Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 2: Warum ich so klug bin. 4
Transcript
- 0:00Exe, Homo, wie man wird, was man ist.
- 0:04Kapitel 2 warum ich so klug bin Abschnitt 4 in diesem Abschnitt
- 0:12befasst sich Friedrich Nietzsche zunächst mit seiner großen
- 0:15Bewunderung für den deutschen Dichter Heinrich Heine.
- 0:18Er sagt Heine, habe ihm das höchste Verständnis davon
- 0:21vermittelt, was ein Lyriker, also ein Dichter, sein sollte.
- 0:26Nietzsche sucht in der gesamten Geschichte der Menschheit
- 0:29vergeblich nach einer Dichtkunst, die so süß und
- 0:32gleichzeitig so leidenschaftlich ist wie die von Heine.
- 0:36Besonders schätzt er an Heine eine Eigenschaft, die Nietzsche
- 0:39als göttliche Bosheit bezeichnet, für Nietzsche
- 0:42bedeutet dieser Begriff, dass wahre Vollkommenheit nicht nur
- 0:45aus reinem guten oder bravsein bestehen kann, sondern immer
- 0:49auch einen schalkhaften, Frechen oder sogar rebellischen und
- 0:52bösartigen Kern haben muss. Ohne diese Bosheit ist für ihn
- 0:56keine Perfektion denkbar. Nietzsche misst den Wert von
- 1:00Menschen und ganzen Völkern daran, ob sie verstehen, dass
- 1:03man das Göttliche nicht von dem Triebhaften trennen darf, er
- 1:07verwendet hier das Bild des Gottes und des Satyrs ein Satyr
- 1:11ist ein Wesen aus der antiken griechischen Mythologie, halb
- 1:14Mensch und halb Ziegenbock, das für ungezügelte, Wilde und
- 1:17körperliche Naturtriebe steht. Ein großer Mensch muss für
- 1:21Nietzsche beide Seiten in sich vereinen.
- 1:23Den hohen reinen Geist und die wilde, natürliche Lebendigkeit.
- 1:28Nietzsche ist zudem der Ansicht, dass Heine und er selbst die
- 1:31einzigen wahren Meister der deutschen Sprache sind.
- 1:34Er behauptet, dass sie beide als Künstler der Sprache unendlich
- 1:38weit über allem stehen, was einfache Deutsche jemals mit
- 1:41dieser Sprache gemacht haben. Als nächstes spricht Nietzsche
- 1:45über seine tiefe geistige Verwandtschaft zu der Figur
- 1:48Manfred aus dem gleichnamigen Werk des englischen Dichters
- 1:51Lord Byron. Manfred ist ein düsterer,
- 1:55einsamer Held, der sich gegen alle gesellschaftlichen und
- 1:57moralischen Regeln auflehnt und an einer tiefen inneren
- 2:00Zerrissenheit leidet. Nietzsche sagt, er habe all
- 2:04diese dunklen Abgründe bereits als Kind in sich selbst gefunden
- 2:07und sei schon mit 13 Jahren innerlich reif für dieses
- 2:10schwierige Werk gewesen. Er blickt voller Verachtung auf
- 2:13Menschen, die es wagen, Byrons Manfred mit Goethes Faust auf
- 2:17eine Stufe zu stellen, da er byrons Werk für weit überlegen
- 2:20hält. Nietzsche wirft den Deutschen
- 2:22vor, dass sie völlig unfähig seien, wahre Größe zu begreifen.
- 2:26Als Beweis dafür nennt er den deutschen Komponisten Robert
- 2:30Schumann, dessen Musik ihm viel zu süßlich und weich ist.
- 2:34Aus Wut auf diesen braven Stil Schumanns komponierte Nietzsche
- 2:37sogar selbst ein musikalisches Gegenstück zu Manfred, er
- 2:40erzählt voller Stolz, dass der berühmte Musiker Hans von Bülow
- 2:44über diese Komposition sagte, er habe so etwas noch nie auf
- 2:47Notenpapier gesehen. Bülow nannte Nietzsches Stück
- 2:50eine Notzucht an der Euterpe. Euterpe ist in der antiken
- 2:55Mythologie die Schutzgöttin der Musik.
- 2:58Bülow meinte, mit diesem drastischen Vergleich, dass
- 3:00Nietzsches Musikstück so Wild und hart war, dass es die
- 3:03klassischen musikalischen Regeln förmlich vergewaltigte.
- 3:07Anschließend wendet sich Nietzsche dem englischen
- 3:09Dramatiker William Shakespeare zu, er bewundert Shakespeare vor
- 3:12allem dafür, dass er die Figur des Julius Caesar erschaffen
- 3:16hat. Cäsar steht bei Nietzsche als
- 3:19Symbol für einen unabhängigen, starken und rücksichtslosen
- 3:22Machthaber, der Jenseits von gewöhnlicher Moral handelt.
