Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 11
Transcript
- 0:01Kapitel 11 das Kleingedruckte Carla hatte den Vertrag dreimal
- 0:06gelesen, bevor sie zu dem Termin fuhr und beim dritten Mal hatte
- 0:09sie das Kleingedruckte zuerst gelesen, von unten nach oben,
- 0:12weil sie wusste, dass die Wahrheit eines Vertrags immer
- 0:15unten stand, dort, wo die Schrift kleiner wurde und die
- 0:18Sätze länger an der Stelle, an der die Hand abrutscht, wenn man
- 0:21zu schnell liest. Der Auftrag selbst war sauber,
- 0:24das war das verführerische, und sie hatte es kommen sehen seit
- 0:28dem Anruf im Winter. Der eigentliche Auftrag, der
- 0:31Teil, der die Firma rettete, war ein ganz gewöhnlicher
- 0:34Liefervertrag, wie sie 100 davon unterschrieben hatte.
- 0:37Stückzahlen, Toleranzen, Liefertermine, Preise und die
- 0:41Preise waren gut, besser als gut, sie waren so kalkuliert,
- 0:44dass eine Frau, die seit 2 Jahren Verluste schnitt, beim
- 0:47Lesen etwas spürte, das sie für tot gehalten hatte, Luft.
- 0:51Das tote amerikanische Drittel, das der Zollbrief ihr aus der
- 0:54Bilanz geschnitten hatte, kam hier zurück, fast auf den Cent
- 0:58plus eine Marge, mit der man wieder atmen, vielleicht sogar
- 1:01wieder einstellen konnte. Sie hatte die Zahlen
- 1:04durchgerechnet in der Nacht am Küchentisch, und sie waren echt,
- 1:08es war keine Falle in den Zahlen, die Falle war woanders,
- 1:12die Falle war eine zweite Anlage, geheftet an den
- 1:15Liefervertrag mit einem eigenen Titel, der freundlich klang
- 1:18Vereinbarung über eine Standortpartnerschaft.
- 1:21Und in dieser Anlage standen die 3 Dinge, von denen die Stimme am
- 1:25Telefon gesprochen hatte, als seien sie Nebensache, eine
- 1:28Formsache, etwas, das jeder unterschreibe.
- 1:31Das Erste war das Bekenntnis, ein weicher Absatz, in dem sich
- 1:35das Unternehmen verpflichtete, dem Standort und der Region
- 1:38verbunden zu bleiben und die Werte einer verlässlichen,
- 1:41gemeinwohlorientierten regionalen Wirtschaft
- 1:44mitzutragen. Carla hatte ihn gelesen und mit
- 1:47den Schultern gezuckt. Das war Theater, weiche Watte,
- 1:50ein Absatz, der nichts Band, weil man niemanden vor
- 1:53gerichtsherren konnte, weil er Werte nicht mittrug, sie
- 1:56verachtete solche Absätze, aber sie fürchtete sie nicht, man
- 1:59unterschrieb sie und vergaß sie, und sie kosteten nichts.
- 2:03Das zweite war die Quote, eine Verpflichtung bei
- 2:06Neueinstellungen, vorrangig regional ansässige Bewerber zu
- 2:10berücksichtigen, mit einer Zielzahl, die man jährlich
- 2:12melden würde. Auch das war zu ertragen.
- 2:15Sie stellte ohnehin regional ein.
- 2:17Wo sollte sie denn sonst Dreher herbekommen.
- 2:19Das Dritte war die Datenklausel und an der Datenklausel war
- 2:22Karla beim ersten Lesen nicht hängen geblieben, beim zweiten
- 2:26Kurz und beim dritten lange, sehr lange, weil etwas an ihr
- 2:29nicht in der Toleranz war. Sie verpflichtete sich im Rahmen
- 2:32der regionalen Fachkräfte und Bedarfsplanung strukturierte
- 2:36Daten über die Belegschaft an eine zentrale Stelle zu
- 2:39übermitteln, in einem standardisierten Format
- 2:42regelmäßig. Qualifikationen, Tätigkeiten,
- 2:46Beschäftigungsverhältnisse, Wohnorte, Alter, Verfügbarkeiten
- 2:51es klang nach Statistik, es klang nach etwas, das man
- 2:54ohnehin irgendwo meldete, an die Berufsgenossenschaft, an die
- 2:57Rentenkasse, an das Statistische Landesamt.
