Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Fall Fabian - Der 8te Prozesstag
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- 0:00Stell dir vor, du stehst an einem wirklich schlammigen Ufer
- 0:03und da ist ein tiefer Fußabdruck im weichen Boden.
- 0:08In der Vorstellung der meisten Leute ist das ja wie eine
- 0:12Unterschrift, also ein glasklarer Beweis, der uns
- 0:15direkt sagt, dieser eine Person war genau hier.
- 0:18Ja, das ist so ein physisches Siegel in der Realität.
- 0:22Kriminalistisch gesehen erhofft man sich von solchen Spuren
- 0:25natürlich absolute Gewissheit. Richtig.
- 0:27Es wirkt halt sehr binär auf den ersten Blick.
- 0:29Entweder jemand ist identifiziert oder eben
- 0:32ausgeschlossen, aber die forensische Realität, die sieht
- 0:36meistens völlig anders aus. Und genau das sehen wir auch in
- 0:39den Akten, die wir heute für unsere Analyse vorliegen haben.
- 0:42Also willkommen zu diesem neuen Deepdive.
- 0:44Schön, dass du wieder zuhörst. Wir haben uns wirklich durch
- 0:47einen enormen Stapel an Tatortberichten, Zeugenaussagen
- 0:51und forensischen Gutachten gearbeitet, und zwar zum achten
- 0:54Prozesstag im Fall des achtjährigen Fabian.
- 0:57Genau. Und was sich aus diesen Quellen
- 0:59heraus schält, ist eben kein einfaches Schwarz, weiß Bild.
- 1:03Nee, absolut nicht. Es ist vielmehr ein
- 1:04hochkomplexes Puzzle aus Indizien, Wahrscheinlichkeiten
- 1:08und was vielleicht am Aufschlussreichsten ist.
- 1:11Aus fehlenden Daten. Bevor wir da jetzt tief in diese
- 1:14Dokumente eintauchen, müssen wir, glaube ich, den Grundton
- 1:17für diese Untersuchung noch mal klar festlegen.
- 1:19Ja, das ist wichtig. Wir analysieren hier den Prozess
- 1:22um den gewaltsamen Tod eines Kindes.
- 1:25Das erfordert eine ganz nüchterne, ruhige Betrachtung
- 1:28für die Angeklagte Gina h. Gilt in vollem Umfang die
- 1:31Unschuldsvermutung. Absolut.
- 1:33Unser Ziel ist ja nicht zu spekulieren.
- 1:36Sondern die Mechanismen der Wahrheitsfindung hier zu
- 1:38verstehen. Wir schauen uns an, wie moderne
- 1:41Kriminaltechnik, also 3 D Scans, trassologie und digitale
- 1:45Forensik, vor Gericht eingesetzt werden, um Hypothesen objektiv
- 1:49zu prüfen. Dann lassen uns direkt im
- 1:51Gerichtssaal starten, noch bevor der erste Zeuge überhaupt
- 1:54aussagt. Aus den Prozessberichten geht
- 1:56nämlich hervor, dass fabians Mutter an diesem Verhandlungstag
- 1:59nicht anwesend ist. Richtig.
- 2:01Das Gericht hatte im Vorfeld angekündigt, dass schwer
- 2:04erträgliche Fotos des Fundortes gezeigt werden.
- 2:07Das ist ein sehr notwendiger, respektvoller Schritt, um sie
- 2:10vor diesen extremen visuellen Details zu schützen, denke ich.
- 2:14Ganz genau. Und in diese angespannte Ruhe im
- 2:17Saal hinein positioniert sich dann die Verteidigung.
- 2:20Rechtsanwalt Thomas Löcker gibt eine Erklärung für die
- 2:24Angeklagte ab. Das ist juristisch ein sehr
- 2:26geplanter Auftakt, oder? Ja, ganz klar.
- 2:29Die Verteidigung versucht hier den zentralen belastenden
- 2:33Indizien sofort eine Alternative, entlastende
- 2:36Erzählung entgegenzusetzen. Ein Argument lautet da zum
- 2:40Beispiel, dass die Faser und DNA Spuren von Fabian, die im Ford
- 2:45Ranger der Angeklagten gefunden wurden, völlig erwartbar sein.
