Latest / BZ am Ohr / Autismus bei Frauen: „Das Maskieren hat mich jahrelang erschöpft"
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- Also ich glaube, ich habe ganz, ganz früh schon irgendwie verstanden, dass ich mich anpassen muss, um irgendwie dazuzugehören. Also eigentlich war immer das Gefühl, ich bin nie Teil davon. Frauen passen sich oft bewusst oder unbewusst an ihre Umgebung an. Autistische Frauen gehen darin noch einen Schritt weiter. Sie perfektionieren ihre Maske. Sie gehen, wie von ihnen erwartet, zur Schule, üben einen Beruf aus, halten Freundschaften aufrecht und erfüllen gesellschaftliche Erwartungen. Was man eben da hinten dran nicht sieht, ist, wenn man quasi nach außen nichts sieht, dann ist es eher so, dass quasi die anderen das Vergnügen haben, dass ich quasi mich anpasse und es denen so bequem wie möglich mache. Aber was innerlich in mir passiert, ist ja was ganz anderes. Da ist ja wahnsinnig viel Stress, viel Anstrengung, viele Gedanken. Und das ist halt das, was häufig nicht sichtbar wird. Und ich finde, man kann Autismus eigentlich nur verstehen, wenn man eben auch hinter die Fassade schaut oder ins Innere schaut und das auch mit einbezieht. Und dann kann man, glaube ich, erst so ein gesamtes Bild bekommen, was eigentlich Autismus ist. Autismus ist ein Spektrum. Kein Autist ist genau gleich wie der andere. Manche von ihnen sind in Teilbereichen besonders intelligent, andere kognitiv eingeschränkt und wieder andere befinden sich irgendwo dazwischen. Allen gemein sind Probleme in der sozialen Interaktion, aber auch die Reizverarbeitung funktioniert anders. Gerüche, Licht, Geräusche, Bewegungen, all das prasselt permanent gleichzeitig auf sie ein. Strategien zur Anpassung entwickeln Betroffene oft früh, um möglichst normal zu wirken. Über das Leben zwischen Anpassung und eigenen Bedürfnissen spreche ich heute mit Karin Drixler, die selbst spätdiagnostizierte Autistin ist. Mein Name ist Saskia Rohleder, ich bin Volontärin bei der Badischen Zeitung. Frau Drixler, Sie sind 34 Jahre alt, arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Hochschule und leiten eine Selbsthilfegruppe für Autisten in Freiburg. Seit wann wissen Sie denn selbst, dass Sie Autistin sind? Final weiß ich das seit Mai 2018. Das war aber ein längerer Prozess. Den ersten Verdacht hatte ich schon im Frühjahr 2026. Da habe ich eine Reportage zum Thema angeschaut. Und dachte irgendwie, das bin doch ich. Also es waren drei erwachsene autistische Menschen. Es war auch eine Frau in meinem Alter. Und ich habe mich da wahnsinnig wiedererkannt. Und dann ging ein längerer Prozess los, dass ich erst mal gedacht habe, es kann eigentlich gar nicht stimmen. Ich habe dann versucht, mich zu informieren. Also ein Medium war tatsächlich damals auch, mir einen Podcast darüber anzuhören und aber auch Fachliteratur zu lesen. Und es gibt auch ein paar Selbsttests im Internet, die habe ich auch gemacht und die waren schon eigentlich eindeutig, aber ich war wahnsinnig unsicher, ob das wirklich so sein könnte. Und dann gab es eine Freundin, die zwar auch erst mal gedacht hat, kann das sein oder kann das nicht sein? Und die hat so ein bisschen aber dann mich ermutigt, den Weg weiterzugehen. Der erste Schritt, das wusste ich dann schon, weil ich eben auch in einem Podcast gehört habe, wie das so abläuft. Das war damals auch von der Uniklinik Freiburg, wo der Professor Theberts von Elst darüber was erzählt hatte und dadurch kannte ich so den Prozess. Und es war klar, ich muss zuerst eben bei jemand Ambulanten, also ein ambulanter Psychiater, Psychiaterin hingehen, dort einen Termin vereinbaren. Und dann brauche ich dazu eben eine Überweisung, wenn die Person eben auch den Verdacht schon hat. Und das hat dann eine ganze Weile gedauert und ich hatte