Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 22
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- 0:01Kapitel 22 die Notlage Lena hatte 20 Jahre lang zugesehen,
- 0:07wie eine Stadt sich verändert, und sie hatte gelernt, dass eine
- 0:10Stadt sich nie über Nacht verändert, sondern immer in
- 0:13einer einzigen Nacht zugibt, was sich über Monate angesammelt
- 0:16hat. Diese Nacht kam im Juli, sie
- 0:18hatte den Sommer kommen sehen, hatte das Wetter im Radio
- 0:21gelesen, wie Olena, ohne von Olena zu wissen, der Osten, der
- 0:25zerbrach, das Chaos, die neue Welle.
- 0:28Und sie hatte die Stadt sich rüsten sehen, nicht für die
- 0:30Menschen, die kamen, sondern gegen sie.
- 0:32Es war eine andere Welle als 2022 damals hatte Lena über
- 0:37Sonnenblumen geschrieben, über Turnhollen, in denen Betten
- 0:40standen, über die Frau von der Tafel, die plötzlich nicht mehr
- 0:43wusste, wohin mit all den Spenden, sie hatte damals mit
- 0:46einer Rührung, die ihr selbst verdächtig gewesen war,
- 0:49geglaubt, etwas an diesem Land sei doch in Ordnung.
- 0:52Jetzt schrieb sie über dieselben Turnhollen, dieselben Betten und
- 0:56über die Anrufe, die in der Redaktion eingingen.
- 0:58Anonym, wütend von Bürgern, die die Schnauze voll hatten, die
- 1:02fragten, wann das Mal aufhöre. Die Sätze sagten, die man 2022
- 1:06nicht gewagt hätte und die jetzt in der Luft hingen, wie etwas,
- 1:09das endlich gesagt werden durfte.
- 1:12Sie hatte die Frau von der Tafel wieder besucht, dieselbe, über
- 1:14die sie 2022 geschrieben hatte, und es hatte sie erschüttert.
- 1:18Nicht, weil die Frau hart geworden war, sondern weil sie
- 1:21es nicht war und es trotzdem nicht mehr schaffte.
- 1:24Sie hatte am Ausgabetisch gestanden, zwischen leeren
- 1:26Regalen, und gesagt, sie könne nicht mehr, es komme nichts mehr
- 1:30rein, die Leute, die früher gespendet hätten, kämen jetzt
- 1:33selbst. Und wenn sie einen Korb an eine
- 1:35ukrainische Familie gebe, stehe ein deutscher Rentner daneben
- 1:39und sehe es. Und sie könne den Blick dieses
- 1:41Rentners nicht mehr ertragen. Diesen Blick, der nicht hasste,
- 1:44sondern nur fragte und ich, Lena, hatte den Satz
- 1:48mitgeschrieben und ich, weil er die ganze Wende enthielt, in 2
- 1:51Wörtern 2022 hatte man gefragt, wie kann ich helfen, 2027 fragte
- 1:58man und ich. Es war dieselbe Stadt, dieselben
- 2:02Menschen, nur 5 Jahre ärmer, 5 Jahre müder und in die Lücke
- 2:06zwischen den beiden Fragen, in das schmale, Dunkle und ich
- 2:09hatte sich die Bewegung gesetzt, geduldig von Anfang an und
- 2:13gewartet, bis die Frage laut genug wurde, um sie zu
- 2:16beantworten. Das Mitgefühl war nicht
- 2:18verschwunden. Das war das bittere, dass Lena
- 2:21mit dem Ohr hörte, das nie log. Es war nicht weg, es war nur
- 2:24müde geworden und die Müdigkeit hatte sich in etwas anderes
- 2:27verwandelt, in eine Gereiztheit, eine Abwehr, die nach einem
- 2:31Ventil suchte, die Menschen, die 2022, die Türen geöffnet hatten,
- 2:35hatten sie nicht aus Bosheit geschlossen.
- 2:38Sie hatten sie geschlossen, weil sie erschöpft waren, weil 3
- 2:41Jahre Krise auf 3 Jahre Krise gefolgt waren, weil niemand
- 2:44ihnen je gesagt hatte, dass es ein Ende gäbe und weil ein
- 2:47Mensch, dem man kein Ende verspricht, irgendwann aufhört
- 2:50zu geben, einfach weil er leer ist.
- 2:53Und in diese Lehre hinein sprach die Regierung, und sie sprach
- 2:56genau das richtige Wort. Das Wort war Notlage.