- 3:00Aber Carla, die Material las, las auch diesen Absatz, wie
- 3:04Material, und sie spürte, dass die Last hier anders lief, als
- 3:07sie laufen sollte. Warum die Wohnorte?
- 3:09Warum das Alter? Warum die Verfügbarkeiten
- 3:12einzeln pro Kopf in einem standardisierten Format an eine
- 3:15zentrale Stelle, das war keine Statistik, Statistik war anonym,
- 3:20Statistik zählte, das hier zählte nicht, das hier kannte
- 3:24jeden Einzelnen mit Namen, mit Wohnort, mit Alter, mit einem
- 3:27Maß seiner Brauchbarkeit, das hier baute etwas auf, Carla
- 3:31wusste nicht was. Sie wusste nur, dass man so
- 3:34etwas nicht für eine Statistik baut, sondern für eine Maschine
- 3:37und dass die Daten ihrer 80 Leute der Treibstoff für diese
- 3:40Maschine sein sollten. Das Gespräch fand nicht im
- 3:42Ministerium statt, sondern in einem neuen Gebäude am Rand der
- 3:46Stadt, einem Bau aus Glas und hellem Holz, in dem alles roch
- 3:49wie in einem Möbelhaus, nach nichts, das je benutzt worden
- 3:52war. Die Landesgesellschaft für
- 3:55Standortentwicklung residierte hier frisch, gut ausgestattet
- 3:59mit Pflanzen in den Ecken, die echt waren, was Karla
- 4:02registrierte, weil echte Pflanzen Geld kosteten und
- 4:05Pflege und beides verriet, dass hier kein Mangel herrschte in
- 4:09einem Land, in dem überall sonst Mangel herrschte.
- 4:12Die Stimme vom Telefon hatte ein Gesicht, jung, freundlich, mit
- 4:15einem guten Anzug und es gab Kaffee aus einer Maschine, die
- 4:18teurer war als alles in Carlas Büro.
- 4:20Und es gab eine Frau von der Rechtsabteilung und einen Mann,
- 4:24der für Datenarchitektur zuständig war, und sie alle
- 4:27waren höflich und kompetent und sprachen die glatte, warme
- 4:30Sprache der freundlichen Farben. Und dann, als sie 20 Minuten
- 4:33geredet hatten und Carla begann, ihre Fragen zur Datenklausel zu
- 4:37stellen, höflich. Aber genau in der Art, in der
- 4:40sie Lieferanten Löcherte, ging die Tür auf und der
- 4:43Ministerpräsident kam herein. Carla erkannte ihn sofort aus
- 4:46dem Fernsehen, von den Plakaten, die im Winter überall gehangen
- 4:50hatten, Vosswinkel, der graue, ruhige Mann, das seriöse
- 4:54Gesicht, das die Partei sich zugelegt hatte, sie hatte ihn
- 4:57sich größer vorgestellt. In Wirklichkeit war er ein
- 5:00mittelgroßer Mann in einem mittelgrauen Anzug Mitte 50 mit
- 5:04einem Gesicht, dem man nichts ansah, weder Härte noch Wärme,
- 5:08ein Gesicht wie eine gut gepflegte Fassade, hinter der
- 5:11die Räume leer sein konnten oder voll, man wusste es nicht.
- 5:14Er gab ihr die Hand mit einem trockenen, festen Griff, sah ihr
- 5:18in die Augen, sagte ihren Namen Frau Veit und setzte sich nicht
- 5:23an das Kopfende, sondern an die Seite ihr gegenüber, als sei er
- 5:27einer von ihnen, einer, der mitarbeitete.
- 5:29Lassen Sie sich nicht stören, sagte er.