natürlich auch nochmal darauf vier Monate Wartezeit. Und im Januar 2017 hatte ich den Termin und da war dann eben der Verdacht auch mit da. Also ich war da so aufgeregt, dass ich gar nicht irgendwie sagen könnte, ich hätte diesen Verdacht, sondern es kam automatisch. Ich habe da aber auch wahnsinnig Glück gehabt, dass quasi mein behandelnder Psychiater Ahnung von dem Thema hatte. Das ist absolut nie selbstverständlich im Erwachsenenalter. Das war reiner Zufall, dass ich dort gelandet bin in der Praxis und vielleicht auch mein Glück. Und dann hat er auch gemeint, er kannte das eben auch schon, dass jetzt der Prozess losgeht. Er meldet mich an, dann kriegt man die... Also ich musste damals noch anrufen, stimmt, suchen war der Weg. Ich musste... Anrufen und nachfragen und sagen eben, dass der Verdacht besteht und dann kriegt man einen riesengroßen Stapel an Fragebögen zugeschickt. Die muss man ausfüllen, da muss auch ein Elternteil oder eine Person, die einem näher steht, eben mit ausfüllen. Am besten jemand, der einen seit der Kindheit kennt und an dem Moment, wo man die Fragebögen dann eben hinschickt, ab dann quasi geht die Wartezeit los. Das war 2017, das heißt, wie alt waren Sie da? 25. Und dann hatte ich sogar noch großes Glück. Ich habe dann quasi nur ein Jahr und knapp fünf Monate gewartet, bis ich dann den finalen Diagnostiktermin hatte in der Uniklinik, beziehungsweise es waren insgesamt drei Termine. Also es ist auch ein längerer Prozess, den man dadurch läuft. Und dann am Ende eben war dann die Diagnose final. Es ist ja immer noch so, dass Autismus gerade bei Frauen recht selten diagnostiziert wird. Ich habe da eine Zahl gelesen von etwa 80 Prozent der Frauen werden bis zu ihrem 18. Lebensjahr nicht diagnostiziert. Könnten da vielleicht Anpassungen mit eine Rolle spielen? Oder da sie ja selbst spät diagnostiziert sind, was waren für Sie so die Hinderungsgründe? Ich glaube, dass Anpassungen eine sehr, sehr große Rolle spielen. Also bei mir war es so, dass ich quasi davor nichts von dem Thema gehört habe. Also es war gar keine Option quasi. Damals waren ja soziale Medien, haben noch keine große Rolle gespielt und da war es, glaube ich, schon wahnsinnig schwer, darauf zu kommen. Also ich habe schon, seit ich irgendwie denken kann, das Gefühl, dass ich anders bin, aber ich habe dafür keinerlei Zuordnung gehabt und das ist schon sicher auch aufgefallen, dass ich anders bin, sicherlich auch in der Schule, aber es war nie so auffällig, dass man jetzt gesagt hat, man muss da irgendwie was machen oder in Diagnostik gehen. Und dann wäre auch die Frage, ob man es wirklich erkannt hätte, weil damals das Wissen auch noch geringer war, als es eben jetzt im Erwachsenenalter war, wo ich dann die Diagnose bekommen habe. Haben Sie denn bestimmte Strategien angewandt, auch schon in der Kindheit und Jugend, um vielleicht bestimmte Bedürfnisse bei sich selber zu unterdrücken oder war das bei Ihnen gar nicht so bewusst, dass Sie da was machen? Ja. Also ich glaube, ich habe ganz, ganz früh schon irgendwie verstanden, dass ich mich anpassen muss, um irgendwie dazu zu gehören. Also eigentlich war immer das Gefühl, ich bin nie Teil davon. Und das war dann so, ich muss mich mehr anstrengen und habe dann, glaube ich, ganz schön viel auch versucht zu beobachten, wie das bei anderen ist, wie die sich verhalten und mir der Versuch, glaube ich, Verhalten abzuschauen, soweit das halt irgendwie möglich war. Aber das waren so die Strategien und es muss bei mir ganz früh eigentlich schon passiert sein, dass ich da versucht habe, irgendwie so normal wie möglich zu wirken. Also es war irgendwie immer so die Erkenntnis relativ früh, wenn ich quasi... Versuche irgendwie normal zu sein, dass es dann vielleicht leichter wird, irgendwie durchzukommen. Ja, klingt