Latest / Erstklassisch mit Mischke - Klassik hautnah / Dirigent Manfred Honeck: „Man lebt mit der Partitur wie mit einer Ehefrau“
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- 0:01Also man lebt eigentlich die Partitur wie mit einer Ehefrau.
- 0:05Und es gibt immer wieder neue Erfahrungen und neue Dinge, neue Erkenntnisse.
- 0:10Und das ist etwas, was mich selber eigentlich so erstaunt und fast erschüttert auch.
- 0:16Man lebt mit der Partitur, man weiß genau, wo was steht.
- 0:24Erstklassisch mit Mischke, der musikalische Podcast des Hamburger Abendblatts.
- 0:35Schönen guten Tag zu einer neuen Folge. Ich fange mal so an.
- 0:39Vor Arlberg, neun Kinder, der Vater Briefträger, barfuß durch die Wälder und
- 0:43Wien war mehrere Welten entfernt. Inzwischen ist Manfred Honeck einer der bekanntesten Dirigenten der Welt.
- 0:49Seit fast zwei Jahrzehnten ist er in Pittsburgh am Pult des Pittsburgh Symphony
- 0:53und er betet vor Konzerten und sagt, der Dirigent ist eigentlich gar nicht der Wichtigste.
- 0:58Das wollen wir mal sehen und darüber wollen wir reden unter anderem.
- 1:00Erstmal aber grüß Gott in die Nähe von Salzburg, Manfred Honeck.
- 1:04Ich grüße Sie sehr herzlich aus Salzburg.
- 1:07Ich fange mal mit dem Aktuellen an. Ihr Vertrag in Pittsburgh ist jetzt verlängert
- 1:11worden. Sie laufen da auf diesen Posten bis 2033, ein Vierteljahrhundert. Dann werden Sie 75 sein.
- 1:18Und Sie haben selbst mal gesagt, soweit ich das gesehen habe,
- 1:20das sei dann wahrscheinlich Ihr letztes Engagement als ein Chefdirigent.
- 1:23Wenn Sie das jetzt so laut vor sich hinsprechen, wie fühlt sich das an?
- 1:30Mit Dankbarkeit möchte ich hier auch diese Zeit reflektieren.
- 1:35Ich hatte ja schon mehrmals dem Orchester angeboten, dass Sie einen anderen
- 1:40Chef suchen. Sie wollten davon nicht.
- 1:43Sie haben mich immer wieder gebeten.
- 1:48Dass ich wieder erneuere. Ich erinnere mich an einen Moment 2020,
- 1:52als plötzlich ein Orchestermusiker mich gefangen hat.
- 1:55Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen. Das war auf einer Tournee.
- 1:59Dann kam ich da in ein Zimmer hinein und dachte, gibt es da vielleicht Probleme oder so.
- 2:07Und dann haben sie die Tür geschlossen und haben gesagt, Maestro,
- 2:12we want you to consider to extend.
- 2:15Und sie wussten, dass ich damals eigentlich, und das ist auch meine große Einstellung
- 2:19immer wieder, dass man nicht so lange sein muss als Music Director.
- 2:27Wenn es aber noch viele Dinge gibt, die einem auch interessieren,
- 2:33dann kann man durchaus weitermachen. Aber es muss immer auf Gegenseitigkeit
- 2:37basieren. Also, dass ich jetzt,
- 2:40verlängere ohne,
- 2:44das Ja-Wort des Orchesteres und der Musiker und des Managements,
- 2:48das würde ich nie machen.
- 2:51Und deswegen sage ich auch mit großer Dankbarkeit, schaue ich da zurück und
- 2:56ich freue mich auch, dass diese Freundschaft und diese künstlerische.
- 3:06Interesse und Achtung, die wir gegenseitig haben, dass die gewachsen ist.
- 3:13Und ich habe das Gefühl, wir können uns nach wie vor sehr viel erzählen.
- 3:17Und das ist einerseits für mich auch erstaunlich, denn ich bin doch ein Dirigent, der...
- 3:24Vielleicht den Orchester manchmal auf die Füße dreht, wenn es notwendig ist,
- 3:28wenn der durchaus im Detail arbeitet.
- 3:33Und das ist ja nicht für jeden immer ein,
- 3:37wenn man hundertmal sagen muss, kleinen Moment, darf ich mal das ausschalten,
- 3:42hundertmal sagen muss, Moment, das ist zu früh, das ist zu spät,
- 3:47oder da machen wir eine andere Phrasierung oder so.
- 3:52Also als Dirigent kritisiert man ja die ganze Zeit. Das ist ja immer dasselbe.
- 3:56Man muss das Orchester immer wieder zwar bei Laune halten, aber auch aufmerksam
- 4:01machen, in welche Richtung es gehen soll.
- 4:04Und das freut mich ganz besonders, dass ich in Pittsburgh hier einen Partner
- 4:08habe, die meine Musikvorstellung teilt und wo auch das Orchester enorm gewachsen ist.
- 4:17Bisher haben wir 46 neue Musiker seit meinem Beginn der Amtszeit engagiert.
- 4:25Das ist die Hälfte des Orchesters.
- 4:27Und dass man da natürlich etwas Besonderes.
- 4:32Bauen kann. Und gerade diese Probespiele achten wir immer sehr,
- 4:37sehr genau darauf, dass wir die richtigen Spiele, also nicht nur technisch,
- 4:41technisch, das ist ja, ich glaube, wir haben ja heutzutage wunderbare.
- 4:48Instrumentalisten, die auf einem technisch ganz, ganz hohen Niveau spielen.
- 4:53Aber wir haben den Luxus, dass wir dann eben auch, und da schaue ich sehr genau drauf, dass sie,
- 5:02künstlerisch, klanglich gut ins Sochester passen. Und das, glaube ich,
- 5:07ist jetzt das auch, und da komme ich vielleicht jetzt zu einer Antwort auch,
- 5:11dass man doch die Früchte dann ernten kann.
- 5:16Ich bin gespannt. Sie sind ja demnächst in Hamburg hier mit dem Pittsburgh Symphony
- 5:19für zwei Konzerte zur Saisoneröffnung in der Elbphilharmonie. Da werden wir ja mal,
- 5:23miterleben, wie gut diese Chemie dann so ist. Aber ich habe noch eine Frage
- 5:27zu Ihrer Vorgeschichte gewissermaßen.
- 5:28Sie haben ja als Bratschist bei den Wiener Philharmonikern gespielt und Ihre
- 5:32Karriere gewissermaßen begonnen.
- 5:34Fehlt Ihnen da was, dieser Innenblick aus dem Orchester heraus,
- 5:37den Sie jetzt ja nicht mehr haben, sondern Sie sind ja jetzt die Nase,
- 5:39die vorne davor steht und sagt, wo es lang geht oder wo es nicht lang geht.
- 5:42Und man ist dann schon in einem anderen Universum unterwegs. Absolut.
- 5:47Ich muss sagen, ich würde jedem Jugenddirigenten empfehlen, ein Morchester zu spielen, wenn es geht.
- 5:53Denn dort lernt man sehr viel. Es ist eigentlich die beste Dirigentenschule.
