Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 145-151
Transcript
- 0:00Unterkapitel 145 das vollkommene soll nicht geworden sein.
- 0:03In diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit unserer
- 0:08Wahrnehmung von Dingen, die wir als vollkommen betrachten, wie
- 0:11zum Beispiel große Kunstwerke. Er sagt, dass wir Menschen eine
- 0:16Angewohnheit haben, wenn wir etwas perfektes sehen, wollen
- 0:19wir nicht wissen, wie es entstanden ist.
- 0:21Wir blenden die harte Arbeit und die Zeit aus, die nötig waren,
- 0:24um es zu erschaffen. Stattdessen genießen wir einfach
- 0:28das fertige Ergebnis im hier und jetzt.
- 0:31Nietzsche erklärt, dass wir uns dabei fühlen, als wäre das
- 0:34Kunstwerk durch Zauberei plötzlich aus dem Boden
- 0:36geschossen. Er vergleicht das mit einem
- 0:38alten religiösen Gefühl, einem Überbleibsel aus mythologischen
- 0:42Zeiten, wenn wir zum Beispiel einen antiken griechischen
- 0:45Tempel sehen, haben wir fast das Gefühl, ein Gott habe ihn eines
- 0:49morgens spielerisch aus riesigen Steinen gebaut, oder wenn wir
- 0:53eine Statue sehen. Tun wir so, als wäre die Seele
- 0:56plötzlich in den Stein gezaubert worden.
- 0:58Der Künstler selbst unterstützt diesen Irrglauben, er weiß
- 1:02genau, dass sein Werk am stärksten wirkt, wenn die
- 1:04Menschen glauben, es sei eine Improvisation, das bedeutet, der
- 1:09Künstler möchte den Eindruck erwecken, das Werk sei ihm ganz
- 1:12plötzlich und mühelos eingefallen wie eine göttliche
- 1:15Eingebung. Er hilft dieser Illusion nach.
- 1:18Indem er Elemente in seine Kunst einbaut, die wie eine
- 1:21begeisterte Unruhe oder ein kreatives Chaos wirken, kurz
- 1:25bevor die perfekte Form entsteht.
- 1:27Das stimmt den Betrachter oder Zuhörer so, dass er an ein
- 1:30Wunder glaubt, die Wissenschaft der Kunst hingegen muss diesem
- 1:33Trugschluss widersprechen, sie muss zeigen, dass der
- 1:37menschliche Verstand, der Intellekt sich hier täuschen
- 1:40lässt und verwöhnt ist. Sie muss die Fehlschlüsse
- 1:43aufdecken, durch die wir dem Künstler in die Falle gehen und
- 1:46glauben, das perfekte sei einfach so vom Himmel gefallen.
- 1:49Ohne den mühsamen Prozess des Werdens, Unterkapitel 146, der
- 1:55Wahrheitssinn des Künstlers hier beschreibt Nietzsche den
- 2:00Unterschied zwischen einem Künstler und einem Denker
- 2:02beziehungsweise Wissenschaftler. Er behauptet, dass der Künstler
- 2:06es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt wie der Denker.
- 2:11Der Künstler hat eine schwächere Moral, wenn es um das reine
- 2:14Erkennen von Fakten geht. Der Grund dafür ist, dass der
- 2:17Künstler nicht möchte, dass das Leben durch nüchterne
- 2:19Erklärungen seinen Glanz verliert, er wehrt sich gegen
- 2:23einfache, schmucklose Methoden und Ergebnisse, wie sie die
- 2:26Wissenschaft liefert, er möchte die tiefsinnigen und glänzenden
- 2:29Deutungen des Lebens behalten, scheinbar kämpft der Künstler
- 2:33dabei für die Würde des Menschen, aber in Wahrheit
- 2:36möchte er einfach nicht auf die Mittel verzichten, die seine
- 2:39Kunst am wirkungsvollsten machen.
- 2:41Zu diesen Mitteln gehört das Fantastische, das mythische,
- 2:44also sagenhafte Geschichten, das unsichere und das Extreme.
- 2:50Der Künstler braucht den Sinn für das symbolische, also dafür,
- 2:53dass Dinge für eine tiefere Bedeutung stehen, er braucht
- 2:57auch die Übertreibung der eigenen Person und den Glauben
- 2:59daran, dass ein Genius etwas wunderartiges ist.
- 3:03Ein Genius ist ein Mensch mit außergewöhnlicher schöpferischer
- 3:06Begabung. Der Künstler glaubt lieber an
- 3:09dieses Wunder als an die harte Realität.