auf jeden Fall danach, als würde es wahnsinnig viel Energie auch in Anspruch nehmen. Hat es denn langfristig auch gesundheitliche Auswirkungen, wenn man sich konsequent anpasst und nicht nach seinen Grenzen und Bedürfnissen handeln kann? Ja, das hat definitiv sehr starke gesundheitliche Auswirkungen. Das ist einerseits verbunden mit einer sehr, sehr großen Erschöpfung, die einem hergeht, weil es natürlich sehr viel Anstrengung ist, wenn man versucht, quasi sein eigenes Verhalten, wie man eigentlich ist, zu unterdrücken oder so, wie man eigentlich ist. Das nicht so zu sein, sondern versucht irgendwie etwas anderes zu sein, was man eigentlich ist. Und auf langfristig ist es tatsächlich so, dass man dann eigentlich relativ sicher aus meiner Perspektive in einer Depression eigentlich auch landet. Und das Ganze aber natürlich auch noch weitere Schwierigkeiten mit sich bringt. Ich weiß auch in der Schule, dass ich häufiger auch krank war, weil es mit einem hohen Stresserleben einhergeht. Und mehr Stress ist man tendenziell auch anfälliger für Infekte oder ähnliches oder auch die Klassiker, dass ich teilweise halt Bauchschmerzen hatte, was so dazu kommt eigentlich. Ganz langfristig kann es halt eben auch in ein richtiges Burnout führen. Nun ist es ja, oder man liest es zumindest häufig, dass Frauen, nachdem sie ihre Autismusdiagnose erhalten haben, sich erstmals damit beschäftigen, in welchen Bereichen sie sich eigentlich bislang angepasst haben und dann gewisse Bereiche auch sukzessive anpassen, um dort authentischer zu sein. Ist es bei Ihnen auch passiert, dass Sie nach der Diagnose angefangen haben, bestimmte Masken sozusagen fallen zu lassen? Also das ist aus meiner Sicht ein totaler Prozess. Also erst mal kriegt man ja die Diagnose und das ganze Leben steht erst mal auf dem Kopf und man hinterfragt ja eigentlich alles. Und das fängt damit an, wo war man eigentlich echt und wo war man nicht echt. Und dann ist schon der Versuch auf jeden Fall da, die Maske häufiger abzuziehen. Das Schwierige ist aber, dass das so früh und so ein stark erlerntes Verhalten ist, dass es wahnsinnig schwer ist. Und das war quasi auch so vom Erlernten, dass wenn ich quasi die Maske aufhat oder maskiert habe. Und Masken betrieben habe, dass das eigentlich auch eine Art Schutz war davor, dass ich vielleicht nicht geärgert werde von anderen Kindern oder Ähnliches. Und deswegen ist es auch tatsächlich gar nicht so leicht für mich, das irgendwie abzulegen. Und das passiert mir manchmal irgendwie automatisch in Situationen, wo ich das eigentlich auch gar nicht mehr möchte, weil es eben so tief in mir drin ist. Aber ich weiß auch, wenn ich langfristig weiter auf diesem Niveau mache, dass ich dann auch nicht gesund bleiben kann. Und das ist jetzt so der Weg, immer wieder in verschiedenen Bereichen die Maske quasi mehr abzulegen oder es sind beziehungsweise mehrere Masken, die man in verschiedenen Situationen sich angeeignet hat, dass ich da versuche, daran zu arbeiten, das auch mal anders auszuprobieren. Was aber auch nicht immer ganz einfach ist, weil man dann natürlich auch mit bestimmten Reaktionen umgehen muss. Kamen denn auch bestimmte Reaktionen seitens Ihres sozialen Umfeldes nach der Diagnose oder auch im Zuge dessen, dass Sie vielleicht in manchen Momenten eben eher die Maske haben fallen lassen? Ich glaube, da muss ich auch deutlich unterscheiden, so bei dem näheren Umfeld, enge Familie und auch sehr enge Freunde, die sind damit eigentlich ganz gut umgegangen, würde ich sagen. Die haben mich eh generell so genommen, wie ich bin. Das ist eher so im erweiterten Umfeld, was man vielleicht Bekanntenkreis nennt, da war es schon eher schwierig, wo häufig auch manchmal Skepsis kam, also wo man irgendwie gesagt hat, ich kann ja gar nicht autistisch