Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Die Hansestadt Werben (Elbe) in der Altmark als Vorbild
Transcript
- 0:00Ich find's toll. Also, ich find die Wüsche ist mir sympathisch.
- 0:03Ja, du hast eben sogar gesagt, du hast dich ein bisschen verliebt in diesen Ort. Muss man mal romantisieren, sagen. Und ich kann das verstehen, weil auch mir geht's irgendwie so. Es hat
- 0:10einen oder mich sehr erfüllt, einmal die Landschaft und diese Schönheit.
- 0:15Und aber auch einige Menschen, die so mit so einer
- 0:18Wärme sich so einsetzen für ihren Ort und hierfür so brennen und
- 0:22so eine angenehme Energie einfach dabei ausstrahlen. Untertitel im Auftrag des ZDF 2021.
- 0:27Das sind die Stimmen von Leonard, unserem Podcast-Redakteur, und Gerolf Meyer vom detektor.fm Fahrrad-Podcast Antritt. Und zusammen sind sie unterwegs.
- 0:39Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes zusammen unterwegs. Denn die beiden
- 0:44haben sich ein Tandem geschnappt und sind damit ganz in den Norden
- 0:49von Sachsen-Anhalt gefahren, nach Werben in der Altmark. Weil sie gehört
- 0:53haben, dass das ein ganz besonderer Ort ist. Aber warum eigentlich? Was
- 0:57hebt dieses Fleckchen Erde im Norden Sachsen-Anhalts von anderen ab? Wir
- 1:01dürfen gespannt sein auf die Antworten, die sie bei ihrer Fahrradtour gefunden
- 1:06haben in dieser Folge von Dazwischen. Untertitel im Auftrag des ZDF 2021.
- 1:11Aber bevor wir uns quasi mit aufs Tandem schwingen, werfen wir einen
- 1:14Blick in den Landtag von Sachsen-Anhalt. Denn wir hatten rings um
- 1:18die Landtagswahl ja wahnsinnig viele politische Folgen. Jetzt ist er ein bisschen
- 1:22abgeebbt, könnte man das Gefühl bekommen. Aber wir beobachten natürlich das Geschehen
- 1:27weiter. Es ist ja auch wahnsinnig viel passiert. Wir schaffen das jetzt
- 1:31nicht immer, das in so einer Extrafolge abzuarbeiten. Aber wir möchten euch
- 1:35natürlich auch immer mal wieder punktuell abholen. Ihr wisst es, ihr habt
- 1:39es gesehen, gehört, gelesen. Wir hatten Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, auch in
- 1:44Berlin. Da sahen die Ergebnisse ein bisschen anders aus als in Sachsen-Anhalt.
- 1:48Mecklenburg-Vorpommern, das war auch die AfD, die stärkste Kraft, dann
- 1:53auch im neuen Landtag. Aber eben mit ganz, ganz anderen Mehrheitsverhältnissen, was
- 1:57die anderen Parteien angeht. Die SPD dort sehr stark. Und Berlin hat
- 2:02die AfD ihr bestes Ergebnis eingefahren, aber eben deutlich schwächer als zum
- 2:06Beispiel die Linke. Aber wir sehen natürlich auch an diesen beiden Wahlen,
- 2:10dass die AfD extrem stark geworden ist. Und zwar nicht nur in
- 2:14Sachsen-Anhalt. Genau, und wir haben ja in unserer Folge nach der
- 2:18Wahl schon darüber gesprochen, welche möglichen Optionen es in Sachsen-Anhalt zum
- 2:23Thema Regierungsbildung gibt. Für am wahrscheinlichsten hatte da der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne
- 2:28eine Zusammenarbeit der AfD mit dem BSW gehalten. Bislang schließt das BSW
- 2:32aber aus, den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten zu wählen. Aber
- 2:37ich erinnere mich, Marie, dass du in dieser Folge da ein Fragezeichen
- 2:41hattest, ob sich das auch halten lässt. Ja, und ich finde diese
- 2:45Zweifel, die lassen sich auch berechtigt beobachten. Weil das sind ja Aussagen.
- 2:49Aber trotzdem kann man ja einer Partei zur Macht verhelfen. Und das
- 2:53muss nicht durch so eine Wahl sein, sondern das geht auch auf
- 2:57anderen Wegen. Und da sehen wir einfach, dass da doch einiges in
- 3:01Bewegung ist. Wir wissen ja jetzt zum Beispiel, dass sich BSW und
- 3:05AfD darüber verständigt haben sollen, wie sie sich die Posten des Landtagspräsidenten
- 3:10samt Vize zuspielen wollen. Beide Posten müssen jetzt noch gewählt werden. Wie
- 3:14das abläuft, hatten wir ja auch in der Folge nach der Wahl
- 3:17erklärt. Gemeinsam verfügen beide Parteien über ausreichend Mandate, um bei einer Abstimmung
- 3:22einen Kandidaten der in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD wählen
- 3:27zu können. Und ganz einfach auch jemanden vom BSW zum Vize zu
- 3:31machen. Wir hatten ja in der Folge auch noch darüber gesprochen, dass
- 3:34es ja möglicherweise auch einzelne CDU-Mitglieder geben könnte, die da die
- 3:39Seite wechseln. Da kann man zumindest sagen, es wurden alle 15 zukünftigen
- 3:43Landtagsabgeordneten der CDU befragt, auch schriftlich, und haben zumindest erst mal angegeben,
- 3:47dass das für sie nicht zur Debatte steht. Das ist ja auch
- 3:51da noch mal so ein bisschen neue Entwicklung, kann man sagen. Ja.
