Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 10 - Von den drei Bösen
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04Unterkapitel 10 von den 3 bösen Zarathustra erzählt zu Beginn
- 0:10dieses Unterkapitels von einem Traum, den er am frühen Morgen
- 0:13hatte. In diesem Traum stand er auf
- 0:16einem Berg am Rande der Welt und wog die Welt auf einer Waage,
- 0:20dass er die Welt wiegt, bedeutet in diesem Zusammenhang, dass er
- 0:24den wahren Wert des Lebens und der irdischen Existenz
- 0:26beurteilt. Traditionell war es in der
- 0:29Religion die Rolle Gottes über die Welt zu richten.
- 0:33Hier übernimmt jedoch der freie Mensch, verkörpert durch
- 0:35Zarathustra, diese Aufgabe und bewertet das Leben aus einer
- 0:39rein menschlichen Perspektive. Er beschreibt seinen Traum als
- 0:43einen mutigen Segler, der geduldig und aufmerksam ist.
- 0:47Seine wache Vernunft, die an konkrete Kräfte und klare
- 0:49Tatsachen glaubt und sich nicht mit unendlichen jenseitigen
- 0:53Rätseln aufhält, hat diesen Traum heimlich gelenkt.
- 0:56In seinem Traum erschien ihm die Welt nicht als ein dunkler,
- 0:59furchteinflößender Ort oder als ein unlösbares Rätsel.
- 1:03Stattdessen bot sich die Welt ihm an wie ein voller reifer
- 1:06Apfel, der nur darauf wartet, gepflückt zu werden oder wie ein
- 1:10starker Baum mit breiten Ästen, der einem müden Wanderer einen
- 1:13Platz zum Ausruhen anbietet. Zarathustra stellt fest, dass
- 1:17die Welt in seinem Traum etwas durch und durch Gutes und
- 1:20menschliches war. Das ist ein direkter Widerspruch
- 1:23zu den Lehren vieler Religionen, die die Erde als ein Tal der
- 1:27Tränen oder als einen Ort der Sünde bezeichnen, weil ihm die
- 1:31Welt im Traum so gut und wertvoll erschien, beschließt
- 1:34Zarathustra, im wachen Zustand etwas ähnliches zu tun.
- 1:38Er möchte die 3 Dinge auf seine Waage legen, die von den
- 1:40Menschen und der herkömmlichen Moral am meisten verflucht und
- 1:44als das absolut böse angesehen werden.
- 1:47Er möchte Ihren wahren menschlichen Wert ermitteln.
- 1:50Diese 3 Dinge sind die Wollust, die Herrschsucht und die
- 1:54Selbstsucht. Nietzsche führt hier sein
- 1:57zentrales philosophisches Konzept der Umwertung aller
- 2:00Werte durch. Er nimmt Eigenschaften, die die
- 2:03Gesellschaft als Böse ablehnt und zeigt, dass in ihnen
- 2:06eigentlich die größte Lebenskraft steckt.
- 2:09Zuerst betrachtet Zarathustra die Wollust, also das
- 2:12körperliche Verlangen und die sexuelle Lust.
- 2:15Er erklärt, dass die Wollust für all jene, die den Körper
- 2:18verachten, wie zum Beispiel strenge Priester oder Asketen,
- 2:22ein schmerzhafter Stachel ist. Sie verfluchen die Lust, weil
- 2:25sie das irdische Leben ablehnen. Für die unbedachte, breite Masse
- 2:29der Menschen, die Zarathustra oft als Pöbel bezeichnet, ist
- 2:33die Wollust lediglich ein unkontrolliertes Feuer, an dem
- 2:35sie sich verbrennen, aber für die Menschen mit einem freien
- 2:38Herzen, die das Leben bejahen, ist die Wollust etwas völlig
- 2:42anderes. Für sie ist sie unschuldig und
- 2:45frei. Sie ist das irdische Glück und
- 2:48ein Ausdruck größter Dankbarkeit für das Leben im hier und jetzt,
- 2:52für die starken Menschen ist die Wollust kein Gift, sondern eine
- 2:56Stärkung des Herzens, sie ist für Zarathustra ein Symbol für
- 2:59das höchste Glück und die höchste Hoffnung, er sieht in
- 3:03der körperlichen Liebe die Möglichkeit, über sich selbst
- 3:05hinauszuwachsen und etwas Neues zu erschaffen, nämlich den
- 3:09Übermenschen. Der Übermensch ist Nietzsches
- 3:12Begriff für eine zukünftige höhere Form des Menschen, die
- 3:15alle bisherigen Schwächen und falschen Werte hinter sich
- 3:18gelassen hat. Als Zweites untersucht
- 3:20Zarathustra die Herrschsucht, also den Drang nach macht, er
- 3:24leugnet nicht, dass der Wille zur Macht auch schreckliche
- 3:27Seiten haben kann für Hartherzige und eitle Menschen
- 3:30ist sie wie eine glühende Peitsche und eine grausame
- 3:33Folter, sie wirkt wie ein Erdbeben, das alles morsche und
- 3:37hohle gewaltsam zerstört. Aber Zarathustra sieht auch die
- 3:40erhabene Seite der Herrschsucht, der Wille zur Macht ist bei
- 3:44Nietzsche die grundlegende Antriebskraft des Lebens.
