Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 626-630
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- 0:00Unterkapitel 621 ohne Melodie Es gibt Menschen, die eine sehr
- 0:07ruhige und ausgeglichene Art haben.
- 0:09Sie ruhen in sich selbst und alle ihre Fähigkeiten sind
- 0:12harmonisch geordnet. Solche Menschen widerstrebt es
- 0:15ständig Zielen nachzujagen oder sehr aktiv zu sein.
- 0:19Nietzsche vergleicht sie mit einer Musik, die nur aus langen,
- 0:22harmonischen Akkorden besteht, aber keine bewegte Melodie hat,
- 0:27wenn sie sich überhaupt bewegen. Dann nur, um auf Störungen von
- 0:30außen zu reagieren und ihr Gleichgewicht wiederzufinden.
- 0:33So wie ein Boot auf einem See sich wieder beruhigt.
- 0:36Moderne, hektische Menschen werden oft ungeduldig mit
- 0:39solchen Charakteren und Denken, aus ihnen wird nichts, aber ihr
- 0:43Anblick wirft eine interessante Frage auf, warum muss es
- 0:46überhaupt immer eine Melodie, also ständige Bewegung und Ziele
- 0:51geben, warum genügt es nicht, wie ein tiefer, ruhiger See das
- 0:55Leben widerzuspiegeln? Im Mittelalter gab es mehr
- 0:58solcher Menschen als in unserer heutigen unruhigen Zeit.
- 1:03Unterkapitel 627 Leben und erleben in diesem Abschnitt
- 1:10beobachtet Nietzsche, wie unterschiedlich Menschen mit den
- 1:12Dingen umgehen, die ihnen im Alltag passieren.
- 1:15Er unterscheidet dabei 2 Gruppen von Menschen, die erste Gruppe
- 1:20ist sehr klein, es ist eine Minderheit, diese Menschen
- 1:23verstehen es aus sehr wenig sehr viel zu machen.
- 1:26Selbst wenn Ihnen nur kleine, alltägliche und eigentlich
- 1:29unbedeutende Dinge passieren, nutzen sie diese Erlebnisse.
- 1:33Sie verarbeiten sie so intensiv, dass ihre Seele wie ein
- 1:36Ackerboden wird. Auf diesem Ackerboden wächst und
- 1:39gedeiht etwas Neues. Nietzsche sagt, dass dieser
- 1:42Boden dreimal des Jahres Frucht trägt, das bedeutet, diese
- 1:46Menschen lernen ständig dazu, entwickeln sich weiter und
- 1:49gewinnen tiefe Einsichten, selbst aus langweiligen oder
- 1:53kleinen Ereignissen. Die zweite Gruppe ist die große
- 1:56Mehrheit der Menschen. Ihnen passiert oft sehr viel,
- 2:00sie erleben aufregende Schicksalsschläge, machen viele
- 2:03Veränderungen durch und werden von den Strömungen der Zeit und
- 2:06der Gesellschaft hin und Hergeworfen.
- 2:09Aber es bleibt nichts an Ihnen haften.
- 2:12Nietzsche vergleicht sie mit Kork, einem Material, das immer
- 2:16oben auf dem Wasser schwimmt, egal wie wild das Wasser, also
- 2:20das Leben tobt, sie bleiben immer an der Oberfläche, tauchen
- 2:23nicht in die Tiefe. Und verändern sich innerlich
- 2:26nicht. Nietzsche wird hier fast ein
- 2:28wenig spöttisch, er nennt diese Menschen umgekehrte
- 2:32Hexenmeister, ein normaler Zauberer oder Schöpfer würde
- 2:36versuchen, aus dem nichts eine Welt zu erschaffen, diese
- 2:39Menschen aber machen das Gegenteil, sie nehmen die bunte,
- 2:42reiche Welt voller Erlebnisse und machen daraus nichts, sie
- 2:47erleben zwar viel, lernen aber nichts daraus, Unterkapitel. 621
- 2:54Ernst im Spiele in diesem kurzen Abschnitt erzählt Nietzsche von
- 3:00einer persönlichen Erfahrung in der Stadt Genua in Italien.