- 2:49Weil der Junge in der Vergangenheit ja oft in diesem
- 2:51Auto mitgefahren ist. Das leuchtet auf den ersten
- 2:54Blick ja auch ein. Ja so n Auto speichert
- 2:56Hautschuppen, Haare, Speichel über Jahre hinweg, aber die
- 3:00Verteidigung geht dann noch einen Schritt weiter in den
- 3:03Akten. Was genau argumentieren sie da?
- 3:05Sie sagen, dass bei einer Tat, die mutmaßlich aus nächster Nähe
- 3:09verübt wurde, zwingend Blut oder Brandbeschleuniger an der
- 3:12Kleidung der Angeklagten hätten sein müssen.
- 3:15Okay und diese Spuren fehlen aber komplett.
- 3:18Kriminaltechnisch ist das tatsächlich ein sehr valides
- 3:21Argument. Da greift die Lokarsche Regel.
- 3:24Jeder Kontakt hinterlässt eine Spur.
- 3:26Exakt, wenn es zu so einer massiven physischen Einwirkung
- 3:30kommt. Gibt es in der Regel einen
- 3:33Rücktransfer auf den Täter? Dass solche Spuren hier fehlen,
- 3:36ist definitiv ein Punkt für die Verteidigung.
- 3:39OK, aber dann kommt ein weiteres Argument der Verteidigung, bei
- 3:42dem ich beim Lesen wirklich stutzig geworden bin.
- 3:45Es geht um das Auto der Angeklagten, diesen Ford Ranger
- 3:49Mhm für das entscheidende Zeitfenster am Tattag fehlen die
- 3:52Telemetriedaten des Wagens und die Verteidigung stellt jetzt
- 3:56die These auf, das Fahrzeug könnte von Dritten gezielt
- 3:58manipuliert worden sein. Um Gina hart zu belasten.
- 4:02Das ist eine starke Behauptung. Lass mich da kurz einhaken, wenn
- 4:05du dir das als Hörer anhörst, fragst du dich ja vielleicht 110
- 4:08Jahre altes Auto, was für Telemetriedaten werden da
- 4:11überhaupt erfasst? Das unterschätzt man oft.
- 4:13Auch ältere Fahrzeuge haben oft bordeigene Diagnosesysteme oder
- 4:17eingebaute GPS Module. Vor allem bei größeren Pick UPS.
- 4:21Richtig, genau. Und manchmal sind es auch Daten,
- 4:24die über eine Bluetooth Kopplung mit dem Smartphone entstehen.
- 4:27Da können Motorstarts, kilometerstände, Türöffnungen
- 4:30oder eben Standort Pings erfasst werden.
- 4:32Und dass diese Daten für ein spezifisches Zeitfenster fehlen,
- 4:36ist natürlich extrem. Auffällig ist es aber genau hier
- 4:38muss ich jetzt mal den Advotatus Diaboli spielen.
- 4:41Die Verteidigung sagt, Dritte hätten das Auto manipuliert, um
- 4:44ihr zu schaden. Ja.
- 4:46Aus unseren Notizen wissen wir aber auch, dass exakt zeitgleich
- 4:49wirklich auf die Minute genau das persönliche Handy der
- 4:52Angeklagten ausgeschaltet war. Das ist der Knackpunkt.
- 4:55Wenn ich das analytisch betrachte, wie wahrscheinlich
- 4:57ist denn ein externer Sabotageakt am Auto, wenn die
- 5:01Person im selben Moment selbst ihr Telefon vom Netz nimmt?
- 5:05Das ist genau der Moment, in dem das Gericht Wahrscheinlichkeiten
- 5:09abwägen muss. Ein synchromer Ausfall zweier
- 5:12völlig unabhängiger technischer Systeme zur mutmaßlichen Tatzeit
- 5:17ist eine gravierende Anomalie. Weil externe Manipulationen
- 5:21erfordern ja Zugriff und technisches Know How.
