Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 12
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- 0:01Kapitel 12 der Befund es kam nicht wie ein Schlag.
- 0:05Das war die erste Lüge, die der Körper erzählte.
- 0:08Theo hatte ein Leben lang geglaubt, ein Herz, das aufhört,
- 0:12kündige sich an wie ein Faustschlag, jäh, eindeutig, ein
- 0:15Schmerz mit einem Ausrufezeichen, stattdessen kam
- 0:18ein Druck, ein Gewicht. Etwas legte sich hinter das
- 0:21Brustbein an die Stelle, für die es nie einen Namen gegeben
- 0:24hatte. Die Stelle, an der er seit
- 0:26Monaten die Kälte gespürt hatte, das Flattern, das Stechen im
- 0:29Husten, und er hatte sie immer für etwas anderes gehalten, für
- 0:32Trauer, für das Alter, für den Winter.
- 0:35Jetzt drückte sie wie eine Hand, die langsam Zugriff wie ein
- 0:40Buch, das sich auf seine Brust legte und schwerer wurde, Seite
- 0:43um Seite, er stand in der Küche, er hatte gerade Wasser
- 0:47aufgesetzt. Der Arm wurde schwer, der Linke
- 0:50schwer und fremd, als gehöre er einem anderen.
- 0:53Der Kiefer schmerzte, was unsinnig war, der Kiefer Schweiß
- 0:58trat aus, kalt, sofort am ganzen Körper, ein Schweiß, der nichts
- 1:02mit Wärme zu tun hatte, er setzte sich, das war wichtig, er
- 1:07setzte sich langsam auf den Küchenstuhl, seinen Stuhl neben
- 1:11dem leeren dritten, und er dachte mit einer seltsamen
- 1:15fernen Klarheit Marlene. So hat es bei dir auch
- 1:18angefangen und niemand hat es ernst genommen.
- 1:21Am wenigsten du. Und dieser Gedanke, der Gedanke
- 1:25an seine Frau, an das, was die Ärzte zu spät gefunden hatten,
- 1:28war es, der ihn das Telefon nehmen ließ, mit der Hand, die
- 1:31noch ihm gehörte und die 3 Ziffern wählen, bevor der Druck
- 1:35zu groß wurde, um noch zu wählen, dann wurde es
- 1:38lückenhaft, stimmen eine Tür, kalte Luft, ein helles Licht,
- 1:43das schwankte. Hände an ihm, viele, schnell,
- 1:46sachlich, eine Stimme, die seinen Namen sagte, immer
- 1:49wieder, Herr Brandt, bleiben Sie bei mir, Herr Brandt, etwas
- 1:52kaltes auf der Brust, ein Stich in den Arm, das Schaukeln eines
- 1:55Wagens und über allem durch den Druck hindurch, der jetzt alles
- 1:59war, ein einziger heller Gedanke, klar, wie Eis sie
- 2:02kommen, es geht schnell, niemand fragt, wer ich bin, niemand
- 2:07fragte, wer er war, das war das Letzte, was er klar dachte,
- 2:10bevor das Licht ihn schluckte, dass niemand fragte.
- 2:14Dass keine Liste sich öffnete, kein Punktestand, keine zweite
- 2:17Spalte, dass die Hände an ihm nur eines wussten, eine einzige
- 2:22alte, saubere Wahrheit, älter als jedes System, dass hier ein
- 2:26Herz aufhörte und dass man es wieder anwerfen musste, sofort
- 2:30jetzt ohne Ansehen der Person. Sie schoben ihn durch Türen, sie
- 2:34legten ihn unter eine Maschine. Jemand fädelte etwas durch eine
- 2:38Ader an seinem Handgelenk bis hinauf zu dem Ort, an dem der
- 2:41Druck saß und öffnete, was verschlossen war.
