Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Fall Fabian - Die Indizien bis zum 10ten Prozesstag
Transcript
- 0:00Willkommen bei Gedankengang True Crime.
- 0:02Fakten und Analysen schön, dass ihr dabei seid.
- 0:05Welche Indizien sprechen gegen Gina H?
- 0:09Ja, Hallo, auch von mir. Stellt euch vor, es ist ja ein
- 0:12ganz normaler Dienstagmorgen. Ein achtjähriger Junge verlässt
- 0:15die Wohnung. Eine Zeit, in der selbst Kinder
- 0:18eigentlich quasi mit ihren Smartphones komplett verwachsen
- 0:22sind. Genau, aber dieser Junge lässt
- 0:24sein Handy einfach auf dem Tisch liegen.
- 0:26Das Display geht aus. Und danach?
- 0:28Ja, verliert sich jede Spur von ihm.
- 0:30Das ist wirklich kein Drehbuch, das ist halt der Auftakt eines
- 0:34Falls, der weit über die Region hinaus für extreme Erschütterung
- 0:38gesorgt hat. Absolut.
- 0:40Und unsere Mission für diese heutige Analyse ist eigentlich
- 0:43klar. Wir nehmen uns diesen
- 0:44gigantischen Stapel an Quellenmaterial vor.
- 0:48Also gerichtsdokumente, kriminaltechnische Gutachten,
- 0:52diese BKA kommunikationsanalysen.
- 0:54Genau die. Und Destillieren daraus
- 0:57sozusagen die Beweisführung der Staatsanwaltschaft.
- 1:00Wir wollen verstehen, wieso ein Netz aus wirklich winzigen
- 1:04Datenpunkten am Ende zu einer Mordanklage führen konnte.
- 1:08Wobei wir da, direkt bevor wir richtig tief in diese Aktenberge
- 1:12eintauchen, etwas unmissverständlich klarstellen.
- 1:15Müssen richtig, das ist ganz wichtig.
- 1:17In diesem gesamten Verfahren gilt wirklich uneingeschränkt
- 1:20die Unschuldsvermutung. Diese Analyse hier stellt keine
- 1:24Schuld fest. Wir sind ja auch keine Richter.
- 1:26Genau. Und wir stellen auch keine
- 1:28psychologischen Diagnosen auf und betreiben absolut keine
- 1:31Spekulationen. Unser Ziel ist es heute
- 1:34ausschließlich die in den Quellen dokumentierte Sichtweise
- 1:38und eben. An die Indizienlage der
- 1:39Ermittler Schritt für Schritt aufzuarbeiten.
- 1:42Um einfach die Logik dahinter verständlich zu machen, behaltet
- 1:45das also bitte immer im Hinterkopf, wenn ihr uns zuhört.
- 1:48Ist dir dieser Fall erinnert mich immer irgendwie an so n
- 1:50pointilismusgemälde. Oh, guter Vergleich.
- 1:53Ja, oder? Wenn man da ganz nah dran steht
- 1:56und sich nur einen einzigen Farbpunkt ansieht, sagen wir mal
- 2:00einen Handyping oder eine Textfaser.
- 2:03Das bedeutet isoliert betrachtet ja eigentlich gar nichts.
- 2:06Es ist halt nur n Klecks auf der Leinwand.
- 2:08Genau. Aber wenn man dann n paar
- 2:11Schritte zurücktritt und hunderte dieser winzigen Punkte
- 2:14im Zusammenspiel betrachtet, dann ergibt sich da
- 2:16möglicherweise plötzlich ein unfassbar scharfes Bild.
- 2:20Und genau dieses Zurücktreten und betrachten des Gesamtbildes,
- 2:24das ist unsere heutige Aufgabe, weil wir haben es hier mit einer
- 2:27klassischen, extrem dichten Indizienkette zu tun.
- 2:31Erklär das vielleicht kurz für alle, die den Begriff nur so
- 2:33grob kennen. Also ihr kennt das Prinzip
- 2:35sicher, es gibt kein Tatvideo. Es gibt in diesem Fall auch kein
- 2:39Geständnis, ein Indizienprozess ist wie ein Puzzle, Mhm.
- 2:44Es geht um die Frage, ob diese ganzen Puzzleteile am Ende so
- 2:48lückenlos ineinandergreifen, dass für ein Gericht schlichtweg
- 2:52keine andere lebensnahe Erklärung mehr übrig bleibt.
- 2:55Und die zentrale Figur in diesem ganzen Geflecht ist eben Gina h.
- 2:59Sie ist 30 Jahre alt und die Exfreundin von Matthias R.
- 3:04Und Matthias R. Ist der Vater des achtjährigen
- 3:06Opfers, also von Fabian. Richtig.
- 3:10Und die Anklage gegen sie lautet auf heimtückischen Mord aus
- 3:13niedrigen Beweggründen. Wobei die Ermittler und die
- 3:16Staatsanwaltschaft da n. Sehr klares Bild von diesen, ja
- 3:20diesen niedrigen Beweggründen skizziert haben.
- 3:23Was genau sieht die Anklage da als Motiv?
- 3:27Sie gehen davon aus, dass Gina h.
- 3:29In dem kleinen Fabian ein massives, quasi unüberwindbares
- 3:34Hindernis gesehen hat. Ein Hindernis für die
- 3:36Wiederbelebung ihrer Beziehung zu seinem Vater.
- 3:39Also zu Matthias. Genau die These der Anklage
- 3:42stützt sich auf die Annahme, dass sie halt glaubte, ohne die
- 3:46Präsenz des Jungen stünde einer gemeinsamen, ungestörten Zukunft
- 3:51mit Matthias nichts mehr im Wege.
