Latest / Hinreichend verdächtig / LIVE: Weil uns geglaubt wurde
Transcript
- 0:00Diese Episode von Hinreichend Verdächtig wird präsentiert von Hörgeräte Wasserfuhr
- 0:04in Solingen und der KKL Klimatechnik Vertriebs GmbH.
- 0:12Bevor wir loslegen, eine kleine Info von mir, Lili Stegner, für euch da draußen.
- 0:16Diese Folge haben wir live aufgezeichnet, und zwar im Rahmen der Zoom Podcast Week in Düsseldorf.
- 0:22Wundert euch deshalb nicht, wenn diese Folge ein kleines bisschen anders startet
- 0:26und vielleicht auch ein bisschen anders klingt als sonst.
- 0:29Mich hat es total gefreut, ein paar von euch auf unserem Campus der Rheinischen
- 0:32Post begrüßen zu dürfen und hinreichend verdächtig mal wieder aus der Kammer
- 0:36der Staatsanwaltschaft Duisburg auf die Bühne zu holen.
- 0:40Die Folge an sich läuft aber ab wie immer, also keine Sorge vor zu viel Veränderung.
- 0:44Und jetzt ganz viel Spaß beim Zuhören.
- 0:49Ich muss sagen, dass Mira mich sehr beeindruckt hat.
- 0:52Wir haben, wie gesagt, halt leider oft Frauen, die es dann nicht bis zum Schluss
- 0:56schaffen, dem ganzen Druck auch standzuhalten und ihre Aussage dann ja letztlich
- 1:02dann nicht mehr bestätigen oder eben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen.
- 1:06Mira war da ganz anders, sie war sehr souverän, auch in der Hauptverhandlung
- 1:10hat sie das alles mit einer wirklich unglaublichen Stärke durchgezogen,
- 1:14gemeinsam mit ihren Töchtern, die ja da auch die Situation hatten,
- 1:17dass sie da ihrem Vater gegenüber saßen, der sich auch dann in der
- 1:22Verhandlung nicht nur nett verhalten hat, sondern auch Beleidigungen ausgestoßen
- 1:25hat gegenüber seinen Töchtern und das war alles so schwierig.
- 1:29Deswegen fand ich es umso bemerkenswerter, dass sie bis zum Schluss dran geblieben
- 1:33sind und nicht aufgegeben haben.
- 1:55Ja, und damit auch von mir. Herzlich willkommen. Schön, dass Sie alle da sind.
- 1:59Und herzlich willkommen zu Hinreichend Verdächtig.
- 2:02Mein Name ist, wie gerade eben schon erwähnt, Lili Stegner. Und in diesem Podcast
- 2:05gehen wir nicht nur echten Kriminalfällen auf den Grund, sondern wir tauchen richtig tief ein.
- 2:11Wir beleuchten die Ermittlungen, die am Ende zur Anklage geführt haben und untersuchen,
- 2:14was die Gesetzestexte dazu sagen.
- 2:17Dafür habe ich, wie immer, auch heute zwei Gäste hier bei mir.
- 2:20Einmal aus der Staatsanwaltschaft Duisburg und einmal einen Reporter aus unserer Lokalredaktion.
- 2:25Heute ist aber ganz besonders, denn heute haben wir noch viel, viel mehr Gäste hier.
- 2:28Schön, dass Sie alle hier sind und schön, dass wir Teil der Zoom-Podcast-Week
- 2:32sein dürfen. Ich freue mich sehr, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben.
- 2:36Die Fälle, die wir hier betrachten, die sind immer rechtskräftig entschieden
- 2:40und damit auch abgeschlossen.
- 2:42Wir analysieren dann, wie der Fall öffentlich wahrgenommen wurde und wie die
- 2:45Staatsanwaltschaft ermittelt hat, um am Ende zur Anklage zu kommen.
- 2:50Und quasi ganz nebenbei können wir so auch ein paar juristische Fachbegriffe
- 2:54klären, die man vielleicht immer mal wieder irgendwo hört, aber nicht so 100
- 2:58Prozent weiß, was die eigentlich bedeuten.
- 3:01Wie zum Beispiel auch den Begriff hinreichend verdächtig.
- 3:05Außerdem möchte ich heute noch erwähnen, dass wir unsere Sponsoren dieses Podcasts hier haben.
- 3:10Einmal Hörgeräte Wasserfuhr aus Solingen und KKL-Klimatechnik,
- 3:14die leider durch Krankheit verhindert sind. Aber ganz, ganz liebe Grüße und
- 3:17vielen herzlichen Dank an dieser Stelle.
- 3:21Heute hier begrüßen darf ich Jill McCuller, Staatsanwältin in Duisburg und Alexander
- 3:25Trisch, Lokalreporter in unserer Lokalredaktion.
- 3:29Und ein Hinweis vor allem an unsere Hörer zu Hause. Heute geht es um Straftaten
- 3:33im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt.
- 3:36Es geht um Kontrolle in einer Ehe über viele Jahre hinweg und um eine Tat,
- 3:40die in einem öffentlichen Punkt sich vor den Augen von Kindern ereignet hat.
- 3:45Falls das jemand emotional belastet, dann schaut bitte, dass ihr in der richtigen
- 3:49Verfassung seid, diesen Podcast anzuhören.
- 3:52Starten wir wie immer aber erstmal mit der Beschreibung unseres Falls.
- 3:57Was ist passiert? Wir befinden uns in Duisburg im Jahr 2020.
- 4:03Es ist ein Mittwochnachmittag, kurz nach halb drei. Ein belebter Stadtpark.
- 4:08Familien, Kinder auf dem Spielplatz, jemand mit einer Picknickdecke auf dem Rasen.
- 4:13Eigentlich eine ganz gewöhnliche Szene.
- 4:16Doch an diesem Nachmittag endet etwas, was sich über fast 20 Jahre hin aufgebaut hat.
- 4:21Und um die Geschichte wirklich zu verstehen, müssen wir weiter zurückgehen, Jahrzehnte zurück.
- 4:27Wir sprechen über Mira, so nennen wir die Geschädigte in diesem Fall.
- 4:31Sie ist seit dem Jahr 2000 verheiratet.
- 4:33Und zwar mit einem Mann, den wir hier Kenan nennen wollen.
- 4:36Alle Namen in den Fällen haben wir wie immer geändert.
- 4:40Aus der Ehe der beiden gehen fünf Töchter hinvor. Nach außen hin wirkt es wie eine normale Familie.
- 4:47Nach innen, so sollte das Gericht später feststellen, es ist eine Ehe,
- 4:51die von Anfang an durch Kontrolle, Überwachung und Gewalt geprägt war.
- 4:56Denn bereits ab dem Jahr 2001 sieht sich Mira Gewaltausbrüchen ihres Mannes ausgesetzt.
- 5:01Die Anlässe, so heißt es später im Urteil, sind überwiegend nichtig.
- 5:06Die Gewalt aber im Einzelfall so massiv, dass ihr ihr das Nasenbein bricht,
- 5:11dass Tische und Stühle nach ihr geworfen werden.
- 5:13Er droht wiederholt mit dem Messer und er droht, sie umzubringen.
- 5:18Und er überwacht sie. Er versteckt sich im Keller des Hauses,
- 5:21um zu kontrollieren, wann sie die Wohnung verlässt.
- 5:24Er versteckt sein Mobiltelefon in der Wohnung, um heimlich Gespräche mitzuhören
- 5:28oder Videos aufzuzeichnen.
- 5:30Mira hat zeitweise so wenig Geld zur Verfügung, dass es ihr kaum gelingt,
- 5:34die Grundbedürfnisse für sich und ihre Kinder zu decken.
- 5:39Zwei Jahre später, im Jahr 2003, flieht Mira das erste Mal. Damals mit ihren
- 5:44zwei kleinen Töchtern in ein Frauenhaus.
- 5:47Kenan und sein Vater machen sie dort ausfindig. Die Kinder werden direkt ins
- 5:50Auto gesetzt, Mira kehrt zurück, die Ehe wird weitergeführt.
- 5:56Parallel zu der Ehe mit Mira führt Kenan fast über 20 Jahre lang eine heimliche
- 6:01Beziehung. Mit einer Frau, die wir hier Sandra nennen wollen.
- 6:05Auch diese Beziehung ist von Kontrolle und von Eifersucht geprägt.
- 6:08Er überwacht auch Sandra, versteckt ein Mikrofon in einem ihrer Blumentöpfe.
- 6:12Später installiert er eine versteckte Kamera in ihrem Wohnzimmer.
- 6:17Sandra entdeckt ihn einmal in der Hecke auf einem Kinderspielplatz, wo er sie beobachtet.
- 6:22Erst 2020 erfährt auch Sandra die Wahrheit, dass Kenan niemals von seiner Frau
- 6:27getrennt war und dass es insgesamt fünf Kinder gab.
- 6:32Im März 2020, Mira ist inzwischen seit Jahren berufstätig, eine Schule hat Verhaltensauffälligkeiten
- 6:38bei einer der Töchter gemeldet, flieht Mira ein zweites Mal.
- 6:42Dieses Mal mit allen fünf Töchtern in ein Frauenhaus in Duisburg.
- 6:48Kinan sucht sie wieder auf. Er erscheint im Park in der Nähe des Frauenhauses,
- 6:52versucht Mira, Zurückkehr zu bewegen.
