Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 291-292
Transcript
- 0:00Unterkapitel 291 Vorsicht der freien Geister in diesem
- 0:07Abschnitt gibt Friedrich Nietzsche einen praktischen
- 0:09Ratschlag für Menschen, die er als Freigeister bezeichnet.
- 0:13Ein Freigeist ist bei Nietzsche ein Mensch, der sich von
- 0:16traditionellen Zwängen, festen, religiösen Glaubenssätzen und
- 0:19gesellschaftlichen Vorurteilen gelöst hat, um sein Leben ganz
- 0:22der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis zu widmen.
- 0:25Nietzsche sagt hier, dass Menschen, die allein für die
- 0:28Erkenntnis leben. In ihrem äußeren Leben, also in
- 0:31Beruf und gesellschaftlicher Stellung, bald ein endgültiges
- 0:34Ziel erreichen werden. Sie streben nicht immer weiter
- 0:37nach oben auf der Karriereleiter, stattdessen
- 0:40geben sie sich oft mit einer kleinen Anstellung oder einem
- 0:42Vermögen zufrieden, das gerade so ausreicht, um das tägliche
- 0:45Leben zu finanzieren. Der Grund dafür ist eine
- 0:49bewusste Entscheidung zur Vorsicht, diese Menschen richten
- 0:52ihr Leben so ein, dass große Veränderungen in der Außenwelt
- 0:55sie nicht umwerfen können. Sie wollen nicht, dass zum
- 0:59Beispiel ein politischer Umsturz oder eine plötzliche Veränderung
- 1:02der Besitzverhältnisse ihr ganzes Leben zerstört.
- 1:05Deshalb machen sie sich von diesen äußeren Dingen so
- 1:07unabhängig wie möglich. Nietzsche erklärt, dass
- 1:11Freigeister ihre Energie sparen wollen, sie verwenden so wenig
- 1:14Kraft wie möglich auf alltägliche Dinge wie Geld
- 1:17verdienen, Ruhm oder staatliche Angelegenheiten.
- 1:21Ihr Ziel ist es, ihre gesamte gesammelte Kraft und gleichsam
- 1:24einen langen Atem für etwas anderes zu nutzen.
- 1:28Sie wollen tief in das Element des Erkennens Hinabtauchen.
- 1:31Das bedeutet, Sie wollen ihre ganze geistige Energie darauf
- 1:34verwenden, die Welt, die Menschen und die Zusammenhänge
- 1:37des Lebens wirklich zu verstehen, anstatt sich im Kampf
- 1:40um weltlichen Erfolg zu erschöpfen.
- 1:43Wenn sie so leben, können Sie hoffen, tief in das Wissen
- 1:46einzutauchen und vielleicht sogar auf den Grund der Dinge zu
- 1:49sehen, bei einem großen weltlichen Ereignis wie
- 1:52politischen Unruhen nimmt ein solcher Geist gerne nur einen
- 1:56kleinen Teil wahr. Er liebt es nicht, sich in die
- 1:59ganze Breite und Komplexität solcher Ereignisse zu
- 2:01verwickeln, da ihn das nur ablenken würde.
- 2:04Auch den Alltag betrachtet der Freigeist nüchtern, erkennt die
- 2:08Zeiten der Unfreiheit und Abhängigkeit, die jeder Mensch
- 2:10durchmachen muss, um zu überleben, aber er weiß auch,
- 2:14dass er ab und zu einen Sonntag der Freiheit braucht, ohne diese
- 2:19freien Zeiten, in denen er sich nur dem Denken widmen kann,
- 2:22würde er das Leben nicht aushalten.
- 2:25Nietzsche fügt hinzu, dass ein solcher Mensch in seiner Liebe
- 2:27zu anderen Menschen wahrscheinlich vorsichtig sein
- 2:30wird. Er wird vielleicht etwas
- 2:32kurzatmig in seiner Zuneigung wirken.
- 2:35Das liegt daran, dass er sich nur soweit auf die Welt der
- 2:38Gefühle und der menschlichen Blindheit einlassen will, wie es
- 2:41für seine Erkenntnis notwendig ist.
- 2:43Er muss darauf vertrauen, dass der Genius der Gerechtigkeit,
- 2:47also der Geist der fairen Beurteilung, für ihn spricht,
- 2:51falls andere ihn beschuldigen, er sei Arm an Liebe.
- 2:55Unterkapitel 292 Vorwärts in diesem sehr ausführlichen
- 3:02Abschnitt ermutigt Nietzsche den Leser, auf dem Weg der Weisheit
- 3:05mutig voranzuschreiten. Die Überschrift Vorwärts ist
- 3:09hier als direkter Appell gemeint, Nietzsche sagt, Egal
- 3:13wie du bist, nutze dich selbst als Quelle für deine
- 3:15Erfahrungen, du sollst nicht unzufrieden mit deinem eigenen
- 3:19Wesen sein, verzeihe dir dein eigenes Orn ich.