- 5:23Richtig. Das Gericht wird sich fragen
- 5:25müssen, ob da nicht die einfachere Erklärung greift,
- 5:29also ein planvolles Handeln der Personen, die die Kontrolle über
- 5:32beide Geräte hatte. Lass uns von dieser
- 5:34technologischen Debatte am Richtertisch mal direkt hinaus
- 5:38in den Matsch gehen zu der physischen Realität am Fundort
- 5:42am 14. Oktober.
- 5:43Da sagt Ja der erste eintreffende Polizist Martin K.
- 5:46Aus. Genau, er trifft Gina h.
- 5:48Und eine bekannte Frau M. An diesem sehr abgelegenen
- 5:52Tümpel bei Kleinappal an. Die Aussage des ersten Beamten
- 5:56vor Ort ist für Ermittler oft Gold wert.
- 5:58Weil sie noch völlig unbeeinflusst ist.
- 6:00Ja, er sieht die Situation ungefiltert, noch bevor Anwälte
- 6:05eingeschaltet werden oder sich irgendwelche Narrative
- 6:07verfestigen. Er beobachtet das reine,
- 6:10unmittelbare Verhalten. Und da gibt es ein Detail im
- 6:13Protokoll, das wirklich sofort ins Auge springt.
- 6:16Der Polizist berichtet, dass Gina H.
- 6:18Völlig unaufgefordert zu ihm sagte, dass ihre Fußspuren dort
- 6:21unten am Wasser zu finden seien. Mit welcher Begründung?
- 6:24Sie meinte, da sie den Körper ja gerade mit ihrem Hund gefunden
- 6:27habe. Wenn du so etwas hörst, denkst
- 6:30du im ersten Moment vielleicht, OK, sie ist einfach kooperativ.
- 6:34Aber psychologisch betrachtet. Sprechen Kriminalpsychologen
- 6:36hier oft von einer sogenannten Überkompensation?
- 6:39Was genau bedeutet das in so einem Kontext?
- 6:42Menschen in Ausnahmesituationen, also besonders wenn sie
- 6:45unschuldig und geschockt sind, Antworten in der Regel nur auf
- 6:48das, was sie ganz konkret gefragt werden.
- 6:51Die sind kognitiv oft regelrecht blockiert.
- 6:53Und wenn jemand aber präventiv Erklärungen für Beweismittel
- 6:57liefert? Wie dieses Wundern sie sich
- 7:00nicht, wenn sie gleich meine Spuren finden.
- 7:02Das deutet auf einen vorausschauenden strategischen
- 7:05Gedankengang hin. Es wirkt also, als wolle man
- 7:08eine potenziell belastende Information schon im Vorfeld
- 7:11neutralisieren. Exakt, zumal der Kontext der
- 7:14Situation laut dem Beamten auch überhaupt nicht passte.
- 7:17Ja genau. Gina H.
- 7:19Erzählte ja, sie sei dort unten mit ihrer Bekannten dieser Frau
- 7:22m. Spazieren gegangen.
- 7:24Der Polizist notiert aber ganz klar, dass Frau M.
- 7:27Körperlich stark eingeschränkt ist.
- 7:29Sie nutzt wohl Krücken oder einen Rollator.
- 7:32Richtig. Und ich versuche mir das
- 7:34bildlich vorzustellen. Ein Spaziergang mit einer
- 7:37gehbehinderten Person in extrem tiefem, Unebenem Matschferner
- 7:41von jedem befestigten Weg. Das ist n klassischer situativer
- 7:45Widerspruch. Das behauptete Verhalten passt
- 7:48physisch einfach nicht zu den Rahmenbedingungen.
- 7:50Und solche Inkonsistenzen sind es dann, die Ermittler
- 7:53veranlassen, aus einem Zeugenstatus einen
- 7:56Beschuldigtenstatus zu machen. So ist es.
- 7:58Im Saal werden dann laut den Berichten 157 Fotos des Tatorts
- 8:03gezeigt. Ja, und ein Detail markiert der
- 8:06Oberstaatsanwalt da ganz explizit für den weiteren
- 8:08Prozessverlauf. Nämlich.