- 6:54Er schickt seine Mutter mit einem Herzanhänger als Geschenk zu ihr.
- 6:59Er kündigt an, sie und die Kinder abholen zu wollen Doch Mira will nicht zurück
- 7:05Und das teilt sie ihm auch klar mit.
- 7:08Und dann passiert etwas, was man vielleicht nicht unbedingt erwarten würde und
- 7:12was in dieser Geschichte aber sehr, sehr wichtig ist.
- 7:15Es sind nämlich Institutionen, die in diesem Moment eingreifen.
- 7:18Nicht mit Macht oder mit Zwang, sondern mit Aufmerksamkeit.
- 7:23Eine der Töchter zeigte, wie gesagt, Verhaltensauffälligkeiten in der Schule.
- 7:27Sozialpädagogen nehmen sich in diesem Moment Zeit und fragen nach.
- 7:31Mira muss ihre familiäre Situation offenbaren. Und dieses Mal bricht etwas auf,
- 7:36was jahrelang verborgen geblieben war.
- 7:39Eine Mitarbeiterin eines Friedenshortes vermittelt Mira einen Platz in einem
- 7:43Frauenhaus in Duisburg.
- 7:44Am 26. März 2020 geht Mira dorthin mit allen fünf Töchtern.
- 7:51Der Versuch kostet sie viel Kraft. Doch sie schafft es. Sie findet diese Kraft durchzuhalten.
- 7:57Am 3. Juni 2020, an einem Mittwoch, konsumiert Kenan morgens Alkohol und im
- 8:03Laufe des Vormittags Kokain.
- 8:05Jeweils in nicht feststellbarer Menge.
- 8:08Gegen Mittag fährt er, ohne Führerschein, das ist für ihn nicht besonders ungewöhnlich, nach Duisburg.
- 8:14Er hat eine Sporttasche dabei und in dieser Tasche ein Messer.
- 8:20Er geht in den Park, wo er Mira und die Kinder vermutet. Gegen 14.30 Uhr erscheint
- 8:25auch Mira dort, mit allen fünf Töchtern, um sich mit einer Bekannten zu treffen.
- 8:31Kenan kommt zu ihnen und setzt sich zu ihr auf die Picknickdecke.
- 8:34Rund 20 Minuten lang versucht er, sie zur Rückkehr zu überreden.
- 8:37Mira lehnt ab, wiederholt und klar und konsequent.
- 8:43Als sie schließlich aufsteht, um zu gehen, fragt er noch einmal.
- 8:46Ich frage dich ein letztes Mal. Ist das eure Entscheidung?
- 8:50Und Mira antwortet mit Ja. Das ist ihre letzte Entscheidung.
- 8:54Sie kommen nicht zurück.
- 8:57In diesem Moment greift Kenan in seine Sporttasche. Er zieht das Messer heraus
- 9:01und sagt, dann bringe ich dich jetzt um.
- 9:05Mira flieht. Kenan verfolgt sie, das Messer in der Hand. Er holt sie ein und bringt sie zu Boden.
- 9:10Ihre älteste Tochter, sie ist damals 20 Jahre alt, versucht ihren Vater festzuhalten
- 9:15und versucht ihn von ihrer Mutter wegzuziehen.
- 9:18Mira kann sich tatsächlich befreien und flieht erneut. Kenan setzt ihr ein zweites Mal nach.
- 9:23Nach rund 80 Metern holt er sie wieder ein.
- 9:27Er fügt ihr mit dem Messer schwere Schnittverletzungen am Hals zu.
- 9:30Etwa 7 cm lang, 1-2 cm tief, quer verlaufend.
- 9:36Hals- und Kapselvenenverletzung. Eine Verletzung, die ohne sofortige Erstversorgung
- 9:41am Tatort tödlich hätte enden können.
- 9:45Erneut greift die älteste Tochter ein. Erneut kämpft sie mit ihrem Vater und
- 9:49dieses Mal verletzt er auch sie.
- 9:51Ein Messerstich in den Bauchgereich, bis ins Muskelgewebe. Er beißt sie in den Oberarm.
- 9:58Eine Parkbesucherin hat zwischenzeitlich die Polizei alarmiert.
- 10:02Kenan sieht sie. Er sieht, dass sie telefoniert.
- 10:06Und er erkennt dabei, dass sein Festnahmerisiko gerade deutlich gestiegen ist.
- 10:11Er bricht ab. Er flüchtet in großer Eile vom Tatort über Queterbeer an eine
- 10:15Straße und wird von einem P-Café erfasst.
- 10:19Er wird noch am selben Tag festgenommen.
- 10:23Und dann das Wunder. Mira überlebt. Wäre sie nicht am Tatort sofort versorgt
- 10:29worden, hätte sie verbluten können.
- 10:31Dass sie überlebt, das verdankt sie mindestens zwei Dingen.
- 10:35Der Parkbesucherin, die die Polizei rief, und ihre ältesten Tochter,
- 10:39die sich buchstäblich zwischen sie und ihren Vater gestellt hat.
- 10:44Es gibt in diesem Fall viele erschütternde Momente. Aber es gibt eben auch genau
- 10:49diese. Eine fremde Frau im Park zögert nicht.
- 10:52Sie sieht, was passiert, und sie greift zum Telefon.
- 10:55Eine 20-jährige Tochter schützt ihre Mutter mit dem eigenen Körper.
- 10:59Schülerinnen und Schüler zeigen Auffälligkeiten, und Sozialpädagogen schauen hin.
- 11:04Eine Mitarbeiterin des Friedenshortes organisiert einen sicheren Ort.
- 11:07Das Frauenhaus nimmt Mira und ihre fünf Kinder auf. Und die Justiz soll später
- 11:12genau das tun, wofür sie da ist.
- 11:15Der Prozess beginnt im Januar 2021 vor dem Landgericht in Duisburg.
- 11:19Und am 4. Mai 2021 ergeht das Urteil.
- 11:25Und jetzt eine kurze Pause. Vielleicht mit etwas Werbung.
- 11:35Ab wann war der Angeklagte hinreichend verdächtig? Jay, erzähl uns mal,
- 11:40wie du zu diesem Fall gekommen bist. Was war so dein erster Eindruck?
- 11:43Ein Angriff im öffentlichen Park, mehrere Zeuginnen, darunter die Tochter des Täters.
- 11:48Wie hat sich das dir am Anfang dargestellt?
- 11:51Mir ist der Fall tatsächlich noch ziemlich präsent. Zu dem Zeitpunkt war ich,
- 11:56knapp ein halbes Jahr in der Kapitalabteilung. Und aufgrund der Parameter,
- 12:00die du schon genannt hattest, war eigentlich recht schnell klar,
- 12:03dass es ein ziemlich besonderer Fall ist.
- 12:05Als die Polizei mich dann informiert hat, lag der Fokus vor allem darauf,
- 12:09dass der Beschuldigte flüchtig war und deswegen natürlich auch erstmal alles
- 12:12daran gesetzt werden musste, dass er festgenommen werden kann.
- 12:16Die Tat hat ja, wie schon gesagt, am helllichten Tag stattgefunden in aller
- 12:20Öffentlichkeit. Deswegen gab es viele Augenzeugen.
- 12:23Wie hat euch das denn bei den Ermittlungen geholfen?
- 12:26Ja, grundsätzlich ist es so, dass in Fällen, die ihren Ausgang nehmen in Vorgeschichten
- 12:31von häuslicher Gewalt, sehr oft so ist, dass solche Taten sich dann eben auch
- 12:35unter Ausschluss der Öffentlichkeit ereignen.
- 12:37Sprich, wir haben da ziemliche Beweisprobleme, weil eigentlich immer nur Täter
- 12:40und Opfer anwesend sind.
- 12:41Das war hier eben ganz anders. Wir hatten viele Zeugen, die das im öffentlichen
- 12:45Raum wahrgenommen haben.
- 12:47Und hinzu kam noch, dass diese Zeugen völlig neutral waren. Das heißt,
- 12:50die standen weder dem Täter noch dem Opfer nah.
- 12:53Was für die Aussagen natürlich besonders gut ist, weil diese ganzen Dinge,
- 12:57die sie uns erzählen, überhaupt nicht verändert werden durch irgendein Näheverhältnis
- 13:01zu dem Täter oder dem Opfer.
- 13:02Und deswegen war jetzt erstmal die Ausgangslage für uns in beweistechnischer Hinsicht ziemlich gut.
- 13:08Was ich mich gefragt habe, eine der ersten Fragen, die mir in den Sinn kamen,
- 13:11als ich mich in dem Fall befasst habe.
- 13:13Woher wusste Kenan denn, wo er Mira und seine Töchter finden würde? War das Zufall?
- 13:18Nee, tatsächlich nicht. Mira hatte während ihrer Zeit im Duisburger Frauenhaus
- 13:23auch Kontakt zu den Eltern und zur Schwester von Kenan.
- 13:27Sie hat sich auch in der Nähe des Duisburger Frauenhauses mit den Verwandten,
- 13:31des Beschuldigten getroffen.
- 13:33Jetzt mag man vielleicht meinen, das ist schon ziemlich unvorsichtig.
- 13:36Aber auf der anderen Seite muss man natürlich Verständnis für die Situation haben.
- 13:40Sie war da wirklich in einer Ausnahmesituation und das waren Personen,
- 13:43denen sie vertraut hat und deswegen hat sie eben den Kontakt aufrechterhalten.