- 3:52Das ist wirklich ein furchtbarer Gedanke und das führt uns direkt
- 3:56zu der Frage. Wie die Ermittler diesen ja doch
- 3:59sehr massiven Verdacht eigentlich untermauern wollen.
- 4:02Da kommen wir direkt zu den digitalen Spuren.
- 4:04Oh ja, da habe ich mir die Dokumente zur Spurensicherung
- 4:06angesehen. Das fasziniert mich ja am
- 4:08meisten. Wir leben heute in einer Zeit,
- 4:10in der unser Smartphone quasi unser digitaler Zwilling ist,
- 4:13oder? Absolut jeder Schritt ist
- 4:15irgendwo dokumentiert. Und diese Timeline am 10.
- 4:17Oktober, also dem Tag des Verschwindens, die liest sich in
- 4:20den Akten wirklich wie ein technischer Thriller.
- 4:22Da passiert extrem viel in sehr kurzer Zeit.
- 4:25Lass uns das mal aufdröseln. Also.
- 4:27Um 11:10 Uhr loggt sich das Handy von Gina h.
- 4:31In einer Funkzelle ein und diese Funkzelle liegt auf dem
- 4:35Zufahrtsweg nach Kleinupal, Mhm und nur 9 Minuten später, um
- 4:4211:19 Uhr, macht sie exakt dort ein Foto von ihrem Hund von Leo.
- 4:47Und die Geodaten von genau diesem Foto, die sind ein ganz
- 4:50entscheidender Ankerpunkt für die Ermittler.
- 4:53Der Ort, an dem dieses Selfie mit dem Hund entstand, der liegt
- 4:56nämlich nur etwa 1,6 Kilometer Luftlinie von diesem
- 4:59unzugänglichen Tümpel entfernt, an dem später fabians Leichnam
- 5:02gefunden wurde. Wahnsinn.
- 5:04Also 1,6 Kilometer, das ist ja quasi nichts.
- 5:08Genau das platziert sie rein räumlich in unmittelbare Nähe
- 5:12des späteren Fundorts. Aber was die Auswerter vom
- 5:15Landeskriminalamt eigentlich noch viel mehr alarmiert hat,
- 5:17ist das, was unmittelbar nach diesem Foto passiert.
- 5:20Hier wird es nämlich wirklich interessant.
- 5:22Der digitale Blackout von 11:22 Uhr bis 12:42 Uhr.
- 5:29Also für eine Stunde und 20 Minuten verschwindet ihr Handy
- 5:33komplett aus dem Netz. Es ist ausgeschaltet oder im
- 5:37Flugmodus. Und was mir da in den Akten
- 5:39sofort ins Auge gesprungen ist. Die Ermittler betonen explizit,
- 5:44dass der Akku zu diesem Zeitpunkt voll geladen war.
- 5:46Da frage ich mich natürlich sofort, wie können die Techniker
- 5:49wissen, dass der Akku voll war, wenn das Gerät offline ist?
- 5:53Das ist eine wirklich faszinierende Frage der
- 5:56digitalen Forensik. Smartphones kommunizieren ja im
- 5:59Hintergrund permanent mit den Funkmasten.
- 6:02Auch wenn man nichts macht. Genau das ist der sogenannte
- 6:05Handshake. Und dabei werden eben auch
- 6:07rudimentäre Systemdaten ausgetauscht.
- 6:10Wenn jetzt ein Akku stirbt, dann registriert das Netz einen
- 6:13plötzlichen, unkontrollierten Abbruch der Verbindung ah OK,
- 6:16und das ist oft begleitet von so einem finalen Logeintrag des
- 6:20Betriebssystems über einen kritischen Akkustand.
- 6:23Wenn ein Telefon aber manuell in den Flugmodus versetzt oder
- 6:27regulär heruntergefahren wird, dann sieht dieses Datenprotokoll
- 6:30völlig anders aus. Es verabschiedet sich quasi
- 6:33ordentlich vom Netz. Richtig.
- 6:35Und die Hintergrunddaten vor dem Abbruch zeigten hier einen
- 6:38gesunden Ladezustand. Das bedeutet aus Sicht der
- 6:41Experten ganz klar, das Gerät wurde aktiv vom Netz genommen.
- 6:45Und in der Verhaltensanalyse der Beschuldigten fällt das Halt
- 6:48extrem auf. Ne.
- 6:49Massiv. Die Auswertung ihrer
- 6:51monatelangen Nutzungsgewohnheiten belegt
- 6:54nämlich, dass sie eine absolute Dauernutzerin ist.
- 6:57Ihr Gerät war vorher quasi nie aus.
- 6:59Bis zu genau diesem spezifischen Zeitfenster am Vormittag des 10.
- 7:03Oktobers ein. Ein aktiver Eingriff also, um
- 7:06unsichtbar zu werden. So interpretiert es die
- 7:08Staatsanwaltschaft ja. Und als Sie diese, sagen wir
- 7:10mal, digitale Tarnkappe dann wieder ablegt, da geht das
- 7:14Rätselraten direkt weiter. Die Browserhistorie ist ja ein
- 7:17offenes Buch, Wir reden hier über Suchanfragen, die die
- 7:19Anklage ganz klar als Täterwissen deklariert.
- 7:23Was genau hat sie da gesucht? Also am Nachmittag um 15:11 Uhr
- 7:28sucht sie über Google nach dem Begriff Polizei und um 19:22 Uhr
- 7:32Google Sie vermisste Person Güstrow.
- 7:35Und die zeitliche Einordnung von genau dieser Suchanfrage um
- 7:3819:22 Uhr, das ist der Kern dieses Indizes.
- 7:42Weil sie zu dem Zeitpunkt offiziell noch gar nichts
- 7:44wusste, oder? Richtig.