- 3:26Nietzsche ist überzeugt, ein Dichter kann so eine gewaltige
- 3:30Figur nur dann erschaffen, wenn er diese Eigenschaften selbst in
- 3:33sich trägt, ein wirklich großer Dichter schöpft nur aus seiner
- 3:37eigenen, schonungslosen Wirklichkeit.
- 3:40Das führt laut Nietzsche so weit, dass der Schöpfer sein
- 3:42eigenes Werk im Nachhinein kaum noch ertragen kann, weil es so
- 3:46viel von seiner eigenen harten Seele enthält.
- 3:49Er vergleicht dies mit sich selbst, wenn er einen Blick in
- 3:52sein eigenes Meisterwerk Also sprach Zarathustra wirft, muss
- 3:56er danach oft eine halbe Stunde im Zimmer auf und abgehen, weil
- 3:59er von unerträglichen Weinkrämpfen geschüttelt wird,
- 4:02so sehr greift ihn seine eigene tiefe Wahrheit an.
- 4:06Shakespeare ist für Nietzsche die herzzerreißendste Literatur,
- 4:09die es gibt. Er fragt sich, wie furchtbar ein
- 4:12Mensch gelitten haben muss, damit er es nötig hat, den
- 4:15Hanswurst, also den Narren und Spaßmacher, zu spielen.
- 4:19Damit meint Nietzsche, dass tiefe Denker oft Humor oder
- 4:22Albernheit als Maske benutzen, um den schrecklichen Schmerz der
- 4:25Existenz überhaupt ertragen zu können.
- 4:28Dies zeigt sich für ihn auch in Shakespeares berühmtem Stück
- 4:30Hamlet Nietzsche fragt, ob die Menschen die Figur des Hamlet
- 4:34wirklich verstehen. Es ist nämlich nicht der
- 4:37Zweifel, der Hamlet in den Wahnsinn treibt, sondern die
- 4:39absolute Gewissheit. Hamlet erkennt die grausame,
- 4:43sinnlose und abgründige Wahrheit der Welt und der Menschen
- 4:46vollkommen klar, diese gnadenlose Sicherheit über das
- 4:49Schreckliche ist es, was ihn zerstört, um das wirklich
- 4:53nachzufühlen, so Nietzsche, muss man selbst ein abgründiger
- 4:55Philosoph sein, denn die meisten Menschen haben einfach nur große
- 4:59Angst vor der echten Wahrheit. Am Ende dieses Abschnitts
- 5:02gesteht Nietzsche seine felsenfeste Überzeugung.
- 5:05Dass gar nicht William Shakespeare, sondern der
- 5:07englische Philosoph Sir Francis Bacon der wahre Autor dieser
- 5:11unheimlichen und tiefen Literatur sei.
- 5:13Er nennt Bacon einen Selbsttierquäler, was bedeutet,
- 5:17dass Bacon vollkommen schonungslos und hart gegen sich
- 5:20selbst war, um diese tiefen und schmerzhaften Erkenntnisse zu
- 5:23erlangen. Kritiker dieser Theorie tut
- 5:26Nietzsche als Schwatzhafte und flachköpfige Amerikaner ab,
- 5:29Bacon ist für ihn der erste große Realist.
- 5:32Also jemand, der die Welt völlig unverklärt und hart betrachtet,
- 5:35ohne sich in moralische Illusionen zu flüchten.
- 5:38Nietzsche glaubt, dass die innere Kraft, solch mächtige
- 5:41Literatur zu schreiben, jemanden erfordert, der auch die Kraft zu
- 5:44gewaltigen und rücksichtslosen Taten hat, ja sogar zu
- 5:48Verbrechen, denn geistige Größe und die Kraft zur realen Tat
- 5:52setzen einander voraus. Zum Schluss richtet Nietzsche
- 5:56das Wort direkt an seine Kritiker und gibt ein Beispiel
- 5:59für seine eigene erstaunliche Vielschichtigkeit.
- 6:02Er sagt, wenn er sein visionäres und poetisches Buch Zarathustra
- 6:06unter einem falschen Namen veröffentlicht hätte, zum
- 6:09Beispiel unter dem Namen des Komponisten Richard Wagner, wäre
- 6:12niemand jemals darauf gekommen, wer es wirklich geschrieben hat.
- 6:16Nicht einmal der größte Scharfsinn aus 2 Jahrtausenden
- 6:19hätte ausgereicht, um zu erraten, dass der Verfasser
- 6:21seines sehr kühlen, kritischen und analytischen Buches
- 6:25Menschliches allzu menschliches ein und dieselbe Person ist wie
- 6:29der visionäre Autor des Zarathustra.
- 6:32Damit unterstreicht Nietzsche, dass sein Geist so viele völlig
- 6:35unterschiedliche Welten und Fähigkeiten in sich vereint,
- 6:38dass er von seinen Mitmenschen unmöglich in eine einfache
- 6:40Schublade gesteckt werden kann.