sein, weil ich ja so normal wirke. Und das ist natürlich auch oft ganz schön schwierig gewesen, dass man mir das quasi abgesprochen hat. Und das hängt natürlich aber auch sehr, sehr stark, glaube ich, damit zusammen. Das Bild, was wir von Autismus haben in der Gesellschaft, ist eben ein anderes und dem entspreche ich eben nicht. Also man hat einfach Bilder, die geprägt worden sind durch Medien, durch Fernsehen, durch Filme, die es gibt, wo man eher jemanden sieht, der männlich gelesen ist und meistens irgendwie mit einer Insel oder Hochbegabung. Und das Bild setzt sich halt fort. Oder es gibt das Bild, das quasi immer, das bedeutet, dass quasi kein normales Leben möglich ist im weitesten Sinne. Also dass man davon ausgeht, dass Autismus immer bedeutet, dass dann großer Unterstützungsbedarf notwendig ist. Und der kann auch natürlich notwendig sein, wenn man eben gut angepasst ist. Der aber nicht auf den ersten Blick eben sichtbar ist. Also man kann tatsächlich schon, finde ich, bei Autismus auch von einer unsichtbaren Behinderung sprechen, wenn man eben in der Lage ist zu maskieren, was natürlich auch nicht alle können und das ist auch völlig in Ordnung. Ich glaube, es sind immer so zwei Seiten, die es mit sich bringt. Das hatten Sie ja auch schon erwähnt, im Prinzip war das Maskieren auch ein Stück weit ein Schutz. Gibt es denn sonstige Vorteile, die mit dem Maskieren einhergehen, warum man das eher ungerne loslassen würde? Die Vorteile sind natürlich schon, dass man vielleicht relativ unauffällig durch die Welt gehen kann und man auch nicht auffällt. Und es gibt sicherlich Bereiche, wo es auch gut ist, dass man eben nicht auffällt. Aber der Preis für das Masking ist halt wahnsinnig hoch. Das darf man, glaube ich, dabei gar nicht vergessen. Aber klar, es ist natürlich auch ein Privileg, wenn man eben die Möglichkeit hat, auch bestimmte Sachen nicht zu zeigen oder sich auch ein bisschen vielleicht zu regulieren oder anzupassen. Also hat sicherlich mehrere Seiten. Wir hatten es ja eingangs auch erwähnt, Sie arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Gab es denn in Ihrem beruflichen Werdegang Möglichkeiten, auf Ihren Autismus Rücksicht zu nehmen oder Anpassungen vorzunehmen? Oder ist das für Sie eher eine Schwierigkeit gewesen in dem ganzen Prozess? Das Schwierige ist eben, weil Barrieren im Autismusbereich nicht so klar sichtbar sind. Wenn jemand eben einen Rollstuhl nutzt, ist es relativ klar, dass es dann auch irgendwie eine Rampe dann aufzubraucht. Also oft braucht es natürlich auch noch mehr, aber gerade bei eher unsichtbaren Behinderungen ist es häufig so, dass es nicht direkt eingängig ist, was man braucht und das natürlich auch sehr individuell sein kann. Und für mich war das auch echt schwierig, das nochmal rauszuarbeiten. Ich habe das versucht und bin damals auch in Kommunikation gegangen. Es ist aber schon schwierig, auch bestimmte Dinge umzusetzen im Arbeitsleben. Ich glaube, was sehr zentral ist, dass man was hat bei der Arbeit, wo man sicher ist und sich gut fühlt und was man gerne macht. Also die eigene Nische finden, das ist, glaube ich, was sehr Entscheidendes. Und sonst, glaube ich, gibt es da noch relativ viel Potenzial, das irgendwie auch anzupassen. Mein Glück war immer, ich hatte nie ein Großraumbüro, maximal vier Personen. Wobei das auch schon durchaus grenzwertig ist. Im Idealfall wäre ein Einzelbüro, was aber meistens nicht leistbar oder nicht möglich ist. Das wäre so ein Beispiel, wo man es vielleicht dran festmachen könnte. Welche Rolle spielen da vielleicht auch gerade Vertrauenspersonen. Betriebsrätinnen oder dergleichen? Gab es da Unterstützung, auf die Sie auf menschlicher Ebene zurückgreifen konnten? Tatsächlich gab es es bei mir dann schon, also erst ein bisschen später. Autismus