- 3:03Er stand dort während der Abenddämmerung und hörte ein
- 3:06langes Glockenspiel von einem Turm, die Musik der Glocken
- 3:10klang für ihn sehr besonders, sie hörte gar nicht auf und
- 3:14wirkte, als könne sie nicht genug von sich selbst bekommen,
- 3:17der Klang hallte über die engen Gassen der Stadt bis hinaus auf
- 3:20das Meer. Nietzsche beschreibt diesen
- 3:23Klang mit gegensätzlichen Worten.
- 3:25Er war Schauerlich, also ein bisschen unheimlich, aber
- 3:29gleichzeitig kindisch und voller Wehmut, also einer sanften
- 3:33Traurigkeit. In diesem Moment erinnerte sich
- 3:36Nietzsche an die Worte des antiken griechischen Philosophen
- 3:39Platon. Platon hat einmal gesagt, dass
- 3:42alles Menschliche, also alles, was wir Menschen tun und sind,
- 3:46im Grunde den großen Ernst gar nicht wert ist.
- 3:49Das bedeutet? Unsere Probleme und Taten sind
- 3:52eigentlich klein und unwichtig, wenn man sie im großen Ganzen
- 3:55betrachtet. Aber Nietzsche fügt sofort das
- 3:58trotzdem hinzu, das auch Platon meinte, obwohl alles eigentlich
- 4:02nicht so wichtig ist, müssen wir trotzdem leben und die Dinge
- 4:05ernst nehmen, das ist der Widerspruch unseres Lebens, wir
- 4:10wissen vielleicht tief im Herzen, dass vieles ein Spiel
- 4:12ist, aber wir fühlen es trotzdem mit ganzem Herzen.
- 4:16Nietzsche spürte diesen Gedanken beim Hören der Glocken plötzlich
- 4:19ganz stark in seinem Gefühl, Unterkapitel 629 von der
- 4:26Überzeugung und der Gerechtigkeit.
- 4:30Hier beschäftigt sich Nietzsche ausführlich mit dem Konflikt
- 4:33zwischen unseren leidenschaftlichen Überzeugungen
- 4:35und der Wahrheit, er stellt eine Forderung auf, die viele
- 4:39Menschen als schwere Last empfinden.
- 4:41Die Situation ist folgende, ein Mensch ist voller Leidenschaft.
- 4:46In diesem Zustand der Aufregung, Wut oder Begeisterung, sagt er
- 4:50etwas, verspricht etwas oder fast einen festen Entschluss.
- 4:55Später aber, wenn er wieder kalt und nüchtern ist, verlangt man
- 4:58von ihm, dass er immer noch zu dem steht, was er in der Hitze
- 5:01des Gefühls gesagt hat. Nietzsche kritisiert, dass dies
- 5:05eine schwere Kette für die Menschheit ist.
- 5:07Er fragt, müssen wir wirklich für alle Zukunft an den Folgen
- 5:11unseres Zorns oder unserer Rache festhalten?
- 5:15Müssen wir versprechen halten, die wir in einem Zustand blinder
- 5:18Begeisterung gemacht haben? Nietzsche gibt den Künstlern
- 5:21eine Mitschuld an diesem Problem in Büchern, Theaterstücken und
- 5:26Bildern verehren die Künstler die Leidenschaften, sie stellen
- 5:30es als etwas Großartiges dar, wenn jemand aus Wut oder
- 5:33unglücklicher Liebe schreckliche Dinge tut, wie zum Beispiel
- 5:36Rache zu üben, sich selbst zu verletzen oder ins Unglück zu
- 5:40stürzen. Die Künstler wecken in uns die
- 5:42Neugier auf solche extremen Gefühle.
- 5:45Sie tun so, als hätte man gar nicht richtig gelebt.
- 5:47Wenn man solche Leidenschaften nicht kennt.
- 5:50Wenn wir uns nun einer Sache verschworen haben, zum Beispiel
- 5:53einer Partei, einem Fürsten, einem Künstler, einem Denker
- 5:57oder einem Gott, dann haben wir das oft in einem Zustand der
- 6:00Verblendung getan, wir waren begeistert und haben unser Idol
- 6:04idealisiert, also besser gesehen, als es ist.
- 6:08Sind wir nun verpflichtet, dieser Sache treu zu bleiben,
- 6:11auch wenn wir erkennen, dass wir uns geirrt haben?