- 3:12Damit ist dem Künstler das Fortbestehen seiner Art zu
- 3:14erschaffen wichtiger als die wissenschaftliche Hingabe an die
- 3:18Wahrheit, ihm ist die schöne Illusion lieber als die
- 3:21Wahrheit, wenn diese Wahrheit in einer schlichten und einfachen
- 3:24Gestalt daherkommt, unter Kapitel 147 die Kunst als
- 3:29Totenbeschwörerin ne Nietzsche gibt der Kunst in diesem
- 3:35Abschnitt eine besondere Aufgabe.
- 3:38Sie wirkt wie eine Totenbeschwörerin.
- 3:40Das bedeutet, sie holt Dinge zurück, die eigentlich schon
- 3:43vergangen oder gestorben sind. Die Kunst bewahrt Vorstellungen
- 3:47auf, die verblasst oder erloschen sind, und färbt sie
- 3:50wieder ein wenig bunt an. Die Kunst flicht ein Band um
- 3:53verschiedene Zeitalter und lässt deren Geister wiederkehren.
- 3:58Nietzsche sagt zwar, dass dies nur ein Scheinleben ist, ähnlich
- 4:01wie wenn uns im Traum geliebte Verstorbene besuchen.
- 4:04Aber zumindest für kurze Augenblicke werden alte Gefühle
- 4:07wieder wach. Das Herz schlägt dann in einem
- 4:10alten Takt, den wir eigentlich schon vergessen hatten.
- 4:13Nietzsche meint, dass wir dem Künstler diese
- 4:15Rückwärtsgewandtheit nachsehen müssen, weil sie einen
- 4:18allgemeinen nutzen hat. Der Künstler steht nicht in der
- 4:211. Reihe der Aufklärung oder der
- 4:23Entwicklung der Menschheit zum Erwachsensein, er ist im Grunde
- 4:27seines Herzens ein Kind oder ein Jugendlicher geblieben.
- 4:30Er ist auf der Stufe stehen geblieben, auf der er war, als
- 4:33sein Kunsttrieb erwachte. Daher stehen die Gefühle des
- 4:36Künstlers den früheren Zeiten der Menschheit näher als dem
- 4:40modernen Jahrhundert. Unbewusst hat der Künstler also
- 4:43die Aufgabe, die Menschheit wieder zu verkindlichen, sie in
- 4:47einen kindlicheren Zustand zurückzuversetzen, das ist
- 4:50gleichzeitig sein Ruhm, aber auch seine Begrenzung, da er den
- 4:54Fortschritt nicht anführt, sondern das Vergangene bewahrt
- 4:58Unterkapitel. 148 Dichter als Erleichterer des Lebens in
- 5:05diesem Kapitel geht es um die Rolle der Dichter.
- 5:08Nietzsche sagt, dass Dichter das Leben der Menschen erleichtern
- 5:11wollen, sie tun dies, indem sie den Blick der Menschen von der
- 5:15mühsamen und anstrengenden Gegenwart abwenden, oder sie
- 5:19Sorgen dafür, dass die Gegenwart durch ein besonderes Licht, das
- 5:22aus der Vergangenheit kommt, in neuen Farben strahlt, damit sie
- 5:26das können, müssen Dichter selbst Wesen sein.
- 5:29Die in vielerlei Hinsicht rückwärtsgewandt sind.
- 5:32Sie dienen als Brücken zu ganz fernen Zeiten und Vorstellungen
- 5:36zu Religionen und Kulturen, die eigentlich schon abgestorben
- 5:39sind. Nietzsche nennt sie Epigonen,
- 5:42ein Epigone ist ein Nachkomme oder Nachahmer, jemand, der in
- 5:46einer späteren Zeit lebt, aber den Geist einer vergangenen
- 5:49Epoche fortführt. Dichter sind notwendigerweise
- 5:52solche Nachkommen der Vergangenheit, Nietzsche übt
- 5:56aber auch Kritik an dieser Art der Erleichterung.
- 5:59Er sagt, dass die Mittel der Dichter oft nur ungünstig
- 6:02wirken, sie beruhigen und heilen nur vorläufig.
- 6:05Nur für den Moment. Das Problem dabei ist, dass sie
- 6:09die Menschen davon abhalten, ihre Lebensumstände wirklich zu
- 6:12verbessern, anstatt zu handeln und etwas zu ändern, entladen
- 6:16die Menschen ihre Unzufriedenheit und ihre
- 6:18Leidenschaften durch die Dichtung, die Kunst wirkt also
- 6:21wie ein Schmerzmittel, das die Symptome lindert, aber nicht die
- 6:24Ursache der Krankheit heilt. Unterkapitel. 149 der langsame
- 6:31Pfeil der Schönheit Nietzsche unterscheidet hier zwischen 2
- 6:36Arten von Schönheit. Er sagt die edelste Art der
- 6:40Schönheit ist nicht diejenige, die uns sofort und plötzlich
- 6:43umhaut oder mitreißt. Eine solche stürmische Schönheit
- 6:46erzeugt oft schnell Ekel, weil sie zu aufdringlich ist.
