Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 253-264
Transcript
- 0:00Unterkapitel 253 immer zu Hause Nietzsche sinniert hier über das
- 0:07Reisen und das Erreichen von Zielen.
- 0:10Er beschreibt, dass wir Menschen oft stolz darauf sind, welch
- 0:13lange reisen wir unternommen haben, um ein Ziel zu erreichen,
- 0:16doch in Wahrheit, so meint er, haben wir gar nicht gemerkt,
- 0:20dass wir gereist sind. Der Grund dafür ist, dass wir
- 0:23auf unseren Reisen nie wirklich von uns selbst wegkommen, wir
- 0:27bleiben immer wir selbst. Wenn wir dann endlich unser Ziel
- 0:31erreichen, fühlen wir uns einfach nur wieder zu Hause.
- 0:35Wir haben nicht wirklich einen fremden Ort entdeckt, sondern
- 0:38sind nur so weit gekommen, dass wir uns an einem neuen Ort in
- 0:41einer neuen Situation wieder mit uns selbst wohlfühlen.
- 0:45Die Reise ist also weniger eine Bewegung im Raum, sondern eine
- 0:49innere Entwicklung, das Ziel ist nicht ein äußerer Ort, sondern
- 0:53ein Zustand, in dem man wieder in Harmonie mit sich selbst ist.
- 0:56Also zu Hause. Unterkapitel 254 gegen die
- 1:04Verlegenheit dieser sehr knappe Gedanke formuliert eine einfache
- 1:09Beobachtung über den Zustand der Verlegenheit oder Befangenheit.
- 1:14Nietzsche stellt fest, Wer immer tief beschäftigt ist, ist über
- 1:17alle Verlegenheit hinaus. Damit meint er, dass ein Mensch,
- 1:21der völlig in eine Aufgabe, eine Tätigkeit oder einen Gedanken
- 1:25vertieft ist. Keine Zeit und keine Energie hat
- 1:29sich verlegen oder unsicher zu fühlen.
- 1:32Die tiefe Konzentration auf eine Sache schirmt ihn von den
- 1:35sozialen Unsicherheiten und dem Gefühl der Selbstbeobachtung ab,
- 1:39die Verlegenheit oft auslösen. Intensive Beschäftigung ist also
- 1:43ein wirksames Mittel gegen soziale Befangenheit,
- 1:48Unterkapitel, 255 Nachahmer dieses Kapitel ist als kurzer
- 1:55Dialog geschrieben. Person A fragt, wie du willst,
- 2:00keine Nachahmer, Person B antwortet, Ich will nicht, dass
- 2:04man mir etwas nachmache ich will, dass jeder sich etwas
- 2:07vormache, dasselbe was ich tue Person a fragt daraufhin also
- 2:15die Antwort von Person B enthält den Kern von Nietzsches
- 2:18Botschaft, Er möchte keine einfachen Nachahmer oder
- 2:21Schüler, die seine Lehren nur kopieren.
- 2:24Stattdessen ist sein Ziel, andere Menschen dazu zu
- 2:26inspirieren, selbst zu Schöpfern zu werden.
- 2:29Sie sollen sich selbst etwas vormachen, also ihre eigenen
- 2:33Werte, ihre eigenen Ziele und ihren eigenen Weg erschaffen,
- 2:37genauso wie er es für sich selbst tut, das also, was am
- 2:43Ende deutet an, dass diese Haltung für viele unverständlich
- 2:46ist, da die meisten Anführer oder Denker genau das Gegenteil
- 2:50wollen, treue Anhänger. Nietzsche aber will die Menschen
- 2:54zur Selbstständigkeit und zum eigenen Schaffen erziehen.
- 2:58Unter Kapitel 256 Hautlichkeit Nietzsche beschreibt hier eine
- 3:06Eigenschaft von Menschen, die er als tiefgründig ansieht, er
- 3:10meint, dass diese Menschen ihr Glück darin finden, sich wie
- 3:13fliegende Fische zu verhalten, also gelegentlich aus der Tiefe
- 3:16aufzutauchen und an der Oberfläche zu spielen.
- 3:20Sie schätzen an den Dingen gerade, dass sie eine Oberfläche
- 3:23haben. Für dieses Phänomen erfindet
- 3:25Nietzsche das Wort Hautlichkeit, abgeleitet von Haut.
- 3:29Es beschreibt die Fähigkeit, die Oberfläche, den Schein, die
- 3:33äußere Form wertzuschätzen, ohne immer sofort in die Tiefe bohren
- 3:37zu müssen. Für Nietzsche ist dies kein
- 3:40Zeichen von Oberflächlichkeit, sondern im Gegenteil ein Zeichen
- 3:44von Stärke und Tiefe. Nur wer die Tiefen kennt.