- 5:59Dort sieht man dann die besten Dirigenten. Gerade in der Philharmonik habe ich
- 6:03das erleben dürfen, wie Carlos Kleiber, Karajan, Bernstein, unter denen ich spielen durfte.
- 6:10Das war natürlich ein ganz großes Ereignis für mich und eine ganz große Schule.
- 6:17Und da kann mir niemand mehr etwas erzählen, was sich im Inneren in der Sohreste abspielt.
- 6:22Also das ist eine ganz, ganz große Erfahrung, die ich da mitnehmen durfte.
- 6:28Und das hilft mir natürlich auch sehr viel, auch die Musiker in ihrem Moment,
- 6:34in dem sie jetzt spielen, zu erfahren. Denn ich habe das selber erledigt.
- 6:38Ich habe auch Momente gehabt, wo ich super gut drauf war, dann Momente,
- 6:42wo ich dann halt einfach vielleicht irgendwie nicht so gut drauf war.
- 6:46Und dieses Verständnis für die Musiker, wenn mal was passiert,
- 6:49Mein Gott, es kann passieren, wenn ich aber weiß, der Musiker nimmt das sehr
- 6:53ernst und das wird nie wieder passieren, dann ist das für mich auch,
- 6:58etwas Wunderschönes und ich habe großes Verständnis für die Menschen,
- 7:03wenn sie mal Fehler machen.
- 7:08Die Vorgabe, die die Dirigenten damals gestellt haben an die Moserke,
- 7:15die möchte ich heute auch weiter pflegen. Und das ist für mich ein großes Anliegen.
- 7:20Wenn ich das richtig gefunden habe, dann haben Sie 1987 das Bratschenpult gegen
- 7:25das Dirigentenpult getauscht mit einer Ehefrau und drei Kindern,
- 7:28aber ohne festes Engagement.
- 7:30Das muss man ja erstmal machen und sich trauen. Hat Ihre Familie da wirklich
- 7:34gesagt, das ist eine super Idee, wunderbar, das machen wir sofort?
- 7:36Oder mussten Sie längere Überzeugungsarbeit leisten?
- 7:39Nein, also Überzeugungsarbeit musste ich nicht leisten. Es war übrigens 1991.
- 7:45Dort wurde ich gefragt von Alexander Pereira, der damals noch Konzerthausschef
- 7:50war in Wien, der das Angebot hatte, die Zürcher Oper zu gehen als Direktor und
- 7:57habe mich einfach eines Tages gefragt,
- 8:00ob ich mit ihm gehen möchte.
- 8:02Und im Herzen habe ich das sofort gespürt.
- 8:06Ich habe sofort irgendwie gemerkt, dass wenn ich es jetzt nicht mache,
- 8:10ich werde es nie machen, ich kann dirigieren, aber es hoffe dann betrachten.
- 8:14Aber in meinem Herzen war es ganz klar, im Moment, wo er dieses Angebot ausgesprochen
- 8:20hat, wusste ich schon, das wird meine Zuführstelle.
- 8:26Natürlich habe ich mir eine Bedenkzeit erbeten, drei, vier Monate,
- 8:31um mit meiner Familie zu sprechen. Und meine Frau war da sehr dankbar.
- 8:36Natürlich hat sie sich gefragt, wie wird es dann ausschauen.
- 8:40Aber sie hat mich vollkommen unterstützt. Und das war auch sehr schön.
- 8:45Die Familie hat ein Jahr in Wien gelebt.
- 8:49Während ich in Zürich eine Wohnung gemietet habe. Denn es war ja auch für mich
- 8:53die Frage, funktioniert das überhaupt?
- 8:56Die Wiener Philharmoniker haben ja auch ein Jahr Karenzzeit gegeben.
- 9:00Also das war dann sogar noch ein zweites Jahr.
- 9:05Da war ich sehr, sehr dankbar dafür. Denn wenn das nicht funktioniert hätte,
- 9:10hätte ich zurückgehen können in das Orchester.
- 9:13Aber es hat eben funktioniert und es war auch mein Wille, die Dirigentenlaufbahn,
- 9:19einzuschlagen und da habe ich große Unterstützung von meiner Familie bekommen.
- 9:23Was war denn das erste Stück, das Sie auf dieser Stelle dann auf diesem Posten
- 9:26als Dirigent dirigiert haben und wie sehr ging Ihnen da die Düse damals?
- 9:31Ich habe damals eine Palätproduktion gemacht, das Mozart Requiem in Zürich.
- 9:38Das war für mich natürlich auch ein Heimspiel, würde ich so sagen.
- 9:44Aber trotzdem, es war ein Hineinschnuppern in eine Welt, die ich von der anderen
- 9:50Seite kennengelernt habe.
- 9:52Man darf nicht vergessen, ich habe ganze drei.
- 9:58Opern im Repertoire gehabt. Fledermaus, Zauberflöte und Papier von Sevilla. Das langt fürs Erste.
- 10:09Also ich fand das schon sehr risikoreich, auch für Alexander Pereira übrigens
- 10:15auch. Aber er hat sehr an mich geglaubt und ich habe Gott sei Dank auch diese
- 10:20Zeit für mich nützen können, auch,
- 10:25andere Dirigate oder andere Opern zu dirigieren und nebenbei eben auch Gastdirigate zu machen.
- 10:34Und das hat sich dann so weit ausgeweitet, dass ich eigentlich auch für mich,
- 10:40einen neuen Weg gehen konnte,
- 10:43in ein anderes Opernhaus beziehungsweise ein anderes Konzertorchester übernehmen zu können. Ja.
- 10:51Ein anderes oder ein Zitat, was ich von Ihnen gefunden habe,
- 10:54war schon erwähnt, der Dirigent ist nicht der Wichtigste, er wird nur wichtig
- 10:57gemacht. Das ist jetzt ja ein ziemlich mutiger Satz für jemanden, der diesen Job macht.
- 11:01Haben Sie das selber herausgefunden oder mussten Sie das schmerzhaft von jemandem erklärt bekommen?
- 11:05Oh nein, nein. Also ich meine, wenn man im Archester sitzt, dann weiß man auch,
- 11:09dass ein Dirigent auch gewisse Vorgaben hat und geben muss.
- 11:16Aber wir müssen doch eigentlich als Dirigent immer Diener sein.
- 11:22Das ist ganz wichtig, das zu wissen. Es ist nicht der Manfred Honig,
- 11:26der dort der wichtigste Mann am Pult ist. Auch wenn dann es heißt,
- 11:31Honig dirigierte das und das und so weiter.
- 11:33Das ist das System, das wir heutzutage haben.
- 11:36Aber es ist immer noch der Mozart, es ist immer noch Anton Bruckner,
- 11:41Gustav Mahler, die uns diese herrlichen Kompositionen geschenkt haben.
- 11:46Und ich fühle mich eigentlich immer als Diener. Ich fühle mich einfach immer,
- 11:50als einer, der versucht, diese Musik bestmöglichst rüberzukriegen.
- 11:56Zunächst vor dem Orchester, mit dem Orchester, natürlich auch vor dem Publikum.
