Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Epilog
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- 0:01Epilog ein Fenster Winter ein Jahr später, es war wieder
- 0:06Dezember und es war wieder die Fußgängerzone und in den
- 0:09Schaufenstern hing wieder das blaue Licht der Bildschirme, in
- 0:12dem die Zahlen liefen, das Wetter, die Nachrichten, das
- 0:15ewige Gleichgültige flackern, das die Stadt seit Jahren
- 0:19beleuchtete wie das Licht eines Aquariums, in dem niemand mehr
- 0:22nachsah, ob die Fische noch lebten.
- 0:25Auf den ersten Blick hatte sich nichts geändert.
- 0:28Das war es, was einen Fremden getäuscht hätte, der durch diese
- 0:31Straße gegangen wäre. Einer, der die Stadt vor einem
- 0:34Jahr gesehen hatte und jetzt wiederkam.
- 0:36Dieselben Häuser, dieselbe sanierte Altstadt für die
- 0:39Touristen, die nicht kamen, dieselben leerstehenden
- 0:42Geschäfte mit dem Papier in den Fenstern, derselbe Fluss, der
- 0:45jetzt im Winter nicht nach warmem Metall roch, sondern nach
- 0:48kaltem, nach Eis und Stein, dieselbe Müdigkeit lag über
- 0:53allem. Dieselbe Schwere, die kein
- 0:55Wetter und keine Jahreszeit je ganz von dieser Stadt nahm.
- 0:59Und doch hatte sich etwas geändert, etwas, das man nicht
- 1:01auf den ersten Blick sah, das man überhaupt nur sah, wenn man
- 1:04wusste, wonach man suchte, wenn man hinsah, wirklich hinsah,
- 1:08statt nur zu schauen. Es war nichts Großes, es war
- 1:12nichts, das in den Nachrichten gestanden hätte, nichts, das die
- 1:16blauen Bildschirme gemeldet hätten, es war nur dies.
- 1:19Dass hier und dazwischen all den blauen Fenstern ein anderes
- 1:22Licht brannte, ein warmes Gelbes, das Licht von Lampen,
- 1:26hinter denen Menschen saßen, und dass diese warmen Fenster, wenn
- 1:29man sie zählte, ein Paar mehr waren als im Jahr zuvor, nicht
- 1:33viele, ein paar, aber jemand hatte irgendwo in dieser Stadt
- 1:37in diesem Jahr ein Fenster geöffnet und durch das offene
- 1:40Fenster war ein wenig von der Schwere abgezogen, die sich über
- 1:43allem gesammelt hatte und ein wenig Luft hereingekommen, kalt
- 1:46und klar, die man atmen konnte. Es war nicht so, dass die Stadt
- 1:50geheilt war. Niemand, der ehrlich war, hätte
- 1:53das behauptet. Die leeren Geschäfte standen
- 1:56noch leer, das Klinikum war noch immer zu klein und zu alt, die
- 2:00Busse fuhren noch immer zu selten und die Müdigkeit, die
- 2:03tiefe alte Müdigkeit dieser Stadt und dieses Landes war
- 2:06nicht von einem Jahr zu kurieren, vielleicht von keinem
- 2:10die Wunden, aus denen die Wut gekommen war, waren noch offen,
- 2:14es gab keinen Tag, an dem die Sonne aufgegangen wäre und alles
- 2:17anders gewesen. So funktionierte es nicht.
- 2:20Das hatte dieses Jahr alle gelehrt, die hingesehen hatten,
- 2:23aber etwas war geschehen, das kleiner war als Heilung und
- 2:26realer. Ein paar Menschen hatten
- 2:28aufgehört zu glauben, dass nichts zu machen war, ein Paar
- 2:32hatten erfahren am eigenen Leib, dass man eine Maschine anhalten
- 2:35kann, wenn genug von ihnen zusammenstehen und diese
- 2:38Erfahrung einmal gemacht, ließ sich nicht wieder ungeschehen
- 2:42machen, sie war ein offenes Fenster.
