Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 14 - Vom Lande der Bildung
Transcript
- 0:00Unterkapitel 14 vom Lande der Bildung Zarathustra berichtet zu
- 0:06Beginn dieses Abschnitts von einer inneren Reise.
- 0:09Er ist in seinen Gedanken zu weit in die Zukunft geflogen,
- 0:13dort draußen in der fernen Zukunft, überfiel ihn ein tiefes
- 0:16Grauen, denn er sah um sich herum nichts als die leere Zeit
- 0:20aus lauter Angst vor dieser völligen Einsamkeit und Lehre in
- 0:23der Zukunft flüchtete er rückwärts, er eilte zurück in
- 0:27die Gegenwart. Und kam in das Land der Bildung.
- 0:30Mit dem Begriff Land der Bildung meint Friedrich Nietzsche die
- 0:34Gesellschaft seiner eigenen Zeit, also das 19.
- 0:37Jahrhundert. Diese gebildete Gesellschaft war
- 0:40extrem stolz auf ihr großes historisches Wissen, auf ihre
- 0:43Universitäten und ihre angebliche Hochkultur.
- 0:46Zarathustra kam zunächst mit guten Absichten und mit echter
- 0:49Sehnsucht zu diesen Menschen der Gegenwart zurück, doch als er
- 0:53diese Menschen der Gegenwart genauer betrachtete, passierte
- 0:56etwas Unerwartetes. Obwohl er gerade noch voller
- 1:00Angst vor der Zukunft war, musste er nun lauthals
- 1:03loslachen. Er lachte so sehr, dass sein
- 1:06ganzer Körper zitterte, er dachte sich, er müsse wohl in
- 1:09der Heimat aller Farbentöpfe gelandet sein, er beschreibt die
- 1:13Menschen der Gegenwart so, als wären sie von oben bis unten mit
- 1:1650 verschiedenen bunten Farbflecken bemalt, das ist ein
- 1:20sprachliches Bild, mit dem Nietzsche ausdrücken möchte,
- 1:22dass die Menschen seiner Zeit keine eigene tiefe
- 1:25Persönlichkeit mehr haben. Anstatt einen echten Charakter
- 1:28zu besitzen, haben sie sich die Werte, Traditionen, Religionen
- 1:33und Bräuche aus allen möglichen vergangenen Epochen und fremden
- 1:36Kulturen angeeignet. Sie sind wie ein bunter
- 1:39Flickenteppich aus Angelesenem wissen, zudem stehen diese
- 1:42modernen Menschen vor 50 spiegeln, die dieses bunte
- 1:45Farbenspiel auch noch bewundern und zurückwerfen.
- 1:48Das bedeutet, dass diese Gesellschaft sehr eitel ist und
- 1:52sich in ihrer oberflächlichen Bildung unheimlich gefällt.
- 1:55Zarathustra ruft aus, dass diese Menschen überhaupt keine Masken
- 1:58tragen müssten. Ihr eigenes unnatürliches
- 2:01Gesicht, das aus so vielen fremden Einflüssen
- 2:03zusammengebastelt ist, sei bereits die beste Tarnung,
- 2:07niemand könne sie wirklich erkennen, weil es schlichtweg
- 2:10keinen echten inneren Kern mehr zu erkennen gibt.
- 2:14Zarathustra geht in seiner Kritik noch weiter, er sagt, sie
- 2:17seien am ganzen Körper mit den Zeichen der Vergangenheit
- 2:20vollgeschrieben und darüber seien direkt wieder neue Zeichen
- 2:23gemalt. Wenn man all diese bunten
- 2:26Hüllen, die geliehenen Gewänder und die fremden Gesten von ihnen
- 2:29abstreifen würde, bliebe so gut wie nichts übrig.
- 2:33Es bliebe gerade einmal genug Substanz, um eine Vogelscheuche
- 2:36daraus zu machen, ergibt zu, dass er selbst wie ein
- 2:39erschreckter Vogel war, als er einen dieser modernen Menschen
- 2:42einmal gedanklich nackt sah, also ohne seine historische
- 2:46Verkleidung unter All der Bildung sah er nur ein leeres
- 2:50Gerippe. Zarathustra ruft aus, dass er
- 2:53lieber ein einfacher Tagelöhner in der Unterwelt bei den
- 2:55Schatten der Toten sein möchte als bei den Menschen von heute.