- 3:00Lena saß im Pressebereich, als sie es verkündeten, und schrieb
- 3:04mit mit der Hand im Notizbuch, weil das mitschreiben sie ruhig
- 3:07hielt, wenn das, was sie hörte, sie hätte aufspringen lassen.
- 3:10Es war glänzend gemacht, das musste sie ihnen lassen, das
- 3:14schrieb sie sich an den Rand in der knappen Schrift, in der sie
- 3:17ihre eigene Wut verwahrte, es war handwerklich glänzend,
- 3:20niemand sagte ein hartes Wort, niemand sprach von Abschiebung,
- 3:24von Grenzen, von denen, da, man sprach, von Verantwortung.
- 3:29Von der Pflicht des Staates, in einer außergewöhnlichen Lage die
- 3:32Funktionsfähigkeit der Daseinsvorsorge zu sichern.
- 3:35Man erklärte den Notstand nicht gegen die Geflüchteten, man
- 3:38erklärte ihn für die Bürger, für die Verlässlichkeit, die man
- 3:41ihnen versprochen hatte und die jetzt in der Belastung besonders
- 3:44geschützt werden müsse und unter dem Schutz in einem Nebensatz,
- 3:48in einer Anpassung der Durchführungsbestimmungen, die
- 3:50niemand im Saal mitschrieb. Außer Lena verschärfte sich der
- 3:53Index, die Gewichte verschoben sich.
- 3:57Wer neu kam, wer keine regionale Verankerung hatte, wer dem
- 4:00System zur Last fiel, Stadt zu nützen, rutschte jetzt nicht
- 4:04mehr nur nach unten, er rutschte aus dem planbaren ganz heraus
- 4:07auf Wartelisten, die keine Termine mehr Ausspuckten in ein
- 4:11zum gegebenen Zeitpunkt, das aufgehört hatte, je zu kommen.
- 4:15Sie verschärften die Maschine, dachte Lena, und sie verkauften
- 4:18die Verschärfung als Schutz, und die Stadt würde klatschen.
- 4:21Sie kannte den Trick, weil ihr Vater ihn ihr beigebracht hatte.
- 4:24Am Küchentisch in 20 Jahren Geschichte als Tischgespräch
- 4:27auch wenn sie das Geschichtspathos hasste, mit dem
- 4:30er ihn vortrug, dass man einem Volk nie das schlechte verkauft
- 4:33als das schlechte, man verkauft es als Schutz vor etwas
- 4:36schlimmerem, man nimmt nicht etwas weg, man sichert etwas.
- 4:40Man schließt keine Tür, man schützt einen Raum und die
- 4:43Menschen, die müde sind und Angst haben, hören nicht das
- 4:46wegnehmen. Sie hören das Sichern und Sie
- 4:48sind dankbar und ihre Dankbarkeit ist der Mörtel, mit
- 4:51dem man die Mauer baut, von innen freiwillig, Stein um
- 4:55Stein. Lena schrieb das Wort sichern in
- 4:57ihr Notizbuch und einen Kreis darum, weil es das Schlüsselwort
- 5:00war, das Wort, an dem die ganze Konstruktion hing, und sie
- 5:04wusste, dass sie dieses Wort nie würde angreifen können, nicht
- 5:07mit einem Bericht, weil ein Bericht das Wort nur
- 5:09wiederholte. Man konnte das Wort nur
- 5:11entlarven, indem man zeigte, was darunter lag und was darunter
- 5:15lag, war ihre Geschichte, die sie nicht drucken durfte, die
- 5:18Stadt klatschte. Nicht laut, nicht im Saal,
- 5:22draußen in den Kommentarspalten, an den Stammtischen, in den
- 5:25Anrufen, die in der Redaktion eingingen.
- 5:27Jetzt nicht mehr nur wütend, sondern erleichtert.
- 5:30Endlich wurde auch Zeit, jetzt kümmert sich mal jemand, es war
- 5:35dasselbe Wort wie in der Wahlnacht, dasselbe endlich, mit
- 5:37dem der Hund in den Leuten aufgesprungen war, als man ihm
- 5:40den Namen sagte, und Lena hörte ihn wieder aufspringen in der
- 5:44ganzen Stadt. Ein leises, Vielstimmiges
- 5:46aufrichten, das Geräusch eines Volkes, dem man erlaubt hatte,
- 5:49müde zu sein und das die Erlaubnis dankbar nahm.