- 3:47Es geht dabei nicht primär darum, andere zu unterdrücken in
- 3:51ihrer höchsten Form ist die Herrschsucht eine Kraft, die
- 3:54reine und einsame Menschen zu großer Unabhängigkeit und
- 3:58innerer Höhe aufsteigen lässt. Wenn diese macht vollkommen ist,
- 4:02verwandelt sie sich in eine glühende Liebe, die sich der
- 4:04Welt verschenken will. Zarathustra nennt dies die
- 4:08schenkende Tugend. Es ist das Bedürfnis einer
- 4:10starken, überreichen Seele aus ihrer eigenen Fülle heraus
- 4:14anderen zu geben und die Welt zu gestalten.
- 4:18Als drittes und Letztes spricht Zarathustra über die
- 4:20Selbstsucht, also den Egoismus oder die Eigenliebe, auch hier
- 4:25macht er einen sehr genauen Unterschied, er lobt
- 4:28ausschließlich die Gesunde, heile Selbstsucht, diese Form
- 4:32der Eigenliebe entspringt einer mächtigen Seele und einem
- 4:35starken, schönen und siegreichen Körper.
- 4:38Die herkömmliche Moral lehrt, dass Selbstlosigkeit gut und
- 4:42Egoismus böse ist. Zarathustra dreht dies um.
- 4:46Er argumentiert, dass die Forderung nach Selbstlosigkeit
- 4:48oft nur eine Ausrede von schwachen Menschen ist, die
- 4:51keinen eigenen Wert in sich spüren, wenn sie Selbstlosigkeit
- 4:54fordern, wollen sie die starken nur auf ihr eigenes niedriges
- 4:58Niveau herabziehen die gesunde Selbstsucht der starken hingegen
- 5:02ist wie ein Tänzer, sie ruht in sich selbst und erfreut sich am
- 5:06eigenen Dasein. Diese Freude an sich selbst
- 5:09nennt Zarathustra die wahre Tugend.
- 5:12Diese gesunde Selbstsucht wehrt sich gegen alles, was feige,
- 5:15jämmerlich und unterwürfig ist. Sie verachtet Menschen, die sich
- 5:19wie Sklaven oder gehorsame Hunde verhalten, und sie hasst die
- 5:23ständigen Kläger, die behaupten, dass alles im Leben sinnlos sei.
- 5:27Zarathustra kritisiert die Priester und Weltmüden scharf,
- 5:30weil sie die gesunde Eigenliebe als böse verleumdet haben, er
- 5:34wirft ihnen vor, ein falsches Spiel zu spielen.
- 5:36Denn in Wahrheit seien sie selbst von einem kranken,
- 5:39schwachen Egoismus getrieben, den sie nur hinter frommen
- 5:41Worten verstecken. Zarathustra prophezeit, dass
- 5:45eine Zeit kommen wird, in der all dies offensichtlich wird, er
- 5:50nennt diesen Zeitpunkt den großen Mittag, der große Mittag
- 5:54ist bei Nietzsche der Moment der höchsten Klarheit und Erkenntnis
- 5:57in der Mitte der menschlichen Entwicklung.
- 5:59An diesem Punkt wird die Menschheit erkennen, dass die
- 6:02gesunde Selbstliebe und das bejahen des eigenen Ichs.
- 6:05Der wahre Weg zur Größe sind Zarathustra sieht sich selbst
- 6:09als einen Vorboten dieses großen Mittags und ruft aus, dass
- 6:12derjenige, der das eigene Ich ehrt und die gesunde Selbstsucht
- 6:15preist, die Wahrheit spricht.