- 2:43Und der Druck ließ nach, langsam wie eine Faust, die sich öffnet
- 2:47und Theo, der nicht an Gott glaubte und an wenig sonst
- 2:50glaubte, für einen Moment an die Hände, die ihn nicht gefragt
- 2:53hatten, wer er war. Er wachte auf in einem Raum, der
- 2:56Summte. Es war die Intensivstation, das
- 2:59Begriff er später. Der Ort der Monitore und der
- 3:02gedämpften Helligkeit, in dem die Zeit anders lief, weil es
- 3:05kein Fenster gab, an dem man sie hätte ablesen können.
- 3:08Über ihm hingen Beutel durchsichtig und aus ihm heraus
- 3:12liefen Schläuche, und neben ihm zeichnete ein Gerät seine Kurve.
- 3:16Die Kurve seines Herzens, das wieder lief ungleichmäßig, aber
- 3:19es lief, und Theo lag da und sah der Kurve zu, wie er früher dem
- 3:23Regen im Lichtkreis der Laterne zugesehen hatte, mit der
- 3:26distanzierten Aufmerksamkeit eines Mannes, der sich selbst
- 3:29von außen betrachtet und dachte, da ist es also, das Gehäuse, das
- 3:34ich so lange abgeklopft habe. Es hat einen Riss gehabt und ich
- 3:37habe ihn für den Winter gehalten.
- 3:39Lena war da, irgendwann war Lena da, er wusste nicht, ob es
- 3:44Stunden oder einen Tag später war.
- 3:46Sie saß an seinem Bett mit einem Gesicht, das er an ihr nicht
- 3:48kannte, einem Gesicht ohne den Panzer, den sie sonst trug, das
- 3:52nackte Gesicht eines Kindes, das davor steht, allein gelassen zu
- 3:55werden. Und sie hielt seine Hand, die
- 3:57Rechte, die noch ihm gehörte, und sagte Nichts, weil es nichts
- 4:00zu sagen gab, und Theo, der den Mund nicht recht aufbrachte,
- 4:04drückte ihre Hand schwach und versuchte ihr mit dem Druck zu
- 4:07sagen, was er mit Worten nicht konnte, noch nicht, ich gehe
- 4:11noch nicht, du sollst nicht allein sein, wie ich allein bin.
- 4:15Es war Marlenes Tod, der zwischen ihnen lag, Ungesagt der
- 4:19ganze alte Schmerz und das Wissen, dass dieses Bett, dieser
- 4:22summende Raum, diese Schläuche, dass all das einmal um seine
- 4:26Frau herum gewesen war und sie nicht gehalten hatte, und dass
- 4:30Lena nun das gleiche noch einmal ansah an ihm und dass ein Mensch
- 4:34das nicht zweimal ansehen sollte, eine Tochter nicht beide
- 4:37Eltern auf demselben Bett verlieren.
- 4:39Er drückte ihre Hand, sie verstand.
- 4:42Sie weinte ohne Geräusch und er ließ sie weinen, weil das Weinen
- 4:45ehrlicher war als alles, was er hätte sagen können.
- 4:48Sie verlegten ihn nach 2 Tagen auf eine andere Station, eine
- 4:52wachere, hellere mit Fenstern mit 2 Betten pro Zimmer und in
- 4:56dem anderen Bett lag Herr Bartz, Herr Bartz war 79 und hatte sein
- 5:00Leben lang gemauert. Das erfuhr Theo in den ersten
- 5:04Stunden, weil Herr Barths redete, leise, beständig, mit
- 5:08der Beharrlichkeit eines Mannes, der allein war und dem das Reden
- 5:11das einzige geblieben war, was ihm gehörte.
- 5:15Er hatte halb die Stadt mitgebaut in den Jahren, als man
- 5:18noch baute, die Blöcke am Rand, die Schule, das Schwimmbad, das
- 5:22längst geschlossen war. Seine Hände, die auf der Decke
- 5:25lagen, waren die Hände eines Maurers, breit vernarbt, mit
- 5:29Fingern, die krumm geworden waren von 40 Jahren, Stein und
- 5:32Mörtel und Kälte. Er hatte dasselbe gehabt wie
- 5:35Theo fast auf den Tag, ein Herz, das aufgehört hatte und das man
- 5:39wieder angeworfen hatte, sofort, ohne zu fragen, wer er war, weil
- 5:43auch er ein Notfall gewesen war und Notfälle nicht gefragt
- 5:47werden, aber jetzt waren sie keine Notfälle mehr.