- 5:52Sie schrieb einen Bericht, der so ehrlich war, wie er sein
- 5:55durfte, sie nannte die Verschärfung beim Namen, ohne
- 5:58das Wort Verschärfung zu benutzen, das man ihr gestrichen
- 6:01hätte, sie zitierte den Nebensatz, den niemand sonst
- 6:05zitierte. Sie ließ zwischen den Zeilen für
- 6:08den, der Lesen konnte, die Frage stehen, ob ein Schutz, der
- 6:11manche schützt, indem er andere fallen lässt, noch ein Schutz
- 6:14war oder schon das Gegenteil. Es war guter Journalismus,
- 6:18sauber, vorsichtig, unangreifbar.
- 6:21Und es war zu wenig und Lena wusste es, während sie es
- 6:24schrieb, dass die wahre Geschichte die einzige, die
- 6:26etwas geändert hätte, nicht der Bericht über die Notlage war,
- 6:29sondern der Beweis, dass die Notlage nur ein Vorwand war,
- 6:33dass die Maschine schon vor dem Sturm nach Nützlichkeit sortiert
- 6:36hatte und der Sturm ihr nur erlaubte, lauter zu tun, was sie
- 6:39leise immer getan hatte. Diese Geschichte hatte sie fast
- 6:44auf 2 Beinen und einem Schweigen, und sie wurde
- 6:47dringender, mit jedem Tag. Das war das eine Ende der Zange,
- 6:51das sich in diesem Sommer zu schließen begann.
- 6:53Dass die Story, die sie nicht erzählen konnte, immer nötiger
- 6:56wurde, je länger sie sie nicht erzählte.
- 6:59Jasmin rief jetzt öfter an und in ihrer Stimme war eine neue
- 7:02Dringlichkeit, ein Riss in der Ruhe, die sie sonst hielt, die
- 7:06Station füllte sich, sagte sie, mit den Heruntergerechneten, mit
- 7:10denen, die der verschärfte Index aus dem Planbaren geworfen hatte
- 7:13und die jetzt, Wochen später, als Notfälle wiederkamen, zu
- 7:16spät, weil das aufschieben sie eingeholt hatte.
- 7:20Das Heft füllte sich, Jasmin Las Lena Fälle vor, am Telefon ohne
- 7:25Namen, mit der nüchternen Stimme, die das Grauen trug, und
- 7:28Lena schrieb mit und spürte, wie das zweite Bein fester wurde,
- 7:31wie das noch nicht dünner wurde, wie die Pflegekraft die
- 7:34behandelte, indem sie schwieg, an den Punkt kam, an dem das
- 7:37Schweigen schwerer wog als das Risiko.
- 7:40Einer der Fälle ließ Lena nicht mehr los.
- 7:42Eine Frau hatte Jasmin gesagt, Anfang 50 eine Arbeiterin, ein
- 7:47planbarer Eingriff am Herzen, an den Gefäßen, immer wieder
- 7:50verschoben, nachrangig, Woche um Woche, und jetzt verfalle sie,
- 7:54Kippe langsam vom Planbaren ins akute, und niemand greife ein,
- 7:57weil das akute ja noch nicht da sei und das planbare seinen
- 8:00Termin verloren habe. Jasmin hatte den Namen nicht
- 8:03genannt, sie nannte nie Namen. Aber etwas in Ihrer Stimme, als
- 8:07sie von dieser Frau sprach, war anders gewesen, persönlicher,
- 8:11als sei dieser eine Fall ihr näher gekommen als die anderen,
- 8:14und Lena hatte es gehört, das persönliche, und es sich
- 8:18notiert, ohne zu wissen, dass die namenlose Frau einen Sohn
- 8:22hatte, der Pakete fuhr und dass dieser Sohn einen Faden zu Lena
- 8:26selbst hatte, dünn, alt, aus Schulzeiten, der sich in diesem
- 8:29Sommer zu spannen begann. Es werden mehr, sagte Jasmin
- 8:32einmal leise am Ende eines Gesprächs.
- 8:35Jede Woche mehr und ich stehe daneben und schreibe es auf und
- 8:39kann nichts tun, außer es aufzuschreiben.
- 8:42Wie lange wollen Sie noch warten?
