Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 5 - Der Zauberer
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter und
- 0:04letzter Teil Unterkapitel 5 Der Zauberer Zarathustra setzt
- 0:10seinen Weg durch die Berge fort, als er um einen großen Felsen
- 0:14biegt, sieht er nicht weit entfernt einen Menschen auf dem
- 0:16Boden, dieser Mensch wirft seine Arme und Beine wild umher, als
- 0:21ob er wahnsinnig wäre, und stürzt schließlich Beuchlings
- 0:24auf die Erde. Zarathustra denkt bei sich, dass
- 0:27dies wohl jener höhere Mensch sein muss, von dem er zuvor den
- 0:31lauten Notschrei gehört hat. Er beschließt nachzusehen, ob er
- 0:35ihm helfen kann. Als Zarathustra jedoch bei dem
- 0:38Mann ankommt, findet er einen zitternden alten Mann mit
- 0:41starrem Blick vor, obwohl sich Zarathustra große Mühe gibt, dem
- 0:45Mann aufzuhelfen und ihn wieder auf die Beine zu stellen, ist
- 0:48alles umsonst. Der alte Mann scheint gar nicht
- 0:51zu bemerken, dass Zarathustra bei ihm ist.
- 0:54Stattdessen blickt er sich mit sehr dramatischen, rührenden
- 0:57Bewegungen um, ganz so, als wäre er der einsamste und
- 1:01verlassenste Mensch auf der ganzen Welt.
- 1:04Schließlich, nach Vielgespieltem Zittern und Zucken, beginnt der
- 1:08alte Mann laut zu jammern, was er von sich gibt, ist ein langes
- 1:12theatralisches Klagelied, er ruft aus, dass er friert und
- 1:16niemanden hat, der ihn wärmt oder liebt, er beschreibt sich
- 1:19selbst als jemanden, der fast tot ist und von Unbekannten
- 1:22fiebern geschüttelt wird. Er klagt darüber, dass er von
- 1:25einem unheimlichen, unsichtbaren Gott gejagt und gequält wird.
- 1:30Er nennt diesen Gott einen grausamen Jäger und einen
- 1:33Henker. Der alte Mann tut so, als ob
- 1:35dieser Gott ihm tief ins Herz stechen würde, nur um ihn leiden
- 1:39zu sehen, ohne ihn ganz zu töten.
- 1:42Der Mann jammert weiter und fragt diesen eingebildeten Gott,
- 1:45was er eigentlich von ihm will, er fleht ihn an, entweder
- 1:49wegzugehen oder richtig zuzustechen.
- 1:53In seiner übertriebenen Rolle wirft er sich bildlich in den
- 1:55Staub und sagt, er wolle wie ein Hund vor diesem Gott kriechen
- 1:59und mit dem Schwanz wedeln, um seine Liebe zu erbetteln.
- 2:03Dann wieder beschimpft er den Gott als Wegelagerer und Dieb,
- 2:07er fordert, dass der Gott ihn doch einfach ganz nehmen solle.
- 2:10Nietzsche beschreibt hier keinen echten Leidenden, dieser alte
- 2:14Mann ist der Zauberer, der Zauberer ist in Nietzsches Buch
- 2:18ein Sinnbild für den Künstler, den Schauspieler und den
- 2:22Dichter. Ganz besonders meint Nietzsche
- 2:24damit den berühmten Komponisten Richard Wagner, den Nietzsche
- 2:27früher bewunderte, später aber stark ablehnte.
- 2:31Der Zauberer steht für Menschen, die tiefe Gefühle, großes Leiden
- 2:35und echte Religiosität nur vortäuschen, um eine Wirkung
- 2:38beim Publikum zu erzielen, es ist alles nur Theater, eine
- 2:42große Show, Zarathustra erkennt diese Falschheit, er kann dieses
- 2:46Schauspiel nicht länger ertragen.
