Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Sechstes Hauptstück - 344-355
Transcript
- 0:00Unterkapitel 344 der Vorleser hier geht es darum, was
- 0:06passiert, wenn jemand dramatische Dichtungen, also
- 0:09Theaterstücke oder emotionale Texte, vorliest.
- 0:13Nietzsche sagt, dass der Vorleser dabei Entdeckungen über
- 0:15seinen eigenen Charakter macht. Der Vorleser merkt, dass seine
- 0:19Stimme für bestimmte Stimmungen ganz natürlich klingt, zum
- 0:22Beispiel für das Pathetische, also das sehr feierliche und
- 0:25gefühlvolle, oder für das Skurrile.
- 0:28Also das sonderbare und lustige. Das Interessante daran ist,
- 0:33vielleicht hat dieser Mensch in seinem normalen Leben gar keine
- 0:36Gelegenheit, diese Gefühle zu zeigen.
- 0:38Beim Vorlesen kommen also verborgene Seiten seines
- 0:41Charakters zum Vorschein, die im Alltag unterdrückt sind oder
- 0:44keinen Platz haben. Unterkapitel 345 eine
- 0:49Lustspielszene, welche im Leben vorkommt Nietzsche beschreibt
- 0:55eine Szene aus dem echten Leben, die wie aus einem Theaterstück
- 0:58wirkt. Jemand hat sich eine sehr
- 1:00geistreiche, schlaue Bemerkung zu einem Thema ausgedacht.
- 1:03In einer Gesellschaft versucht er nun, das Gespräch genauso zu
- 1:06lenken, dass er diese Bemerkung anbringen kann.
- 1:09Man kann beobachten, wie er alle Segel setzt, um das
- 1:12Gesprächsschiff in den richtigen Hafen zu steuern, er schiebt die
- 1:15Unterhaltung immer wieder in eine Richtung, verliert manchmal
- 1:18den Faden, findet ihn wieder und erreicht endlich den perfekten
- 1:22Moment, doch genau in dem Augenblick, wo er ansetzen will.
- 1:26Nimmt ihm ein anderer aus der Gruppe das Wort aus dem Mund und
- 1:29macht genau dieselbe Bemerkung. Was macht derjenige nun?
- 1:34Er steht vor einem Dilemma, soll er seiner eigenen Meinung
- 1:37widersprechen, nur um nicht dumm dazustehen, oder muss er
- 1:41schweigen? Unterkapitel 346 wider Willen
- 1:47unhöflich. Wenn wir jemanden unabsichtlich
- 1:52unhöflich behandeln, zum Beispiel, weil wir ihn auf der
- 1:54Straße nicht erkennen und deshalb nicht grüßen, ärgert uns
- 1:57das trotzdem. Obwohl wir wissen, dass wir
- 2:00keine böse Absicht hatten, fühlen wir uns schlecht.
- 2:03Nietzsche analysiert, warum das so ist.
- 2:06Es kränkt uns, dass der andere nun eine schlechte Meinung von
- 2:09uns hat, wir fürchten die Folgen, die diese Verstimmung
- 2:12haben könnte, oder es tut uns leid, dass wir den anderen
- 2:15verletzt haben. Es ist also eine Mischung aus
- 2:18verschiedenen Gefühlen. Eitelkeit, weil wir gut dastehen
- 2:22wollen, Furcht vor Nachteilen und Mitleid mit dem anderen.
- 2:26All diese Gefühle melden sich auch, wenn wir eigentlich
- 2:28unschuldig sind. Unterkapitel, 347, Verräter,
- 2:34Meisterstück dieser Abschnitt beschreibt eine besonders böse
- 2:39Tat, ein Meisterstück der Bosheit.
- 2:42Stellen sie sich vor, 2 Menschen planen gemeinsam einen Verrat
- 2:46oder eine Verschwörung. Einer der beiden spricht nun den
- 2:49anderen an und äußert den Kränkenden Verdacht, dass dieser
- 2:52ihn verraten könnte. Das Gemeine daran ist, er tut
- 2:56dies genau in dem Augenblick, in dem er selbst gerade dabei ist,
- 2:59den anderen zu verraten, warum ist das ein Meisterstück, weil
- 3:04er den anderen damit in eine Position drängt, in der dieser
- 3:06sich verteidigen muss, der andere ist so damit beschäftigt,
- 3:10seine Unschuld zu beweisen und sich offen und unverdächtig zu
- 3:13verhalten, dass er nicht merkt, wie er selbst gerade verraten
- 3:17wird. Der Verräter verschafft sich so
- 3:19freie Hand für seine Tat. Unterkapitel 348 Beleidigen und
- 3:26beleidigt werden Nietzsche stellt hier eine provokante
- 3:30These auf, es ist angenehmer, jemanden zu beleidigen und
- 3:34später um Verzeihung zu bitten, als selbst beleidigt zu werden
- 3:37und verzeihen zu müssen. Der Grund liegt in der
- 3:40Machtverteilung, wer beleidigt, zeigt zuerst macht und Stärke.