- 3:55Aber auch da würde ich grundsätzlich sagen, man kann ja auch in
- 3:58anderen Stellen manchmal mit Parteien stimmen, wo man jetzt sagen würde, na
- 4:02ja, aber die Fraktionen wechseln würde ich nicht. Also ich finde, da
- 4:06ist alles noch nicht in Stein gemeißelt. Es wäre wünschenswert, wenn die
- 4:10CDU, wenn sie sich wirklich auf die demokratischen Werte beziehen möchte, so
- 4:14standhaft bleibt. Aber wie das sich alles in den nächsten Monaten entwickeln
- 4:18wird, ich finde, das ist wirklich eine extrem spannende und auch unberechenbare
- 4:23Situation in Sachsen-Anhalt. Und natürlich eine, die ganz viel emotional mit
- 4:27den Menschen macht. Darüber haben wir in der Folge danach mit Valerie
- 4:30Schönjahn gesprochen. Da ging es auch ganz viel darum, wie wir jetzt
- 4:35trotz dieser Situation im Gespräch bleiben. Genau, da hat ja Christian in
- 4:39unserem Newsletter auch noch mal unsere Leserinnen und Leser gefragt, ob sie
- 4:42das denn tun, ob sie mit politisch Andersdenkenden weiterhin sprechen und das
- 4:46Gespräch suchen. Da haben wir ziemlich viel Feedback zu bekommen. Exiltoaster hat
- 4:50uns zum Beispiel im dezentralen Sozialnetzwerk Mastodon geschrieben, dass er natürlich noch
- 4:54mit politisch Andersdenkenden redet, dass er aber, Zitat, und Sonja meint, dass
- 4:58die Frage eigentlich falsch gestellt ist. Denn wir treffen ja alle ständig
- 5:02auf Andersdenkende, weil wir ja bei vielen Themen alles andere als immer
- 5:06einer Meinung sind. Und sie sagt, Andersdenken ist doch ein Teil der
- 5:10Demokratie, das nennt sich Vielfalt. Die Frage ist doch eher, wer verweigert
- 5:14wem den Diskurs und wie. Und bei Instagram hat Alonso den Ausschnitt
- 5:18von Valerie Schönjahn kommentiert, wo sie sagt, wo sie sich fragt, was
- 5:22man vor zehn Jahren in Bezug auf die AfD hätte besser machen
- 5:26können. Und er meint, ohne Frau Merkel gäbe es keine AfD. Ja.
- 5:30Danke, Katharina, dass du das mitgebracht hast. Und vielen, vielen Dank an
- 5:34euch. Wie geht es jetzt weiter? Am 6. Oktober wird der neu
- 5:38gewählte Landtag zusammenkommen. Auch darüber hatten wir schon mal gesprochen. Und an
- 5:41der Stelle müssen wir uns korrigieren. Wir hatten erzählt, dass die erste
- 5:46Sitzung vom dienstältesten Landtagsmitglied geleitet wird, bis ein neuer oder eine neue
- 5:50Landtagspräsidentin gewählt wird. Und dass das Detlef Gürt wäre. Da hatten wir
- 5:54aber einen kleinen Denkfehler. Denn er war das dienstälteste Mitglied des alten
- 5:58Landtags. Und am 6. Oktober tritt direkt der neue Landtag zusammen. Unser
- 6:02Denkfehler war kurz, dass noch die alten Abgeordneten mit dabei wären. Er
- 6:06hat aber den Wiedereinzug in den Landtag verpasst und ist am 6.
- 6:10Oktober damit gar nicht dabei. Und deshalb wird diese Ehre, diese Sitzung
- 6:13zu leiten, Eva von Angern von Die Linke zuteil. Eva von Angern,
- 6:18das ist, finde ich, auch ein bisschen verrückt, weil die ist ja
- 6:22erst 49. Also wenn man so über dienstälteste Parlamentarier spricht, auch ein
- 6:26bisschen absurd. Aber sie ist eben bereits seit 2002 Mitglied des Landtags.
- 6:30So, Marie, jetzt wird es aber Zeit, mit Leonhard und Gerolf nach
- 6:34Werben aufzubrechen. Werben, das haben wir schon gesagt, liegt ganz im Norden
- 6:38von Sachsen-Anhalt in der Altmark an der Elbe und damit auch
- 6:42am Elbe-Radwanderweg. Also schon mal super zum Radfahren. Ja, und Werben
- 6:47ist mit knapp 900 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht nur vermutlich die kleinste
- 6:52Hansestadt der Welt, sondern gehört auch zu den zehn kleinsten Städten überhaupt
- 6:56in Deutschland. In der Kernstadt wohnen sogar nur so knapp 600 Leute.
- 7:01Und trotzdem ist Werben schon länger mehr als ein Geheimtipp, weil dort
- 7:05offensichtlich ziemlich viel richtig gut läuft. Es gibt nämlich sehr viel Kultur,
- 7:09die Einwohner sind sehr zufrieden. Und wir wollten wissen, wieso. Wie machen
- 7:14die das in Werben? Ja, und genau deshalb sind Gerolf und Leonhard
- 7:18von Havelberg aus mit ihrem Tandem mit der Fähre übergesetzt, um sich
- 7:22auf der anderen Seite in Werben mit Werner Eifrig zu treffen. Er
- 7:27lebt schon seit Anfang der 70er Jahre dort, pflegt beispielsweise die Webseite
- 7:32werben-elbe.de und engagiert sich seit Jahrzehnten für den Erhalt und
- 7:37die Entwicklung von Werben. Untertitel im Auftrag des ZDF 2021. Wir gehen
- 7:46jetzt erst mal aufs Elbtor, wenn es recht ist. Sehr gerne! Ich
- 7:49hab den Schlüssel organisiert. Dann kann man von oben schön auf die
- 7:53Stadt gucken und dann schauen wir mal, was wir quatschen wollen. Dann
- 7:57gehen wir jetzt mal da hoch. Ja, hier lang. Da wollt ihr
- 8:05euch auch klar dafür? Ja, das ist gut. Wir sind hier
- 8:08gelandet. Meine Frau stammt aus der Altmark. Das war nicht so sehr
- 8:12weit weg. Hier stehen wir jetzt vor dem interessanten Elbtor. Ja, dann
- 8:16gehen wir jetzt mal hoch. Sie hat uns zugesagt, hier, dass wir
- 8:20die Gärtnerei übernehmen wollen. Dann bin ich halt mit in die Altmark.
- 8:23Dann hab ich die Gärtnerei bis zur Wende da geleitet. Dann hab ich drei Jahre
- 8:27Schluss gemacht an der Gärtnerei. Wir haben dann hier einen Blumenladen
- 8:30uns aufgebaut und haben dann im Prinzip nur noch verkauft. Das heißt, das, was Sie damals gemacht
- 8:34haben, was Sie da aufgebaut haben, das lief diese Zeit wunderbar.