- 13:47Aber letztlich war das auch der Punkt, warum Kenan dann mitbekommen hat,
- 13:51wo sie sich aufhält und dann letztlich auch vor Ort sein konnte.
- 13:56Ich möchte gerne auch noch mal auf die Töchter zu sprechen kommen,
- 13:59denn alle fünf waren ja zugegen und haben es mitbekommen. Die Älteste hat sich
- 14:02auch zwischen Vater und Mutter gestellt.
- 14:05Alle waren in dem Sinne auch Zeugen. Was biegt das für Herausforderungen für
- 14:10euch, wenn Kinder zwischen ihre Eltern geraten, wie in diesem Moment?
- 14:14Ja, hier war das Problem ja von vornherein, dass die Geschädigte,
- 14:17also die Hauptgeschädigte, sage ich mal, die Ehefrau des Beschuldigten waren.
- 14:21Und viele Zeugen, so wie du ja gerade gesagt hast, die Töchter des Beschuldigten.
- 14:25Und dadurch steht all diesen Personen ein Zeugnisverweigerungsrecht nach § 52
- 14:30der Strafprozessordnung zu.
- 14:33Das heißt, sie können eben jederzeit sich dafür entscheiden,
- 14:35keine Aussage mehr zu tätigen.
- 14:38Und wir beobachten in solchen Fällen, dass tatsächlich am Anfang des Ermittlungsverfahrens,
- 14:42wenn die Zeugen noch unter dem Eindruck des Geschehens stehen,
- 14:45sie mit uns sprechen und Aussagen machen.
- 14:48Und im Rahmen des Ermittlungsverfahrens, wenn es dann auch zur Hauptverhandlung
- 14:51hingeht, die Aussagebereitschaft immer mehr abnimmt. Und spätestens in der Hauptverhandlung
- 14:56viele dann von ihrem Recht nach § 52 SCPO Gebrauch machen.
- 14:59Das ist natürlich ein großes Problem, weil dann uns die Hauptbeweismittel wegbrechen.
- 15:04Dem kann man aber entgegenwirken, indem man bereits im Ermittlungsverfahren
- 15:08diese Zeugen richterlich vernehmen lässt.
- 15:11Und das ermöglicht es uns dann später in der Hauptverhandlung,
- 15:14selbst wenn die Zeugen nichts mehr sagen wollen, dann die Richterperson zeugenschaftlich
- 15:18zu vernehmen zu den Angaben, die sie ihm oder ihr gegenüber eben getätigt haben.
- 15:23Sprich, das Beweismittel bricht uns dann nicht mehr weg. Und das macht man in
- 15:27diesen Fällen auch regelmäßig. Hier in dem Fall ist es auch passiert.
- 15:31Brauchtet ihr das? Haben sie sich irgendwann dafür entschieden,
- 15:33nicht mehr auszusehen? Nee, glücklicherweise in dem Fall nicht.
- 15:37Im Urteil steht auch, dass Kenan schon circa einen Monat vor der Tat geplant
- 15:41haben soll, Mira zu töten, sollte sie sich endgültig weigern,
- 15:44wieder zu ihm zurückzukühren.
- 15:46Wie kann man denn so einen Tatplan rekonstruieren? Also welche Beweise haben das in dem Fall gezeigt?
- 15:52Also in unserem Fall hatten wir Glück durch Zeugen, das eben rekonstruieren zu können.
- 15:57Du hast eben ja schon von Sandra gesprochen. Das war die Frau,
- 16:00mit der Kenan parallel die ganze Zeit eine Beziehung geführt hat.
- 16:03Und Sandra war in vielerlei Hinsicht für uns eine sehr wichtige Zeugin.
- 16:07Zum einen konnte sie über ihre eigene Beziehung zu Kenan berichten,
- 16:11weil sie hat eben ähnliche Erfahrungen gemacht wie Mira, was uns dann auch nochmal
- 16:15verdeutlichte, wie Kenans Frauenbild so ist, auch im Generellen.
- 16:20Und zum anderen konnte sie berichten von einem Gespräch, das Kenan geführt hat
- 16:24mit einer weiteren Person, bei dem sie eben auch anwesend war.
- 16:28Und da hat er wortwörtlich gesagt, dass sie ihre gerechte Strafe noch bekommen wird.
- 16:33Und dass er ihr Verhalten, nämlich sich von ihm zu trennen, noch abstrafen wird.
- 16:39Kenan hat ausgesagt, er sei dann so in Verzweiflung geraten,
- 16:42seine Gedanken seien gerast.
- 16:44Wie geht ihr als Staatsanwaltschaft mit so Einlassungen um?
- 16:48Ja, da können wir uns immer zurückziehen auf die objektiven Tatumstände, die wir hier hatten.
- 16:52Und die Tatumstände haben uns hier gezeigt, dass für eine Art der Verzweiflung
- 16:57oder eine selbstempfundene Ausweglosigkeit gar kein Raum war.
- 17:01Wir haben ja schon gesagt, dass Kenan die Tat geplant hat, aber auch das konkrete
- 17:05Tatgeschehen hat ganz klar gezeigt, dass eben kein Raum ist für spontan,
- 17:10impulshafte Geschehnisse, sondern dass er von vornherein wusste, was er tut.
- 17:16Er hat ihr deswegen auch diese ultimative Frage gestellt, möchtest du zu mir
- 17:19zurückkommen? Sie hat sich ihm verweigert und hat das verneint.
- 17:23Und in dem Moment hat er dann O-Ton gesagt, dann werde ich dich jetzt umbringen.
- 17:27Das heißt, für ihn war es die logische Konsequenz, ist, wenn du nicht zurückkommst,
- 17:31dann werde ich dich umbringen.
- 17:33Und das zeigt eben ganz klar, dass das kein Impuls war, sondern das war in seinem
- 17:37Kopf. Wenn sie nicht zurückkommt, dann muss sie sterben.
- 17:39Und deswegen konnte man ganz klar sagen, also Verzweiflung, da war keine Spur von.
- 17:45Er hatte ja auch ein Messer dabei, auch das. Auch das sprach,
- 17:48genau. Das ist auch so ein objektiver Tatumstand, der natürlich ganz klar dagegen spricht.
- 17:53Der psychiatrische Sachverständige hat keine erhebliche Verminderung der Schuldfähigkeit
- 17:58festgestellt, obwohl Kenan an diesem Tag ja sowohl Alkohol als auch Kokain konsumiert hat.
- 18:04Kannst du erklären, was das rechtlich bedeutet und was für eine Rolle das in
- 18:07diesem Fall gespielt hat?
- 18:09Ja, Kenan hat sich eingelassen und hat gesagt, dass er Kokain und Alkohol konsumiert hat.
- 18:13Aber selbst die Mengen, die Kenan selbst benannt hat, die hätten nicht ausgereicht,
- 18:19um in der konkreten Tagsituation eine Intoxikation anzunehmen.
- 18:24Und dann kam noch dazu, dass er, wie gesagt, sehr planerisch vorgegangen ist
- 18:27und auch alle Zeugen, die ihn
- 18:29beobachtet haben, haben keinerlei Ausfallerscheinungen feststellen können.
- 18:33Und das sind eben auch Punkte, die ganz klar dagegen sprechen,
- 18:36dass er hier irgendwie eine Intoxikation hat, die sich auf seine Schuldfähigkeit
- 18:40ausgewirkt hat, weshalb dann eben die Sachverständige auch zu dem Ergebnis kam,
- 18:45dass er voll schuldfähig ist.
- 18:48Alex, du hast den Fall damals auch mitbekommen. Erinnerst du dich noch,
- 18:52wie du zum ersten Mal davon gehört hast? Also ein Messerangriff im Park mitten
- 18:56unter anderen Familien, das ist ja meistens das Erste, was ihr so hört.
- 19:00Ja, wir hatten damals im Sommer 2020 einen Tipp bekommen, dass im Böninger Park
- 19:05in der Duisburger Innenstadt gerade ein Polizeieinsatz läuft.
- 19:09Das ist jetzt für uns auch nicht alltäglich so, dass wir da quasi live dabei sein können.
- 19:14Und wir wussten erst mal gar nichts, also außer, dass es zwei verletzte Personen
- 19:18gibt nach einem Messerangriff.
- 19:20Ehrlicherweise haben wir damals gedacht, es geht um was ganz anderes,
- 19:23weil dieser Park in der Vergangenheit immer mal wieder auffällig war im Bereich
- 19:27Drogenhandel und da auch sehr viel gedealt wurde,
- 19:30und es auch in den Wochen und Monaten davor immer mal wieder zu Streitigkeiten
- 19:34gekommen ist zwischen Männern.
- 19:36Und als wir dann dachten, es gibt zwei Opfer, dachten wir, naja,
- 19:40vermutlich haben sich da irgendwie zwei gestritten, also zwei Männer gestritten.
- 19:44Und das hat sich dann relativ schnell als falsch herausgestellt.
- 19:49Aber die Vorgeschichte wussten wir natürlich erst mal gar nicht.
- 19:52Und ich muss sagen, es ist schon auch so eine sehr gruselige Atmosphäre,
- 19:56an einen Tatort zu kommen, weil dann zu dem Zeitpunkt war die meiste Polizei schon wieder weg.