- 3:45Wenn er dann um Entschuldigung bittet, zeigt er Güte.
- 3:48Er ist also in beiden Schritten der Handelnde, derjenige, der
- 3:52beleidigt wurde, ist in einer schlechteren Position, wenn er
- 3:56nicht als unmenschlich gelten will, muss er verzeihen, er wird
- 3:59also dazu gezwungen, der Genuss daran den anderen durch das
- 4:03Verzeihen zu demütigen ist dabei sehr gering, weil man es tun
- 4:07muss, um den gesellschaftlichen Regeln zu folgen, Unterkapitel
- 4:12349. Im Disput, wenn wir in einer
- 4:18Diskussion einem Disput der Meinung eines anderen
- 4:21widersprechen und gleichzeitig unsere eigene Meinung
- 4:23entwickeln, passiert oft etwas unnatürliches.
- 4:27Wir achten so sehr darauf, das Gegenteil von dem zu sagen, was
- 4:30der andere sagt, dass wir unsere eigene Meinung verzerren, unsere
- 4:34eigene Haltung erscheint dann viel schärfer, absichtlicher und
- 4:38vielleicht übertriebener, als sie eigentlich ist.
- 4:41Die ständige Rücksicht auf den Gegner, also der Zwang, anders
- 4:44zu sein als er, verhindert, dass wir unsere Gedanken natürlich
- 4:47und wahrheitsgetreu ausdrücken. Unter Kapitel 350 Kunstgriff.
- 4:56Hier erklärt Nietzsche einen Trick, wie man etwas Schwieriges
- 4:59von einem anderen Menschen bekommen kann, wenn man möchte,
- 5:02dass jemand einer Sache zustimmt oder einen Plan unterstützt,
- 5:06darf man die Sache nicht als ein Problem darstellen.
- 5:09Stattdessen muss man seinen Plan ganz schlicht und einfach
- 5:12hinlegen, so als wäre er die einzige logische Möglichkeit.
- 5:16Man muss so auftreten, als gäbe es gar keine Alternative, der
- 5:20Trick besteht darin, genau in dem Moment das Gespräch
- 5:23abzubrechen oder das Thema zu wechseln, wenn man merkt, dass
- 5:27beim Gegenüber erste Zweifel oder Einwände aufkommen, man
- 5:30darf ihm keine Zeit geben, diese Zweifel zu formulieren, man
- 5:34überrumpelt ihn sozusagen mit der angeblichen
- 5:36Alternativlosigkeit. Unterkapitel 351 Gewissensbisse
- 5:42nach Gesellschaften viele Menschen kennen das Gefühl, nach
- 5:47einer Party oder einem gesellschaftlichen Treffen ein
- 5:49schlechtes Gewissen zu haben. Nietzsche fragt, warum das so
- 5:53ist. Seine Antwort Wir haben uns
- 5:56angepasst und waren nicht wir selbst.
- 5:59Wir haben Dinge leicht genommen, die uns eigentlich wichtig sind,
- 6:02wir haben bei Gesprächen über Personen nicht ehrlich unsere
- 6:05Meinung gesagt. Sondern vielleicht geschwiegen
- 6:08oder zugestimmt, obwohl wir es anders sahen.
- 6:11Wir haben geschwiegen, wo wir hätten reden sollen, wir sind
- 6:15geblieben, obwohl wir eigentlich hätten aufspringen und weglaufen
- 6:18wollen. Kurz gesagt, Wir haben uns so
- 6:21benommen, als ob wir zu dieser Gesellschaft gehören würden,
- 6:24obwohl wir uns innerlich fremd fühlen, das schlechte Gewissen
- 6:27kommt also daher, dass wir unsere eigenen Werte verraten
- 6:30haben, um dazuzugehören, Unterkapitel 352.
- 6:35Man wird falsch beurteilt. In diesem Abschnitt beschäftigt
- 6:40sich Nietzsche damit, wie Menschen von anderen
- 6:42wahrgenommen werden. Er stellt fest, dass es uns
- 6:45immer ärgert, wenn wir darauf achten, wie andere über uns
- 6:48urteilen. Der Grund dafür ist, dass wir
- 6:50meistens falsch eingeschätzt werden.
- 6:53Nietzsche erklärt hier ein interessantes Paradoxon, also
- 6:56einen scheinbaren Widerspruch unsere Freunde und die Menschen,
- 7:00die uns am nächsten stehen und uns eigentlich am Besten kennen
- 7:03sollten. Beurteilen uns oft falsch.
