Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 635-637
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- 0:00Unterkapitel 635 die Methode ist wichtiger als das Ergebnis
- 0:05Nietzsche betont hier die enorme Wichtigkeit der
- 0:07wissenschaftlichen Vorgehensweise.
- 0:09Er sagt, dass die Methoden der Wissenschaft im Ganzen
- 0:12mindestens genauso wichtig sind wie jedes einzelne Ergebnis, das
- 0:15dabei herauskommt, denn auf der Einsicht in die richtige Methode
- 0:19beruht der wissenschaftliche Geist.
- 0:21Wenn wir alle Ergebnisse der Wissenschaft hätten, aber die
- 0:24Methoden verlieren würden, wie man zu diesen Ergebnissen kommt,
- 0:27wäre nichts gewonnen. Denn dann würde sofort wieder
- 0:30der Aberglaube und der Unsinn Überhand nehmen und die alten
- 0:33Wahrheiten verdrängen. Nietzsche beobachtet, dass auch
- 0:36kluge Menschen oft nur an den Ergebnissen lernen wollen, aber
- 0:39nicht verstehen, wie wichtig die mühsame Methode ist.
- 0:43Man merkt, dass ihren Gesprächen an, wenn ihnen der
- 0:46wissenschaftliche Geist fehlt, haben sie kein instinktives
- 0:49Misstrauen gegen gedankliche Abwege, das ist ein Misstrauen,
- 0:53das sich bei einem wissenschaftlich geschulten
- 0:54Menschen durch lange Übung tief in der Seele verwurzelt hat.
- 0:58Menschen ohne diesen methodischen Geist genügt es
- 1:00oft, irgendeine bloße Vermutung, eine Hypothese über eine Sache
- 1:05zu finden. Dann sind sie sofort Feuer und
- 1:08Flamme für diese Idee und glauben, damit sei alles
- 1:11erklärt. Für solche Menschen bedeutet
- 1:13eine Meinung haben schon so viel wie Kate fanatisch dafür kämpfen
- 1:17und sie sich als feste Überzeugung ans Herz zu legen.
- 1:20Nietzsche warnt davor, dass aus dieser Haltung sich für den
- 1:23ersten besten Einfall zu begeistern, schlimme Folgen
- 1:26entstehen. Besonders in der Politik.
- 1:29Deshalb sollte heute jeder Mensch mindestens eine
- 1:31Wissenschaft von Grund auf kennenlernen, dann weiß man
- 1:34nämlich, was Methode bedeutet und wie wichtig äußerste
- 1:37Besonnenheit ist. Nietzsche gibt diesen Rat
- 1:40besonders den Frauen, da er der Meinung ist, dass diese zu
- 1:43seiner Zeit oft Opfer von bloßen Hypothesen werden, besonders
- 1:47wenn diese geistreich, hinreißend oder belebend wirken.
- 1:51Er stellt fest, dass die meisten Menschen auch heute noch von
- 1:54einem Denker lieber feste Überzeugungen wollen als die
- 1:56bloße Gewissheit, die oft nüchtern ist.
- 1:59Sie wollen von einer Idee mitgerissen werden, um sich
- 2:02stärker zu fühlen. Der Denker, der als Genie
- 2:04auftritt und sich wie ein höheres Wesen verhält, bedient
- 2:08genau dieses Bedürfnis, aber insofern dieses Genie die Glut
- 2:12der bloßen Überzeugungen anheizt und das vorsichtige, Bescheidene
- 2:16Suchen der Wissenschaft missachtet, ist es in Wahrheit
- 2:19ein Feind der Wahrheit. Selbst wenn es glaubt, ihr
- 2:22größter Verehrer zu sein. Unterkapitel 636 das Genie der
- 2:28Gerechtigkeit Nietzsche spricht hier von einer ganz anderen Art
- 2:31der Genialität, die er sehr hoch schätzt.
- 2:34Die Genialität der Gerechtigkeit.
- 2:37Er findet, dass man diese Art nicht geringer bewerten sollte
- 2:40als die Genialität eines Künstlers oder Politikers, die
- 2:43Art dieser Gerechtigkeit ist es, mit einem herzlichen Unwillen
- 2:46allem aus dem Weg zu gehen. Was das Urteil über Dinge
- 2:49verwirrt oder blendet. Sie ist also eine Gegnerin von
- 2:53festen Überzeugungen, die blind machen.