- 20:03Auch die verletzten Personen waren natürlich nicht mehr da. Aber man sieht dann
- 20:06so einzelne Objekte, die noch da sind. Zum Beispiel diese Picknickdecke lag
- 20:10da irgendwo noch im Gras, eine offene Chipstüte.
- 20:14So Hinterlassenschaften der Sanitäter von den Bandagen und den Verpackungen
- 20:18und ich finde, das ist immer so ein ganz seltsamer Anblick irgendwie.
- 20:22Und auch den Hintergrund der Tat, also diese fast 20 Jahre häusliche Gewalt,
- 20:26das war ja von Anfang an nicht öffentlich bekannt, logischerweise.
- 20:29Wie hat sich denn das öffentliche Bild, was man von dem Prozess haben konnte,
- 20:33so im Laufe der Zeit verändert?
- 20:36Ja, also im Grunde alles, was du eben in der Einleitung erzählt hast,
- 20:40war uns gar nicht bekannt.
- 20:41Und normalerweise ist es für uns auch so, dass sobald eine Tat abgeschlossen
- 20:46ist und dann auch der Tatverdächtige festgenommen ist, dass wir eigentlich nichts
- 20:50mehr erfahren, bis der Prozess losgeht.
- 20:53Das passiert im Grunde eigentlich nie. Dann hat sich im Prozess herausgestellt,
- 20:57wie schlimm die Lage wirklich für sie war.
- 20:59Das war ohnehin ja alles schlimm genug, aber dass es diese 20-jährige Tortur dann gab,
- 21:04das hat sich dann erst herausgestellt, was vielleicht ganz interessant ist oder
- 21:07auch schlimm, dass der Kenan auch noch im Prozess versucht hat,
- 21:12seine Lage irgendwie zu verbessern.
- 21:14Also er hat dann gesagt, an bestimmte Dinge erinnert er sich gar nicht mehr.
- 21:18Er habe ja Alkohol getrunken und Drogen genommen, wüsste jetzt gar nicht mehr,
- 21:21was da genau passiert sei.
- 21:23Und ein Satz ist mir da in Erinnerung geblieben. Er hat gesagt,
- 21:26dass er ein schlechter Vater und ein schlechter Ehemann gewesen sei.
- 21:28So irgendwie, als sei er jetzt nicht oft genug zu Hause gewesen.
- 21:32Er hat das so ein bisschen irgendwie...
- 21:34Total runtergespielt. Als wäre das eine Rechtfertigung für so eine Tat.
- 21:38Das Ganze passierte ja nicht nur vor den Augen von Zeugen, sondern auch vor
- 21:42den Augen der eigenen Töchter.
- 21:43Wie gesagt, die älteste Tochter hat ihre Mutter buchstäblich mit ihrem eigenen
- 21:48Körper beschützt und dabei selbst schwere Verletzungen davon getragen.
- 21:52Wie kann man so etwas denn journalistisch einordnen? Also das in einem kurzen
- 21:58Zeitungsartikel zu schreiben, stelle ich mir kompliziert vor.
- 22:02Ja, auch das wussten wir natürlich am Anfang so nicht, weil wir davon ausgehen
- 22:05mussten, dass auch einfach auf die Tochter eingestochen wurde und jetzt erstmal
- 22:10nicht klar war, dass sie sich da vor die Mutter gestellt hat.
- 22:14Erleben wir aber auch häufiger, dass es in partnerschaftlicher Gewalt dazu kommt,
- 22:18dass die Angehörigen, die Kinder immer wieder versuchen, die Täter davon abzuhalten.
- 22:24Trotzdem haben wir jetzt nicht, also wir haben es natürlich erwähnt,
- 22:27aber wir haben jetzt nicht versucht, dieses Mädchen als Heldin zu verkaufen,
- 22:30weil das ja auch nicht stimmt.
- 22:31Also sie ist ja genauso das Opfer und hat ja diesen Großteil dieser 20 Jahre
- 22:35auch massiv gelitten und gegen sie wurde ja auch Gewalt ausgeübt.
- 22:41Jetzt ist häusliche Gewalt leider wirklich kein Einzelfall. Kannst du uns so
- 22:45ein paar Zahlen nennen, um das einzuordnen?
- 22:47Wie viele Betroffene gibt es so circa? Ja, ich habe mal ein paar Zahlen mitgebracht
- 22:51und das ist wirklich total erschreckend, weil zuletzt wieder ein Höchststand
- 22:56erreicht wurde bei den Opfern von häuslicher Gewalt.
- 22:592024 waren in Deutschland 265.000 Menschen betroffen, die meisten davon Frauen,
- 23:06aber auch Kinder, die quasi von ihren Eltern Gewalt erfahren haben.
- 23:11Grundsätzlich muss man sagen, dass bei Straftaten das Dunkelfeld sowieso immer
- 23:14groß ist, aber gerade hier das Dunkelfeld wirklich gigantisch.
- 23:18Also man kann es nur schätzen, aber man geht davon aus, die wahre Zahl der Opfer
- 23:22liegt vier bis fünf Mal höher.
- 23:24Das würde bedeuten, dass pro Jahr eigentlich mehr als eine Million Menschen
- 23:27in Deutschland Opfer von häuslicher Gewalt werden.
- 23:30Und gleich noch ein erschreckender Fakt, dass viele Fälle auch tödlich enden
- 23:36und jeden zweiten Tag im Grunde eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird.
- 23:42Inwiefern hat sich denn die Politik in den letzten Jahren dieses Themas angenommen?
- 23:46Also was ist da passiert, um Opfer von häuslicher Gewalt besser zu schützen?
- 23:52Ja, zusammengefasst kann man glaube ich sagen, die Politik kümmert sich schon
- 23:55um das Thema, aber wie bei vielen politischen Initiativen dauert das wirklich extrem lange.
- 24:03Ich kann vielleicht mal ein paar Beispiele nennen. Man hat wirklich Jahre gebraucht,
- 24:06um den Krankenkassen eine einheitliche
- 24:09Finanzierung für die sogenannte Spurensicherung am Körper zu geben.
- 24:13Also das heißt, dass man nach einer Straftat von sexualisierter oder körperlicher
- 24:16Gewalt dann im Krankenhaus diese Spuren sichern kann.
- 24:20Das wurde schon immer gemacht, aber vor einigen Jahren wurde das nur bezahlt,
- 24:24wenn man dann auch gleichzeitig eine Anzeige gestellt hat, also direkt, weil der Polizei war.
- 24:28Wenn man das nicht gemacht hat, wurde das erstmal nicht bezahlt,
- 24:31zumindest in einigen Bundesländern.
- 24:33Und das war natürlich total problematisch, weil viele Frauen ja erstmal sich
- 24:37beraten wollen, sich nicht direkt die Kraft haben für eine Anzeige.
- 24:40Und wenn man dann wartet, dann
- 24:42kann man ja im Grunde keine Spuren mehr feststellen, sondern sehr wenige.
- 24:46Seit diesem Jahr ist es auch möglich, dass Täter mit Fußfesseln überwacht werden.
- 24:50Das war vorher auch nicht möglich. Und das fand ich auch total erschreckend
- 24:56irgendwie. Seit 2025 gibt es das Gewalthilfegesetz in Deutschland,
- 25:00das einen Rechtsanspruch für Frauen auf Beratung und Schutz gibt.
- 25:05Es gilt allerdings erst ab 2030, weil bis dahin dieser Anspruch garantiert werden kann erst.
- 25:12Also zum Beispiel gibt es ja nicht genug Plätze in Frauenhäusern aktuell.
- 25:15Und zurück geht das übrigens auf ein Gesetz des Europarates oder ein Übereinkommen
- 25:20des Europarates, das aber auch schon 2014 ratifiziert wurde.
- 25:24Also da sehen wir, dass es im Grunde 15 Jahre dauert, um in Deutschland ein Gesetz einzuführen.
- 25:31Um solche Dinge besser schützen zu können.
- 25:37Was macht das auf? Jill, wir haben in diesem Podcast schon ganz,
- 25:41ganz oft über den Unterschied zwischen Mord und Totschlag gesprochen.
- 25:45Hier hast du Kenan wegen versuchten Mordes angeklagt. Kannst du uns nochmal
- 25:49ganz kurz den Unterschied erklären?
- 25:52Ja, also wegen Totschlags wird bestraft, wer vorsätzlich einen anderen Menschen tötet.
- 25:57Und zum Mord wird es dann, wenn sogenannte Mordmerkmale hinzutreten,
- 26:01hatten wir ja auch schon des Öfteren, die unterschiedlichen.
- 26:04Da gibt es Mordmerkmale, die sich auf die objektive Tatseite beziehen oder eben
- 26:09auch die subjektiven Tatumstände, also die Motivation des Täters beleuchten.
- 26:14Und wenn eben diese Mordmerkmale hinzutreten, dann wird das als Mord bestraft
- 26:18und das hat dann auch die absolute Strafandrohung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Folge.
- 26:23Und welche Mordmerkmale hast du hier in diesem konkreten Fall gesehen?
- 26:27Also in diesem Fall habe ich nur ein Mordmerkmal angenommen,
- 26:30nämlich das der sonstigen niedrigen Beweggründe.
- 26:33Und ja, niedrige Beweggründe, sagt man, werden dann angenommen,
- 26:37wenn die Motivation zur Tötung nach der allgemeinzittlichen Anschauung besonders
- 26:42verachtenswert ist und auf zittlich tiefster Stufe steht.