- 7:46Laut den rekonstruierten Kommunikationsprotokollen und
- 7:49auch den Zeugenaussagen wird Gina h.
- 7:52Erst um 20:17 Uhr offiziell von Fabians Vater darüber
- 7:55informiert, dass der Junge überhaupt verschwunden ist.
- 7:58Wow. Sie sucht also nach einer
- 8:01vermissten Person in Güstrow. Fast eine Stunde, bevor sie
- 8:04überhaupt wissen sollte, dass da jemand vermisst wird.
- 8:06Das ist halt ein chronologischer Widerspruch, der juristisch kaum
- 8:11aufzulösen ist. Und es gipfelt dann am nächsten
- 8:14morgen, also am 11. Oktober.
- 8:16Da tauft in ihrem Suchverlauf die Frage auf, fressen
- 8:20Wildschweine tote Menschen. Ich meine, das sucht man doch
- 8:23nicht einfach so beim Morgenkaffee.
- 8:25Definitiv nicht. Wobei die Verteidigung im
- 8:28Prozess ja versucht hat, all das mit einem Hackerangriff zu
- 8:32erklären. Och stimmt, die sagten jemand
- 8:34drittes hätte das Handy ferngesteuert.
- 8:36Genau ein Argument, das in der heutigen Zeit natürlich oft
- 8:39angeführt wird. Aber die forensischen IT
- 8:42Sachverständigen haben das Smartphone daraufhin wirklich
- 8:45bis in die tiefsten Systemebenen gespiegelt und analysiert und
- 8:50haben sie was gefunden? Nein.
- 8:52Ein Hackerangriff hinterlässt Spuren, also Schadsoftware,
- 8:56ungewöhnliche Datenströme, Zugriffe von fremden IP
- 8:59Adressen. Die Gutachter haben vor Gericht
- 9:01unmissverständlich dargelegt, dass es keinerlei, also wirklich
- 9:050 technische Anhaltspunkte für einen Fernzugriff oder einen
- 9:08Hack gab. Das heißt, diese Suchanfragen
- 9:11wurden lokal auf genau diesem Gerät von ihr eingetippt.
- 9:14So sieht es aus. Und für die Anklage dokumentiert
- 9:17speziell diese wildschweinsuche halt die akute Sorge einer
- 9:20Person, die weiß, dass da. Leichnam ungeschützt in der
- 9:23Natur liegt. Und die dann eben Angst vor
- 9:25einer vorzeitigen Entdeckung durch Wildfraß hat.
- 9:29Krass. Ja.
- 9:30Und als oft das nicht schon genug Material für die Ermittler
- 9:33wäre, taucht in den Akten dann plötzlich auch noch künstliche
- 9:35Intelligenz auf. Das.
- 9:37Chat GPT Thema genau am 9. Oktober, also exakt 24 Stunden
- 9:43vor dem Verschwinden, nutzt sie Chat GPT.
- 9:47Sie lässt sich von der KI ein Testament entwerfen und kauft
- 9:50sich später online sogar eine rechtsgültige Vorlage dafür.
- 9:54Und nach dem Tod des Jungen nutzt sie dann dieselbe KI, um
- 9:57eine Trauerrede für Fabian Schreiben zu lassen.
- 10:00Das fand ich ungläubig, als ich das gelesen habe.
- 10:03Wobei man hier juristisch sehr präzise differenzieren muss.
- 10:06Die Nutzung einer KI für ein Testament oder so eine
- 10:09Trauerrede ist an sich völlig legal.
- 10:11Das ist ja heute fast alltäglich geworden.
- 10:13Es ist per se kein Beweis für einen Mord.
- 10:16Aber die Staatsanwaltschaft sieht das anders, oder?
- 10:18Sie lesen aus diesem Prompts ein tiefgreifendes psychologisches
- 10:21Profil heraus. Die Ermittler werten das
- 10:24Testament, das ja am Tag vor der Tat erstellt wurde, als extrem
- 10:28starkes Indiz für eine Vorabplanung.
- 10:30Inwiefern? Situation vorbereitet hat eine
- 10:33Situation, in der sie möglicherweise inhaftiert wird
- 10:36oder eben Schlimmeres passiert. Und die KI Trauerrede.
- 10:39Die wird als Beleg für einen extremen emotionalen Fokus auf
- 10:43sich selbst interpretiert, also eine gewisse Distanz zum
- 10:46eigentlichen grausamen Geschehen, gepaart mit dem
- 10:49dringenden Bedürfnis, nach außen hin irgendwie die perfekte Rolle
- 10:52zu spielen. Und diese Rolle, die spiegelt
- 10:55sich ja auch direkt in der Kommunikation wieder.
- 10:58Wenn wir jetzt mal diese ganzen Metadaten der Server verlassen
- 11:02und uns ansehen, was sich die Menschen da tatsächlich
- 11:04geschrieben haben, dann wird das Bild ja noch komplexer.
- 11:07Da gab es ja diese linguistischen Gutachten.
- 11:09Genau, das Bundeskriminalamt hat ja regelrechte Gutachten der
- 11:13Chatprotokolle erstellt. Was hat das BKA da rausgefunden,
- 11:16wie hat sie sich denn im Vorfeld über Fabian geäußert?
- 11:19Also diese Textnachrichten zeichnen wirklich das Bild.
- 11:23Einer enormen Anspannung. Sie hat Fabian gegenüber Dritten
- 11:27wiederholt als Belastung für die Beziehung beschrieben, er war.
- 11:31Ja, auch kein ganz einfacher Junge laut den Akten.
- 11:34Genau, sie schrieb, er bringe Unruhe rein, aber Einsatz aus
- 11:38diesen Akten ist für die Ermittler besonders signifikant.