- 7:06Sie lassen sich von ihren eigenen Gefühlen leiten und sind
- 7:09nicht objektiv. Auf der anderen Seite stehen die
- 7:12Menschen, die uns nicht mögen oder uns feindlich gesinnt sind.
- 7:17Nietzsche sagt, dass diese Feinde oft einen schärferen
- 7:19Blick für unsere Schwächen haben, wenn sie über einen
- 7:23geheimen Punkt von uns Bescheid wissen, den wir selbst gut
- 7:26kennen, trifft uns ihr Urteil viel härter.
- 7:29Die Urteile von Menschen, die uns egal sind, tun uns hingegen
- 7:32weh. Weil sie so sachlich und kalt
- 7:34klingen, fast als würden sie über einen Gegenstand und nicht
- 7:38über einen Menschen sprechen. Zusammenfassend zeigt Nietzsche
- 7:41hier, dass weder Freunde noch Feinde uns vollkommen gerecht
- 7:44beurteilen, aber der Feind oft den wunden Punkt genauer trifft,
- 7:50unter Kapitel 353 Tyrannei des Porträts hier spricht Nietzsche
- 7:58über die Art und Weise, wie wir uns Bilder von berühmten
- 8:00Persönlichkeiten. Wie großen Künstlern oder
- 8:03Staatsmännern machen? Er nennt dies die tyranano
- 8:07Tyrannei des Porträts. Das bedeutet, dass wir dazu
- 8:10neigen, uns aus wenigen bekannten Eigenschaften oder
- 8:13Handlungen eines Menschen ein komplettes Bild zusammenzubauen.
- 8:16Nietzsche kritisiert, dass wir ungerecht sind, wenn wir dieses
- 8:20fertige Bild im Kopf haben, denn sobald wir uns dieses Porträt
- 8:23gemacht haben, verlangen wir nachträglich, dass der echte
- 8:27Mensch oder das historische Ereignis.
- 8:29Auch wirklich genauso gewesen sein muss, wie wir es uns
- 8:32vorstellen. Wir zwingen die komplexe
- 8:35Wirklichkeit in eine einfache Schablone, wir verlangen
- 8:38geradezu, dass eine Person so begabt, so schlau oder so
- 8:42ungerecht ist, wie sie in unserer Vorstellung lebt.
- 8:46Wir lassen nicht zu, dass die Person in Wirklichkeit
- 8:48vielschichtiger war, Unterkapitel 354 der Verwandte
- 8:55als der beste Freund. In diesem kurzen Abschnitt
- 8:59blickt Nietzsche zurück auf die alten Griechen.
- 9:02Er bewundert, dass die Griechen sehr genau wussten, was ein
- 9:05Freund ist. Von allen Völkern haben sie sich
- 9:08am tiefsten und vielfältigsten Gedanken über Freundschaft
- 9:10gemacht. Nietzsche weist auf eine
- 9:13sprachliche Besonderheit hin, wenn die Griechen den Begriff
- 9:16Verwandter benutzten, drückten sie das mit einem Wort aus, das
- 9:20eigentlich eine Steigerung des Wortes Freund ist Für die
- 9:24Griechen war ein Verwandter also so etwas wie der allerbeste
- 9:27Freund. Nietzsche findet dies
- 9:29bemerkenswert und unerklärlich, da es in unserer heutigen Zeit
- 9:33oft anders wahrgenommen wird, wo Verwandtschaft und Freundschaft
- 9:36nicht immer deckungsgleich sind. Unter Kapitel 355 verkannte
- 9:43Ehrlichkeit Nietzsche beobachtet hier eine Situation in
- 9:48Gesprächen, wenn jemand im Gespräch sich selbst zitiert.
- 9:51Also Sätze sagt, wie ich sagte damals, oder ich Pflege zu
- 9:55sagen, wirkt das auf andere oft arrogant oder eingebildet, man
- 10:00nennt das Anmaßung. Nietzsche verteidigt diese
- 10:03Menschen jedoch, er sagt, dass dieses Verhalten oft gar nicht
- 10:07aus Arroganz entsteht, sondern aus dem Gegenteil, aus
- 10:11Ehrlichkeit. Die Person möchte sich nicht mit
- 10:13fremden Federn schmücken oder so tun, als wäre ihr der kluge
- 10:16Gedanke gerade eben erst eingefallen.
- 10:19Sie gibt ehrlich zu, dass dieser Gedanke aus der Vergangenheit
- 10:22stammt und schon einmal gedacht wurde.
- 10:25Die Zuhörer missverstehen diese Ehrlichkeit jedoch oft als
- 10:28Wichtigtuerei.