gilt ja, wenn man eben diesen Weg geht. Durchaus als Schwerbehinderung. Also man muss dann einen Antrag auf Schwerbehindertenausweis stellen und dadurch hat man eben bei den meisten Arbeitgebern eben die Möglichkeit, Kontakt zu haben mit dem Schwerbehindertenvertreter, Vertreterin. Und da gab es tatsächlich bei meiner Arbeit relativ viel Unterstützung, wo ich über Dinge sprechen konnte und wo auch versucht wurde, mich da irgendwie insgesamt zu unterstützen. Bleiben wir doch jetzt vielleicht einfach gerade mal bei diesem Feld der Arbeit. Sie arbeiten auch als Dozentin zusätzlich und bieten da auch ein Seminar an, was sich mit Autismus beschäftigt für Lehramtsstudierende. Wie kann man sich Inhalte vorstellen? Was müssen künftige Lehrerinnen und Lehrer über Autismus wissen? Also das Besondere ist eigentlich, dass es bisher gar keine Rolle gespielt hat. Also wir reden jetzt eben von allgemeinen Lehrkräften, die an eine Regelschule normalerweise gehen. Da war die Idee eben, ein Seminar zu entwickeln und letztendlich geht es allein überhaupt schon mal zu wissen, was ist überhaupt Autismus? Und dass es eben verschiedene Ausprägungsformen eben gibt. Und letztendlich geht es einfach darum, zu sensibilisieren. Ich persönlich finde es wahnsinnig wichtig und es deckt sich auch mit der Forschung, dass quasi Lehrkräfte auch eine Haltung entwickeln. wie möchte ich eigentlich damit umgehen, auch mit dem Thema Inklusion ganz allgemein. Und mein Ansatz ist quasi auch ins Nachdenken bringen und quasi für sich zu überlegen, wie möchte ich eigentlich damit umgehen. Und ganz wichtig, glaube ich, ist dabei eben auch zu verstehen, warum ein Kind reagiert, wie es reagiert. Können Sie mir da zur näheren Erläuterung nochmal ein Beispiel nennen? Ja, also ich habe jetzt ein konkretes Beispiel im Kopf. Da sagt zum Beispiel eine Lehrerin, weil die Stunde später angefangen hat, wir müssen heute die Uhr im Auge behalten. Und dann geht es weiter im Unterrichtsverlauf und das Kind quasi schaut nicht die Lehrerin an und macht eigentlich nicht mit, sondern starrt irgendwie an die Wand. Und die Lehrerin wird irgendwann ungehalten und wütend und fordert quasi das Kind mehrfach auf, jetzt bitte mal mitzumachen und zuzuhören. Und was ist da eigentlich passiert? Das Kind hat verstanden, wir müssen die Uhrzeit im Auge behalten und schaut eigentlich die ganze Zeit, an der Wand hängt eben eine Uhr und hat quasi Angst, wenn ich die Uhr nicht mehr im Auge behalte, dass dann was schief geht und hat das quasi wortwörtlich verstanden. Und hinten dran finde ich, wenn man das so verstehen will, total nachvollziehbar. Und darum geht es eigentlich, dass man versucht, nicht irgendwas, was stattfindet, direkt zu interpretieren und versucht genau zu verstehen und versuchen auch vielleicht die Perspektive zu wechseln. Was könnte vielleicht in einem Kind gerade oder einem Erwachsenen auch vorgehen? Also was führt vielleicht dazu, wenn man sich da die Mühe macht, das wirklich ernsthaft verstehen zu wollen, dass dann häufig eben nochmal ganz neuer Raum entsteht, wo eben man sich auch begegnen kann. Und auch ein Verständnis dafür zu haben, dass Wahrnehmungen und Verständnisse unterschiedlich sein können und das aber auch irgendwo gut ist, weil wir Menschen alle irgendwo unterschiedlich sind. Und wenn ein Verhalten vielleicht problematisch ist, steht hinten dran vielleicht aber auch ein relevantes Bedürfnis. Und wenn man eben sich die Mühe macht, einfach da mal genauer hinzuschauen und hinzugucken, ist es häufig auch nachvollziehbar und man kann es manchmal ganz gut lösen. Das ist so der Ansatz, den ich versuche viel mitzugeben und auch ganz klar mitzugeben. Wenn wir Inklusion ernst nehmen oder auch Anpassungen machen, die auch für autistische Kinder besser sind, profitieren eigentlich