- 2:45Und durch ein offenes Fenster zieht Luft, auch wenn das Haus
- 2:48alt bleibt und kalt die Regierung war gefallen im
- 2:50Frühjahr nach Neuwahlen, deren Ergebnis niemand vorausgesehen
- 2:54hatte und das am Ende keine der einfachen Geschichten erzählte,
- 2:57die man sich erhofft oder gefürchtet hatte.
- 2:59Die Partei hatte nicht gesiegt, wie die einen gefürchtet hatten,
- 3:03und sie war nicht vernichtet worden, wie die anderen gehofft
- 3:05hatten, sie hatte verloren, ein Stück genug, dass sie nicht mehr
- 3:08regierte, nicht genug, dass sie verschwand.
- 3:11Sie blieb kleiner im Landtag, eine Stimme unter anderen, laut
- 3:15wie immer, und der Zorn, der sie nährte, war nicht weg, würde nie
- 3:19ganz weg sein, weil die Wunden, aus denen er kam, nicht weg
- 3:23waren. Es regierte jetzt ein mühsames
- 3:25Bündnis der Vernünftigen, das man ein Jahr zuvor nicht hatte
- 3:29zustande gebracht, ein Bündnis ohne Liebe und ohne Glanz, das
- 3:33die Dinge verwaltete, so gut es konnte und das niemanden
- 3:36begeisterte und keine Wunder versprach, eine Aufarbeitung gab
- 3:40es nicht. Der Ausschuss, der klären
- 3:42sollte, wer die Duldung ermöglicht und wer von der
- 3:45Sortierung gewusst hatte, vertagte sich zweimal, verlor
- 3:49dann seinen Vorsitzenden an ein Ministeramt und versandete
- 3:52schließlich in einer Sommerpause, aus der er nicht
- 3:55zurückkehrte. Von den Abgeordneten, die den
- 3:58Mann durchgelassen hatten, verlor kein einziger sein Mandat
- 4:01und mancher von ihnen saß nun im Bündnis der Vernünftigen und
- 4:05sprach in den Abendsendungen mit ernstem Gesicht über
- 4:07Verantwortung. Es war kein triumphales Ende.
- 4:11Es war ein Weiterregieren unter besseren Vorzeichen, ein
- 4:14Innehalten der Maschine, eine Atempause, in der man die
- 4:17Fenster öffnen konnte, mehr nicht.
- 4:20Aber mehr hatte auch niemand erwartet, der in diesem Jahr
- 4:23gelernt hatte, wie die Welt wirklich besser wird, nicht in
- 4:26einem Sieg, sondern in einer Atempause, die man nutzt.
- 4:30Der Verlässlichkeitsindex war Geschichte, das Gericht hatte in
- 4:33der Hauptsache entschieden, Monate nach der Aussetzung, und
- 4:36hatte bestätigt, was die Eilentscheidung vorweggenommen
- 4:39hatte. Dass die verborgene Gewichtung
- 4:42rechtswidrig gewesen war, von Anfang an.
- 4:44Dass sie Menschen nach Kriterien sortiert hatte, nach denen ein
- 4:47Staat niemanden sortieren darf. Die Durchführungsverordnung war
- 4:51aufgehoben, was aufgehoben wurde, war die Verordnung, nicht
- 4:55die Anlage. Jasmin dachte manchmal daran,
- 4:58wenn sie im Bus an der östlichen Ausfallstraße vorbeifuhr, wo
- 5:01hinter einem Zaun die flachen Hallen standen und daneben die
- 5:04Turbinen, die das Werk einer Frau namens Fight gebaut hatte,
- 5:08die Rechner standen noch. Sie liefen sogar für andere
- 5:11Zwecke, für Fachverfahren, für die Steuerverwaltung, für das,
- 5:14was man ebenso betreibt, wenn man eine Anlage hat und Strom
- 5:18dafür. Man hatte einen Vertrag
- 5:19gekündigt und eine Schnittstelle abgeschaltet, das Unternehmen,
- 5:23das die Sortierung geliefert hatte, existierte weiter, hatte
- 5:26sich umbenannt, gehörte inzwischen zu einem größeren,
- 5:29und sein Produkt war nicht verboten worden, weil man ein
- 5:31Produkt nicht verbieten kann, das in der Logistik völlig
- 5:34unauffällig arbeitet. Es lag in einem Regal und
- 5:37wartete auf den nächsten Kunden, dem Knappheit lästig wurde und
- 5:41der Beschluss selbst so klar er war, galt für eine Verordnung
- 5:45dieses einen Landes. Er zwang niemanden anderswo, er
- 5:49beschrieb, was rechtswidrig war in einer Sprache, die genau
- 5:52genug war, dass jeder, der es künftig noch einmal versuchte,
- 5:55wusste, welche 3 Formulierungen er zu vermeiden hatte.
