Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 20 - Das Zeichen
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter
- 0:03Teil. Letztes Unterkapitel 20 das
- 0:07Zeichen am Morgen nach der Nacht mit seinen Gästen wacht
- 0:12Zarathustra früh auf, er springt aus seinem Bett, bindet sich
- 0:16seinen Gürtel um und tritt aus seiner Höhle heraus, er ist
- 0:19voller Energie, glühend und stark, ganz so wie eine
- 0:23Helleuchtende Morgensonne, die hinter dunklen Bergen
- 0:26hervorkommt. Er spricht zu der Sonne und
- 0:29verwendet dabei genau die gleichen Worte, die er ganz am
- 0:32Anfang seiner langen Reise gesprochen hatte.
- 0:34Er nennt die Sonne ein großes Gestirn und fragt sie, was ihr
- 0:38ganzes Glück eigentlich wert wäre, wenn es nicht die Menschen
- 0:41gäbe, denen sie ihr Licht schenkt.
- 0:44Zarathustra vergleicht sich selbst mit dieser Sonne, er
- 0:47stellt fest, dass seine Gäste, die er die höheren Menschen
- 0:50nennt, noch immer in seiner Höhle schlafen, mit dem Begriff
- 0:54der höheren Menschen, meint Nietzsche.
- 0:56Personen, die zwar erkannt haben, dass die alten Werte und
- 0:59Traditionen der Gesellschaft hohl und bedeutungslos geworden
- 1:02sind, die aber nicht die Stärke haben, neue eigene Werte zu
- 1:06erschaffen. Sie sind auf halbem Weg stehen
- 1:09geblieben, leiden an der Welt und verfallen oft in
- 1:12Verzweiflung. Zarathustra bemerkt, dass sein
- 1:15eigenes kraftvolles Erwachen am Morgen für diese höheren
- 1:18Menschen kein Weckruf ist. Sie verstehen die Zeichen seines
- 1:21neuen morgens nicht und sind noch nicht bereit für seine
- 1:24Lehren. Zarathustra wendet sich nun
- 1:26seinem eigenen Werk und seinem neuen Tag zu.
- 1:30Er hört den lauten und scharfen Ruf seines Adlers am Himmel und
- 1:33weiß sogleich, dass seine Tiere wach sind.
- 1:36Sein Adler und seine Schlange sind bei ihm, der Adler steht
- 1:39bei Nietzsche für den stolzen, Weitsichtigen Mut und die
- 1:42Schlange steht für die bodenständige Klugheit und
- 1:45Weisheit. Zarathustra ist froh, dass seine
- 1:48Tiere bei ihm sind, da sie die Wahrheit erkennen und das Licht
- 1:52ehren. Er stellt jedoch fest, dass ihm
- 1:54immer noch die richtigen menschlichen Begleiter fehlen,
- 1:57die seiner würdig sind. Plötzlich geschieht etwas
- 2:01Ungewöhnliches, Zarathustra hört ein lautes Geräusch von
- 2:05unzähligen Flügeln, ein gewaltiger Schwarm von Vögeln
- 2:09umkreist ihn, es sind so viele, dass er geblendet die Augen
- 2:12schließen muss, es fühlt sich an, als würde eine dichte Wolke
- 2:16aus Pfeilen auf ihn herabregnen, aber es ist eine weiche Wolke
- 2:20der Liebe. Als er mit den Händen nach den
- 2:23Vögeln greifen will, um sie abzuwehren, berührt er
- 2:26unerwartet etwas ganz anderes. Er fast tief in ein dichtes,
- 2:30warmes Fell. Im gleichen Moment hört er das
- 2:32sanfte, lange und friedliche Brüllen eines Löwen, als es vor
- 2:37seinen Augen wieder hell wird, sieht er, was zu ihm gekommen
- 2:40ist. Ein mächtiger gelber Löwe liegt
- 2:43direkt zu seinen Füßen, der Löwe schmiegt seinen schweren Kopf an
- 2:47zarathustras Knie. Und verhält sich wie ein treuer
- 2:49Hund, der seinen alten Meister voller Liebe wiedergefunden hat.
- 2:53Die Tauben, die den Löwen begleiten, zeigen keinerlei
- 2:55Angst vor dem Raubtier, sie umschwärmen ihn und der Löwe
- 2:59schüttelt lachend seinen Kopf, wenn eine Taube im Flug über
- 3:02seine Nase streift. Dieses gemeinsame Auftreten von
- 3:05Tauben und Löwe ist von größter Bedeutung und stellt das
- 3:08titelgebende Zeichen dar, der Löwe symbolisiert in Nietzsches
- 3:12Philosophie die reine Kraft, den eigenen starken Willen und die
- 3:16Fähigkeit. Alte und bedrückende Werte zu
- 3:18zerstören. Die Tauben hingegen stehen für
- 3:21den Frieden, die zärtliche Liebe und die Leichtigkeit.
- 3:25Zusammen zeigen sie, dass Zarathustras Lehren nun ihre
- 3:28vollkommene Reife erreicht haben, die wilde, zerstörerische
- 3:32Kraft des Löwen hat sich mit der sanften Liebe der Tauben
- 3:35vereint, genau diese friedvolle Verschmelzung von Stärke und
- 3:38Liebe ist die zwingende Voraussetzung für die nächste
- 3:41und höchste Stufe der Menschheit.
- 3:44Zarathustra ist zutiefst bewegt von diesem Anblick.
- 3:47Er sagt nur einen einzigen Satz zu sich selbst, in welchem er
- 3:50feststellt, dass seine Kinder nun nahe sind.