- 8:38Und würde aber jetzt nicht mehr laufen. Das würde nicht mehr laufen.
- 8:40Hat sich alles geändert. Hier gibt es noch ein bisschen Landwirtschaft, zwei
- 8:45drei Betriebe. Es gibt noch ein paar Handwerker. Geschäfte gibt es im
- 8:49Prinzip nur noch den Fleischerladen und natürlich ja den Einkaufsmarkt. Zum Glück
- 8:54dass es den gibt. Ja, ein Friseur, ein Blumenladen, das war's im
- 8:57Prinzip schon. Ja, und an manchen Häusern stehen so Schilder dran: Erhalt
- 9:03vor Neubau. Also allein hier hab ich jetzt zwei gesehen. Das ist
- 9:07die Initiative des Arbeitskreises Färbener Altstadt, dass wir Leute ansprechen wollen, dass
- 9:12man die alten Häuser erhalten soll und nicht abreißen soll, sondern die
- 9:17Häuser sanieren. Dieses Haus zum Beispiel war eigentlich auch dem Abriss nahe,
- 9:23ganz nahe sogar. Und dann ist eine Familie aus Berlin gekommen,
- 9:27die ich überzeugt habe, im Prinzip. Warum hab ich sie überzeugt? Weil
- 9:31das da oben meine erste Wohnung war. Und die haben wirklich dieses
- 9:35Haus saniert, ganz hervorragend saniert, muss ich sagen. So sah das Haus
- 9:39im Prinzip auch wirklich früher aus. Und wenn die fertig sind, dann
- 9:43kriegen die so ein Schild, wenn man das gemacht hat. Genau, genau.
- 9:45Das sieht man hier an vielen Häusern, wo zum Beispiel diese Häuser
- 9:50saniert worden sind oder die während der Sanierung jetzt irgendwo stehen, dass
- 9:55da noch gebaut wird. Dann zeigt man den Fremden, die hierherkommen, den
- 10:00Touristen: Aha, hier wird was getan für den Erhalt der alten Häuser.
- 10:05Denn mit diesen Häusern fällt und steigt das Ansehen von Werben. Wenn
- 10:09ich hier noch mehr Häuser abreiße, auch weil sie leer stehen und
- 10:12die nicht erhalte, dann ist irgendwann zu Ende. Dann kommt hier keiner
- 10:16mehr her. Wir haben ja auch schon viele Häuser als Verein Arbeitskreis
- 10:20Färbener Altstadt einfach notgesichert, wo jetzt kein Eigentümer da ist. Dann
- 10:25haben wir, wenn es durchgeregnet hat, Dachsteine runtergenommen, haben erst mal Blechplatten
- 10:30draufgelegt, dass es erst mal trocken bleibt, das Haus, um es dann
- 10:34irgendwann zu verkaufen. Jetzt schwärmen Sie ja total. Ja, man muss ja
- 10:39schwärmen. Man muss auch gute Laune verbreiten, damit ja noch mehr Leute
- 10:43herkommen. Wir brauchen Zuzug. Leute, kommt nach Werben, hier gibt es viele
- 10:47Häuser. Werben für Werben, ja. Wir werben für Werben, ja. Wir haben
- 10:51es ja schon gesagt. Werben hat nur noch knapp 900 Einwohnerinnen und
- 10:54Einwohner. Davon leben etwa 600 in der Kernstadt. Circa 16 Prozent der
- 10:59Menschen sind seit der Wiedervereinigung weggezogen. Eine Zeit lang haben noch Leute
- 11:03aus den umliegenden Städten Häuser in Werben gekauft. Die waren immerhin gut
- 11:07gelegen. Es gab viel schönes Fachwerk und viele gute Leute. Das war
- 11:11noch verhältnismäßig günstig. Besonders wichtig für Werben sind jedoch Menschen, die aus
- 11:15Berlin, Magdeburg oder vielleicht auch Hamburg kommen und Werben für sich entdecken
- 11:20als Wochenendhaus oder auch in Zeiten von Homeoffice als feste Basis. Ja,
- 11:24aber natürlich kann sich auch Werben nicht so ganz abkoppeln von allgemeinen
- 11:28Entwicklungen wie Landflucht. Das Bauen ist auch in der Altmark sehr teuer
- 11:34geworden. Aber vorbeischauen wollen trotzdem viele. Durch den Elbe-Radweg und die
- 11:39Straße der Romanik funktioniert der Tourismus in Werben tatsächlich ganz gut. Es
- 11:43ist ja auch wirklich schön da. Es gibt einen wirklich gut erhaltenen
- 11:47historischen Stadtkern, so ein mittelalterliches Stadttor. Und wie schon gesagt, viele Fachwerkhäuser,
- 11:52ein Rundfunkmuseum, ein Freibad. Und für alle Tierliebhaber, es gibt dort Störche.
- 11:56Ja, und ich hab mal auf der Stadtwebseite nachgesehen. Es gibt zwei
- 12:00Gaststätten, ein Bistro am Schwimmbad während der Badesaison und ein Café. Das
- 12:05ist, finde ich, für so einen kleinen Ort gar nicht so schlecht.
- 12:09Und davon profitiert Werben ungemein. Das hat Werner Eifrig auch unseren beiden
- 12:14Tandemkollegen erzählt. Ja, die Gaststätten leben natürlich vom Tourismus. Die Beherbergungsbetriebe leben
- 12:20vom Tourismus. Da gibt es ja auch ein Jahr, da sind wir
- 12:23gut versorgt, muss ich sagen. Gaststätten, wir haben ja jetzt durch den
- 12:27Verein Arbeitskreis Werben eine Altstadt, da in der Kirche dieses Café Lempel.
- 12:31Dieses Haus hat ja der Verein saniert oder ist noch dabei zu
- 12:36sanieren. Unten ist ein wunderschönes Café drin, so im ländlichen Biedermeierstil, sagen
- 12:41wir. Die Badeanstalt profitiert vom Tourismus. Da ist ein wunderschöner Campingplatz da
- 12:46draußen. Das ist ein Freibad, sagen wir mal hier im Volksmund. Okay.
