Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 152-161
Transcript
- 0:00Buch 3 Unterkapitel 152 die größte Veränderung Nietzsche
- 0:03beschreibt hier, wie sich die gesamte Wahrnehmung der Welt für
- 0:09den modernen Menschen verändert hat.
- 0:10Wir verstehen nicht mehr, wie die alten Menschen die
- 0:14einfachsten Dinge des Lebens empfunden haben, weil ihr ganzes
- 0:17Weltbild ein anderes war, ergibt mehrere Beispiele, weil die
- 0:21Alten an die Realität der Träume glaubten, hatte für sie auch das
- 0:25Wache Leben ein anderes Licht. Weil sie an ein Leben nach dem
- 0:30Tod und an die Macht der Götter glaubten, war auch ihr Tod ein
- 0:34ganz anderer als unserer. Alle Erlebnisse leuchteten
- 0:38anders, weil ein Gott aus ihnen glänzte, Wahrheit war etwas
- 0:43anderes, weil auch ein Wahnsinniger als Mundstück der
- 0:46Wahrheit gelten konnte, Unrecht fühlte sich anders an, weil man
- 0:50eine göttliche Vergeltung fürchtete, nicht nur eine
- 0:53weltliche Strafe wir modernen Menschen sunnitsche haben die
- 0:57Dinge neu gefärbt. Wir haben sie entzaubert und
- 1:00rational erklärt. Aber er fragt sich, ob wir mit
- 1:04dieser neuen, nüchternen Sichtweise die Farbenpracht und
- 1:07die Tiefe des Erlebens der alten Menschheit nicht für immer
- 1:10verloren haben. Buch 3 Unterkapitel 153 Homo
- 1:15poeta Homo poeta bedeutet der Mensch als Dichter, Nietzsche
- 1:22nimmt hier selbst die Rolle eines Dichters oder Dramatikers
- 1:26ein. Der die Geschichte der Moral
- 1:29betrachtet. Er sagt, ich selbst habe diese
- 1:33Tragödie der Tragödien gemacht, damit meint er, dass er durch
- 1:36seine Philosophie die inneren Widersprüche und die tragische
- 1:39Natur der Moral aufgedeckt hat. Er hat den Knoten der Moral so
- 1:44fest geknüpft, dass nur noch ein Gott ihn lösen könnte, doch
- 1:47diesen Gott gibt es nicht mehr, er erklärt, dass er selbst im
- 1:52vierten Akt dieses Dramas alle Götter umgebracht hat.
- 1:56Dies ist eine Anspielung auf seine berühmte Aussage vom Tod
- 1:59Gottes. Er hat den Glauben an eine
- 2:01göttliche Ordnung, die der Moral einen Sinn gibt, zerstört, und
- 2:05zwar aus Moralität, also aus dem Willen zur Wahrheit.
- 2:10Nun steht er vor dem fünften und letzten Akt und fragt sich, was
- 2:15soll jetzt werden, woher soll die tragische Lösung kommen,
- 2:19wenn es keine Götter mehr gibt, die Tragödie kann nicht mehr auf
- 2:23klassische Weise enden. Deshalb muss er, so schließt er,
- 2:26anfangen, über eine komische Lösung nachzudenken.
- 2:31Dies ist ein wichtiger Ausblick auf seine spätere Philosophie,
- 2:35nach dem Tod Gottes und der Tragödie des Nihilismus muss die
- 2:38Menschheit einen neuen, leichteren, vielleicht sogar
- 2:41lachenden und tanzenden Weg finden, um mit dem Leben
- 2:44umzugehen. Dies deutet auf die Figur des
- 2:47Zarathustra und die Idee des Übermenschen hin, unter Kapitel
- 2:53154. Verschiedene Gefährlichkeit des
- 2:56Lebens in diesem kurzen Abschnitt vergleicht Nietzsche
- 3:01die unterschiedliche Art und Weise, wie Menschen das Leben
- 3:04erleben. Er sagt, dass wir gar nicht
- 3:06wissen, was wir eigentlich erleben, wir laufen wie
- 3:09betrunken durchs Leben und fallen ab und zu eine Treppe
- 3:12hinunter, doch dank dieser Trunkenheit, also unserer
- 3:16Unbewusstheit und Sorglosigkeit, verletzen wir uns meist nicht
- 3:20schwer. Unsere Muskeln sind zu schlapp
- 3:23und unser Kopf zu benebelt, um die Härte der Steine wirklich zu
- 3:26spüren. Für andere Menschen, so
- 3:29beschreibt es Nietzsche, ist das Leben eine viel größere Gefahr,
- 3:33er zählt sich selbst zu dieser Gruppe, wir sind aus Glas,
- 3:37schreibt er, das bedeutet, dass sie viel zerbrechlicher,
- 3:41feinfühliger und bewusster sind. Für sie ist jede kleine
- 3:45Erschütterung, jeder Stoß eine Bedrohung, wehe, wenn sie sich
- 3:50stoßen. Und alles ist verloren, wenn sie
- 3:53fallen. Mit diesem Bild macht Nietzsche
- 3:56deutlich, dass es 2 grundlegend verschiedene Arten gibt, das
- 3:59Leben zu erfahren, die robuste, unbewusste Art der meisten
- 4:03Menschen, die wie betrunken durchs Dasein taumeln und die
- 4:06empfindsame, zerbrechliche Art des Denkers oder Künstlers, der
- 4:10die Gefahren und Härten des Lebens viel intensiver
- 4:13wahrnimmt. Unterkapitel 155 was uns fehlt?