- 26:47Das ist jetzt sehr juristisch gesprochen. Man kann es aber veranschaulichen,
- 26:51indem man sagt, es zählt jetzt nicht nur die konkrete Tat an sich,
- 26:55sondern man muss auch schauen, was ist im Vorfeld der Tat passiert?
- 26:59Wie ist das Verhältnis zwischen Anlass und Tat?
- 27:01Und dann natürlich ganz maßgeblich, was sind so die handlungsleitenden Motive des Täters?
- 27:08Jetzt gibt es ja Dinge, die, ich sage jetzt mal, es hört sich komisch an,
- 27:12aber vielleicht noch verständlich sind als Motivation für eine Tötung.
- 27:16Die würden dann da rausfallen. Also beispielsweise kann ja Eifersucht auch verständlich
- 27:20sein. Also wenn wir uns jetzt vorstellen, man erwischt irgendwie seine Frau
- 27:24in Flakanti mit jemandem und dann tötet man die Frau.
- 27:28Dann ist das immer noch ein Tötungsdelikt und hoch verachtenswert.
- 27:32Aber es würde wahrscheinlich nicht unter dieses Mordmerkmal fallen.
- 27:37Jetzt kann Eifersucht aber schon auch verachtenswert sein, so wie wir hier sehen.
- 27:42Nämlich dann, wenn es eben Ausdruck ist, einer bestimmten Eigensucht des Täters,
- 27:46wenn er sein Gegenüber, also seine Frau, als seinen Besitz ansieht und ihr eben
- 27:52jegliches Lebensrecht abspricht, nur weil sie sich von ihm getrennt hat.
- 27:56Und genauso war es hier eben im Fall von Kenan und Mira.
- 27:59Das hast du eben schon erwähnt. Sein Frauenbild und sein Besitzanspruch an seine
- 28:04Frau war hier ein ganz, ganz großes Thema.
- 28:06Das wurde im Urteil auch so nochmal festgehalten. Ist so eine Denkweise,
- 28:11so ein Verhalten, ist das was, was ihr häufig im Zusammenhang mit Fällen von
- 28:15häuslicher Gewalt seht?
- 28:17Also ich glaube, dass Fälle häuslicher Gewalt schon sehr vielschichtig sind.
- 28:20Deswegen würde es mir jetzt schwerfallen, das alles über einen Kamm zu scheren.
- 28:24Aber man muss natürlich sagen, dass wenn der Mann in der Ehe Gewalt gegenüber
- 28:28der Frau ausübt, ist das natürlich immer ein Zeichen dafür, dass es keine Ehe auf Augenhöhe ist,
- 28:35dass er sie dadurch abwertet und meistens eben die Gewalt ja auch passiert,
- 28:38um bestimmte Verhaltensweisen, die ihm unerwünscht sind, dann abzustrafen.
- 28:43Und das ist natürlich auch immer Ausdruck dessen, dass er denkt,
- 28:46die Frau sei sein Besitz. Also das kommt natürlich schon sehr häufig vor.
- 28:52Kenan hat die Tat abgebrochen, aber nicht wirklich freiwillig,
- 28:56wie das Gericht auch festgestellt hat. Er hat aufgehört, weil er das Risiko
- 29:00einer Festnahme irgendwann erkannt hat.
- 29:02Was bedeutet das denn rechtlich?
- 29:05Also wenn wir ein versuchtes Delikt haben, müssen wir immer prüfen,
- 29:08ob der Täter strafbefreiend von diesem Versuch zurückgetreten ist.
- 29:13Die Regelung findet sich dazu in §24 Strafgesetzbuch. Und der sagt eben,
- 29:18dass wegen Versuchs nicht bestraft wird, wer die Tat freiwillig aufgibt oder
- 29:22die Vollendung verhindert.
- 29:24Das ist jetzt sehr kurz, dieser Satz, aber da steht eine sehr,
- 29:27sehr komplexe und umfangreiche juristische Prüfung dahinter.
- 29:30Ich versuche euch das mal zu erklären, wie das so in etwa funktioniert.
- 29:33Also zuerst prüfen wir, ob ein sogenannter fehlgeschlagener Versuch vorliegt.
- 29:38Das ist immer dann der Fall, wenn der Täter denkt, er kann mit den ihm zur Verfügung
- 29:42stehenden Mitteln den Erfolg nicht mehr herbeiführen, ohne dass er eine neue
- 29:46Handlungs- und Kausalkette in Gang setzt.
- 29:48Also ein ganz plakatives Beispiel wäre, der Täter steht seinem Opfer gegenüber
- 29:53mit einer Schusswaffe und er schießt auf das Opfer, verfehlt das Opfer,
- 29:58hat aber keine Munition mehr.
- 29:59Das ist ein typischer fehlgeschlagener Versuch.
- 30:02Und da sagt man eben, möchte man dem Täter eben diesen Rücktritt eben nicht ermöglichen.
- 30:08Und deswegen würde man da schon aus der Prüfung aussteigen und der Täter wäre
- 30:11wegen versuchten Totschlag oder Mordes zu bestrafen.
- 30:16Wenn wir den Prüfungsschritt hinter uns gelassen haben, dann müssen wir schauen,
- 30:19ob wir einen unbeendeten oder beendeten Versuch haben.
- 30:22Und da ist der Unterschied eigentlich recht einfach. Unbeendet ist ein Versuch
- 30:25dann, wenn der Täter glaubt, noch nicht alles Erforderliche getan zu haben,
- 30:29um die Tötung eben oder den Erfolg herbeizuführen.
- 30:32Und beendet dann, wenn er denkt, dass es eigentlich ohne weitere Handlungsschritte
- 30:36in den Erfolg, also in unserem Fall immer den Tod des Opfers münden wird.
- 30:41Und je nachdem sind eben unterschiedliche Anforderungen an die Rücktrittsbemühungen des Täters zu stellen.
- 30:48Und dann muss das Ganze auch noch freiwillig passieren. Und im Fall von Kenan
- 30:52war genau das das Problem.
- 30:54Freiwillig ist es eben nur, wenn es aus selbstgesetzten Motiven passiert.
- 30:57Und das war hier ja schlichtweg nicht mehr der Fall, weil er nicht nur das Festnahmerisiko,
- 31:02auch das Entdeckungsrisiko für sich als viel zu hoch eingestuft hat in dem Moment
- 31:06und deswegen dann die Flucht ergriffen hat.
- 31:08Und da soll dem Täter eben diese Möglichkeit des Rücktritts verwehrt bleiben.
- 31:13Das heißt, bei so einem freiwilligen Rücktritt, wenn der jetzt bei Kenan der
- 31:16Fall gewesen wäre, Dann hätte das Urteil dann anders aussehen können.
- 31:18Ja, genau. Dann wäre eben der versuchte Mord weggefallen und es würde nur noch
- 31:22verbleiben, die Strafbarkeit wegen eines vollendeten Deliktes.
- 31:26Das ist in dem Fall die gefährliche Körperverletzung, weil Mira wurde ja schon
- 31:29durch ihn mit dem Messer verletzt.
- 31:31Aber da ist natürlich der Unterschied bei der Strafandrohung zu sehen.
- 31:35Wir haben ja bei einem Mord und auch beim versuchten Mord grundsätzlich erstmal
- 31:38eine lebenslange Freiheitsstrafe, wobei dann bei der gefährlichen Körperverletzung
- 31:42der Strafrahmen von sechs Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe ist.
- 31:46Also da sieht man dann doch schon, dass es einen erheblichen Unterschied macht.
- 31:49Und deswegen ist es auch so wichtig, dass man das eben gewissenhaft juristisch prüft.
- 31:54Wir haben jetzt die ganze Zeit hauptsächlich über die Taten gesprochen,
- 31:58die Kenan Mira angetan hat.
- 32:00Wie sieht es denn aus mit den Taten, denen er seiner Tochter gegenüber getan hat?
- 32:04Das haben wir auch beleuchtet, weil es auch letztlich ein einheitlicher Lebenssachverhalt war.
- 32:09Im Fall der Tochter habe ich von Anfang an nur eine gefährliche Körperverletzung
- 32:13angenommen, weil eigentlich klar war, dass Kenan sie nicht töten wollte.
- 32:16Sprich, ich konnte gar keinen Tötungsvorsatz nachweisen.
- 32:20Das liegt letztlich daran, weil sein ganzer Fokus lag ja auf Mira.
- 32:22Also er wollte Mira töten und zwar um jeden Preis.
- 32:26Und deswegen hat er eben auch es in Kauf genommen, seine Tochter zu verletzen
- 32:30und die in Mitleidenschaft zu ziehen.
- 32:32Was finde ich nochmal sehr, sehr deutlich gemacht hat, wie unbedingt Kenan das
- 32:36wollte, weil grundsätzlich war es jetzt überhaupt nicht in seinem Fokus,
- 32:40seine Tochter zu verletzen, aber er hat es eben halt in Kauf genommen,
- 32:43um sein höheres Ziel zu erreichen und Mira eben ja tödlich zu verletzen.
- 32:49Ich stelle mir den Umgang mit so vulnerablen Geschädigten und vor allem auch
- 32:53mit den vier anderen Töchtern, die Gott sei Dank nicht auch noch verletzt wurden,
- 32:56in dem Fall extrem vor, in jeder Hinsicht.