- 6:50Die edlere Schönheit ist diejenige, die langsam
- 6:52einsickert, man bemerkt sie fast gar nicht, wenn man sie mit sich
- 6:55herumträgt. Aber irgendwann begegnet sie uns
- 6:58wieder, vielleicht im Traum, und schließlich, nachdem sie lange
- 7:02bescheiden in unserem Herzen lag, nimmt sie uns ganz in
- 7:05Besitz. Dann füllt sie unsere Augen mit
- 7:08Tränen und unser Herz mit Sehnsucht.
- 7:11Nietzsche stellt die Frage, wonach sehnen wir uns
- 7:14eigentlich, wenn wir Schönheit sehnen?
- 7:17Seine Antwort ist, wir sehnen uns danach, selbst schön zu
- 7:20sein, wir bilden uns ein, dass wir sehr glücklich wären, wenn
- 7:24wir schön wären. Aber Nietzsche sagt ganz klar,
- 7:28Das ist ein Irrtum. Schönheit bedeutet nicht
- 7:31automatisch Glück. Unterkapitel, 150 Beseelung der
- 7:36Kunst in diesem Abschnitt erklärt Nietzsche, wie die Kunst
- 7:41von der Religion profitiert, er sagt, Die Kunst erhebt ihr Haupt
- 7:45dort, wo die Religionen an Kraft verlieren, die Kunst übernimmt
- 7:49eine Menge von Gefühlen und Stimmungen, die ursprünglich
- 7:51durch die Religion erzeugt wurden.
- 7:54Sie nimmt diese religiösen Gefühle in sich auf und wird
- 7:57dadurch tiefer und seelenvoller. Dadurch kann die Kunst nun
- 8:01Begeisterung und Erhebung vermitteln, was sie früher, als
- 8:04sie noch nicht mit religiösen Gefühlen aufgeladen war, nicht
- 8:06konnte. Der Reichtum an religiösen
- 8:09Gefühlen ist wie ein Strom, der anschwillt und neue Bereiche
- 8:13erobern will, da aber die Aufklärung, also das rationale
- 8:17Denken und die Wissenschaft, die starren Glaubenssätze, die
- 8:20Dogmen der Religion erschüttert hat.
- 8:23Suchen sich diese Gefühle einen neuen Ort?
- 8:26Sie werden aus der Religion verdrängt und werfen sich in die
- 8:29Kunst. In manchen Fällen gehen sie
- 8:31sogar auf das politische Leben oder direkt auf die Wissenschaft
- 8:34über. Nietzsche vermutet daher überall
- 8:38dort, wo wir in menschlichen Bestrebungen eine dunkle tiefe
- 8:41Färbung wahrnehmen, hängen noch Reste von Geisterglauben,
- 8:44Weihrauchduft und Kirchenschatten daran, die Tiefe
- 8:48unserer heutigen Kunst kommt also aus dem Erbe der Religion.
- 8:53Unterkapitel 151, wodurch das Metrum verschönert?
- 8:56Nietzsche spricht hier über die Funktion des Metrums in der
- 9:02Dichtung. Das Metrum ist das Versmaß, also
- 9:04der Rhythmus und die Struktur eines Gedichts.
- 9:07Nietzsche sagt das Metrum, legt einen Iflor, das ist ein dünner
- 9:12Schleier über die Realität, durch das Metrum wird die
- 9:16Sprache künstlicher und das Denken etwas unrein, weil man
- 9:19sich dem Rhythmus anpassen muss. Aber genau dieser Schleier,
- 9:24dieser Schatten, der auf die Gedanken geworfen wird, verdeckt
- 9:27manches und hebt anderes hervor. Nietzsche erklärt, dass Schatten
- 9:31nötig sind, um Dinge zu verschönern, genauso ist das
- 9:34dumpfe, also das nicht ganz klare, nötig, um Dinge zu
- 9:38verdeutlichen, die Kunst macht, den Anblick des Lebens für uns
- 9:41erträglicher, indem sie diesen Schleier des unreinen Denkens
- 9:44über das Leben legt. Wir sehen die Realität durch die
- 9:47Kunst nicht mehr ganz scharf und hart, sondern abgemildert und
- 9:51rhythmisch geordnet.