Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 1: Warum ich so weise bin. 1
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- 0:00Echse homo, wie man wird, was man ist.
- 0:03Vorrede zum Hauptteil an einem in seinen Augen vollkommenen Tag
- 0:09blickt Friedrich Nietzsche auf sein Leben zurück.
- 0:12Es ist sein 44 Geburtstag, und der Herbst hat begonnen, alles
- 0:17um ihn herum reift heran, nicht nur die Weintrauben werden
- 0:20braun, sondern auch sein eigenes geistiges Werk fühlt sich für
- 0:23ihn reif und vollendet an. In diesem Moment fällt gleichsam
- 0:27ein wärmender Sonnenstrahl auf sein bisheriges Leben.
- 0:31Er schaut zurück auf seine Vergangenheit und gleichzeitig
- 0:34nach vorne in die Zukunft. Er stellt fest, dass er noch nie
- 0:37so viele gute Dinge auf einmal sehen konnte, er sagt, dass er
- 0:41sein 44. Lebensjahr heute nicht umsonst
- 0:44zu Grabe getragen hat, er durfte es abschließen und alles, was in
- 0:48diesem Jahr wirklich lebendig und wichtig war, ist nun
- 0:51gerettet und unsterblich gemacht worden.
- 0:54Er zählt die großen Werke auf, die er in diesem einen Jahr und
- 0:57sogar in dessen letztem Vierteljahr als Geschenke
- 1:00empfangen und niedergeschrieben hat.
- 1:02Zuerst nennt er die Umwertung aller Werte mit diesem wichtigen
- 1:07Begriff meint Nietzsche sein großes philosophisches Ziel, er
- 1:11möchte alle bisher gültigen moralischen Vorstellungen, vor
- 1:14allem die christliche Moral, komplett auf den Kopf stellen,
- 1:17weil er sie für Lebensfeindlich hält, danach nennt er die
- 1:21Dionysos die Tyrambem. Das sind leidenschaftliche, fast
- 1:25rauschhafte Gedichte, die dem antiken griechischen Gott
- 1:28Dionysos gewidmet sind. Dionysos steht bei Nietzsche für
- 1:31die wilde, ungezügelte und bejahende Lebenskraft zur
- 1:35Erholung, so sagt er scherzhaft, habe er dann noch das Buch
- 1:38Götzendämmerung geschrieben, ein Werk, in dem er die alten,
- 1:42falschen Ideale und Vorbilder der Menschheit, die er Götzen
- 1:46nennt, entlarvt und stürzt. Angesichts all dieser gewaltigen
- 1:50geistigen Schöpfungen fragt er sich, wie er seinem ganzen Leben
- 1:53nicht aus tiefstem Herzen dankbar sein könnte.
- 1:57Aus dieser großen Dankbarkeit heraus beschließt er an diesem
- 2:00Tag, sich selbst sein eigenes Leben zu erzählen, etse Homo,
- 2:06wie man wird, was man ist. Unterkapitel 1.
- 2:10Warum ich so Weise bin Abschnitt 1.
- 2:16Nietzsche beginnt damit, dass das Glück und die
- 2:18Einzigartigkeit seines Lebens in seinem besonderen Verhängnis
- 2:21liegen. Er beschreibt dies in Form eines
- 2:24Rätsels, als sein Vater bereits gestorben war, lebte er, als
- 2:27seine Mutter noch weiter und wurde alt, er meint damit seine
- 2:31doppelte Abstammung, er fühlt sich, als stünde er gleichzeitig
- 2:34auf der Allerhöchsten und auf der allerniedrigsten Stufe der
- 2:37Lebensleiter er ist nach eigener Aussage ein Décadent und
- 2:41gleichzeitig ein Anfang, das französische Wort décadent.
- 2:45Verwendet Nietzsche oft, um einen Menschen oder eine Kultur
- 2:48im Zustand des Verfalls, der Schwäche und der abnehmenden
- 2:51Lebensenergie zu beschreiben. Gleichzeitig aber ist er ein
- 2:55Anfang, also voll von neuer, aufsteigender Lebenskraft.
- 3:00Diese gegensätzliche Natur erklärt für ihn seine besondere
- 3:02Freiheit und Unabhängigkeit, er muss keine Partei ergreifen,
- 3:06wenn es um das große Gesamtproblem des Lebens geht,
- 3:09er behauptet von sich. Ein feineres Gespür für die
- 3:12Zeichen von Aufstieg und Niedergang im Leben zu haben als
- 3:16je ein Mensch zuvor. Er nennt sich selbst den Lehrer
- 3:19schlechthin für diese Dinge, weil er beide Seiten aus
- 3:22eigener, tiefster Erfahrung kennt, er ist beides in einer
- 3:25Person, er erzählt von seinem Vater, der bereits im Alter von
- 3:2936 Jahren starb, Nietzsche beschreibt ihn als zart,
- 3:33liebenswürdig und krankhaft, wie ein Wesen, das nur dazu bestimmt
- 3:37war, kurz auf der Erde vorbeizuschauen.
