Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 275-281
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- 0:00Unterkapitel, 275, Zyniker und Epikorea in diesem Unterkapitel
- 0:07vergleicht Nietzsche 2 verschiedene Lebenshaltungen,
- 0:09die beide eine Reaktion auf die Schmerzen und Bedürfnisse sind,
- 0:12die eine hohe Kultur und Bildung mit sich bringen.
- 0:16Ein hochkultivierter Mensch empfindet oft mehr leid und hat
- 0:18mehr Bedürfnisse als ein einfacher Mensch.
- 0:21Zuerst beschreibt er den Zyniker, der Name leitet sich
- 0:25von einer antiken philosophischen Strömung ab, die
- 0:27Bedürfnislosigkeit predigte. Der Zyniker erkennt, dass viele
- 0:32unserer Meinungen darüber, was schön passend oder erfreulich
- 0:35ist, auch Quellen von Leid sein können.
- 0:38Wenn man diese Meinungen aufgibt, gewinnt man Freiheit.
- 0:42Der Zyniker geht diesen Weg konsequent, er zieht sich von
- 0:45der Kultur zurück und härtet sich ab, er nähert sich dem
- 0:48Zustand eines Haustieres an, das keine höheren Sorgen hat, dabei
- 0:53empfindet er Freude am Gegensatz, er genießt es, über
- 0:56die Kultur und ihre Zwänge zu schimpfen.
- 0:58Er steht sozusagen nackt im Wind und härtet sich ab, bis er
- 1:02nichts mehr fühlt. Demgegenüber stellt Nietzsche
- 1:05den Epikorea auch dieser Begriff stammt aus der antiken
- 1:09Philosophie und bezeichnet jemanden, der nach Seelischem
- 1:11Frieden und Genuss sucht. Der Epikorea hat den gleichen
- 1:16Ausgangspunkt wie der Zyniker, er sieht, dass Kulturleiden
- 1:19schafft, aber er ist von einem anderen Temperament, er ist
- 1:23sanfter. Er nutzt seine hohe Bildung, um
- 1:26sich innerlich von den herrschenden Meinungen
- 1:28unabhängig zu machen. Er steht über den Dingen,
- 1:31während der Zyniker alles verneint und ablehnt, Negation
- 1:34erhebt sich der Epikorea darüber, Nietzsche beschreibt
- 1:38ihn so, dass er in Windstillen, geschützten Gängen wandelt, er
- 1:42hört den Wind nur draußen in den Wipfeln der Bäume sausen, dieser
- 1:45Wind verrät ihm, wie stürmisch und unruhig die Welt draußen
- 1:48ist. Aber er selbst bleibt geschützt
- 1:51und genießt seine Ruhe. Er verachtet die Welt nicht wie
- 1:55der Zyniker, sondern er distanziert sich vornehm von
- 1:58ihr. Unterkapitel, 276, Mikrokosmos
- 2:04und Makrokosmos der Kultur Nietzsche erklärt hier, dass die
- 2:09besten Entdeckungen über Kultur dann gemacht werden, wenn ein
- 2:12Mensch sie in sich selbst findet.
- 2:14Stellen wir uns einen Menschen vor, in dem 2 sehr
- 2:17unterschiedliche Kräfte wirken. Zum Beispiel liebt er die Kunst
- 2:21oder die Musik sehr leidenschaftlich, wird aber
- 2:24gleichzeitig vom strengen Geist der Wissenschaft und Forschung
- 2:27angetrieben. Diese beiden Bereiche, Kunst und
- 2:30Wissenschaft, widersprechen sich oft, die Kunst liebt Illusionen,
- 2:35die Wissenschaft will die nackte Wahrheit, wenn dieser Mensch es
- 2:38nun schafft, diesen Widerspruch nicht dadurch zu lösen, dass er
- 2:41eine Seite vernichtet, sondern beide in sich bestehen lässt,
- 2:45passiert etwas Großes. Er muss ein riesiges Gebäude der
- 2:49Kultur in sich selbst errichten, damit beide Kräfte darin wohnen
- 2:52können, auch wenn sie an verschiedenen Enden dieses
- 2:54Gebäudes leben. Zwischen ihnen braucht es
- 2:57vermittelnde Kräfte, die bei einem Streit schlichten können.
- 3:01Nietzsche nennt einen solchen Menschen einen Mikrokosmos der
- 3:04Kultur, Mikrokosmos bedeutet kleine Welt dieser einzelne
- 3:09Mensch spiegelt in sich den Makrokosmos, also die große Welt
- 3:13der gesamten Kulturentwicklung über lange Zeiträume wider.
- 3:17Denn auch in der großen Geschichte der Menschheit war es
- 3:19die Aufgabe, widerstreitende Kräfte wie Religion, Kunst,
- 3:23Wissenschaft und Staat irgendwie miteinander zu versöhnen oder
- 3:27zumindest so zuordnen, dass sie nebeneinander existieren können,
- 3:30ohne sich gegenseitig zu zerstören.