- 4:21Nietzsche stellt hier eine interessante Beobachtung an.
- 4:24Er sagt, dass wir modernen Menschen die große Natur lieben,
- 4:28also gewaltige Landschaften, Berge und das Meer, und sie erst
- 4:32entdeckt haben. Der Grund dafür, meint Er, ist
- 4:35ein Mangel in unserem Inneren, in unseren Köpfen fehlen die
- 4:39großen Menschen, weil wir keine beeindruckenden, überragenden
- 4:43Vorbilder und Persönlichkeiten mehr in unserer Kultur haben.
- 4:47Suchen wir diese Größe in der äußeren Natur, das stellt er den
- 4:51alten Griechen gegenüber. Ihr Gefühl für die Natur war ein
- 4:55ganz anderes als unseres, damit deutet er an, dass die Griechen
- 4:59die Größe im Menschen selbst sahen, in ihren Helden,
- 5:03Philosophen und Göttern, sie brauchten die äußere Natur nicht
- 5:07als Ersatz für menschliche Größe, weil sie diese in ihrer
- 5:10eigenen Kultur und in sich selbst fanden.
- 5:14Wir heutigen hingegen projizieren unseren Mangel an
- 5:16innerer Größe auf die äußere Welt.
- 5:20Unterkapitel 156 der einflussreichste dieses sehr
- 5:22kurze Kapitel ist eine Definition von wahrem Einfluss.
- 5:28Nietzsche sagt, dass der einflussreichste Mensch
- 5:31derjenige ist, der seiner ganzen Zeit Widerstand leistet, er ist
- 5:35jemand, der seine Epoche quasi am Tor aufhält und sie zur
- 5:39Rechenschaft zieht, also kritisch hinterfragt.
- 5:44Es spielt dabei keine Rolle, ob diese Person das bewusst will.
- 5:48Entscheidend ist allein, dass sie es kann.
- 5:51Die Fähigkeit, sich gegen den Strom der eigenen Zeit zu
- 5:54stellen und sie herauszufordern, ist das, was waren und
- 5:58nachhaltigen Einfluss ausmacht. Unter Kapitel 157 Mentiri
- 6:03Nietzsche fordert uns auf, vorsichtig zu sein, denn jemand
- 6:09sinnt nach. Was bedeutet, dass er sofort
- 6:13eine Lüge parat haben wird. Er erklärt, dass das Lügen eine
- 6:17Stufe der Kultur ist, auf der ganze Völker einmal gestanden
- 6:20haben, als Beispiel sollen wir uns überlegen, was die alten
- 6:24Römer mit dem Wort mentiri, dem lateinischen Wort für Lügen,
- 6:28eigentlich ausdrückten. Damit spielt Nietzsche darauf
- 6:32an, dass Lügen nicht einfach nur Unwahrheit ist.
- 6:35In bestimmten Kulturen wie der Römischen war die Fähigkeit zur
- 6:39Täuschung zur strategischen Unwahrheit.
- 6:42Ein Zeichen von Intelligenz, macht und Überlegenheit.
- 6:46Es war keine moralische Schwäche, sondern ein Werkzeug
- 6:49der Mächtigen und klugen. Die Lüge war also ein Teil der
- 6:52Kultur und nicht unbedingt etwas Verwerfliches, Unterkapitel,
- 6:58158, unbequeme Eigenschaft hier beschreibt Nietzsche die
- 7:04Eigenschaft, in allen Dingen Tiefe zu finden als etwas
- 7:07unbequemes. Wer diese Eigenschaft besitzt,
- 7:11muss seine Augen beständig anstrengen, um hinter die
- 7:14Oberfläche zu blicken. Das Ergebnis ist, dass man am
- 7:17Ende immer mehr findet, als man sich eigentlich gewünscht hat.