alle davon. Auch für nicht-autistische Kinder ist es herausfordernd, wenn es laut in der Klasse ist, wenn man sich konzentrieren soll. Oder es gibt auch einige Kinder eben, die Deutsch als Zweitsprache haben. Und wenn man da eben nochmal versucht, klarer zu kommunizieren mit einfachen Sätzen oder auch mit Symbolen, würden diese Kinder auch profitieren. Und das ist eigentlich so der Ansatz, dass es manchmal gar nicht immer so viel braucht, was sich vielleicht verändern muss, sondern Kleinigkeiten, die auch nicht mit Aufwand verbunden sind. Ob ich jetzt eben einen Satz einfach klarer ausspreche oder vielleicht mit einem Symbol ergänzt, ist eigentlich im Alltag nicht so ein zusätzlicher großer Aufwand. Aus welchen Gründen und Motivationen sind Sie denn überhaupt drauf gekommen, so ein Seminar ins Leben zu rufen? Mein Gedanke war hintendran, dass es die Möglichkeit schafft, wenn quasi Lehrkräfte auch in allgemeinen Schulen besser Bescheid wissen über das Thema Autismus, dass es vielleicht am Schluss ein, zwei Kinder besser haben und nicht so schlimme Erfahrungen machen müssen in der Schule. Weil gerade Schule ist wahnsinnig prägsam in der Zeit und viele Kinder, das weiß man aus vielen Studien, erleben eben Mobbing-Erfahrung, Ausgrenzung. Und damit Schule quasi für autistische Kinder nicht so schlimm wird, ist das ein Ansatz. Und das war eigentlich mein Hauptziel, so die Vorstellung, dass vielleicht ein, zwei Kinder eben nicht so Schlimmes erleben müssen. Mit solchen Inhalten verändern Sie natürlich auch, wie die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer Autismus wahrnehmen bei Menschen. In diesem Zusammenhang gibt es ja auch den Wandel oder die Veränderung, dass auch Medien Autismus als Thema aufgreifen und in Dokumentationen versuchen darzustellen. Die Repräsentationen ähneln sich zwar immer mal wieder. Es wäre natürlich jetzt spannend zu wissen, ob sie diese Repräsentation von Autisten in Dokumentation als adäquat erleben oder ob es da noch Verbesserungspotenzial gäbe. Also ich glaube, dass Medien eine sehr große Rolle spielen bei der Wahrnehmung von Autismus und da gibt es sicherlich auf jeden Fall noch Potenzial. Mein Gefühl ist schon, es tut sich was. Es gibt mittlerweile auch andere Bilder von Autismus in den Medien, aber sie sind, glaube ich, schon eher mangelware. Also häufig geht es trotzdem auch eher noch darum, dass es eher männlich geprägt ist und eben auch irgendwie ein Spezialinteresse besonders ist. Und das will man dann herausstellen. Das ist natürlich klar, das ist für viele vielleicht auch interessant oder damit erreicht man eben hohe Klickzahlen oder Ähnliches. Aber es entspricht halt nicht immer der Realität. und dass vor allen Dingen, finde ich, schon noch, dass weibliche, autistische Menschen deutlich seltener dargestellt werden in den Medien. Wenn man sich jetzt Symptome des Autismus, wie er aktuell noch im ICD-10 steht, anschaut, dann sind ja gerade die sozialen Interaktionen einer der Hauptgründe, Autismus zu diagnostizieren, weil Menschen in dem Fall Schwierigkeiten haben, vor Menschen zu sprechen, mit Menschen zu interagieren, diese Situation auszuhalten und danach auch einigermaßen gut wieder rauszukommen. Wie ist es vereinbar mit dem Beruf, den Sie gewählt haben, der ja doch eigentlich sehr viel soziale Interaktion fordert? Ja, das höre ich ganz häufig, dass das ja eigentlich gar nicht sein kann, weil das nicht zu dem gängigen Bild von Autismus passt, dass man eben Dozentin sein kann und von Leuten sprechen kann. Und ich finde aber, dass das sehr gut passt. Und zwar ist es ja total toll. Ich kann 90 Minuten lang über meine Spezialinteressen reden und eine Lehrveranstaltung ist wahnsinnig strukturiert. Und wenn man da irgendwie auch Freude dran hat, dann glaube ich, kann sowas sehr, sehr