- 5:50Jetzt waren sie 2 alte Männer mit reparierten Herzen, die
- 5:53beide dasselbe brauchten. Die Anschlussheilbehandlung, die
- 5:57Reha, die geplante, die nicht eilte, die kommen musste, damit
- 6:00ein Herz, das stehen geblieben war, wieder lernte zu tragen,
- 6:03etwas Planbares, etwas knappes, und an dieser Stelle, am
- 6:07Übergang vom Notfall zum Planbaren, an genau der Naht, an
- 6:11der die Alte, saubere Wahrheit der Hände aufhörte und die neue,
- 6:14gerechte Wahrheit der Maschine begann, trennten sich ihre Wege.
- 6:18Theos Reha Platz kam am dritten Tag.
- 6:21Eine Schwester brachte das Formular freundlich, fast
- 6:24beglückwünschend ein Platz in einer guten Klinik im Grünen in
- 6:2810 Tagen alles bewilligt, alles glatt Theo nahm das Formular und
- 6:33las es, und er las auch, was nicht darauf stand und was er
- 6:36trotzdem las, weil er ein Leben lang gelernt hatte, das
- 6:39Ungeschriebene zu lesen, dass es schnell gegangen war, zu
- 6:42schnell. Dass ein pensionierter
- 6:44Studienrat mit Beihilfe und einer privaten
- 6:47Zusatzversicherung und 40 Jahren am selben Ort und einem Namen,
- 6:51der hier seit Generationen im Telefonbuch stand, in der
- 6:54Rechnung der Maschine ein guter Posten war.
- 6:57Hohe Verankerung, stabile Verhältnisse, ein Mensch, in den
- 7:01sich die knappe Ressource lohnte, er bekam seinen Platz,
- 7:04weil die Maschine ihn mochte, und die Maschine mochte ihn für
- 7:07genau die Dinge, die mit seiner Krankheit nichts zu tun hatten.
- 7:10Herr Barths Platz kam nicht. Theo sah es geschehen.
- 7:14Von seinem Bett aus, Tag um Tag, mit der wachsenden Kalten
- 7:17Klarheit, mit der er alles sah. Auch Herr Barths brauchte die
- 7:21Reha dringender als Theo vielleicht, denn sein Herz war
- 7:25schwächer und seine Beine waren schlechter, und er hatte
- 7:28niemanden zu Hause, der ihn auffing.
- 7:30Aber Herr Barths Platz stand auf der Liste und rutschte jeden Tag
- 7:34ein Stück. Und wenn der Maurer fragte, die
- 7:36Schwester, den Arzt, wann er denn nun verlegt werde, dann
- 7:39bekam er kein Nein, niemals ein Nein.
- 7:41Er bekam ein noch nicht ein Wir bemühen uns ein, die Plätze sind
- 7:45knapp, Herr Barths, sie verstehen.
- 7:47Und Herr Barths verstand nicht, weil es nichts zu verstehen gab,
- 7:50weil die Wahrheit, die man ihm nicht sagte, war, dass die
- 7:53Maschine ihn nicht mochte, einen Maurer mit einer kleinen Rente,
- 7:57ohne Zusatzversicherung, ohne Angehörige, ohne Aussicht, je
- 8:01wieder etwas beizutragen, außer dem langsamen Verbrauch seiner
- 8:03selbst. Ein schlechter Posten, ein
- 8:05Mensch, in den sich die knappe Ressource nicht lohnte, einmal
- 8:09am Abend, als das Licht schon grau wurde, sprach Herr Barths
- 8:12zu ihm hinüber über die Lücke zwischen den Betten mit der
- 8:15leisen, beständigen Stimme. Er habe immer gearbeitet, sagte
- 8:19er, sein Leben lang nie krank gefeiert, nie dem Staat auf der
- 8:22Tasche gelegen. Er habe 4 Winter lang auf dem
- 8:25Bau gestanden, bei 10 Grad minus mit Fingern, die er abends nicht
- 8:29mehr spürte, und Häuser hochgezogen, in denen jetzt
- 8:32Leute wohnten, die er nie kennenlernen würde, und er habe
- 8:36die Neuen gewählt, sagte er beim letzten Mal.
