Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 7
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- 0:01Kapitel 7 der Küchentisch Lena kam donnerstags, wenn sie kam,
- 0:07und sie kam nicht jeden Donnerstag, aber Theo deckte den
- 0:10Tisch für 2 an jedem aus einem Aberglauben, den er sich nie
- 0:13eingestanden hätte. Dass das Gedeck sie holte, dass
- 0:16ein leerer zweiter Platz eine Kraft entwickelte, die einen
- 0:19Menschen durch die nasse Stadt zog, an einen Tisch, an dem
- 0:22jemand auf ihn wartete, es funktionierte nicht zuverlässig,
- 0:26aber es funktionierte oft genug, dass er es nicht ließ.
- 0:29An diesem Donnerstag funktionierte sie, kam gegen 8
- 0:32mit der Kälte im Mantel, die sie an den Tisch mitbrachte und die
- 0:36eine Weile brauchte, um aus dem Stoff zu weichen.
- 0:38Und Theo sah ihr beim Eintreten an, dass der Tag schwer gewesen
- 0:42war, sah es an der Art, wie sie den Mantel über die Stuhllehne
- 0:46hängte, zu sorgfältig, wie man etwas tut, um nicht etwas
- 0:49anderes tun zu müssen. Er fragte nicht, man fragte Lena
- 0:53nicht, wenn man eine Antwort wollte.
- 0:55Man wartete, und irgendwann legte sie das, was sie trug, von
- 0:59selbst auf den Tisch, zwischen die Teller, wie eine dritte
- 1:02Speise. Er hatte gekocht, was er immer
- 1:04kochte, wenn sie kam. Ein einfaches Essen, das seine
- 1:08Frau einmal gekocht hatte und dass er nicht so gut hinbekam
- 1:10wie Marlene, was beide wussten und keiner sagte, er aß im
- 1:14Stehen seit 3 Jahren, an allen anderen Abenden, aber wenn Lena
- 1:18kam, setzte er sich. Und das war die einzige Stunde
- 1:22der Woche, in der er saß, um zu essen.
- 1:24Und manchmal dachte er, dass dies der eigentliche Grund war,
- 1:27warum er für 2 deckte, nicht um Lena zu holen, sondern um sich
- 1:31selbst für die Dauer eines Essens zurück in einen Menschen
- 1:33zu verwandeln, der saß, der dritte Stuhl stand, wo er immer
- 1:37stand, sie hatten beide aufgehört, ihn wegzustellen, vor
- 1:40langer Zeit, ohne darüber zu reden, und er stand jetzt
- 1:43einfach da. An seiner Seite des Tisches leer
- 1:46und war kein Vorwurf mehr und keine Wunde, nur ein Möbel, das
- 1:50eine Form hatte, die zu einem Menschen gehörte, den es nicht
- 1:52mehr gab. Manchmal.
- 1:54Am Anfang hatte Theo den Blick darauf vermieden, jetzt sah er
- 1:58ihn an wie alles andere im Raum, mit der Gewohnheit, die das
- 2:01Schlimmste am Verlust war, und zugleich das einzige Mittel
- 2:04gegen ihn. Du siehst aus, als hättest du
- 2:07gegen etwas verloren, sagte er schließlich, als sie eine Weile
- 2:10gegessen hatten und das Schweigen die gute Sorte
- 2:13geworden war. Das satte, nicht das
- 2:14Angespannte. Ich verliere nicht sie schob das
- 2:18Essen auf dem Teller hin und her, ein altes Zeichen, das er
- 2:21kannte, seit sie ein Kind gewesen war, ich verliere nur
- 2:25langsamer als ich gewinne, das ist kein Satz von dir, das ist
- 2:28ein Satz, den du dir zurechtgelegt hast, um dir nicht
- 2:31zuhören zu müssen. Sie sah auf und für einen Moment
- 2:34war in ihrem Blick der Ärger, der bei ihr immer der Vorbote
- 2:38des Zugebens war. Du bist anstrengend, weißt du
- 2:41das 40 Jahre pubertierende Lena, ich erkenne ein Ausweichmanöver,
- 2:47bevor es eingeleitet wird. Sie redeten über das, worüber in
- 2:51dieser Stadt jetzt alle redeten, weil es keinen Tisch mehr gab,
- 2:54an dem man nicht darüber redete, so wie es in nassen Jahren
- 2:57keinen Tisch gab, an dem man nicht über das Wasser im Keller
- 3:00redete. Lena fragte es irgendwann nicht
- 3:04als Reporterin, sondern als Tochter mit der müden, ehrlichen
- 3:07Stimme, die sie nur hier hatte, an diesem Tisch.