- 7:21Diese unbequeme Eigenschaft ist die des Philosophen oder des
- 7:25tiefen Denkers, er kann sich nicht mit einfachen Antworten
- 7:29zufrieden geben, seine Suche nach Tiefe führt ihn oft zu
- 7:32Wahrheiten, die kompliziert, anstrengend oder sogar
- 7:36unangenehm sind. Während andere Menschen mit
- 7:39einfachen Erklärungen zufrieden sind, gräbt er weiter und
- 7:43entdeckt eine Komplexität, die das Leben anstrengender Macht.
- 7:48Unterkapitel 159 jede Tugend hat ihre Zeit Nietzsche erklärt,
- 7:52dass Tugenden nicht ewig und unveränderlich sind, sondern von
- 7:57ihrer jeweiligen Zeit abhängen. Als Beispiel nennt er die Tugend
- 8:02der Unbeugsamkeit. Wer heute unbeugsam ist, also
- 8:07starr an seinen Prinzipien festhält, bekommt oft
- 8:09Gewissensbisse wegen seiner eigenen Redlichkeit.
- 8:13Der Grund dafür ist, dass Unbeugsamkeit die Tugend eines
- 8:16anderen, älteren Zeitalters war, während Redlichkeit also eine
- 8:20flexible und ehrliche Auseinandersetzung mit der
- 8:23Wahrheit, die Tugend unserer Zeit ist.
- 8:26Ein unbeugsamer Mensch fühlt sich also innerlich zerrissen,
- 8:29seine Redlichkeit sagt ihm. Dass er vielleicht falsch liegt,
- 8:33aber seine unbeugsame Natur verbietet, ihm seine Meinung zu
- 8:37ändern. Dieser Konflikt zeigt, dass das,
- 8:40was früher als Stärke galt, heute als Sturheit oder
- 8:43mangelnde Einsicht wahrgenommen werden kann.
- 8:46Jede Zeit hat ihre eigenen Werte und damit auch ihre eigenen
- 8:49Tugenden, Unterkapitel, 160 im Verkehre mit Tugenden.
- 8:58Dies ist ein sehr kurzer, aber scharfsinniger Aphorismus.
- 9:02Nietzsche sagt, dass man auch gegenüber einer Tugend würdelos
- 9:05und schmeichlerisch sein kann, das bedeutet, dass man eine
- 9:09Tugend nicht wirklich aus innerer Überzeugung
- 9:11praktizieren, sondern sie nur zur Schau stellen kann, um
- 9:15anderen zu gefallen oder um sich selbst zu beweihräuchern.
- 9:20Man kann zum Beispiel bescheiden sein, aber in Wirklichkeit nur,
- 9:24um für seine Bescheidenheit gelobt zu werden.
- 9:27Das ist eine unehrliche, schmeichlerische Haltung
- 9:30gegenüber der Tugend selbst. Man behandelt die Tugend nicht
- 9:34mit dem Respekt, der ihr gebührt, sondern missbraucht sie
- 9:37für die eigene Eitelkeit. Unterkapitel 116 an die
- 9:43Liebhaber der Zeit Nietzsche zeichnet hier das Bild eines
- 9:47entlaufenen Priesters und eines entlassenen Sträflings.
- 9:50Beide, so sagt er, machen fortwährend Gesichter, das
- 9:54heißt, sie spielen eine Rolle. Was Sie wollen, ist ein Gesicht
- 9:59ohne Vergangenheit. Sie versuchen, ihre Herkunft und
- 10:02ihre Geschichte zu verbergen und so zu tun, als wären sie
- 10:06unbelastet. Dann stellt er eine Gegenfrage
- 10:09an uns, die Liebhaber der Zeit, also die modernen Menschen, habt
- 10:15ihr aber schon Menschen gesehen, die wissen, dass sich die
- 10:18Zukunft in ihrem Gesicht spiegelt und die trotzdem so
- 10:21höflich zu euch sind, dass sie ein Gesicht ohne Zukunft machen?
- 10:25Er meint damit den tiefen, vorausschauenden Menschen oder
- 10:28Denker, der die kommenden Entwicklungen bereits in sich
- 10:31trägt und ahnt, ein solcher Mensch könnte mit seinem Wissen
- 10:35und seiner Vision die Menschen seiner Zeit erschrecken, aus
- 10:39Höflichkeit oder Weisheit verbirgt er jedoch seine
- 10:42Voraussicht und zeigt ein neutrales Gesicht, um die
- 10:45anderen nicht zu beunruhigen, er spielt ihnen etwas vor, genau
- 10:49wie der Priester oder der Sträfling, nur verbirgt er nicht
- 10:52seine Vergangenheit. Sondern seine Zukunft.