- 11:42Sie schrieb nämlich, sie wolle der Zitat Mittelpunkt seiner
- 11:46Erde sein. Damit meinte sie den Vater
- 11:48Matthias. Richtig.
- 11:50Und das unterstreicht für die Anklage diesen absoluten, fast
- 11:54schon exklusiven Anspruch auf die Aufmerksamkeit des Vaters.
- 11:59Ein Zustand, in dem das Kind schlichtweg als Störfaktor
- 12:02wahrgenommen wurde. Und dieser Anspruch auf die
- 12:05volle Aufmerksamkeit der Mama zeigt sich für mich besonders in
- 12:08der Verhaltensänderung am Tattag am 10.
- 12:11Oktober. Die Mittler haben da ja ne Art
- 12:13Basislinie ihres Kommunikationsverhaltens.
- 12:15Erstellt oder ganz genau. Weil, normalerweise hat sie wohl
- 12:18eher kühl, teilweise sogar empathielos reagiert, wenn
- 12:22Matthias von Sorgen oder Problemen sprach.
- 12:25Aber an diesem spezifischen Vormittag kippt das völlig.
- 12:29Ich habe gelesen, sie hat an diesem Tag siebenmal extrem
- 12:32drängend nachgefragt, was ihn bedrückt und ihm geradezu
- 12:36exzessiv ihre Hilfe angeboten. Warum dieser plötzliche Wandel?
- 12:40Diese Abweichung von der linguistischen Basislinie, wie
- 12:43du es nennst, ist in der Tat eklatent.
- 12:45Profiler des BKA achten Extrem genau auf solche plötzlichen
- 12:49Überkompensationen. Also ein zu viel an Fürsorge.
- 12:52Genau aus Sicht der Anklage war diese plötzliche, übertriebene
- 12:56Fürsorge hochgradig manipulativ. Das Ziel sei gewesen, präventiv
- 13:01die Kontrolle über Matthias zu behalten.
- 13:03Um sich quasi in der Sekunde, in der die Krise aufzieht, als
- 13:06seine unentbehrliche Stütze zu inszenieren.
- 13:08Richtig. Und gleichzeitig, um schon mal
- 13:11das spätere Narrativ aufzubauen und zu diesem Narrativ gehört
- 13:14auch ein abgehörtes Telefonat, oder das war aus der Phase, als
- 13:19sie noch auf freiem Fuß war, aber diese Gerüchteküche im Dorf
- 13:22schon massiv kochte. Ja, das ist ein sehr kontrovers
- 13:26diskutiertes Zitat. Sie sagt am Telefon
- 13:29wortwörtlich, solange niemand gefunden wird, bin ich für alle
- 13:33die Schuldige. Da habe ich wirklich lange
- 13:35drüber nachgedacht. Ist das jetzt der kalte Zynismus
- 13:39einer Täterin oder ist es schlichtweg die Realität einer
- 13:42Frau, die spürt, dass das ganze Dorf sie verdächtigt und die
- 13:46einfach völlig überfordert ist? Das.
- 13:48Ist das absolute klassische Dilemma bei der Interpretation
- 13:51von solchen Äußerungen. Die Verteidigung argumentiert
- 13:54natürlich letzteres, dieser Satz sei einfach nur der Ausdruck von
- 13:57purer Verzweiflung über eine Hexenjagd im Dorf.
- 14:01Was ja auch menschlich nachvollziehbar wäre.
- 14:03Natürlich. Die Staatsanwaltschaft hingegen
- 14:05kontextualisiert diese Aussage halt mit dem restlichen
- 14:08Verhalten in Kombination mit den Google suchen und dieser
- 14:12plötzlichen Fürsorge werten sie den Satz als kalkulierte
- 14:15Täterstrategie. Also eine Art
- 14:17Vorwärtsverteidigung. Genau, um sich selbst präventiv
- 14:21die Rolle des Opfers der Umstände zuzuweisen.
- 14:24OK, also digitale Spuren und Chatverläufer sind das eine.
- 14:28Da kann man sich ja viel über Interpretationen streiten.
- 14:31Aber die physische Welt, die lässt sich nicht so leicht
- 14:34umdeuten, ne? Nein, Fakten bleiben Fakten.
- 14:38Ein Handy kann man ausschalten, aber ein Auto kann man nicht
- 14:41einfach unsichtbar machen und da kommen wir von der digitalen
- 14:44Welt zu den Zeugenaussagen, allen voran zu den Landwirten
- 14:47auf dem Feld. Die sogenannten Steinesammler
- 14:50ja. Was genau haben die gesehen?
- 14:53Diese Landwirte arbeiteten an jenem Vormittag auf einem Feld
- 14:57in der relativen Nähe des Zufahrtswegs.
- 14:59Und sie haben gegen 12:10 Uhr ein sehr auffälliges Fahrzeug
- 15:04beobachtet, einen orangefarbenen Pickup.
- 15:08Das ist ja keine alltägliche Farbe für so n Auto.
- 15:11Überhaupt nicht. Das ist ein Fahrzeugtyp, der in
- 15:13dieser ländlichen Gegend, in dieser spezifischen Farbe extrem
- 15:17selten ist. Und es entspricht exakt dem
- 15:20Wagen von Gina h. Die Zeugen sahen, wie dieser
- 15:23Pickup von genau dem Bereich wegfuhr, in dem später der
- 15:27Fundort lag. OK, und jetzt legen wir das mal
- 15:30übereinander. 12:10 Uhr, Das ist ja exakt in der Mitte ihres
- 15:34digitalen Blackouts. Der von 11:22 Uhr bis 12:42 Uhr
- 15:38ging. Genau in dieser Phase.
- 15:40Während ihr Handy also vorgibt, sie sei quasi nicht existent,
- 15:44haben wir hier eine massive physische Sichtung ihres Wagens.