- 3:10Wie sind wir hierher gekommen, Papa, so schnell, ich verstehe
- 3:13es nicht, ich verstehe meinen Beruf und ich verstehe diese
- 3:17Stadt und ich verstehe nicht, wie aus dem einen das andere
- 3:20geworden ist. Und Theo, der 40 Jahre lang vor
- 3:24Kindern gestanden hatte, um genau diese Frage zu
- 3:27beantworten. Wie aus dem einen das andere
- 3:29wird, spürte den alten Reflex, sich aufzurichten, die Vorlesung
- 3:33zu beginnen, und er spürte zugleich, wie müde ihn dieser
- 3:36Reflex machte, weil er wusste, dass die Antwort, die ein Lehrer
- 3:40gibt, immer zu sauber ist, zu kausal eine Kette, an der jedes
- 3:44Glied ins nächste greift, während die Wirklichkeit keine
- 3:47Kette war, sondern ein Sediment, eine Ablagerung, in der nichts
- 3:50sauber aus dem anderen folgte. Sondern alles übereinander lag
- 3:54und sich vermischte und Druck machte, bis es eines Tages
- 3:56kippte. Es ist nicht schnell gegangen,
- 3:59sagte er, das ist die Täuschung, es sieht schnell aus, weil wir
- 4:03erst jetzt hinsehen, aber es lag schon da, Schicht um Schicht,
- 4:07seit Jahren. Er legte die Gabel hin, weil
- 4:10seine Hände, wenn er erklärte, eine eigene Sprache hatten und
- 4:13die Gabel nur störte, Denk an die Jahre 15 du warst noch bei
- 4:18der Zeitung in der anderen Stadt.
- 4:19Das Jahr, in dem wir uns für eine Saison lang gut fühlten,
- 4:22weil wir die Türen aufmachten und dann das Jahr danach, in dem
- 4:26dieselben Leute leise beschlossen, dass das Gutfühlen
- 4:28ein Fehler gewesen war und sich dafür schämten und die Scham in
- 4:31Wut verwandelten, weil Wut leichter zu tragen ist als
- 4:34Scham. Dann die Insel, die sich von
- 4:37einem Kontinent losriss, gegen jede Rechnung aus einem Gefühl
- 4:41heraus und damit der ganzen Welt vormachte, dass ein Gefühl eine
- 4:45Rechnung schlagen kann. Dann die Seuche.
- 4:47Die Jahre, in denen jeder in seinem Zimmer saß und auf einen
- 4:51Bildschirm sah und auf dem Bildschirm eine andere Welt fand
- 4:54als sein Nachbar, sodass am Ende niemand mehr mit dem Nachbarn in
- 4:57derselben Wirklichkeit wohnte und über allem die ganze Zeit
- 5:01der Mann jenseits des Ozeans einmal und dann wieder der der
- 5:04Welt eine einzige Sache beibrachte, eine, die schwerer
- 5:07wiegt als alle Zölle, dass Schamlosigkeit eine Strategie
- 5:11ist, dass man nicht mehr so tun muss als ob.
- 5:13Dass das so tun als ob, dass wir Anstand nannten, nur Feigheit
- 5:17war und dass der Mutige der ist, der es weglässt.
- 5:20Lena hörte zu, mit dem Kinn auf der Hand, und sie ließ ihn
- 5:24reden, weil sie wusste, dass ihr Vater erklärte, um zu fühlen,
- 5:27dass die Vorlesung bei ihm der Umweg war, auf dem der Schmerz
- 5:30an die Oberfläche kam. Aber das ist nur die obere
- 5:33Schicht, sagte er. Und jetzt wurde seine Stimme
- 5:36leiser, kippte aus dem Dozenten ins Private, wie sie immer
- 5:39kippte. Am Ende darunter liegt etwas
- 5:42Einfacheres und Schlimmeres. Die Leute hier, die, die jetzt
- 5:45zu ihnen gehen, die haben nicht eines Tages beschlossen, böse zu
- 5:48werden. Sie haben über 20 Jahre
- 5:51zugesehen, wie man Ihnen erst die Arbeit wegnahm und dann den
- 5:55Stolz und am Ende, das war das Unverzeihliche, auch noch das
- 5:58Recht, traurig darüber zu sein. Man hat Ihnen gesagt, Ihr
- 6:02Verlust sei keiner, ihre Stadt sei nicht gestorben, sondern
- 6:05habe sich gewandelt, ihr Leben sei nicht ärmer geworden,
- 6:08sondern bunter. Man hat ihren Schmerz wegerklärt
- 6:11mit guten Wörtern in den freundlichen Farben und ein
- 6:15Mensch, dem man den Schmerz weger klärt, hört irgendwann auf
- 6:18denen zu glauben, die ihm den Schmerz weger klären und glaubt
- 6:21an dem ersten, der sagt, du hast recht, es ist schlimmer geworden
- 6:26und es ist die Schuld von jemandem.