- 5:32Ich bin nur kurz da, ich mache das gern, wenn es um einen
- 5:35Betrieb wie Ihren geht. Präzisionsteile, 80 Leute 3
- 5:38Krisen überlebt, das ist das, was dieses Land trägt, nicht die
- 5:42großen Konzerne, die abwandern, sobald es woanders einen Cent
- 5:45billiger ist. Die wie sie.
- 5:47Er sagte es ruhig, ohne Pathos, fast beiläufig und Carla, die
- 5:51Pathos körperlich nicht ertrug und auf jedes große Wort mit
- 5:54einem Zusammenziehen im Kiefer reagierte, stellte mit Unbehagen
- 5:58fest, dass er kein großes Wort benutzte.
- 6:01Er schmeichelte nicht, er stellte fest, und das war
- 6:05wirksamer als jede Schmeichelei. Sie hatten Fragen, sagte er zur
- 6:10Datenklausel stellen sie Sie ruhig mir, ich erkläre lieber
- 6:13selbst, was meine Leute manchmal zu kompliziert machen.
- 6:17Carla stellte ihre Fragen, warum die Wohnorte, warum das Alter,
- 6:21warum einzeln und nicht aggregiert?
- 6:23Und Vosswinkel hörte zu mit dem ruhigen Interesse eines Mannes,
- 6:26der die Fragen erwartet hatte und sie für berechtigt hielt.
- 6:29Und dann antwortete er und seine Antworten waren das
- 6:32Beunruhigendste an dem ganzen Termin, weil sie vernünftig
- 6:35waren. Sie haben völlig recht, dass man
- 6:37bei so etwas genau hinsehen muss, sagte er, Daten sind
- 6:41heikel, ich nehme das ernst, aber lassen sie es mich
- 6:44erklären, ohne die Watte. Dieses Land hat ein Problem und
- 6:48das Problem ist nicht Geld. Das Problem ist Planung, wir
- 6:52haben zu wenig Fachkräfte und verteilen sie schlecht, wir
- 6:55bilden an einer Stelle Leute aus, die an einer anderen
- 6:58fehlen, wir haben Regionen die ausbluten und andere die
- 7:01überlaufen und der Grund ist, dass niemand den Überblick hat,
- 7:04niemand weiß, wer was kann und wo er sitzt, die Wirtschaft weiß
- 7:08es nicht, die Verwaltung weiß es nicht, jeder hat ein Stück,
- 7:10keiner das ganze, er breitete die Hände aus, eine kleine
- 7:14sachliche Geste. Wir bauen das Ganze eine
- 7:17Übersicht, die zum ersten Mal erlaubt, vernünftig zu planen.
- 7:21Wer wird wo gebraucht, wo muss man ausbilden, wo eine Schule
- 7:24halten, wo eine Buslinie, dafür brauchen wir die Wohnorte, das
- 7:28Alter, die Qualifikationen, nicht um jemanden zu
- 7:31kontrollieren, um endlich planen zu können, das ist alles und wer
- 7:36baut das, fragte Carla diese Übersicht wer hat die Daten am
- 7:41Ende? Das Land, sagte Vosswinkel.
- 7:45Treuhänderisch, technisch betreut von einem Dienstleister,
- 7:48der so etwas kann, weil eine Landesverwaltung so etwas nicht
- 7:51selbst baut. Das wäre dilettantisch, aber die
- 7:54Hoheit liegt beim Land, die Zweckbindung ist gesetzlich
- 7:57geregelt, das prüft ihre Frau Rechtsanwältin gern, und dieser
- 8:01Dienstleister, sagte Karla hat das für uns entwickelt, eigens.
- 8:06Zum ersten Mal an diesem Vormittag kam eine Verzögerung
- 8:09in seine Antwort. Keine Verlegenheit, dafür war er
- 8:12zu geübt, nur eine winzige Umschaltung wie bei einem Mann,
- 8:16der eine Frage beantwortet, die er für unwesentlich hält.