- 8:10Fabians Gesicht war wohl kaum von den mutmaßlichen Brandspuren
- 8:13betroffen. Zudem dokumentieren die Fotos,
- 8:16dass es keinerlei Schleifspuren oder typische Kampfspuren im
- 8:19weichen Boden gab. Diese Beobachtung aus der
- 8:21Spurensicherung ist wirklich zentral.
- 8:24Keine Schleifspuren in so tiefen Matsch bedeuten fast zwingend,
- 8:27dass der Junge selbstständig dorthin gegangen ist.
- 8:30Er wurde also nicht getragen oder gezogen.
- 8:32Nein, das wäre bei der Bodenbeschaffenheit sofort
- 8:35aufgefallen. Aber Fotos allein haben ja in so
- 8:37einem Prozess n großes Problem. Sie sind zweidimensional.
- 8:41Ja, sie verzerren Entfernungen und Tiefen oft sehr stark.
- 8:44Und wenn sich das Gericht ein Bild davon machen will, wer von
- 8:47wo was gesehen haben könnte, reichen normale Fotos einfach
- 8:50nicht. Hier wird es jetzt technologisch
- 8:53hochinteressant, Mhm laut unseren Quellen präsentiert die
- 8:56Kriminaltechnik dem Gericht nämlich einen 3 d Laserscan des
- 8:59Tatorts. Das System nennt sich Scene to
- 9:02go. Das ist ein Verfahren, das auf
- 9:04Leader Technologie basiert. Light Detection in Ranging das
- 9:09Gerät schickt Laserimpulse aus. In diesem Fall wohl 2000000
- 9:12Messpunkte pro Sekunde. Genau.
- 9:15Und es misst die Zeit, die das Licht braucht, um von einem
- 9:19Objekt zurückzuprallen. Daraus entsteht eine extrem
- 9:22dichte, präzise Punktwolke. Im Grunde baut man also einen
- 9:26millimetergenauen digitalen Zwilling des Tatorts, durch den
- 9:29man sich wie in so einem Videospiel bewegen kann.
- 9:31Exakt, der Tatort wird dadurch buchstäblich eingefroren, denn
- 9:36in der realen Welt verändert sich so n Tümpel ja ständig.
- 9:39Es regnet, Pflanzen wachsen, Spulen verwischen sich.
- 9:43Richtig. Aber im 3 D Modell bleibt genau
- 9:46der Moment des Fundes erhalten. Das Gericht kann dann auf dem
- 9:50Bildschirm exakt nachmessen. Sie haben zum Beispiel geprüft,
- 9:53dass der Strauch, hinter dem der Körper lag, exakt 90 Zentimeter
- 9:58hoch war. Und die Entfernung zu einem
- 9:59Hochsitz in der Nähe betrug präzise 26 Meter.
- 10:03Du fragst dich als Hörer jetzt vielleicht, warum das für einen
- 10:06Mordprozess wichtig ist. Ob ein Strauch nun 90 oder 95
- 10:10Zentimeter hoch ist. Weil es hier ganz konkret um die
- 10:13Überprüfung einer Schutzbehauptung geht.
- 10:16Erklär das mal kurz. Gina H.
- 10:17Hatte angegeben, sie habe vom Hauptweg aus etwas Verdächtiges
- 10:21bemerkt und sei deshalb in diese Senke hinuntergestiegen.
- 10:26Mit dem 3 D Scan kann das Gericht nun die
- 10:28Kameraperspektive genau auf den Weg setzen.
- 10:31Man simuliert also die Augenhöhe der Angeklagten.
- 10:34Ganz genau. Man kann mathematisch
- 10:36überprüfen, ob sie von diesem Punkt aus überhaupt hinter einen
- 10:4090 Zentimeter hohen Strauch blicken konnte.
- 10:42Oder ob der Körper ebenso sichtgeschützt lag, dass man ihn
- 10:45unmöglich zufällig vom Weg aussehen konnte.
- 10:48Geometrie lügt nicht. Das ist das Starke an diesen
- 10:51Scans. Wenn wir durch den Scan jetzt
- 10:53also exakt verstanden haben, wie dieser Ort räumlich.