- 6:28Er hielt inne, das ist alles, das ist das ganze Geheimnis, sie
- 6:33wollten gehört werden und wir haben sie wegerklärt und dann
- 6:36kam einer, der zugehört hat, und es war der falsche.
- 6:39Du klingst, als gäbst du uns die Schuld, den Vernünftigen.
- 6:43Ich gebe niemandem die Schuld, das ist der billigste Posten in
- 6:46der ganzen Rechnung, ich sage nur Verachtung ist keine
- 6:49Politik, wir haben die Verachtung für eine Haltung
- 6:51gehalten und sie war nur Bequemlichkeit, es ist bequem
- 6:54die anderen für dumm zu halten, es kostet nichts und alles was
- 6:58nichts kostet Lena ist am Ende am teuersten, sie schwiegen eine
- 7:02Weile und in das Schweigen hinein, weil sie es nicht
- 7:05aushielt, sagte Lena, es funktioniert ja auch, das ist
- 7:08das Schlimme. Ich war diese Woche draußen, ich
- 7:11habe die Leute gefragt und sie haben Recht.
- 7:13Die Schaukel dreht sich wieder, die Schlange am Amt ist kürzer,
- 7:18es funktioniert wirklich, Papa und ich kann es nicht ausstehen,
- 7:21dass es funktioniert, weil das funktionieren das einzige ist,
- 7:24gegen das ich nichts in der Hand habe.
- 7:27Sie schob den Teller von sich endgültig und legte die Hände
- 7:30flach auf das Wachstuch, wie sie es tat, wenn sie sich zwang,
- 7:34etwas auszusprechen, das sie noch nicht sortiert hatte.
- 7:37Ich war bei Ihnen. Nicht bei denen, die reden.
- 7:41Bei denen, die helfen. Sie haben eine Sprechstunde
- 7:44donnerstags in der Ladenzeile am Nordring in dem leeren Lokal, in
- 7:48dem früher die Sparkasse war. Ich habe 2 Stunden hinten an der
- 7:52Wand gesessen und darauf gewartet, dass etwas geschieht,
- 7:54das ich aufschreiben kann, sie sahen ihm vorbei auf den dritten
- 7:58Stuhl, ohne ihn zu sehen, weißt du, was ich erwartet hatte,
- 8:02einen Saal? Irgendwas mit einer Fahne, mit
- 8:05einem Wort, das man zitieren kann, mit einem Mann, der zu
- 8:08laut wird. Ich hatte etwas erwartet,
- 8:10wogegen man schreiben kann und ein Wartezimmer, sagte sie, ein
- 8:15Resopaltisch, 2 Klappstühle, ein Wasserkocher und ein Karton mit
- 8:19Formularen, eine Frau in einer Strickjacke, die einem alten
- 8:23Ehepaar den Wohngeldantrag ausfüllt, Zeile für Zeile mit
- 8:26einer Leselupe, weil er die Kästchen nicht mehr sieht.
- 8:29Ein Mann, der einem Vater erklärt, wie man Widerspruch
- 8:32einlegt und welche Frist er dabei nicht verpassen darf. 2
- 8:35Stunden lang Papa, nichts als Formulare und Fristen und heißes
- 8:39Wasser. Es war das Anständigste, was ich
- 8:42in dieser Stadt seit Jahren gesehen habe, und es war das
- 8:45Anständigste, dass ich je gehasst habe, weil ich es
- 8:48gehasst habe, während ich da saß und sah, wie es gut tat.