- 8:38Zum ersten Mal in seinem Leben, etwas anderes als die alten
- 8:41Parteien, weil die neuen gesagt hätten.
- 8:44Jetzt komme mal wieder wer dran, der hier sei, der hier
- 8:46geschuftet habe, Leute wie wir nicht, die von woanders, nicht
- 8:50die, die nur nähmen. Er sagte es ohne Zorn, fast
- 8:53hoffnungsvoll, als erkläre er Theo, warum es ihm bald besser
- 8:56gehen werde, und Theo lag da und hatte nicht das Herz, ihm zu
- 9:01sagen, was er sah. Dass das System, das Leute wie
- 9:04wir versprochen hatte, gerade dabei war, genau diesen Mann
- 9:08nach unten zu rechnen, den Maurer mit den 4 Wintern und der
- 9:11kleinen Rente, weil er nichts mehr brachte, dass die unseren
- 9:15zuerst in Wahrheit hieß, die brauchbaren zuerst, und dass
- 9:18Herr Barths, der sein Leben lang gebraucht worden war, jetzt
- 9:21unbrauchbar geworden war und es als Letzter erfahren würde.
- 9:25Theo schwieg. Es war eine Feigheit und er
- 9:27wusste es, aber er brachte es nicht über sich, einem alten,
- 9:31kranken Mann die Hoffnung zu nehmen, mit der er sich
- 9:34zugedeckt hatte wie mit einer dünnen Decke gegen die Kälte,
- 9:37die schon im Zimmer stand. Theo lag in seinem Bett mit dem
- 9:40bewilligten Formular auf dem Nachttisch und sah den Mann an,
- 9:44der die halbe Stadt gemauert hatte und den die Stadt jetzt
- 9:47nach unten rechnete und in ihm stieg etwas auf, das schlimmer
- 9:50war als Zorn, etwas, das ihn würgte, Scham.
- 9:54Die Scham dessen, der bevorzugt wird und es nicht verdient hat,
- 9:57der eine Tür aufgehalten bekommt, durch die der neben ihm
- 10:00nicht darf und der nicht weiß, ob er hindurchgehen oder stehen
- 10:03bleiben soll. Er hatte sein Leben lang vor
- 10:05Kindern gestanden und ihnen erklärt, wie Systeme Menschen
- 10:08sortieren, wie aus die einen und die anderen erst eine Statistik
- 10:12wird und dann ein Schicksal. Er hatte es an alten Beispielen
- 10:15erklärt, an vergilbten, an sicheren, an solchen, bei denen
- 10:18die Kinder nicken konnten, weil es lange her war und woanders.
