Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 224-227
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- 0:00Unterkapitel 224 Veredelung durch Entartung in diesem
- 0:07Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit der Frage, wie
- 0:09sich eine Gesellschaft oder ein Volk weiterentwickelt und
- 0:12verbessert. Er blickt dafür in die
- 0:14Geschichte zurück. Nietzsche sagt, dass ein Volk am
- 0:18besten und stabilsten bleibt, wenn die meisten Menschen darin
- 0:20einen starken Gemeinsinn haben, das bedeutet, dass alle fest an
- 0:24die gleichen Grundsätze glauben und diese nicht diskutieren oder
- 0:27in Frage stellen. Das führt zu einer starken,
- 0:30gefestigten Sitte und einem festen Charakter der Menschen.
- 0:34Der Vorteil ist Stabilität der Nachteil ist jedoch, dass die
- 0:37Menschen dadurch allmählich dümmer oder geistig starrer
- 0:40werden. Jede Stabilität wirft einen
- 0:43Schatten der Verdummung, hier kommt nun ein überraschender
- 0:46Gedanke von Nietzsche, der Fortschritt kommt nicht von den
- 0:50starken und angepassten, sondern von den Menschen, die er als
- 0:54unsicherer, schwächer und moralisch weniger gefestigt
- 0:57beschreibt. Er nennt diesen Vorgang
- 0:59Entartung. Damit meint Nietzsche hier nicht
- 1:02etwas rein Negatives, sondern das Abweichen von der Norm.
- 1:07Es sind Menschen, die aus der Reihe tanzen, die Neues und
- 1:10vielerlei Ausprobieren. Nietzsche erklärt das so viele
- 1:14dieser abweichenden Menschen scheitern wegen ihrer Schwäche
- 1:16und gehen unter, aber im Allgemeinen lockern sie den
- 1:20festen Zusammenhalt der Gesellschaft auf, sie fügen dem
- 1:23stabilen Gemeinwesen sozusagen eine Wunde zu.
- 1:27Genau an dieser verletzten schwachen Stelle passiert dann
- 1:29etwas Neues. Nietzsche vergleicht das mit
- 1:32einer Inokulierung das ist ein Begriff aus der Medizin und
- 1:37bedeutet so viel wie Impfung oder Veredelung bei Pflanzen.
- 1:41Das gesamte Wesen der Gesellschaft muss noch stark
- 1:43genug sein, um dieses neue Fremde in sich aufzunehmen und
- 1:47zu verarbeiten. Das Fazit dieses Kapitels ist
- 1:50also, überall dort, wo ein Fortschritt stattfinden soll.
- 1:54Sind Menschen nötig, die aus der Art schlagen oder Entarten,
- 1:59bevor ein großer Schritt nach vorne gemacht werden kann, muss
- 2:02die alte Stärke teilweise geschwächt werden.
- 2:05Es braucht also 2 Typen von Menschen für die Entwicklung,
- 2:08die stärksten Naturen, sie erhalten den Typus und die
- 2:11Stabilität, die schwächeren Naturen, sie helfen dabei, das
- 2:15Alte aufzubrechen und Neues zu entwickeln, Unterkapitel 225
- 2:21Freigeist, ein relativer Begriff.
- 2:25In diesem Abschnitt erklärt Nietzsche, was man unter einem
- 2:28Freigeist versteht und dass dieser Begriff immer davon
- 2:31abhängt, womit man ihn vergleicht.
- 2:33Ein Freigeist ist für Nietzsche jemand, der anders denkt, als
- 2:37man es von ihm erwartet, man erwartet von einem Menschen
- 2:40bestimmte Ansichten aufgrund seiner Herkunft, seiner
- 2:43Umgebung, seines Standes oder seines Berufes.
- 2:47Wer sich von diesen Erwartungen und den herrschenden Ansichten
- 2:50seiner Zeit löst, wird Freigeist genannt.
- 2:53Die meisten Menschen sind das Gegenteil davon.