- 8:52Theo sagte nichts, er kannte den Ton, in dem sie sprach, es war
- 8:56der Ton, in dem man das schwerste erst am Schluss sagt.
- 8:59Und dann ging ich hinaus und an der Tür stand ein Klemmbrett.
- 9:03Sie sagte es fast beiläufig, und gerade das beiläufige war es,
- 9:06was Theo den Rücken hinaufkroch jeder trägt sich ein, bevor er
- 9:10geht, Name, Straße, was er braucht, ob er wiederkommt, ganz
- 9:13offen, kein Geheimnis, es liegt ja da, man sieht es, und sie tun
- 9:17es gern, das ist der Punkt, Sie stellen sich an, um
- 9:20aufgeschrieben zu werden, sie sah endlich ihren Vater, ein
- 9:24Mensch, den seit 20 Jahren niemand aufschreibt, außer wenn
- 9:27er etwas falsch macht. Er stellt sich für ein
- 9:29Klemmbrett an, als wäre es ein Fenster, aus dem ihn endlich
- 9:33jemand ansieht, und du hast keinen Satz mitgebracht, sagte
- 9:36Theo. Ich habe keinen Satz
- 9:38mitgebracht, ich habe eine Liste gesehen und einen Wasserkocher,
- 9:41und ich kann ihm keine Zeitung der Welt schreiben, das mir vor
- 9:44Leuten graut. Die alten Männern die Formulare
- 9:46ausfüllen, ich würde lächerlich aussehen, ich sehe aus wie eine,
- 9:50die nicht gönnen kann. Sie lachte ein Lachen ohne
- 9:53Boden, sie haben mir nicht einmal etwas verschwiegen, Papa.
- 9:57Es liegt alles offen auf einem Klemmbrett und trotzdem habe ich
- 10:01das Gefühl, ich hätte etwas gesehen, das ich nicht sehen
- 10:04sollte und ich kann dir nicht sagen, was und Theo der seiner
- 10:08Tochter gegenüber saß und sie ansah und sie liebte, mit der
- 10:11hilflosen, vollständigen Liebe, die ihm von allem geblieben war,
- 10:14was die Welt ihm genommen hatte. Theo machte in diesem Moment
- 10:18etwas, das er sich vorgenommen hatte, nicht zu tun, weil es ihn
- 10:21beschämte, er gab es zu, sie haben die Laterne repariert,
- 10:25sagte er. Was die Laterne vor dem Haus an
- 10:30der Ecke, sie war dunkel, 2 Jahre lang.
- 10:33Ich habe dreimal geschrieben, an die Stadt, an die Stadtwerke, an
- 10:37wen man eben schreibt, und es kam jedes Mal ein Brief zurück,
- 10:40höflich, der nichts bedeutete und die Laterne blieb dunkel und
- 10:44ich bin 2 Jahre lang im Dunkeln über diese Ecke gegangen und
- 10:46habe jedes Mal gedacht, so sieht es aus, wenn ein Gemeinwesen
- 10:50aufhört, an sich zu glauben. Eine dunkle Laterne, über die
- 10:54niemand mehr stolpert, weil sich alle daran gewöhnt haben, im
- 10:57Dunkeln zu gehen. Er sah auf seine Hände auf dem
- 11:00Tisch, die alten Hände, die heute den geltenden Lehrplan
- 11:03neben den Entwurf gelegt hatten, in einer anderen Geschichte, von
- 11:06der Lena nichts wusste. Letzte Woche kamen sie, 2
- 11:10Männer, ein Wagen, kein Aufheben, eine halbe Stunde, und
- 11:14jetzt brennt die Laterne, ich. Ich bin abends ans Fenster
- 11:18gegangen, um es zu sehen und sie brannte hell, gleichmäßig.
- 11:22Und weißt du was ich gefühlt habe?
- 11:23Lena ich der ich 40 Jahre lang versucht habe, jungen Leuten
- 11:27beizubringen, wie man eine Verführung erkennt.