- 8:19Es ist ein eingeführtes System, sagte er, bewährt, es läuft in
- 8:23der Logistik, es läuft bei Versicherern, es läuft, soviel
- 8:27ich weiß, in 2 skandinavischen Kommunen, wir hätten 3 Jahre
- 8:31gebraucht und dreimal so viel Geld, um etwas Eigenes zu bauen,
- 8:34und es wäre schlechter geworden. Man kauft doch keine
- 8:37Schreibmaschine, indem man einen Schreibmaschinenhersteller
- 8:39gründet. Carla, die ihr Leben lang
- 8:42Zeichnungen gelesen hatte, bevor sie unterschrieb, hörte in
- 8:45diesem Satz etwas, das ihr die Kopfhaut zusammenzog, und es
- 8:48dauerte einen Moment, bis sie es benennen konnte.
- 8:51Es war der stolz, er war stolz darauf, nicht gebaut zu haben,
- 8:55er hielt das nicht bauen für Klugheit, für Sparsamkeit, für
- 8:59Verwaltungsvernunft und in dem Satz so viel ich weiß, lag die
- 9:02ganze Auskunft. Der Mann, der die Übersicht über
- 9:05das Land herstellen wollte, hatte keine Übersicht darüber,
- 9:08was er dafür gekauft hatte. Sie kannte diese Sorte Einkauf,
- 9:12sie hatte sie zweimal gesehen, bei größeren Betrieben als ihrem
- 9:16bei Geschäftsführern, die eine Fertigungssteuerung erwarben,
- 9:19weil die Vorführung gut aussah und die 3 Jahre später Teile
- 9:23produzierten, die niemand bestellt hatte und nicht sagen
- 9:26konnten, warum ein gekauftes System dachte, sie macht nicht
- 9:30das, was man will. Es macht das, wofür es gebaut
- 9:33wurde, und man erfährt erst hinterher, wofür das war.
- 9:36Er lächelte ein kleines, korrektes Lächeln, das die Augen
- 9:40nicht erreichte. Frau Veit, Ich verstehe Ihr
- 9:42misstrauen, ich misstraue selbst gern, das ist eine gute
- 9:46Eigenschaft bei einer Unternehmerin, aber ich bin kein
- 9:49Mann der Ideologie, mich interessiert nicht, woran jemand
- 9:52glaubt, mich interessiert, dass die Dinge funktionieren.
- 9:55Dass der Bus kommt, dass die Stelle besetzt wird, dass ein
- 9:58Betrieb wie ihrer nicht stirbt, weil irgendwer am anderen Ende
- 10:01der Welt einen Zoll erhebt, mehr will ich nicht.
- 10:03Irgendjemand Kompetentes muss diese Dinge ja machen, lieber
- 10:06ich als ein Ideologe, und das war der Moment, in dem Karla
- 10:09Begriff, womit sie es zu tun hatte, und es war ein kälterer
- 10:13Moment, als jede Drohung der Mann ihr gegenüber drohte, nicht
- 10:16er warb nicht. Er log vielleicht nicht einmal.
- 10:19Vielleicht glaubte er selbst, was er sagte.
- 10:22Vielleicht war das das Schlimmste, dass er es glaubte.
- 10:25Er sprach ihre Sprache, die Sprache der Sachzwänge, der
- 10:28Funktion des irgendjemand muss es ja machen, die Sprache, in
- 10:31der sie selbst seit 15 Jahren Verluste, schnitt und Leute
- 10:35entließ und sich dabei sagte, dass es keine Bosheit war,
- 10:38sondern Notwendigkeit. Er war ein Pragmatiker, wie sie
- 10:41eine war, und genau deshalb war er für sie gefährlicher als
- 10:44jeder Schreihals mit einer Fahne, weil sie einen Schreihals
- 10:47durchschaut hätte, sofort mit Verachtung und gegen diesen Mann
- 10:50hatte sie keine Verachtung, sie hatte etwas viel Schlimmeres,
- 10:54ein wiedererkennen, ich verstehe, sagte sie, und sie
- 10:58hörte sich den Satz sagen, den höflichen, neutralen, und
- 11:01wusste, dass sie auf dem schmalen Grat stand, von dem sie
- 11:04im Winter gewusst hatte, dass sie auf ihn zulief.