- 15:48Genau dort, wo er laut Anklage eigentlich nicht sein dürfte.
- 15:51Und es geht ja noch weiter. Stimmt, kurz nachdem das Handy
- 15:55wieder ins Netz zurückkehrt, haben wir dieses Treffen mit
- 15:58Christian D. Das ist der Mann, den die
- 16:00Ermittler intern den Tümpelzeugen nennen.
- 16:03Sie verabreden sich für 12:55 Uhr und Christian D.
- 16:07Sagt später aus, sie habe bei diesem Treffen extrem fahrig,
- 16:10gestresst und unruhig gewirkt. Wobei das Treffen an sich ja
- 16:13noch kein Indiz ist. Nein.
- 16:15Was diese Zeugenaussage aber wirklich in den Fokus der
- 16:18Ermittlungen katapultiert hat, passierte erst Tage später.
- 16:21Als die großen Suchaktionen liefen.
- 16:23Richtig, als das ganze Dorf den Jungen sucht, führt Gina h.
- 16:26Diesen Christian D. Und noch einen weiteren
- 16:28Bekannten nachts im strömenden Regen und bei absoluter
- 16:32Dunkelheit zielgerichtet an einen bestimmten Ort an den
- 16:35Tümpel genau an diesen schwer zugänglichen, dichten Tümpel.
- 16:38Den Ort, an dem die Polizei später dann auch den Leichnam
- 16:41birgt. Wobei.
- 16:42Wenn man hier, wenn wir uns die Aktenlage ansehen, fair bleiben,
- 16:45muss dieser Christian D, der hat vor Gericht alles andere als
- 16:49souverän gewirkt. Das stimmt.
- 16:51Er war ein sehr schwieriger Zeuge.
- 16:53Er hat massive Widersprüche geliefert.
- 16:56Er musste zugeben, dass er selbst nach Begriffen wie
- 16:58Leichenstarre gegoogelt hat, und er hat über die tatsächliche
- 17:03intime Art seiner Beziehung zu Gina h.
- 17:05Gelogen. Das ist doch ein Zeuge, den ein
- 17:08guter Verteidiger sofort in der Luft zerreißt, oder?
- 17:10Definitiv seine Glaubwürdigkeit als Person wurde durch diese
- 17:14ganzen Falschaussagen und das Taktieren im Zeugenstand extrem
- 17:17stark beschädigt. Gar keine Frage, aber aber für
- 17:20die Beweisführung der Staatsanwaltschaft ändert sein
- 17:22Charakter eben nichts an den unbestreitbaren Fakten dieses
- 17:25Abends. Es war ja Gina h, die die
- 17:27Initiative ergriff. Sie hat sie dorthin geführt.
- 17:30Genau hier kannte das schwer zugängliche Terrain im Dunkeln.
- 17:33Sie navigierte die Männer dorthin.
- 17:36Das exklusive Täterwissen, dass die Anklage ihr ihr unterstellt,
- 17:39also die genaue Kenntnis des Ablageortes, das wird durch die
- 17:43Lügen ihres Begleiters über deren Beziehungsstatus
- 17:45juristisch überhaupt nicht entkräftet.
- 17:47Verstehe eine völlig andere Dynamik.
- 17:50Zeigte sich ja dann bei der Aussage von Fabians eigenem
- 17:53Vater von Matthias R. Man würde ja eigentlich
- 17:56erwarten, dass er als Nebenkläger auftritt, voller
- 17:59Zorn auf die Frau, die angeklagt ist, seinen Sohn getötet zu
- 18:02haben. Das wäre die typische
- 18:03Erwartungshaltung, ja. Aber das Gerichtssaalprotokoll
- 18:06liest sich da völlig anders. Matthias R.
- 18:09Trat de facto als massiv entlastender Zeuge für die
- 18:12Angeklagte auf. Wirklich?
- 18:14Ja, er betonte vor den Richtern, dass er felsenfest an ihre
- 18:19Unschuld glaube. Er erklärte, er kenne sie gut
- 18:22genug, um kategorisch ausschließen zu können, dass sie
- 18:25zu so einer unfassbaren Gewalttat überhaupt in der Lage
- 18:28sei. Und ihr Verhalten nach dem
- 18:30Verschwinden. Selbst das hat er verteidigt.
- 18:32Er versuchte ihr teilweise sehr kühles, rationales Verhalten zu
- 18:36erklären, das sei einfach ihre Art, mit Stress umzugehen und
- 18:40nicht zwingend mordtypisch. Puh, das muss für die
- 18:42Staatsanwälte eine enorme Hürde sein.
- 18:45Der Vater des Opfers stellt sich schützend vor die
- 18:47Hauptangeklagte. Das macht es emotional sehr
- 18:50komplex. Aber die Justiz verlässt sich ja
- 18:52am Ende nicht nur auf menschliche Einschätzungen.
- 18:55Zeugen können lügen, Sie können sich irren, sie können in
- 18:58irgendwelchen emotionalen Abhängigkeiten stecken.
- 19:01Und deshalb braucht man harte Beweise.
- 19:03Genau, und da kommen wir zu den objektiven Fakten.
- 19:07Die Gerichtsmedizin irrt sich selten, wir müssen festhalten,
- 19:11die dokumentierten Fakten vom Fundort sind grausam, aber sie
- 19:15sind nun mal das Fundament dieser Anklage.
- 19:17Was sagt das rechtsmedizinische Gutachten?
- 19:19Die. Gutachten zeichnen da ein sehr
- 19:21klares, erschütterndes Bild der Gewalt.