- 12:01Das ist mein Ziel und deswegen ist es für mich ganz wichtig,
- 12:04dass zwar natürlich dirigiert der Dirigent und natürlich spielt das Orchester,
- 12:09aber ich sehe die Musiker als meine Partner.
- 12:12Sie sind für mich genauso wichtig wie ich selber.
- 12:15Beim einen oder anderen Kollegen oder Kolleginnen von Ihnen habe ich nicht sofort
- 12:20das Gefühl, dass diese Art von Demut ganz, ganz vorne auf der Prioritätenliste ist.
- 12:25Wie sehen Sie das? Es gibt ja durchaus auch Dirigenten, die sagen,
- 12:28also wo ich bin ist oben und alle anderen haben jetzt schön mal zu regeln, was ich möchte.
- 12:33Ach ja, ich meine, es ist ein gewisses Ego, haben wir Dirigenten alle.
- 12:39Aber Sie haben das Wort Demut jetzt erwähnt.
- 12:43Das Wort Demut ist ihr Mut zum Dienen.
- 12:48Mut zum Dienen. Und das ist mir auch ganz wichtig, dass man diesen Mut auch
- 12:52hat, dass man jetzt nicht immer seine eigene Welt als die wichtigste ansieht.
- 12:59Und es ist auch nicht ganz.
- 13:02Ich würde sagen, richtig auch, wenn man sich rechtfertigen will.
- 13:08Wenn ich mal sterbe und ich muss dem Mozart und Beethoven alles erklären,
- 13:12was ich da gemacht habe, da wird wahrscheinlich jeder Dirigent ein Ohrfeind kriegen von denen.
- 13:17Darf man ja nicht, das weiß man ja heutzutage. Aber trotzdem,
- 13:21es ist für mich ganz, ganz wichtig, dass wir diesen Mut zu dienen auch praktizieren.
- 13:27Aber es ist schon klar, wenn man auf die Bühne dreht, ist es halt eben der Dirigent,
- 13:31der jetzt zunächst einmal einen Applaus bekommt.
- 13:35Und dann lasse ich da so Hester immer aufstehen. Das ist für mich ganz,
- 13:38ganz wichtig, dass wir Partner sind. Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen.
- 13:44Wir müssen doch zusammen, es ist beim Fußballspielen doch ähnlich,
- 13:47wir müssen doch einen Ball nach dem anderen zuschieben, damit wir ein Tor schießen
- 13:52und so ist es ja auch hier bei unserem,
- 13:57gemeinsamen Konzertwesen.
- 14:00Wir müssen da versuchen, so gut wie möglich zu spielen in diesem Moment und
- 14:05dann funktioniert das auch.
- 14:08Und dann bin ich eben Partner und nicht unbedingt der große Macho da vorne.
- 14:15Ihr Glaube ist für Sie extrem wichtig, also auch in diesem Beruf.
- 14:18Wie erklären Sie das jemandem, der so gar nicht glaubt und der vielleicht auch
- 14:22denkt, dass das auf einer Konzertbühne gar nichts zu suchen hat,
- 14:24mit Religion belästigt zu werden?
- 14:28Also, ich belästige, glaube ich, auch niemand.
- 14:33Es ist mir nicht bekannt, dass ich da irgendjemanden mal belästigt hätte durch meinen Glauben.
- 14:39Ich versuche, den Glauben so zu leben, dass ich auch hier wieder den anderen
- 14:44Menschen dienen kann und den anderen Menschen verstehen kann und den anderen
- 14:47Menschen helfen zu können,
- 14:50dass sie vielleicht ihren eigenen Weg noch besser und mit größerem Verständnis gehen.
- 14:58Wenn ich interpretiere, und das sage ich jetzt auch ganz offen,
- 15:01dann sehe ich auch sehr, sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen Religionen.
- 15:06Das meine ich jetzt nicht nur christliche Religionen, auch andere Religionen,
- 15:11die hier in der Musik verangst sind und wo man dann plötzlich das Gefühl hat,
- 15:17da gibt es etwas, was viel wichtiger ist.
- 15:19Da gibt es etwas, was Sie nicht benennen können, etwas Größeres. Und,
- 15:27ich spreche natürlich auch nie über den Glauben im Orchester,
- 15:32aber es war ganz interessant in Pittsburgh.
- 15:39Hat mich mal ein erster Geiger angesprochen und hat gesagt, Maestro,
- 15:45you pray before the concert? Ich habe gesagt, ja, das mache ich, das tue ich und so und so.
- 15:51Warum fragst du mich? Ja, wir fühlen das. Und dürfen wir dabei sein?
- 15:57Und dann habe ich gesagt, natürlich
- 15:58dürft ihr dabei sein, aber ich zwinge niemanden und wenn ihr das wollt.
- 16:04Und das hat sich dann so schön entwickelt, Über die Jahre, ich hatte manchmal 50,
- 16:1160 in meiner kleinen Maestro Suite in Pittsburgh, die am Gebet vor dem Konzert teilnehmen wollten.
- 16:20Ganz berührend war zum Beispiel, das sage ich Ihnen jetzt auch so,
- 16:25Sie wissen ja, dieser Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh.
- 16:33Ich habe da sofort ein Konzert organisiert.
- 16:39Im Memoriam of the Victims. Und da habe ich,
- 16:43die Rabbis und die jüdische Gemeinde eingeladen und sind alle zum Gebet gekommen, mit Familien.
- 16:52Und es war so etwas Berührendes, wenn man weiß, dass diese Menschen in dieser
- 16:56Synagoge diese furchtbare Tat begangen wurden.
- 16:59Und dann beten wir von diesem Memorial-Konzert.
- 17:04Also es war ein wirklicher bewegender Moment und so gibt es viele,
- 17:09viele Momente, wo wir vor dem Konzert zusammensitzen und,
- 17:13zusammenstehen und einfach Worte sprechen und jeder kann, jeder Musiker und
- 17:18jeder Mensch kann seine eigenen Worte.
- 17:19Dieser Rabbi hat sogar in hebräischer Sprache dann gesprochen.
- 17:24Das habe ich weniger verstanden, aber es war sicher ein Gebet aus dem Salm.
- 17:29Kann man denn, oder vielleicht kann man sogar fragen, darf man denn dann so
- 17:34jemanden wie Bruckner dirigieren, wenn man nicht gläubig ist oder womöglich
- 17:38also nicht katholisch oder ist das womöglich gar kein Problem?
- 17:42Nein, nein, also es gibt wunderbare.
- 17:46Bruckner-Interpreten, die sich sehr auf die Musik konzentrieren und dann auch
- 17:51das heraussehen, wo sie eine Idee haben, das ist etwas Größeres.
- 17:55Vielleicht hilft es natürlich, gerade bei Gustav Mahler und bei Bruckner,
- 18:01sehr in diese katholische Welt einzutauchen, denn es gibt gewisse Geheimnisse,
- 18:08die aus diesem Verständnis des Glaubens kommen.
- 18:12Und wenn zum Beispiel, ich sage jetzt der letzte Satz, den Bruckner in seinem
- 18:18Leben fertiggestellt war der langsame Satz der dritte Satz der neunten Sinfonie,
- 18:24Und ich habe herausgefunden, und fragen Sie mich nicht, wie.