- 12:50Alles klar, das ist ein Freibad. Ja, was mal mit vereinter Kraft der Leute hier von Werben ausgebuddelt wurde.
- 12:56Die sowjetischen Freunde haben damals mitgeholfen, mit einem Panzer und Schiebepanzer haben die Grube ausgehoben.
- 13:01Es wurde alles per Hand hergestellt. Ich hätte auch mal noch eine
- 13:05Frage. Ach ja? Ja, und zwar, wir haben ja über ein paar
- 13:09Projekte schon gesprochen. Sie haben eben gesagt, obwohl Werben so klein ist,
- 13:12gibt es hier so viele Initiativen und so viele engagierte Leute. Sind
- 13:16das so die Sachen, die Werben so lebenswert und so schön machen?
- 13:20Ja, was macht Werben lebenswert? Auf jeden Fall erst mal rundherum die
- 13:25intakte Natur, muss ich echt sagen, die Werben lebenswert macht. Das ist
- 13:30immer wieder wunderschön, wenn Sie hier auf dem Deich spazieren gehen und
- 13:34sehen die intakte Natur. Ja, wie gesagt, die Vereine, die das Leben
- 13:39hier die Leute zusammenhalten. Der eine geht zum Sportverein, der andere geht
- 13:44zum Arbeitskreis Werbener Altstadt, der andere geht zum Schützenverein. Also wir haben
- 13:48über 20 Vereine hier in Werben, größer oder kleiner, je nachdem. Das
- 13:53ist das, was auch das Leben hier so interessant macht. Und ja,
- 13:57man kennt sich hier, man begrüßt sich jeden Tag. Guten Morgen ist
- 14:01normal, wenn man sich sieht. Gerade der Verein Werk und Wiese, der
- 14:05jetzt übrigens in der Gärtnerei sich da angesiedelt hat, die versuchen auch
- 14:10jetzt gewaltig, die Werben da gerade mit reinzunehmen. Die veranstalten Events, die
- 14:15veranstalten ein Osterfeuer. Wir legen großen Wert, dass auch jetzt die Werben
- 14:20da immer mit eingebunden werden. Was vielleicht am Anfang auch mal bei
- 14:25einigen noch schiefgelaufen ist, dass sie unter sich bleiben wollten, aber jetzt
- 14:30kommt das Zusammenwachsen, passiert jetzt gerade. Würden Sie sagen, also es klingt
- 14:35für mich so, jeder Werbener macht irgendwas. Bei 20 Vereinen, bei 600
- 14:39Leuten, das klingt so, als wäre jeder hier aktiv und hätte seine
- 14:43Projekte hier. Jeder? Nicht jeder ist aktiv, aber ich würde mal
- 14:47sagen, bestimmt 80 Prozent sind im Verein irgendwo. Ich finde, wenn man
- 14:51da so jemanden von schwärmen hört, das bringt einem das irgendwie auch
- 14:55näher, so ein Stück weit. Weil es gibt, glaube ich, Menschen, die
- 14:58denken, ich könnte nie in einem Ort leben, genau andersrum, der nur
- 15:02600 Einwohner hat, da sterbe ich vor Langeweile. Und dann merkt man
- 15:06immer, wenn man da hinfährt, das ist überhaupt gar nicht so. Man
- 15:10muss sich selber einbringen, dann wird das interessant. Es ist so viel
- 15:14los, auch auf so einem Lande, aber man muss einfach hingehen, denn
- 15:18dann muss ich, wie gesagt, mit einbringen. Landleben ist Landleben und Stadtleben
- 15:23ist Stadtleben. Dafür hat man ja seine Ruhe. Die viele mögen ja
- 15:28sicherlich manche nicht, aber in Junkies sieht man das anders. Aber hier
- 15:32kommen Leute aus Berlin, die sind jedes Mal froh, wenn sie endlich
- 15:37wieder hier sind und hier ein Ding machen, ob wenn sie ein
- 15:41Haus sanieren oder sich im Verein irgendwo einbringen. Ach, endlich wieder hier
- 15:46in Werben. Und das reißt eigentlich nicht ab. Die kennen wieder andere
- 15:51und bringen wieder andere Leute hier mit her und sagen, guck mal,
- 15:55hier, wie schön das hier ist. Da vorne haben sie natürlich wieder
- 16:00ihre Pizza-Bude, wo sie essen gehen können. Sollen wir mal rumgehen?
- 16:04Ja, ja, geht doch. Vielleicht, wenn man nicht trainiert ist, ist das nicht
- 16:13so schlimm. Hier durch den engen Turm hoch an die enge Treppe.
- 16:19Das ist unser kleines Werbner Heimatmuseum. In der Mitte sehen wir ein
- 16:30abgebildetes Monät des Werbner Stadtkerns, wie er früher mal in der Mittelalter
- 16:36ausgesehen hat, mit einer Stadtmauer, die um die ganze Stadt herumging, mit
- 16:41den Elben. Ah, das ist das Monatort, ne? Ja, ja. Mittig im
- 16:47Prinzip sagen wir die St. Johanniskirche. Hier der Marktplatz mit dem Badehaus,
- 16:52die Stadttore, fünf, sechs Stadttore, kleiner oder größer. Das letzte ist hier
- 16:58das Elbtor, wo es runter zur Elbe geht. Das ist ein Werbner
- 17:04Haus. Werbner hatte man auf der Zeichnung gesehen, noch mal zwei Rathäuser,
- 17:08ein Fachwerk-Rathaus und ein Backstein-Gemauertes Rathaus. Das stand hier, wo
- 17:16jetzt die... Deswegen heißt diese Straße, die hier langgeht, die Hinterstraße,
- 17:20weil die erst hinter dem Rathaus anfing. So erfährt man das nachher.