- 5:58Das Wort Verlässlichkeit, das ein Jahr lang von den
- 6:01Bildschirmen getropft war wie ein Versprechen und das sich als
- 6:04Drohung entpuppt hatte, war aus den Amtsstuben verschwunden.
- 6:07Und wer es jetzt hörte, hörte es wieder als das, was es einmal
- 6:11gewesen war, bevor man es vergiftet hatte.
- 6:13Ein einfaches gutes Wort, das bedeutete, dass jemand da ist,
- 6:16wenn man ihn braucht. Olo Olena pflanzte nicht mehr
- 6:20nur Tulpen. Im Frühjahr, als die Zwiebeln
- 6:23aufgegangen waren, die sie im Herbst in die Erde gelegt hatte,
- 6:26hatte sie den schmalen Streifen hinter dem Haus erweitert, hatte
- 6:29den Vermieter gefragt, ob sie mehr von dem brachliegenden
- 6:32Grund nutzen dürfe und der Vermieter, der nie gewusst
- 6:35hatte, was er mit dem Stück Erde anfangen sollte, hatte
- 6:38zugestimmt. Und so war aus dem schmalen
- 6:40Streifen ein Garten geworden, klein noch, aber echt mit Gemüse
- 6:44und Kräutern und den Tulpen am Rand, die jeden Frühling
- 6:47wiederkamen. Sie arbeitete noch in Carlers
- 6:50Betrieb in der Produktionsplanung, jetzt nicht
- 6:52mehr nur angelernt, sondern als eine, die wusste, was sie tat,
- 6:56deren Ingenieur innenblick man brauchte und schätzte, aber
- 6:59abends, wenn es hell genug war, ging sie in den Garten, und sie
- 7:02legte die Hände in die Erde, dieselben Hände, die einmal
- 7:05Statik berechnet hatten in einem Land, das es nicht mehr gab, und
- 7:09sie baute etwas, das wuchs langsam von selbst und doch
- 7:13nicht von selbst, weil jemand es gepflanzt und gegossen und
- 7:16gepflegt hatte. Danilo hatte seinen Abschluss
- 7:19bestanden. Das war der Eintrag, den Lena in
- 7:22das Heft geschrieben hatte. In die helle Spalte mit einem
- 7:25Datum, daneben der erste Eintrag, den sie selbst gemacht
- 7:28hatte, in ihrer eigenen Hand, unter der zittrigen ihres
- 7:31Vaters. Der Tag, an dem D.
- 7:33Bestand. Er hatte es geschafft, knapp mit
- 7:36Theos Geschichtsnachhilfe, die er bis zuletzt bekommen hatte,
- 7:40und mit einer Verbissenheit, die ihn selbst überrascht hatte.
- 7:43Und jetzt hatte er eine Lehrstelle bei Karla in der
- 7:46Halle. An den Maschinen, lernte einen
- 7:48Beruf, der etwas herstellte, das man anfassen konnte, und er
- 7:52sprach wieder Ukrainisch mit seiner Mutter zu Hause,
- 7:55beiläufig und deutsch draußen, und er hatte aufgehört, sich für
- 7:58das eine zu schämen und das andere zu spielen, er war
- 8:01beides. Ein ukrainischer Junge und ein
- 8:04deutscher Lehrling und die beiden Vertrugen sich in ihm
- 8:07endlich, ohne dass das eine das andere auffressen musste.