- 18:28Es war auf einmal der Gedanke gekommen, ob nicht dieses Agnus Dei,
- 18:33Vitolis peccata munde, miserere nobis, die Grundlage für diesen Satz ist.
- 18:39Und ich war ganz erstaunt, man kann das sogar mitsingen, die lateinischen Worte.
- 18:46Und dann am Schluss, dona nobis, dona nobis, pace, gib mir den Frieden. und.
- 18:55Ich war völlig weg also ich wusste das gar nicht,
- 18:59wie ich das erste Mal aufgeführt habe, ich möchte es gar nicht mehr hören diese
- 19:02Aufnahme, aber wenn man das dann aus dem Gesang heraus, aus diesem Verständnis,
- 19:07dass es hier eben aus der katholischen Messe genommen worden ist,
- 19:12dann dann denke ich dann hat das vielleicht auch vielleicht auch eine gewisse
- 19:18Inspiration, aber nochmals Es gibt fantastische
- 19:22Aufnahmen, fantastische Bruckner-Interpreten, die auch diese Musik und,
- 19:28diese Gewalt, dieses Göttlichen vielleicht.
- 19:34Auch spüren, ohne zu wissen, worum es geht. Ich möchte mal jetzt wechseln von
- 19:39St. Florian und Bruckner nach Pittsburgh.
- 19:43Sie haben diesen Job da jetzt und Pittsburgh ist als Stahlstadt bekannt, Football, Eishockey.
- 19:49Als sie da hingekommen sind, was haben sie erwartet und was hat sie überrascht an dieser Stadt?
- 19:53Die ist ja nicht riesig groß, aber trotzdem eine bedeutende Metropole in der Gegend.
- 19:59Absolut. Also ich meine, rein künstlerisch gesehen war es natürlich eine große Aufgabe für mich.
- 20:07Denn ich wusste ja, dass Marziansens mein Vorgänger, unmittelbar Vorgänger war.
- 20:15Loren Marsell hat dort andere Brevin und so weiter und die Geschichte dieses
- 20:20Orchester ist schon etwas Wunderbares also,
- 20:25für mich war das eine ganz ganz große Aufgabe damals was mache ich mit dem Orchester,
- 20:29wie kann ich diesen fantastischen Dirigenten nachfolgen,
- 20:33das ist jetzt natürlich 25 Jahre sein wird, das wusste ich damals ja noch nicht
- 20:38das haben wir ja darüber gesprochen aber,
- 20:42ich habe Pittsburgh dann als Stadt.
- 20:46Schätzen gelernt.
- 20:47Ich muss sagen, also rein architektonisch war es jetzt nicht ganz so toll.
- 20:55Also man hat noch immer gemerkt, dass es eine Stahlstadt war,
- 21:00wo viele Menschen gearbeitet haben und in den Gruben und so weiter.
- 21:07Aber die Freundlichkeit der Menschen, die habe ich nirgendwo anders so schätzen
- 21:13gelernt wie in Pittsburgh.
- 21:16Und wenn Sie da der Music Director sind, seit über zwei Jahrzehnten fast,
- 21:22werden Sie dann überall eingeladen?
- 21:25Sind Sie ein Ehrenstiler geworden inzwischen bei der Football-Mannschaft?
- 21:27Wie geht man mit Ihnen um in einer Stadt, wenn die Stadt wahrscheinlich inzwischen
- 21:31weiß, das ist der Chef von unserem Orchester? Gibt es was umsonst?
- 21:36Ja, man wird immer angesprochen auf den Straßen. Und so weiter.
- 21:47Und selbst den armen Menschen gibt es natürlich überall auch.
- 21:51Das ist in Pittsburgh auch. Ich habe einmal einem Bettler etwas gegeben und
- 21:54so. Und das war direkt vor der Heinz Hall, nicht? Und ich habe dann...
- 22:00Ich habe den gefragt, wollen Sie mal kommen, interessieren Sie sich für klassische
- 22:04Musik? Er sagt, ja, ja, ja.
- 22:07Ich würde so gerne mal The Dream of Gerontius hören. Was?
- 22:13Der hatte fast keine Hosen an und verdreckt. Das war so fürchterlich.
- 22:19Dann redet der über The Dream of Gerontius.
- 22:23Ich meine das von Elga und das hat mich total imponiert. Da habe ich gemacht,
- 22:29Ich habe Urteile nie über Menschen.
- 22:31Wir wissen nie, was die für ein Schicksal gehabt haben. Aber es gibt so großartige
- 22:36Menschen, Familien, die sich um mich gekümmert haben, die mich eingeladen haben,
- 22:39die mich in diese Welt der Thanksgiving auch geführt haben.
- 22:43Das war ja für mich als Europäer noch ein bisschen fremd.
- 22:48Aber ich bin eigentlich nie alleine im Hotelzimmer.
- 22:54Wenn Sie sagen, Urteile nicht über Menschen, das ist schon eine Brücke zu dem,
- 23:00was ich mal fragen wollte.
- 23:01Nämlich, Sie haben auch mal gesagt, Musik steht über politischen Differenzen.
- 23:04In Ihrem Orchester sitzen wahrscheinlich wie in jedem Orchester und wie in jeder
- 23:08Firma in den USA Republikaner und Demokraten zusammen.
- 23:13Wie hat sich die Stimmung verändert für Sie in diesem Arbeitsalltag,
- 23:18wenn man weiß, es geht womöglich ein Graben durch diesen Klangkörper,
- 23:22bei der ja eigentlich eine Einheit sein soll.
- 23:24Und vielleicht redet der Demokrat in den Bratschen nicht mehr mit dem Republikaner
- 23:29in den Trompeten oder umgekehrt.
- 23:33War nie ein Thema. Man spricht über Politik überhaupt nicht. Und das ist wunderbar.
- 23:39Und auch im Board gibt es Republikaner und Demokraten und sie arbeiten fantastisch
- 23:45zusammen. Also das ist etwas ganz, ganz Großartiges.
- 23:50Natürlich weiß man, wer Demokrat ist, wer so und so denkt.
- 23:54Aber in dem Moment, wo wir auf der Bühne sitzen, wo wir Musik machen,
- 23:59ist diese Welt vergessen.
- 24:01Da gibt es diese Gräben überhaupt nicht. Und das ist das Schöne in Musik. Musik verbindet.
- 24:07Musik kann diese Welten zusammenbringen. Deswegen finde ich,
- 24:11das ist so etwas Großartiges und so etwas Unterstützenswertes, dass die Kultur,
- 24:18damit meine ich jetzt nicht nur Musik, aber die Kultur im Gesamten,
- 24:22nie aus den Augen verloren gehen müssen und dürfen.
- 24:26Denn Kultur verbindet, Kultur bringt Menschen zusammen auf unterschiedlichen Denkweise.
- 24:33Und ich finde, das ist gerade bei Pittsburgh-Sinfonie-Orchester so gut bemerkbar.