- 11:07Der Liefervertrag lag auf dem Tisch und sie unterschrieb ihn.
- 11:11Das war keine Frage, der Liefervertrag war sauber, der
- 11:14Liefervertrag rettete 80 stellen, 80 Hände, Kevin an der
- 11:18Drehbank und seine schwangere Freundin und die Wohnung, die
- 11:21sie suchten und gegen 80 Hände hatte noch nie ein Zögern
- 11:24bestanden. Sie unterschrieb mit der
- 11:26schweren Geste, mit der sie immer unterschrieb, und sie
- 11:29spürte die Erleichterung, körperlich in den Schultern, im
- 11:32Kiefer, der sich für einen Moment löste, die Firma war
- 11:35gerettet, die. Der Winter war überstanden, dann
- 11:39lag die zweite Anlage vor ihr, die Standortpartnerschaft mit
- 11:43dem Bekenntnis und der Quote und der Datenklausel und der junge
- 11:46Mann mit dem guten Anzug schob ihr den Stift hin, freundlich,
- 11:50selbstverständlich, als gehöre das eine zum anderen, als sei es
- 11:54ein Vorgang, eine Unterschrift, und Carla nahm den Stift und
- 11:57setzte ihn an, und das Bekenntnis war Watte, und die
- 12:00Quote war zu ertragen und sie hätte unterschreiben können.
- 12:03Der Stift war auf dem Papier und Vosswinkel sah ihr ruhig dabei
- 12:06zu ohne. Druck ohne ein Wort, weil er
- 12:09wusste, dass Druck der Fehler gewesen wäre, dass man einen
- 12:12Menschen an diesem Punkt einfach lässt, weil das Papier und der
- 12:15gerettete Winter den Druck von selbst machten.
- 12:18Und dann hielt sie inne. Es war die Datenklausel, es war
- 12:21die Last, die falsch lief, sie konnte sich nicht erklären
- 12:24warum, sie hatte kein Argument, nichts, was sie laut hätte sagen
- 12:28können, ohne dass es paranoid geklungen hätte, hier, in diesem
- 12:31hellen Raum, vor diesem vernünftigen Mann.
- 12:34Sie hatte nur das Gefühl der Ingenieurin, dass eine Stütze,
- 12:37die zu glatt aussieht, eine Last verbirgt und dass man nicht
- 12:40unterschreibt, was man nicht verstanden hat.
- 12:42Niemals, das war die eine Regel, die ihr Vater ihr eingebläut
- 12:46hatte, härter als jede andere unterschreib nie etwas, dass du
- 12:49nicht ganz gelesen und ganz verstanden hast, Carla, und wenn
- 12:52du es verstanden hast, ließ es noch einmal.
- 12:55Die Datenklausel unterschreibe ich heute nicht, sagte sie.
- 12:59Und sie legte den Stift hin, und sie spürte, wie der junge Mann
- 13:02erstarrte, kaum merklich und wie vosswinkels ruhiges Gesicht für
- 13:06den Bruchteil einer Sekunde etwas zeigte, das gleich wieder
- 13:09verschwand. Den Liefervertrag haben sie, das
- 13:11Bekenntnis und die Quote können Sie haben, meinetwegen aber eine
- 13:15Klausel, die mich verpflichtet, die Daten meiner Leute an eine
- 13:18zentrale Stelle zu übermitteln, lasse ich erst von meiner
- 13:20Anwältin und meinem Datenschutzbeauftragten prüfen.
- 13:23Das ist mein gutes Recht und ich nehme an, ein Land, das die
- 13:27Zweckbindung gesetzlich geregelt hat, hat nichts dagegen, wenn
- 13:30ich genau das prüfen lasse. Es war einen Moment still im
- 13:34Raum und in dieser Stille lag etwas, das mehr verriet als
- 13:37alles, was vorher gesagt worden war, dass die Datenklausel der
- 13:41Punkt war, dass alles andere der gute Preis, das gerettete
- 13:45Drittel, die ganze Freundlichkeit, die Verpackung
- 13:47war und die Datenklausel der Inhalt.