gut funktionieren. Was natürlich schon eine Herausforderung ist, wenn nach der Veranstaltung noch Studierende zu mir kommen und da gut zu reagieren. Und da brauche ich natürlich schon auch Strategien, die ich mir aber, glaube ich, sehr gut angeeignet habe. Aber das alleinige vorne stehen und vor Menschen stehen ist für mich eigentlich total gut vereinbar mit dem Thema Autismus. Es passt halt nicht zu dem gängigen Klischee und zu den gängigen Stereotypen, die es eben gibt. Da erlebt man ja jetzt eigentlich auch in den sozialen Medien vor allem so ein bisschen eine Trendwende, dass sich junge Menschen, die eine Autismusdiagnose haben oder auch vermuten, eine zu haben, präsentieren und versuchen, anderen Menschen dabei zu helfen, Autismus an sich selbst zu erkennen. In diesem Zusammenhang bin ich auch auf einen Kommentar gestoßen, der lautet sind wir nicht alle ein bisschen autistisch? Was halten Sie denn von dieser Aussage? Ja, das begegnet einem häufiger. Es ist tatsächlich nicht so einfach, da gibt es, Definitiv mehrere Herangehensweisen, wie man das sieht. Natürlich hat sich das verändert, weil wir mittlerweile von Autismus-Spektrum sprechen. Das heißt, es ist schon ein Spektrum, wo es verschiedene Ausprägungen gibt. Jedoch würde ich schon sagen, und das lässt sich auch belegen, dass autistische und nicht-autistische Menschen sich schon deutlich unterscheiden. Und natürlich gibt es auch die Phänomene, dass Menschenteile mehr reizoffen sind oder weniger reizoffen sind. Aber es macht schon nochmal einen Unterschied aus, ob man dann wirklich autistisch ist oder nicht. Und das führt auch manchmal dazu, dass quasi dann auch autistische Menschen nicht mehr ernst genommen werden. Das ist auch, was mir häufiger begegnet, dass man dann sagt, das ist doch gar nicht so schlimm, stell dich doch nicht so an. Solche Sachen hört man schon häufiger und bekomme ich auch mit. Was man eben da hinten dran nicht sieht, ist, wenn man quasi nach außen nichts sieht, dann ist es eher so, dass quasi die anderen dann das Vergnügen haben, dass ich quasi mich anpasse und es denen so bequem wie möglich mache. Aber was innerlich in mir passiert, ist ja was ganz anderes. Da ist ja wahnsinnig viel Stress, viel Anstrengung, viele Gedanken, Dinge vorausplanen, Dinge durchgehen, ganz viele Selbstzweifel. Und das ist halt das, was häufig nicht sichtbar wird. Und da passiert aber zum Glück gerade eine Änderung, dass eben auch Menschen öffentlich sind, auch in sozialen Medien und versuchen, da eben einen Einblick zu bekommen. Weil ich finde, man kann Autismus eigentlich nur verstehen, wenn man eben auch hinter die Fassade schaut oder ins Innere schaut und das auch mit einbezieht. Und dann kann man, glaube ich, erst so ein gesamtes Bild bekommen, was eigentlich Autismus ist. Schaffen Sie es denn mittlerweile, mehr auf Ihre Bedürfnisse zu achten und sich weniger anzupassen? Also das ist ein total relevanter Bereich. Daran arbeite ich auch immer wieder, weil es tatsächlich nicht so einfach ist, weil ich früher quasi mehr gelernt habe, dass, wenn ich Grenzen setze, das noch zu mehr Ablehnung führt und das ist jetzt gerade so ein Üben eigentlich für mich, dass es auch okay ist, Grenzen zu haben. In dem Punkt, finde ich, merkt man auch relativ schnell, wie Menschen zu einem stehen, weil wenn sie eine Grenze akzeptieren, dann heißt es auch, sie akzeptieren einen selber. Aber es ist für mich immer noch ein großer Baustein und auch wirklich zu sagen, meinen eigenen Bedürfnissen Raum zu geben und zu sagen, das ist auch okay, weil ich es eben so lange gelernt habe, dass es nicht okay ist, dass ich selber Bedürfnisse habe. Und das ist quasi noch ein Feld, wo ich dran bin. Das war BZ am Ohr, der Podcast der Badischen Zeitung. Jede Woche ein Thema, das Südbaden bewegt.