- 3:48Kann die Leichtigkeit der Oberfläche wirklich genießen?
- 3:52Es ist eine Kunst, nicht immer alles analysieren zu müssen,
- 3:55sondern die Dinge einfach in ihrer Schönheit und Erscheinung
- 3:58zu nehmen. Unterkapitel 257 aus der
- 4:05Erfahrung hier formuliert Nietzsche einen Gedanken über
- 4:10den Wert eines Menschen, er sagt.
- 4:13Mancher weiß nicht, wie reich er ist, bis er erfährt, was für
- 4:16reiche Menschen an ihm noch zu Dieben werden.
- 4:19Das bedeutet, dass man seinen eigenen inneren Reichtum, also
- 4:23seine Ideen, seinen Charakter, seine Einzigartigkeit oft erst
- 4:28dann erkennt, wenn man sieht, dass andere, oft mächtige und
- 4:32angesehene Menschen versuchen, sich diese Eigenschaften
- 4:34anzueignen oder sie zu stehlen. Der Wert einer Person oder ihrer
- 4:39Gedanken zeigt sich also nicht nur darin, was sie selbst
- 4:42besitzt. Sondern auch darin, was andere
- 4:45in ihr Sehen und begehren, wenn andere beginnen, deine Ideen zu
- 4:49kopieren oder deinen Stil zu imitieren, ist das ein Zeichen
- 4:53für deinen wahren Reichtum. Unterkapitel 258 die Leugner des
- 5:00Zufalls ein kurzer und prägnanter Satz, kein Sieger
- 5:05glaubt an den Zufall Nietzsche beobachtet hier, dass Menschen,
- 5:09die Erfolg haben oder einen Sieg erringen.
- 5:12Dazu neigen, diesen Erfolg nicht dem Zufall oder dem Glück
- 5:16zuzuschreiben. Stattdessen sehen Sie ihn als
- 5:19unausweichliches Ergebnis ihrer eigenen Kraft, ihres Willens,
- 5:23ihres Talents oder sogar ihres Schicksals.
- 5:27Ein Sieger interpretiert die Vergangenheit so, dass sein Sieg
- 5:30notwendig und verdient war, die Rolle des reinen Zufalls, der
- 5:34genauso gut zu einer Niederlage hätte führen können, wird dabei
- 5:38ausgeblendet. Erfolg schafft im Nachhinein das
- 5:41Gefühl der Notwendigkeit. Unterkapitel 259 aus dem
- 5:48Paradiese Nietzsche legt hier der Schlange aus der biblischen
- 5:53Schöpfungsgeschichte einen provokanten Satz in den Mund.
- 5:56Gut und Böse sind die Vorurteile Gottes, mit diesem Satz kehrt er
- 6:01die traditionelle Deutung der Geschichte um, normalerweise
- 6:05steht die Schlange für das Böse und die Verführung.
- 6:08Bei Nietzsche wird sie zu einer Figur der Weisheit und der
- 6:12Aufklärung. Sie enthüllt, dass die
- 6:14moralischen Kategorien gut und böse keine ewigen universellen
- 6:19Wahrheiten sind, stattdessen sind sie nur die persönlichen
- 6:22Vorurteile oder die subjektive Meinung Gottes.
- 6:26Damit greift Nietzsche eine seiner zentralen Ideen auf, die
- 6:30Umwertung aller Werte, er stellt die Grundlagen der Moral in
- 6:34Frage und deutet an, dass das, was wir für absolute Wahrheiten
- 6:37halten. Vielleicht nur die Perspektive
- 6:40eines Mächtigen ist. Unterkapitel 260 Einmaleins in
- 6:48diesem Aphorismus denkt Nietzsche über die Entstehung
- 6:51von Wahrheit nach. Er stellt Fest, einer hat immer
- 6:55Unrecht, aber mit zweien beginnt die Wahrheit.
- 6:58Ein einzelner Mensch mit seiner Perspektive allein kann keine
- 7:01Wahrheit für sich beanspruchen, seine Sicht bleibt immer
- 7:05subjektiv und isoliert. Wahrheit ist für Nietzsche
- 7:08etwas, das im Zwischenmenschlichen entsteht.
- 7:11Erst wenn eine zweite Person hinzukommt, entsteht ein Raum
- 7:15für Dialog, für Bestätigung oder Widerlegung.
- 7:19Er fügt hinzu, Einer kann sich nicht beweisen, aber zweie kann
- 7:23man bereits nicht widerlegen, eine einzelne Person kann ihre
- 7:27eigene Wahrheit nicht objektiv beweisen, aber 2 Menschen, die
- 7:31eine gemeinsame Sicht teilen oder sich auf eine Perspektive
- 7:34einigen, schaffen eine Realität. Die von außen nicht mehr so
- 7:38leicht zu widerlegen ist. Wahrheit ist also für Nietzsche
- 7:42ein soziales und perspektivisches Phänomen.