- 13:50Dann lächelte Vosswinkel wieder das korrekte, kühle Lächeln und
- 13:54sagte Selbstverständlich Frau Veit, lassen sie prüfen, wir
- 13:58haben nichts zu verbergen. Nehmen Sie sich die Zeit, er
- 14:01stand auf, gab ihr wieder die Hand, den trockenen griff, es
- 14:04war mir eine Freude, ich hoffe, wir sehen uns wieder, wenn ihre
- 14:07Anwältin grünes Licht, sie wird es geben, es ist alles in
- 14:12Ordnung und in dem sie wird es geben, lag eine Gewissheit, die
- 14:16Karla nicht gefiel. Die Gewissheit eines Mannes, der
- 14:19wusste, dass am Ende alle unterschrieben, weil am Ende
- 14:22alle den Auftrag brauchten und dass ein bisschen Prüfung den
- 14:25Ausgang nicht änderte, sondern nur verzögerte.
- 14:28Im Parkhaus im kalten Beton, der nach Abgasen roch und nach
- 14:32Frühling, der von draußen herein kroch.
- 14:34Der erste Frühling des Jahres traf sie Knaub.
- 14:38Werner Knaub hatte einen Betrieb am anderen Ende des
- 14:40Industriegebiets Blechbearbeitung, etwas größer
- 14:43als ihrer, und sie kannten sich vom Wirtschaftsverband von den
- 14:46Sitzungen, auf denen man über Strompreise klagte und über
- 14:49Bürokratie. Er kam gerade aus dem Aufzug mit
- 14:53einer Mappe unter dem Arm derselben Mappe, die Karla unter
- 14:56dem Arm trug, und als er sie sah, lächelte er ein müdes,
- 15:01wissendes Lächeln, Veit auch hier, na klar, auch hier.
- 15:06Er trat zu ihr an. Ihr Auto hast du unterschrieben,
- 15:10den Liefervertrag, die Datenklausel lasse ich prüfen.
- 15:14Knaub lachte kurz, ohne Freude, die Datenklausel ja lass prüfen,
- 15:19lass dir Zeit, ich hab auch prüfen lassen.
- 15:22Er lehnte sich an ihr Auto vertraulich und senkte die
- 15:25Stimme, obwohl niemand da war. Weißt du wer das baut?
- 15:28Diese Übersicht, von der der Saubermann da oben redet, diese
- 15:31zentrale Stelle, ein Dienstleister hat er gesagt,
- 15:34treuhänderisch. Meridian Knaub sagte es, als
- 15:38schmecke das Wort schlecht. Meridian Systeme, eine Firma,
- 15:41die keiner kennt, weil sie nicht will, dass man sie kennt, die
- 15:45Bauen die ganze Infrastruktur dahinter, nicht nur euren
- 15:48Fachkräftekram alles die Wartelisten in den Kliniken, die
- 15:53Wohnungsvergabe, die Kitaplätze, die Rehabetten, die ganze
- 15:57Zuteilung läuft über deren Maschine und weißt du was diese
- 16:00Maschine frisst, damit sie rechnen kann, wer was kriegt und
- 16:03wer nicht? Er klopfte mit dem Finger auf
- 16:06Carlas Mappe auf die Datenklausel darin das hier
- 16:09genau das die Daten wer was kann, wer wo wohnt, wie alt, wie
- 16:15brauchbar, du gibst denen nicht deine belegschaftsstatistik feit
- 16:20du gibst denen das Futter für die Maschine, die entscheidet
- 16:23wer in diesem Land ein Bett kriegt und wer nicht.
- 16:26Und das Beste kommt noch, sagte Knaup.
- 16:29Und jetzt war in seiner Stimme etwas, das fast wie Bewunderung
- 16:32klang und keine war, eher das Grinsen eines Mannes, der einen
- 16:36schlechten Witz weitergibt, weil er ihn allein nicht aushält.