- 8:10Niklas arbeitete weiter in Carlas Halle, in der
- 8:13Materialwirtschaft, und er war gut darin, und Reinhold, der
- 8:17alte Werkmeister, knurrte ihm gelegentlich ein Lob zu, dass
- 8:21Niklas mehr bedeutete als alles, was die Bewegung ihm je gegeben
- 8:24hatte. Er kam manchmal mit Danilo
- 8:26zusammen, jetzt in derselben Halle, der eine in der Lehre,
- 8:30der andere im Lager und manchmal in der Pause standen sie
- 8:33beieinander und sagten nicht viel. 2.
- 8:35Die durch dasselbe Feuer gegangen waren und auf der
- 8:38anderen Seite herausgekommen, und es war eine Bindung ohne
- 8:41Namen, kein Vater und kein Sohn, kein Lehrer und kein Schüler,
- 8:44einfach 2 Menschen, die einander kannten, auf eine Art, die keine
- 8:48Worte brauchte. Niklas trauerte noch um seine
- 8:50Mutter, das würde nie ganz aufhören, das wusste er.
- 8:54Aber er trauerte, ohne sich zu zerstören.
- 8:56Und das war das meiste, was ein Mensch über seine Trauer sagen
- 8:59kann. Jasmin hielt eine Hand, es war
- 9:02eine Nacht im Dezember, eine Nachtschicht wie 1000 andere,
- 9:06und auf der Station lag ein alter Mann, der niemanden hatte,
- 9:09der in der Nacht allein war mit dem, was am Ende kommt, und
- 9:12Jasmin saß bei ihm in der Pause, die sie nicht hatte, und hielt
- 9:15seine Hand, weil das das einzige war, was sie tun konnte, und
- 9:18weil das halten einer Hand, das hatte sie in diesem Jahr
- 9:21endgültig gelernt, keine kleine Sache war, sondern vielleicht.
- 9:24Ist die Größte die einzige, die wirklich zählt.
- 9:26Am Ende, wenn alles andere, die Geräte, die Medikamente, die
- 9:29Statistiken nichts mehr nützen. Sie dachte nicht oft an Petra
- 9:33Roth im Alltag, weil die Toten zurücktreten müssen, damit die
- 9:36Lebenden versorgt werden können, weil eine Pflegekraft, die jeden
- 9:40Toten mit sich trägt, bald keine Pflegekraft mehr ist.
- 9:44Aber in solchen Nächten, wenn sie eine Hand hielt, die kalt
- 9:46wurde, war Petra da am Rand nicht als Schmerz, sondern als
- 9:51Auftrag, dass diese Hand hier, diese eine jetzt gehalten wurde
- 9:55bis zuletzt von jemandem, der hinsah, und dass kein System der
- 9:59Welt je wieder einen Menschen würde aus dieser Hand
- 10:01herausrechnen dürfen, ohne dass jemand es aufschrieb.
- 10:04Sie hatte das einmal aufgeschrieben, sie würde es
- 10:07wieder tun, wenn es nötig wäre. Aber heute Nacht war es nicht
- 10:10nötig. Heute Nacht war nur eine Hand zu
- 10:12halten und sie hielt sie und der alte Mann starb nicht allein,
- 10:15sie war geblieben, sie würde bleiben, die Station brauchte
- 10:19sie noch, und sie hatte aufgehört, das als Falle zu
- 10:22sehen und angefangen, es als das zu sehen, was es war, ihren
- 10:25Platz gewählt, nicht erlitten. Carlas Firma stand noch kleiner
- 10:30als vor 2 Jahren, ärmer mit 60 statt 80, aber sie stand auf
- 10:34einem neuen Boden, einem europäischen mit Aufträgen aus
- 10:37Lyon und neuerdings aus Turin in einem Netz, das sich langsam
- 10:41knüpfte, von Land zu Land, aus der Not heraus, die den
- 10:44Kontinent gezwungen hatte, sich auf sich selbst zu besinnen.