- 6:14Nietzsche sagt ganz klar Nein. Es gibt kein Gesetz, das uns
- 6:19zwingt, unseren Irrtümern treu zu bleiben, wenn wir einsehen,
- 6:22dass unsere frühere Überzeugung falsch war, müssen wir sozusagen
- 6:26zum Verräter an unserer alten Meinung werden, wir müssen
- 6:30Untreue üben und unsere alten Ideale aufgeben, das ist
- 6:35natürlich schmerzhaft, wenn wir uns von einer alten Überzeugung
- 6:38lösen, tut das weh. Wir wechseln von einer
- 6:41Lebensphase in die nächste und leiden unter diesem Verrat an
- 6:44unserem früheren ich. Aber Nietzsche fragt, müssen wir
- 6:48uns vor diesen Schmerzen schützen, indem wir einfach stur
- 6:51bei der alten Meinung bleiben, wäre die Welt nicht viel zu öde,
- 6:55wenn wir nie unsere Meinung ändern dürften?
- 6:58Er schlägt vor, dass wir uns fragen sollten, ist dieser
- 7:01Schmerz beim Meinungswechsel wirklich notwendig oder kommt er
- 7:05nur daher, dass wir unsere Überzeugungen zu wichtig nehmen?
- 7:09Wir bewundern oft den Menschen, der stur bei seiner Meinung
- 7:12bleibt und verachten den, der sie ändert.
- 7:14Das ist ein Fehler. Nietzsche vermutet, dass die
- 7:18meisten Menschen glauben, jemand ändere seine Meinung nur aus
- 7:21schlechten Gründen, zum Beispiel aus persönlichem Vorteil oder
- 7:25aus Angst. Deshalb hat der Meinungswechsel
- 7:28einen schlechten Ruf, aber das ist ein falsches Urteil.
- 7:32Am Ende, stellt Nietzsche fest. Wir sollten unsere Überzeugungen
- 7:36also unseren festen Glauben im Recht zu sein, nicht
- 7:40überschätzen. Es ist besser, nach der Wahrheit
- 7:42zu suchen und dafür bereit zu sein, seine Meinung zu ändern.
- 7:46Das nennt Nietzsche Gerechtigkeit, die Bereitschaft,
- 7:50die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, auch wenn man
- 7:53dafür seine alte Überzeugung aufgeben muss.
- 7:57Unterkapitel 630 Überzeugung ist der Glaube.
- 8:04In diesem Abschnitt erklärt Nietzsche genau, was eine
- 8:06Überzeugung eigentlich ist und warum sie dem wissenschaftlichen
- 8:10Denken widerspricht. Eine Überzeugung ist der feste
- 8:13Glaube, dass man an einem bestimmten Punkt die absolute
- 8:16unbedingte Wahrheit besitzt. Wer überzeugt ist, glaubt also
- 8:21ich weiß genau, wie es ist, und es kann gar nicht anders sein.
- 8:25Nietzsche analysiert, was dieser Glaube voraussetzt, damit jemand
- 8:29so eine feste Überzeugung haben kann, muss er 3 Dinge glauben.
- 8:34Dass es überhaupt so etwas wie absolute Wahrheiten gibt, also
- 8:38Wahrheiten, die immer und überall gelten und nie falsch
- 8:40sein können, dass es perfekte Methoden gibt, um diese
- 8:44Wahrheiten zu finden, dass er selbst diese Methoden benutzt
- 8:48hat und nun die Wahrheit besitzt.
- 8:51Nietzsche sagt dazu, Wer so denkt, denkt nicht
- 8:54wissenschaftlich, ein Mensch mit festen Überzeugungen steht nicht
- 8:57auf der Höhe des Denkens, er gleicht eher einem Kind in einem
- 9:01Alter der Endtheoretischen Unschuld.
- 9:03Er ist naiv, denn in der Wissenschaft und im modernen
- 9:06Denken weiß man, dass es kaum absolute Wahrheiten gibt und
- 9:09dass wir immer bereit sein müssen, unsere Erkenntnisse zu
- 9:12prüfen und zu verbessern. Wer stur behauptet, ich habe
- 9:16Recht und diskutiere nicht mehr, verhält sich unwissenschaftlich.