- 16:39Das Ding sagt nie nein, kann es gar nicht ich hab das prüfen
- 16:43lassen von einem, der so was baut.
- 16:45So eine Zuteilung kennt kein Nein, die kennt nur eine
- 16:48Reihenfolge, wer nicht drankommt, ist nicht abgelehnt,
- 16:51der steht noch drin weiter unten für später.
- 16:54Technisch ist das gar keine Entscheidung, das ist einfach
- 16:57die Warteschlange, die weiterläuft.
- 16:59Er zog die Schultern hoch, nur dass hinten keiner mehr
- 17:02rauskommt und weil es keine Entscheidung ist, gibt es auch
- 17:05keinen, der sie getroffen hat, kein Bescheid, kein
- 17:09Unterschriftenfeld, nichts, wogegen du klagst.
- 17:13Frag mal einen Anwalt, was er mit einem demnächst anfangen
- 17:15soll, das haben sie sich gut ausgedacht, sagte Karla Nee.
- 17:21Knaup schüttelte den Kopf langsam, und das war der Moment,
- 17:24in dem Karla ihm zum ersten Mal an diesem Abend wirklich
- 17:27zuhörte. Das ist das, was mich nachts
- 17:29wach hält. Ausgedacht hat sich das keiner,
- 17:32das Ding macht das einfach, so ist es gebaut seit 20 Jahren für
- 17:35Lagerhaltung, ich hab sowas in der Halle stehen, meine Aufträge
- 17:38laufen genauso und wenn ein Teil nicht kommt, dann ist es nicht
- 17:41storniert, es ist eben noch nicht dran und irgendwann ist
- 17:44das Jahr rum und es war nie dran.
- 17:46Bei Kugellagern ist mir das egal, er sah sie an.
- 17:50Die haben das gekauft, wie man einen Gebrauchtwagen kauft und
- 17:54dann haben sie gemerkt, dass die Karre keine Bremslichter hat und
- 17:57statt dass sie welche einbauen, haben sie festgestellt, ohne
- 18:00Bremslichter sieht keiner wann wir bremsen und jetzt
- 18:03verteidigen Sie die Karre. Carla stand sehr still im kalten
- 18:06Beton mit der Mappe unter dem Arm und in ihr fügte sich etwas
- 18:10zusammen, kalt und klar wie wenn 2 Werkstücke die einzeln sinnlos
- 18:14aussehen ineinandergreifen und plötzlich ein Mechanismus sind
- 18:17die Datenklausel die falsch lief.
- 18:20Die Last, die sie nicht hatte deuten können, die zentrale
- 18:23Stelle, die Einzeln zählte, statt zu aggregieren, die
- 18:25Wohnorte und das Alter und die Brauchbarkeit mit Namen.
- 18:29Sie hatte gewusst, dass es keine Statistik war, dass es eine
- 18:33Maschine fütterte, sie hatte nur nicht gewusst, welche.
- 18:37Jetzt wusste sie es, es war dieselbe Maschine, von der die
- 18:40ganze Stadt sprach, in den freundlichen Farben, die
- 18:43Initiative, die Verlässlichkeit, das Punktesystem, das angeblich
- 18:47gerecht zuteilte, was knapp war. Und die Daten Ihrer 80 Leute,
- 18:51Kevins Daten, die des Nachfolgers von Reinhold, die
- 18:54der schwangeren Freundin aller, sollten in diese Maschine
- 18:57fließen, sollten ihr helfen zu rechnen.
- 18:59Wer ein Bett bekam und wer auf einer Liste nach unten rutschte,
- 19:02höflich, gleich und fair, woher weißt du das, fragte sie.
- 19:07Weil ich es unterschrieben hab, sagte Knaub.
- 19:10Und in seinem Gesicht war jetzt keine Wissenheit mehr, sondern
- 19:13etwas anderes. Etwas, das Karla erschreckte,
- 19:16weil sie es kannte aus dem Spiegel die Müdigkeit eines
- 19:19Menschen, der einen Kompromiss zu viel gemacht hat und es weiß
- 19:22und nicht mehr zurück kann vor 2 Monaten.
