Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 228-233
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- 0:00Unter Kapitel 228 der starke gute Charakter in diesem
- 0:06Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche damit, was wir
- 0:09landläufig unter einem starken und guten Charakter verstehen.
- 0:13Er erklärt, dass ein solcher Charakter nicht unbedingt durch
- 0:16eine moralische Überlegenheit entsteht, sondern durch eine
- 0:19Einschränkung der Sichtweise. Nietzsche sagt, dass ein
- 0:23Charakter dann stark wirkt, wenn seine Ansichten festgefahren
- 0:26sind. Diese Festigkeit entsteht, weil
- 0:28sich bestimmte Ansichten durch reine Gewohnheit in einen
- 0:31Instinkt verwandelt haben. Wenn jemand etwas aus Gewohnheit
- 0:35tut, ohne lange darüber nachzudenken, wirkt er
- 0:38charakterstark. Der Vorteil eines solchen
- 0:41Menschen ist seine Energie, wenn jemand nur wenige Motive für
- 0:45sein Handeln kennt und diese Motive immer wieder die gleichen
- 0:48sind, dann handelt er mit großer Kraft, er verschwendet keine
- 0:52Energie durch Zweifeln oder abwägen.
- 0:55Wenn seine Handlungen dann auch noch mit den Regeln der Menschen
- 0:58übereinstimmen, die an Traditionen gebunden sind.
- 1:01Nietzsche nennt sie die gebundenen Geister, dann hat
- 1:04dieser Mensch ein gutes Gewissen.
- 1:06Er fühlt sich im Recht. Nietzsche erklärt also, ein
- 1:10starker Charakter entsteht, weil der Verstand, der Intellekt,
- 1:14nicht frei ist. Der Verstand eines solchen
- 1:17Menschen ist wie gefesselt, er sieht in einer Situation nicht
- 1:20viele verschiedene Möglichkeiten, sondern
- 1:22vielleicht nur 2. Zwischen diesen wenigen
- 1:25Möglichkeiten muss er sich zwingend entscheiden, da er
- 1:29keine große Auswahl hat, fällt ihm die Entscheidung leicht und
- 1:32er führt sie schnell und energisch aus.
- 1:34Das wirkt auf andere wie Stärke, Nietzsche kritisiert hier auch
- 1:38die Erziehung, er meint, dass die Umgebung eines Menschen ihn
- 1:42absichtlich unfrei machen will, man zeigt dem Menschen immer nur
- 1:45eine sehr begrenzte Zahl von Möglichkeiten, wie erleben oder
- 1:48handeln kann. Man behandelt den Menschen so,
- 1:51als ob er etwas Neues wäre, das sich ständig wiederholen soll,
- 1:54damit es berechenbar bleibt. Wenn ein Kind sich dann genauso
- 1:58verhält, wie es die Tradition und das Dagewesene Verlangen,
- 2:01nennt man das einen guten Charakter, das Kind stellt sich
- 2:05auf die Seite der Gesellschaft und zeigt Gemeinsinn, später
- 2:09wird dieser Mensch dann nützlich für den Staat sein, weil er
- 2:12berechenbar und gehorsam ist. Unterkapitel 229.
- 2:19Maß der Dinge bei den gebundenen Geistern hier untersucht
- 2:23Nietzsche, wie konservative, traditionsbewusste Menschen die
- 2:27gebundenen Geister entscheiden, was richtig und was falsch ist.
- 2:32Er listet 4 Kriterien auf, nach denen diese Menschen urteilen.
- 2:35Erstens glauben Sie, dass alle Dinge im Recht sind, die eine
- 2:39lange Dauer haben, wenn etwas schon lange existiert, muss es
- 2:43gut sein. Zweitens halten Sie Dinge für
- 2:46richtig, die Ihnen nicht zur Last fallen oder lästig sind.
- 2:50Drittens finden Sie alles richtig, was Ihnen einen
- 2:52direkten Vorteil bringt. Viertens glauben Sie, dass
- 2:55Dinge, für die man Opfer gebracht hat, also für die man
- 2:58etwas aufgeben musste, im Recht sind, aus diesem vierten Punkt
- 3:03erklärt Nietzsche ein interessantes Phänomen, wenn ein
- 3:06Krieg begonnen wird, den das Volk eigentlich gar nicht
- 3:09wollte, dann ändert sich die Stimmung, sobald die ersten
- 3:12Opfer gebracht wurden. Sobald Blut geflossen ist oder
- 3:15Geld ausgegeben wurde, sind die Menschen plötzlich begeistert
- 3:18für den Krieg. Warum?
- 3:21Weil sie glauben, dass eine Sache, für die man Opfer
- 3:23gebracht hat, gut und richtig sein muss.