- 2:49Er nimmt seinen Gehstock und schlägt mit voller Kraft auf den
- 2:52jammernden Mann ein. Er schreit ihn an, er solle
- 2:55sofort aufhören, er nennt ihn einen Schauspieler und einen
- 2:59Falschmünzer ein Falschmünzer ist eigentlich jemand, der
- 3:03kriminell falsche Münzen herstellt, hier ist es im
- 3:06übertragenen Sinn gemeint, der Zauberer stellt falsche Gefühle
- 3:10her, er lügt aus tiefstem Herzen, und Zarathustra sagt ihm
- 3:13ins Gesicht, dass er ihn durchschaut hat.
- 3:16Er droht ihm, ihn noch weiter mit dem Stock zu schlagen, wenn
- 3:18er nicht aufhört, sich so künstlich aufzuführen.
- 3:22Der alte Mann springt sofort vom Boden auf, er sagt zu
- 3:25Zarathustra, er solle aufhören zu schlagen, denn er habe das
- 3:28alles ja nur zum Spaß gespielt, solche dramatischen Auftritte
- 3:32würden eben zu seiner Kunst gehören, er wollte Zarathustra
- 3:35nur auf die Probe stellen, um zu sehen, wie er reagiert, der
- 3:39Zauberer lobt Zarathustra dafür, dass er die Täuschung so gut
- 3:42durchschaut hat. Gleichzeitig beschwert er sich
- 3:45aber über die harten Schläge. Er wirft Zarathustra vor, dass
- 3:49er seine Wahrheiten mit einem harten Knüppel durchsetzt.
- 3:52Zarathustra ist immer noch wütend und blickt finster, er
- 3:56lässt sich nicht von den Schmeicheleien des Zauberers
- 3:58einwickeln, er sagt ihm, du bist durch und durch falsch, du bist
- 4:03eitel wie ein Pfau, du spielst nur rollen, welche Rolle
- 4:07wolltest du mir denn hier vorspielen?
- 4:10Der Zauberer gibt zu, dass er die Rolle des Büssers des
- 4:13Geistes gespielt hat, ein Büsser des Geistes ist ein Mensch, der
- 4:17so tut, als würde er schwer unter seiner eigenen Intelligenz
- 4:20und seinem Wissen leiden, jemand, der seine eigenen
- 4:23Gedanken bereut und sich selbst geistig quält.
- 4:26Der Zauberer erinnert Zarathustra daran, dass
- 4:29Zarathustra dieses Wort selbst einmal erfunden hat, um Dichter
- 4:32und Zauberer zu beschreiben, die am Ende an ihrem eigenen
- 4:35falschen Wissen zugrunde gehen. Der Zauberer gibt fast schon
- 4:39stolz zu, dass er Zarathustra für einen Moment lang getäuscht
- 4:42hat. Er hat gesehen, wie Zarathustra
- 4:45Mitleid empfand und ihm helfen wollte, aber Zarathustra bleibt
- 4:49hart, er sagt, dass er vielleicht für einen kurzen
- 4:52Moment getäuscht wurde, aber dass er sich ohnehin nicht
- 4:55ständig vor Betrügern schützen will, sein Schicksal sei es nun
- 4:59einmal offen und ohne ständige Vorsicht durch die Welt zu
- 5:02gehen, aber der Zauberer, so sagt Zarathustra, muss betrügen.
- 5:07Das ist sein innerstes Wesen. Er muss immer doppeldeutig und
- 5:11falsch sein, selbst wenn er etwas zugibt, ist es weder ganz
- 5:15wahr noch ganz falsch, der Zauberer würde sich sogar noch
- 5:19schminken und künstlich herrichten, wenn er nackt zum
- 5:22Arzt gehen müsste. Alles an ihm ist Ekel und Lüge,
- 5:27da verliert der Zauberer für einen kurzen Augenblick seine
- 5:30hochmütige Art, er seufzt und wird traurig, er gesteht
- 5:35Zarathustra, dass er es selbst leid ist.
- 5:38Seine eigenen Künste ekeln ihn an.
- 5:40Er sagt, er habe sein Leben lang versucht, durch seine Kunst
- 5:44große Menschen und große Taten darzustellen.