- 8:44Es war keine Frage, es war ein Vorwurf, höflich verpackt, und
- 8:47es war berechtigt und Lena hatte keine gute Antwort, sie konnte
- 8:51nicht sagen, ich warte auf das dritte Bein, weil das dritte
- 8:54Bein hinter dem Gesicht einer Frau saß, das eine Tür
- 8:58zugeschlagen hatte. Sie konnte nicht sagen, ich
- 9:00warte, weil mein Chefredakteur kneift und meine Zeitung stirbt,
- 9:04weil das nach Ausrede klang, auch wenn es wahr war.
- 9:07Sie sagte nicht mehr lange, ich verspreche es nicht mehr lange,
- 9:12und sie wusste nicht, ob es ein Versprechen war oder eine Lüge,
- 9:15und sie hasste, dass sie es nicht wusste.
- 9:17Das andere Ende der Zange schloss sich an einem Freitag,
- 9:20als Brettschneider sie in sein Büro rief und Lena wusste, bevor
- 9:24sie eintrat, dass es kein gutes Gespräch werden würde, weil
- 9:27Brettschneider sie freitags rief, wenn er etwas Unangenehmes
- 9:30hinter sich bringen wollte, bevor das Wochenende es begrub.
- 9:33Er sah schlechter aus als sonst, grauer und auf seinem
- 9:37Schreibtisch lag ein Brief, den er nicht umdrehte und auf den
- 9:40Lena trotzdem den Blick eines Anwalts erkannte, die fette Type
- 9:43einer Kanzlei, die teure Drohung, die nichts kostete
- 9:46außer Angst. Aber davon sprach er nicht.
- 9:49Er sprach von Zahlen. Die Landesgesellschaft hat
- 9:52gekündigt, sagte er ohne Umschweife, weil die Umschweife
- 9:56ihn mehr gekostet hätten als die Wahrheit, die Anzeigen alle ab
- 10:00dem nächsten Monat, sie nennen es Budgetanpassung im Lichte der
- 10:03angespannten Haushaltslage, du weißt, was es wirklich ist.
- 10:06Lena wusste es, es war die Nervosität aus dem Frühjahr, die
- 10:10ein Gesicht bekommen hatte, es war keine Drohung.
- 10:13Es war nie eine Drohung, es war eine Budgetanpassung, höflich
- 10:17papierförmig in den freundlichen Farben, und sie traf die Zeitung
- 10:21an der einzigen Stelle, an der sie noch lebte, eine halbe
- 10:24Seite, manchmal eine ganze jeden Monat.
- 10:26Das einzige, was über Wasser hielt, gekündigt, und niemand
- 10:30hatte ein Wort über Lena verloren, über ihre Recherche,
- 10:34über die 2 Karten. Man hatte nur das Budget
- 10:36angepasst, man musste niemanden bedrohen, man drehte einfach den
- 10:39Hahn zu, an dem das Wasser hing und ließ die Zeitung selbst
- 10:42herausfinden, woran sie starb. Sie haben es wegen mir getan,
- 10:46sagte Lena, Ich weiß es nicht, sagte Brettschneider, und es war
- 10:51das ehrlichste und das Feigste zugleich.
- 10:53Und das ist der Punkt, ich weiß es nicht, und du weißt es nicht,
- 10:57und niemand wird es je sagen und genau so funktioniert es.
- 11:01Sie müssen es nicht sagen. Sie kündigen die Anzeigen aus
- 11:04Haushaltsgründen und ich sitze hier und rechne aus, wie lange
- 11:08wir noch durchhalten und die Rechnung sagt nicht lange, und
- 11:11während ich das rechne, fällt mir ein, dass eine meiner
- 11:14Reporterinnen an einer Geschichte über genau die Stelle
- 11:17sitzt, die uns gerade den Hahn zugedreht hat, und dann muss ich
- 11:20mich entscheiden, was ich mehr fürchte, dass wir sterben, weil
- 11:24wir die Geschichte bringen oder dass wir sterben, ohne sie
- 11:26gebracht zu haben und fragte Lena.
- 11:31Er sah sie an, lange mit den müden Augen des Mannes, der ihr
- 11:35einmal das Zuhören beigebracht hatte und in seinem Blick war
- 11:38etwas, das sie nicht ertrug, weil es kein Zorn war und keine
- 11:42Härte, sondern Erschöpfung, die nackte, restlose Erschöpfung
- 11:45eines Menschen, der nicht mehr kämpfen konnte.