- 24:39Da geht es um ein Ziel, die bestmöglichste Qualität hervorzubringen in dem Moment.
- 24:45Es können immer Fehler passieren, wir sind alle Menschen, es kann auch Dinge
- 24:49schief gehen, aber in dem Moment einfach das Beste zu geben,
- 24:54nicht nur 90 Prozent, sondern 120.
- 24:56Und das verbindet. Aber dass Kultur Menschen verbinden soll,
- 24:59habe ich momentan nicht das Gefühl, dass das ein riesen Ansporn für die jetzige
- 25:05Bundesregierung in Washington ist. Also kommen da die Einschläge näher, weil sie merken,
- 25:11Der Kultur, geht es also auf ganz frontale Weise an die Wäsche in diesem Land,
- 25:15in dem ich arbeite? Gab es vielleicht die Überlegung zu sagen,
- 25:18also Leute, alles was Recht ist, aber ich muss hier auch nicht arbeiten,
- 25:22das wird mir jetzt alles so unangenehm?
- 25:25Nein, dieses Gefühl habe ich überhaupt nicht. Also ich meine,
- 25:28dass in Amerika ein anderes System ist als bei uns in Europa,
- 25:32wir werden ja die Kulturinstitutionen vom Staat erhalten.
- 25:38In Amerika sind es meistens die
- 25:39Sponsoren, die Donors, die sich um eine kulturelle Institution kümmern.
- 25:47Und da gibt es eine gewisse Unabhängigkeit auch, dass man eben nicht abhängig
- 25:53ist vom Staat. Man kriegt vom Staat auch Geld, aber so wenig,
- 25:57das könnte ein Orchester nie überleben.
- 26:01Also wir sind die Sponsoren, sind diejenigen, die ein Orchester tragen und die
- 26:06Donals, die sich hinter das Orchester stellen.
- 26:09Egal ob Demokrat, ob Republicans, wir lassen uns da nicht beeinflussen.
- 26:13Wir machen Musik und das weiß jeder.
- 26:15Das weiß jeder hier, egal wer der Präsident ist, egal wer jetzt am Hebel ist.
- 26:22Es gibt vielleicht Schwierigkeiten, wie man dann zum Geld kommt oder wie man
- 26:25dann vielleicht Dinge erfüllen muss.
- 26:28Das ist was anderes, aber es ist ein Bewusstsein da, dass wir uns umgeben müssen
- 26:33mit Leuten, die sich um Kultur kümmern, die um den Wert der Kultur in der Gesellschaft Bescheid wissen.
- 26:40Das ist ganz, ganz wichtig. Macht es denn inzwischen regelrecht Spaß,
- 26:44dass Sie dann vielleicht mal einmal pro Saison bei der Firma Heinz anklingeln
- 26:48müssen, die in Pittsburgh ja die Ketchup-Dynastie ist und Ihnen nochmal erklären
- 26:52müssen, dass Sie im nächsten Jahr gerne weiterspielen möchten und ob Sie nicht
- 26:54vielleicht den einen oder anderen Scheck ausstellen könnten?
- 26:57Ja, das passiert immer wieder.
- 27:01Wir sind da immer wieder dran an den Leuten und wir haben Gott sei Dank noch
- 27:08immer offene Herzen in Betzberg.
- 27:13Ich habe gelesen, dass Sie für jeden Gastauftritt immer Ihre eigene Partitur
- 27:17dabei haben mit all Ihren Notizen und allem drum und dran.
- 27:19Also die wird wahrscheinlich dann immer wieder weiter gepflegt und dann gibt
- 27:22es sozusagen einen Jahresring in der Partitur, wo Sie wissen,
- 27:25ich habe mal mit diesen und jenen Ideen angefangen und dann wächst sich das immer weiter aus.
- 27:31Was steht denn da drin, was jetzt nicht schon in einer druckfertig gekauften
- 27:35Partitur vorliegt? Also wie sehr müssen Sie eigentlich noch immer Ihrer Meinung
- 27:39nach nacharbeiten, bis so eine Partitur das hier gibt, was Sie gerne haben?
- 27:44Also man lebt eigentlich die Partitur wie mit einer Ehefrau.
- 27:48Und es gibt immer wieder neue Erfahrungen und neue Dinge, neue Erkenntnisse.
- 27:54Und das ist etwas, was mich selber eigentlich so erstaunt und fast erschüttert auch.
- 27:59Man lebt mit der Partitur, man weiß genau, wo was steht. Ich hatte einmal ein
- 28:06Erlebnis, habe ich an meiner Partitur vergessen.
- 28:11Und dann habe ich gebeten darum, ob ich nicht eine Portetur vom Archiv bekomme.
- 28:16Die haben es mir dann gegeben.
- 28:18Blöderweise war da die Seite vertauscht. Da war die linke Seite die rechte und
- 28:23die rechte die linke Seite.
- 28:24Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mich das irritiert hat.
- 28:28Also es ist genau wie meine Ehefrau plötzlich irrsinnig rote Haare hätte.
- 28:34Sie hat jetzt blonde Haare, schöne.
- 28:36Ich wäre natürlich so erstaunend darüber.
- 28:41Aber man lebt mit der Partitur, man schreibt alle Dinge ein,
- 28:44die einem Moment, in dem Moment auch vielleicht wichtig sind.
- 28:50Und meine Partitur, wenn Sie die mal sehen, das ist unglaublich.
- 28:53Da gibt es ja Seiten, wo ich sehr, sehr viel eintrage, wo ich mich daran erinnere.
- 28:57Aber man entwickelt sich auch. Es sind dann Dinge, wo ich mir denke,
- 29:03wie ist das möglich, dass ich das noch nicht gesehen habe.
- 29:06Und ich habe das dann gemerkt, dass auch Christoph von Dochnani oder Günter
- 29:11Wand auch bei einer normalen Heidensymphonie genau dasselbe empfunden hat.
- 29:15Sie haben es 40, 50 Jahre lang dirigiert und jetzt kommen sie da drauf,
- 29:21da ist doch etwas, was ich noch gar nicht gesehen habe. Ist das nicht schön?
- 29:24Ich finde das wunderbar.
- 29:26Übrigens, Partitur ist die eine Sache. Aber das, was die Orchestermusiker haben.
- 29:34Vor sich. Das ist vielleicht genauso wichtig. Und deswegen habe ich auch ein
- 29:39eigenes Material meistens. Nicht von allen Stücken, das geht leider nicht.
- 29:43Aber den meisten Stücken habe ich ein eigenes Material, wo ich die Veränderungen
- 29:49einzeichne, wo ich die Bogenstriche einzeichne. Ist alles drinnen.
- 29:52Alles, was in meiner Partitur gefunden ist, ist in Material der Orchestermusiker.
- 29:57Sie kommen dann für Standardrepertoire mit dem ganzen Notenkoffer an und sagen, so Leute, hier ist das.
- 30:02Ja, die schicke ich vorher weg, schon.
- 30:05Einen Monat vorher, schicke ich schon hin, damit die Orchestermusiker das üben
- 30:09können. Einmal ist es mir leider passiert, dass eine Tuasag 9 in Japan,
- 30:15verloren gegangen ist durch FedEx. Ja, das war ein Drama.