- 19:24Der kleine Fabian starb durch 6 wuchtige Messerstiche in den
- 19:27Oberkörper, wobei 2 Stiche direkt das Herz trafen,
- 19:31schrecklich und das Brandgutachten stellt zudem
- 19:34unzweifelhaft fest, dass der Leichnam anschließend mit einem
- 19:38flüssigen Brandbeschleuniger übergossen und angezündet wurde.
- 19:41OK, dann muss ich jetzt aber kritisch einhaken.
- 19:43Gerne, wenn jemand eine Leiche mit Brandbeschleuniger
- 19:46übergießt. Und an Feuer legt.
- 19:48Dann spritzt das Zeug, doch das landet doch unweigerlich an den
- 19:51Schuhen oder an den Hosenbeinen des Täters.
- 19:53In der Regel ja. Aber die kriminaltechnische
- 19:55Untersuchung der Kleidung von Gina H.
- 19:58War in Bezug auf Brandbeschleuniger komplett
- 20:00negativ. Nix 0.
- 20:03Das ist doch ein massives Argument für die Verteidigung.
- 20:06Das wäre in der Tat ein unangreifbares Argument für die
- 20:10Verteidigung, wenn nicht ein absolut entscheidender Fehler
- 20:14bei der Spurensicherung passiert wäre.
- 20:16Oh, was ist passiert? Hier offenbart sich eine der
- 20:20bittersten Pannen dieser Ermittlungen.
- 20:22Der Asservatenbeutel, in dem die sichergestellte Kleidung von
- 20:26Gina h. Von der Polizei verpackt und
- 20:28dann gelagert wurde. Der war nicht luftdicht
- 20:31verschlossen. Bitte was?
- 20:33Wie kann denn so was passieren? Ich versuche das mal zu
- 20:36visualisieren, das ist ja, als würde man eine offene Flasche
- 20:39Parfüm in ein Zimmer stellen. Genau.
- 20:42Am nächsten Tag riecht der ganze Raum danach.
- 20:45Aber irgendwann ist die Flasche einfach leer, weil die
- 20:47flüchtigen Dämpfe verdunstet sind.
- 20:49Das ist doch genau das, was mit Brandbeschleuniger passiert,
- 20:51oder? Exakt das Brandbeschleuniger
- 20:53bestehen aus stark flüchtigen organischen Verbindungen.
- 20:57Wenn diese Beweismittel nicht hermetisch versiegelt werden,
- 21:00dann verdunsten die Rückstände komplett restlos.
- 21:03Das heißt, die Beweiskette ist da unterbrochen.
- 21:06Die Verteidigung argumentiert natürlich, es gibt keine Spuren
- 21:09auf der Kleidung, ergo war sie nicht am Feuer.
- 21:12Logisch. Und die Anklage?
- 21:14Die Sachverständigen der Anklage halten dagegen, selbst wenn sie
- 21:17von oben bis unten mit Brandbeschleuniger vollgespritzt
- 21:20gewesen wäre. Die Forensik hätte Wochen später
- 21:23in so einem offenen Beutel schlichtweg nichts mehr
- 21:25nachweisen. Können ein klassischer Fall von
- 21:28was bedeutet ein fehlender Beweis?
- 21:30Der fehlende Beweis ist in diesem Fall juristisch
- 21:34neutralisiert. Er beweist weder ihre Schuld
- 21:37noch ihre Unschuld, es ist einfach ein verlorenes
- 21:40Beweismittel. Aber es gab ja andere Spuren an
- 21:43der Kleidung, die nicht einfach so verdunsten können.
- 21:45Und hier kommen wir zu dem Moment, an dem die Indizienkette
- 21:48fast schon erdrückend wird, das Spurengutachten genau das
- 21:52Gutachten spricht von Textilfasern.
- 21:54Das ist zweifellos das schwerwiegendste forensische
- 21:57Indiz in diesem ganzen Fall. Bei der Obduktion der Leiche
- 22:00wurden tief unter dem Fingernagel des kleinen Fabian
- 22:03winzige Textilfasern gesichert. Unter dem Fingernagel ja.
- 22:08Und die Experten im Labor haben diese Fasern dann mittels
- 22:11Mikrospektrophotometrie analysiert.
- 22:14OK, das musst du erklären. Das ist ein sehr komplexes
- 22:17Verfahren. Das gleicht nicht nur einfach
- 22:19die Farbe ab, das analysiert die molekulare Polymerstruktur und
- 22:24die exakte chemische Zusammensetzung der Farbstoffe
- 22:27in der Faser. Und was war das?
- 22:29Ergebnis Das Ergebnis Diese Fasern unter dem Fingernagel des
- 22:34toten Jungen passen in ihrer komplexen Zusammensetzung exakt
- 22:38zu der Kleidung, die Gina h. Am Tag des Verschwindens
- 22:42getragen hat. Und dass sie genau dieses
- 22:44Kleidungsstück getragen hat, das Wissen die Ermittler durch das
- 22:48Selfie oder das sie um 1119 mit ihrem Hund gemacht.
- 22:51Hat ganz genau das. Schließt den Kreis.
- 22:54Das ist der Punkt, an dem ich als Beobachter wirklich
- 22:56innehalte. Fasern auf einer Jacke, die
- 22:59können ja durch ne bloße Umarmung übertragen werden.
- 23:02Richtig, das nennt sich das Lokarsche Austauschprinzip.
- 23:06Genau. Aber Fasern tief unter einem
- 23:08Fingernabel, das impliziert doch eigentlich eine mechanische
- 23:11Krafteinwirkung, einen direkten physischen Überlebenskampf.
- 23:15So sieht es die Staatsanwaltschaft.
- 23:16Das lässt. Sich doch juristisch kaum mit
- 23:18einem zufälligen Streifen im Vorbeigehen erklären.