- 11:30Was hast du gefühlt? Dankbarkeit Er sprach das Wort
- 11:34aus, als lege er es auf den Tisch, ein Wort wie ein rohes
- 11:37Ei, und es war ihm anzusehen, wie sehr es ihn ekelte, es zu
- 11:41halten, reine dumme, warme Dankbarkeit dafür, dass eine
- 11:45Laterne brennt und. Und in dem Moment, in dem ich
- 11:48dankbar war, habe ich verstanden, womit wir es zu tun
- 11:50haben. Nicht mit Stiefeln, Lena, nicht
- 11:53mit Fackeln, mit einer reparierten Laterne, sie kaufen
- 11:57dich nicht mit Angst, sie kaufen dich mit Dankbarkeit und
- 12:00Dankbarkeit ist viel billiger und viel stärker, weil man sich
- 12:03gegen Angst wehren kann, aber gegen Dankbarkeit wehrt man sich
- 12:06nicht, man schämt sich ihrer höchstens und die Scham bindet
- 12:10dich nur fester. Lena sah ihn an.
- 12:13Und in ihrem Gesicht war etwas, das er selten sah, eine Art
- 12:16erschrecken, das Erschrecken eines Menschen, der bei einem
- 12:19anderen das eigene Geheimnis findet.
- 12:21Du auch, sagte sie leise, es kriegt dich auch, es kriegt
- 12:25jeden, das ist der ganze Trick, es ist nicht für die Bösen
- 12:28gemacht, es ist für die Guten, für die Müden, für die, die nur
- 12:32wollen, dass die Laterne brennt und der Bus kommt und der Antrag
- 12:35bearbeitet wird. Es ist für uns gemacht.
- 12:38Er nahm die Gabel wieder auf, legte sie wieder hin.
- 12:42Und das ist der Grund, warum ich anfange, mir Sorgen zu machen.
- 12:45Nicht wegen der Stiefel, wegen der Laterne.
- 12:49Sie räumten zusammen ab in dem eingespielten Schweigen zweier
- 12:52Menschen, die das tausendmal getan hatten und an der Spüle,
- 12:55während Lena trocknete und er wusch, sagte sie in dem
- 12:58beiläufigen Ton, den er bei ihr kannte und der bei ihr immer das
- 13:01Gegenteil von beiläufig bedeutete.
- 13:04Ich bin an einer Sache dran, ich kann noch nichts sagen, aber es
- 13:07hat mit dieser Initiative zu tun, mit der Formel, die sie
- 13:10zeigen. Ich glaube, die Formel, die sie
- 13:12zeigen, ist nicht die, nach der gerechnet wird.
- 13:15Ich glaube, es gibt eine zweite. Theo hörte auf zu waschen, die
- 13:19Hände im warmen Wasser, und er sah seine Tochter von der Seite
- 13:23an, ihr Profil, das marlenes Profil war dieselbe Linie von
- 13:26der Stirn zum Kinn und etwas in ihm, das den ganzen Abend nur im
- 13:30Hintergrund gelaufen war, trat nach vorn, eine zweite Formel,
- 13:34sagte er, eine versteckte da, wo die wirkliche Rechnung läuft,
- 13:38aber ich komme nicht ran. Es läuft über eine Firma und
- 13:41niemand kennt den Namen. Und selbst wenn ich den Namen
- 13:43hätte, ich bin eine Reporterin bei einer Zeitung, die stirbt,
- 13:46Papa, ich habe kein Recht irgendwo reinzusehen, ich kann
- 13:50Fragen und sie können schweigen und das war s.
- 13:53Theo trocknete sich die Hände an dem Tuch ab, das Lena ihm
- 13:56hinhielt, langsam Finger für Finger, weil seine Gedanken Zeit
- 14:00brauchten sich zu setzen er. Er dachte an das Wort im
- 14:03Lehrplan, an Rolle statt Verantwortung, an die Methode,
- 14:06das Tauschen eines Wortes gegen ein anderes, das fast dasselbe
- 14:10bedeutete und doch das Gegenteil an die Stimmung, die den Entwurf
- 14:13schrieb, bevor der Minister ihn unterschrieb.
- 14:16Er dachte daran, dass eine versteckte Formel auch nur ein
- 14:19vertauschtes Wort war, im Großen eine Rechnung, die man zeigte,
- 14:23vor eine andere gehängt, die man verbarg, und dass es da, wo
- 14:26etwas verborgen wurde, immer auch eine Grundlage geben
- 14:29musste, ein Papier, einen Erlass, eine Verordnung, denn
- 14:33ein Staat, auch ein verkommender, tat nichts ohne
- 14:36Papier, das war seine Tugend und seine Schwäche zugleich, dass er
- 14:40sich rechtfertigen musste, schriftlich, irgendwo in einer
- 14:43Sprache, die jemand lesen konnte, der lesen konnte.