- 11:48Und ich weiß es noch nicht, sagte er, aber ich sage dir, was
- 11:52ich jetzt entscheide. Du fasst die Sache nicht an,
- 11:55solange sie nicht so wasserdicht ist, dass kein Anwalt der Welt
- 11:58ein Loch hineinbohrt kein Wort, keine Anfrage, die
- 12:01zurückverfolgt werden kann, nichts, was uns einen Tag früher
- 12:04umbringt, als wir ohnehin sterben.
- 12:06Du Recherchierst weiter, meinetwegen in deiner Zeit auf
- 12:09dein Risiko, aber gedruckt wird nichts, bevor ich es sehe, und
- 12:13ich drucke nichts, was uns den letzten Atemzug nimmt, bevor wir
- 12:16wenigstens die Wahl hatten, wie wir ihn tun.
- 12:20Es war kein Nein, das war das Perfide.
- 12:22Dasselbe perfide wie überall in diesem Jahr.
- 12:25Es war nie ein Nein, es war ein noch nicht ein, sei vorsichtig,
- 12:28ein bring es mir wasserdicht, die weiche, höfliche,
- 12:31vernünftige Sprache, mit der man eine Geschichte erstickt, ohne
- 12:35sie je zu verbieten, mit der man einen Menschen mürbe macht, ohne
- 12:38ihn je anzurühren. Sie blieb noch einen Moment
- 12:41stehen in der Tür seines Büros und sah ihn an, den müden Mann
- 12:45hinter dem zu großen Schreibtisch.
- 12:47Und sie spürte, dass sie ihn hätte anschreien können und dass
- 12:50es nichts geändert hätte, weil er nicht der Gegner war, weil
- 12:54der Gegner kein Gesicht hatte, dass man anschreien konnte.
- 12:57Der Gegner war eine Budgetanpassung, der Gegner war
- 12:59ein Anwaltsbrief, den niemand umdrehte, der Gegner war die
- 13:02Müdigkeit selbst, die in Brettschneider saß und in der
- 13:05Stadt und an den schlechten Tagen auch in ihr, du warst mal
- 13:09anders, sagte sie leise, und es war kein Vorwurf, eher eine
- 13:14Trauer. Brettschneider sah nicht auf.
- 13:17Ich war mal jünger, sagte er, und die Zeitung war mal eine
- 13:20Zeitung und du, Lena, Du warst mal jemand, der wusste, wann ein
- 13:24Kampf vorbei ist. Sie schüttelte den Kopf, der ist
- 13:28nicht vorbei. Nein, sagte er, und zum ersten
- 13:31Mal in diesem Gespräch lag in seiner Stimme etwas, das fast
- 13:34Zärtlichkeit war, die Zärtlichkeit eines Menschen, der
- 13:37einen anderen bewundert und beneidet für das, was er selbst
- 13:40verloren hat bei dir nie, das ist deine Gabe, und es ist dein
- 13:43Fluch, und ich weiß bis heute nicht, was davon mehr.
- 13:47Sie ging zurück an ihren Tisch, auf die Lichtinsel in der Toten
- 13:50Redaktion, die jetzt noch Toter war, weil eine weitere Zahl
- 13:53unter dem Strich stand, und setzte sich und für einen Moment
- 13:56war die Müdigkeit so groß, dass sie das Gesicht in die Hände
- 13:59nahm, einfach weil der Kopf zu schwer war, um ihn allein zu
- 14:03halten. Die Zange war fast geschlossen.
- 14:06Auf der einen Seite die Story, die mit jedem Tag dringender
- 14:09wurde, die Jasmin, die fragte, wie lange noch die Menschen, die
- 14:13starben, während Lena auf ein Bein wartete, dass sie nicht
- 14:16greifen konnte. Auf der anderen Seite die
- 14:19Zeitung, die mit jedem Tag schneller starb, der
- 14:21Anzeigenkunde, der den Hahn zugedreht hatte, der
- 14:24Brettschneider, der mürbe wurde, der Anwaltsbrief, den er nicht
- 14:27umgedreht hatte zwischen den beiden Backen der Zange saß sie.
- 14:31Und sie spürte, wie sich der Druck erhöhte, von beiden Seiten
- 14:34langsam höflich papierförmig sie hätte aufgeben können.
- 14:39Der Gedanke kam jetzt öfter, wärmer, verlockender, der
- 14:42Gedanke, den sie sich im Frühjahr nicht erlaubt hatte und
- 14:45der sich seitdem nicht mehr ganz verscheuchen ließ, dass es
- 14:48vielleicht klüger wäre, vernünftiger, gesünder die Sache
- 14:51fallen zu lassen, die Zeitung sterben zu lassen, wie alles
- 14:54starb und etwas anderes zu tun mit dem Leben, das ihr blieb,
- 14:58niemand würde es ihr vorwerfen. Sie hatte 2 Beine und kein
- 15:01drittes. Und einen Verleger.