- 2:55Nietzsche nennt sie gebundene Geister, sie sind die Regel, der
- 3:00Freigeist ist die Ausnahme, die gebundenen Geister werfen dem
- 3:04Freigeist oft vor, dass er seine freien Ansichten nur deshalb
- 3:07hat, weil er auffallen will, sucht, aufzufallen oder weil er
- 3:12handlungsfähig sein möchte in Bereichen, die die Moral
- 3:14eigentlich verbietet. Sie unterstellen ihm also
- 3:17schlechte Motive oder geistige Verrücktheit.
- 3:20Nietzsche verteidigt den Freigeist.
- 3:22Er sagt, solche Vorwürfe kommen aus der Bosheit der anderen.
- 3:27Der Freigeist hat oft einen schärferen Verstand und einen
- 3:30besseren Intellekt als die anderen, man kann ihm sein gutes
- 3:34Gehirn oft regelrecht im Gesicht ansehen.
- 3:37Es gibt 2 Wege, wie man zum Freigeist werden kann, und
- 3:40Nietzsche hält beide für ehrlich.
- 3:42Es ist dabei egal, ob die Ansichten des Freigeistes am
- 3:45Ende wahrer oder richtiger sind als die der gebundenen Geister.
- 3:51Entscheidend ist für Nietzsche nicht das Ergebnis, sondern der
- 3:54Weg dorthin. Das wichtige bei der Erkenntnis
- 3:57der Wahrheit ist, dass man sie wirklich hat.
- 4:00Es kommt nicht drauf an, aus welchem Grund man sie gesucht
- 4:02hat oder auf welchem Weg man sie gefunden hat.
- 4:06Nietzsche stellt klar, wenn die Freigeister recht haben, dann
- 4:10haben die gebundenen Geister Unrecht.
- 4:12Dabei ist es völlig egal, ob der Freigeist vielleicht aus
- 4:15unmoralischen Gründen zur Wahrheit gelangt ist.
- 4:18Während die gebundenen Geister nur aus purer Gewohnheit an der
- 4:21Unwahrheit festhalten, das Wesen des Freigeistes besteht also
- 4:25nicht darin, dass er zwangsläufig die richtigeren
- 4:28Ansichten hat. Sein Wesen ist, dass er sich vom
- 4:31herkömmlichen, also von der Tradition und der Gewohnheit
- 4:35gelöst hat, ob ihm das Glück bringt oder ob er scheitert, ist
- 4:39dabei nicht garantiert, normalerweise hat er jedoch die
- 4:42Wahrheit oder zumindest den Geist der Wahrheitsforschung auf
- 4:45seiner Seite. Er verlangt Gründe für das, was
- 4:48er glauben soll, während die anderen einfach nur glauben,
- 4:51ohne nach Gründen zu fragen. Unterkapitel 226 Herkunft des
- 4:58Glaubens hier untersucht Nietzsche, warum die gebundenen
- 5:03Geister die Menschen, die an Traditionen festhalten, ihre
- 5:07Meinung eigentlich haben. Er sagt, der gebundene Geist
- 5:11nimmt seine Haltung nicht ein, weil er Gründe dafür hat,
- 5:14sondern aus purer Gewohnheit. Nietzsche nennt ein Beispiel.
- 5:18Ein Christ ist christlich, weil er in einer christlichen
- 5:21Umgebung lebt, er ist nicht Christ, weil er verschiedene
- 5:24Religionen geprüft und sich dann für die Beste entschieden hätte.
- 5:29Genauso ist es mit der Nationalität.
- 5:31Ein Engländer ist Engländer aufgrund seiner Geburt nicht
- 5:34durch eine Wahl, das Christentum und das Engländer sein wurden
- 5:38vorgefunden und angenommen, so wie jemand der in einer
- 5:42Weingegend geboren wird, zum Weintrinker wird.
- 5:45Erst später, wenn dieser Mensch schon Christ oder Engländer ist,
- 5:48sucht er vielleicht nach Gründen für seine Gewohnheit.