- 10:22Und jetzt lag er selbst in der Statistik auf der guten Seite
- 10:25der bevorzugten. Und das System, das er ein Leben
- 10:28lang erklärt hatte, sortierte vor seinen Augen leise höflich
- 10:32in den freundlichen Farben, und es sortierte zu seinen Gunsten,
- 10:36und das war das Unerträglichste nicht, dass es ihn traf, sondern
- 10:39dass es ihm nützte. Er hatte in seinem Leben viele
- 10:42Male gelesen, wieso etwas geschah in den Büchern, die er
- 10:46unterrichtet hatte, es geschah nie mit einem Donnerschlag, es
- 10:49geschah als Verwaltung. Es geschah, indem ganz normale,
- 10:53ganz anständige Menschen, ganz normale, ganz anständige
- 10:56Formulare Ausfüllten, an Schreibtischen, bei Kaffee und
- 11:00am Abend nach Hause gingen zu ihren Kindern, ohne das Gefühl,
- 11:03etwas getan zu haben. Die großen Verbrechen der
- 11:06Geschichte hatte er den Kindern immer gesagt, und sie hatten ihm
- 11:09nie ganz geglaubt, brauchten keine ungeheuer, sie brauchten
- 11:12Sachbearbeiter, sie brauchten ein System, das die
- 11:15Verantwortung so fein zerlegte, dass am Ende niemand mehr eine
- 11:18ganze trug, nur jeder ein winziges Stück zu klein, um
- 11:22daran zu ersticken, und das Genie dieses neuen Systems, das
- 11:26Verstand er jetzt hier mit dem bewilligten Formular auf dem
- 11:29Nachttisch, war, dass es nicht einmal mehr böse Sachbearbeiter
- 11:33brauchte. Es brauchte gar keine Menschen
- 11:35mehr an der entscheidenden Stelle.
- 11:37Es hatte die Sortierung in eine Maschine verlegt, die niemand
- 11:40programmiert zu haben schien, die einfach rechnete, fair und
- 11:44gleich, und an deren Ende der eine ein Bett bekam und der
- 11:47andere ein noch nicht und keiner nirgends, hatte etwas
- 11:51entschieden, das man ihm hätte vorwerfen können.
- 11:54Es war die vollkommene Form dessen, wovor er ein Leben lang
- 11:57gewarnt hatte, ein Unrecht ohne Täter.
- 12:00Und er, Theo Brandt, lag mittendrin auf der Seite der
- 12:03Begünstigten, und sein Profit war der Beweis.
- 12:06Jasmin war seine Pflegekraft, sie hatte ihn schon auf der
- 12:10Intensivstation betreut, in den Stunden, an die er sich nicht
- 12:13erinnerte, und sie war mit auf die Wachere Station gewechselt,
- 12:17oder ihre Wege kreuzten sich dort, das Verstand Theo nicht
- 12:20genau, er verstand nur, dass es dieselbe junge Frau war, mit den
- 12:24ruhigen, sicheren Händen und dem Gesicht, das nichts zeigte und
- 12:28alles trug, und dass sie anders war.
- 12:30Als die anderen auf eine Weise, die er zuerst nicht benennen
- 12:33konnte und dann am dritten Tag doch benannte, weil er Menschen
- 12:37las wie Dokumente. Und weil dieses Dokument eine
- 12:40zweite Spalte hatte, eine Verborgene, wie seine Liste sie
- 12:44behandelte, beide Betten gleich, das war es.
- 12:48Die Maschine sortierte die beiden alten Männer, den
- 12:51Studienrat nach oben und den Maurer nach unten, aber Jasmins
- 12:55Hände machten diesen Unterschied nicht.
- 12:57Sie kam zu Herrn Barths so oft wie zu Theo, blieb, so lange,
- 13:01richtete sein Kissen mit derselben Sorgfalt, hielt seine
- 13:04Vernarbte Maurerhand, wenn er nachts unruhig wurde und
- 13:07Nachnamen rief, mit derselben Wärme, mit der sie Theos Hand
- 13:10hielt. Sie konnte den Platz nicht
- 13:12herbeizaubern, den die Maschine dem Maurer verweigerte, sie
- 13:15hatte es einmal versucht, das spürte Theo an einer kurzen,
- 13:19harten Falte um ihren Mund, wenn die Verlegung wieder verschoben
- 13:21wurde, an der Art, wie sie dann das Formular zu lange ansah,
- 13:25bevor sie es weglegte. Sie konnte das System nicht
- 13:28überlisten, nicht mehr, nicht ohne Preis, aber sie konnte den
- 13:32Mann nicht im Stich lassen. Mit ihren Händen, und das tat
- 13:35sie nicht. Und Theo, der zusah, verstand,
- 13:37dass diese junge Frau an einer Front stand, von der er aus
- 13:40seinem Klassenzimmer immer nur gesprochen hatte, ohne je auf
- 13:43ihr gestanden zu haben. An der Stelle, an der ein Mensch
- 13:46mit der bloßen Hand gegen eine Rechnung anhält.