- 19:25Ich hab den Auftrag gebraucht, so wie du ihn brauchst und ich
- 19:28hab die Klausel prüfen lassen und meine Anwältin hat gesagt,
- 19:31juristisch sei alles sauber, die Zweckbindung stehe drin, formal
- 19:34nicht angreifbar und dann hab ich unterschrieben und jetzt
- 19:38fließen meine Daten in deren Maschine jeden Monat und ich
- 19:41kann nicht mehr raus, weil der Auftrag dranhängt und wenn ich
- 19:44kündige stirbt die Firma. Er stieß sich von ihrem Auto ab,
- 19:48lass prüfen Feit, aber mach dir nichts vor, am Ende
- 19:51unterschreibst du, wir unterschreiben alle, das ist ja
- 19:54das Schöne an der Sache. Sie müssen niemanden zwingen,
- 19:56sie müssen nur den Auftrag an die Daten hängen und der Rest
- 19:59macht sich von selbst. Er ging zu seinem Wagen und
- 20:02Carla blieb stehen im kalten Parkhaus mit dem Liefervertrag
- 20:05in der Mappe, der unterschrieben war und nicht mehr rückgängig zu
- 20:08machen, und der Datenklausel, die noch nicht unterschrieben
- 20:11war, noch nicht, und sie spürte den Zorn aufsteigend, den Alten
- 20:15in den Kiefer, und diesmal schob sie ihn nicht ganz weg, sie
- 20:18hatte den Liefervertrag, sie brauchte die Datenklausel nicht
- 20:21zu unterschreiben, noch nicht. Aber Knaub hatte Recht und sie
- 20:25wusste, dass er recht hatte. Der Auftrag hing an der
- 20:28Partnerschaft, die Partnerschaft an den Daten und in ein paar
- 20:31Monaten, wenn der nächste Engpass kam, wenn die nächste
- 20:33Frist lief, würde man sie freundlich erinnern, dass die
- 20:36Datenklausel noch offen sei und dann würde sie wieder mit dem
- 20:39Stift über dem Papier stehen und der gerettete Winter würde gegen
- 20:42das schlechte Gefühl wiegen, für das sie keine Zahl hatte, und 80
- 20:46Hände würden mehr wiegen als ein schlechtes Gefühl, so rechnete
- 20:49die Welt, so hatte sie immer gerechnet.
- 20:52Sie stieg in ihr Auto und legte die Mappe auf den Beifahrersitz
- 20:55und saß einen Moment im Kalten Wagen, ohne zu starten und sah
- 20:59durch die Windschutzscheibe auf die graue Betonwand.
- 21:02Und sie dachte an die Toleranz, an das zulässige Maß der
- 21:05Abweichung, an die kleinen Abweichungen, die sich addieren,
- 21:08jede einzelne vernünftig, jede einzelne notwendig, bis das
- 21:12Werkstück ausschuss ist. Maßhaltig in jeder Ausrede und
- 21:15im Ganzen falsch. Sie hatte heute eine
- 21:17Unterschrift geleistet, die in der Toleranz lag.
- 21:20Der Liefervertrag, der war sauber und sie hatte eine Zweite
- 21:24verweigert, die vielleicht dahinter lag, aber sie wusste,
- 21:27dass die zweite wiederkommen würde, geduldig wie das Wasser
- 21:30geduldig ist, das den Boden unter einer Platte wegnimmt,
- 21:33Korn um Korn, bis die Platte reißt und dass sie das nächste
- 21:36Mal vielleicht nicht mehr die Kraft haben würde, den Stift
- 21:39hinzulegen. Sie startete den Wagen und fuhr
- 21:42hinaus in den ersten Frühlingstag und das Licht
- 21:45draußen war hell und mild und versprach etwas und sie traute
- 21:48dem Versprechen nicht, weil sie gelernt hatte, dass alles, was
- 21:51nichts zu kosten scheint, am Ende am teuersten ist.