- 15:02Der Kniff und eine Branche, die unterging, und eine Stadt, die
- 15:06klatschte, wenn man die Schwachen aus dem planbaren
- 15:08warf. Wofür kämpfte sie noch für eine
- 15:12Wahrheit, die niemand drucken wollte und die keiner hören
- 15:14wollte und die, selbst wenn sie sie druckte, vielleicht nichts
- 15:17änderte, das war der Boden der Sache, der unterste, an dem sie
- 15:21ankamen, wenn sie ehrlich war, nicht die Angst, dass die
- 15:24Wahrheit unterging, sondern die Angst, dass die Wahrheit egal
- 15:27war. Dass sie ihr Leben einer Sache
- 15:30geweiht hatte, die man nicht mehr brauchte.
- 15:32Nicht weil sie unterdrückt wurde, sondern weil sie
- 15:34niemanden mehr interessierte. Es gab keine Zensur, die so
- 15:38wirksam war wie die Gleichgültigkeit, man musste
- 15:40eine Wahrheit nicht verbieten, wenn man sie langweilig genug
- 15:43machen konnte, klein genug, lokal genug, eine Geschichte
- 15:46über eine Verordnung in einem Land, das die meisten nicht
- 15:49einmal auf der Karte fanden und gegen die Gleichgültigkeit gab
- 15:52es keine Waffe, kein drittes Bein, keinen Antrag, keinen
- 15:56Beweis. Gegen die Gleichgültigkeit half
- 15:58nur das eine, dass Lena nicht mehr sicher hatte.
- 16:01Der glaube, dass es trotzdem zählte, ob man die Wahrheit
- 16:03sagte, auch wenn niemand zuhörte, dass das sagen selbst
- 16:06etwas war, eine Handlung und nicht nur ein Geräusch im
- 16:09Leeren, aber dann durch das Fenster in der Sommernacht hörte
- 16:13sie die Stadt und in dem, was sie hörte, lag die Antwort, die
- 16:16sie sich nicht aussuchen konnte, das leise, beständige Tropfen,
- 16:20das nicht aufhörte, weil eine Zeitung starb oder ein
- 16:22Anzeigenkunde kündigte oder eine Reporterin müde wurde.
- 16:26Irgendwo in einem Klinikum rutschte gerade jemand aus dem
- 16:29planbaren, irgendwo füllte sich Jasmins Heft um eine Zeile, das
- 16:33Leck lief weiter. Ob Lena Hinhörte oder nicht, und
- 16:37das war es ja, was sie nicht los wurde, was sie in 20 Jahren
- 16:40nicht losgeworden war, dass das hören eine Entscheidung war und
- 16:44dass sie die Entscheidung schon getroffen hatte vor langer Zeit,
- 16:47und dass man eine einmal getroffene Entscheidung nicht
- 16:50zurücknehmen konnte, nur verraten, sie ließ das Gesicht
- 16:53aus den Händen sinken. Sie zog das Notizbuch heran, sie
- 16:57schlug die Seite auf, auf der die 3 Beine standen, und unter
- 17:00dem zweiten, dem Menschlichen, schrieb sie eine neue Zeile,
- 17:04einen von Jasmins fällen ohne Namen und unter das Dritte, das
- 17:07fehlende, schrieb sie den Namen, den sie noch immer nicht hatte
- 17:10und schon kannte, und daneben klein, ein einziges Wort, das
- 17:14eine Frage war und ein Vorsatz wie wie kam sie an Carla Veit,
- 17:19wie öffnete sie eine Tür, die ein Schmerz verschlossen hielt,
- 17:23sie wusste es nicht. Aber sie wusste, dass sie es
- 17:26würde herausfinden müssen, bald bevor die Zeitung starb oder
- 17:29Brettschneider ganz mürbe wurde oder die Maschine den nächsten
- 17:33aus dem planbaren warf. Und während sie das dachte, in
- 17:36der Toten Redaktion mit der Zugehenden Zange und dem
- 17:39laufenden Leck, war die Müdigkeit zum ersten Mal seit
- 17:42Wochen nicht stärker als der trotz, sondern um Haaresbreite
- 17:45schwächer.