- 13:49Sie sehen es auch, sagte er zu ihr am vierten Tag leise, als
- 13:53sie seinen Verband wechselte, und Herr Barths schlief.
- 13:56Jasmin hielt einen Moment inne, sie sah ihn an, Prüfend, mit dem
- 13:59vorsichtigen Blick eines Menschen, der gelernt hat, dass
- 14:02das Aussprechen gefährlich ist. Was sehe ich, Herr Brandt, dass
- 14:06ich meinen Platz bekomme und er nicht, dass es nichts mit
- 14:09unseren Herzen zu tun hat. Er hielt ihrem Blick stand, ich
- 14:12war Lehrer, Geschichte, ich habe 40 Jahre lang erklärt, wieso
- 14:16etwas anfängt, ich erkenne es, wenn ich es sehe, und ich sehe
- 14:21es hier in diesem Zimmer. Jasmin sah ihn lange an und in
- 14:26ihrem Gesicht arbeitete etwas dieselbe Bewegung, die Theo bei
- 14:30sich selbst kannte. Das Abwägen zwischen dem
- 14:32Schweigen, das sicher war, und dem Sprechen, das nötig war.
- 14:36Dann sagte sie sehr leise, fast tonlos, während ihre Hände den
- 14:40Verband glatt strichen, ich führe ein Heft, mehr nicht, sie
- 14:44sagte nicht, was für ein Heft, sie musste es nicht sagen, und
- 14:47sie sah sofort wieder weg, erschrocken über sich, und
- 14:50beendete den Verband mit schnellen sachlichen Griffen und
- 14:54ging. Aber sie hatte es gesagt.
- 14:57Sie hatte einem alten Mann, den sie 4 Tage kannte, anvertraut,
- 15:00dass sie ein Heft führte, und Theo lag da, nachdem sie
- 15:03gegangen war und wusste, dass er soeben Zeuge geworden war, dass
- 15:07an diesem Bett 2 spalten sich erkannt hatten, seine und ihre,
- 15:10ohne dass das volle Wort gefallen war in der Nacht, als
- 15:14Herr Barths schlief und die Station still war, bis auf das
- 15:17leise, beständige Arbeiten der Geräte lag Theo wach und prägte
- 15:21sich ein, was er gesehen hatte. Er hatte kein Heft hier, keine
- 15:24Liste. Sie lagen zu Hause auf dem
- 15:26Küchentisch neben dem leeren dritten Stuhl, also tat er, was
- 15:30er als junger Lehrer getan hatte, vor den Notizbüchern, vor
- 15:33den Karteikarten, er prägte es sich ein mit der alten Technik
- 15:37des Gedächtnisses, Datum für Datum, den Tag, an dem sein
- 15:41Platz bewilligt wurde, die Tage, an denen der Platz des Maurers
- 15:45verschoben wurde, einer nach dem anderen.
- 15:48Die Worte, die man Herrn Barth sagte, noch nicht.
- 15:51Wir bemühen uns, die Plätze sind knapp, den Namen, das Alter, den
- 15:55Beruf, der die halbe Stadt gemauert hatte, er legte es ab
- 15:59in das Archiv, das er war, an die Stelle, an der das wichtige
- 16:02Lag, und er wusste, dass er es nach Hause tragen würde, in die
- 16:05dunkle Spalte zu dem vertauschten Wort und der
- 16:08brennenden Laterne. Ein dritter Eintrag, der
- 16:11konkreter war als die ersten beiden, weil er einen Namen
- 16:14hatte und ein Gesicht, und 2 vernarbte maurerhände.
- 16:17Und während er sich das alles Einprägte, das Herz unter dem
- 16:20frischen Verband, das ungleichmäßig schlug, aber
- 16:23schlug, Verstand Theo etwas, das ihn aufrichtete.