- 2:56Stattdessen will sie jedem Ding gerecht werden, sei es etwas
- 2:59Lebendiges oder totes, etwas wirkliches oder nur gedachtes,
- 3:04sie will jedem Ding das geben, was ihm zusteht, also das seine,
- 3:09um das tun zu können, muss sie die Dinge rein erkennen, sie
- 3:13stellt jedes Ding in das beste Licht und geht vorsichtig und
- 3:16beobachtet darum herum. Nietzsche beschreibt einen
- 3:19interessanten Schluss. Zuletzt gibt diese Gerechtigkeit
- 3:23sogar ihrer eigenen Gegnerin, der blinden Überzeugung, das,
- 3:26was ihr zusteht. Sie erkennt an, dass auch die
- 3:30blinde Überzeugung existiert und ihren Platz hat und tut dies, um
- 3:34der Wahrheit willen, sie ist also so gerecht, dass sie sogar
- 3:38die Ungerechtigkeit der festen Überzeugung fair behandelt,
- 3:42unter Kapitel 631. Feuer oder Gerechtigkeit?
- 3:48In diesem Unterkapitel beschreibt Nietzsche den
- 3:51Unterschied zwischen leidenschaftlichen Meinungen und
- 3:53dem freien Geist. Er sagt, aus den Leidenschaften
- 3:57wachsen die Meinungen. Wenn der Geist dann träge und
- 4:00faul ist, erstarren diese Meinungen zu festen
- 4:03Überzeugungen. Wer sich jedoch als freien,
- 4:06rastlosen und lebendigen Geist fühlt, kann verhindern, dass
- 4:09seine Meinungen so erstarren, er tut dies durch beständigen
- 4:13Wechsel. Nietzsche vergleicht einen
- 4:16solchen Menschen mit einem denkenden Schneeball.
- 4:18Er nimmt immer mehr auf, wird aber nicht fest und starr.
- 4:23Ein solcher Geist hat überhaupt keine festen Meinungen mehr,
- 4:26sondern nur noch Gewissheiten und genau abgemessene
- 4:29Wahrscheinlichkeiten in seinem Kopf.
- 4:31Nietzsche spricht dann von wir, womit er sich und die freien
- 4:34Geister meint, er beschreibt den Menschen als ein gemischtes
- 4:38Wesen, manchmal glühen wir vor Leidenschaft wie vom Feuer,
- 4:42manchmal sind wir durch den Geist abgekühlt.
- 4:45Aber unser Ziel sollte es sein, vor der Gerechtigkeit zu knien.
- 4:49Nietzsche nennt die Gerechtigkeit hier die einzige
- 4:51Göttin, die wir über uns anerkennen, das Feuer in uns,
- 4:55also unsere Leidenschaften, macht uns gewöhnlich ungerecht
- 4:59und im Sinne dieser Göttin unrein.
- 5:03In diesem leidenschaftlichen Zustand dürfen wir der
- 5:05Gerechtigkeit nicht die Hand reichen.
- 5:08Das ernste lächelnder Gerechtigkeit liegt nie auf uns,
- 5:10wenn wir von Leidenschaft getrieben sind.
- 5:13Nietzsche verehrt die Gerechtigkeit als die verhüllte
- 5:16ISIS unseres Lebens. Isis ist eine ägyptische Göttin,
- 5:21die oft als Symbol für die verborgene Natur und Wahrheit
- 5:24steht. Wenn wir vor ihr stehen, schämen
- 5:26wir uns unserer Leidenschaften, wir bringen unseren Schmerz als
- 5:30Buße und Opfer dar, wenn das Feuer der Leidenschaft uns
- 5:33brennt und verzehrt, es ist der Geist, der uns rettet, er
- 5:37bewahrt uns davor, ganz zu verglühen und zu verkohlen.
- 5:41Der Geist reißt uns weg vom Opferaltar der Gerechtigkeit, wo
- 5:44wir sonst durch unsere Leidenschaft zugrunde gehen
- 5:46würden, oder schützt uns mit einem unbrennbaren Mantel aus
- 5:50Asbest vom Feuer, der Leidenschaft erlöst, schreitet
- 5:54der Mensch dann weiter, er wird vom Geist von einer Meinung zur
- 5:57anderen getrieben, er wechselt die Parteien in den Augen derer,
- 6:02die an festen Überzeugungen hängen, wirkt er wie ein
- 6:05Verräter, er verrät alle Dinge, die behaupten, absolut wahr zu
- 6:09sein. Aber gerade dadurch kann er
- 6:12überhaupt erst Dinge verraten. Das heißt, er kann sie enthüllen
- 6:15und bekannt machen, und dabei fühlt er sich dennoch ohne
- 6:19Schuld.