- 5:51Wenn man diese Gründe dann widerlegt oder Umwirft, ändert
- 5:54das aber nichts an seiner Haltung, er bleibt bei seiner
- 5:57Gewohnheit, weil sie nicht auf diesen Gründen basiert, sondern
- 6:01auf der Gewohnheit selbst. Nietzsche schlägt ein Experiment
- 6:05vor, man soll einen gebundenen Geist zwingen, Gründe gegen eine
- 6:08traditionelle Regel vorzubringen, zum Beispiel gegen
- 6:11die Bigamie Doppelehe. Dann wird man merken, ob sein
- 6:15Eifer für die Monogamie ehe mit nur einem Partner auf echten
- 6:19Argumenten beruht oder nur auf reiner Gewohnheit.
- 6:22Nietzsche definiert Glauben in diesem Zusammenhang sehr
- 6:25nüchtern die Angewöhnung von geistigen Grundsätzen ohne
- 6:28Gründe nennt man glauben Unterkapitel 227 aus den Folgen
- 6:35aufgrund und ungrund Zurückgeschlossen.
- 6:39In diesem Unterkapitel kritisiert Nietzsche die Art und
- 6:42Weise, wie die Gesellschaft und der Staat ihre
- 6:44Existenzberechtigung begründen. Alle Ordnungen der Gesellschaft,
- 6:48egal ob es Umstände, ehe, Erziehung oder Recht geht,
- 6:52beziehen ihre Kraft und Dauer nur aus dem Glauben der
- 6:55gebundenen Geister an sie, das bedeutet, sie existieren, weil
- 7:00die Menschen nicht nach Gründen fragen und keine Gründe
- 7:02verlangen, die gebundenen Geister wollen gar nicht
- 7:05zugeben, dass sie ohne Gründe glauben.
- 7:08Sie empfinden das Fragen nach dem warum als etwas Schamhaftes,
- 7:12das man nicht tut. Nietzsche kritisiert das
- 7:15Christentum dafür, dass es diesen Blinden Glauben gefördert
- 7:18hat. Es hat verlangt, dass man glaubt
- 7:21und das Verlangen nach Beweisen abgelehnt.
- 7:24Stattdessen hat es auf den Erfolg verwiesen, glaubt und ihr
- 7:28werdet selig werden. Genauso macht es der Staat oder
- 7:31ein Vater bei der Erziehung seines Sohnes.
- 7:34Sie sagen, halte diese Meinung für wahr.
- 7:37Und du wirst spüren, wie gut dir das tut.
- 7:41Das bedeutet im Klartext die Wahrheit einer Meinung soll
- 7:44dadurch bewiesen werden, dass sie dem Einzelnen persönlich
- 7:47nützt. Die Nützlichkeit soll
- 7:49garantieren, dass die Sache richtig ist.
- 7:52Nietzsche vergleicht das mit einer Gerichtsszene, ein
- 7:55Angeklagter sagt zum Richter, mein Verteidiger sagt die volle
- 7:59Wahrheit, denn schauen sie nur, was aus seiner Rede folgt, ich
- 8:03werde freigesprochen. Das positive Ergebnis, der
- 8:06Freispruch, macht die Aussage des Verteidigers aber nicht
- 8:09automatisch wahr, weil die gebundenen Geister ihre
- 8:12Grundsätze nur haben, weil diese ihnen nützen, vermuten sie auch
- 8:15beim Freigeist nichts anderes. Sie denken, der Freigeist
- 8:19vertritt seine freien Ansichten auch nur, weil er sich davon
- 8:22einen Vorteil verspricht, wenn die gebundenen Geister aber
- 8:25merken, dass die Ansichten des Freigeistes ihnen selbst schaden
- 8:29könnten, dann schließen sie daraus sofort, diese Ansichten
- 8:33müssen falsch sein. Denn sie sind schädlich für uns.
- 8:37Nietzsche entlarvt hier einen Denkfehler, nur weil etwas
- 8:40nützlich oder angenehm ist, ist es nicht wahr und nur weil etwas
- 8:44schädlich oder unangenehm ist, ist es nicht falsch.
- 8:48Die Menschen verwechseln die Folgen einer Sache mit der
- 8:51Begründung für die Sache.