- 3:33Der einzelne Mensch lernt also an sich selbst, wie Kultur im
- 3:36Großen funktioniert, Unterkapitel 277 Glück und
- 3:43Kultur. Dieses Kapitel beschreibt eine
- 3:47sentimentale Erfahrung. Nietzsche schildert den Anblick
- 3:51von Orten unserer Kindheit, das Gartenhaus, die Kirche mit den
- 3:54Gräbern, der Teich und der Wald. Wenn wir diese Orte wiedersehen,
- 3:59packt uns oft das Mitleid mit uns selbst.
- 4:01Wir sehen, wie sehr wir uns verändert haben und wieviel wir
- 4:04seitdem gelitten haben, die Orte und Gegenstände stehen immer
- 4:08noch ruhig und ewig da, aber wir sind innerlich bewegt und
- 4:11unruhig geworden. Wir entdecken dort vielleicht
- 4:14Menschen, die sich nicht verändert haben, zum Beispiel
- 4:17Bauern oder Waldbewohner, die immer noch so leben wie damals.
- 4:21Sie wirken auf uns so beständig wie ein Eichenbaum.
- 4:24Nietzsche sagt, dass dieses erschüttert sein und das
- 4:27Selbstmitleid, das wir angesichts dieser niederen, also
- 4:30einfacheren Kultur empfinden, ein Zeichen dafür ist, dass wir
- 4:34eine höhere Kultur erreicht haben.
- 4:37Wir haben uns weiterentwickelt, aber, und das ist der
- 4:40entscheidende Punkt. Diese Weiterentwicklung bedeutet
- 4:43nicht, dass wir glücklicher geworden sind.
- 4:46Daraus folgt der Schluss, wenn jemand vor allem Glück und
- 4:49behagen im Leben sucht, dann sollte er der höheren Kultur und
- 4:52Bildung lieber aus dem Weg gehen, denn die höhere Kultur
- 4:55bringt Unruhe, Veränderung und das Bewusstsein von Leid mit
- 4:59sich, während die niedere Kultur in ihrer Beständigkeit ruht.
- 5:04Unterkapitel 278 Gleichnis vom Tanze.
- 5:11Nietzsche nutzt hier ein Bild, ein Gleichnis, um das Ideal
- 5:15einer großen Kultur zu beschreiben.
- 5:17Er sagt, dass man heute einen Menschen dann als Zeichen großer
- 5:20Kultur betrachten kann, wenn er sowohl Stärke als auch
- 5:24Biegsamkeit besitzt. Dieser Mensch muss einerseits
- 5:27fähig sein, rein und streng zu erkennen, das bedeutet, er muss
- 5:31die Welt mit den klaren, nüchternen Augen der
- 5:34Wissenschaft und der Wahrheit sehen können.
- 5:37Andererseits muss dieser Mensch aber auch fähig sein, in anderen
- 5:40Momenten der Poesie, der Religion und der Metaphysik
- 5:44sozusagen einen Vorsprung zu geben.
- 5:47Er muss fähig sein, ihre Gewalt und ihre Schönheit
- 5:50nachzuempfinden, auch wenn er weiß, dass sie wissenschaftlich
- 5:53gesehen vielleicht nicht wahr sind, das ist eine sehr
- 5:57schwierige Position, die Wissenschaft neigt dazu, alles
- 6:01andere beherrschen zu wollen, wenn man dem wissenschaftlichen
- 6:04Drang nicht nachgibt. Besteht die Gefahr, dass man
- 6:07schwach wird und hin und her schwankt?
- 6:10Um dieses Problem zu lösen, führt Nietzsche das Gleichnis
- 6:13vom Tanze ein. Ein Tanz ist nicht dasselbe wie
- 6:16ein müdes Hin und Hertaumeln ein Tanz ist kontrollierte Bewegung,
- 6:20Kraft und Eleganz, die hohe Kultur soll also wie ein kühner
- 6:24Tanz sein, man bewegt sich spielerisch zwischen der
- 6:27strengen Erkenntnis und dem künstlerischen Empfinden hin und
- 6:30her, dafür braucht man aber sehr viel Kraft und Geschmeidigkeit.
- 6:34Um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
- 6:38Unterkapitel 279 von der Erleichterung des Lebens in
- 6:44diesem Abschnitt gibt Nietzsche einen Rat, wie man sich das
- 6:47Leben leichter machen kann. Er empfiehlt das Idealisieren,
- 6:51um zu erklären, was er damit meint, zieht er einen Vergleich
- 6:54zur Malerei heran, ein Maler möchte, dass der Betrachter sein
- 6:58Bild nicht zu genau und nicht zu scharf ansieht, wenn man mit der
- 7:02Nase direkt vor der Leinwand klebt.