- 10:56Beschaffen ist, müssen wir als nächstes auf den Boden schauen.
- 10:59Wer hat sich durch diesen matschigen Raum bewegt?
- 11:02Richtig, und das bringt uns zu der Aussage eines
- 11:05Sachverständigen des Landeskriminalamtes für
- 11:08Trassologie, also für Spurenkunde der Gutachter für
- 11:12Schuhspuren tritt auf. Man muss sich klarmachen, so ein
- 11:15matschiger Boden funktioniert fast wie ein Archiv.
- 11:18Wenn die Konsistenz stimmt, zeichnet er jede Bewegung extrem
- 11:21genau auf. Der Experte hat die Abdrücke
- 11:24isoliert und kam zu befunden, die von beiden Seiten im Prozess
- 11:27wirklich intensiv diskutiert werden.
- 11:30Lass uns mal mit den unstrittigen Spuren anfangen,
- 11:32OK, der Gutachter identifiziert 5 Spuren, die exakt zu blauen
- 11:37temu freizeitschuhen in Größe 38 passen.
- 11:40Das sind die Schuhe, die Fabian trug.
- 11:42Die Kriminaltechnik hat genau dieses Modell wohl extra
- 11:46nachbestellt, um die Sohle exakt abzugleichen.
- 11:48Ja, und das bestätigt dann auch die Theorie, dass er lebend
- 11:51dorthin gelaufen ist. Aber ab hier wird s dann
- 11:55kompliziert in den Akten. Richtig, der Gutachter findet
- 11:58nämlich auch Abdrücke von Freizeitschuhen der Marke Pami
- 12:01Rosa, weiß die. Die Angeklagte besitzt 3 Paar
- 12:05exakt dieser Marke. Und diese Spuren lagen laut
- 12:07Protokoll nicht auf dem Weg, sondern 16 Meter abseits mitten
- 12:11im Gestrüpp. Wobei die Staatsanwaltschaft da
- 12:14argumentiert, dass es dort gar keinen logischen Grund gibt,
- 12:17sich aufzuhalten. Da ist keine Bank, keine
- 12:19Aussicht, nichts. Und es gibt noch ein weiteres
- 12:22Detail dazu aus den Akten. Ein paar dieser paar Mischuhe,
- 12:25die man bei Gina h. Zu Hause beschlagnahmt hat, war
- 12:28wohl auffällig sauberer als die anderen.
- 12:31Mhm, OK. Außerdem existiert ein.
- 12:33Moto, das sie am Tattag an einen Bekannten aus ihrem Auto
- 12:36geschickt hat und im Fußraum schimmert.
- 12:39Exakt so ein rosa, pemmy Schuh. Das ist der klassische Aufbau
- 12:43einer Indizienkette. Aber wir müssen hier der
- 12:46Vollständigkeitshalber auch die anderen Spuren erwähnen.
- 12:49Welche gab S da noch? Es gab Spuren von Covallero
- 12:52Reitstiefeln, die Gina h. Ebenfalls besitzt.
- 12:55Die endeten aber weiter weg vom Wasser und am Randbereich fanden
- 12:59sich Abdrücke von Engelbert Strauß arbeitsschuhen.
- 13:02Die können den Zeugen Christian D.
- 13:04Und Olaf K. Zugeordnet werden.
- 13:06Richtig? Genau mit denen war sie ja in
- 13:08der Nacht vor dem offiziellen Fund bereits dort, am
- 13:11Tümpelsuchen. Jetzt muss ich das ganze aber
- 13:13mal stark kritisch hinterfragen. Wenn ich die Berichte der
- 13:16Gerichtsreporter lese, stoße ich auf ein echtes Problem für die
- 13:20Anklage. Meinst du die Bewertungsskala?
- 13:22Ja. Der LKA Gutachter bewertet alle
- 13:25diese Spuren auf einer sechsstufigen Skala und alle
- 13:28entscheidenden Abdrücke, auch die der Pami Schuhe, bekommen
- 13:31von ihm nur die Stufe 4. Lass uns kurz erklären, wie
- 13:34diese forensische Skala funktioniert.