- 7:45Unterkapitel, 261 Originalität Nietzsche fragt, Was ist
- 7:53Originalität, seine Antwort lautet Etwas sehen, das noch
- 7:57keinen Namen trägt, noch nicht genannt werden kann, ob es
- 8:00gleich vor aller Augen liegt. Originalität bedeutet für ihn
- 8:05nicht, etwas völlig Neues aus dem Nichts zu erschaffen.
- 8:08Vielmehr ist es die Fähigkeit, etwas wahrzunehmen, das zwar für
- 8:12alle sichtbar ist, aber bisher unbemerkt oder unbeachtet blieb.
- 8:16Der originelle Mensch ist derjenige, der diesem
- 8:19unbenannten einen Namen gibt, er schließt mit dem Gedanken, die
- 8:23Originalen sind zumeist auch die Namengeber gewesen, indem sie
- 8:28etwas benennen, machen sie es für alle anderen erst wirklich
- 8:31sichtbar und greifbar. Originalität ist also eine Tat
- 8:35der Wahrnehmung und der Sprache. Unterkapitel 262 Sub Spezie
- 8:42Eterni der Titel bedeutet unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit
- 8:49das Kapitel ist ein kurzer Dialog, Person A sagt, du
- 8:53entfernst dich immer schneller von den Lebenden, bald werden
- 8:57sie dich aus ihren Listen streichen, Person B antwortet.
- 9:01Es ist das einzige Mittel, um an dem Vorrecht der Toten
- 9:04teilzuhaben. Person a fragt, an welchem
- 9:08Vorrecht Person B erwidert, nicht mehr zu sterben.
- 9:13In diesem Dialog beschreibt Nietzsche den Preis, den ein
- 9:15Denker oder Künstler für die Ewigkeit seines Werkes zahlen
- 9:18muss, um etwas Zeitloses zu schaffen, muss man sich von den
- 9:21vergänglichen Sorgen und Beziehungen der Lebenden
- 9:24distanzieren. Man muss für die Gegenwart
- 9:27gewissermaßen sterben. Dieses Sterben für die Gegenwart
- 9:32ist der Weg, um das Privileg der Toten zu erlangen, nicht mehr
- 9:36sterben zu können. Denn das Werk, das man schafft,
- 9:39überdauert die eigene sterbliche Existenz und wird unsterblich.
- 9:44Es ist ein Tausch von Gelebtem Leben gegen ewige Geltung,
- 9:48Unterkapitel, 263 ohne Eitelkeit.
- 9:55Hier analysiert Nietzsche die Motivation hinter dem Wunsch, in
- 9:58einer Liebesbeziehung perfekt zu erscheinen.
- 10:01Er sagt, wenn wir lieben, so wollen wir, dass unsere Mängel
- 10:04verborgen bleiben. Der entscheidende Punkt ist
- 10:08aber, warum wir das wollen. Es geschieht nicht aus
- 10:11Eitelkeit, also nicht um unser eigenes Ego zu schützen und gut
- 10:15dazustehen. Der wahre Grund ist, dass wir
- 10:18nicht wollen, dass der geliebte Mensch durch unsere Fehler und
- 10:21Schwächen leiden muss. Der Liebende möchte für den
- 10:25anderen sogar wie ein Gott erscheinen, also perfekt und
- 10:28makellos sein. Aber auch dieses Streben nach
- 10:32Göttlichkeit kommt nicht aus Eitelkeit, sondern aus dem
- 10:35tiefen Wunsch, den geliebten Menschen vor jeder Enttäuschung
- 10:39und jedem Schmerz zu bewahren, unter Kapitel 264 was wir tun
- 10:48ein sehr pessimistischer und kurzer Gedanke über die
- 10:51menschliche Urteilskraft. Was wir tun, wird nie
- 10:54verstanden, sondern immer nur gelobt und getadelt.
- 10:59Nietzsche meint, dass die Menschen sich selten die Mühe
- 11:01machen, die komplexen Gründe, Absichten und Umstände einer
- 11:05Handlung wirklich zu verstehen. Stattdessen greifen sie sofort
- 11:09zu einer einfachen moralischen Bewertung.
- 11:11Eine Handlung wird entweder als gut und damit gelobt oder als
- 11:15schlecht und damit getadelt eingestuft.
- 11:18Ein echtes tiefes Verständnis für die Tat eines anderen
- 11:21Menschen findet kaum statt. Die Welt reagiert auf Handlungen
- 11:25nicht mit Analyse, sondern mit oberflächlichem Lob oder Tadel.