- 2:59Denn selbst die Geister der Vergangenheit waren noch
- 3:02lebendiger, kräftiger und echter als die völlig hohlen Menschen
- 3:05der Gegenwart. Es erfüllt Zarathustra mit
- 3:08tiefster Verbitterung, dass er diese gebildeten Menschen der
- 3:11Gegenwart weder mit ihrer Verkleidung noch ohne sie
- 3:14ertragen kann. Er sagt, dass ihm alles
- 3:17Unheimliche aus der Zukunft lieber ist als die sogenannte
- 3:20Wirklichkeit dieser gegenwärtigen Menschen.
- 3:23Die Menschen von heute brüsten sich nämlich lautstark damit,
- 3:26dass sie absolut, wirklich seien, sie behaupten, sie hätten
- 3:30alle alten Glaubensrichtungen und jeden Aberglauben hinter
- 3:33sich gelassen, sie halten sich für völlig aufgeklärt und rein
- 3:37vernünftig, doch genau hier liegt ihr größtes Problem, weil
- 3:42sie an nichts mehr aus tiefstem Herzen glauben.
- 3:45Und keine eigenen Visionen mehr haben, nennt Zarathustra sie
- 3:48unfruchtbar, unfruchtbar bedeutet hier, dass sie geistig
- 3:52leer sind und nichts Neues oder Großes mehr erschaffen können.
- 3:56Wer etwas Neues in die Welt bringen will, der muss träumen,
- 3:59der braucht Leidenschaft und einen tiefen Inneren glauben,
- 4:04die modernen Menschen haben aber nur noch ihr lexikonwissen sie
- 4:07reden ständig über die Geister der Vergangenheit, aber ihre
- 4:10eigenen Träume sind viel weniger wirklich als die Träume ihrer
- 4:13Vorfahren. Deshalb nennt Zarathustra diese
- 4:16Menschen halboffene Tore, an denen Totengräber warten.
- 4:21Das ist eine sehr düstere Beschreibung.
- 4:24Er meint damit, dass die Kultur der Gegenwart im Grunde bereits
- 4:27stirbt, ihre innere Einstellung lautet insgeheim, dass sowieso
- 4:31alles vergeblich ist und dass ohnehin alles zugrunde gehen
- 4:34wird. Ihnen fehlt der echte Wille zum
- 4:37Leben. Zarathustra schaut sie an und
- 4:39findet sie erbärmlich und geistig völlig abgemagert.
- 4:43Er lacht zwar über sie, aber es ist ein Lachen, das aus
- 4:46Verzweiflung und Ekel kommt. Dieser Ekel droht ihn zu
- 4:50vergiften, er vergleicht die Menschen mit lästigen Käfern und
- 4:53Würmern, die sich auf ihn setzen und ihn belästigen.
- 4:57Am Ende dieses Unterkapitels fasst Zarathustra einen klaren
- 5:00Entschluss, er erkennt, dass er in der Gegenwart, in den Städten
- 5:04und Ländern seiner Zeit absolut keine Heimat finden kann, er
- 5:09fühlt sich heimatlos. Auch die Vergangenheit bietet
- 5:12ihm keinen Zufluchtsort mehr. Er betrachtet sich als
- 5:15Vertriebenen aus den Ländern seiner Väter und Mütter.
- 5:18Deshalb richtet sich seine ganze verbliebene Liebe und Hoffnung
- 5:21nun auf das, was er das Kinderland nennt.
- 5:25Mit diesem Begriff meint er die weite Zukunft und die kommenden
- 5:28Generationen aus diesen zukünftigen Generationen soll
- 5:32der Übermensch hervorgehen, der Übermensch ist für Nietzsche das
- 5:36höchste Ziel der menschlichen Entwicklung.
- 5:38Es ist ein Mensch, der sich selbst überwindet, der voller
- 5:41Lebenskraft ist und eigene, ganz neue Werte erschafft, anstatt
- 5:45nur die alten Werte der Vergangenheit wie ein Papagei zu
- 5:47wiederholen. Zarathustra wendet seinen Blick
- 5:51gedanklich auf die Weiten, noch unentdeckten Meere, um dieses
- 5:54Land für seine geistigen Kinder zu suchen.
- 5:57Er sagt, er möchte an seinen Kindern das wiedergutmachen, was
- 6:01er als Kind seiner eigenen Väter erlitten hat, er möchte die
- 6:04Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart erlösen.
- 6:07Indem er den Weg für eine völlig neue, lebendige Zukunft
- 6:10vorbereitet.