- 13:37In der Trassologie reicht die von Stufe 1 bis 6.
- 13:41Was ist Stufe 1? Stufe 1 ist die absolute
- 13:45Individualisierung. Das bedeutet, der Schuh hat ganz
- 13:49spezifische, einzigartige Merkmale.
- 13:51Also zum Beispiel einen winzigen Schnitt durch ne Scherbe oder
- 13:55ein asymmetrisch abgelaufenes Profil.
- 13:57Exakt eine Signatur, die so nur dieser eine Schuh auf der ganzen
- 14:01Welt hat. Stufe 6 hingegen wäre der
- 14:04absolute Ausschluss, also falsches Profil, falsche Größe
- 14:08passt gar nicht. Und diese Stufe 4, die hier
- 14:10vergeben wurde? Stufe 4 bedeutet formal nicht
- 14:14individualisierbar, aber auch nicht ausschließbar.
- 14:18Es handelt sich also um dasselbe Grundmuster, dieselbe Größe,
- 14:22dieselbe Marke, aber eben ohne diese individuellen
- 14:26Beschädigungen, die den Schuh wirklich einzigartig machen.
- 14:29Ganz genau so ist. Es OK, aber wenn ich jetzt.
- 14:32Diese Pami Schuhe nehme, das ist doch eine recht günstige
- 14:35Massenware, die werden zu 10 Tausenden verkauft, wenn ein
- 14:39Gutachter da sagt, es könnte dieser Schuh sein, es könnte
- 14:43aber auch jeder andere Schuh der Größe 38 von dieser Marke sein.
- 14:47Ist das dann vor Gericht nicht im Grunde wertlos?
- 14:49Das ist natürlich exakt der Kern der Verteidigungsstrategie.
- 14:53An diesem Punkt isoliert betrachtet, ist eine Spur der
- 14:56Stufe 4 allein kein Beweis. Man könnte also niemanden nur
- 15:00wegen dieses Fußabdrucks verurteilen.
- 15:01Richtig, aber Gerichte arbeiten immer mit der Gesamtschau aller
- 15:05Indizien. Die Spur sagt uns objektiv
- 15:07jemand mit einem pami Schuhgröße 38 war 16 Meter abseits des
- 15:11Weges am Tatort. Und das Indiz wird dann dadurch
- 15:14stark, dass die Angeklagte genau diese Schuhe besitzt.
- 15:17Dass ein paar auffällig gereinigt wurde, dass sie am
- 15:20Fundort war. Und dass ihre Geschichte von
- 15:23diesem Spaziergang mit der gehbehinderten Frau logische
- 15:26Lücken hat. Die Spur ist also nur in
- 15:28einzelner Faden in einem sehr dichten Netz.
- 15:31Das führt uns zu einer Ebene, die eben nicht im Schlamm liegt,
- 15:34sondern auf Servern. Neben den physischen Spuren gibt
- 15:37es ja diese digitalen Leerräume, die sich wie ein roter Faden
- 15:40durch den Tag ziehen. Und hier kommen wir wieder auf
- 15:43diese ominösen 81 Minuten zurück.
- 15:45Genau. Am Tag des Verschwindens, dem
- 15:4710. Oktober, war das Handy der
- 15:49Angeklagten für genau 81 Minuten offline.
- 15:52Wir müssen hier technisch sehr präzise sein, oder?
- 15:55Ja, unbedingt. Aus den Netzwerkdaten lässt sich
- 15:58oft genau ablesen, ob ein Handy einfach da das Netz verliert,
- 16:01also in einem echten Funkloch ist, oder ob es aktiv abgemeldet
- 16:04wird. Ein Funkloch ist quasi ein
- 16:07Timeout. Das Netz sucht das Handy und
- 16:10bekommt einfach keine Antwort mehr.
- 16:12Korrekt. Ein manuelles Ausschalten
- 16:14hingegen sendet vorher noch einen Befehl an den Funkmast, so
- 16:18nach dem Motto Ich logge mich jetzt aus.