- 10:47Carla war nicht reich geworden dabei und würde es nicht werden.
- 10:51Aber sie schlief wieder nachts, ohne dass ihr ein ungekündigter
- 10:54Vertrag im Magen lag. Und sie unterschrieb keine
- 10:57Verträge mehr, bei denen sie das Kleingedruckte fürchten musste.
- 11:01Und an manchen Abenden, wenn sie die letzte Charge prüfte, allein
- 11:04in der Halle das Metall kühl unter den Fingern, spürte sie
- 11:07etwas, das sie früher nicht gekannt hatte, etwas, das
- 11:10vielleicht das war, was ihr Vater gemeint hatte, als er ihr
- 11:13sagte, sie gehöre den Leuten, ein Frieden, der nicht im Besitz
- 11:17lag, sondern in dem, was sie hatte ablehnen können.
- 11:20Und Lena brachte ihre erste eigene Ausgabe heraus.
- 11:24Es war keine Zeitung im alten Sinn mehr, kein Papier, das man
- 11:27am Kiosk kaufte, sondern etwas neues, kleineres, getragen von
- 11:31denen, die es lasen, ein Recherchebüro für die Stadt und
- 11:34die Region, das Tat, was sie sich vorgenommen hatte,
- 11:38Hinsehen, Nachfragen, drucken, was weh tut.
- 11:41Sie hatte einen Namen dafür gefunden, am Ende einen
- 11:44schlichten, der nicht erklärte, was er war, sondern es einfach
- 11:47war und unter dem Namen Klein in der Fußzeile jeder Ausgabe stand
- 11:51ein Satz, den niemand außer ihr ganz Verstand, ein Satz, der aus
- 11:55einem Heft kam, das in ihrer Schublade lag.
- 11:57Es wird hell, aber nie von selbst.
- 12:00Ihr Vater hatte die 1. Ausgabe noch gesehen.
- 12:03Er war im Sommer gestorben, an einem Morgen im Juli, leise im
- 12:07Schlaf. Das Herz, das so lange knapper
- 12:09geschlagen hatte, war einfach stehen geblieben, ohne Drama,
- 12:13ohne Kampf, so wie er es sich gewünscht hatte.
- 12:16Lena hatte ihn gefunden in seinem Sessel, am Fenster, das
- 12:19Gesicht zur Stadt gewandt, friedlich, als hätte er nur kurz
- 12:22die Augen geschlossen, um nachzudenken, sie hatte lange
- 12:25neben ihm gesessen an diesem Morgen, und sie hatte nicht
- 12:28geweint. Nicht gleich, weil etwas in ihr
- 12:30wusste, dass dies kein Tod war, der das Weinen verlangte,
- 12:34sondern einer, der etwas anderes verlangte, dass man weiterführt,
- 12:38was der Tote angefangen hat. Das Weinen war später gekommen,
- 12:42in den Wochen danach, in Wellen, zu unpassenden Zeiten, mitten in
- 12:46einem Satz mitten auf der Straße, wenn ein alter Mann mit
- 12:49einem bestimmten Gang vor ihr ging oder wenn sie das Heft
- 12:52aufschlug und seine Handschrift sah, die zittrige in der zweiten
- 12:55Spalte. Aber es war ein Weinen, dass sie
- 12:57nicht zerbrach, weil es ein Weinen mit einer Aufgabe war,
- 13:00getragen von dem, was er ihr in die Hände gelegt hatte.