- 3:26Nun wendet sich Nietzsche den Freigeistern zu, das sind
- 3:30Menschen, die anders denken als die Masse und die Traditionen
- 3:33hinterfragen, wenn diese Freigeister die konservativen
- 3:36Menschen überzeugen wollen, haben sie es sehr schwer.
- 3:39Sie müssten nämlich beweisen, dass ihre neue freie Art zu
- 3:42denken ebenfalls die 4 oben genannten Kriterien erfüllt.
- 3:47Sie müssten erstens beweisen, dass das freie Denken Dauer hat,
- 3:50also dass es Freigeister schon immer gab, zweitens müssten sie
- 3:54beweisen, dass sie niemandem zur Last fallen.
- 3:57Drittens, und das ist das Schwierigste, müssten sie
- 4:00beweisen, dass die Freigeisterei den gebundenen Geistern einen
- 4:03Vorteil bringt, aber selbst wenn die Freigeister die ersten
- 4:07beiden Punkte beweisen können. Werden die Traditionalisten
- 4:10ihnen beim dritten Punkt nicht glauben?
- 4:13Die gebundenen Geister sind davon überzeugt, dass freies
- 4:15Denken gefährlich ist und ihnen schadet.
- 4:18Sie fühlen sich bedroht und sagen deshalb, der Freigeist
- 4:21darf nicht recht haben, denn er ist schädlich für uns.
- 4:25Nietzsche zeigt hier, wie schwer es für neue Ideen ist, sich
- 4:28gegen alte Gewohnheiten durchzusetzen, selbst wenn die
- 4:31neuen Ideen gute Argumente haben, unter Kapitel 230.
- 4:37Esprit fort. Der Titel dieses Unterkapitels
- 4:42ist französisch und bedeutet wörtlich starker Geist.
- 4:45Gemeint ist hier ein Freigeist, also jemand, der unabhängig
- 4:48denkt. Nietzsche vergleicht diesen
- 4:51Freigeist mit dem Traditionsmenschen aus den
- 4:53vorherigen Kapiteln, der Mensch, der sich an Traditionen hält,
- 4:57das herkommen, braucht keine Gründe für sein Handeln, er tut
- 5:01einfach das, was man schon immer getan hat, das macht es ihm
- 5:05leicht. Der Freigeist hingegen ist im
- 5:07Vergleich dazu oft schwach, besonders wenn es ums Handeln
- 5:10geht. Warum ist das so?
- 5:13Weil der Freigeist zu viele Gründe, Motive und
- 5:16Gesichtspunkte kennt, er denkt zu viel nach, wägt ab und ist
- 5:20sich unsicher, seine Hand ist ungeübt, weil sein Kopf zu aktiv
- 5:24ist. Nietzsche fragt nun, wie kann
- 5:27man so einen Freigeist trotzdem stark machen, wie kann er sich
- 5:30durchsetzen und nicht einfach wirkungslos untergehen?
- 5:34Nietzsche bezeichnet diesen Prozess als die Entstehung des
- 5:37Genius oder Genies. Er fragt, woher die Energie und
- 5:42die unbeugsame Kraft kommen, mit der ein einzelner Mensch gegen
- 5:46alle Traditionen ankämpft, um eine ganz eigene Erkenntnis der
- 5:49Welt zu gewinnen. Es geht also darum, wie aus
- 5:52reinem Wissen und nachdenken eine starke Tatkraft entstehen
- 5:55kann, Unterkapitel 231 die Entstehung des Genies.
- 6:04In diesem Abschnitt gibt Nietzsche eine Antwort auf die
- 6:06Frage, wie ein Genie entsteht. Er benutzt dafür Vergleiche und
- 6:10Bilder, um seine Theorie zu erklären, er bittet den Leser,
- 6:14vorher das Wort Genie nicht religiös oder als etwas
- 6:17Übernatürliches zu verstehen, sondern einfach als einen
- 6:20Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.
- 6:23Nietzsche vergleicht die Entstehung des Genies mit einem
- 6:25Gefangenen, ein Gefangener denkt mit höchster Konzentration und
- 6:29Kaltblütigkeit darüber nach, wie er aus seinem Kerker ausbrechen
- 6:33kann. Er nutzt jeden noch so kleinen
- 6:35Vorteil, den er finden kann. Die Natur macht es mit dem Genie
- 6:39genauso, sie sperrt den Menschen in einen Kerker ein und reizt
- 6:43sein Verlangen nach Freiheit bis zum Äußersten.
- 6:47Nur durch diesen extremen Druck entwickelt der Mensch die
- 6:49Fähigkeiten, die ihn zum Genie machen.