- 33:00Wie habt ihr denn für die Sicherheit von Mira und ihren Töchtern während der
- 33:04Ermittlungen sorgen können?
- 33:06Das ist erstmal natürlich eine gefahrenabwehrrechtliche Frage,
- 33:09für die die Polizei dann zuständig ist.
- 33:12In dem Verfahren war ich da aber auch eng involviert und habe da immer mit dem
- 33:16Leiter der Mordkommission Rücksprache gehalten, wie da der Stand ist.
- 33:19Und es war so, dass wir Mira und ihre Töchter in einem anderen Frauenhaus unterbringen
- 33:23konnten, was sich eben nicht in
- 33:24Duisburg befindet und auch nicht in der unmittelbaren Nähe von Duisburg.
- 33:28Und dass dieser Aufenthaltsort wirklich geheim gehalten wurde.
- 33:31Also es wusste nur die Polizei, wo sie sich befinden.
- 33:34Selbst das Gericht hätte keine Möglichkeit gehabt, an Mira selbstständig heranzutreten.
- 33:38Das ist alles über uns gelaufen.
- 33:40Und das hat auch letztlich dazu geführt, was uns auch ganz wichtig war,
- 33:44dass Mira und ihre Töchter halt das Gefühl von Sicherheit hatten in dieser schwierigen Situation. Ja.
- 33:49Was hat der Fall denn mit dir persönlich so gemacht? Also ich muss sagen,
- 33:53ich habe selten, wenn ich einen Fall vorbereitet habe, hat mich das so emotional angegriffen.
- 33:59Und ich wusste ja, dass alle überlebt haben. Das konntest du zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.
- 34:03Was hat das bei dir für Spuren hinterlassen? Ja, ich habe es ja schon gesagt,
- 34:08mir ist der Fall auch immer heute noch sehr präsent, obwohl er jetzt schon viele,
- 34:11viele Jahre her ist und ich auch viele andere Verfahren schon hatte in der Zeit.
- 34:16Ich muss sagen, dass Mira mich sehr beeindruckt hat.
- 34:20Wir haben, wie gesagt, leider oft Frauen, die es dann nicht bis zum Schluss
- 34:24schaffen, dem ganzen Druck auch standzuhalten und ihre Aussage dann ja letztlich
- 34:30nicht mehr bestätigen oder eben von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen.
- 34:34Mira war da ganz anders. Sie war sehr souverän, auch in der Hauptverhandlung,
- 34:38hat sie das alles mit einer wirklich unglaublichen Stärke durchgezogen,
- 34:42gemeinsam mit ihren Töchtern, die ja da auch die Situation hatten,
- 34:45dass sie da ihrem Vater gegenüber saßen, der sich auch dann in der
- 34:50Verhandlung nicht nur nett verhalten hat, sondern auch Beleidigungen ausgestoßen
- 34:54hat gegenüber seinen Töchtern,
- 34:56und das war alles so schwierig, deswegen fand ich es umso bemerkenswerter,
- 34:59dass sie bis zum Schluss dran geblieben sind und nicht aufgegeben haben.
- 35:03Absolut, kann man nur Hochachtung haben.
- 35:07Alex, diese ganzen Themen, häuslich Gewalt, Kontrolle, Überwachung,
- 35:11das zieht sich hier irgendwie so durch diesen ganzen Fall, aber ein Großteil
- 35:15davon hat ja auch hinter verschlossenen Türen stattgefunden.
- 35:18Wie schwierig ist es denn journalistisch, so eine Vorgeschichte sichtbar zu
- 35:22machen, weil sie ja auch einen großen Teil des Falles einfach trägt,
- 35:26ohne sie zu vereinfachen?
- 35:28Ja, wir haben oft das Problem, dass wir auch, obwohl wir dann später meistens
- 35:32bei den Prozessen dabei sind, auch trotzdem nicht alles wissen,
- 35:36weil man natürlich auch keinen Einblick in Ermittlungsakten gibt,
- 35:39und auch nur das wissen, was dann wirklich öffentlich in der Verhandlung besprochen wird.
- 35:43Und ich würde sagen, vereinfachen ist vielleicht das falsche Wort,
- 35:46aber wir müssen schon irgendwie versuchen, das alles zusammenzufassen.
- 35:51Meistens, hoffe ich, gelingt uns das, weil wir ja jetzt nicht die Tortur aus
- 35:5620 Jahren in einem journalistischen Text abbilden können und wir ja auch nicht
- 36:00jeder einzelnen Sache, die da passiert ist, nachgehen können einfach.
- 36:04Und wir ja auch den Auftrag haben, dass wir so viele Menschen wie möglich damit
- 36:08informieren müssen. und das geht natürlich schlecht, wenn das seitenweise Texte füllt.
- 36:15Jill hat es gerade schon gesagt, eine entscheidende Person in diesem Fall war
- 36:18auch Sandra, die zweite Frau in diesem Fall, die ebenfalls jahrelang überwacht
- 36:23und kontrolliert wurde von Kenan und die ebenfalls nicht wusste,
- 36:26wie die Situation wirklich war.
- 36:28Hat sie denn bei euch in der Berichterstattung auch in irgendeiner Form eine Rolle gespielt?
- 36:32Ja, nicht so wirklich viel. Also sie hat ja auch, wie schon gesagt,
- 36:35beim Prozess ausgesagt und ihre Version der Geschichte erzählt,
- 36:39was Kenan mit ihr gemacht hat und wie sie ihn erlebt hat.
- 36:43Aber im Grunde war ja jetzt, also sie war natürlich auch das Opfer,
- 36:47aber von diesem konkreten Verfahren war natürlich erst mal Mira das Opfer.
- 36:51Deshalb ging es dann auch in der Berichterstattung überwiegend um sie.
- 36:53Ich finde aber, dass die Geschichte von Sandra, das ist ja eben schon mal angeklungen,
- 36:58auch gezeigt hat, wie gestört eigentlich das Frauenbild von Kindern war.
- 37:02Also er hat ja nicht nur eine Frau irgendwie kontrolliert, sondern dann noch
- 37:05eine zweite Frau, während für ihn die Regeln anscheinend nicht zu gelten scheinen,
- 37:09die er selber den Frauen da auferlegt.
- 37:12Fälle wie dieser, die lösen ja oft eine einigermaßen große gesellschaftliche Debatte aus.
- 37:17Gab es denn bei eurem Publikum, bei den Lesern, bei den Kommentaren,
- 37:22die ihr dazu bekommen habt, gab es da irgendwelche Reaktionen,
- 37:24die dich vielleicht auch überrascht haben?
- 37:27Also grundsätzlich kann man sagen, das, was dazu geschrieben wurde,
- 37:30war jetzt nicht wirklich konstruktiv.
- 37:33Also wir machen das meistens so und auch andere Medien übrigens auch,
- 37:37dass wir jetzt zumindest auf den Seiten der Rheinischen Post nicht zulassen, dass,
- 37:42bei Kriminalitätsberichterstattung kommentiert werden darf, weil die Erfahrung
- 37:46einfach gezeigt hat, dass da auch keine richtigen Debatten entstehen,
- 37:50sondern man sich eigentlich nur damit beschäftigt, was man jetzt irgendwie dem Täter antun könnte.
- 37:56Also das ist meistens nicht so ergiebig. Trotzdem, und das sehen wir bei allen
- 38:00Fällen, solcher Art, dass es dann, wenn es Kommentare in den sozialen Medien
- 38:03gibt, die meistens in so eine Richtung gehen, ja, wie kann denn das sein,
- 38:07dass die Frau das 20 Jahre mitmacht?
- 38:08Warum hat die sich denn so einen Mann ausgesucht?
- 38:12Wieso bleibt die denn bei dem? Und ich habe manchmal das Gefühl,
- 38:15dass die Leute sich das überhaupt nicht vorstellen können.
- 38:19Also wir haben ja so eine Angst in der Gesellschaft, dass man Opfer von einer
- 38:23Straftat werden kann. Weiß ich nicht, dass bei uns zu Hause eingebrochen wird,
- 38:26dass ich in die Fußgängerzone gehe und mir wird meine Tasche geklaut,
- 38:29dass ich irgendwo angegriffen werde auf offener Straße.
- 38:32Aber was die Leute sich halt nie vorstellen können, und das ist halt meistens
- 38:35leider so, dass die Leute aus der eigenen Familie kommen, aus dem Freundeskreis,
- 38:39aus dem Bekanntenkreis, dass da eben Gewalt passiert.
- 38:43Und ich glaube, dass man dann sehr schnell so ein bisschen das Gefühl dafür
- 38:48verliert, was das eigentlich bedeutet. Also so schlimm wie das ja alles war,
- 38:52werden sich diese beiden Personen ja irgendwann mal ineinander verliebt haben.
- 38:55Die werden auch trotz all diesem Schrecken irgendwelche schönen Momente gehabt
- 38:58haben und ich glaube, ich fände es manchmal besser, wenn die Leute ein paar
- 39:03Gedanken mehr dazu haben, als gleich irgendwie die Frau dafür verantwortlich
- 39:07zu machen, warum sie nicht weggeht.
- 39:10Genau wie Jill sagt, das verlangt ja auch sehr viel Kraft und Stärke,
- 39:13sich dann aus so einer Situation zu befreien.