- 30:21Jetzt musste ich da mit dem Orchester, mit deren Orchester mal,
- 30:24das ist auch sehr schön gewesen, aber ich musste ein ganz neues Material dann anfertigen.
- 30:29Aber im Grunde genommen, das ist alles herrlich eingezeichnet und ganz klar.
- 30:38Formuliert. Denn es ist eh klar, wenn man sich das rein von der praktischen
- 30:43Seite vorstellt, man kommt mit seiner eigenen Vorstellung zum Orchester.
- 30:47Man denkt jahrelang darüber nach, wie soll diese Phase gestaltet werden.
- 30:53Und jetzt hat das Orchester aber eine andere Dynamik drin oder ein anderes Bild.
- 30:59Dann brauchen Sie wahrscheinlich 20 Proben.
- 31:02Und deswegen lasse ich die Orchestermusiker so gut, die können alle schon super gut sehen.
- 31:08Wenn die ein Pianissimo sehen, anstatt ein Mezzoforte, dann werden sie immer
- 31:13auch ein Pianissimo spielen.
- 31:15Und das ist für mich ganz wichtig. Wissen Sie denn, wie groß Ihr Fundus ist?
- 31:18Wie viele Stücke haben Sie so griffbereit da, von denen Sie im Prinzip das komplette
- 31:22Aufführungsmaterial mal eben aus dem Regal schieben können? Ja,
- 31:26ich habe eine ganze Wand voll zu Hause.
- 31:29Es ist wirklich, es ist wirklich. Also
- 31:31alle Beethoven-Symphonien sind Mahler-Symphonien, sofern es auch geht.
- 31:37Bruckner, nicht alle Bruckner-Symphonien, habe ich ja noch nicht alle dirigiert.
- 31:41Aber ja, Mozart-Symphonien, Heidensymphonien, der ganzen Stapel voll.
- 31:47Also ist alles drin. Es ist viel Arbeit, muss ich Ihnen sagen.
- 31:49Aber es zahlt sich aus. und so kriegt man dann noch eine spezielle vielleicht
- 31:55Identität in dem Orchester oder in der Aufführung.
- 31:59Also mal ein paar schnelle Fragen oder vielleicht einfache Fragen.
- 32:03Was ist eigentlich das Langweiligste an Ihrem Job? Oh.
- 32:09Das Langweiligste sind eigentlich die Reisen, ehrlich gesagt. Also,
- 32:16das Warten auf die Probe.
- 32:21Das ist eigentlich langweilig, weil man will eigentlich immer schon voll sein
- 32:25und sofort in die Musik einlaufen.
- 32:30Das ist vielleicht für mich das Langweiligste.
- 32:35Das Intensivste ist für mich natürlich jetzt eine Partitur zu erarbeiten.
- 32:41Da braucht es sehr, sehr viel Geduld.
- 32:45Und wenn man ein Paradies studiert, hat man sehr viele Ideen,
- 32:51Gedanken und die möchte man eigentlich schon in der nächsten Minute dem Mahester mitteilen.
- 32:57Und wenn ich zur Sinfonie arbeite, dann sind es oft Monate, die vergehen, ein halbes Jahr.
- 33:04Und diese Geduld aufzutreiben, dass man hier das Ganze eben für diese erste
- 33:12Probe vorbereitet haben muss.
- 33:15Das ist für mich etwas, wo ich immer wieder mich selber dabei lerne, Geduld zu haben.
- 33:24Weil Sie das Wort Probe erwähnt haben. Ich habe ein paar Mal bei Proben zugesehen
- 33:28von amerikanischen Orchestern und da kann man die Uhr danach stellen oder besser
- 33:31gesagt, die haben teilweise eine Uhr dabei fürs Orchester, um dann zu sehen,
- 33:35zack, zwölf Uhr, Feierabend, dann fällt allen alles aus der Hand.
- 33:38Der Gewerkschaftsvertreter lächelt fröhlich in den Raum rein und sagt, Feierabend.
- 33:43Ist das nicht fürchterlich nervig, wenn man mittendrin ist im Fluss,
- 33:46im Flow und dann sagt irgendeiner von hinten gewerkschaftsmäßig Tschüss, wir haben Schluss.
- 33:52Ja, das war ich am Anfang überhaupt nicht gewohnt.
- 33:57Ich disziplinieren und ich musste das auch lernen, ehrlich gesagt,
- 34:02dass man sehr, sehr konstruktiv und sehr genau und sehr klar Anweisungen gibt,
- 34:07damit man in der Zeit auch wirklich durchkommt.
- 34:10Mittlerweile ist man daran gewohnt und ich lasse es gar nicht mehr zu,
- 34:13dass da der Verantwortliche auf die Bühne kommt und die sagt, die Probe ist aus.
- 34:21Das ist mehr passiert. Also ich glaube, ich kann es ja Europäer natürlich schon
- 34:25daran gewöhnen. Das hat mir persönlich auch geholfen, eine gewisse Disziplin zu erarbeiten.
- 34:31An mir ist es konstruktiver und klarer, mit einer klaren Vorstellung,
- 34:37in die er in die Probe gegangen ist. Also diese sich berühmte entwickeln lassen,
- 34:42das ist nur bis zu einem Teil möglich.
- 34:47Aber das wünschen sich die Orchester auch, gar in Amerika. Die wollen einfach
- 34:50jemanden haben, der eine klare Vorstellung hat, der Wolle, wo das alles leiterlehrt,
- 34:55die wollen einfach wissen, wie es geht.
- 34:57Und das ist ja auch klar, wenn man 100 Musiker vor sich hat,
- 34:59gibt es eben 100 Meinungen.
- 35:01Die alle auf einen Nenner zu bringen, das ist eben die Arbeit des Dirigenten.
- 35:07Und je klarer und je einsichtiger das ist, desto bereitwilliger sind,
- 35:13die Orchestermusiker da mitzugehen.
- 35:16Das ist in Pittsburgh ganz besonders der Fall, finde ich.
- 35:21Auch wenn sie vielleicht das nicht immer alles in ihrem Herzen so gedacht haben,
- 35:26dass vielleicht eine Phrase in eine andere Richtung gehen könnte.
- 35:30Aber das ist ja mal eine Vorangabe, die ein Dirigent machen muss.
- 35:34Das war für mich eine ganz große Lehre in den ersten Jahren.
- 35:41Gibt es einen Komponisten, mit dem Sie einfach nicht warm werden oder vielleicht
- 35:44auch nur ein bestimmtes Stück und das aber trotzdem immer wieder mal auf den
- 35:47Plan setzen müssen. Womöglich auch, weil jemand aus der Firmenzentrale von Heinz
- 35:51anruft und sagt, der Chef hätte gerne...
- 35:54Beethoven Fünfte in drei Wochen oder so, ist Ihnen das schon mal passiert oder
- 35:58gibt es ein Stück, wo Sie sagen, ich kann es nicht? Programmmäßig,
- 36:05habe ich da keine Vorgaben bekommen. Das lasse ich auch nicht so,
- 36:08dass mir jemand sagt, wir haben das so mal. Das liegt in der Hand des künstlerischen Teams und,
- 36:15das wird nicht angetastet. Aber natürlich gibt es Komponisten, die auch Zeit brauchen.