- 7:04Sieht man nur Pinselstriche und farbspritzer, aber nicht das
- 7:07Bild der Maler zwingt den Betrachter also in eine gewisse
- 7:11Ferne, nur aus einem bestimmten Abstand wirkt das Bild schön und
- 7:15stimmig, der Betrachter muss auch eine gewisse Unschärfe
- 7:18akzeptieren, damit die Illusion funktioniert.
- 7:21Nietzsche sagt nun, genauso sollten wir es mit unserem
- 7:25eigenen Leben und den Menschen um uns herum machen, wer sein
- 7:29Leben idealisieren will, also es schöner und besser sehen will.
- 7:33Als es vielleicht im Detail ist, der darf es nicht zu genau
- 7:35betrachten. Er muss den Blick in eine
- 7:38gewisse Entfernung bannen. Man muss lernen, über kleine
- 7:41Fehler und hässliche Details hinwegzusehen, um das große
- 7:44Ganze als gelungenes Bild zu sehen.
- 7:47Nietzsche erwähnt den Dichter Johann Wolfgang von Goethe als
- 7:50jemanden, der dieses Kunststück hervorragend beherrschte,
- 7:54Unterkapitel, 280, Erschwerung als Erleichterung und umgekehrt.
- 8:02Nietzsche spielt hier mit dem Gedanken, dass das, was uns
- 8:04belastet, uns auch helfen kann und umgekehrt.
- 8:09Vieles, was auf einer niedrigeren Stufe der
- 8:11menschlichen Entwicklung das Leben schwer macht, dient einer
- 8:14höheren Stufe, Menschen, die weiterentwickelt sind, kennen
- 8:18oft noch viel stärkere Erschwerungen und Lasten des
- 8:21Lebens, diese Lasten sind aber notwendig für ihr Wachstum,
- 8:25umgekehrt kann etwas, das eigentlich erleichtern soll, zur
- 8:28Fessel werden. Nietzsche nennt hier die
- 8:31Religion als Beispiel. Die Religion hat ein doppeltes
- 8:34Gesicht, es kommt darauf an, wie der Mensch zu ihr steht.
- 8:38Blickt ein Mensch zu ihr hinauf, weil er Trost sucht, dann nimmt
- 8:41die Religion ihm seine Last und seine Not ab, sie erleichtert
- 8:45sein Leben, sieht ein Mensch jedoch auf sie hinab, das heißt,
- 8:49er ist geistig eigentlich schon weiterentwickelt und möchte
- 8:52höher steigen, forschen und frei denken, dann wirkt die Religion
- 8:57wie eine Fessel. Sie legt ihn an die Kette und
- 9:00hindert ihn daran, zu hoch in die Lüfte zu steigen.
- 9:03Was für den einen eine Hilfe ist, ist für den anderen ein
- 9:06Gefängnis. Unterkapitel 281 die höhere
- 9:12Kultur wird notwendig missverstanden in diesem
- 9:16Abschnitt, erklärt Nietzsche, warum Menschen mit einer
- 9:19sogenannten höheren Bildung oft von anderen Menschen falsch
- 9:22eingeschätzt werden, er benutzt dafür ein Bild aus der Musik.
- 9:26Er sagt, dass manche Menschen wie ein Instrument sind, das nur
- 9:292 Saiten hat. Damit meint er zum Beispiel
- 9:32Gelehrte, die nur 2 Dinge in sich tragen, ihren Drang nach
- 9:36Wissen und eine anerzogene religiöse Einstellung.
- 9:40Diese Menschen können Menschen nicht verstehen, deren
- 9:42Instrument mehr Saiten hat, also Menschen, die eine komplexere,
- 9:46vielseitigere Bildung besitzen. Es liegt in der Natur der Sache,
- 9:50dass eine höhere, vielseitigere Kultur von einer niedrigeren
- 9:53Kultur immer falsch gedeutet wird.
- 9:56Nietzsche gibt Beispiele dafür, wenn eine Kunstform als eine
- 10:00versteckte Art von Religion angesehen wird, ist das ein
- 10:03Missverständnis. Genauso verhält es sich, wenn
- 10:06religiöse Menschen glauben, dass Wissenschaft eigentlich nur eine
- 10:09andere Art der Suche nach religiösen Gefühlen sei.
- 10:12Er vergleicht das mit Taubstummen, die Musik sehen,
- 10:15aber nicht hören können, diese würden Musik vielleicht nur als
- 10:18sichtbare Bewegung interpretieren, weil ihnen der
- 10:21Sinn für den Klang fehlt. Genauso fehlt Menschen der
- 10:24niederen Kultur. Der Sinn für die Feinheiten der
- 10:27höheren Kultur?