- 3:53Danach wird er völlig stumm, sein Herz öffnet sich so weit,
- 3:57dass Tränen aus seinen Augen direkt auf seine Hände fallen,
- 4:00während er regungslos dasitzt und sich nicht mehr gegen die
- 4:04Tiere wehrt. Der starke Löwe leckt ihm sanft
- 4:07die Tränen ab, wenn Zarathustra hier von seinen Kindern spricht,
- 4:11meint er damit keine leiblichen Nachkommen.
- 4:14Er spricht von seinen geistigen Erben.
- 4:16Das sind die Menschen der Zukunft, die seine Lehren
- 4:18wirklich verstanden haben und die durch ihr Handeln den Weg
- 4:21für den Übermenschen bereiten werden.
- 4:24Der Übermensch ist Nietzsches Idealbild und die Vision eines
- 4:27zukünftigen Menschen, der alle bisherigen moralischen Fesseln
- 4:30und religiösen Vorgaben abgeworfen hat.
- 4:33Der Übermensch bejaht das irdische Leben mit all seinen
- 4:36Leiden und Freuden absolut und erschafft aus seiner eigenen
- 4:39Schöpferkraft völlig neue Werte. Diese innige und friedliche
- 4:43Szene dauert eine ganze Weile an.
- 4:46In der Zwischenzeit wachen die höheren Menschen im Inneren der
- 4:49Höhle auf, sie schließen sich zusammen und wollen gemeinsam
- 4:52nach draußen gehen, um Zarathustra ihren Morgengruß zu
- 4:55überbringen, da sie bemerkt haben, dass er nicht mehr bei
- 4:58ihnen ist. Doch als sie an den Eingang der
- 5:01Höhle kommen, hört der Löwe ihre Schritte, sofort wendet sich das
- 5:05mächtige Tier von Zarathustra ab.
- 5:08Der Löwe stürmt mit einem wilden, ohrenbetäubenden Gebrüll
- 5:11auf den Höhleneingang los. Die höheren Menschen erschrecken
- 5:15angesichts dieser gewaltigen Naturgewalt fürchterlich, sie
- 5:19schreien alle gleichzeitig, aufwenden sich sofort zur Flucht
- 5:23und verschwinden im Bruchteil einer Sekunde wieder im Dunkel
- 5:26der Höhle. Zarathustra sitzt zunächst wie
- 5:29betäubt da, er wundert sich und fragt sich, was gerade passiert
- 5:33ist. Dann kommt ihm die Erinnerung
- 5:35zurück. Er erinnert sich an den
- 5:37vorherigen Morgen und an den Wahrsager, der ihm eine große
- 5:40Not und eine tiefe Traurigkeit prophezeit hatte.
- 5:44Der Wahrsager wollte Zarathustra zu seiner allerletzten Sünde
- 5:47verführen diese letzte Sünde ist für Zarathustra das Mitleiden,
- 5:52der Begriff des Mitleidens wird von Nietzsche über das gesamte
- 5:55Werk hinweg sehr negativ bewertet, Mitleid ist für ihn
- 5:59keine gute Tugend, sondern eine gefährliche Schwäche, wer
- 6:02Mitleid empfindet, der leidet nur passiv mit dem anderen mit.
- 6:06Was das gesamte Leid in der Welt einfach nur verdoppelt und den
- 6:09Menschen schwächt. Außerdem entzieht das Mitleid
- 6:12dem Leidenden die notwendige eigene Kraft und würde, um sein
- 6:15Schicksal aus eigener Stärke heraus zu überwinden.
- 6:18Zarathustra erkennt in diesem klaren Moment endgültig, dass
- 6:21die höheren Menschen nur eine Prüfung für ihn waren, er musste
- 6:25lernen, sein Mitleid mit ihnen endgültig zu überwinden, weil
- 6:29sie eben nicht die wahren Erben seiner Zukunft sind, er springt
- 6:32auf sein Gesicht, wird hart wie Erz.
- 6:35Und er ruft laut, dass die Zeit des Mitleidens mit den höheren
- 6:38Menschen ein für allemal vorbei ist.
- 6:41Sein eigenes vergangenes Leid und sein eigenes Mitleid
- 6:44bedeuten ihm nun nichts mehr. Er sucht nicht nach einem
- 6:48bequemen persönlichen Glück, sondern er trachtet von nun an
- 6:51nur noch nach der Vollendung seines großen Werkes.
- 6:55Er spürt in jeder Faser seines Körpers, dass er nun vollständig
- 6:58reif geworden ist, das Zeichen des Löwen ist erschienen, seine
- 7:02geistigen Kinder sind nahe. Und seine wahre Stunde hat
- 7:06geschlagen. Er ruft in Triumphierender
- 7:08Freude den großen Mittag herbei, der große Mittag ist ein
- 7:12weiterer zentraler Schlüsselbegriff in Nietzsches
- 7:15Philosophie, er beschreibt den historischen Moment der
- 7:18absoluten Helligkeit, der höchsten Erkenntnis und der
- 7:21reinsten Klarheit, es ist der größte Wendepunkt in der
- 7:24Entwicklung der Menschheit, an dem der Mensch klar erkennt,
- 7:27dass er nur ein Übergang ist und dass das eigentliche Ziel der
- 7:30Übermensch ist. Am großen Mittag steht die Sonne
- 7:34am Allerhöchsten, es gibt keine werfenden Schatten mehr, sondern
- 7:37nur noch die reine, kraftvolle und bejahende Kraft des Lebens.
- 7:42Zarathustra ruft voller Kraft aus, dass sein Morgen nun da ist
- 7:45und sein Tag beginnt. Mit diesen Worten verlässt
- 7:48Zarathustra seine Höhle, er tritt hinaus in die Welt,
- 7:52glühend und stark, genau wie eine strahlende Morgensonne, die
- 7:56aus den dunklen Bergen majestätisch emporsteigt.