- 36:23Und ich muss gestehen, ich habe zum Beispiel immer gesagt, Sibelius,
- 36:27den ich sehr, sehr schätze, habe ich lange nicht angetastet.
- 36:31Jetzt habe ich vor zwei Jahren das erste Mal die zweite Sinfonie gemacht und
- 36:35jetzt werde ich es auch aufnehmen. Das darf man vielleicht noch gar nicht sagen, aber ich.
- 36:42Habe mich da so hineingekniet, weil ich gesagt habe, ach, die finnische Welt,
- 36:44es gibt wunderbare finnische Dirigenten, die können das alles besser machen und so.
- 36:48Aber diese, da habe ich mir gedacht,
- 36:50und jetzt beginne ich so langsam die Sibelius-Sprache zu verstehen. Und,
- 36:59Und das in gewisser Maßen war das am Anfang, obwohl ich von Anfang in der Kindheit
- 37:06schon Bruckner gelernt habe. Ich habe ja gesungen, auch diese herrlichen Modetten.
- 37:11Aber dass ich jetzt alle,
- 37:15Symphonien verstehe von Bruckner, weit davon entfernt gewesen vor einigen Jahren.
- 37:19Und ich habe das immer gedacht, oh, Bruckner muss da in die,
- 37:24er war sehr religiös, muss in die Kirche gehen oder war ein fantastischer Lehrer, Kontrapunktlehrer.
- 37:31Also muss alles sehr theoretisch sein. Aber.
- 37:36Dass dieser Bruckner phänomenal viele Ideen aus der österreichischen Volksmusik
- 37:41genommen hat, das habe ich auch im Prozess, also die letzten 10,
- 37:4515 Jahre auch lernen dürfen.
- 37:48Und dann gibt es auch, das ist ja auch klar, der Mensch hat ja im Windhager-Trio
- 37:52gespielt, der Geige und Pratsche und hat diese österreichische Volksmusik,
- 37:57die damals in- und auswendig gekannt, dass der keinen Einfluss gegeben hat,
- 38:04auf die Symphonien. Das kann man niemals erzählen.
- 38:07Das gibt es auch. Aber es gibt doch bestimmt ein Stück, was sie einfach nicht ausstehen können.
- 38:13Also ich zum Beispiel, ich gebe das immer gerne zu, ich kann Karl Orff,
- 38:15Kamina Burana, ich kann das Stück nicht ausstehen.
- 38:17Ich muss es ja auch nicht dirigieren. Aber ich kann mir nicht vorstellen,
- 38:21dass das bei Ihnen nicht auch ein Stück vorhanden ist, wo Ihnen jedes Messer
- 38:26in der Tasche aufgeht und Sie sagen, nie im Leben,
- 38:30Also, wie gesagt, ich habe mich noch nicht herangetastet an alle Symphonien.
- 38:36Also ich habe zum Beispiel die siebte Male, die ich selber gespielt habe öfters,
- 38:43die habe ich lange nicht verstanden. Jetzt beginne ich sie langsam zu verstehen.
- 38:48Aber natürlich,
- 38:51ich habe von Morgan Williams auch nicht alles verstanden, dann auf die C-Sinfonie
- 38:55dirigiert. Elga habe ich auch nicht alles verstanden. Man muss sich damit beschäftigen.
- 39:02Aber Verstehen ist ja noch eine Stufe neben, kann ich nicht ausstehen.
- 39:08Ja, aber das gibt es für mich nicht. Aufstehen für mich nicht.
- 39:12Also ausstehen dafür, da habe ich zu viel Respekt vor den Komponisten,
- 39:18denn ich denke auch, sie wissen ganz genau, die haben ja auch ihre Arbeit da
- 39:22hineingelegt und wollten etwas dazu sagen.
- 39:27Aber wie gesagt, man muss nicht alles dirigieren, nur am Ende des Lebens.
- 39:34Das ist eine schöne Überleitung. Sie haben ja jetzt gerade in Salzburg die Ariadne
- 39:38dirigiert und ich habe die nicht gesehen, aber was ich gelesen habe,
- 39:42scheinen die musikalische Seite besser weggekommen zu sein als die szenische
- 39:47Seite von dieser Inszenierung. Wie geht man damit um?
- 39:49Sie haben ja nun eine gewisse Erfahrung in diesem Beruf, aber wie geht man trotzdem
- 39:52damit um, wenn es so einen Abend gibt, der gespaltene Meinungen hervorruft?
- 40:00Na ja, gut. Also ich bin als Dirigent natürlich für die musikalische Seite zuständig
- 40:05und für das musikalische Ergebnis.
- 40:07Und ich habe natürlich sehr, sehr viel investiert in der Auswahl der Sänger.
- 40:13Da habe ich einen Vorsingen nach dem anderen gehabt und war überall eingebunden
- 40:19in die Auswahl der Sänger.
- 40:22Das war mir ganz wichtig, gerade für Ariadne, das ist das Um- und Auf,
- 40:25rein künstlerisch gesehen, das ist das Um- und Auf, dass die Sänger die Rolle perfekt verkörpern.
- 40:34Ich kann mich noch erinnern, da gibt es eine Bregella zum Beispiel,
- 40:37ein hohes B. Wenn das einer nicht singen kann, und zwar leise singen kann,
- 40:43dann hat er keine Chance gehabt.
- 40:45Sie haben mich fünf, sechs, sieben, acht Sänger vor singen lassen,
- 40:49wie sich den Richtigen gefunden haben. Und da bin ich sehr, sehr dankbar und
- 40:52sehr stolz darauf, dass wir diese,
- 40:56diese Kommunikation und diese künstlerische Qualität erreichen durften.
- 41:02Elina Garanscher hat ja kurzfristig absagen müssen, was für mich natürlich zunächst
- 41:08einmal auch etwas überraschend kam, aber dann doch nicht, denn sie ist mit Sopranistin.
- 41:14Sie hat auch erkannt, dass das wahrscheinlich jetzt diese Partie für sie sehr,
- 41:17sehr anspruchsvoll ist.
- 41:21Sopranistin singt das ja normalerweise. das rechne ich hier hoch an,
- 41:26dass sie aus diesem Schritt einfach gemacht hat.
- 41:28Sie haben gemerkt, dass wir Christina Nielsen da jetzt dann noch bekommen haben.
- 41:35Da bin ich sehr, sehr dankbar dafür. Und auch hier habe ich verschiedene Vorschläge
- 41:41gehabt für die Ariane dann.
- 41:43Und wir haben für Christina Nielsen entschieden, weil sie die richtige Partie
- 41:47hat. Aber man geht natürlich mit diesen Dingen um.
- 41:50Ich meine, ich habe versucht, auch ein bisschen Einfluss zu nehmen an Positionen in der Regiearbeit.
- 41:59Aber das ganz große Konzept, das muss einfach der Regisseur dann machen.