- 17:25Gehen wir erst mal hoch. Es geht noch weiter. Na ja, sehr
- 17:30lange nicht erhoben. Wir wollen noch mal einen Überblick über die Stadt
- 17:35machen, wenn es um die Storchennetze geht. Das ist jetzt die dritte
- 17:39Treppe. Und so langsam braucht Gerolf auch seine strammen Radlerwaden. Was? Ich
- 17:46hab das nicht verstanden. Die Wächter, die muss hier in den Flur
- 17:50rum runter. Ja, dann suchen wir mal eine Aussichtsplattform. So, wir kommen
- 17:58auf den Aussichtsturm zu einer Aussichtsplattform. Gleich können wir über Werbensee und
- 18:03ins Storchennest mit zwei Störchen. Ah ja, das ist der Blick ins
- 18:12Storchennest. Das ist das Storchennest. Wir sagen dazu das Elbtor-Storchennest. In
- 18:19diesem Storchennest kommt der erste Storch immer schon Ende Februar. Meistens ist
- 18:26es die Störchin. Und der Storch kommt dann meist drei Wochen später.
- 18:30Was wir hier sehen, sind zwei Junge, die jetzt flücken, die
- 18:34jetzt das Fliegen lernen. Unsere beiden Kollegen Leonard und Gerolf werden jetzt
- 18:50auch flücken. Die wollen noch ein bisschen weiter mit ihrem Tandem die
- 18:54Umgebung um die Wische erkunden. Dieser Begriff Wische ist jetzt schon ein
- 18:59paar Mal gefallen. Weißt du, was das bedeutet? Ich weiß zumindest, dass
- 19:03dieser Bereich um die Elbe so heißt. Aber ich könnte dir nicht
- 19:06erklären, warum. Aber ich weiß, dass es eine Wische ist. Du liegst
- 19:10damit gar nicht so falsch. Es geht um die Landschaft rings um
- 19:13Werben, weite Wiesen, Gräben entlang der Elbe, sehr viel Wasser. Urstromtal nennt
- 19:19man das. In genau diese Richtung radeln die beiden weiter, vorbei am
- 19:23Rathaus, in dem es auch eine kleine Bibliothek gibt. Einmal die Woche
- 19:27hat die offen. Es gibt auch ein Einwohnermeldeamt. Dort halten auch einige
- 19:32Vereine regelmäßig ihre Sitzung ab. Und am Ende ihrer Tour, da machen
- 19:37sie natürlich auch eine Pause mit Kuchen. Absolut! Ich bin mir zumindest
- 19:41sehr sicher, dass es Kaffee und Kuchen gab. Sie machen nämlich Halt
- 19:45im Café Lempel. Dort sind sie verabredet. Ich bin Sabine und ich
- 19:54mache zusammen mit Marc, der ja da drüben sitzt, das Café Lempel.
- 19:59Ja, ein schönes altes Gebäude, saniert. Wir haben das vor anderthalb Jahren
- 20:06jetzt übernommen, sind die Pächter hier und machen das. Nach Werben gekommen
- 20:12sind wir eigentlich über einen Umweg. Weil hier kommt man manchmal nur
- 20:17auf Umwegen hin. Wir waren auf der Rückreise von Brühl nach Köln,
- 20:23also von Brühel nach Köln, nicht von Brühl nach Köln. Das wären
- 20:27ja nur fünf Kilometer. Also von Mecklenburg-Vorpommern nach Köln und wollten
- 20:31über Land fahren, durch die Altmark, und wollten hier eigentlich auf den
- 20:35Campingplatz Station machen. Dann fuhr die Fähre in Rebel damals nicht. Ich
- 20:40wollte aber unbedingt Fähre fahren. Und da sind wir über die Fähre
- 20:44in Sandau gefahren. Auf der Fähre in Sandau hing ein Plakat, da
- 20:48ist eine Fotoausstellung in Werben. Dann haben wir gesagt, müssen wir mal
- 20:52nach Werben gucken. Dann hat es uns hier so gut gefallen, dass
- 20:56wir eigentlich fast gleich da geblieben sind. Das ist die kurze Version.
- 21:00Was war denn das Besondere, als ihr nach Werben gekommen seid? Es
- 21:04hat angefangen zu regnen, dann sind wir im Café Lempel gestrandet. Und
- 21:10alles war so schön und alles war so nett. Die Leute waren
- 21:14so nett, die Stadt hat einen wirklich so umarmt. Deshalb sind wir
- 21:22dann relativ zügig wieder hergekommen. Da war Biedermeiermarkt und dann haben wir
- 21:28uns entschlossen, hier zu bleiben. Und wer bist du? Ich bin Elisabeth.
- 21:32Ich bin seit 20 Jahren jetzt schon hier und bin als Kind
- 21:38hier gewesen. Meine Großeltern stammen von hier oder meine Mutter auch. Dann
- 21:42bin ich vor 20 Jahren hierher gekommen. Jedes 2. Haus stand leer.
- 21:48Und habe meiner Großmutter noch geholfen, hier ein Jahr leben zu können.
- 21:54Die war sehr krank. Und eines Tages stand jemand vor der Tür
- 21:59und sagte, hast du nicht Lust, hier ein bisschen zu flanieren über
- 22:04einen Biedermeiermarkt, den sie hier angefangen haben zu installieren. Und eigentlich ist
- 22:12die Story anders. Die haben mein Nachbarhaus entrümpelt. Das ist nämlich halb
- 22:16zusammengebrochen gewesen oder war kurz vor dem Zusammenbrechen, sollte auch abgerissen werden.