- 3:40Er sei eher eine gütige Erinnerung an das Leben gewesen
- 3:43als das pralle Leben selbst. Genau in dem gleichen
- 3:46Lebensjahr, als das Leben seines Vaters endete, nämlich im 36.,
- 3:51erreichte auch Nietzsches eigene Lebenskraft ihren absoluten
- 3:54Tiefpunkt. Er war zwar noch am Leben, aber
- 3:57fast blind und ohne jede Perspektive, das war im Jahr
- 4:011879 in dieser Zeit musste er seine Stelle als Professor an
- 4:06der Universität in Basel aufgeben.
- 4:09Er lebte im Sommer wie ein Schatten im Schweizerort Sankt
- 4:11Moritz und verbrachte den folgenden, sehr dunklen Winter
- 4:14ebenfalls wie ein Schatten in Naumburg.
- 4:17Dies war sein absoluter Tiefpunkt in dieser Zeit,
- 4:21schrieb er das Buch der Wanderer und sein Schatten er merkt
- 4:24ironisch an, dass er sich damals mit Schatten sehr gut auskannte,
- 4:28im darauffolgenden Winter, den er in Genua verbrachte, erlebte
- 4:32er eine Art geistige Versüßung diese extreme Armut an
- 4:35körperlicher Kraft, an Blut. Und Muskeln brachte laut seiner
- 4:40Aussage das Buch Morgenröte hervor.
- 4:43Nietzsche erklärt hier ein scheinbares Paradoxon, die
- 4:47vollkommene helle Heiterkeit und der Überschwang des Geistes, die
- 4:50man in diesem Werk findet, entstanden bei ihm nicht trotz,
- 4:54sondern genau während der tiefsten körperlichen Schwäche
- 4:56und extremer Schmerzen, mitten in furchtbaren Qualen, die durch
- 5:01ununterbrochene tagelange Kopfschmerzen und mühsames
- 5:04Erbrechen gekennzeichnet waren. Besaß er eine vollkommene,
- 5:07eiskalte geistige Klarheit? Er konnte philosophische Dinge
- 5:12ruhig durchdenken, für die er in gesünderen Zeiten nicht
- 5:14raffiniert oder kalt genug gewesen wäre, er nutzt hier den
- 5:19Begriff Dialektik, damit ist die Kunst der Gesprächsführung und
- 5:23der logischen, hin und hergehenden Beweisführung
- 5:26gemeint. Nietzsche betrachtet eine
- 5:28übertriebene Dialektik oft als ein Symptom für den Verfall,
- 5:32also für die Dcadence. Als berühmtestes Beispiel dafür
- 5:36nennt er den antiken Philosophen Sokrates, der alles logisch
- 5:39zergliedern musste, anstatt sich auf gesunde natürliche Instinkte
- 5:42zu verlassen. Nietzsche betont, dass sein
- 5:45Intellekt nie durch wirkliche Krankheiten des Geistes oder
- 5:49durch Fieber getrübt war, solche Zustände waren ihm völlig fremd.
- 5:53Sein Blutkreislauf war immer sehr langsam und kein Arzt
- 5:57konnte jemals Fieber bei ihm feststellen, ein Arzt, der ihn
- 6:01lange wegen seiner Nerven behandelte.
- 6:03Gab schließlich zu, dass die Ursache nicht in Nietzsches
- 6:05Nerven lag, sondern dass der Arzt selbst nervös war.
- 6:09Nietzsche hatte keine nachweisbare organische
- 6:11Magenkrankheit, sondern sein Magen litt nur unter der
- 6:15allgemeinen tiefen Erschöpfung seines ganzen Systems, auch
- 6:20seine Augenprobleme, die zeitweise fast zu Blindheit
- 6:22führten, waren nur eine Folge der allgemeinen Schwäche und
- 6:25verschwanden, sobald seine Lebenskraft wieder zunahm, eine
- 6:29sehr lange Reihe von Jahren bestand für ihn aus ständiger
- 6:32Genesung. Aber leider auch aus immer
- 6:34wiederkehrenden Rückfällen und Verfall.
- 6:37Er fragt rhetorisch, ob er nach all diesen Erfahrungen noch
- 6:40beweisen müsse, dass er sich mit dem Verfall der Dcadence bestens
- 6:44auskennt. Er hat sie in jeder Facette
- 6:46durchlebt, genau in dieser Zeit der Schwäche lernte er seine
- 6:50feine Kunst der psychologischen Beobachtung, das genaue Hinsehen
- 6:54auf feinste Unterschiede, er verfeinerte seine
- 6:57Beobachtungsgabe und alle Sinne dafür.
- 7:00Aus der Sichtweise eines kranken Menschen auf gesunde Werte
- 7:02heraufzuschauen und umgekehrt aus der Fülle eines reichen,
- 7:06gesunden Lebens auf die heimliche Arbeit der krankhaften
- 7:09Instinkte hinabzuschauen das war seine längste und wichtigste
- 7:12Übung. Darin ist er zum absoluten
- 7:15Meister geworden, er besitzt nun die Fähigkeit, seine
- 7:18Perspektiven beliebig umzustellen, dies ist für ihn
- 7:22der wichtigste Grund, warum nur er allein überhaupt in der Lage
- 7:25ist, die große Umwertung aller Werte durchzuführen.
- 7:29Er kann die Moral sowohl von oben, aus der Kraft als auch von
- 7:33unten aus der Schwäche beurteilen.