- 14:46Es gibt immer eine Grundlage, sagte er.
- 14:49Eine Rechtsgrundlage, sie können nichts tun, kein Amt, kein Land,
- 14:53keine Firma in ihrem Auftrag, ohne dass irgendwo geschrieben
- 14:56steht, dass sie es dürfen. Das ist das letzte, was von
- 14:59einem Rechtsstaat übrig bleibt, auch wenn alles andere schon
- 15:02weich geworden ist. Das Papier, auf dem steht, warum
- 15:07und Papier kann man lesen, Papier ist mein Gewerbe, nicht
- 15:10deins. Lena sah ihn an, Papa, ich bin
- 15:14kein Jurist, das weiß ich. Ich bin ein alter
- 15:17Geschichtslehrer mit einem schwachen Herzen und zu viel
- 15:19Zeit. Aber ich kenne einen.
- 15:21Der Jurist war ein guter, einen Verwaltungsrichter im Ruhestand,
- 15:25wie ich, mit dem ich früher Schach gespielt habe, bis wir
- 15:28beide aufhörten, weil keiner mehr verlieren wollte, das war
- 15:32eine kleine Lüge, eine gnädige, sie hatten aufgehört, weil
- 15:35Marlene gestorben war und Theo eine Weile nichts mehr gespielt
- 15:38hatte, aber das Gehörte nicht an diesen Tisch halmstedt.
- 15:42Er versteht das Zeug, die Verordnungen, die
- 15:45Ermächtigungen, was ein Land darf und was nicht und wo die
- 15:48Grenze läuft zwischen dem, was hässlich ist, und dem, was
- 15:52rechtswidrig ist. Das ist nicht dasselbe, Lena,
- 15:55das musst du verstehen. Vieles, was sie tun, ist
- 15:58hässlich und trotzdem erlaubt, aber wenn sie eine zweite Formel
- 16:01verstecken, wenn sie rechnen, was sie nicht zeigen, dann gibt
- 16:04es vielleicht eine Stelle, an der das Hässliche ins
- 16:06rechtswidrige kippt, und genau diese Stelle wäre der Punkt, an
- 16:10dem man ansetzen könnte. Wenn man sie findet.
- 16:13Du willst dir das ansehen, ich will mir die Rechtsgrundlage mal
- 16:17ansehen, sagte Theo, und es klang harmlos, wie er es sagte,
- 16:21fast beiläufig, ein alter Mann, der sich aus Langeweile in ein
- 16:24Aktenstudium stürzt, und beide wussten, dass es nicht harmlos
- 16:27war, dass mit diesem Satz etwas anfing, auch wenn keiner von
- 16:31ihnen hätte sagen können, was mehr verspreche ich nicht, ich
- 16:35sehe es mir an, ich rede mit Halmstedt vielleicht ist da
- 16:38nichts. Vielleicht ist alles sauber,
- 16:40hässlich, aber sauber und dann lasse ich es aber ansehen werde
- 16:45ich es mir. Lena legte das Geschirrtuch hin
- 16:48und sah ihren Vater an und in ihrem Blick lag etwas, das er
- 16:52lange nicht in ihr gesehen hatte, etwas, das er für
- 16:54erloschen gehalten hatte, unter der Müdigkeit und dem sterbenden
- 16:57Blatt und den 3 letzten Tischen Hoffnung.
- 17:01Eine kleine, vorsichtige, fast erschrockene Hoffnung.
- 17:04Die Hoffnung eines Menschen, der allein an etwas gearbeitet hat
- 17:07und plötzlich merkt, dass er nicht ganz allein ist.
- 17:10Wie nennen wir es, sagte sie, und ein Anflug des alten
- 17:14Lächelns kam das Lächeln aus der Zeit, vor allem, damit niemand
- 17:17mithört wie früher. Theo verstand sofort, weil sie
- 17:22es als Kinder so gehalten hatten, sie beide gegen Marlene,
- 17:25die immer alles herausbekam. Sie gaben den Dingen tarnamen
- 17:28dumme, harmlose, damit man am Tisch darüber reden konnte, ohne
- 17:32dass die Mutter wusste, worum es ging.
- 17:34Es war ein Spiel gewesen, und jetzt war es kein Spiel mehr und
- 17:37genau deshalb griffen sie danach nach dem Spiel, weil das Spiel
- 17:40das letzte war, was vor dem Ernst noch trug.