- 39:16Wie findet man denn als Journalist so die Balance zwischen einer,
- 39:21Berichterstattung, einer sachlichen Berichterstattung in so einem Fall und auf
- 39:25der anderen Seite aber auch der Verantwortung, dass man die Betroffenen von
- 39:29häuslicher Gewalt oder anderer Straftaten nicht ein zweites Mal exponieren möchte?
- 39:34Genau, also meistens, nein nicht meistens, immer versuchen wir die persönlichen
- 39:40Details der Betroffenen wegzulassen. Also wir haben jetzt hier im Podcast auch
- 39:43die Namen der beteiligten Personen verändert.
- 39:46Grundsätzlich nennen wir auch keine Adressen, wo Kinder zur Schule gehen oder,
- 39:50die Personen wohnen, obwohl wir das meistens wissen.
- 39:54Das ist, glaube ich, ganz wichtig, damit da nicht irgendwelche Trittbrettfahrer
- 39:57plötzlich noch in die Ermittlungen einmischen oder da mal irgendwie vorbeischauen wollen.
- 40:00Ich glaube, ganz häufig, es gibt da unterschiedliche journalistische Ansätze,
- 40:05ist es schon wichtig, dass wir auch Details zu der Gewalt nennen, die da passiert ist.
- 40:10Jetzt natürlich nicht unbegrenzt. Also wir sagen quasi, es gibt diesen Vorwurf
- 40:15und dann versuchen wir zwei, drei Beispiele dafür zu finden.
- 40:18Weil ich glaube, wenn man einfach nur sagt, naja, da hat eine Frau 20 Jahre
- 40:21Gewalt in der Ehe erlebt, dann kann sich niemand was darunter vorstellen.
- 40:25Das kann dann alles Mögliche sein von Tassen, die an die Wand fliegen und jemand,
- 40:29der mal rumgeschrien hat, bis zu körperlichen Übergriffen mit Waffen.
- 40:33Und wenn man das nicht benennt, dann schützt man am Ende nur die Täter,
- 40:37weil die sich hinter so Wörtern verstecken können.
- 40:42Und jetzt eine kurze Pause, vielleicht mit etwas Werbung.
- 40:53Wie geht es aus, Jim? Am 4. Mai 2021 fiel das Urteil.
- 40:59Wie lautete das denn? Kinnan wurde wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit
- 41:04zwei tateinheitlichen Fällen der gefährlichen Körperverletzung zu elf Jahren
- 41:08Freiheitsstrafe verurteilt.
- 41:10Wie würdest du das bewerten? Ist das ein mildes Urteil, ist das ein strenges
- 41:13Urteil und deckt sich das mit deiner Anklage?
- 41:16Also vom Schuldspruch her deckt sich das mit dem auch, was ich in meinem Plädoyer beantragt hatte.
- 41:21Ich hatte ein etwas höheres Strafmaß gefordert, aber muss sagen,
- 41:25dass auch elf Jahre absolut Tat und Schuld angemessen sind. Deswegen würde ich
- 41:29sagen, dass es ein richtiges Urteil ist.
- 41:32Wie hat Kenan dieses Urteil denn aufgenommen? Sagen recht gelassen.
- 41:37Er war ja im Prozess die ganze Zeit da und hat, glaube ich, auch gemerkt,
- 41:40in welche Richtung das geht.
- 41:42Deswegen war es für ihn mit Sicherheit nicht überraschend, dass er verurteilt
- 41:45wird. Auch wenn er natürlich das inhaltlich nicht geteilt hat,
- 41:48hat dann auch Revision eingelegt.
- 41:50Die wurde aber dann vom BGH verworfen und das Urteil wurde dann rechtskräftig.
- 41:55Waren Mira und ihre Töchter auch bei der Urteilsverkündung dabei?
- 41:58Mira war Nebenklägerin in dem Verfahren und ich habe es so empfunden,
- 42:02dass sie das als große Erleichterung wahrgenommen hat.
- 42:05Zum einen, weil es ja doch schon eine empfindliche Freiheitsstrafe war,
- 42:08die Kenan hier bekommen hat.
- 42:10Und zum anderen auch, weil das ja auch dem Ganzen irgendwie so ein bisschen
- 42:13ein Ende setzt und für sie zugleich dann aber auch ein Neuanfang sein kann.
- 42:17Und deswegen macht es sie auf mich einen sehr erleichterten Eindruck.
- 42:21Hattest du im Laufe des Prozesses irgendwann so das Gefühl, dass es hier vielleicht
- 42:26nicht nur um diesen, nicht nur in Anführungsstrichen um diesen einen Fall geht,
- 42:30sondern auch etwas viel Grundlegenderes eine Rolle spielt?
- 42:36Ja, also anschließend vielleicht erst mal daran, dass eben Mira diese große
- 42:40Stärke bewiesen hat und bis zum Schluss weiterhin ihre Aussage getätigt hat,
- 42:45was wir halt, wie schon angeklungen ist, das Öfteren,
- 42:49nicht haben, leider, ohne das bewerten zu wollen.
- 42:51Da möchte ich nochmal das auch betonen, was Alex hier auch schon genannt hat.
- 42:54Ich glaube, das haben wir auch nicht zu bewerten, weil die Opfer können nur
- 42:57selbst beurteilen, wie schwer es ist, sich aus so einer gewaltvollen Beziehung zu befreien.
- 43:02Und umso schöner war es halt eben zu beobachten, wie Mira das gelöst hat.
- 43:06Zum anderen glaube ich aber auch, dass es hier juristisch richtig und bewertet
- 43:10wurde, was eben auch ganz wichtig ist, dass diese Gewalttaten richtig eingestuft
- 43:15werden, nämlich als Mord bzw.
- 43:17Versuchter Mord, wie hier das auch passiert ist, indem man eben das Mordmerkmal
- 43:20der niedrigen Beweggründe bejaht am Ende.
- 43:24Und der Fall hat ja auch gezeigt, wenn mehrere Menschen und Institutionen im
- 43:28richtigen Moment handeln, eine Schule, eine Sozialpädagogin,
- 43:33das Frauenhaus, die Passantin im Park, dann kann das wirklich was verändern.
- 43:37Wie wichtig ist es denn aus deiner Sicht, aus dieser staatsanwaltschaftlichen
- 43:41Sicht, dass genau diese Strukturen funktionieren? Also nicht nur für eine unmittelbare
- 43:46Sicherheit, sondern vielleicht auch, ja, um nachhaltig was zu verändern.
- 43:51Wichtig ist es für uns als Ermittlungsbehörden natürlich in unserem Verfahren,
- 43:54weil all diese Personen, die du genannt hast, sind alles Zeugen für uns.
- 43:57Und so war es ja auch in der Haftbehandlung, haben wir all diese Personen gehört.
- 44:01Denn für uns ist es ganz wichtig, dass wir eben nicht nur die Tat selbst beleuchten,
- 44:05sondern auch das Vorfeld der Tat und die ganze Leidensgeschichte der Opfer und
- 44:10welche Auswirkungen das auch schon weit
- 44:11vorher, insbesondere psychische Auswirkungen, das für die Opfer hatte.
- 44:15Und das können wir eben halt nur durch solche Zeugen, die eben Wahrnehmung machen
- 44:19und diese Wahrnehmungen uns auch mitteilen.
- 44:21Und deswegen ist es natürlich auch für uns in unseren Verfahren ganz essentiell,
- 44:25dass diese Personen hinschauen und uns ihre Wahrnehmung dann auch mitteilen
- 44:30und uns damit die Möglichkeit geben, die Tat im Großen und Ganzen zu beleuchten.
- 44:36Und nicht nur als ein Fragment, was man vielleicht direkt sehen kann.
- 44:39Genau, das ist auch ganz wichtig für das, was ich eben schon gesagt habe,
- 44:42mit den niedrigen Beweggründen. Wenn wir die Vorgeschichte nicht kennen und
- 44:45das alles, dann ist es ganz schwer, dieses Mordmerkmal auszufüllen.
- 44:50Und durch eben diese ganzen Zeugen war uns das hier möglich.
- 44:55Ich frage dich ja ganz oft am Ende von unseren Podcastaufnahmen,
- 44:59ob du weißt, wie es den Geschädigten heute geht.
- 45:01Selten kannst du mir da eine Antwort drauf geben.
- 45:04Ich bin jetzt aber trotzdem nochmal im Sinne der Sohn Podcast Week ganz optimistisch
- 45:09und hoffnungsvoll und frage dich, weißt du, wie es Mira heute geht?
- 45:12Ich muss dich wieder enttäuschen, Lilly.
- 45:14Auch diesmal kann ich es dir nicht sagen, aber es hat diesmal,
- 45:17glaube ich, auch einen richtig guten Grund.
- 45:19Es ist natürlich ganz wichtig, dass Mira und ihre Töchter weiterhin an einem
- 45:22Ort sich befinden, der uns allen unbekannt ist.
- 45:25Und deswegen ist natürlich auch irgendwie die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme
- 45:29oder Wissen, wie es denen geht, genau das ist alles dann dem geschuldet,
- 45:33dass ich das heute auch mal wieder nicht beantworten kann. Dann bin ich in diesem
- 45:36Fall auch zufrieden damit.
- 45:39Alex, wie hast du denn das Urteil aufgefasst? War das was, was du erwartet hast?
- 45:43Hat dich was überrascht?