- 42:03Und manchmal geht es auf, manchmal geht es nicht auf. Und hätte ich vielleicht
- 42:09gewisse Dinge auch anders gemacht.
- 42:11Also das ist keine Frage. Aber ich konzentriere mich auf die Musik und versuche
- 42:17das so gut wie möglich zu machen.
- 42:19Und ich glaube, es ist doch rübergekommen, dass die Musik doch einzigartig sein kann. Okay.
- 42:27Ich habe eine kleine Runde mit so Ja, Nein, Entweder-Oder-Fragen.
- 42:32Nämlich, ich fange mal an mit Piano oder Forte. Was ist Ihnen lieber?
- 42:37Piano. Bruckner oder Mahler?
- 42:42Oh mein, momentan Bruckner. Wien oder Pittsburgh?
- 42:48Was? Yes. Yes.
- 42:57Das ist schwer. Natürlich bin ich Pittsburgh zu Hause, also muss ich also Pittsburgh
- 43:02sagen. Na gut. Bier oder Wein?
- 43:06Wein. Dirigent oder Bratscher? Dirigent.
- 43:12Oper oder Konzert? Konzert. Welche Superkraft hätten Sie gern?
- 43:18Welche was? Superkraft.
- 43:23Das verstehe ich jetzt. Superkraft? Ja, Superkraft. Fliegen,
- 43:26durch Wände gehen, rückwärts zählen können? Keine Ahnung. Oh,
- 43:34ja, fliegen wäre schön. Okay. Was war Ihr erstes, oder was haben Sie mit Ihrem
- 43:41ersten professionellen Honorar gemacht? Wissen Sie das noch?
- 43:44Als Dirigent. Haben Sie sich was gegeben und gesagt?
- 43:48Ich habe die Schulden abgezahlt. Hat es gereicht? Nein.
- 43:53Nach wie vielen Konzerten war das durch mit den Schulden?
- 43:58Das ist ein unaufhörliches Problem.
- 44:04Was ist Ihr Lieblingsinstrument? Und der Dirigierstab gilt nicht.
- 44:17Wahrscheinlich vielleicht dann Cello ist. Das mache ich schon sehr gern.
- 44:25Soweit ich weiß, ist Ihr Bruder Rainer, Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern.
- 44:28Sie haben mal gesagt, er war der bessere Geiger von Ihnen beiden. Stimmt das?
- 44:33Ja, definitiv. Er spielt übrigens auch bei der Ariane mit. Okay,
- 44:39wie ist denn das, wenn der Bruder mit im Orchester sitzt?
- 44:44Ja, also wir sind eine Familie. Kann man machen.
- 44:51Wir machen unsere Scherze. Okay. Was soll mal von Ihnen in der großen europäischen
- 44:57Musikgeschichte übrig bleiben? Welcher Klang, welche Aufnahme,
- 45:00welches Konzert, welche Idee?
- 45:03Oder juckt Sie das alles nicht?
- 45:08Für was soll man sich an Sie erinnern?
- 45:12Ja, das, was überbleibt, das liegt nicht in meiner Hand.
- 45:16Aber so Gott will, sollen vielleicht die Menschen später dann vielleicht sagen
- 45:23dürfen, oh, diese Aufnahme mit Bruckner oder mit Mahler,
- 45:27das ist etwas Zeitloses.
- 45:33Ich gehe nochmal wieder zurück, dann schließt sich der Kreis.
- 45:36Ihr Vater hat damals alles gewissermaßen auf eine Karte gesetzt.
- 45:40Die Kinder, die Musik nach Wien gegangen sind sie froh, dass er das alles getan hat?
- 45:46Ohne diesen Schritt wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Absolut.
- 45:52Allein, dass er alle Kinder ein Instrument hat lernen lassen,
- 45:55das war ganz üblich. Da konnte man gar nicht den Kommen. Alle neun Kinder haben
- 46:00ein Instrument gespielt und ich habe einfach ein Zeige in die Hand bekommen. Ich spiele jetzt.
- 46:05Er hat nach dem Tod, und das ist etwas ganz Eigenartiges, ich denke da sehr oft darüber nach.
- 46:11Meine Mutter ist ja ein paar Wochen nach der Geburt meiner jüngsten Schwester,
- 46:17meines neunten Kindes, gestorben.
- 46:23Mein Vater hatte früher schon einmal den Wunsch, mit der Familie nach Wien zu
- 46:28ziehen, um die besten Lehrer für seine Kinder zu bekommen.
- 46:33Die waren einmal in Wien und eben nicht damals in diesem kleinen Ort. und er hat,
- 46:39nach dem Tod, meine Mutter wollte das nicht unbedingt, denn sie wollte in der
- 46:43Heimat bleiben, sie war so verwurzelt.
- 46:46Dann ist die Mutter gestorben und fünf Jahre später ist er mit ihnen nach Wien gezogen.
- 46:53Und auch, er hatte kein Geld. Die älteren Schwestern sind arbeiten gegangen
- 46:58und haben das Geld alle abgelegt an die Familie.
- 47:02Und das muss ich sagen, das ist etwas für mich, je älter ich werde,
- 47:07umso dankbarer bin ich dafür, dass der Vater die Schrift hat,
- 47:11aber auch, dass meine Schwestern arbeiten gegangen sind und das Geld abgeliefert haben und,
- 47:18das einfach so ermöglichen, dass wir die besten Lehrer bekommen und es ist für
- 47:25mich immer so ein wie soll ich sagen,
- 47:28wenn man das zusammenfasst, dann immer so eine Erkenntnis, was ein Mensch Vielen Dank.
- 47:35Bewirken kann, dass dein Leben eine völlig andere Richtung nimmt.
- 47:45Also alles in allem kann man sagen, dass man sich Manfred Honeck als einen glücklichen
- 47:49Menschen vorstellen muss. Oder darf?
- 47:53Man darf sich das vorstellen mit allen Dingen, die wir Menschen einfach haben.
- 47:59Wir haben unsere Sternstunden, wir haben unsere Schwachstellen.
- 48:04Und das dürfen wir auch akzeptieren und wir dürfen daran arbeiten,
- 48:06aber wir dürfen Hoffnung haben und diese Friede in meinem Herzen.
- 48:11Dafür bin ich sehr, sehr dankbar, dass ich diesen Frieden haben darf.
- 48:15Schön, wir sind durch soweit, dann bleibt mir jetzt nur noch abzuwarten,
- 48:19bis Sie demnächst hier aufschlagen mit den beiden Konzerten mit Pittsburgh,
- 48:22Anfang September am 1. und am 2.
- 48:25Interessante Programme und mal gucken, wie es wird. Ich bedanke mich jedenfalls
- 48:29erstmal und Und wünsche Ihnen noch viel Spaß, gute Tage da unten in der Nähe
- 48:33von Salzburg und gute Anreise hierher und auch für den Rest von Ihrem Laden.
- 48:36Die werden dann ja wahrscheinlich aus einer anderen Richtung kommen.
- 48:38Und dann sehen wir uns womöglich zum Konzert.
- 48:41Tausend Dank und schönen Tag. Ihnen auch alles Liebe. Machen Sie es gut. Ich freue mich.