- 17:43Du hast schon einen, sagte er, weil er es an ihrem Gesicht sah.
- 17:47Storchenpaare, sagte Lena, die Dinge, die zurückkommen, wenn
- 17:51niemand mehr damit rechnet. Theo lachte kurz.
- 17:55Ein Lachen, das mehr Husten war und in dem Husten war ein
- 17:58Stechen klein hinter dem Brustbein an der Stelle, für die
- 18:01es keinen Namen gab, und er bemerkte es und sagte nichts,
- 18:04weil man so etwas nicht sagte. Am Küchentisch der Tochter, die
- 18:08ohnehin schon zu viel auf den Schultern trug.
- 18:10Storchenpaare, wiederholte er gut, deine Mutter hätte das
- 18:15gemocht. Als sie gegangen war mit der
- 18:18Kälte, die sie wieder im Mantel mitnahm, blieb Theo am Fenster
- 18:21stehen, wie er jeden Abend am Fenster stand und sah hinaus.
- 18:25Und da an der Ecke brannte die Laterne hell und gleichmäßig und
- 18:29warf einen Kreis aus Licht auf das nasse Pflaster, in dem
- 18:32nichts war, kein Mensch, kein Hund, nur das Licht und der
- 18:35Regen der Hindurchfiel und sichtbar wurde in dem Kreis
- 18:38sichtbar, nur dort, wo es brannte.
- 18:41Er stand lange und sah dem Regen im Lichtkreis zu.
- 18:43Und in ihm stritten 2 Dinge, die nicht miteinander auskamen.
- 18:47Die Dankbarkeit, die er hasste, und der Verdacht, der sie
- 18:49überwog. Die Laterne brannte, das war
- 18:52gut. Es war wirklich gut und nichts
- 18:55an dem Schrecken, der kommen würde, machte es ungut.
- 18:58Das war das Verzwickteste an der ganzen Sache, dass das Gute echt
- 19:02war und der Köder zugleich beides in einem Licht
- 19:05ununterscheidbar wie ein Geld, das sauber ist und schmutzig zur
- 19:09selben Zeit dann ging er zum Küchentisch zurück, wo das Heft
- 19:13lag, die Liste und er schlug die zweite Spalte auf die Dunkle,
- 19:17die er vor Wochen begonnen hatte, mit dem Datum und dem
- 19:20vertauschten Wort, und er nahm den Füller und unter den.
- 19:23Ersten Eintrag schrieb er einen zweiten und er schrieb ihn so
- 19:26nüchtern wie er konnte, weil das Nüchterne die einzige Form von
- 19:29würde war, die einem solchen Eintrag blieb.
- 19:32Das Datum und daneben in seiner alten Schrift 3 Worte, die alles
- 19:37enthielten, was er an diesem Abend verstanden hatte und was
- 19:40er Lena nicht hatte sagen können, weil es zu sehr nach
- 19:42einem alten Mann geklungen hätte, der sich vor dem Licht
- 19:45fürchtet. Die Laterne brennt, er klappte
- 19:48das Heft zu. Sein Herz ging unruhig ein
- 19:51Flattern, das er kannte und das in diesem Winter häufiger kam.
- 19:55Und er legte die Hand darauf flach, wie er die Hand auf die
- 19:58Maschinen legte, die es nicht gab, auf die Gehäuse seines
- 20:01eigenen Körpers und prüfte, ob es noch lief.
- 20:04Und es lief ungleichmäßig, aber es lief morgen würde er
- 20:09halmstedt anrufen. Heute brannte die Laterne und er
- 20:12war dankbar und er hasste es und beides war wahr und in diesem
- 20:16beides, wusste er, würde sich das ganze Jahr entscheiden, das
- 20:19jetzt begann nicht zwischen gut und böse, das wäre einfach
- 20:22gewesen, sondern in dem schmalen, kalten Raum
- 20:24dazwischen, in dem das gute Echt war und trotzdem der Anfang von
- 20:28etwas, das man später nicht mehr würde stoppen können, wenn man
- 20:31jetzt nicht hinsah, er sah hin. Es war das einzige, was er
- 20:35konnte und er war zu alt, um sich vorzumachen, dass es
- 20:38genügte und zu sehr leerer, um es deshalb zu lassen.