- 3:23Denn egal, welche Eigenschaften du hast, du hast an dir selbst
- 3:26eine Leiter mit 100 Sprossen. Auf dieser Leiter kannst Du zur
- 3:29Erkenntnis emporsteigen, er spricht über das Zeitalter, in
- 3:33dem man lebt, auch wenn du dich vielleicht mit Trauer in diese
- 3:36Zeit geworfen fühlst, solltest du dich glücklich schätzen, denn
- 3:40dieses Zeitalter ruft dir zu, dass du noch Erfahrungen machen
- 3:44kannst, die Menschen in späteren Zeiten vielleicht gar nicht mehr
- 3:46machen können. Du solltest es nicht gering
- 3:49schätzen, dass du früher vielleicht religiös warst.
- 3:52Ergründe genau wie du durch die Religion Zugang zur Kunst
- 3:55gefunden hast. Nietzsche meint damit, dass
- 3:58Religion und Kunst oft eng verbunden sind und man das eine
- 4:01verstehen muss, um das andere zu schätzen.
- 4:04Kannst du nicht gerade durch diese persönlichen Erfahrungen
- 4:06die langen Wege nachvollziehen, die die Menschheit früher
- 4:09gegangen ist? Nietzsche fragt sind nicht
- 4:13gerade auf dem Boden des Mann unreinen Denkens, also des
- 4:16Denkens, das noch von Mythen und Glauben geprägt war.
- 4:19Viele der herrlichsten Früchte der alten Kultur gewachsen.
- 4:23Er sagt, man muss Religion und Kunst geliebt haben wie eine
- 4:26Mutter oder eine Amme, sonst kann man nicht weise werden,
- 4:30aber man muss auch über sie hinauswachsen können, wenn man
- 4:34in ihrem Bann bleibt, versteht man sie nicht wirklich, genauso
- 4:38musst du die Geschichte kennen und das vorsichtige Spiel mit
- 4:41dem Abwägen von einerseits und andererseits beherrschen.
- 4:46Nietzsche fordert dazu auf, gedanklich zurückzugehen und in
- 4:49die Fußstapfen der Menschheit zu treten.
- 4:52Man soll den leidvollen Weg durch die Wüste der
- 4:54Vergangenheit noch einmal gehen, so lernst du am sichersten,
- 4:58wohin die spätere Menschheit nicht mehr gehen kann oder darf,
- 5:02indem du mit aller Kraft versuchst, in die Zukunft zu
- 5:04schauen und zu erkennen, wie sich die Dinge weiterentwickeln
- 5:08werden, bekommt dein eigenes Leben einen neuen Wert, dein
- 5:12Leben wird zu einem Werkzeug und einem Mittel zur Erkenntnis.
- 5:16Du hast es in der Hand, dass alles, was du erlebt hast, deine
- 5:19Versuche, Irrwege, Fehler, Täuschungen, Leidenschaften,
- 5:24Deine Liebe und deine Hoffnung in deinem Ziel aufgeht.
- 5:28Dein Ziel ist es, selbst ein notwendiges Glied in der Kette
- 5:31der Kultur zu werden. Aus dieser Notwendigkeit heraus
- 5:34kannst du darauf schließen, wie sich die allgemeine Kultur
- 5:37weiterentwickeln muss. Nietzsche verwendet hier ein
- 5:40starkes Bild. Wenn dein Blick stark genug
- 5:43geworden ist, um den Grund im dunklen Brunnen deines eigenen
- 5:46Wesens und deiner Erkenntnisse zu sehen, dann siehst du darin
- 5:50vielleicht auch die fernen Sternbilder zukünftiger
- 5:53Kulturen. Das bedeutet, durch tiefe
- 5:56Selbsterkenntnis kann man die Zukunft der Menschheit erahnen.
- 6:00Glaubst du, dass ein solches Leben mit einem solchen Ziel zu
- 6:04anstrengend und ohne Freude ist? Dann hast du noch nicht gelernt,
- 6:08dass keine Süßigkeit so süß ist wie die der Erkenntnis.
- 6:11Selbst die Wolken der Traurigkeit dienen dir dann noch
- 6:14dazu, dich zu stärken, so wie ein Euter Milch gibt, wenn das
- 6:18Alter kommt, wirst du erst recht merken, dass du auf die Stimme
- 6:22der Natur gehört hast und die Natur beherrscht die Welt durch
- 6:25Lust und Freude, das gleiche Leben, das im Alter seinen
- 6:29Höhepunkt findet, hat auch seinen Höhepunkt in der
- 6:32Weisheit. Nietzsche beschreibt dies als
- 6:34einen milden Sonnenglanz einer beständigen geistigen
- 6:37Freudigkeit beiden, dem Alter und der Weisheit.
- 6:41Begegnest du auf dem Gipfel des Lebens, so wollte es die Natur.
- 6:46Wenn dann der Tod naht, ist das kein Grund zum Zorn.
- 6:49Der Tod wird hier als Nebel des Todes beschrieben, die letzte
- 6:53Bewegung des Menschen geht dem Licht zu, sein letzter laut ist
- 6:57ein jauchzen der Erkenntnis, das bedeutet, dass für Nietzsche das
- 7:01Leben in einem Zustand höchster geistiger Klarheit und Freude
- 7:04enden sollte.