37Nietzsche glaubt, dass die Zeit kommen wird, in der
- 7:39Institutionen entstehen, die den gemeinsamen wahren Bedürfnissen
- 7:43aller Menschen dienen. Das phantastische Vorbild der
- 7:46katholischen Kirche wird dann in Vergessenheit geraten unter
- 7:51Kapitel 477 der Krieg unentbehrlich Nietzsche äußert
- 7:58hier einen Gedanken, der auf den ersten Blick hart wirkt, er hält
- 8:01den Krieg für notwendig. Er sagt, es sei bloße
- 8:04Schwärmerei zu glauben, dass die Menschheit schon so weit sei,
- 8:07auf Kriege zu verzichten. Im Moment kennen wir noch keine
- 8:11anderen Mittel, um müde werdenden Völkern wieder Energie
- 8:14zu geben. Der Krieg bringt eine raue
- 8:16Energie, einen tiefen, unpersönlichen Hass und eine
- 8:20Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen.
- 8:22Im Krieg darf man zerstören und vernichten.
- 8:26Diese gewaltige Erschütterung ist notwendig, um der Kultur
- 8:29neue Kraft zu geben, aus den Bächen und Strömen des Krieges.
- 8:33Die zwar Steine und Schmutz mit sich reißen und zarte Kulturen
- 8:36zerstören, werden später die Räder in den Werkstätten des
- 8:39Geistes mit neuer Kraft angetrieben.
- 8:42Die Kultur kann auf Leidenschaften, Laster und
- 8:45Bosheiten noch nicht verzichten, Nietzsche gibt historische
- 8:48Beispiele als die Römer der Kriege müde wurden, versuchten
- 8:53sie durch Tierhetzen und gladiatorenkämpfe neue Kraft zu
- 8:56gewinnen. Die Engländer seiner Zeit, die
- 8:58dem Krieg scheinbar abgesagt hatten, suchten Ersatz in
- 9:01gefährlichen Entdeckungsreisen und Abenteuern, um überschüssige
- 9:04Kraft aus der Gefahr mit nach Hause zu bringen.
- 9:07Nietzsche folgert daraus, dass eine hochkultivierte Menschheit
- 9:10wie die der heutigen Europäer den Krieg braucht, und zwar
- 9:14nicht nur kleine Kriege, sondern die größten und furchtbarsten,
- 9:18also zeitweilige Rückfälle in die Barbarei.
- 9:21Ohne diese würde die Menschheit an ihrer eigenen Kultur ihre
- 9:24Lebenskraft verlieren und zugrunde gehen.