- 5:47Er wollte das Publikum überreden, an diese Größe zu
- 5:49glauben, aber diese ständige Lüge hat seine Kraft
- 5:53überstiegen, und er ist daran zerbrochen, ergibt zu, dass
- 5:57alles an ihm eine Lüge ist. Aber dieses Gefühl des
- 5:59Zerbrechens und dieser Ekel vor sich selbst, das ist die einzige
- 6:04Wahrheit, die ihm noch geblieben ist.
- 6:07Zarathustra blickt zu Boden, er antwortet dem Zauberer, dass es
- 6:11ihn ehrt, dass er nach wahrer Größe gesucht hat.
- 6:14Aber genau diese Suche verrät auch, dass der Zauberer selbst
- 6:18nicht groß ist. Dennoch findet Zarathustra eine
- 6:21Sache gut an ihm, er ehrt den Zauberer dafür, dass er seine
- 6:25eigenen Lügen müde geworden ist und ehrlich ausgesprochen hat,
- 6:28dass er nicht groß ist in diesem einen Moment.
- 6:32Indem der Zauberer sich selbst verachtet und sich eingesteht,
- 6:35dass seine Kunst nur Täuschung ist.
- 6:37In genau diesem Moment ist er für Zarathustra ein echter
- 6:40Mensch. Er hat für einen kurzen
- 6:42Augenblick die Wahrheit gesprochen.
- 6:44Zarathustra fragt ihn dann, was er hier in seinen Wäldern
- 6:47überhaupt sucht, wen wollte der Zauberer auf die Probe stellen?
- 6:52Der Zauberer antwortet nach einer langen Pause sehr höflich,
- 6:55er sagt, er Suche den einzigen wahren, echten und einfachen
- 6:59Menschen. Er suche jemanden, der absolut
- 7:02ehrlich ist. Er suche einen Heiligen der
- 7:04Erkenntnis, einen wirklich großen Menschen.
- 7:07Er fragt Zarathustra, ob er vielleicht dieser Zarathustra
- 7:10sei, den er sucht. Zarathustra schweigt lange, er
- 7:14schließt die Augen und versinkt in sich selbst.
- 7:17Dann wendet er sich wieder dem Zauberer zu, er lächelt listig
- 7:21und sagt ihm, wo der Weg zu seiner Höhle hinaufgeht, dort
- 7:25kann der Zauberer warten und nach dem Suchen, was er finden
- 7:28möchte. Die Tiere Zarathustras der Adler
- 7:31und die Schlange sollen ihm Gesellschaft leisten.
- 7:35Zarathustra selbst wehrt jedoch ab.
- 7:37Er sagt, dass er selbst noch keinen wirklich großen Menschen
- 7:40gesehen hat, er erklärt dem Zauberer, dass die Menschen
- 7:43heutzutage die breite Masse, der Pöbel gar keinen Blick mehr
- 7:47dafür haben, was wirklich groß ist.
- 7:50Das feine Auge für echte Größe fehlt ihnen völlig, die Leute
- 7:54lassen sich leicht blenden, wenn jemand sich aufbläst und wichtig
- 7:58tut. Schreit das Volk gleich, seht da
- 8:01ein großer Mensch, ein Genie. Aber Zarathustra weiß, das ist
- 8:06nur heiße Luft, am Ende platzt dieser eingebildete Mensch wie
- 8:10ein Frosch, der sich zu stark aufgeblasen hat und die ganze
- 8:13Luft weicht aus ihm heraus. Zarathustra sagt weiter, dass
- 8:17die heutige Zeit von der ungebildeten Masse dominiert
- 8:20wird, wer in einer solchen Zeit durch pures Glück echte Größe
- 8:24sucht, ist ein Narr. Nur Narren haben bei so etwas
- 8:28noch Glück. Er fragt den Zauberer spöttisch,
- 8:31ob er ihn Zarathustra wirklich versuchen wollte.
- 8:34Mit diesen Worten verabschiedet sich Zarathustra, er ist im
- 8:38Herzen getröstet und lacht gierig in sich hinein, während
- 8:41er seinen Weg weitergeht, er lässt den Zauberer zurück, der
- 8:45nun den Weg zur Höhle antreten wird, um dort zu warten.