- 16:26In dem dunklen Zimmer körperlich aufrichtete, sodass er die Hand
- 16:30auf die Brust legen musste, weil das Aufrichten dem reparierten
- 16:33Herzen weh tat. Dass er nicht mehr nur der
- 16:35Beobachter war. 40 Jahre lang hatte er erklärt, von außen von
- 16:39der sicheren Seite des Puls, und es hatte nichts genützt.
- 16:42Die Kinder hatten immer weniger zugehört, und am Ende war alles
- 16:45trotzdem gekommen, Schicht um Schicht.
- 16:48Aber jetzt lag er drin in der Statistik, auf der bevorzugten
- 16:52Seite, und er hatte einen Fall gesehen, von innen mit eigenen
- 16:56Augen, einen konkreten, datierten, benennbaren Fall, und
- 16:59er hatte eine junge Frau getroffen, die ein Heft führte,
- 17:02und er kannte einen alten Richter, der die Verordnungen
- 17:05las, und er hatte eine Tochter, die nach einer zweiten Formel
- 17:08suchte und nicht wusste, dass ihr Vater gerade das fehlende
- 17:11menschliche Stück gefunden hatte, im Bett neben sich.
- 17:14Es lief etwas zusammen. Er spürte es in der Dunkelheit
- 17:18mit der alten Witterung des Historikers, der erkennt, wann
- 17:21aus einzelnen Ablagerungen ein Muster wird.
- 17:24Die Fäden, die er für Lose gehalten hatte, liefen
- 17:26aufeinander zu, seine Liste, Lenas Formel, Jasmins Heft,
- 17:32halmstedts Verordnungen und nun als Klammer, als menschlicher
- 17:35Beweis, ein Mann mit Maurerhänden, dem man die Reha
- 17:38verweigerte, höflich, gleich und fair, während man sie dem
- 17:42Studienrat im Nachbarbett aufdrängte, er durfte nur nicht
- 17:45vorher sterben. Das war der einzige Haken und es
- 17:48war ein ernster. Sein Herz hatte heute aufgehört
- 17:51vor Tagen und es konnte wieder aufhören, jederzeit, das hatten
- 17:54ihm die Ärzte gesagt, in der vorsichtigen Sprache, in der man
- 17:57alten Männern sagt, dass ihre Zeit knapp geworden ist.
- 18:00Er hatte eine tickende Uhr in der Brust, buchstäblich, er
- 18:03hörte sie ungleichmäßig in der Nacht.
- 18:06Und gegen diese Uhr, Begriff er, würde er jetzt rennen müssen.
- 18:10Ein alter Mann mit einem reparierten Herzen gegen sein
- 18:13eigenes Versagen, um das, was er gesehen hatte, weiterzugeben,
- 18:17bevor das Gehäuse zum zweiten Mal riss und diesmal niemand
- 18:20mehr eine Ader öffnete. Er schloss die Augen im anderen
- 18:24Bett atmete Herr Barths schwer im Schlaf, der Mann, den die
- 18:27Maschine vergaß, Theo lauschte dem fremden Atem und erfasste in
- 18:32der Dunkelheit einen Entschluss. Den ersten seit langem, der
- 18:35größer war als er selbst und der ihn vielleicht das wenige an
- 18:38Zeit kosten würde, das ihm blieb.
- 18:40Er würde nicht still sein, er war zu lange still gewesen,
- 18:44hatte zu lange nur erklärt, diesmal würde er handeln,
- 18:47solange das Herz noch schlug, und wenn es ihn umbrachte, dann
- 18:51brachte es ihn bei etwas um, das zählte, und das war mehr, als
- 18:54die meisten Menschen von ihrem letzten Akt sagen konnten,
- 18:58draußen hinter dem Fenster, das es auf dieser Station gab, wurde
- 19:02es grau über der Stadt. Ein neuer Tag, der erste, an dem
- 19:06er wusste, dass er weiter lebte und der Erste, an dem er wusste,
- 19:09wozu.