- 13:03Und sie hatte verstanden, dass die Trauer um einen Menschen,
- 13:06der einem etwas anvertraut hat, eine andere ist als die um
- 13:09einen, der nur fortgeht, dass das anvertraute, die Trauer
- 13:11trägt, ihr eine Richtung gibt, sie verwandelt von einem Fallen
- 13:15in eingehen, man trauert um die Toten am besten, indem man tut,
- 13:19was sie nicht mehr tun können, den leeren Stuhl am Küchentisch
- 13:23hatte sie nicht weggeräumt. Sie hatte einen zweiten
- 13:26Dazugestellt, daneben für ihn, und jetzt standen 2 leere Stühle
- 13:30am Kopfende des Tisches, der ihr gehörte und an dem sie schrieb,
- 13:34Abends die helle Spalte und die der Namen, und manchmal redete
- 13:37sie mit den beiden leeren Stühlen mit ihrer Mutter und
- 13:40ihrem Vater, nicht weil sie glaubte, dass jemand zuhörte,
- 13:43sondern weil das Reden mit den Toten eine Art ist, sich zu
- 13:46erinnern, dass man von ihnen kommt.
- 13:48Es war Abend geworden über der Stadt.
- 13:50Der frühe blaue Abend des Dezembers und in der
- 13:53Fußgängerzone gingen die Lichter an die Blauen der Bildschirme
- 13:56und die warmen der Lampen, beide nebeneinander, wie sie immer
- 14:00nebeneinander gewesen waren und immer sein würden.
- 14:03Hinter einem dieser warmen Fenster im 2.
- 14:06Stock eines Hauses am Rand der Stadt, saß eine Frau, die nicht
- 14:09mehr jung war, an einem Küchentisch mit 2 leeren
- 14:12Stühlen, und vor ihr lag ein altes, abgegriffenes Heft
- 14:15aufgeschlagen, und sie hatte den Stift in der Hand, und sie
- 14:18schrieb einen neuen Eintrag in die helle Spalte mit einem
- 14:22Datum, daneben eine kleine, leuchtende Sache, die in diesem
- 14:25Jahr besser geworden war und über die niemand sprach, und
- 14:28dann daneben in die zweite Spalte einen Namen.
- 14:33Draußen hinter der Scheibe lag die Stadt, dieselbe Stadt,
- 14:36dunkel und müde und schön mit ihren 1000 Fenstern, hinter
- 14:39denen Menschen lebten, von denen die meisten einander nie
- 14:42kennenlernen würden, von denen die meisten in dieser Nacht
- 14:45nichts besonderes Taten, gar nichts, nur lebten.
- 14:47Und doch dachte die Frau am Tisch, während sie schrieb, und
- 14:51doch waren sie alle, jeder Einzelne hinter jedem Fenster.
- 14:54Die Möglichkeit von etwas, die Möglichkeit, dass einer hinsah,
- 14:57wo die anderen Wegsahen, dass einer die Hand hielt, die
- 15:00niemand hielt, dass einer das Falsche nicht unterschrieb, dass
- 15:02einer blieb, wo alle gingen, das war die Alternative.
- 15:06Sie hatte nie auf den Plakaten gestanden, sie stand hinter den
- 15:10Fenstern in den warmen gelben Lichtern, in den Menschen, die
- 15:13einander wählten, statt der Geschichte zu glauben, die man
- 15:16ihnen erzählte, um sie gegeneinander aufzustellen.
- 15:19Und solange auch nur ein Fenster warm leuchtete in der blauen
- 15:22Dämmerung, solange auch nur ein Mensch hinsah und aufschrieb und
- 15:25es weitergab, war sie nicht verloren.
- 15:28Diese Alternative war sie da, klein und zäh und unbesiegbar,
- 15:32die Ware, die Einzige, die es je gegeben hatte.
- 15:35Lena Brandt legte den Stift hin, schloss das Heft und sah hinaus
- 15:39in die Stadt, in der die Lichter brannten, die warmen neben den
- 15:42blauen, und draußen begann es zu schneien.
- 15:45Leise in großen, langsamen Flocken, die das graue Zudeckten
- 15:48und alles ein wenig heller machten, als es war.