- 16:20Und laut den Experten vor Gericht wurde das Gerät hier
- 16:24eindeutig manuell ausgeschaltet. Zusammen mit den fehlenden
- 16:28Autodaten ergibt das dieses schwarze Loch von 81 Minuten.
- 16:32Eine Zeit, in der eine Person quasi komplett vom digitalen
- 16:36Radar verschwendet. Was dann passiert, als das Handy
- 16:38wieder aktiv ist und der nächste Tag anbricht.
- 16:41Gehört für mich zu den bedrückendsten Details in
- 16:44unseren Unterlagen. Die Google suchen.
- 16:46Ja, um 08:00 Uhr morgens gibt es da Suchanfragen auf ihrem
- 16:50Smartphone. Wir zitieren das hier wirklich
- 16:52rein sachlich, gesucht wird fressen Wildschweinemenschen und
- 16:57fressen wildschweinetote Menschen.
- 16:59Es ist analytisch sehr bedeutsam, weil es einen
- 17:03bestimmten psychologischen Status anzeigt.
- 17:06Inwiefern? Es ist keine passive
- 17:08Informationssuche. Und es liest sich viel mehr wie
- 17:11eine logistische Recherche zur Problembewältigung.
- 17:15Das deutet auf ein Handeln hin, das nicht von Panik dominiert
- 17:18ist. Sondern eher von rationaler,
- 17:20kühler Planung. Zumindest wirkt es aus Sicht der
- 17:23Ermittler stark so. Und diese Kälte zieht sich dann
- 17:26auch durch das weitere Verhalten in den Folgetagen.
- 17:29Am Abend des Tattages loggt sie sich zum Beispiel bei der
- 17:32künstlichen Intelligenz Chat GPT ein, Mhm sie lässt die KI
- 17:37zunächst ein Testament für sich selbst aufsetzen.
- 17:40Das an sich ist schon ungewöhnlich, aber dann gibt sie
- 17:42Chat GPT auch noch den Auftrag, eine Trauerrede für den
- 17:45verschwundenen Fabian zu schreiben.
- 17:47Die Nutzung eines Sprachmodells für einen derart intimen,
- 17:50emotionalen Akt, das ist schon sehr bemerkenswert.
- 17:54Es geht noch weiter. Sie nimmt diese KI generierte
- 17:56Rede und schickt sie dem trauernden Vater des Jungen.
- 18:00Der Vater bedankt sich in seinem Schmerz bei ihr für die
- 18:02einfühlsamen Worte. Und sie antwortet ihnen
- 18:05daraufhin, dass das Schreiben schon immer ihr Talent gewesen
- 18:08sei. Das ist wirklich schwer zu
- 18:10fassen. Kriminalpsychologisch betrachten
- 18:12wir hier eine massive emotionale Entkopplung.
- 18:15Das Auslagern von Trauer oder Empathie an einen Algorithmus,
- 18:19kombiniert mit der Aneignung des Lobes dafür, das zeigt ein
- 18:23Fehlen von Affektiver Empathie. Erklär den Unterschied noch mal
- 18:26kurz. Affektive Empathie ist die
- 18:28Fähigkeit, wirklich emotional mitzufühlen.
- 18:31Kognitive Empathie hingegen ist nur das Intellektuelle
- 18:34verstehen, dass man jetzt traurig wirken muss in so einer
- 18:37Situation. Die kognitive Empathie ist also
- 18:39vorhanden. Deshalb nutzt sie das Werkzeug
- 18:42Chat GPT, um diese soziale Erwartung quasi technisch.
- 18:45Zu bedienen. Ganz genau so ordnen Psychologen
- 18:48das in der Regel ein. Wir.
- 18:48Haben jetzt wirklich eine immense Dichte an Informationen
- 18:51durchdrungen in dieser Analyse von den Faserspuren über die
- 18:55Lidascans und die Stufe 4 Fußabdrücke.
- 18:58Bis hinzu den Suchanfragen. Wenn man die Positionen der
- 19:01beiden Seiten im Gerichtssaal jetzt zusammenfasst, dann stehen
- 19:04sich da 2 völlig unterschiedliche
- 19:06Interpretationen der Realität gegenüber.