- 45:44Ja, ich habe so in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht,
- 45:46dass man da mit Erwartungen irgendwie ein bisschen vorsichtig sein muss.
- 45:49Also ich bin jetzt ja kein Jurist, das heißt, also ich habe da schon alles erlebt,
- 45:53dass ich irgendwie dachte, okay, da wird gleich jemand freigesprochen,
- 45:55dann wird er verurteilt oder dass ich dachte, jetzt kommt ein ganz hartes Urteil
- 46:00und dann kam plötzlich ein Freispruch.
- 46:01Also ich würde sagen, letztendlich ist es schon angemessen. Man kann natürlich
- 46:05immer darüber diskutieren, ob die Strafen härter sein können,
- 46:09aber in dem Fall würde ich sagen, ist das schon angemessen.
- 46:12Du hast gerade schon über Kommentare und Lesereaktionen gesprochen. Gab es hier welche?
- 46:18Nicht so richtig, was glaube ich aber auch daran lag, dass das Urteil,
- 46:21ich glaube, am 3. oder 4. Mai ergangen ist.
- 46:23Und das war genau der Tag, an dem 2021, haben wir alle schon wieder vergessen
- 46:27eigentlich, die Lockerungen in der Corona-Pandemie beschlossen wurden.
- 46:32Und da war das Internet voll mit anderen Dingen. Da waren alle Menschen ausnahmsweise mal draußen.
- 46:37Wir haben es gerade schon mit Jill besprochen, dieser Fall ist in ganz,
- 46:39ganz vielerlei Hinsicht sehr düster.
- 46:42Aber es gibt eben auch diese Momente, die so hoffnungsvoll wirken.
- 46:45Jemand, der hingeschaut hat, die Schule, der Hort, das Frauenhaus, die Parkbesucherin.
- 46:51Was erzählt uns das denn über diese Strukturen, über die ihr ja auch oft berichtet,
- 46:56die ja auch funktionieren können?
- 46:58Also vielleicht ein Wort zu der Parkbesucherin, die dann den Notruf gewählt
- 47:02hat. Also das Thema ist ja hier auch Optimismus.
- 47:05Und ich glaube, manchmal wird so ein bisschen die Zivilcourage in Deutschland
- 47:08ein bisschen kaputt geredet. Ja, man denkt so, die Leute sind alle total egoistisch,
- 47:12gehen durchs Leben, kümmern sich nur um sich selber.
- 47:15Dann passiert was, dann geht man weiter und interessiert sich nicht dafür.
- 47:18Und zumindest die Erfahrung, die ich jetzt so im Job gemacht habe,
- 47:21ist, dass man eigentlich fast immer Leute hat, die Polizei rufen,
- 47:25die den Notarzt rufen, Leute, die medizinisch ausgebildet sind, die sofort helfen.
- 47:29Und Leute, die auch, je nachdem, was jetzt genau passiert und sich nicht in
- 47:33Gefahr bringen, aber dazwischen gehen, das findet man eigentlich immer wieder.
- 47:36Also klar, es gibt diese Gegenbeispiele, wo das nicht so ist,
- 47:39aber im Grunde funktioniert das, glaube ich, ganz gut.
- 47:43Und zu den Strukturen vielleicht, würde ich sagen, ist es so in Deutschland wie mit vielen Dingen.
- 47:47Ich glaube, sie funktionieren, aber sie funktionieren halt schon sehr langsam.
- 47:52Sie sind chronisch unterfinanziert, also was die Betreuungsmöglichkeiten für
- 47:56Frauen und die Frauenhäuser angeht.
- 47:58Und vieles ist auch einfach extrem kompliziert. Also verschiedene Anträge zu
- 48:02stellen, ist jetzt auch nicht so leicht.
- 48:04Das heißt, es ist schon einiges da,
- 48:06aber es gibt auch immer Potenzial zur Verbesserung. Ja, auf jeden Fall.
- 48:10Mira und ihre Töchter haben vor Gericht ausgesagt gegen den Ehemann bzw.
- 48:14Den Vater und das ist wirklich keine Selbstverständlichkeit.
- 48:17Was würdest du denn sagen, was kann man aus diesem Fall vielleicht lernen,
- 48:21was Frauen und Kinder auch bestärken kann, damit sie so einen Schritt wagen?
- 48:25Also ich glaube, Frauen und auch Kinder in dem Fall brauchen schon das Vertrauen,
- 48:29dass wenn sie Dinge erzählen, die passiert sind, dass dann auch irgendwas passiert.
- 48:35Und ich glaube, da geht es jetzt gar nicht mal unbedingt um die Polizei oder
- 48:38um die Beratungsstellen. Also ich meine, wir können die alle hochrüsten und
- 48:41da unendlich viel Geld reinstecken. Aber im Grunde helfen die ja erst,
- 48:45wenn schon was passiert ist.
- 48:46Die Polizei kommt ja, wenn schon der Übergriff stattgefunden hat in der Regel.
- 48:51Und so ein bisschen, glaube ich, müssen wir das als Gesellschaft auch ein Stück weit selber lösen.
- 48:56Also da kann sich ja jeder mal fragen. Wir kennen alle vielleicht Menschen im
- 48:59Bekanntenkreis, wo natürlich jetzt keine Gewalt unbedingt in der Beziehung von
- 49:03diesen Menschen ist, aber wo vielleicht Dinge einfach seltsam sind,
- 49:07wo man sich dann mit Freunden austauscht.
- 49:09Ja, keine Ahnung, was ist denn da los? Die Frau hat irgendwie gar keinen Zugriff
- 49:12auf das Geld. Sie muss irgendwie immer fragen.
- 49:15Der Mann hat ihren Standort die ganze Zeit. und ich glaube, man muss viel häufiger
- 49:20sich in Dinge einmischen und Dinge ansprechen und nicht immer denken,
- 49:23ach, das geht mich alles nichts an. Absolut.
- 49:27Dieser Fall zeigt auch, es gibt einen Ausweg aus häuslicher Gewalt,
- 49:31auch wenn der wahnsinnig schwer ist.
- 49:33Sollte auch nur eine Person diesen Podcast hören, die betroffen ist oder die
- 49:37jemanden kennt, der betroffen ist, wohin kann man sich wenden?
- 49:41Also ich habe jetzt mal drei Optionen mitgebracht.
- 49:44Die eine ist das Hilfetelefon, Gewalt gegen Frauen, erreicht man unter 116016.
- 49:50Das ist eine kostenlose und anonyme Hotline.
- 49:53Die Anonymes ist vielleicht sehr wichtig, weil man kann da einfach anrufen und
- 49:57seine Geschichte erzählen. Es passiert jetzt nicht direkt irgendwas,
- 50:00es gibt keine Anzeige bei der Polizei, es wird nichts eingeleitet.
- 50:04Man kann sich da einfach Beratung holen.
- 50:06Das Zweite ist, das wusste ich vor dem Podcast auch nicht, es gibt eine Frauenhaussuche
- 50:10über die Frauenhauskoordinierung. Da kann man in Deutschland je nach Wohnort
- 50:15direkt sehen, welches Frauenhaus in der Nähe frei ist und noch Plätze hat.
- 50:20Ich habe jetzt mal vor der Aufnahme nachgeschaut. Also wenn man die Postleitzahl
- 50:24von Düsseldorf eingibt, dann sieht es ein bisschen eng aus hier in der Umgebung.
- 50:28Also dann müsste man schon ein bisschen nach Bochum und weiterfahren.
- 50:31Und natürlich, wenn wirklich die Gefahr komplett akut im Verzug ist,
- 50:35sollte man auf jeden Fall den Notruf wählen. Danke dir.
- 50:38Dann danke ich euch beiden, wie immer, für die Einblicke in diesen Fall,
- 50:42der hier noch mehr als sonst wirklich mehr ist als die Geschichte über eine einzelne Tat.
- 50:48Es ist, glaube ich, eine Geschichte über das, was über viele Jahre hinweg unsichtbar
- 50:53bleiben kann und es ist aber auch eine Geschichte darüber, dass Auswege eben
- 50:57doch existieren Und dass Institutionen eingreifen können und dass Fremde im
- 51:02richtigen Moment handeln,
- 51:03und dass Mira und ihre Töchter heute frei sind.
- 51:08Ich danke Ihnen hier im Raum, an die Zuhörerinnen und Zuhörer für die Aufmerksamkeit.
- 51:12Herzlichen Dank an Suhn und Thomas Kötter, dass wir Teil dieser Podcast Week sein dürften.
- 51:17Danke an unsere Sponsoren und an alle, die hier sind und die uns zu Hause hören.
- 51:23Mir hat es richtig gut gefallen, hinreichend verdächtig, endlich mal wieder
- 51:26nach draußen und vor das Publikum zu bringen.
- 51:29Und ich hoffe, Sie hätten auch ganz viel Spaß und bleiben uns als Hörerinnen und als Hörer treu.
- 51:34Und an alle zu Hause, wenn ihr Gedanken habt zu dem Fall, wenn ihr Lob habt,
- 51:38Kritik, dann teilt sie gerne mit uns an podcasts at rheinische-post.de oder
- 51:44in den Kommentaren bei der Podcast-App eures Vertrauens.
- 51:49Ich bin die Lieschegner und ich freue mich, wenn ihr beim nächsten Mal auch
- 51:52wieder dabei seid, wenn wir neue Fälle aufklären. Bis dahin, vielen Dank.