- 23:20Absolut. Und die physischen Beweise enden
- 23:23dort am Fundort ja nicht. Die Kriminaltechniker haben am
- 23:26Rande des Fundorts, also im feuchten Boden nah des Tümpels,
- 23:30deutliche Fußspuren gesichert. Passen die auch zu ihr?
- 23:33Das Profil konnte eindeutig Arbeitsschuhen der Marke
- 23:36Engelbart Strauß zugeordnet werden und bei der
- 23:39Hausdurchsuchung stellte sich heraus, dass Gina h.
- 23:42Exakt dieses Schuhmodell in der exakt passenden Größe besitzt
- 23:45und auch regelmäßig trägt. Also wenn man als Beschuldigte
- 23:48mit dieser stetig wachsenden Wand an Indizien konfrontiert
- 23:52wird, wie reagiert man da? Die Ermittlungsprotokolle zeigen
- 23:56ja, dass ihre Aussagen vor der Inhaftierung mehr als nur Risse
- 24:00bekamen. Sie ist mehrfach ins Straucheln
- 24:02geraten, oder? Ja, die Widersprüche begannen
- 24:05eigentlich direkt bei der Überprüfung ihres Alibis.
- 24:08Was hatte sie denn anfangs behauptet?
- 24:10In den ersten Vernehmungen gab Gina H.
- 24:12An, sie sei den gesamten Tattag über in Begleitung eines
- 24:15Bekannten an einem Pferdestall gewesen.
- 24:18Und die Kriminalpolizei überprüft so was natürlich
- 24:20routinemäßig. Natürlich.
- 24:22Und es stellte sich in absoluter Rekordzeit heraus, dass dieses
- 24:26Alibi schlichtweg fingiert war. Es war im Vorfeld mit dem
- 24:29Bekannten abgesprochen, es ist sofort in sich zusammengefallen.
- 24:32Na ja, und wer ein falsches Alibi braucht, der macht sich
- 24:35natürlich sofort extrem verdächtig.
- 24:37Genau. Und als dieses Alibi platzte.
- 24:40Musste sie ihre Story korrigieren?
- 24:42Sie gab dann zu Protokoll, sie sei an diesem Vormittag
- 24:45stattdessen in Güstrau gewesen, um alltägliche Bankgeschäfte für
- 24:49ihre Großeltern zu erledigen. Was sie allerdings nicht bedacht
- 24:52hat. Das Problem an dieser zweiten
- 24:55Version ist die lückenlose Videoüberwachung im städtischen
- 24:58Raum. Güstrau hat überall Kameras, ja.
- 25:01Die Ermittler haben das Videomaterial aller Kameras in
- 25:04Güstrau für diesen Vormittag gesichert.
- 25:06Und tatsächlich. Eine Überwachungskamera filmte
- 25:10den auffälligen orangefarbenen Pickup von Gina h.
- 25:13Um 10:41 Uhr und dann erneut um 10:50 Uhr.
- 25:18Und das hochbrisante Detail dabei ist doch der genaue
- 25:20Standort des Wagens auf diesen Aufnahmen richtig.
- 25:23Exakt, der Pickup befand sich zu diesem Zeitpunkt nur rund 100
- 25:27Meter von der Wohnung entfernt, in der Fabian.
- 25:29Lebte Wahnsinn. Lass uns diese Zeitstempel kurz
- 25:32abgleichen. Die Kamera filmt ihr Auto um
- 25:3510:50 Uhr in Sichtweite von Fabians zu Hause und die
- 25:39Datenauswertung von Fabians Handy zeigt, dass das Display
- 25:43seines Telefons um exakt 10:50 Uhr das letzte Mal deaktiviert
- 25:47wird. Bevor er es dann in der Wohnung
- 25:49zurücklässt und spurlos verschwindet, ja.
- 25:51Diese zeitliche und räumliche Synchronität ist absolut
- 25:55frappierend und am Abend desselben Tages liefert sie den
- 25:58Ermittlern unbewusst gleich das nächste Argument.
- 26:01Es geht da um die Dokumentation ihres eigenen.
- 26:04Ja, das fand ich auch skurril am Abend des 10.
- 26:07Oktobers schickt sie einem Bekannten per Messenger Fotos.
- 26:10Diese Bilder zeigen sie dabei, wie sie den Fußraum Ihres Autos
- 26:13extrem gründlich reinigt, in einer späteren formellen
- 26:17Vernehmung durch die Kriminalpolizei erklärte sie auf
- 26:19Nachfrage jedoch, sie habe den Innenraum ihres Wagens schon
- 26:22seit ewigen Zeiten nicht mehr geputzt.
- 26:24Das ist ein klassischer Ermittlungsansatz.
- 26:27Wenn die Zeugenaussage und die digitale Realität so frontal
- 26:31kollidieren, wem glaubt das Gericht am Ende dem Foto?
- 26:35Offensichtlich. Wenn wir nun also unsere
- 26:37Schritte zurücktreten und das gesamte Pontilismusgemälde noch
- 26:40mal betrachten. Das große Ganze?
- 26:42Richtig. Wir haben den digitalen Blackout
- 26:45bei vollgeladenem Akku. Wir haben die exakte zeitliche
- 26:49und räumliche Nähe zur Wohnung durch die Überwachungskameras,
- 26:52das Wildschwein Täterwissen auf Google.
- 26:54Das Zielgerichtete führen der Zeugen in der Dunkelheit zum
- 26:57Tümpel. Das geplatzte erste Alibi.
- 27:00Die tiefen Fußspuren im Schlamm, die gereinigten Autoteppiche am
- 27:03Abend und natürlich die Molekular passenden Fasern unter
- 27:06den Fingernägern wie schmiedet die Staatsanwaltschaft daraus
- 27:09nun diese berühmte Kette? Die gesamte Logik der Anklage
- 27:13basiert hier auf dem Ausschlussprinzip von Zufällen.