- 19:08Der Oberstaatsanwalt verknüpft all diese Indizien.
- 19:11Für ihn beweisen die Laufwege abseits der Pfade, die
- 19:14gereinigten Schuhe und das strategische Verhalten am
- 19:16Fundort. Dass hier planvoll gehandelt
- 19:19wurde. Die Verteidigung hingegen, sie
- 19:21ziert jedes Indiz einzeln. Sie sagt, die Fußspuren sind
- 19:25Massenware, die Handydaten beweisen keine Anwesenheit am
- 19:28Tatort, sondern lediglich Abwesenheit im Netz.
- 19:31Für den weiteren Prozess bedeutet das jedenfalls, dass es
- 19:34juristisch hochkomplex bleibt. Laut den Protokollen hat die
- 19:37Nebenklage übrigens schon beantragt, die Öffentlichkeit
- 19:39für den nächsten Verhandlungstag komplett auszuschließen.
- 19:42Dann soll der Rechtsmediziner aussagen.
- 19:45Richtig. Ja.
- 19:47Es geht ja um den Schutz der Würde des Kindes bei der
- 19:49Präsentation der Obduktionsergebnisse.
- 19:51Das Gericht hat dem auch bereits stattgegeben, was ich absolut
- 19:54nachvollziehbar finde. Es zeigt uns auch, dass wir uns
- 19:57beim nächsten Mal von den technischen und digitalen Spuren
- 20:00wegbewegen. Dann wird es um die harten
- 20:03physischen Fakten am Körper des Opfers gehen.
- 20:06Mhm. Denn das Gericht muss am Ende
- 20:08entscheiden, ob die Summe dieser ganzen Indizien, die isoliert
- 20:11betrachtet, ja oft angreifbar sind, in ihrer Gesamtheit ein
- 20:14Bild ergeben, an dem kein vernünftiger Zweifel mehr
- 20:17besteht. Und das bringt mich zu einem
- 20:19Gedanken, der sich bei der Durchsicht all dieser Quellen
- 20:22irgendwie aufdringt wir suchen bei Ermittlungen ja immer nach
- 20:26dem ganz großen, positiven Beweis.
- 20:28Der Fingerabdruck auf der Waffe, das klare Video oder natürlich
- 20:32ein Geständnis. Genau.
- 20:34Aber in diesem Fall ist es etwas anderes.
- 20:37In der Forensik gilt oft der Grundsatz, dass das Fehlen von
- 20:41Daten erst mal nur ein technischer Fehler ist.
- 20:44Ein leerer Akku, ein defekter Sensor am Auto, so was.
- 20:47Aber wenn 2 völlig unabhängige technische Systeme, also das
- 20:52persönliche Mobiltelefon und die bordeigene Sensorik eines
- 20:55Fahrzeugs, auf die Minute genau gleichzeitig für exakt 81
- 20:59Minuten ausfallen? Und das genau in jenem
- 21:02Zeitfenster, in dem ein achtjähriges Kind verschwindet.
- 21:06Dann verändert das die Natur des Beweises fundamental.
- 21:09Absolut. Die bloße Abwesenheit von Daten
- 21:12ist dann einfach kein Zufall mehr.
- 21:14Das bewusste Löschen oder Abschalten hinterlässt eine ganz
- 21:18eigene Form von Silhouette in der Ermittlung.
- 21:20Mhm. Ein negativer Fußabdruck quasi.
- 21:23Die Frage, die du als Hörer für dich aus dieser Analyse
- 21:26mitnehmen kannst, lautet also? Ab wann wird eine Ansammlung von
- 21:31scheinbaren technischen Zufällen und fehlenden Daten zu einer
- 21:35schlichten mathematischen Unmöglichkeit?
- 21:37Und reicht diese Unmöglichkeit am Ende aus, um jemanden vor
- 21:40Gericht schuldig zu sprechen? Das werden die nächsten
- 21:43Prozesstage zeigen. Danke fürs Zuhören bei diesem
- 21:46Deep Dive und Pass auf dich auf.