- 6:52Ein anderes Bild, das Nietzsche verwendet, ist das von jemandem,
- 6:55der sich im Wald verirrt hat. Dieser Mensch sucht mit
- 6:59unglaublicher Energie einen Ausweg ins Freie.
- 7:02Weil er die bekannten Wege verloren hat, entdeckt er
- 7:05vielleicht einen ganz neuen Weg, den noch niemand vor ihm kannte.
- 7:09Genauso entstehen Genies, sie werden für ihre Originalität
- 7:13gefeiert, aber diese Originalität entstand eigentlich
- 7:17aus einer Notsituation, aus einem verirrtsein Nietzsche
- 7:21weist auch noch einmal darauf hin, dass oft ein Mangel der
- 7:24Auslöser für Begabung ist. Er nennt es Verstümmelung oder
- 7:28Verkrüppelung. Wenn einem Menschen eine
- 7:31bestimmte Eigenschaft fehlt oder ein Organ schwach ist, dann
- 7:34entwickelt sich oft ein anderes Organ oder eine andere Fähigkeit
- 7:38ungewöhnlich stark, um diesen Mangel auszugleichen.
- 7:42Aus diesem Ausgleich, dieser Kompensation entsteht oft das,
- 7:46was wir als glänzende Begabung bewundern, Unterkapitel 232
- 7:52Vermutung über den Ursprung der Freigeisterei.
- 7:57Dies ist ein sehr kurzes Kapitel, in dem Nietzsche ein
- 7:59Gleichnis aus der Natur verwendet, um das Auftreten von
- 8:02Freigeistern zu erklären. Er spricht von Gletschern,
- 8:06Gletscher wachsen und dehnen sich aus, wenn in den heißen
- 8:09Gegenden der Erde am Äquator die Sonne stärker brennt als früher.
- 8:14Das klingt zunächst widersprüchlich, ist aber
- 8:16meteorologisch erklärbar, mehr Hitze lässt mehr Wasser
- 8:20verdunsten, das dann als Schnee an den Polen oder in den Bergen
- 8:23niederfällt und zu Eis wird. Nietzsche überträgt das auf den
- 8:27Menschen. Er vermutet, wenn irgendwo in
- 8:30der Gesellschaft die Glubutan die Glut der Empfindung wächst,
- 8:34also wenn die Gefühle und Leidenschaften der Menschen sehr
- 8:37stark und heiß werden, dann wächst als Gegenbewegung auch
- 8:39die Freigeisterei die Freigeister sind hier wie das
- 8:43Eis oder die Gletscher, sie sind kühl, rational und analytisch,
- 8:48sie entstehen als eine Art Ausgleich oder Reaktion auf eine
- 8:51Zeit oder Umgebung, die von übermäßigen Gefühlen beherrscht
- 8:54wird. Unterkapitel 233 die Stimme der
- 9:00Geschichte Nietzsche blickt hier auf die Geschichte zurück und
- 9:05zieht eine düstere Lehre daraus, wie Genies in der Vergangenheit
- 9:09entstanden sind. Er lässt die Geschichte quasi
- 9:12selbst sprechen, die Botschaft lautet, Wenn man Menschen
- 9:16misshandelt und quält, wenn man Neid, Hass und Konkurrenzkampf
- 9:20in ihnen weckt, wenn man sie bis zum Äußersten treibt.
- 9:23Völker gegen Völker, Menschen gegen Menschen.
- 9:26Dann entsteht daraus Energie. Nietzsche beschreibt das sehr
- 9:29bildhaft aus diesem furchtbaren Druck springt plötzlich ein
- 9:32Funke über das Licht des Genies, flammt auf, der Wille des
- 9:36Menschen wird mit einem wilden Pferd verglichen, das von einem
- 9:39Reiter mit Sporen so lange gereizt wird, bis es wild
- 9:42ausschlägt und ausbricht. Dieser Ausbruch geschieht dann
- 9:46oft auf einem ganz anderen Gebiet, zum Beispiel in der
- 9:49Kunst oder der Philosophie. Nietzsche zieht daraus einen
- 9:52ernüchternden Schluss. Die Energie, die für große
- 9:56kulturelle Leistungen und Genies nötig ist, wurde historisch
- 9:59gesehen durch leid, Böses und Rücksichtslosigkeit erzeugt.
- 10:03Er fragt sich, wenn wir Menschen uns dessen voll bewusst wären,
- 10:07dass Genie nur durch solche Grausamkeiten entsteht, würden
- 10:11wir es dann überhaupt noch wollen?
- 10:13Vielleicht sind wir heute zu moralisch, zu an heilig, um
- 10:16diesen Preis noch zahlen zu wollen.
- 10:18Wir würden das Genie vielleicht ablehnen, wenn wir wüssten, dass
- 10:21es aus dem Bösen geboren wird.