- 27:16OK, die Staatsanwaltschaft räumt ja offen ein.
- 27:19Kein einziges dieser Puzzleteile reicht für sich isoliert
- 27:23betrachtet für eine lebenslange Haftstrafe.
- 27:26Eine Google Suche über Aasfresser ist nicht verboten.
- 27:29Dass man sein Handy für eine Stunde ausschaltet, das Macht
- 27:32einen auch nicht direkt zum Mörder.
- 27:33Genau. Und selbst textilfasern können
- 27:36ja unter extrem unglücklichen Umständen durch sogenannten
- 27:40sekundären Transfer übertragen werden.
- 27:43Aber. Aber in der Gesamtschau entsteht
- 27:45hier eine juristische Gravitation.
- 27:48Weil es einfach zu viele Zufälle auf einmal sind.
- 27:50Richtig, die zeitliche Synchronität am morgen vor der
- 27:54Wohnung, die präzise Ortung der Funkzelle exakt in dem
- 27:57Zeitfenster der Sichtung durch diese Traktorfahrer, das
- 28:00kombiniert mit diesem fast unmöglichen Vorwissen bei der
- 28:03nächtlichen Suche am Fundort. Und wie bewertet das Gericht das
- 28:05dann? Gelangt, dass die mathematische
- 28:08Wahrscheinlichkeit für exakt diese massive Häufung an
- 28:11Zufällen gleich 0 ist? Es darf also keine andere
- 28:14logische Erklärung geben. Für die Anklage gibt es
- 28:17schlichtweg keine alternative realistische Erzählung mehr, die
- 28:21all diese Faktoren schlüssig erklären könnte, außer eben der
- 28:24Täterschaft von Gina h. Das ist die sehr harte
- 28:27Argumentationslinie der Staatsanwaltschaft.
- 28:30Aber wenn wir kritisch bleiben, dann müssen wir auch anerkennen,
- 28:32es gibt Lücken in dieser Erzählung.
- 28:34Das Bild am Rand der Leinwand, das ist noch unscharf.
- 28:38Absolut. Es ist nicht alles geklärt.
- 28:40Die wohl wichtigste offene Frage.
- 28:42Wo ist die Tatwaffe? Das Messer wurde trotz
- 28:45aufwendigster Suchmaßnahmen der Polizei bis heute nie gefunden.
- 28:48Und wir haben auch keine wirkliche harte Erklärung dafür,
- 28:53wie ein achtjähriger Junge, der sein geliebtes Smartphone
- 28:57scheinbar mitten in einer Aktion liegen lässt, überhaupt dazu
- 29:01bewegt wurde, unbemerkt die Wohnung zu verlassen.
- 29:04Geschweige denn vermutlich freiwillig in ein Auto zu
- 29:06steigen. Es bleiben signifikante
- 29:09Fragezeichen. Und die Verteidigung bohrt im
- 29:11Prozess natürlich genau in diese Lücken.
- 29:14Was? Ist mit den anderen Personen.
- 29:15Auch das die juristische Rolle der Personen im Umfeld ist noch
- 29:19nicht restlos ausgeleuchtet. Welches Vorwissen hatte dieser
- 29:23Christian D. Wirklich, als er sich nachts zum
- 29:25Fundort navigieren ließ? Und da gab es doch auch noch
- 29:28diese Debatte um das Auto, oder? Richtig.
- 29:31Es gibt offene technische Debatten im Prozess, ob die
- 29:34elektronischen Fahrzeugdaten des Pickups möglicherweise im
- 29:37Nachhinein manipuliert wurden. Eine Indizienkette mag also sehr
- 29:41fest wirken. Aber sie ist im Gerichtsaal.
- 29:44Permanentem Beschuss durch die Verteidigung ausgesetzt.
- 29:47Die muss versuchen, auch nur ein einziges Glied zum Brechen zu
- 29:50bringen, um Zweifel zu sehen, es.
- 29:53Ist wirklich ein Prozess, der uns zwingt, auf jedes noch so
- 29:56kleine Detail zu achten. Danke, dass du das alles so klar
- 30:00strukturiert hast heute. Und danke euch, dass ihr uns bei
- 30:03dieser tiefgehenden Analyse begleitet habt.
- 30:05Sehr gerne. Wenn wir all diese Gerichtsakten
- 30:09und Gutachten jetzt für Moment zur Seite legen, dann bleibt da
- 30:12ein Gedanke, den ihr vielleicht heute Abend mal für euch
- 30:14mitnehmen könnt. Nämlich.
- 30:16Wie absurd gläsern wir eigentlich alle geworden sind.
- 30:19In unserem normalen Alltag machen wir uns ja keine Gedanken
- 30:22darüber, wann sich unser Handy in welchen Funkmast einloggt.
- 30:25Das passiert. Einfach im Hintergrund.
- 30:27Wir googeln nachts vielleicht die abwegigsten Dinge, oder wir
- 30:30machen schnell ein Selfie mit unserem Hund beim Spaziergang.
- 30:34Aber wie beängstigend ist letztlich die Realität, dass
- 30:37exakt diese völlig unsichtbaren digitalen Fußabdrücke, also so
- 30:42ein Hintergrundlogpfeil des Akkus oder ein Suchverlauf im
- 30:45Browser, plötzlich Jahre später vor einem Schwurgericht auf
- 30:49einer riesigen Leinwand präsentiert werden?
- 30:51Und dann das Zünglein an der Waage in einem Mordprozess sein
- 30:55können. Genau das, etwas zum Nachdenken
- 30:58passt auf euch auf. Bleibt aufmerksam und bis zum
- 31:01nächsten Mal.