- 22:20Und dann bin ich einfach rüber und habe mitgemacht, weil es mir
- 22:24ein bisschen langweilig wurde in dem Jahr. Dann war ich fasziniert von
- 22:27den Menschen und was die hier so bewegen und bin geblieben. Wenn
- 22:31man so durchs Schwärmen geht, dann hat man ja das Gefühl, dass
- 22:34eigentlich jeder engagiert ist in ungefähr 10 Vereinen gleichzeitig. Also irgendwie gibt
- 22:40es fast niemanden, der so nicht sagt, dass er irgendwas macht. Was
- 22:44glaubt ihr, wie kommt das zustande, dass die Leute hier so doll
- 22:48engagiert sind für ihren Ort? Ich glaube, die Leute lieben einfach ihre
- 22:52Stadt und wollen dafür was tun und empfinden diese Stadt schon so
- 22:56als kleines Paradies. Und niemand will sich dieses Paradies von außen irgendwie
- 23:01wegnehmen lassen. Und wissen schon ganz genau, dass so was aber auch
- 23:05erkämpft oder zumindest erarbeitet werden will. Und dann ist halt jeder in
- 23:09dem einen oder anderen Verein aktiv. Also es gibt ja auch sehr
- 23:13sehr unterschiedliche Vereine, angefangen vom Schützenverein, von der Freiwilligen Feuerwehr, vom AWA,
- 23:20vom Kulturverein, vom Gymnastikchor, vom Sportverein. Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden
- 23:26vergessen. Es gibt sicher noch viel mehr. Es gibt sehr viele. Nein,
- 23:31es ist ja auch so, dass an manchen Wochenenden sich Veranstaltungen auch
- 23:35schon doppeln, wo man wirklich sich entscheiden muss, auf welche Hochzeit man
- 23:40tanzen will. Was ist AWA, hast du eben gesagt? Das ist der
- 23:45Arbeitskreis Werbender Altstadt. Ich glaube, ich suche auch so ein bisschen nach
- 23:49dem Geheimnis von Werben. Wie haben wir das geschafft, diese kollektive Stimmung
- 23:55zu erzeugen, dass alle irgendwie so sagen, wir machen halt einfach. Und
- 24:00irgendwie damit geht es uns viel besser. Ich glaube, dass es vielen
- 24:05tatsächlich so geht wie uns oder auch gegangen ist. Ich glaube, wir
- 24:09sind eine der Letzten, die hier angekommen sind, die tatsächlich finden, dieser
- 24:14Ort ist erhaltenswert. Und wir bleiben hier und wir starten hier was
- 24:19und kommen von außen, um Sachen zu erhalten. Ich glaube, es gibt
- 24:24hier ganz viele kleine Keimzellen. Vor 20 Jahren sagte mein Vater zu
- 24:29mir, was willst du denn in Werben? Jeder, der bis 13 konnte,
- 24:34ist weg. Vor 20 Jahren waren die Keimzellen noch so klein, dass
- 24:40man sie nicht sofort auf den ersten Blick gesehen hat. Aber sie
- 24:42waren immer da. Und ich meine damit die Menschen, die Bock hatten,
- 24:46irgendwas daran zu verändern oder sich ein schönes Leben aufzubauen und zu
- 24:50bleiben. Und diese sind jetzt sichtbar. Diese Zellen sind einfach gewachsen und
- 24:54sind sichtbarer auch für Externe wie euch. Finde ich, dass man das
- 24:59fühlen kann oder wie euch. Das ist eigentlich das ganze Geheimnis. Es
- 25:03war da und jetzt ist es sichtbar. Und ich glaube, das geht
- 25:09anderen Orten genauso. Es gibt auch hier Leute, deren... Hallo?
- 25:16Die noch heute sagen, in Werben ist nichts los. Ja, es gibt
- 25:22es. Es ist ein typisch... Man hört ja eigentlich nur Negativstimmen.
- 25:26Die hört man immer ganz deutlich. Die Positiven sind eher in der
- 25:30Minderzahl, weil man die mit in sich trägt. Das glaube ich, ist... 00:26:38.000 --> 00:26:42.000 Das Geheimnis: Man hört als Mensch zu sehr auf die negativen Stimmen.
- 26:43Stiftet es auch so einen Zusammenhalt unter den Menschen, die es zusammen anpacken und die Stadt gestalten? Oder ist das auch viel umstritten?
- 26:49Es ist immer wieder eine Herausforderung, ohne Frage. Also, Zusammenhalt ist ja eine ganz philosophische Frage.
- 26:54Menschen sind Individualisten, und jeder hat seine eigene Denkweise. Der eine denkt sehr historisch und der andere nicht.
- 26:58Es sind alles auch private Anwesen hier, sodass es sich nicht ausschließt, den Zusammenhalt zu stabilisieren.
- 27:03Wenn man das richtig oder gefühlt gut angeht, dass die Menschen miteinander kommunizieren und sagen: „Mensch, wie hast du das gemacht?“
- 27:06Oder einen Austausch geraten. Mit der Digitalisierung ist der Austausch auch noch größer möglich.
- 27:14Dann kommt aber auch der Part, der sich dafür nicht interessiert, und der will auch mitgenommen werden.
- 27:19Es ist eine ziemlich große Frage. Ja, wir sind ja jetzt nicht nur in Werben, wir sind auch rumgefahren, haben auch in anderen Orten mit Leuten gesprochen.
- 27:25Aus meiner Wahrnehmung habe ich so das Gefühl gehabt, dass an anderen Stellen keine positive Perspektive zu spüren war.
- 27:30Aber ich nehme so einen Unterschied wahr: Hier sind positive Möglichkeiten irgendwie im Raum.
- 27:34Das zieht an. Wenn ich noch ergänzen kann, selbst diese Geschichte von
- 27:37Es werden vielleicht Häuser gekauft, die leer stehen und saniert. Hier sind ja auch Leute aus Berlin zum Teil.
- 27:43Aber hier ist das eine schöne Story geworden für die meisten oder so gestrickt, dass das ganz gut funktioniert.
- 27:49Das habe ich den Eindruck von den Gesprächen hier. Das hast du ja überall. In der Altmark hast du es auch, den Grundsatz Pessimismus generell.
- 27:54Eine Freundin ist hier mal hergezogen und wieder weggezogen. Das hast du auch.
- 27:58Die hat gesagt, sie ist morgens ausgeritten, trifft eine Dame auf der Straße und sagt: „Ach, die Sonne scheint heute so schön.“
- 28:03Und die Antwort war: „Ja, morgen soll es wieder regnen.“
- 28:07Das war ihre Begründung für: „Ich gehe weg hier. Ich halte es nicht mehr aus.“
- 28:11Und was mir halt auffällt, ganz persönlich, ich habe hier das Gefühl, ich kann hier wirklich frei sein und
- 28:16frei agieren und Ideen verwirklichen. Da gibt es irgendwie gar keine Grenzen oder Schranken, weil man hier einfach so viel Platz hat.
- 28:23Was ist denn das Beste und was ist das Schlechteste daran, in so einem kleinen Werben zu leben?
- 28:27Das ist leider eine total schwere Frage. Was ist denn das Beste?
- 28:30Das Beste ist natürlich, dass man seine Ruhe hat, wenn man sie haben will. Dann kann ich jetzt hier nichts tun.
- 28:35Ich kann jetzt auch gar nichts so sagen. Für mich ist das hier ein bisschen so ein Sehnsuchtsort.
- 28:39Vielleicht auch so ein bisschen Kindheitsreenactment. Man kommt hierher und es ist so viel Natur hier, dass es überwältigend ist.
- 28:44Man sieht bis zum Horizont. Man hat so viel Wasser, man hat so viele Tiere, die man sonst nicht sieht.
- 28:50Und das war tatsächlich so: So muss es sein. So möchte ich leben. Hier möchte ich sein.
- 28:57Das war das, was die Wische ausgemacht hat für mich. Ich habe mich auch gefragt, was macht für mich diese Landschaft hier besonders?
- 29:03Ich war auch in anderen sehr dünn besiedelten Regionen, in der Börde unterwegs zum Beispiel oder in Nordnorwegen oder irgendwo.
- 29:08Ich finde trotzdem hat die Altmark, besonders in dieser Ecke, etwas ganz Besonderes, was ich total schwer zu greifen finde.
- 29:12Aber ich finde, sie hat eine ganz andere Ausstrahlung. Das liegt nicht nur daran, dass sie nicht so dicht besiedelt ist.
- 29:16Und auch nicht nur daran, dass es weiter gibt. Es hat etwas ganz Spezielles, was so etwas in mir anklingen lässt.
- 29:20Aber ich finde es total schwer zu beschreiben. Was habt ihr für eine Perspektive? Habt ihr eine Idee davon, wie das hier in 10 Jahren in Werben in der Wische sein wird?
- 29:25Was sich hier getan haben wird? Wird sich was getan haben?
- 29:30Auf jeden Fall. Wir haben ein neues Projekt vor. Oh ja, das stimmt.
- 29:36Meine Vision ist, man kommt langsam in das Alter. Man ist 20 Jahre hier, war selber 30, als man herkam.
- 29:41Jeder kann sich ausrechnen, was ich jetzt für ein Alter habe. 31.
- 29:46Jetzt müssen wir etwas definitiv gefühlt für die Generation machen, die kommt.
- 29:51Unser Enthusiasmus, den wir hier eingebracht haben all die Jahre, der muss jetzt umschlagen in: Nehmt die Jugend mit.
- 29:56Das ist jetzt der neue Ansatz, den wir vom Verein, vom Arbeitskreis Werben in der Altstadt verfolgen.
- 30:01Dass wir versuchen, unser Wissen und unsere Leidenschaften zu zentrieren. Und zwar an diesem Gebäude da.
- 30:06Genau, mit Werkstätten und Ideenschmieden, würde ich es mal so nennen.
- 30:12Möglichkeiten, wo man sich entfalten kann. Und zwar so offen, dass es sichtbar ist.
- 30:16Dass man ein Fenster aufmachen kann und den einen oder anderen von den jungen Leuten inspirieren kann, mitzumachen.
- 30:22Dass wir noch mal ein Stück weit, was ich zu Anfang gesagt habe, diese Sichtbarkeit der Keimzelle, dass sie noch sichtbarer wird.
- 30:27Wo sind die ganzen Ideen, kreativen Leute? Und was kann ich von ihnen abschnappen?
- 30:32Ich reise auch gerne, ich suche mir die Leute, die Ideen hatten und gucke, es ist schon alles mal irgendwie da gewesen.
- 30:36Und das dann weiterzugeben, das wäre eine gute Sache.
- 30:41Dass du weißt, wenn du einmal in dem Alter bist, wo unsere Vorgänger, die das alles ein bisschen initiiert haben,
- 30:46zumindest diesen Erhalt der Gebäude, wo sich jetzt auch gerade so ein Generationswechsel ist,
- 30:51dass wir rechtzeitig jetzt an die Leute rangehen, die hier digital groß werden.
- 30:56Das ist meine große Sorge, dass diese digitale Welt uns ein bisschen das Handwerkliche nimmt.
- 31:02Das, was hier in einem so entlegenen Ort wichtig ist, dass man anfasst, dass man mitmacht,
- 31:06dass man das nicht vom Handy aus erledigt. Aber es ist ja nicht so, dass hier nichts geht.
- 31:10Ich glaube, die Handwerker, mit denen man sich unterhält, die haben alle gut zu tun.
- 31:15Und es gibt eine Menge Leute, die einen guten Laden haben und verzweifelt jemanden suchen, der die Nachfolge übernimmt.
- 31:20Und nicht verwittert sind, aber schon die eine oder andere bittere Träne verdrücken,
- 31:25weil sie niemanden finden, der ihr Herzblutding weitermacht.
- 31:30Da wären wir an dem Punkt: Wie können wir das weitergeben an Leute,
- 31:34die sagen: „Einfach mal machen und ausprobieren.“ Und da ist die Chance.
- 31:38Das ist, glaube ich, das Mindset, das man halt finden muss. Oder das muss im Kopf passen,
- 31:43dass jemand sagt: „Ja, guck ich aber mal.“
- 31:47Ist natürlich keine Hängematte, klar. Also, es ist immer mit Arbeiten verbunden.
- 31:52Arbeiten kannst du hier richtig viel. Wir brauchen einen Bäcker, wir brauchen eine Kieserei.
- 31:58Das hätte ich total gerne. Ich hätte gerne solidarische Landwirtschaft. Oder genau, solidarische Landwirtschaft.
- 32:04Wir brauchen noch einen Laden. Jeder baut hier sein Zeug selber an. Wieso soll man das nicht bündeln?
- 32:09Dann kann man das irgendwie lokal verkaufen. Es gibt doch echt so viele Möglichkeiten.
- 32:15Man muss es nur tun. Attacke!
- 32:17So, Georg, die Fähre fährt schon wieder von Rebe auf die Habelberger Elbseite.
- 32:21Wir sind also am Ende unserer Tour. Wir waren in der Wische unterwegs und hatten verschiedene Fragen dabei.
- 32:25Wie geht es dir gerade? Was ist dein Fazit?
- 32:30Mir geht es gut. Ich finde, wir haben viel rausgefunden, dafür dass wir nur einen Tag hier waren.
- 32:35Von einer Ecke, von der ich überhaupt kein Bild hatte, habe ich jetzt schon ein ziemlich plastisches Bild.
- 32:40Wir haben mit vielen Leuten gesprochen, wir haben lang gesprochen, wir haben viel angehört, viele Fragen gestellt.
- 32:45Ich finde es toll. Ich finde, die Wische ist mir sympathisch.
- 32:50Du hast eben gesagt, du hast dich ein ganz bisschen verliebt in diesen Ort.
- 32:55Das muss man mal romantisieren, sagen. Ich kann das verstehen, weil auch mir geht es irgendwie so.
- 32:59Es hat mich sehr erfüllt, einmal die Landschaft und diese Schönheit,
- 33:04aber auch einige Menschen, die sich mit so einer Wärme einsetzen für ihren Ort und hierfür so brennen.
- 33:09Und so eine angenehme Energie einfach dabei ausstrahlen. Das hat mich gerade schon irgendwie...
- 33:14Klar, das ist jetzt auch sehr subjektiv, aber es war schon schön.
- 33:19Es hat mich gerade schon auch sehr krass, das kennenzulernen.
- 33:24Man hat das Gefühl, die haben vor einem Hintergrund, der nicht einfach ist.
- 33:30Gibt es Leute dort, die so eine positive Ahnung von Zukunft haben, so ein positives Bild?
- 33:35Und so etwas finde ich immer sehr kraftvoll. So, wie Sie das auch gesagt haben,
- 33:39so etwas steckt halt an, vielleicht gerade dann, wenn so etwas eher rar gesehen ist.
- 33:44Und das kam jedenfalls so rüber. Und ich glaube, so wie eine Entdeckung von Gestaltungsspielraum.
- 33:49Man ist irgendwie auch in schwierigen Situationen nicht einfach nur ausgeliefert,
- 33:54sondern man kann irgendwie was machen. Und es entstehen Dinge.
- 33:58Dann kommen sogar andere Leute, die machen was mit.
- 34:02Das zieht halt oft. Total, ich stimme total zu.
- 34:06Das war auch das, was mich gerade so gekriegt hat.
- 34:10Und ich bin auch dankbar und beeindruckt davon, wie sehr die Menschen uns erlaubt haben, daran teilzuhaben.
- 34:14Als so zwei Menschen, die fremd sind, die das erste Mal sehen, die irgendwelche Fragen stellen.
- 34:19Weil es war nicht nur die Infos, die wir bekommen haben, es war auch so ein Einblick in dieses Gefühl dazu.
- 34:24Und das fand ich echt besonders. Und Katja, nächster Ausflug oder Urlaub mal in Werben?
- 34:30Ah, in Werben! Also, ich war schon mal in Werben. Das war sehr schön.
- 34:34Ob ich jetzt den ganzen Urlaub da verbringen würde, weiß ich nicht.
- 34:39Aber tatsächlich habe ich während dieser Reportage über Fahrradtouren, das habe ich früher relativ häufig gemacht.
- 34:44Ich war auch ein Stück mal auf dem Elbe-Radweg unterwegs oder eben so um die Müritz drumherum.
- 34:48Das ist eigentlich sehr schön. Seit ich ein Kind habe, haben wir das nicht mehr so richtig gemacht,
- 34:52weil die halt relativ langsam unterwegs sind. Und da bietet sich das nicht so an.
- 34:56Ist das auch was für dich, so Fahrradtouren, Fahrradurlaub?
- 35:01Also, Fahrradfahren mache ich schon gerne, aber ich bin jetzt nicht so die Maus, die erst mit dem Auto fünf Stunden rausfährt,
- 35:06um dann an einen geilen Spot zu fahren. Ich müsste das schon easy von Leipzig aus bewältigen können,
- 35:10um dann abends wieder zurückzukommen oder so.
- 35:14Aber klar, wenn ich da in der Nähe wäre, dann kann ich mir wahnsinnig gut eine Radtour einfach durch die Wische und nach Werben vorstellen.
- 35:18Jetzt wird zum Störche gucken nebenbei. Wenn ihr euch für Fahrräder und Fahrradtouren interessiert,
- 35:23dann hört doch gern auch mal in den detektor.fm Fahrradpodcast Antritt rein.
- 35:28Gerolf habt ihr in dieser Folge kennengelernt und Christian Bollert kennt ihr schon.
- 35:32Deswegen lohnt sich das doppelt. Ich glaube, einen extra Lieblingsort brauchen wir für diese Folge nicht.
- 35:36Wir haben so viel von schönen Orten heute gehört und vor allem auch so viele engagierte Menschen.
- 35:41Ich würde sagen, Werben auf die Eins auf jeden Fall.
- 35:45Aber wir haben noch viele weitere Folgen. Vielleicht habt ihr für diese Folge ja noch einen tollen Lieblingsort
- 35:50oder einen Fahrtenstattungstipp oder eben auch eine Heldin oder Helden des Alltags.
- 35:54Dann her damit! Schreibt uns gerne eine Mail an dazwischen@detektor.fm
- 35:58oder meldet euch bei WhatsApp. Die Nummer findet ihr in den Shownotes.
- 36:02In der nächsten Folge besuchen wir einen Helden des Alltags, den ihr uns auch schon geschickt habt, nämlich Thoralf Krüger.
- 36:06Der ist eigentlich Unternehmer, stellt aber in Magdeburg mietfrei Ateliers zur Verfügung.
- 36:11Die habe ich mir angeschaut und wollte rausfinden, warum Thoralf Krüger das macht,
- 36:15wer diese Räume nutzt und ob Magdeburg eigentlich eine gute Stadt für Kunst und Künstler ist.
- 36:20Das alles hört ihr dann nächsten Donnerstag. Bis dahin, tschüss!
- 36:24Untertitel im Auftrag des ZDF für funk